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Eßstörungen der Adoleszenz

Vordiplomarbeit 2000 42 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Vorwort

2. Einleitung

3. Zusammenhang zwischen Eßstörungen und Adoleszenz

4. Definition von Bulimie
4.1 Geschichte der Bulimie
4.2 Verbreitung der Bulimie
4.3 Symptomverhalten
4.4 Folgen der Bulimie
4.5 Ursachen der Bulimie
4.5.1 Soziokulturelle Ursachen
4.5.2 Neuere soziokulturelle und gesellschaftliche Ansätze
4.5.2.1 Der feministische Ansatz
4.5.2.2 Der kulturtheoretische Ansatz
4.5.3 Die Mutter-Kind-Beziehung als Ursache
4.5.4 Familiäre Ursachen
4.5.5 Individuelle Ursachen
4.5.6 Verunsicherung der Identität - eine weitere Ursache der Bulimie
4.6 Frühe Identifikation und Prävention von Bulimie
4.7 Verschiedene Therapieansätze

5. Allgemeines zur Magersucht
5.1. Verbreitung
5.2 Entstehungsursachen
5.2.1 Persönlichkeitsentwicklung
5.2.2 Ursachen in der Phase der Pubertät / Adoleszenz
5.2.3 Ursachen in der Suche nach Identität
5.2.4 Kulturelle und zivilisatorische Ursachen
5.2.5 Biologische Entstehungsursachen
5.3 Symptomatik
5.3.1 Körperliche Veränderungen
5.3.2 Psychische Veränderungen
5.3.3 Körperschema
5.3.4 Eßverhalten
5.3.5 Gewicht
5.4 Therapie
5.4.1 Feministischer Ansatz
5.4.2 Feministische Therapie
5.5 Heilungsaussichten

6. Gegenüberstellung von Bulimie und Magersucht

7. Schlußwort

8. Literaturverzeichnis

1. Vorwort

Es gibt vielfältige Formen von Eßstörungen. Hierzu zählen das zum Übergewicht führende Vielessen, die Nahrungsverweigerung von Kleinkindern und die selten auftretende Pica, also das wiederholte Essen von als nicht eßbar geltenden Stoffen. All diesen Eßstörungen ist gemein, daß sie Ausdruck psychischer Krankheiten sind. Ihnen liegen (fast) immer seelische Nöte und Schwierigkeiten zugrunde. Sie stellen ein Mittel dar, emotionalen Anforderungen und Schwierigkeiten scheinbar aus dem Weg zu gehen. Die Nahrungsaufnahme dient nicht nur dem täglichen Überleben, sondern ersatzweise auch der Befriedigung von psychischen Bedürfnissen. So wird durch das Essen (entweder viel zuviel oder viel zuwenig) der „Hunger” nach Aufmerksamkeit, Zuwendung und Liebe gestillt.

Magersucht und Bulimie gehören auch zu den Eßstörungen, die sich dadurch hervorheben, daß sie erstmals und in einem großen Ausmaß in der Adoleszenz auftreten. Vor allem bei jungen Frauen in den westlichen Industrienationen sind diese beiden Formen von Eßstörungen in den letzten Jahrzehnten vermehrt festgestellt worden. Da überwiegend (die Angaben schwanken zwischen 90 und 95%) junge Frauen von Magersucht und Bulimie betroffen sind, werden diese Eßstörungen auch als moderne Frauenkrankheiten bezeichnet. Es kommt selten vor, daß eine Krankheit auf eine bestimmte Personengruppe beschränkt ist und sich so rapide verbreitet. Wenn man bedenkt, daß in der westlichen Welt heutzutage ein noch nie gekannter Nahrungsmittelüberfluß und eine Sicherheit der Nahrungsmittelversorgung herrscht, erscheint es paradox, daß das Essen für unzählige Frauen eine Qual ist, sie unter Druck setzt und zum Maßstab von Selbstwertgefühl geworden ist. In den westlichen Gesellschaften verfügt kaum eine Frau über ein vollkommen natürliches, selbstverständliches Verhältnis zum Essen und somit zu ihrem Körper. Unendlich viel Frauen sind durch das Idealbild der Frau, mit dem sie täglich vor allem in den Medien konfrontiert werden, verunsichert. Doch dieses Schönheitsideal ist nur auf Kosten des weiblichen Körpers zu erreichen. (vgl. Diedrichsen 1990, S. 79-81; Gerlinghoff/Backmund 1997, S. 7-8; Habermas 1998, S. 1069; Habermas 1990, S. 9; Tarr-Krüger 1989, S. 4)

2. Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Thema „Eßstörungen der Adoleszenz“. Zunächst gilt es den Zusammenhang zwischen Eßstörungen und Adoleszenz zu erörtern. Im weiteren Verlauf werden die beiden Eßstörungen Bulimie und Magersucht jeweils einzeln thematisiert.

