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Die normative Konzeption der Öffentlichkeit Jürgen Habermas’ und die Machtanalytik Foucaults

Öffentlichkeit, Macht und die Öffentlichkeit der Macht.

Hausarbeit 2008 21 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.0 Einleitung

2.0 Die Konstituierung der Öffentlichkeit als moralisch-praktischer Diskurs
2.1 Formalpragmatische Grundlagen
2.2 Die Diskursethik
2.3 Lebenswelt, System und der systemtheoretische Machtbegriff

3.0 Die Machtanalytik Foucaults
3.1 Die Disziplinarmacht
3.2 Die Machtanalytik und das normative Kriterium

4.0 Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1.0 Einleitung

Der Erosion der bürgerlichen Sphäre der Öffentlichkeit, als vom Staat und den ökonomischen Zwängen freie Zusammenkunft der (ideell) Gleichen folgte die Rekonstruktion des Begriffes der Öffentlichkeit in der modernen politischen Theorie. Die einflussreichste Reformulierung stammt von Jürgen Habermas. In der Theorie des kommunikativen Handelns stellt Habermas sein normatives Konzept der Öffentlichkeit vor, das für seine weiteren Werke prägend bleibt.[1] Die Öffentlichkeit ist demnach eine besondere Sphäre der kommunikativen Vernunft und des freien Diskurses der Gleichen, in welchem nur die Macht des besseren Argumentes obsiegen sollte.

Was ist jedoch mit der Macht, deren Einwirkungen es zu vermeiden gilt? Die mit den Mitteln der Überredung, der Gewalt, des Zwanges, der Sanktion operiert? Oder – nach Foucault - die im Diskurs selbst zu lokalisieren ist und diesen deformieren kann – statt eines rationalen Konsenses ein Konsens auf der Grundlage der Wirkungen der Macht?

Mit anderen Worten: Inwiefern werden die Wirkungen der Macht in der normativen Konzeption der Sphäre der Öffentlichkeit der Theorie des kommunikativen Handelns berücksichtigt?

Um diese Fragestellung zu untersuchen, werde ich zunächst die philosophischen Grundlagen der Öffentlichkeitskonzeption von Habermas besprechen (Formalpragmatik und Diskursethik), um dann zu betrachten, inwiefern die reichhaltige Machtkonzeption, die auf dieser Ebene besteht, auch auf der Ebene der Gesellschaftstheorie (Lebenswelt und System) erhalten bleibt. Dabei wird sich allerdings feststellen lassen, dass hier eine folgenreiche Verengung des Machtkonzeptes stattfindet, die dazu führt, dass die normative Konzeption der Öffentlichkeit an ihrem empirisch – gesellschaftskritischen Potential einbüßt.

Im zweiten Teil der Arbeit wird das Machtkonzept von Foucault vorgestellt, in der Absicht, Normativität und Empirie wieder zusammen zu bringen und das empirisch – gesellschaftskritische Potential der normativen Konzeption der Öffentlichkeit zu erhöhen. Nun aber ergibt die Untersuchung der Widersprüche der Machtkonzeption Foucaults, dass ihr das normative Kriterium für eine Kritik der Macht fehlt. In einem letzten Schritt (Schlussbetrachtung) werden die normative Konzeption der Öffentlichkeit Habermas’ und die Machtkonzeption Foucaults zusammengebracht. Normativität und Empirie finden wieder zueinander.

2.0 Die Konstituierung der Öffentlichkeit als moralisch – praktischer Diskurs

2.1 Formalpragmatische Grundlagen

Der Begriff der Öffentlichkeit in Habermas ,,Theorie des kommunikativen Handelns’’[2] basiert nicht auf spezifischen, historischen Institutionen. Vielmehr ist die Begriffsdefinition so angelegt, dass sich die Grundintention des Werkes von Habermas: Die Begründung des sozialen Handelns durch eine Handlungskoordinierung auf der Grundlage der Verständigung in ihr spiegelt.[3] Aus diesem Grund gibt Habermas in der TKH keine Öffentlichkeits definition. Die Öffentlichkeit lässt sich vielmehr als ein moralisch – praktischer Diskurs begreifen, in welchem Individuen einen Konsens darüber herstellen, welche Normen ihr gesellschaftliches Zusammenleben regeln sollen.[4]

