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Ödön von Horváth – „Don Juan kommt aus dem Krieg“. Don Juan und seine Frauen als Produkt ihrer Zeit

Hausarbeit 2009 17 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Zeitumstände und Figuren
1.1. Die Folgen des Krieges
1.2. Die Veränderung in der weiblichen Gesellschaft
1.3. Don Juan in der Zeit der Inflation

2. Don Juan und die Frauen
2.1. Ursache und Wirkung Don Juans erotischer Präsenz
2.2. Die Beziehung zwischen Don Juan und seinen Frauen

3. Der Tod und das Ende Don Juans

4. Zusammenfassung

5. Literatur- und Quellenverzeichnis

Einleitung

In meiner Seminararbeit möchte ich mich dem Schauspiel „Don Juan kommt aus dem Krieg“ von Ödön von Horváth aus dem Jahre 1936 widmen, das sich dem Sujet des „Don Juan Mythos“ zuwendet. Erstmals bei Tirso de Molina und dem „El Burlador de Sevilla y convidado de piedra“ aus dem Jahre 1613 hat sich die Figur des Don Juans über Jahrhunderte weiter entwickelt und unzähligen Interpretationen gebeugt.

Bei Horváth lernen wir einen erschöpften Don Juan kennen, der gerade vom Krieg nach Hause zurück gekehrt ist und sich auf die Suche nach seiner Braut, seinem Ideal, macht. Auf diesem Weg trifft er auf verschiedene Frauen und muss erkennen, dass sich diese in der Zeit des Krieges verändert haben. Im ersten Abschnitt meiner Seminararbeit sollen kurz die äußeren Folgen beschrieben werden, die ein Krieg, speziell der Erste Weltkrieg, mit sich gebracht hat. Danach soll anhand von einzelnen Textstellen aufgezeigt werden, inwiefern sich die Frauenfiguren in dem Stück, ihr Selbstbild, ihre Einstellung und ihre Beziehung zum Mann durch das Zeitgeschehen verändert haben. Im Anschluss soll Don Juan ihnen als männlicher Repräsentant gegenüber gestellt werden und ihn in der Zeit der Inflation beschreiben. Obwohl bei Horváth von dem alten Verführer nichts mehr zu erkennen ist, scheint Don Juans Anziehung auf die Damenwelt nicht gänzlich erloschen, denn sie verfallen ihm trotz geläutertem Selbstbild.

Der zweite Teil der Arbeit soll sich mit Don Juans erotischer Präsenz beschäftigen und klären, warum er es dennoch schafft, die Damenwelt von sich zu überzeugen. Wie kann es sein, dass ein Don Juan, der das Interesse an Frauen verloren zu haben scheint, dennoch so eine große Wirkung erzielt? Durch den Krieg und die kurze Zeit danach haben die Frauen gelernt, sich ohne Mann im Leben zurecht zu finden. Dennoch hat jede Einzelne einen anderen Grund, weshalb sie sich nach einem Mann wie Don Juan, sehnen. Durch seinen Ruf als stadtbekannter Verführer, der er aber nicht mehr ist, regt Don Juan die Phantasie der Frauen an. Die einzelnen Sehnsüchte der Frauen und was sie in Don Juan zu finden suchen, soll Schwerpunkt dieser Arbeit sein. Die Damen schaffen sich also ihren Don Juan, der ihnen das Leben erleichtern soll und projizieren ihre Wünsche auf ihn. Dadurch, dass Don Juan ihnen ihre Wünsche aber nicht erfüllen kann, benötigen sie ihn nicht mehr und schaffen ihn wieder ab, was somit das Ende Don Juans bedeutet. Die Arbeit soll sich mit diesem Aspekt beschäftigen und ihn anhand von Textstellen erklären. Der Abschluss der Arbeit soll sich mit dem Tode und dem Ende Don Juans auseinandersetzen. Als Don Juan vom Tode seiner Anna erfährt, bleibt er am Grab seiner Geliebten sitzen, bis er zugeschneit ist und letztlich erfriert. Es soll erläutert werden, in wie weit der Tod die einzige Konsequenz für Don Juan sein kann und welche Motive bereits im Text auf den Ausgang des Stückes hinweisen.

1. Zeitumstände und Figuren

Im Zentrum des Schauspiels stehen die Figuren des Don Juans und der Frauen, welche die Gesellschaft der Nachkriegszeit repräsentieren. Was der Krieg für äußere Folgen und welche Auswirkungen er in den Köpfen der Figuren bewirkt, soll im Folgenden beschrieben werden.

1.1. Die Folgen des Krieges

Ödön von Horváth hat mit seinem „Don Juan“ kein Historiendrama schaffen wollen, dennoch legt er in seinem Vorwort den Zeitraum, in dem das Theaterstück spielt, ziemlich genau fest: die Jahre von 1919 und 1923, die Zeit der großen Inflation. Direkt im ersten Akt des Stückes, welcher den Namen „Der Krieg ist aus“ trägt, erklärt die erste Soubrette im Fronttheater: „Heut ist ein historisches Datum. Um zwölf beginnt der Waffenstillstand.“[1] Horváth nimmt hier also eine zeitliche Konkretisierung vor und nennt den 11.11.1918, also die Unterzeichnung des Waffenstillstandsvertrags und somit das Ende des 1. Weltkrieges, als Beginn des Stückes.[2] Während dem gesamten Verlauf des Stückes tauchen immer wieder Hinweise und Motive auf, die sich auf die Situation der Nachkriegszeit beziehen.

