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Der "Zigeunerforscher" Dr. Dr. Robert Ritter

Reflexion einer Karriere im Nationalsozialismus

Seminararbeit 2013 21 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Über Robert Ritter
1.1 Kindheit und Jugend
1.2 Schulzeit, Abitur und wissenschaftliche Ziele
1.3 Studium und „erste Schritte“ als Arzt

2. Ritters Zeit in Tübingen

3. „Ein Menschenschlag“ – Die Habilitationsschrift von 1937

4. Ritters Jahre in Berlin während des Nationalsozialismus

5. Robert Ritter nach dem zweiten Weltkrieg – Verzweifelte Bemühungen um eine neue Karriere

6. Resümee

7. Bibliographie
7.1 Quellen
7.2 Literatur
7.3 Beiträge aus Sammelbänden

Einleitung

„Da weitgehende Evakuierungsmaßnahmen geplant sind, ergab sich implicite die Aufgabe, diejenigen rassenbiologischen Untersuchungen, die zur Lösung anthropologischer und rassenbiologischer, ethnologischer und bastardbiologischer Fragen in Angriff genommen worden waren, mit erhöhtem Einsatz soweit wie nur irgend möglich vorwärts zu treiben, da die jetzt noch zur Verfügung stehenden Personen in Kürze der wissenschaftlichen Untersuchung entzogen sein werden.“[1]

Als „Zigeuner“ bezeichnete Menschen sahen sich während des deutschen Faschismus einer großen Anzahl von Verfolgern gegenüber. Sie alle setzen sich die rassenhygienische Realisierung der Volksgemeinschaft zum Ziel.[2] Einer dieser „Verfolger“ war Dr. Dr. Robert Ritter. Sein Name hat einen hohen geschichtlichen Bekanntheitsgrad, fiel doch sein folgenschwerer Wirkungszeitraum in die Jahre des Nationalsozialismus. Ritter war der wohl einflussreichste „Zigeunerforscher“ der NS-Zeit.

Hier setzt das Thema der vorliegenden Ausarbeitung an. Wer genau war eigentlich Robert Ritter, wie war sein Lebensweg und wie genau verlief seine akademische Karriere? Wie geriet Robert Ritter in die rassenpolitische Machtzentrale in Berlin? Eben diesen Fragen soll hier nachgegangen werden, das Ziel der Arbeit ist es Ritters Karriere im Nationalsozialismus näher zu untersuchen.

Die Arbeit ist in fünf Themenbausteine unterteilt. Der erste Themenkomplex befasst sich mit Ritters Jugend, seiner schulischen Laufbahn bis zum Abitur, seinem Studium und seinen ersten Erfahrungen als Arzt. Im zweiten Themenbaustein werden seine Arztjahre in Tübingen in der Zeit von 1932 bis 1936 dargelegt, um anschließend auf seine Habilitationsarbeit „Ein Menschenschlag“ einzugehen. Der vierte Themenkomplex bezieht sich auf Ritters Jahre in Berlin während des Nationalsozialismus von 1936 bis 1944, und als abschließender Punkt werden Ritters Versuche einer Nachkriegskarriere erläutert, um schließlich ein Fazit ziehen zu können.

Die Quellenlage ist etwas schwierig. Sicherlich gibt es genügend Literatur zum Nationalsozialismus, aber es sind kaum autobiographische Dokumente Ritters erhalten.

Der Forschungsstand zu dieser Materie ist vielfältiger, und auf der Suche nach Antworten werden u.a. Tobias Schmidt-Degenhard, Michael Zimmermann sowie Joachim S. Hohmann helfen.

