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Berliner Jugend und Gewalt am Beispiel muslimischer Migranten

Nimmt die Jugendgewalt in Deutschland zu?

Hausarbeit 2011 14 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Frieden und Konflikte, Sicherheit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Ursache: Erziehungs- und Lebenssituation

3 Anstieg der Jugendgewalt in Deutschland (?)

4 Zusammenfassung und Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Betrachtet man die derzeitige Wahrnehmung der breiten Bevölkerung und dieEindrücke vieler Menschen in der Bundesrepublik Deutschland, so lässt sichkonstatieren, dass Jugendgewalt offensichtlich ein zunehmend ernsteres undschwerwiegenderes Problem darstellt. Ob dieser Eindruck vornehmlich durch medialeAufmerksamkeit und Überdramatisierung nach dem Leitbild „only bad news is goodnews“ entsteht, oder aber, ob diese Wahrnehmung einer real wahrnehmbarenVeränderung entspricht, ist trotz umfangreicher statistischer Nachforschung strittig.Neben der Frage nach der Zunahme von Jugendgewalt und deren vermeintlicheVerrohung, wird in der öffentlichen Debatte ebenso stark diskutiert, ob insbesonderevon türkischstämmigen und arabischen Jugendliche in Deutschland ein höheresGewaltpotential ausgeht, als dies beispielsweise von deutschen Jugendlichen der Fallist. Das Aufwerfen einer solchen Frage seitens deutscher Bürger wird oftmals alsAnzeichen für Ausländerfeindlichkeit interpretiert, was wohlmöglich auf die NS-Vergangenheit und dessen „Erbschuld“ zurückzuführen ist. Dennoch weist diese Frageihre Berechtigung auf; insbesondere dann, wenn Fälle bekannt werden, in denen diversestaatliche Institutionen Angst vor arabischen Großfamilien entwickeln und ihnendeshalb keine Sanktionen für gewisse Taten erteilen, oder aber wenn Statistiken derBerliner Staatsanwaltschaft darlegen, dass ein Großteil der Berliner Intensivtätertürkischer oder arabischer Herkunft ist. Es drängt sich die Frage auf, woher dieeinseitige Belastung der größtenteils muslimischen Jugendlichen in Berlin rührt. EineAntwort lässt sich in den Lebens- und Erziehungsumständen in Abgrenzung zu anderenEthnien suchen. Es ist weiterhin von Interesse, zu überprüfen, ob die Gewaltbereitschaftder Jugendlichen in Deutschland tatsächlich gestiegen ist, oder ob dieser Eindrucklediglich medial vermittelt wird und keinerlei empirischen Nachweise vorliegen.

Diese Hausarbeit befasst sich mit der Frage danach, welche Faktoren dazu führen, dassgrößtenteils türkische und arabische Jugendliche in Berlin ein hohes Gewaltpotentialaufweisen und inwiefern die Gewaltbereitschaft der Jugendlichen in Deutschlandgenerell zugenommen hat. Zu Beginn werden die einzelnen Risikofaktoren fürgewalttätiges Verhalten am Beispiel türkisch- und arabischstämmige Jugendlicher inBerlin im Detail erläutert. Im Anschluss wird überprüft, ob das Gewaltpotential derJugendlichen in Deutschland in den letzten Jahren tendenziell angestiegen ist.

