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Mobbing 2.0. Cyberbullying

Wie gehen Betreiber und Nutzer der Internet Community schülerVZ mit Cyberbullying um?

Hausarbeit 2009 41 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Was ist Cyberbullying?
2.1 Definition
2.2 Formen von Cyberbullying
2.3 Besonderheiten von Cyberbullying
2.4 Prävalenz
2.5 Folgen
2.6 Rechtslage

3. Cyberbullying im schülerVZ
3.1 Die Internet Community schülerVZ
3.2 Welche Formen von Cyberbullying werden berichtet?

4. Das Internetverhalten Jugendlicher
4.1 Der Umgang mit Medien
4.2 Der Umgang mit Daten bei schülerVZ

5. Der Umgang mit Cyberbullying
5.1 Thematisierung durch schülerVZ
5.2 Thematisierung durch die Nutzer

6. Prävention und Intervention
6.1 Maßnahmen durch die Schule
6.2 Maßnahmen durch die Eltern
6.3 Handlungsmöglichkeiten der Jugendlichen
6.4. Maßnahmen durch schülerVZ
6.5. Maßnahmen der Nutzer von schülerVZ

7. Fazit

8. Literatur

1. Einleitung

Die neuen Medien, wie das Internet, spielen eine immer größere Rolle im Alltag der Jugendlichen. Für die so genannte e-Generation ist es mittlerweile selbstverständlich, diese zur Kommunikation miteinander zu benutzen. Besonders beliebt unter den Jugendlichen sind dabei Internet-Communities. Doch mit diesen neuen Medien gehen auch neue Gefahren einher. Geschah Mobbing früher noch hauptsächlich auf dem Schulhof, so ist es mittlerweile auch in diese neuen Kommunikationsmittel eingedrungen. Dieses Phänomen, andere mithilfe der neuen Technologien zu attackieren, wird als Cyberbullying oder Cybermobbing bezeichnet. Ist es in Deutschland noch vergleichsweise wenig bekannt, erregt Cyberbullying in anderen Ländern wesentlich mehr Aufmerksamkeit, etwa durch tragische Selbstmordfälle als Folgen solcher Angriffe. Cybermobbing birgt ernsthafte Gefahren, weshalb es wichtig ist, sich mit dem Thema eingehend auseinanderzusetzen und die Jugendlichen in den Internet Communities vor den Bullys, wie die Täter genannt werden, zu schützen.

Gegenstand dieser Arbeit soll es daher sein, die beliebteste Internet Community der deutschen Jugendlichen, schülerVZ, hinsichtlich des Phänomens Cyberbullying zu untersuchen. Dabei gilt es die Fragen zu klären, in welcher Form Cyberbullying auftritt und wie die Betreiber und die Nutzer damit umgehen.

Um dies zu beantworten soll zunächst ein Überblick in dieses relativ neue Themengebiet gegeben werden, um anschließend zu untersuchen, welche Formen von Cyberbullying im schülerVZ auftreten, wie die Jugendlichen sich online verhalten und solche Gefahren einschränken oder begünstigen und wie die Betreiber sowie Nutzer von schülerVZ mit diesem Thema umgehen. Abschließend sollen Präventions- und Interventionsmöglichkeiten aufgezeigt werden und näher betrachtet werden, welche Maßnahmen die Betreiber der Website zum Schutz der Jugendlichen anbieten und wie diese von den Jugendlichen genutzt werden.

2. Was ist Cyberbullying?

In diesem Kapitel wird ein Überblick über das Phänomen Cyberbullying gegeben. Hierfür werden der Begriff definiert, einzelne Formen von Cyberbullying erläutert und Besonderheiten des Phänomens aufgezeigt. Außerdem werden die Auftretenshäufigkeit, die Folgen von Cybermobbing und die Rechtslage zu diesem Thema betrachtet. Dies sollen die Grundlagen sein, um daran angelehnt zu analysieren, wie sich Cyberbullying im schülerVz äußert und vor allem wie damit umgegangen wird.

