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Eliten in Deutschland

Strukturen einer Meritokratie?

Hausarbeit 2011 25 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Chancengleichheit und Meritokratie

3. Was sind Eliten?

4. Eliten und Bildung

5. Wer gehört zu den Eliten?

6. Wie rekrutieren sich Eliten?

7. Entsprechen Eliten in Deutschland dem meritokratischen Prinzip der Chancengerechtigkeit?

8. Literatur

1. Einleitung

Seit einigen Jahren weckt das Thema Eliten in Deutschland in der öffentlichen Diskussion neues Interesse. Vor allem der „PISA-Schock“ löste eine kontrovers geführte Debatte aus, wie Eliten zu fördern und auszubilden seien (vgl. Kaina 2009, S.385 nach Buhm/Straßenberger 2006). Verschiedene Vertreter, ob aus Politik, Medien oder Wirtschaft, fordern Eliten in allen Teilen der Gesellschaft und die gezielte Elitenförderung im Bildungssystem (vgl. Groppe 2006, S.94), wie etwa durch eine Umgestaltung des Hochschulsystems mit der Schaffung von Eliteuniversitäten nach britischem oder amerikanischem Vorbild (vgl. Hartmann 2008, S.7). Daneben klingen auch immer wieder Diskussionen zu Verhalten und Kompetenzen der politischen und wirtschaftlichen Führungskräfte des Landes an, in denen vielfach Kritik an unverdienten Privilegien oder übersteigerten Verdiensten laut wird (vgl. Kaina 2009, S.385). Auch in der soziologischen Forschung entstand ein neues Interesse an den Eliten, was das vermehrte Aufkommen verschiedenster Arbeiten in den letzten Jahren belegt (Krais 2001, S.7).

Das Thema hat also an neuer Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit gewonnen, jedoch auf vielfältigste Art und Weise. Dabei stellen sich die Fragen: Was sind Eliten? Wer gehört zu ihnen, nach welchen Kriterien entscheidet sich dies und wie rekrutieren sich Eliten? Und vor allem: Entsprechen sie den Vorstellungen von Chancengerechtigkeit und Fairness in der heutigen Gesellschaft?

Diesen Fragen soll in der vorliegenden Arbeit nachgegangen werden, wobei zunächst auf die Themen Chancengleichheit und Meritokratie eingegangen werden soll, bevor genauer betrachtet wird, was genau unter Eliten zu verstehen ist. Anschließend soll beleuchtet werden, wie Elite und Bildung zusammen hängen, wer zu den Eliten gehört und wie diese sich rekrutieren, bevor abschließend die Fragestellung, die im Fokus all dieser Punkte steht, nämlich ob Eliten in der heutigen deutschen Gesellschaft den Vorstellungen von Gerechtigkeit und dem meritokratischen Prinzip entsprechen, beantwortet werden soll.

2. Chancengleichheit und Meritokratie

Um zu prüfen, ob man bei der Elitenthematik für Deutschland von gerechten Chancen sprechen kann, soll zunächst geklärt werden, nach welchen Prinzipien in den modernen Gesellschaften mit ihren sozialen Ungleichheiten von fairen Verhältnissen ausgegangen werden kann. Soziale Ungleichheiten bedeuten eine ungleiche Verteilung von Lebenschancen, sowie Unterschiede im Zugang zu Ressourcen. Sie sind nicht natürlich festgeschrieben, sondern werden von den Mitgliedern einer Gesellschaft oder den von ihnen geschaffenen Institutionen produziert. Somit sind sie auch wandelbar. Mit ihnen hängen spezifische Verteilungsprinzipien und -erwartungen an bestimmte Gruppen der Gesellschaft zusammen. Soziale Ungleichheit muss in demokratischen Gesellschaften von den Gesellschaftsmitgliedern akzeptiert sein (vgl. Hadjar 2008, S.11, S.31f.). Entscheidend hierfür ist, dass die Ungleichheitsverhältnisse in Vorstellungen von Gerechtigkeit und Fairness eingebettet sind (vgl. ebd., S.10). Mitglieder einer Gesellschaft werden also soziale Ungleichheiten in dem Maß akzeptieren, wie sie mit den geltenden Gleicheitszielen und Gerechtigkeitsnormen vereinbar sind und legitimiert erscheinen. Entscheidend ist also, wie Individuen die sozialen Unterschiede und deren Verteilungsmechanismen wahrnehmen und bewerten (vgl. ebd., S.34 nach Noll 1992). Verstoßen die Verteilungsmechanismen gegen diese Fairnessideale, wird soziale Ungleichheit beziehungsweise eine ungleiche Verteilung von Ressourcen und Positionen, etwa in Eliten, als Problem wahrgenommen.

