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Eduard Mörike - „Mozart auf der Reise nach Prag“

Mozart und das Prinzip der Selbstverschwendung

Hausarbeit 2008 20 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Prinzip der Selbstverschwendung
2.1 Die Ökonomie der Verschwendung
2.2 Zwischen Realität und Fiktion
2.3 Sexuelle Verschwendung
2.4 Verschwendung als Arbeitsweise
2.5 Resultate der Verschwendung

3 Der Wunsch nach einem bürgerlichen Leben

4 Constanze

5 Zusammenfassung

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Eduard Mörikes Begeisterung für die Musik Mozarts reicht bis in seine frühe Jugend zurück. So besuchte er 1824 zusammen mit seinen Geschwistern Luise und August eine Don Giovanni Aufführung in Stuttgart.[1] Der Besuch wurde von einem tragischen Ereignis überschattet, denn August verstarb vier Tage nach dem Opernbesuch auf unerklärliche Weise. Mörike jedoch war so begeistert, dass dieser Vorfall seiner Liebe zu Mozart keinen Abbruch tat. Von nun an beschäftigte Mörike sich immer wieder mit der Person des Komponisten und las diverse Zeitschriften und Bücher über ihn.[2] So beschloss er „ein kleines Charaktergemälde Mozarts“[3] aufzustellen und begann im Sommer 1852 mit der Niederschrift seiner Novelle.[4] Die Erzählung erschien vollständig erstmals im Juli und August 1855 als Zeitschriftendruck im “Morgenblatt für gebildete Leser.“[5] Heute zählt Eduard Mörike zu den bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikern des 19. Jahrhunderts.[6]

Diese Seminararbeit soll sich eingehend mit der Novelle „Mozart auf der Reise nach Prag“ von Eduard Mörike auseinandersetzen und sich vor allem mit dem Problem der Ökonomie und Mozarts Hang zur Selbstverschwendung beschäftigen. Die Arbeit ist in verschiedene Teile gegliedert, wobei sich der erste genau mit den verschiedenen Formen der Selbstverschwendung auseinandersetzt. Zuerst soll Mozarts Schwäche der Sparsamkeit deutlich gemacht werden. Es soll herausgearbeitet werden, in welchen Bereichen seines Lebens das Prinzip der Selbstverschwendung noch eine Rolle spielt. Zum einen soll Mozarts falsche Selbstdarstellung erkennbar werden und sein Versuch die Realität zu verdrängen. Dabei soll auf die optischen Aspekte, sowie auf die charakterlichen Eigenschaften eingegangen werden. Des weiteren soll Mozarts Arbeitsweise und sein Drang zur sexuellen Verschwendung herausgearbeitet werden. In diesem Teil soll auch geklärt werden, welche Konsequenzen Mozart aus seinem Handeln zieht und ob sein ökonomisches Problem für diese Novelle sinnvoll erscheint. Kann man Mozarts Verschwendungssucht als rein negativ betrachten oder gibt es auch positive Aspekte, die dieses Prinzip mit sich führt?

Im weiteren Verlauf soll die innere Zerrissenheit Mozarts deutlich gemacht werden. Auf der einen Seite versucht Mozart alles dafür zu tun dem Bürgertum zu entfliehen und sich dem zu entziehen. Es gibt aber dennoch Ansätze an denen klar wird, dass Mozart eine geheime Sehnsucht hegt, doch dem Bürgertum anzugehören und sich dort wohl zu fühlen, was ihm allerdings nicht gelingt. Diese Aspekte sollen aufgearbeitet und analysiert werden. Des weiteren soll Mozarts Ehefrau Constanze einer ausführlichen Charakterisierung unterzogen werden. Es sollen die Gegenteile zu Mozart herausgearbeitet werden und ihr Bezug zu Geld und Ökonomie verdeutlicht werden.

2 Das Prinzip der Selbstverschwendung

Im Zentrum der Novelle steht Mozarts Motiv der Verschwendung. Mozart scheint sich dieses Prinzip zum Lebens- und Kunstprinzip gemacht zu haben.[7] In welchen Bereichen seines Lebens dieses Prinzip greift soll im folgenden beschrieben werden.