2.1 Definition

Für das zu erläuternde Phänomen finden sich verschiedene Bezeichnungen. So ist neben Cyberbullying häufig auch die Rede von Cybermobbing, electronic bullying, cyber harassment, text bullying, mobile bullying, digital bullying, internet bullying oder online social cruelty (Patchin & Hinduja 2008, S.4).

Für eine Definition von Cyberbullying soll aufgrund seiner Nähe zum traditionellen Bullying, im Allgemeinen eher als Mobbing bezeichnet, zunächst dieses genauer betrachtet werden. Erste systematische Untersuchungen zum Mobbing führte 1993 Olweus durch, der formulierte: „A student is being bullied […] when he or she is exposed repeatedly and over time, to negative actions on the part of one or more student.” (nach Riebel 2008, S.4). Neben diesem über längere Zeit wiederholtem Auftreten, wird ein Verhalten nur als Bullying bewertet, wenn es darauf abzielt, das Opfer psychisch oder physisch zu verletzten und zwischen Täter und Opfer ein Kräfteungleichgewicht herrscht (vgl. ebd., S.4).

Da Bullying und Cyberbullying aufgrund der vielen Überschneidungen nicht voneinander getrennt zu betrachten sind, lässt sich angelehnt an die Defintition von Bullying eine Definition für Cyberbullying ableiten: „Cyberbullying therefore can be defined as an aggressive, intentional act carried out by a group or individual, using electronic forms of contact, repeatedly and over time against a victim who can not easily defend him or herself.”(Smith et al. 2006, S.6). In dieser Definition finden sich die zuvor erwähnten Merkmale von Bullying. Eine etwas weitere Definition findet sich bei Willard, die Cyberbullying definiert als: "Sending or posting harmful material or engaging in other forms of social aggression using the internet or other digital technologies.” (Willard 2007a, S.1). In dieser Definition findet sich nicht der oben erwähnte repetetive Moment, auch nicht das Kräfteungleichgewicht zwischen Täter und Opfer, was Willard mit Erkenntnissen aus Studien begründet, die zeigen, dass auch weniger mächtige Personen das Internet benutzen, um mächtigere Personen zu attackieren. Beispielsweise wäre dies der Fall, wenn das Opfer von direktem Mobbing durch eine Person mit höheren sozialen Status sich nicht traut sich direkt zu wehren, ihm dies jedoch mit Hilfsmitteln wie dem Internet leichter fällt und er sich auf diesem Weg rächt (vgl. ebd., S.28).

Daneben macht Willard einen weiteren Trend bei der Nutzung der neuen Technologien aus. Unter den so genannten Cyberthreats versteht man: „Sending or posting direct threats or distressing material that raises concerns that the person may be considering committing an act of violence against others or self. It is higly likely that young people who are distressed and contemplating an act of violence are posting clues to the distress and their potential actions online.”(ebd., S.2).

2.2 Formen von Cyberbullying

Zur Klassifizierung der Arten von Cyberbullying finden sich in der Literatur zwei Varianten. Einige Autoren bilden Kategorien anhand der Hilfsmittel, die für das Cyberbullying genutzt werden, wie etwa Smith et al., die das Cyberbullying in sieben Unterkategorien einteilen: Cyberbullying durch Textnachrichten, Cyberbullying durch das Versenden von Fotos und Videos, Cyberbullying durch Telefonanrufe, Cyberbullying durch das Versenden von E-Mails, Cyberbullying in Chatrooms, Cyberbullying über Instant Messenger und Cyberbullying über Websites (vgl. Smith et al. 2006, S.6).

Da durch Überschneidungen Vorfälle nicht immer genau in diese Kategorien unterschieden werden können, befürworten einige Autoren eine Unterteilung nach Art der Handlung, unabhängig vom benutzten Medium. Relativ verbreitet ist hier die Unterscheidung nach Willard, die Vorfälle von Cyberbullying einteilt in Flaming, Harassment, Denigration, Impersonation, Outing and Trickery, Exclusion und Cyberstalking, wobei es selbstverständlich auch hier Überschneidungen zwischen den Formen gibt. In der vorliegenden Arbeit soll diese Unterteilung Grundlage für die Einordnung von Vorfällen sein. Im Folgenden werden die einzelnen Formen kurz erläutert.