In modernen Gesellschaften werden Ungleichheiten im Wesentlichen durch das meritokratische Prinzip legitimiert. Das Wort Meritokratie setzt sich zusammen aus dem lateinischen meritum für „das verdienst“ und dem griechischen kratein für „herrschen“ (vgl. Becker / Hadjar 2009, S.39). Nach dem meritokratischen Prinzip werden die Ressourcen anhand der individuellen Leistungen verteilt, wobei bei der Leistungsakkumulation, etwa beim Bildungserwerb, die Chancen nicht von Faktoren sozialer Herkunft bestimmt sein dürfen (vgl. Hadjar 2008, S.44). Geprägt wurde der Begriff vom britischen Soziologen Michael Young in seiner Gesellschaftssatire „The Rise of Meritocracy“ (1985), in der er das zukünftige Großbritannien beschreibt, das sich bis zum Jahre 2034 zu einer Gesellschaft entwickelt, in der die gesellschaftliche Position des Einzelnen durch Intelligenz und Anstrengung bestimmt ist (vgl. Becker / Hadjar 2009, S. 39 nach Young 1958). Thomas B. Hoffer definiert das meritokratische Prinzip als: „...usually understood to mean that individuals are selected for educational opportunities and jobs in the basis of demonstrated performance or ostensible predictors thereof. The most widely used meritocratic selection criteria are educational degrees or certificates and examination results.“ (Hoffer 2002, S.435) und betont damit die Bedeutung von Bildungsinstitutionen und Bildungszertifikaten. Meritokratie bedeutet also die Zuweisung zu sozialen Positionen, also auch zu Eliten, nach dem Prinzip der Leistung und nicht dem der sozialen Herkunft, wobei Leistung in Form von Bildungsabschlüssen und -zertifikaten nachweisbar wird. Die Positionen sollen dabei allen Bürgern gleichermaßen offen stehen, alle sollen bei gleichen Leistungen und Fähigkeiten die gleichen Chancen haben in die Eliten aufzusteigen.

Chancengleichheit im meritokratischen Sinne setzt also voraus, dass Unterschiede in der Positions-, Bildungs- und Güterausstattung nicht herkunftsspezifisch, also etwa vom Bildungsniveau der Eltern oder anderen askriptiven Merkmalen wie beispielsweise Geschlecht oder Rasse abhängig sind, sondern nur auf den Leistungen des Individuums basieren. In diesem Zusammenhang bezeichnet Andreas Hajdar Meritokratie als Legitimationsprinzip sozialer Ungleichheit (vgl. Hadjar 2008, S.13f., Becker / Hadjar 2009, S.38f.). Solga (2005) bezeichnet Meritokratie als gesellschaftliche Ideologie, die bestehende Ungleichheiten rechtfertigen und den monopolisierten Zugang zu Privilegien über Bildungszertifikate legitimieren soll. Bildung und deren Zertifikate besitzen einen Legitimationsanspruch, basierend auf dem engen Zusammenhang zwischen Bildungszertifikat und Arbeitsmarkt und der Rolle der Bildung als Statuszuweiser (vgl. Becker/Hadjar 2009 nach Solga 2005). Der Zugang zu Bildung oder Beruf soll also über meritokratische Prinzipien erfolgen, die als legitime Mechanismen für die Verteilung von Gütern und gesellschaftlichen Status gelten. Die gesellschaftlich anerkannte Verteilung von Status, Einkommen, Macht und anderen Privilegien ist dabei unmittelbar an die Bildung, als Nachweis von Leistung, geknüpft.