1. Über Robert Ritter

Robert Ritter erblickte am 14. Mai 1901 als erstes Kind von Max und Martha Ritter, geborener Gütschow, in Aachen das Licht der Welt. 1951 verstarb er mit nur 50 Jahren in der psychiatrischen Kurklinik Hohemark im Taunus.[3]

Ab 1936/37 wirkte er beim Reichsgesundheitsamt in Berlin in der Rassenhygienischen Forschungsstelle, welche später sehr eng mit dem Reichssicherheitshauptamt zusammenarbeitete.[4] Robert Ritter und seine Mitarbeiter erstellten mit Hilfe ausführlicher Stammbaumtafeln etwa 24.000 „Rassegutachten“ von Sinti und Roma, und schufen damit eine belangvolle Voraussetzung für den Völkermord.[5]

Im Folgenden sollen nun zuerst Ritters Jugendjahre bis zu seinen ersten Erfahrungen als Arzt skizziert werden, um zu analysieren, welche Lebensideale und beruflichen Ziele Robert Ritter ursprünglich verfolgte.

1.1 Kindheit und Jugend

Robert Ritter war Sohn eines Marineoffiziers, er wuchs in Berlin in einem streng konservativen Elternhaus auf.[6] „Im Elternhaus herrschte ein kaisertreuer, deutsch-nationaler und bürgerlicher Geist, auf die Kapitänleutnantswürde des Vaters legte Ritter in seinen autobiographischen Entwürfen bis 1945 ausdrücklichen Wert.“[7] Der berufliche Werdegang seines Vaters war aller Voraussicht nach der Grund für die häufigen Umzüge in Ritters Jugend.[8]

Tobias Schmidt-Degenhard gibt an, dass wir uns Ritters Vater als einen „klar und unbestechlich denkenden Kopf mit technischen und sprachlichen Talenten“ vorstellen können, der gewiss „sein eigener Herr“ war.[9] In einem späteren Brief Ritters an seine Kinder ist allerdings eine Randnotiz ersichtlich, aus der sich Folgendes verstehen lässt: „Die väterliche Härte und Grundsätzlichkeit musste einen Jungen, der von mütterlicher Seite eine besondere seelische Ansprechbarkeit sowie Anlage zu starken Gemütsbewegungen ererbt hatte, aufs stärkste beeindrucken.“[10]

Das Elternhaus Ritters befand sich ab Anfang 1910 in Berlin-Nikolassee, und in seiner philosophischen Dissertation von 1928 gab Robert Ritter als nichtmilitärische schulische Ausbildungsstätten das Gymnasium in Berlin-Zehlendorf, das Katharinäum zu Lübeck und das Realgymnasium zu Nowawes an. Seine zwei jüngeren Schwestern Ruth ( geboren am 08.03.1903 ) und Marion ( geboren am 30.09.1905 ) erwähnte er in seinen autobiographischen Selbstzeugnissen mit keinem Ton.[11]

1.2 Schulzeit, Abitur und wissenschaftliche Ziele

Einen Teil seiner schulischen Ausbildung absolvierte Robert Ritter in den Jahren 1916 – 1918/19 in der Hauptkadettenanstalt zu Berlin-Lichterfelde. Laut Schmidt-Degenhard war dies „eine wichtige Erziehungsstätte und eine bedeutende Sozialisationsinstanz in Ritters jungen Lebensjahren“.[12]

In dieser Anstalt des preußischen Kadettenkorps wurden etwa eintausend Kadetten in den Fächern Latein, Deutsch, Englisch, Französisch, Mathematik, Geschichte und Geographie unterrichtet, das Nachmittagsprogramm bestand aus Sport und militärischen Übungen. Ausgebildet wurden die Kadetten von Offizieren und militärischen Erziehern, aber auch zivile Professoren und Lehrer sowie Ärzte und Geistliche waren an der Anstalt tätig. Die Kadetten selbst stammten vorwiegend aus Adels-und Offi-

zierskreisen, sie sollten später hohe Beamtenstellen in Staat und Militär besetzen. Am Ende der Ausbildung war das Abitur zwar möglich, doch da der Großteil der Militärlaufbahnen es nicht vorschrieb, wurde es meistens nicht absolviert.[13]