Flaming

Flaming ist eine hitzige Auseinandersetzung von kurzer Dauer zwischen zwei oder mehr Personen. Häufig beinhaltet Flaming vulgäre und unhöfliche Sprache, Beleidigungen und manchmal Drohungen. Eine längere Serie solcher Auseinandersetzungen wird „flame war“ genannt. Flaming tritt häufig in online Kommunikation auf, die öffentlich ist, etwa auf Diskussionsseiten oder in Chatrooms. Die beteiligten Personen besitzen meist die gleiche soziale Macht. Aufgrund des fehlenden Kräfteungleichgewichts ist nach einigen Definitionen umstritten, ob es sich bei Flaming um Cyberbullying handelt. Drohungen können real sein, aber auch in der Hitze des Gefechts entstehen und nicht ernst gemeint sein. Da es schwierig ist die Drohungen einzuordnen, stellt sich oftmals die Frage, welche Reaktion für die Situation angemessen ist. Auch kann eine nicht ernst gemeinte Drohung die sie aussprechende Person in Schwierigkeiten bringen, wenn sie ernst genommen wird (vgl. Willard 2007a, S.5f.).

Harassment

Harassment meint Belästigungen durch wiederholtes Senden beleidigender Nachrichten an eine bestimmte Person. Diese Nachrichten werden meist über Medien der privaten Kommunikation verschickt, wie etwa E-Mail oder Instant Messenger, können aber auch in Umgebungen der öffentlichen Kommunikation auftauchen. Harassment geschieht im Vergleich zum Flaming wiederholt und ist langlebiger. Außerdem liegt hier im Unterschied zum Flaming, bei dem Beleidigungen zwischen mehreren Personen hin und her geschickt werden, der Schaden meist einseitig beim Opfer. Besondere Qual für die Opfer ist es, dass sie permanent beleidigende Nachrichten erhalten, wenn sie online gehen oder das Handy benutzen. Harassment kann auch stellvertretend durch Ditte erfolgen, wenn der Täter andere Onlinekontakte, die dem Opfer fremd sind, dazu bringt dieses ebenso zu attackieren (vgl. ebd., S.6f.).

Denigration

Denigration ist Gerede über das Opfer, das diesem schadet, grausam oder unwahr ist. Solche Aussagen können öffentlich gepostet werden oder Dritten geschickt werden. Das Opfer ist also nicht der direkte Empfänger der Nachrichten. Ziel ist es, über die Verbreitung von Gerüchten und Gemeinheiten, Freundschaften des Opfers zu beschädigen oder dessen guten Ruf zu schaden. Eine Unterform von Denigration ist das öffentliche Posten von digitalen Bildern, die bearbeitet wurden um das Opfer in einem schlechten Licht zu zeigen. Denigration ist die häufigste Form von Cyberbullying, die Schüler gegen ihre Lehrer benutzen (vgl. ebd. S.7f.). Vergleichbar mit Denigration ist Happy Slapping , eine relativ neue Erscheinung, bei der unbekannte Personen grundlos und willkürlich meist von Jugendlichen in der Überzahl angegriffen werden, um diese Gewalttaten auf dem Handy aufzunehmen und sie anschließend im Internet zu veröffentlichen (vgl. Riebel 2008, S.48).

Impersonation

Von Impersonation ist die Rede, wenn der Cyberbully die Möglichkeit erhält, sich als das Opfer auszugeben und Dinge postet, die das Opfer negativ dastehen lassen oder dessen Freundschaften beschädigen. Häufig wird der Austausch von Passwörtern als Zeichen wahrer Freundschaft unter Jugendlichen gesehen, vor allem unter jugendlichen Mädchen. Dies erlaubt einem Cyberbully den Zugang zum Account des Opfers zu erlangen und als das Opfer zu posten. Wenn der Cyberbully diese Gelegenheit erhält, kann das Cyberbullying jede andere der genannten Formen annehmen (vgl. Willard 2007a, S.8).