So war diese Zeit geprägt von einer großen Suche nach Wohnungen. Viele Menschen hatten durch den Krieg ihr Dach über dem Kopf verloren und standen ohne Bleibe da. Hatte man eine Wohnung gefunden, musste man alles versuchen, um diese zu behalten.[3] So müssen auch die zwei Kunstgewerblerinnen im Stück alles daran setzen ihre Wohnung nicht mehr zu verlieren:

Zweite Nicht so laut! Die Nachbarschaft - - [...] Hörst du? Wir fliegen noch raus.

Erste gießt sich ein; leise Egal

Zweite Mir aber nicht! Bei dieser Wohnungsnot (S.52)

Durch den Ausnahmezustand in der ersten Zeit nach dem Krieg machte sich eine große Hungersnot breit. Häuser und Städte waren zerstört, Infrastrukturen lahmgelegt. Es gab kaum noch etwas zu Essen und wenn es etwas gab, war der Andrang so groß, dass nicht alle etwas davon bekommen konnten. So müssen auch im „Don Juan“ die Frauen, die in einer langen Schlange stehen, feststellen, dass der Krieg nicht nur Positives mit sich gebracht hat, wie ihnen anfangs versprochen wurde, sondern dass das Lebensmittelgeschäft, vor dem sie stehen, leer ist und es keine Lebensmittel mehr zu kaufen gibt: „Kein Brot, kein Salz, kein Fett - - ist das der Friede?“ (S.17) Auch nach dem Ende des Ersten Weltkrieges waren die Qualen der Menschen nicht vorbei. So hatten die Überlebenden des Krieges sich nun mit verschiedenen Krankheiten auseinanderzusetzen. Es kam zum Ausbruch einer Epidemie, die unzählige Menschen dahinraffte. Die „Spanische Grippe“ kostete allein im Herbst 1918 196.000 deutsche Bürger das Leben.[4] So erkennt die zweite Prostituierte im Stück verschiedene Symptome der Krankheit bei Don Juan und macht ihn darauf aufmerksam: „Hast du Fieber? Gib acht, es grassiert eine geheimnisvolle Krankheit und die Leut sterben, wie die Fliegen. Es ist alles verseucht und die Bazillen liegen in der Luft, man nennts die Grippe, aber es ist die Pest. Fühlst du dich matt?“ (S.23) In der Tat erkrankt Don Juan im Verlauf des Stückes und muss sogar für einige Zeit im Krankenhaus bleiben.

Ein weiteres Resultat, welches der Krieg mit sich gebracht hat, ist die Entwertung des Geldes. Die Reichsmark verlor an Wert, von lang Erspartem konnte man plötzlich nichts mehr kaufen. Die Menschen mussten lernen in Armut zu leben und mit dem Verlust ihres Wohlstandes klar zu kommen. Dass die Inflation auch vor Menschen keinen Halt macht, denen Geldsorgen vorher fremd waren, zeigt sich am Beispiel der Witwe des Professors, die Horváth als „Opfer der Inflation“ (S.35) bezeichnet. Sie ist aus finanziellen Nöten gezwungen „die Leuchter zu versetzen“ (S.35) und ein Zimmer zu vermieten, um wieder etwas Geld zu verdienen. Die finanzielle Absicherung und Sicherheit ist verloren, der nächste Morgen geplagt von Ungewissheit, was man für sein Restgeld noch erstehen kann. Dies muss die Professorenwitwe am eigenen Leib spüren: „Wir haben noch 17 Milliarden [...] Ich häng mich auf.“ (S.35)

1.2. Die Veränderung in der weiblichen Gesellschaft

All diese Faktoren, wie Hunger und Armut, führten allerdings nicht nur zu einer veränderten Lebensweise, sondern auch zu einer Veränderung in den Köpfen der Menschen. So war diese Zeit nicht nur von der Entwertung des Geldes geprägt, sondern auch von einer Verschiebung aller Werte und einer daraus resultierenden Umschichtung der Gesellschaft.[5]