Auch Ritter hatte das Abitur nicht abgelegt als er 1919 die Kadettenanstalt verließ. Im Frühjahr des Jahres meldete er sich als Freiwilliger zum Freikorps in Schlesien, dem „Grenzschutz Ost“.[14] „In einem 1943/44 verfassten Lebenslauf gibt Ritter an, er sei zirka 18 Monate lang durch seinen Dienst in nationalen Jugendbünden und „durch praktische Arbeit sowie sozial-fürsorgerische Tätigkeit im rheinisch-besetzen Gebiet“ in Anspruch genommen worden, so dass er erst im August 1921 die Reifeprüfung ablegte.“[15]

Tatsächlich kam Ritter im Frühjahr 1920 dem Wunsch seiner Mutter und Großmutter nach, und er begann eine Lehre bei der Deutschen Bank in Koblenz. Doch laut seiner autobiographischen Lebenserinnerungen hatte ihn während dieser Zeit in Koblenz der „christliche Hilfsbund“ – ein karitativer Bund eines katholischen Geistlichen – in seinen Bann gezogen, und diesem widmete er angeblich seinen ganzen Eifer, was zur Folge hatte dass die Bank ihm kündigte. Dies nahm Ritter nun zum Anlass, um sich wieder um einen wissenschaftlichen Weg zu bemühen, und im Sommer 1921 legte er am Realgymnasium zu Betzdorf-Kirchen sein Abitur ab.[16]

Doch welche wissenschaftlichen und beruflichen Ziele hatte Robert Ritter zu diesem Zeitpunkt konkret vor Augen?

Um dieser Frage nachzugehen, betrachten wir nun die vorliegende Forschungsarbeit „Vermessen und Vernichten. Der NS-„Zigeunerforscher“ Robert Ritter von Tobias Schmidt-Degenhard, denn wie bereits in der Einleitung erwähnt ist die Quellenlage sehr schwierig, da kaum autobiographische Dokumente Ritters erhalten sind. Bei dem Versuch „Ritters akademische Vita“ zu verfolgen, bezieht sich Schmidt-Degenhard hier auf „Ritters ausführlichen Lebenslauf aus der Zeit der beruflichen

Neuorientierung der Nachkriegszeit […] den er im November 1945 in Mariaberg im Kreis Reutlingen verfasst hatte […].“[17]

In diesem Lebenslauf gibt Ritter die leidenschaftliche Begeisterung für „soziale und vaterländische Ziele der deutschen Jugendbewegung“ als Antrieb für seine berufliche Orientierung an.[18] Bezugnehmend auf den „christlichen Hilfebund“ schreibt Schmidt-Degenhard dazu: „Interessant scheint mir allerdings der in der retrospektiven Darstellung in den Mittelpunkt gerückte genuin karitative Impetus, den Ritter geltend macht als ein primum movens, der sich rückblickend auch am Engagement für einen „von einem Geistlichen geleiteten christlichen Hilfsbund“ 1919 ablesen lassen soll.“[19] Desweiteren gibt Schmidt-Degenhard zu verstehen, dass „der hier zugrunde gelegte Nachkriegslebenslauf als die Geschichte eines hoch begabten jungen Mannes konzipiert ist, der seine Talente möglichst effektiv in den Dienst der gesellschaftlichen Allgemeinheit zu stellen wünscht und sich dabei in Suchbewegungen auf verschiedenen gesellschaftlichen Wirkebenen versucht habe“.[20]

So beschrieb Robert Ritter seine anfänglichen Berufsvorstellungen als einen ausgedehnten Bereich zwischen Jugendarzt und Heilpädagoge. Der Berufswunsch eines „schlichten Sozialfürsorgers“ verblasste schnell, und über sein Studium der Psychologie und Sozialwissenschaften schrieb er, es hätte „nicht an das herangereicht, was mir zu leisten notwendig schien“.[21]

Als ausgewählte Zielgruppe bzw. Studienobjekt gab Ritter der Jugend den Vorzug, und er konnte sich vorstellen deren „Anwalt, […] Arzt, Seelsorger und Lehrer“ zu sein.[22]

1.3 Studium und „erste Schritte“ als Arzt

Dank der Studentenakte Ritters an der Heidelberger Medizinischen Fakultät kann man seine akademischen Stationen als Student lückenlos nachvollziehen. Robert Ritter unternahm Exkursionen in die Psychologie, Philosophie sowie in die Soziologie und die Pädagogik – von Anfang an mit einem Interessenschwerpunkt auf dem Gebiet der Erbbiologie.

