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Gibt Gazprom Gas?

Die Energiesicherheit der Europäischen Union, Russland und der Kaspische Raum

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 23 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Frieden und Konflikte, Sicherheit

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1.0 Einleitung

2.0 Die Geopolitik des Kaspischen Raumes
2.1 Der Akteur Europäische Union (EU)
2.1.1 Strategie und Interessen
2.2 Der Akteur Russische Föderation
2.2.1 Strategie und Interessen

3.0 Schlussfolgerungen: Zwei Zukunftsszenarien

Literaturverzeichnis

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1.0 Einleitung

,,Gazprom ist ein machtvoller politischer und ökonomischer Einflusshebel gegenüber dem Rest der Welt“[1], sprach der damalige russische Präsident Vladimir Putin 2003 auf der Jubiläumsfeier des Staatskonzerns. Dieser Einflusshebel wurde in den letzten Jahren wiederholt gegen Staaten eingesetzt, die sich aus der russischen Einflusssphäre lösen und in die EU integrieren wollten: Ukraine (2006, 2007, 2008 ff. ?) und Georgien (2007).

Die Europäische Union selbst ist hochgradig von russischen Erdgasimporten abhängig.

Diese Importabhängigkeit wird zu einem sicherheitspolitischen Problem, wenn der Lieferant Energielieferungen einsetzt, um die Konsumenten zu zwingen, seinem politischen Willen Folge zu leisten – oder jedenfalls nicht zu widerstehen.[2]

Deshalb hat sich die EU, spätestens seit dem russisch-ukrainischen ,,Gaskrieg“ 2006, um die Diversifizierung ihrer zukünftig noch mehr steigenden Erdgasimporte bemüht. Hierzu kommen theoretisch mehrere Lieferregionen in Frage: Naher und Mittlerer Osten, Nordafrika und der Kaspische Raum. Die ersten beiden sind jedoch politisch höchst instabil – noch instabiler als Russland. Folglich gewinnt der Kaspische Raum eine große Bedeutung für die Energiesicherheit der EU.

Unter dem Kaspischen Raum werden in dieser Arbeit die ehemaligen sowjetischen Republiken Aserbaidschan, Kasachstan, Turkmenistan und Usbekistan verstanden.[3] Die drei erstgenannten liegen am Kaspischen Meer, das an Kasachstan und Turkmenistan angrenzende Usbekistan liegt mitten in Zentralasien. Der Kaspische Raum wird hier also geopolitisch definiert[4]: Er umfasst die Länder Zentralasiens und des Südkaukasus, die über umfangreiche Energierohstoffe – vor allem Gas – verfügen und damit potentiell als eine strategisch wichtige Diversifizierungsquelle für die EU dienen können.

Folglich stellt diese Arbeit die folgende Forschungsfrage, die im Untersuchungszeitraum von 1991 bis 2009 analysiert wird (mit besonderem Fokus auf die Jahre seit dem Amtsantritt Putins 2000):

(1) Welche strategische Lage ergibt sich für die EU im Hinblick auf die Kontrolle der Gasförderung und vor allem der Gaspipelines im Kaspischen Raum?

Die Antwort auf diese Frage ergibt sich aus der Beantwortung der beiden Unterfragen:

(a) Welche politischen und wirtschaftlichen Interessen verfolgen die EU und Russland im Kaspischen Raum?
(b) Was sind die politischen, wirtschaftlichen und militärischen Mittel, mit denen die Interessen verfolgt werden?

Die empirische Beantwortung dieser Fragen wird im Kapitel 2.0 Die Geopolitik des Kaspischen Raumes vorgenommen, um schließlich die Antwort auf die Forschungsfrage zu formulieren. Dabei werden die politischen und wirtschaftlichen Interessen der EU und Russlands und ihre Strategien für den Kaspischen Raum stets in einem allgemeineren Rahmen, nämlich im Zusammenhang mit den Energiestrategien der Europäischen Kommission und Russlands, analysiert.