2 Ursache: Erziehungs- und Lebenssituation

Die Berliner Staatsanwaltschaft hatte im Jahr 2010 ungefähr 550 Intensivtäter für ihrEinzugsgebiet aufgelistet. Diejenigen unter den Intensivtätern, die als besonderskriminell galten und über 30 Taten angehäuft hatten, wiesen zu knapp 90 Prozent einenMigrationshintergrund auf, wovon alleine 80 Prozent türkisch- oder arabischstämmigwaren (vgl. Heisig 2010: 80). Sehr viele von ihnen leben im Berliner Stadtteil Neukölln.Im Allgemeinen gilt diejenige Person als Intensivtäter, die innerhalb eines Jahresmindestens zehn nicht unerhebliche Delikte begangen hat. Nach Ansicht der ehemaligenJugendrichterin Kirsten Heisig, die am Amtsgericht Berlin-Tiergarten über viele Jahretätig war, kann man das hohe Gewaltpotential vieler türkischer und arabischerJugendlicher in Deutschland nicht länger mit „vierzig Jahren verfehlterIntegrationspolitik“ begründen oder gar entschuldigen (ebd.: 85). Zwar wurden in den60er Jahren insbesondere in der Bildungspolitik nicht die notwendigen Vorkehrungengetroffen, um eine Integration der Migrantenkinder möglichst erfolgreich durchzuführenzu können, jedoch darf Integration nicht als einseitig bedingte Aufgabe verstandenwerden. Der Staat alleine kann die Integration erleichtern, aber nicht erzwingen. Somitliegt es vor allem an den Immigranten selbst, den Willen zu zeigen, sich mit derdeutschen Bevölkerung und deren Kultur auseinanderzusetzten beziehungsweise sich ingewissen Maßen den geltenden Normen anzupassen, um sich gesellschaftlichintegrieren zu können. Die fehlende Bereitschaft und Motivation mancher Elternspiegelt sich oftmals konsequent in der Folgegeneration wider. So kann beispielsweisedie Arbeitslosigkeit des Familienvaters und anknüpfendes Desinteresse an derArbeitssuche zum Verlust der „Identifikationsfigur des arbeitenden Vaters“ und damiteinhergehender Perspektivlosigkeit bei den Kindern führen (ebd.: 81). Eine solcheprekäre Ausgangslage in Verbindung mit diversen anderen belastenden Faktorenmündet oftmals in eine kriminelle Karriere und ist überdurchschnittlich oft beiarabischen und türkischen Familien in Berlin festzustellen. Insbesondere in segregiertenStadtteilen, wie beispielsweise Neukölln. Es ist offensichtlich, dass die Art und Weisedes Aufwachsens und die Eigenschaften, die das Elternhaus aufweisen, maßgeblich dieSozialisation eines jungen Menschen beeinflussen und prägend auf dessen Werdegangeinwirken. Doch staatliche Abhängigkeit und mangelhafte Integration alleine sind nichtalleine verantwortlich für das höhere Risiko delinquenten Verhaltens. Das hoheGewaltpotential unter vielen türkischen und arabischen Jugendlichen in Berlin wird durch eine Reihe weiterer wesentlicher Risikofaktoren bedingt. Ein besonderssignifikanter Faktor, der weitreichende Konsequenzen für das Verhalten einesJugendlichen mit sich führt, ist die Erfahrung von früher elterlicher Gewalt. DerForschungsbericht des Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen E.V. (KFN)und des Bundesministeriums des Innern, mit dem Titel „Jugendliche in Deutschland alsOpfer und Täter von Gewalt“, stellt fest, dass die Misshandlungsquote von türkischenJugendlichen durch ihre Eltern in etwa 3,4-mal höher liegt, wie die der Deutschen (vgl.Baier et al. 2009: 54). So sind Schläge der Eltern gegenüber den Kindern undJugendlichen in türkischen Familien wesentlich öfter ein legitimiertesErziehungsinstrument, als dies in deutschstämmigen Familien der Fall ist. Ein großerUnterschied lässt sich diesbezüglich in der Differenz zwischen Jungen und Mädchenfeststellen. Nach statistischen Angaben werden Jungen ca. 1,3-mal häufigermisshandelt, als dies bei Mädchen der Fall ist. Auch Kinder und Jugendliche mitarabischem Migrationshintergrund weisen eine auffällig hohe Misshandlungsquote imVergleich zu deutschen Jugendlichen oder beispielsweise Jugendlichen mitsüdamerikanischem oder west-/nordeuropäischem Migrationshintergrund auf. Zudemsteigt die Gefahr elterlicher Misshandlung ausgesetzt zu sein mit der Abhängigkeit vonsozialstaatlichen Transferleistungen (vgl. ebd.: 55). Dieses Risiko wiederum steht inengem Zusammenhang mit dem Faktor Bildung, da davon auszugehen ist, dass einhöherer Bildungsabschluss die Chancen auf einen Arbeitsplatz begünstigt. Ein niedrigerBildungsabschluss der Eltern resultiert daher wahrscheinlicher in Arbeitslosigkeit undin ein größeres Potential an elterliche Gewalt, als dies bei einem höherenBildungsabschluss der Fall ist. Dieser Zusammenhang kann einerseits über dieFrustration und Perspektivlosigkeit arbeitsloser Eltern erklärt werden, andererseits istdavon auszugehen, dass höhere Bildung wahrscheinlicher die Kenntnis über dienegativen pädagogischen Effekte von körperlicher Gewalt gegen die eigenen Kinderenthält. Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass elterliche Gewalt gegen die eigenenKinder und deren Entwicklung negativ beeinflusst. So seien vor allem dasEmpathievermögen und die Fähigkeit Konflikte gewaltfrei zu lösen bei misshandeltenKindern und Jugendlichen meist geringfügig ausgebildet (vgl. ebd.: 51, 80). Dies liegtvor allem daran, dass die Eltern als Rollenmodell fungieren und ihre Kinder sichentsprechende Verhaltensstrategien abschauen und sich dieser annehmen. Da dieBetroffenheit von elterlicher Gewalt bei türkisch- und arabischstämmigen Jugendlichenvergleichsweise hoch ist, lässt sich hierin ein Zusammenhang mit der potentiell hohen