Im Sommersemester 1921 wurde Ritter an der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn immatrikuliert, und dies war der Anfang seiner studentischen Reise. Im Wintersemester 1921/1922 besuchte Ritter eine Veranstaltung des Psychiaters Ernst Kretschmer an der Tübinger Universität, und anschließend ging er nach Marburg, wo er seine medizinischen Studien vorantrieb.

[...]


[1] Robert Ritter in einem Schreiben an Sergius Breuer vom 20.01.1940, in:

Rose, Romani: „Den Rauch hatten wir täglich vor Augen“. Der nationalsozialistische Völkermord an

den Sinti und Roma. Heidelberg 1999. Seite 62.

[2] Vgl.: Schmidt, Erich: Die Entdeckung der weißen Zigeuner. In: Zigeuner. Geschichte und Struktur

einer rassistischen Konstruktion. Hrsg. Wulf D. Hund. Duisburg 1996. S. 130.

[3] Vgl.: Schmidt-Degenhard, Tobias: Vermessen und Vernichten. Der NS-„Zigeunerforscher“ Robert

Ritter. Stuttgart 2012. S. 1.

[4] Vgl.: Behringer, Josef: Flucht. Internierung. Deportation. Vernichtung. Seeheim 2005. S. 246.

[5] Vgl.: Rose, Romani: „Den Rauch hatten wir täglich vor Augen“. S. 51.

[6] Vgl.: Zimmermann, Michael: Mit Weigerung würde also nichts erreicht. In: Karriere im National-

sozialismus. Funktionseliten zwischen Mitwirkung und Distanz. Hrsg. Gerhard Hirschfeld u.a.

Frankfurt am Main 2004. S. 291.

[7] Schmidt-Degenhard, Tobias: Vermessen und Vernichten. S. 22.

[8] Vgl.: Ebenda.

[9] Vgl.: Schmidt-Degenhardt, Tobias: Vermessen und Vernichten. S. 22.

[10] Vgl.: Ebenda. S. 24.

Anmerkung: Das Zitat ist einem 160-seitigen Brief Robert Ritters vom April 1945 an seine Kinder

entnommen. Dieser Brief ist dem Autor von einer Tochter Ritters zur wissenschaftlichen Ver-

wendung zur Verfügung gestellt worden. ( Vgl. Schmidt-Degenhard, Tobias: Vermessen und

Vernichten. S. 1. )

[11] Vgl.: Schmidt-Degenhard, Tobias: Vermessen und Vernichten. S. 24.

[12] Schmidt-Degenhard, Tobias: Vermessen und Vernichten. S. 25.

[13] Vgl.: Schmidt-Degenhard: Vermessen und Vernichten. S. 25.

[14] Ebenda. S. 29.

[15] Hohmann, Joachim S.: Robert Ritter und die Erben der Kriminalbiologie. Frankfurt am Main 1991.

S. 133.

[16] Vgl.: Schmidt-Degenhard, Tobias: Vermessen und Vernichten. S. 29 – 30.

[17] Vgl.: Schmidt-Degenhard, Tobias: Vermessen und Vernichten. S. 31.

[18] Ebenda.

[19] Schmidt-Degenhard, Tobias: Vermessen und Vernichten. S. 31.

[20] Vgl.: Schmidt-Degenhard, Tobias: Vermessen und Vernichten. S. 31.

[21] Vgl.: Schmidt-Degenhard, Tobias: Vermessen und Vernichten. S. 32.

[22] Ebenda.

Details

Seiten
21
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656422976
ISBN (Buch)
9783656424239
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v213754
Institution / Hochschule
Universität Kassel – Geisteswissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
zigeunerforscher robert ritter reflexion karriere nationalsozialismus

Autor

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