Der Untersuchung der Bulimie geht eine allgemein anerkannte Definition des Krankheitsbildes voraus. Anschließend wird ein historischer Überblick über die Bulimie gegeben, die Verbreitung dieser Eßstörung wird thematisiert und das Symptomverhalten wird anschaulich beschrieben, bevor mögliche Folgen dieser Krankheit aufgezählt werden. Der Schwerpunkt der Untersuchung liegt in dem Aufzeigen der vielfältigen Entstehungsursachen. Schließlich geht es um Präventionsmaßnahmen und unterschiedliche Therapieansätze.

Die Untersuchung zur Magersucht gibt erst einen allgemeinen Überblick zu diesem Thema. Hierbei wird der historische Verlauf sowie eine Definition der Krankheit gegeben. Danach erfolgen Angaben über die Verbreitung und die Entstehungsursachen. Dabei werden die Persönlichkeitsentwicklung, die Pubertät/Adoleszenz, kulturellen und zivilisatorische Ursachen, die Identität und die biologische Ursachen näher betrachtet. Anschließend werden Symptomatik und Therapieansätze thematisiert. Zum Schluß wird eine Prognose über die Heilungsaussichten gegeben.

Die Hausarbeit stützt sich hauptsächlich auf die Werke von Bockemühl, Gerlinghoff, Karren, Stahr u.a. und Tarr-Krüger, aber auch das Buch von Blanck war sehr hilfreich.

3. Zusammenhang zwischen Eßstörungen und Adoleszenz

Da Eßstörungen in erster Linie bei Frauen in der Lebensphase der Adoleszenz auftreten, muß der Zusammenhang zwischen den Eßstörungen und der Adoleszenz geklärt werden.

Unterschiede im Selbstwertgefühl, der Einstellung zum eigenen Körper und im Eßverhalten zeigen, daß die Frühadoleszenz für Mädchen eine schwierigere Zeit als für Jungen darstellt. In dieser Lebensphase beginnen sich die Mädchen zu schämen, wenn sie viel essen und unternehmen die ersten Versuche, ihr Gewicht zu kontrollieren. Hierfür sind drei Entwicklungslinien von besonderer Relevanz. Das sind zum einen (a) die körperlichen Entwicklungen und zum anderen (b) die Veränderungen der sozialen Position. Möglicherweise gehört drittens auch (c) die kognitive Entwicklung hierzu.

(a) Durch den pubertären Wachstumsschub verändert sich die weibliche Körperform, der Fettanteil nimmt stark zu. Viele Mädchen reagieren darauf mit einem verschlechterten Körperselbstwertgefühl und halten sich beim Essen vermehrt zurück.
(b) Mit der Pubertät geht der Übergang von der sozialen Position des unverantwortlichen Kindes zu einem Erwachsenen einher. Die einst unverantwortlichen Kinder bilden eine erwachsene Identität aus und übernehmen die reife Geschlechterrolle. Mit der Suche nach der eigenen Identität und der Entwicklung von Autonomie sind zahlreiche Konflikte verbunden. Die jungen Erwachsenen müssen sich in diesem Lebensabschnitt die Normen aneignen, die für erwachsene Frauen gelten. „Dazu gehören normative Körperideale und Techniken der Selbstkontrolle (Diäthalten), die historisch und kulturvergleichend gesehen eine Voraussetzung für das Auftreten der beiden Eßstörungen sind” (Habermas 1998, S. 1073). Das Mädchen überwiegend eine negative Einstellung zu der Pubertät haben, läßt sich anhand der beginnenden Orientierung an den Idealen und normativen Restriktionen der Frauenrolle erklären. Mädchen dürfen nicht länger herumtoben, sondern werden aufgefordert, sich zurückzuhalten und sich schön zu machen. Die eigene Attraktivität gewinnt immer mehr an Bedeutung und dadurch hat das Körperselbstwertgefühl einen großen Einfluß auf das globale Selbstwertgefühl. Zwischen dem 12. und dem 16. Lebensjahr gibt es eine große Diskrepanz zwischen der Körperselbsteinschätzung und dem Körperideal der Mädchen, ihr Körperideal bleibt konstant dünn, während sie jedoch real schwerer werden. Dadurch verschlechtert sich ihr Körperselbstbild und ihr Diätverhalten nimmt zu.