Outing and Trickery

Outing ist öffentliches Posten, Senden oder Weiterleiten von persönlichen Kommunikationen oder Bildern des Opfers, vor allem solchen die persönliche Informationen enthalten oder peinlich und bloßstellend für das Opfer sind. Trickery kann als Teil des Outings auftreten, wenn dem Opfer glaubhaft gemacht wird, dass eine Kommunikation oder das Senden eines Bildes privat ist, dies aber durch den Cyberbully weitergeleitet, veröffentlich oder für Drohungen benutzt wird. (vgl. ebd., S.9).

Exclusion:

Hier geht es darum, wer Mitglied einer Gruppe ist und wer nicht. Der emotionale Schaden, wenn das Opfer ausgeschlossen wird, kann sehr hoch sein. Auftreten kann Exclusion beispielsweise im Blog einer Gruppe, beim Online Gaming oder in jedem passwortgeschützten Kommunikationsraum. Für Jugendliche kann solch ein Ausschluss im online die ultimative Ablehnung bedeuten (vgl. ebd., S.10).

Cyberstalking

Cyberstalking ist das wiederholte Senden schadhafter Nachrichten, die Drohungen und Erpressungen enthalten, extrem beleidigend oder hoch einschüchternd sind. Beim Cyberstalking tritt häufig Denigration und Impersonation auf. Die Trennungslinie zischen Harassment und Cyberstalking ist nicht ganz klar. Möglicher Indikator, dass diese Grenze überschritten wurde, kann sein, wenn das Opfer beginnt, um seine eigene Sicherheit zu fürchten. Direktes Cyberstalking geschieht fast immer in persönlicher Kommunikation. Indirektes Cyberstalking, wie etwa das Verbreiten von Gerüchten über das Opfer, ist öffentlich. Oftmals ist Cyberstalking an eine sexuelle Beziehung gebunden. Möglicherweise hat der Cyberbully so Zugang zu persönlichen Informationen des Opfers, die er benutzen kann für Cyberthreats oder zum Outing. (vgl. ebd., S.10f.).

Bei dem Phänomen der Cyberthreaths, das Willard neben Cyberstalking ausmacht, werden zwei Formen unterschieden. Zum einen gibt es direkte Cyberthreats, also Drohungen, die Statements über die Absicht jemanden zu verletzen oder Selbstmord zu begehen enthalten. Daneben gibt es Besorgnis erregendes Onlinematerial, welches Anzeichen enthält, dass eine Person emotional aufgebracht ist und in Erwägung zieht, jemanden zu verletzten, sich selbst zu verletzen oder Selbstmord zu begehen. Die Grenze zwischen den beiden Formen ist manchmal vage (vgl. ebd., S.11). Cyberthreats tauchen wie oben beschrieben häufig auch bei den einzelnen Formen von Cyberbullying auf

Nachdem nun definiert wurde, was unter Cyberbullying zu verstehen ist und welche Formen zu unterscheiden sind, soll nun die Internet Community schülerVZ danach untersucht werden, welche Formen von Cyberbullying dort vorzufinden sind. Hierfür soll zuvor noch ein kleiner Überblick über das Netzwerk gegeben werden.

2.3 Besonderheiten von Cyberbullying

In diesem Abschnitt sollen die Besonderheiten von Cyberbullying aufgezeigt werden, die das Phänomen so gefährlich machen.

Cyberbullying bietet dem Täter die Möglichkeit, anonym zu bleiben, so dass es für das Opfer schwer sein kann, die Identität seines Peinigers herauszufinden und entsprechende Schritte einzuleiten, um das Cyberbullying zu beenden. Die meisten Cyberbullies scheinen aber keinen Gebrauch von dieser Möglichkeit zu machen. Zu 75% sind den Opfern die Täter bekannt (vgl. Riebel 2008, S.57). Generell verstärkt jedoch der Glaube anonym zu sein die Gefahr des Cyberbullyings, da der Täter keine negativen Konsequenzen erwarten muss und somit weniger Hemmungen hat, das Opfer zu attackieren. Ist der Bully anonym, kann dies die Situation für das Opfer schlimmer machen, da ein Feind, den man nicht kennt, Furcht einflößender sein kann, als der, den man kennt. Das Opfer weiß nicht mehr wem es trauen kann, da jeder der Täter sein könnte (vgl. Kowalski 2007, S.28). Jedoch ist ein Cyberbully niemals komplett anonym, da die einzigartige IP Adresse seines Computers (Internet protocoll adress) in jeder Art von Daten oder Kommunikation, die der Täter postet, enthalten ist. Mit etwas Aufwand kann also der Ursprung jeder Nachricht identifiziert werden. Entgegen der Annahme, ist der Täter im Internet nicht anonymer, sondern es besteht immer ein eindeutiger Hinweis wo die Nachricht herkommt und es ist einfach das Beweismaterial zu speichern, im Gegensatz zu verbalen Angriffen.