2.1 Die Ökonomie der Verschwendung

Mozart ist eine Person, die es liebt unter Menschen zu sein, Feste zu feiern und sein Leben in allen Facetten zu genießen. Deshalb verschmäht er „Einladungen zu Festen, Cirkeln und Parthien selten oder nie“.[8] Er liebt Volksfeste und liebt es Billard zu spielen. Mozart lässt es sich dabei gut gehen und achtet dabei nicht auf seine finanziellen Mittel und lebt dadurch über seine Möglichkeiten hinaus. Obwohl er durch seine Kompositionen und den Unterricht den er verschiedenen Musikschülern gibt Geld verdient, reicht es nicht aus um seinen Lebensstandard zu finanzieren. Mozarts Musik ist noch nicht erfolgreich und bekannt genug, deshalb reicht das Geld, welches er verdient nicht aus, um alle Ausgaben und seine kostspieligen Wünsche bezahlen zu können. Mozart kann nicht mit Geld umgehen, denn außer das er das Geld um seines Selbst willen verschwendet, verleiht er es auch an andere, die „in dringender Noth“ (S. 232) zu ihm kommen. Anstatt sich aber abzusichern und zu versuchen, dass Geld so schnell wie möglich wieder zurück zu bekommen, lässt Mozart seinen Schuldnern alle Freiheiten und fragt nicht einmal nach, wann und ob er das Geld wieder bekommt. Mozart ist sich über seine finanzielle Lage nicht im Klaren und kann diese auch nicht besonders gut einschätzen, da sich Constanze zum größten Teil um das Geldgeschäft kümmert. So passiert es auch, dass er das geliehene Geld „mit lachender Großmuth, besonders wenn er meinte, gerade Überfluß zu haben“ (S. 232) einfach verschenkt. Hier wird die Gutmütigkeit Mozarts deutlich, die aber nicht nur positiv zu sehen ist, sondern ihn und seine Familie des öfteren in eine missliche Lage bringt. Denn wenn er das Geld an andere Personen verschenkt, fehlt es bei ihm zu Hause.

Mozart ist ein sehr gastfreundlicher Mensch.

Einen längst hergebrachten musikalischen Abend am Sonntag bei ihm, ein ungezwungenes Mittagsmahl an seinem wohlbestellten Tisch mit ein paar Freunden und Bekannten, zwei-, dreimal in der Woche, das wollte er nicht missen. (S. 230)

Man kann sagen Mozart nimmt das Leben so wie es kommt und handelt in einigen Fällen spontan. Er möchte nicht über alles was er macht nachdenken, sondern handelt so wie er sich gerade fühlt. Deshalb bricht er, als ihn der Graf von Schinzberg auf sein Schloss einlädt, auch seine Weiterreise ab und verschiebt sie auf den folgenden Tag.

Zum Leid Constanzes bringt Mozart öfters auch Besucher ins Haus, die er von der Straße wegholt und sie dann zum Essen oder zu einer Übernachtung zu sich nach Hause einlädt.

Mozart möchte überall dabei sein und alle Ereignisse aufsaugen. Er scheint von der Angst geplagt zu sein etwas zu versäumen, deswegen möchte er krampfhaft „nicht daran denken, was man verpaßt, verschiebt und hängen lässt.“ (S. 229) Auf den verschiedenen Feiern und Festen oder sogar im Alltag ist Mozart einem Glas Wein nicht ganz abgeneigt und trinkt des öfteren mal etwas. So legt sich Constanze, nachdem sie am Wirtshaus angekommen sind, müde von der langen Reise ins Bett, um sich auszuruhen. Mozart allerdings setzt sich zuerst einmal in die Stube und bestellt sich ein Glas Wein. So kann es auch mal passieren, dass er erst gegen drei Uhr in der Frühe nach Hause kommt, obwohl er anfangs vorhatte, nicht so lange zu bleiben.

Mozart scheint sich für die Vorkommnisse in seiner Familie kaum zu interessieren. Nach einem Streit kauft er für Constanze verschiedenes Gartenwerkzeug, um es auf dem erworbenen Landgrundstück benutzen zu können. Das dieses Grundstück aufgrund des Geldmangels schon längst wieder verkauft ist und sie sich nur durch den Verkauf über Wasser halten konnten, weiß Mozart nicht. Dies spricht zum einen für Mozarts Zerstreutheit, zum anderen für seine Naivität. Er blickt den Dingen nicht ins Auge. Mozart gibt mehr Geld aus, als er hat, lebt über seine Verhältnisse und gibt so vor jemand zu sein, der er nicht ist. So mag sein Verhalten nach außen gesehen von manchen als arrogant betrachtet werden. Als Mozart sich unerlaubterweise an dem Pomeranzenbaum des Grafen zu schaffen macht und vom Gärtner erwischt wird, greift er sofort in seine Tasche um diesen mit ein bisschen Trinkgeld zu besänftigen. Er muss allerdings feststellen, dass seine Taschen leer sind und er nicht das geringste an Geld mit sich trägt. Dem Gärtner geht es gar nicht um das Geld, er hat den Auftrag auf den Baum aufzupassen und ist an den Bestechungsversuchen Mozarts nicht interessiert. Mozarts Denk- und Handlungsweise sind so abgestimmt, sich unbedingt von dem Bürgertum abgrenzen zu wollen und sich einer anderen Gesellschaftsschicht anzuschliessen, die für ihn aufgrund seiner finanziellen Situation, unerreichbar scheint. Dieser Konflikt frisst an Mozarts geistiger sowie körperlicher Verfassung.