Zwischen diesen typischen Phänomenen der Adoleszenz sowie dem normativen Diätverhalten auf der einen Seite und den Eßstörungen auf der anderen Seite liegen jedoch noch qualitative Unterschiede vor. „In der Bulimie treten weitere Praktiken hinzu, und in der Magersucht werden die normativen Techniken zu Zwecken der neurotischen Nonkonformität verzerrt” (Habermas 1998, S. 1073).

(c) Es wird angenommen, daß erst bestimmte kognitive Entwicklungsvoraussetzungen gegeben sein müssen, damit es überhaupt zu Eßstörungen kommen kann. Erst das Wissen darüber, daß sich das eigene Gewicht durch eine selektive Nahrungsaufnahme kontrollieren läßt, kann entspreche Reaktionen hervorrufen. Untersuchungen von 5 bis 11 jährigen Kindern ergaben, daß vor allem die Älteren mit den Auswirkungen der Nahrungszunahme vertraut waren. (vgl. Habermas 1998, S. 1072-1074)

4. Definition von Bulimie

Bulimie bedeutet wörtlich übersetzt soviel wie Stier- oder Ochsenhunger. In der Fremdsprache wird diese Form von Eßstörung Bulimia nervosa genannt, im Deutschen wird sie als Eß-Brech-Sucht bezeichnet. Nachdem die Bulimie zuerst im Kontext der Magersucht bemerkt und als eine ihrer Unterformen formuliert wurde, wird sie seit 1980 als eine eigene Krankheit definiert und ist als eine diagnostische Kategorie in das Diagnostic and Statistical Manual III (DSM III) aufgenommen (amerikanisches psychiatrisches Diagnosehandbuch). Die diagnostischen Kriterien der Bulimia nervosa nach dem Klassifikationsschema DSM III sind:

„A) Wiederholte Episoden, in denen große Mengen Nahrung innerhalb kurzer Zeit, gewöhnlicher Weise weniger als zwei Stunden, einverleibt werden (binge eating);

B) Zudem müssen mindestens drei der folgenden Kriterien erfüllt sein:

1. Bevorzugung hochkalorischer, leicht aufzunehmender Nahrung;
2. heimliches Essen während einer binge;
3. Beendigung solcher Eß-Episoden infolge Bauchschmerzen, Schlaf, selbst induzierten Erbrechens oder äußerer Umstände;
4. Wiederholte Versuche, durch strenge Diät, selbst induziertes Erbrechen, Verwendung von Abführmitteln oder Diuretika Gewicht zu verlieren;
5. Häufige Gewichtsschwankungen von mehr als 10 Pfund in Abhängigkeit von den wechselnden Eß- und Fastenepisoden;

C) Bewußtsein darüber, daß das Eßmuster abnormal ist, sowie Angst, das Essen nicht willentlich beenden zu können;

D) Depressive Stimmung und selbstentwertende Gedanken folgen den Eßanfällen;

E) Die bulimischen Episoden stehen nicht mit einer Anorexia nervosa oder irgend einer anderen bekannten körperlichen Krankheit in Zusammenhang.” (Tarr-Krüger 1990, S. 70)

Einige Autoren ergänzen diese DSM-III Kriterien noch, in dem sie die Gewichtsphobie, also die ständige Angst vor einer Gewichtszunahme, als typisches Krankheitssymtom nennen. Weiterhin werden zwei spezifische Untertypen von Bulimie unterschieden. Das ist zum einen die Bulimie, die mit Erbrechen oder Laxantien- bzw. Diuretikaeinnahme einhergeht. Bei dem anderen Untertyp kommt es weder zum Erbrechen noch werden pharmakologische Substanzen mißbraucht. Die Eßstörung ist hier verbunden mit Fasten, Diät oder exzessiver körperlicher Bewegung. (vgl. Diedrichsen 1990, S. 104-105; Gerlinghoff 1996, S. 25-26; Gerlinghoff/Backmund 1997, S. 18-19; Habermas 1998, S. 1070, Tarr-Krüger 1990, S. 65-66; Weiss u.a. 1989, S. 13-14)