Das Bildungssystem als Zuweiser der Zertifikate nimmt eine zentrale Position in der Rechtfertigung sozialer Ungleichheit ein. Bildungsinstitutionen kommt dabei eine bedeutende Rolle zu, da sie ungleiche Ergebnisse und Leistungsstandards hervorbringen und die unterschiedlichen Bildungszertifikate vergeben, die Zugang zu unterschiedlichen Lebenschancen gewähren (vgl. Ecarius / Wigger 2006, S.7).

Andreas Hadjar führte anhand des ALLBUS-Datensatzes Längsschnittanalysen durch, die zeigten, dass Bildung und Ausbildung als meritokratische Prinzipien durchaus von der Bevölkerung als wesentliche Mechanismen des Statuserwerbs wahrgenommen werden. Die soziale Herkunft wird eher als sekundärer Faktor der Verteilung von Positionen angesehen. (vgl. ebd., S.51). Die Bevölkerung scheint also meritokratische Prinzipien als hauptsächliche Zuweisungsmechanismen zu sozialen Positionen wahrzunehmen, daneben scheint jedoch auch das Bewusstsein zu bestehen, dass auch Faktoren der sozialen Herkunft eine Rolle spielen.

Soziale Ungleichheiten gelten nach der funktionalistischen Schichtungstheorie als notwendig, um Individuen zu hohen Leistungen zu motivieren und dadurch gesellschaftlichen Fortschritt zu bewirken, der wieder dem Wohle alle dient (vgl. Hadjar 2008, S.45). Jedoch müssen sie von der Bevölkerung akzeptiert sein. Meritokratie soll also als Legitimationsprinzip sozialer Ungleichheit die Akzeptanz sozialer Ordnung und die Stabilität der Gesellschaft fördern (vgl. ebd., Becker /Hadjar 2009, S.50). In Bezug auf Eliten kann sie als gegeben angesehen werden, wenn die Position in einer Elite nur von den Leistungen und Fähigkeiten der einzelnen Personen abhängt und nicht von aksriptiven Faktoren oder deren sozialer Herkunft. Es muss sich ein starker Zusammenhang zwischen höchstem Bildungsgrad und Zugehörigkeit zu Eliten zeigen, jedoch keiner zwischen sozialer Herkunft und den Positionen in den Spitzen der Gesellschaft. Auch das höchste Bildungsniveau, das den Zugang zu Elite zulässt, sollte nicht durch die soziale Herkunft bestimmt sein. Demokratische Gerechtigkeit ist daneben nur gegeben, wenn niemand von den Spitzenpositionen ausgeschlossen ist. Unabhängig von der sozialen Herkunft müssen alle Individuen die gleichen Chancen haben, Zugang zu den Eliten zu erhalten. Angehörige niedrigerer sozialer Schichten sollten sich also in angemessenem Maße in den Elitepositionen finden lassen.

Lassen sich diese Punkte für Deutschland nachweisen, kann man davon sprechen, dass der Zugang zu Eliten durch meritokratische Prinzipien geregelt wird, somit den Vorstellungen der Gesellschaft von Chancengleichheit und Gerechtigkeit entspricht und die soziale Ungleichverteilung akzeptiert wird. Dies gilt es im Folgenden zu prüfen.

3. Was sind Eliten?

Um den zu untersuchenden Gegenstand genauer zu bestimmen, wird nun kurz dargelegt, was genau unter Eliten verstanden wird und welche Geschichte und Entwicklung mit diesem Begriff verbunden ist.

Klaus K. Urban formulierte treffend: „Es gibt aber heute kein gesellschaftliches System - gleich welcher ideologischen Couleur - ohne Eliten.“ (Urban 2004, S.34). In demokratischen Gesellschaften sind jedoch Eliten, die traditionell auf Geburt, Macht, Prestige oder Geld basieren nicht vertretbar. Hier bedarf es Eliten, die grundsätzlich jedem Mitglied der Gesellschaft offen stehen und die Gesellschaft stabilisieren, die von der Leistung der Eliten profitiert (vgl. ebd.). Mit dem Begriff Elite ist jedoch grundsätzlich soziale Ungleichheit verbunden. Grundlage dafür dass Eliten dennoch in der Gesellschaft bestehen können und akzeptiert werden sind Prinzipien der Chancengleichheit, wie sie oben erläutert wurden.