Zwischen der künstlerischen Notwendigkeit einer feudalen Verschwendungsökonomie und der sozialen Notwendigkeit einer bürgerlichen Ökonomie findet er keinen Ausgleich, so sehr er seiner bedürfte.[9]

Die Resultate seines Hanges zur Selbstverschwendung werden im weiteren Verlauf dieser Seminararbeit noch eingehend ausgearbeitet.

Nicht nur im finanziellen Bereich ist Mozart verschwenderisch. Auch seine Haltung und Verhaltensweisen spiegeln dies schon ganz am Anfang der Novelle wieder. So verschüttet er aus Unachtsamkeit ein Flakon mit kostbarem Riechwasser. Constanze ist außer sich, weil sie mit dem Parfüm sehr sparsam umgegangen ist, doch Mozart scheint der Verlust nicht viel auszumachen und besänftigt Constanze. Er ist der Meinung, dass der „Götter-Riechschnaps“ (S. 226) nur auf solche Weise zu etwas nütze gewesen ist. Er sieht nur das Positive an dem Ereignis und sieht es nicht ein, deswegen deprimiert zu sein und den Kopf hängen zu lassen. Er fühlt sich durch diese Menge an Parfüm, das durch dem Raum schwebt, neu belebt. Er genießt es, dass das Riechwasser den kompletten Wagen ausfüllt und erkennt nicht, dass ein Tropfen auch gereicht hätte, um einen schönen Geruch zu erzielen. Er rechtfertigt sich, indem er deutlich macht, dass seine Achtlosigkeit ihnen Kühlung in der Hitze verschafft hat. Man kann in der Flakonszene Parallelen zu dem Tintenfleck in Goethes Roman „Die Wahlverwandtschaften“ sehen. Hierzu muss man wissen, das Eduard Mörike Johann Wolfgang von Goethe sehr bewundert hat und ein großer Kenner seiner Literatur gewesen zu sein schien.[10] Die Protagonistin des Romans „Charlotte“ lässt ein Tintenfass über einen Brief fallen. Dadurch entsteht ein großer Fleck, der nicht mehr wegzuwaschen ist. Mozarts vergossenes Fläschchen und Charlottes Fleck sind beide Introduktionssymbole, die auf die weiteren Akte der Verschwendung im weiteren Handlungsverlauf hinweisen.[11]

Das Motiv des Ausströmens und Fließens soll Mozarts Lebens- und Schaffensweise kennzeichnen.[12]

2.2 Zwischen Realität und Fiktion

Die Art und Weise wie sich Mozart nach außen hin gibt und sein Ansehen in der Öffentlichkeit scheinen sehr wichtig für ihn zu sein. So entspricht allerdings oft das Bild, welches er der Gesellschaft zu vermitteln versucht, nicht dem der Realität. Mozart reist in einer gelbroten Kutsche mit Ledervorhängen und schmalen Goldleisten, nach außen hin also eine imposante Erscheinung.

In Wirklichkeit gehört Mozart die Kutsche aber gar nicht selbst, sondern ist „Eigenthum einer gewissen alten Frau Generalin Volkstett, die sich auf ihren Umgang mit dem Mozartischen Hause und ihre ihm erwiesenen Gefälligkeiten von jeher scheint etwas zu gut gethan zu haben.“ (S. 225) Die Kutsche ist also nur geliehen und muss wieder zurück gegeben werden. Geld um sich einen eigenen Wagen leisten zu können, hat Mozart nicht. Er hat Glück, dass ihm der Graf von Schinzberg bei seiner Abreise einen Wagen überlässt. „Wohlan so machen Sie mir das Vergnügen und behalten Sie ihn zu meinem Andenken.“ (S. 282)

Seine finanziellen Engpässe versucht er jedoch zu verheimlichen und versteckt sich hinter materiellen Dingen, mit denen er versucht sich von dem normalen Bürgertum abzuheben. Er möchte nach außen zeigen, dass er Erfolg hat und der Oberschicht angehört, was er aber nicht tut.