Gewaltbereitschaft vieler Jugendlicher dieser Ethnien herstellen. Wie bereits erwähnt,korreliert das Bildungsniveau von Kindern und Jugendlichen stark mit der Bereitschaftzu gewalttätigem Verhalten. So lässt sich statistisch nachweisen, dass insbesondereHauptschüler und -schülerinnen im Vergleich zu Gymnasialschülern und -schülerinnenwesentlich höhere Gewalttäterraten verzeichnen. Folglich bringen es türkische undarabische junge Männer - die überdurchschnittlich oft zu den Hauptschulbesucherngehören - auf eine relativ hohe Anzahl an Gewaltdelikten verglichen mit anderenEthnien in Deutschland. Kinder und Jugendliche mit asiatischem Migrationshintergrundsind demgegenüber vergleichsweise oft auf dem Gymnasium angesiedelt, da Bildung indiesen Familien oft ein größerer Wert beigemessen wird. Türkisch- undarabischstämmig Jugendliche verbuchen insbesondere bei den schwerenKörperverletzungen neben der Gruppe der albanischen Jugendlichen die meistenDelikte. Ladendiebstähle hingegen werden nur eher selten begangen. Hieraus lässt sichschließen, dass es bei den begangenen Delikten türkischer oder arabischer Kinderbeziehungsweise Jugendlicher oftmals hauptsächlich „um die Demonstration vonDurchsetzungsstärke“ geht, anstatt beispielsweise um den Diebstahl einer Ware zweckseigener Bereicherung (ebd.: 70). Diese Behauptungstaten resultieren offensichtlich ausden familiär vermittelten Männlichkeitsnormen und dem Erhalt der Ehre um jedenPreis. Heisig sieht jedoch auch eine Ursache in der starken Verwöhnung derJugendlichen durch die Mütter und das fehlen von Grenzen in deren Erziehung (vgl.Heisig 2010: 72). Vermutlich ist jedoch nicht das Fehlen von Grenzen maßgeblichverantwortlich für die Ausprägung dieses Verhaltens, sondern vielmehr die Erziehungnach anderen Normen und Regeln, die mit dem modernen abendländischen Weltbildkollidieren. So setzen manche türkisch- und arabischstämmige Jugendliche oftmals ihreRegeln und Normen durch, ohne „deutsche“ Werte zu berücksichtigen. Dies sei lautHeisig insbesondere während der Schulzeit auffällig, da Lehrerinnen und Schülerinnenaufgrund ihres Geschlechts oftmals von türkischen und arabischen Schülern missachtet,gedemütigt oder sogar geschlagen werden (vgl. ebd.: 79). Bezüglich Schulabsentismusoffenbart der Forschungsbericht der KFN, dass neben Jugendlichen nord-amerikanischer, jugoslawischer und russischer Herkunft, vor allem Jugendlichetürkischer und arabischer Herkunft den Unterricht schwänzen (vgl. Baier et al. 2009:77).

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Details

Seiten
14
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656420392
ISBN (Buch)
9783656420811
Dateigröße
592 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v213796
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Politikwissenschaften
Note
8
Schlagworte
berliner jugend gewalt beispiel migranten nimmt jugendgewalt deutschland

Autor

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Titel: Berliner Jugend und Gewalt am Beispiel muslimischer Migranten