Ausgehend von der Beantwortung der Forschungsfrage werden schließlich unter

3.0 Schlussfolgerungen: Zwei Zukunftsszenarien zwei Szenarien vorgestellt, die die möglichen politischen Folgen der Importabhängigkeit der EU von russischen Erdgaslieferungen bis ins Jahr 2020 darstellen und Politikempfehlungen an die Europäische Union formulieren, welche dazu dienen, das Eintreffen des für die EU vorteilhafteren Zukunftsentwurfs zu befördern.

Karte 1: Der Kaspische Raum[5]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.0 Die Geopolitik des Kaspischen Raumes

2.1 Der Akteur Europäische Union (EU)

2.1.1 Strategie und Interessen

Mit Hilfe der vorgestellten Analyseinstrumente sollen nun die Bedeutung der Energiesicherheit für die Europäische Union (EU) im Hinblick auf den Energieträger Gas und ihre Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen dargestellt werden. Vor diesem Hintergrund werden dann die Energiestrategie der EU und ihre politischen und wirtschaftlichen Interessen im Kaspischen Raum vorgestellt.

Der Begriff der Energiesicherheit stellt aus der Perspektive des Konsumenten von Energielieferungen (also der EU) eine ununterbrochene, für den eigenen Verbrauch ausreichende Versorgung mit Energierohstoffen zu möglichst günstigen Preisen dar.[6]

Die Europäische Kommission hat sich mit der Energiesicherheit der EU in ihren beiden Grünbüchern auseinandergesetzt, die eine Energiestrategie für die Europäische Union formulieren.[7] Hierbei stellte sie fest, dass die Erdgasreserven der EU – die unter den gegenwärtigen technischen und ökonomischen Bedingungen förderbare Menge an Erdgas – nur noch bis 2020 reichen.[8] Unter den Bedingungen des prognostizierten steigenden Erdgasverbrauchs in der EU[9] und der zurückgehenden eigenen Förderung wächst die Importabhängigkeit (in Prozent % zum eigenen Bedarf) von 40 % (1999) auf 70% (2020).[10] 41% der Erdgas importe der EU wiederum kamen 1999 aus Russland, 2020 werden es rund 60% sein.[11] Damit würde der russische Anteil an den EU – Gasimporten allerdings stagnieren: Schon 2006 lag dieser bei 60 % Prozent.[12]

Die Importabhängigkeit der EU von Russland ist jedoch nicht nur auf den steigenden Gaskonsum und die sinkende Produktion im EU-Binnenraum zurückzuführen.

Wesentlich ist vielmehr, dass es keinen globalen Gasmarkt gibt. Der Gasmarkt stellt ein regionales Oligopol dar – der Erdgastransport ist an Pipelines gebunden, die wiederum über Jahrzehnte betrieben werden müssen, damit sich die hohen Baukosten amortisieren.[13] Deswegen werden auch langfristige Verträge zwischen Produzent und Konsument geschlossen.[14] Die Europäische Union ist an das russische Pipelinenetz und die Lieferverträge gebunden.

Zwar deuten Prognosen darauf hin, dass bis 2020 Flüssiggasimporte (liquified natural gas, LNG) gegenüber den gewöhnlichen Pipelineexporten konkurrenzfähig werden. So könnte die EU Gas vermehrt aus dem Nahen und Mittleren Osten, Algerien und Libyen, oder Nigeria beziehen – und die Importabhängigkeit von Russland verringern.[15] Dabei entsteht aber mit hoher Wahrscheinlichkeit eine neue Abhängigkeit der EU – nämlich von den Ländern Nordafrikas.[16] Eine Abhängigkeit von Staaten, deren politische Instabilität noch höher als die Russlands ist, dürfte jedoch nicht im Interesse der EU sein.