4.1 Geschichte der Bulimie

Viele Autoren, die sich mit der Eßstörung Bulimie auseinandersetzen, sind der Auffassung, daß es sich bei der Bulimie um eine Erscheinung und ein Novum unserer Zeit handelt. Diese Auffassung ist jedoch falsch und ahistorisch. Richtig ist sicherlich, daß sich die Bulimie gerade in den vergangenen Jahrzehnten rapide verbreitet hat, doch läßt sich die Geschichte der Bulimie bis in die Antike zurückverfolgen. So geht der erste Beleg für Bulimie als eine Krankheit zurück auf Homer (um 800 v. Chr.). Er verband mit dem Begriff „Bubrostis” soviel wie „die Ochsen verzehrend” oder „schlimmen Heißhunger”. Die Geschichte von Erysichthon, der aufgrund eines Baumfrevels von Demeter mit unstillbarem Hunger bestraft wurde, gilt als medizinhistorisches Beispiel für die Bulimie. Der älteste Therapievorschlag zur Behandlung von Bulimie stammt von Hippokrates (um 460-370 v. Chr.), er schlug einige Schlücke Wein zur Stillung von Bulimie vor. Dieser Vorschlag wurde sogar bis 1920 tradiert. Um die Zeitenwende spielten die Freßgier und das Erbrechen bei den Römern eine besondere Rolle. Beides gehörte zur lustvollen Luxusvöllerei, das Erbrechen diente als Fortsetzung der Lust. Ein Vergleich der Bulimie heute mit dem willentlich herbeigeführten Erbrechen der Römer ist jedoch höchstens teilweise berechtigt. Bulimische Frauen erleben ihr Erbrechen als zwanghaft und schuldbeladen, während es bei den Römern zum lustvollen Tun beitrug.

Im deutschsprachigen Raum waren Begriffe wie Ochsenhunger, Wolfs-Hunger, Bären-Hunger und Hundshunger übliche Bezeichnungen für die Freßgier. Im 18. Jahrhundert wurde die Bulimie in verschiedene Unterformen krankhafter Eßbegierde untergliedert. Zugleich wurde sie jedoch als positiv bewertet und als Zeichen von Macht, Stärke oder Gottesgeschenk angesehen.

Das wissenschaftliche Interesse an der Bulimie vermehrt sich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts. Früher waren es meist Männer, die von der Bulimie betroffen waren, doch heute sind es fast ausschließlich Frauen. Seit Mitte der 70er Jahre und vor allem seit den 80er Jahren wird die Bulimie verstärkt von der Wissenschaft, der Forschung und den Medien thematisiert. Ein vehementer Anstieg an Literatur zum Thema Bulimie vor allem im angloamerikanischen Sprachraum ist zu verzeichnen. Während es bis 1975 ungefähr 18 Veröffentlichungen gab, erhöhte sich die Zahl bis 1980 auf 65. Bis 1987 wurden sogar 212 Veröffentlichungen gezählt. Dieser Anstieg ist darauf zurückzuführen, daß diese Eßstörung epidemische Ausmaße angenommen hat. (vgl. Tarr-Krüger 1989, S. 19-20; Tarr-Krüger 1990, S. 67-69)

4.2 Verbreitung von Bulimie

Über die Verbreitung der Bulimie liegen noch keine exakten Studien vor. Jedoch fanden alle bisher durchgeführten Untersuchungen heraus, daß eine deutliche Zunahme der Bulimie zu verzeichnen ist und daß die Bulimie heute weit häufiger auftritt als die Magersucht. (vgl. Tarr-Krüger 1990, S. 73)