Das Wort „eligere“, von dem sich der Begriff Elite ableitet, bedeutet „auserlesen“ oder „auserwählt“. Eliten unterscheiden sich also von der Masse der Bevölkerung und werden von dieser abgegrenzt (vgl. Macha 2004, S.25). Die allgemeinste Vorstellung von Eliten, als Minderheit von Personen die sich durch soziale Auslese und Konkurrenz herausgebildet hat, die ihre herausgehobene Stellung in der Gesellschaft rechtfertigen und begründen fand sich schon vor 3000 Jahren. Jedoch herrscht bis heute noch kein Konsens darüber, wer zu den Eliten einer Gesellschaft zu zählen ist und nach welchen Kriterien die Selektion erfolgt (vgl. Kaina 2004, S.8). Entscheidet Leistung, Selbstzuschreibung, Bildung, Besitz oder Herkunft über die Zugehörigkeit zu einer Elite? Auch gibt es keine einheitliche Definition von Eliten oder Einigkeit darin, wie Eliten zu kennzeichnen sind, also ob sie eine Gruppe, Schicht oder Klasse darstellen (Kaina 2009, S.388 nach Endruweit 1979).

Zu Geschichte des Elitenforschung lässt sich sagen, dass der Begriff sowie die zugrunde liegenden machiavellistischen Elitetheorien, die die Anfänge der Elitetheorie darstellen und vor allem durch Michels, Mosca und Pareto geprägt wurden, nach dem zweiten Weltkrieg aufgrund der ideologischen Nähe zum Herrschaftssystem der Nationalsozialisten sehr kritisch behandelt wurden (vgl. Hartmann 2008, S.41). Der Begriff der Elite, erregte Unbehagen oder Ablehnung. Lange gab es daher keinen unbefangenen Umgang mit ihm.

Nach dem zweiten Weltkrieg gab es verschiedene neue Ansätze der Elitetheorie. Doch herrschten unter den Vertretern der Eliteforschung verschiedene Verständnisse vom Begriff und den Zusammenhängen vor. Kaina (2009) stellt drei zentrale Richtungen der theoretischen Ansätze heraus, die sich etabliert haben und miteinander konkurrieren: die Bestimmung der Eliten als Wert-, Funktions- und Machteliten. Unter Werteliten werden dabei Personenminderheiten verstanden, deren Angehörige in der Gesellschaft gültige Grundwerte besonders glaubwürdig vertreten. Sie haben eine Art Vorbildcharakter. Zu den Funktionseliten gehören Personen, die bestimmte Aufgaben für die Funktionsfähigkeit der Gesellschaft erfüllen, indem sie aufgrund herausragender Leistungen auf ihrem Gebiet zum Gemeinwohl beitragen. Zu den Funktionseliten, etwa in Politik und Verwaltung, Wirtschaft, Justiz und Wissenschaft, gehören nach dieser Vorstellung die jeweils Besten und Klügsten ihrer Bereiche. Entscheidend hierbei ist das Leistungsprinzip als zentrales Auslesekriterium. Für die jeweiligen Gesellschaftsbereiche müssen spezifische Leistungskriterien festgelegt werden. Der Ansatz der Machteliten zählt zu diesen schließlich Personen die Macht ausüben, indem sie allgemeinverbindliche politische Entscheidungen treffen oder beeinflussen. Dieser Ansatz, der auf dem Kriterium der Macht basiert, spielt vor allem in der Politikwissenschaft eine Rolle. Politische Eliten üben demnach Macht aus indem sie Entscheidungen treffen, die für die Allgemeinheit verbindlich sind und von denen sie erwarten können, dass sie befolgt werden (vgl. Kaina 2009, S.388ff.).

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Details

Seiten
25
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656426219
ISBN (Buch)
9783656435822
Dateigröße
596 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v213725
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Institut für Erziehungswissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Meritokratie Elite Bildungselite Chancengleichheit

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