Cyberbullys scheinen weniger Hemmungen zu haben, ihr Opfer über das Internet zu attackieren, da dies weniger Energie und Mut benötigt als ihm persönlich gegenüberzutreten. Der Täter sieht beim Cybermobbing nicht die direkte Reaktion des Opfers, er muss sich also nicht direkt mit den emotionalen, psychischen oder physischen Folgen seiner Handlung auseinandersetzen. Außerdem muss er hier auch nicht wie beim traditionellen Bullying befürchten, dass das Opfer verbal kontert oder ein Kampf ausbricht, da er im Internet meisten keine direkte Antwort bekommt. Die gesamte Bedeutung seiner Attacke wird dem Täter nicht bewusst, Empathie und Reue gehen verloren, da er vom Opfer kein Feedback bekommt und er vom Schaden, den er verursacht, distanziert ist. Dieses Feedback zeigt jedoch beim direkten Bullying dem Täter, wann er sich zurückhalten muss, das Opfer verletzt ist oder er eine Grenze überschritten hat. Dieser wichtige Indikator geht beim Cybermobbing verloren, wodurch es wesentlich grausamere Formen annehmen kann, mit noch schlimmeren Folgen für das Opfer (vgl. Patchin & Hinduja 2008, S. 20ff.; Kowalski 2007, S.27; Willard 2007a, S.80).

Was Cyberbullying außerdem so gefährlich macht, ist die Tatsache, dass die beleidigenden Inhalte innerhalb kürzester Zeit an eine Vielzahl von Personen weitergeleitet werden können oder von diesen online betrachtet werden können. Direktes Mobbing geschieht meist in einem kleineren Kreis von Personen. Für die Opfer verschlimmert sich durch diese weite Verbreitung die Situation meist noch, vor allem wenn sich online viele Personen dem Täter anschließen. Wenn das Opfer beim direkten Bullying mit ein oder zwei Tätern klarkommen mag, kann es hier fremde Personen aus der ganzen Welt gegen sich haben (vgl. Patchin & Hinduja 2008, S.24).

Gefährlicher wird Cyberbullying außerdem dadurch, dass es das Opfer rund um die Uhr erreichen kann. Das direkte Bullying in der Schule endet mit dem Schultag und das Opfer ist zu Hause in Sicherheit. Cyberbullying dringt jedoch auch in diese privaten Bereiche ein, so dass es bald keinen Ort der Sicherheit für das Opfer mehr gibt (vgl. ebd., S.24).

Besonderes Problem bei Cyberthreats kann es sein, dass es schwer ist zu beurteilen, ob diese ernst gemeint sind oder nicht. Sind sie es nicht, werden aber so aufgefasst, können sie die Person, die sie ausgesprochen hat, in große Probleme bringen. Bei möglichen Cyberthreats kann es sich auch um einen Scherz, eine Aussage während einer hitzigen Auseinandersetzung oder um einen Fall von Impersonation handeln, indem der Cyberbully sich als das Opfer ausgibt und Drohungen in dessen Namen ausspricht, um es gezielt ihn Schwierigkeiten zu bringen (vgl. Willard 2007a, S.15f.).