Übereinstimmend wurde auch festgestellt, daß die Bulimie hauptsächlich bei Frauen auftritt (zu 95%). Nur 1% der öffentlich gewordenen Fälle sind Männer. Seit neustem ist allerdings eine Zunahme der Bulimie bei Männern zu verzeichnen, die auf die neueren gesellschaftlichen Entwicklungen wie die Individualisierungstendenzen und die Brüche in den Geschlechterrollen zurückzuführen ist. Die Verfestigung eines männlichen Körperideals führt dazu, daß auch bei Männern diese Eßstörung zunimmt. Leiden Männer an Bulimie, so liegen bei ihnen aller Wahrscheinlichkeit nach Probleme mit der Geschlechtsidentität vor. Viele von ihnen sind homosexuell oder bisexuell orientiert, und sie sind viel seltener als bulimische Frauen verheiratet (Im Durchschnitt lebt jede vierte Bulimikerinn in einer Ehe.). Sie trauen sich auch häufig nicht, sich als Mann zu dieser Eßstörung zu bekennen, weil sie als Frauenkrankheit gilt. Zudem befürchten sie, als homosexuell abgestempelt zu werden. Auch setzt die Krankheit bei den Männern später als bei den Frauen ein. Meist sind sie leicht übergewichtig und haben Alkohol- oder Drogenprobleme. (vgl. Stahr 1995, S. 48-51; Habermas 1990, S. 15)

Die Zahlen über das Ausmaß der Verbreitung schwanken sehr. So gehen Paul und Pudel (Tarr-Krüger 1990) von der Göttinger Universität davon aus, daß 1-5% der Frauen im Alter von 15 bis 35 Jahren an Bulimie erkrankt sind. Fichter (Tarr-Krüger 1990) hingegen ist der Auffassung, daß 2-4% aller 18-35 jährigen Frauen an Bulimie leiden. Stahr gibt die Zahl der Bulimieerkrankten im Alter zwischen 15 und 30 Jahren mit 3-8% der weiblichen Bevölkerung an. In Bezug auf die Kriterien des DSM III erhält man einen Anteil von 3 bis 5% bulimischer Frauen. Diese Schwankungen ergeben sich daraus, daß den verschiedenen Untersuchungen jeweils andere Definitionen der Bezeichnung „Heißhunger” zugrundeliegen. Jedoch läßt sich vermuten, daß die Bulimie weit mehr verbreitet ist, als angenommen. Das liegt daran, daß bulimisches Verhalten normalerweise nur auftritt, wenn die Betroffene allein und unbeobachtet ist und daß ihre Eß- und Brechanfälle von Schuld- und Schamgefühlen begleitet werden. (vgl. Gerlinghoff 1996 S. 25; Habermas 1990, S. 16; Tarr-Krüger 1990, S. 15; Weiss u.a. 1989, S. 15)

Das durchschnittliche Alter bei Ausbruch der Störung liegt in den meisten Untersuchungen bei 18 Jahren. Der Höhepunkt der Krankheit und gleichzeitig das Untersuchungs- bzw. Behandlungsalter wird mit 23,5 Jahren angegeben.

Die Literaturangaben bezüglich der sozialen Verbreitung der Bulimie widersprechen sich. Während bei Weiss u.a. behauptet wird, daß die durchschnittliche Bulimikerin weiß ist, aus einer Ober- oder Mittelklassenfamilie stammt, alleinstehend ist und über eine akademische Ausbildung verfügt, führt Habermas (1990) an, daß Pope, Champoux und Hudson eine höhere Prävalenz der Bulimie in den unteren Schichten herausfanden. Stahr behauptet, daß Bulimie in den verschiedenen sozialen Schichten der Bevölkerung vorkommt, aber in einem verstärkten Maße in den mittleren bis höheren sozialen Schichten auftritt. Gerlighoff/Backmund sprechen davon, daß man heute im Gegensatz zu früher Eßstörungen nicht durch sozioökonomische Verteilungsmuster belegen kann. Sie betonen aber, daß für einige Berufsgruppen wie Models, Tänzerinnen und Leistungssportlerinnen ein erhöhtes Risiko besteht, eine Eßstörung zu entwickeln. bezüglich der Erwerbstätigkeit wurde festgestellt, daß fast alle Bulimikerinnen erwerbstätig sind oder sich in einer Ausbildung befinden. (vgl. Gerlinghoff/Backmund 1997, S. 23; Habermas 1990, S. 15-16; Stahr 1995, S. 34; Tarr-Krüger 1990, S. 73; Weiss u.a. 1989, S. 15-17)

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Details

Seiten
42
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638250207
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v21385
Institution / Hochschule
Universität Lüneburg – Institut für Psychologie
Note
1
Schlagworte
Eßstörungen Adoleszenz Sicht

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