Auch sein äußeres Erscheinungsbild versucht er so zu manipulieren, dass sein Geldmangel nach außen hin nicht sichtbar wird. Die neuen Staatsgewänder hat er im Koffer gelassen, damit sie nicht dreckig werden. Es scheint also, als ob Mozart nur dieses eine etwas vornehmere Kleidungsstück besitzt, hätte er mehrere müsste er nicht so darauf aufpassen und müsste es nicht so lange aufsparen, bis er es anziehen kann. Er trägt nun eine gestickte Weste, die Constanze ihm ausgesucht hat, einen braunen Überrock mit Knöpfen durch „dass eine Lage röthliches Rauschgold durch sternartiges Gewebe schimmerte“ (S. 226) und Schuhe mit vergoldeten Schnallen. Nach außen hin mag die optische Gestalt Mozarts für den Laien recht wohlhabend und vornehmend scheinen. Rauschgold besteht jedoch aus ausgewalztem Messingblech und wird hauptsächlich für Dekorationen jeglicher Art verwendet[13]. Auch seine Schnallen sind nur vergoldet. Es handelt sich also in beiden Fällen nicht um richtiges Gold, sondern um kleine Abstufungen, die nicht annähernd den Wert von richtigem Gold besitzen. Mit diesen Details „versucht Mozart höfisch-repräsentativen Ansprüchen zu genügen, ohne die Zwänge eine bürgerlich-sparsamen Haushaltsführung verleugnen zu können.“[14] Sein Haar trägt er zu einem Zopf zusammengebunden, „von Puder entstellt“ (S. 226), allerdings nachlässiger als das man das normalerweise von ihm gewohnt ist. Man sieht also, dass Mozart wohl einige Zeit für seine Haarpflege aufbringt und in diesem Falle sehr eitel zu sein scheint. Der Zopf ist ein Symbol der Romantik und des 18. Jahrhunderts und seinen „veralteten politischen und sozialen Zustände“[15] Nicht nur optisch gibt Mozart vor jemand zu sein, der er in Wirklichkeit nicht ist. Wie zuvor beschrieben ist Mozart jemand, der gerne von Menschen umgeben ist und jederzeit für einen guten Witz zu haben ist. Die Realität sieht da aber anders aus. „In Gesellschaft noch zuweilen lustig, oft mehr als recht natürlich, war er zu Haus meist trüb in sich hinein, seufzte und klagte“ (S. 264). Mozart leidet unter seiner Lebensweise und den Ergebnissen seiner Verschwendungssucht. Auf diesen Aspekt wird im weiteren Verlauf dieser Arbeit noch näher eingegangen. Ihm ist es wichtig, was die Menschen über ihn sagen und denken und welche Wirkung er in der Öffentlichkeit erzielt. So bekommt er am Tag der Abreise von dem Grafen eine Kutsche geschenkt. Mozart freut sich sehr darüber.

[...]


[1] Mayer, Eduard Mörike, S.90.

[2] Zur Entstehungsgeschichte vgl. Erläuterungen und Dokumente, Eduard Mörike, Mozart auf der Reise nach Prag, hrsg. von Karl Pörnbacher

[3] Mayer, Eduard Mörike, S. 88 (Brief vom 6.5.1855 an Cotta; Seebaß I, S. 730)

[4] Eduard Mörike, Werke und Briefe, Historisch-kritische Gesamtausgabe, S. 194 f.

[5] Eduard Mörike, Werke und Briefe, Historisch-kritische Gesamtausgabe, S.195.

[6] Wild, Mörike Handbuch, S. VII

[7] Wild, Mörike Handbuch, S.199.

[8] Eduard Mörike, Werke und Briefe, Historisch-kritische Gesamtausgabe, hrsg. Hans-Henrik Krummacher; Herbert Mayer, Bernhard Zeller, Klett-Cotta, Stuttgart, 1967 ff., S. 230. Im folgenden wird nach dieser Ausgabe unter Angabe der Seitenzahl im laufenden Text zitiert.

[9] Braungart, Eduard Mörike: Mozart auf der Reise nach Prag. Ökonomie – Melancholie – Auslegung und Gespräch, S. 140.

[10] Wild, Mörike Handbuch, S. 33 ff

[11] vgl. Braungart, Eduard Mörike: Mozart auf der Reise nach Prag. Ökonomie – Melancholie – Auslegung und Gespräch, S. 141 f.

[12] Wild, Mörike Handbuch, S. 199

[13] Eduard Mörike, Werke und Briefe, Historisch-kritische Gesamtausgabe, Band 6.2, S.248.

[14] Braungart, Eduard Mörike: Mozart auf der Reise nach Prag. Ökonomie – Melancholie – Auslegung und Gespräch, S. 140.

[15] Grimm, Deutsches Wörterbuch, Bd. 32, Sp. 80.

Details

Seiten
20
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656419785
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v213722
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
2,0
Schlagworte
eduard mörike mozart reise prag prinzip selbstverschwendung

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Titel: Eduard Mörike - „Mozart auf der Reise nach Prag“