Auffällig in den Studien zu Cyberbullying war eine Art Rollentausch, der sich zwischen Täter und Opfer zu vollziehen scheint. Die Schüler, die in der Schule Opfer von direktem Bullying sind, jedoch keine Täter, berichten vermehrt Cyberbullying auszuüben, während einige Schüler, die nicht vom direkten Mobbing betroffen sind, es jedoch ausüben, im Internet Opfer von Cyberbullying sind (vgl. ebd., S.29). Es hat den Anschein, als würden sich die Opfer im Internet eher trauen, sich gegen ihre Peiniger zu wehren und sich für das Mobbing rächen. Aufgrund dieser Erkenntnis unterscheidet Willard zwei Arten von Material beim Cyberbullying: „put-down-material“, das von einem Cyberbully mit höherem sozialen Status als das Opfer gepostet wird und „get-back-material“, das von einem ursprünglichen Opfer mit geringerem sozialen Status gepostet wird um es dem Bully heimzuzahlen (vgl. ebd. S.40f.).

Willard zeigt außerdem verschiedene soziale Normen auf, die online gelten. Die Norm „What happens online, should stay online.“ beschreibt, dass die Jugendlichen Aktivitäten, die sich online abspielen, separat von der realen Welt betrachten. Dinge, die Online passiert sind, sollten auch nicht in die richtige Welt gebracht werden. Diese Norm spricht somit dagegen, sich bei Cyberbullying Hilfe zu suchen. Die Aussage “On the internet you have a free speech-right to say whatever you want without regard for the harm, it might cause to another.” führt zu der Annahme, dass Cyberbullying unter dem Recht der Meinungsfreiheit läuft, was die Grausamkeiten verharmlost und den Täter enthemmt (vgl. ebd., S.49f.). Eine weitere Norm, die Cyberbullying begünstigt, ist die Annahme „Life online is just a game.“, die es dem Täter erlaubt, die Konsequenzen des Cyberbullyings für das normale Leben zu ignorieren. Es wird die Erwartung geschaffen, dass das Opfer den Angriffen keine Bedeutung schenkt und sie ignoriert. „Look at me - I’m a star.“ ist eine Norm, die das übermäßige veröffentlichen persönlicher Informationen im Internet unterstützt, um Aufmerksamkeit zu erregen und die Freundesliste in den Internet Communities und somit gleichzeitig den sozialen Status, zu erhöhen. Dies macht die Nutzer jedoch besonders anfällig für Cyberbullying. Eine weitere Norm, die erwähnt werden soll, ist „It’s not me – it’s my online persona.“, die darauf basiert, dass Jugendliche gerne mit verschiedenen Identitäten experimentieren, was ihnen die Online Communites in idealer Weise ermöglichen. Jedoch erlaubt dies den Jugendlichen auch, die Verantwortung für die Handlungen einer ihrer Onlineidentitäten abzustreiten (vgl. ebd., 82ff.).

Als letzte Besonderheit soll das Phänomen der so genannten Disinhibition genannt werden. Dies meint die Enthemmung der Jugendlichen, im Internet Dinge zu tun oder zu sagen, die sie sich im realen Leben nicht trauen würden. Sie sorgen sich weniger über ihre Selbstdarstellung und das Urteil anderer. Diese Enthemmung kann positive und negative Folgen haben. Positiv ist beispielsweise der Effekt, dass einige Jugendliche ihre Gedanken und Gefühle im Internet freier äußern können. Andererseits kann so wiederum Cyberbullying begünstigt werden, wenn sich das Opfer des direkten Bullyings, wie bereits oben erwähnt, über das Internet an seinem Peiniger rächen (vgl. ebd., S.79ff.).

Cybermobbing ist aufgrund seiner Definition und Ergebnissen verschiedener Studien eng mit dem traditionellen Bullying verbunden. Zwischen beiden Phänomenen zeigen sich starke Überschneidungen. Einige Autoren sprechen beim Cyberbullying auch von einer neuen Form von Bullying mit neuen Werkzeugen. Dennoch wurden in diesem Abschnitt einige Besonderheiten von Cyberbullying aufgezeigt, die es in einigen Fällen vielleicht sogar grausamer und folgenreicher sein lassen, als traditionelles Bullying.

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Details

Seiten
41
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656420309
ISBN (Buch)
9783656421221
Dateigröße
646 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v213736
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Institut für Erziehungswissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Cyberbullying Cybermobbing schülerVZ

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Titel: Mobbing 2.0. Cyberbullying