Folgerichtig sieht die Europäische Kommission den Kaspischen Raum als eine strategisch wichtige Quelle der Diversifizierung an.[17]

Vor dem Hintergrund der weltweit wachsenden Gas – und Energienachfrage und der sich verschärfenden Konkurrenz zwischen den Wirtschaftsmächten und Energieimporteuren USA, Japan, China und Indien um die globalen Energierohstoffe[18] hat die EU im Kaspischen Raum einen Wettbewerbsvorteil gegenüber den genannten Konkurrenten:

Der Kaspische Raum liegt geographisch betrachtet nah an der Europäischen Union, gleichzeitig ist die EU als der weltgrößte Erdgasimporteur ein lukrativer Markt für Aserbaidschan, Kasachstan, Turkmenistan und Usbekistan – ökonomisch gesehen lohnt es sich, Pipelines in die EU zu bauen.[19]

[...]


[1] Zit. nach Fredholm 2005:19. Eigene Übersetzung.

[2] Vgl. Fredholm 2005:13.

[3] Siehe Karte 1: Der Kaspische Raum auf der nächsten Seite.

[4] Vgl. Aydın 2004:3.

[5] Karte aus: http://www.bgr.bund.de/nn_322848/DE/Themen/Energie/Projekte/Erdoel/Projektbeitraege/Vortrag__RessourcenimKaukasus.html (Kaukasus-Region) , eingesehen am 20.11.2009.

[6] Vgl. Monaghan 2005:3.

[7] Vgl. Europäische Kommission 2000; Europäische Kommission 2006.

[8] Vgl. Europäische Kommission 2000:19.

[9] Vgl. IEA 2008:110. Die Nachfrage nach Gas steigt in der EU im Zeitraum 2006-2030 jährlich durchschnittlich um 1% Prozent. Dies ergibt eine Steigerung der Nachfrage von 24% Prozent im Jahr 2030 im Vergleich zum Jahr 2006. Diese Schätzung der International Energy Agency ist noch als eher konservativ anzusehen.

[10] Vgl. Europäische Kommission 2000:24.

Die Europäische Kommission legte einen unverbindlichen Schwellenwert von 30 % Prozent des gesamten Erdgasbedarfs eines EU – Staates fest, ab dem die Energiesicherheit als gefährdet gilt.

Vgl. Nabiyev 2003:341-342.

[11] Vgl. Europäische Kommission 2000:45. Diese Prognose berücksichtigt allerdings nicht die russische Energiestrategie. Diese prognostizieren, dass der russische Anteil an den EU-Gasimporten im Jahr 2020 sinkt. Siehe 2.3 Der Akteur Russische Föderation (RF), 2.3.1 Strategie und Interessen. Siehe auch FN 17.

[12] Vgl. Rempel u.a. 2007 :434.

[13] Vgl. Europäische Kommission 2000:44.

[14] Vgl. Abdolvand/Adolf/Sadeg-zadeh 2006:473.

[15] Vgl. Europäische Kommission 2000:24-25; Europäische Kommission 2006:17;

Abdolvand/Adolf/Sadeg-zadeh 2006:474-475.

[16] Gemäß den Prognosen der IEA von 2008 wird der Anteil der (nord)afrikanischen Staaten (d.h. der Maghrebstaaten und Nigerias) an den EU-Gasimporten 2030 bei 54 % Prozent liegen, der russische Anteil – entgegen den EU-Prognosen – aber nur noch bei 32 % Prozent. Vgl. Götz 2009a:8.

[17] Vgl. Europäische Kommission 2000:28.

[18] Vgl. Khanna 2008:31; 34. Diese Rohstoffe sind dazu noch stark auf eine wenige Länder konzentriert:

14 Länder im Nahen und Mittleren Osten, Nordafrika, Russland und dem Kaspischen Raum verfügen über

73 % der weltweiten Gasreserven. Vgl. Brockmann 2009:7.

[19] Vgl. Nabiyev 2003:394-395.

Details

Seiten
23
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656419891
ISBN (Buch)
9783656420699
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v213683
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft
Note
2,0
Schlagworte
gibt gazprom energiesicherheit europäischen union russland kaspische raum

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Titel: Gibt Gazprom Gas?