Horváth benennt dies als „Zeit, in der sich politisch, aber auch im banalsten Sinne des Wortes, alle Werte verschoben haben.“(S.11) In „Don Juan kommt aus dem Krieg“ widmet sich Horváth also der Thematik des Ersten Weltkrieges und der Nachkriegszeit und schildert anhand seiner Figuren im Stück, welche Spuren der Ausgang des Krieges auf das Leben und die geistige sowie soziale Entwicklung der Menschen hinterlässt. Horváth hat versucht „einen Don Juan unserer Zeit“ (S.11) zu gestalten, der durch den Krieg und die Inflation moralisch und sittlich veränderte Werte vorfindet. Die Gesellschaft, die nur von Frauen repräsentiert wird, denn Don Juan ist die einzige männliche Figur in dem gesamten Stück, scheint durch den Krieg verändert. Nicht nur Soldaten, die aktiv am Krieg beteiligt waren, sondern auch die Bevölkerung, also die Frauen, die zu Hause bleiben mussten, haben in ständiger Angst und Sorge um sich und ihre Männer eine Veränderung durchlebt. Auf sich allein gestellt mussten sie lernen für sich selbst zu sorgen, sich der Situation anzupassen. Diese Veränderungen zeigt Horváth in seinem Stück in ganz unterschiedlichen Varianten. Von der Kunstgewerblerin, die auch in der Liebe gelernt hat ohne Männer zu leben, bis hin zu den Frauen, wie die Professorenwitwe, die ohne ihren Mann hilflos zu sein scheinen. Die Nachkriegszeit war für Frauen voller Spannungen und Schwierigkeiten. Frauen gewannen und verloren zugleich; sie fanden zwar zu neuen Einstellungen zu Arbeit und Familie, doch wurden beide Positionen zugleich auch konfliktreicher.[6]

Die Witwe des Professors, die Don Juan ihr Zimmer vermietet, kommt ohne ihren Mann nicht zurecht. Man erfährt von der Tochter, dass die Mutter gar nicht weiß, „wie ein Büro aussieht“ (S.39), da der Vater vor dem Krieg immer für die Familie gesorgt hat und die Mutter sich deshalb um nichts kümmern musste. Ihr fällt es schwer, mit dem durch die Inflation verbliebenen Geld zu wirtschaften. Auch die Erziehung ihrer beiden Töchter bereitet ihr ersichtliche Probleme. Dies äußert sich in den Vorwürfen der zweiten Tochter, dass sie nicht studieren konnte, als noch genügend Geld da war, spricht sie mit „Frau Professor“ an und macht ihr somit deutlich, dass sie in ihrem Leben nicht mehr erreicht hat, als einfach nur Ehefrau eines Professors zu sein. Die Mutter muss einsehen, dass sie als Alleinerziehende versagt hat und erklärt das Verhalten ihrer Tochter Don Juan gegenüber mit: „Man merkts, dass der Vater bei der Erziehung gefehlt hat.“ (S.40) Wie man die Professorenwitwe als Opfer der Inflation bezeichnen kann, gibt es auch Inflationsgewinner. Die Gouvernante, die Filmschauspielerin, die Freundin eines Pferdehändlers und die Dentistin sitzen zusammen in der Wohnung der Ersten und trinken Tee mit Zucker und Rum. So unterscheidet sich die Dentistin von der Gouvernante dadurch, dass sie ihr Geld und Ansehen nicht durch ihren Ehemann verdient, sondern nach einer dreijährigen Lehrzeit, dreijähriger Assistentenzeit mit einjährigem Studium, einen Beruf gelernt hat und selbst für ihr Einkommen verantwortlich ist.[7] Obwohl sie aus unterschiedlichen Gründen zu Wohlstand geraten sind, haben sie eine Gemeinsamkeit: Sie sind alle Don Juan verfallen und treffen sich regelmäßig abwechselnd mit ihm. Sie alle scheinen Don Juan an seine Braut, sein Ideal zu erinnern. Die Dentistin kann mit dieser Situation nicht umgehen, wirft sich hysterisch auf das Bett und versucht den anderen Frauen die Augen zu öffnen: „[...]er hat seine Freude daran, wenn er uns drunten sieht, aber das Furchtbarste ist, daß wir uns selber erniedrigen.“ (S.43) Obwohl die Dentistin die Erniedrigung Don Juans den Frauen gegenüber erkennt, kann sie sich nicht völlig von ihm lösen und bleibt genau wie die anderen eine von seinen „Affären“.

[...]


[1] Horváth, Ödön von, Don Juan kommt aus dem Krieg, Kommentierte Werkausgabe in Einzelbänden, Band 9, (hrsg.) Traugott Krischke, Frankfurt am Main, 2001, S.16. Im folgenden wird nach dieser Ausgabe unter Angabe der Seitenzahl im laufenden Text zitiert.

[2] Materialien zu Ödön von Horváth, hrsg. von Traugott Krischke, Frankfurt am Main, 2001, S. 151.

[3] ebd., S.163. Noch während des 1. Weltkrieges wurde versucht, durch gesetzliche Regelungen (preuß. „Wohnungsgesetzt“ vom 28.3.1918) der Wohnungsnot Herr zu werden.

[4] ebd., S.151.

[5] ebd., S.145.

[6] Bossinade, Johanna, „Vom Kleinbürgertum zum Menschen. Die späten Dramen Ödon von Horváths“, Bonn 1988, S.60.

[7] vgl. Materialien zu Ödön von Horváth, hrsg. von Traugott Krischke , S.148.

Details

Seiten
17
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656419518
ISBN (Buch)
9783656421405
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v213720
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
2,0
Schlagworte
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