Normen sind verallgemeinerte Chancen legitimer Bedürfnisbefriedigung.[5] Schon diese Definition von Habermas impliziert eine Angabe von Gründen für die faktische Geltung von Normen. Die Hinterfragung dieser Geltung verlangt die Angabe von Gründen, warum eine Norm gültig sein soll – warum die kritisierte Norm den Anspruch erheben kann, Bedürfnisse der Allgemeinheit zu befriedigen. Kritisierbarkeit setzt Rationalität voraus. Rationalität meint, dass Wissen methodisch erworben werden kann. Praktische Fragen können also rational entschieden werden können. Rationalität ist untrennbar mit der Sprache verbunden. Gründe gelten intersubjektiv.[6]

Ein Sprecher kann mit seiner Äußerung einen Geltungsanspruch auf Wahrheit, Richtigkeit oder Wahrhaftigkeit erheben. Er kann sich sprachlich auf etwas beziehen, was in der objektiven Welt der Sachverhalte existiert, darauf dass eine bestimmte Norm in der sozialen Welt der legitim geregelten interpersonalen Beziehungen gelten soll, oder, dass er seine eigenen Gefühle oder Absichten, die nur ihm in der subjektiven Welt zugänglich sind, wahrhaftig zum Ausdruck bringt.[7]

Dies kann der Adressat mit einer ,,Nein – Stellungsnahme’’ bestreiten. Wenn er zu einem erhobenen Geltungsanspruch mit ,,Ja’’ Stellung nimmt, geht er nicht nur davon aus, dass die Erfüllungsbedingungen als erfüllt anzusehen sind, er kennt z.B. nicht nur die generellen Bedingungen, welche dafür vorliegen müssen, dass eine Norm Anwendung findet. Der Adressat sieht vielmehr auch die Akzeptabilitätsbedingungen als erfüllt an. D.h., der Sprecher kann (potentiell) die Gründe dafür liefern, dass eine bestimmte Norm gerade in dieser Situation, über die sich Sprecher und Hörer verständigen, gilt.[8]

Einen Geltungsanspruch erhebt der Sprecher mit einem illokutionären Akt – er handelt, indem er spricht. Er behauptet, verspricht etwas etc. . Für diese Behauptung, dieses Versprechen muss er Gründe liefern – nur dann kann der Hörer ihn verstehen.[9]

Deshalb geht Habermas von der formalpragmatischen Analyse der Sprechakte aus. Sprechakte sind ,,Grundeinheiten der sprachlichen Verständigung’’, mit denen eine sprachliche Handlung vollzogen wird. Die Pragmatik behandelt die gesellschaftliche Dimension der Sprache – Sprache, wenn sie z.B. gebraucht wird, um an Aktoren zu appelieren (Geltungsanspruch auf Richtigkeit).[10] Wenn der Hörer einen Geltungsanspruch akzeptiert, geht er potentiell eine Handlungsverpflichtung ein. Diese beruht auf rationaler Motivation. Handlungskoordinierung kann nun auf der Grundlage des Konsenses stattfinden: Der Anschluß von Handlungen an Handlungen (soziales Handeln) wird ermöglicht.[11] Wenn Sprache dazu dient, über Verständigung – Erzeugung einer gemeinsamen Situationsdefinition – ein Einverständnis über einen Geltungsanspruch zu erzielen und auf dieser Basis die Handlungen zu koordinieren, kann man vom kommunikativen Handeln sprechen. Im kommunikativen Handeln können sich die Aktoren auf alle drei Welten beziehen. Jeder Sprechakt kann potentiell unter allen Geltungsansprüchen behandelt und zurückgewiesen werden.[12]

Laut Habermas wohnt der Sprache selbst das Ziel der Verständigung inne (s.u.). Kommunikatives Handeln wird mit verständigungsorientiertem Handeln gleichgesetzt.[13]

Eine andere Art der Handlungskoordination ist das erfolgsorientierte Handeln.

Als das Gegenpart des kommunikativen Handelns kann hier das strategische Handeln betrachtet werden.[14] Es geht um eine empirische Einflußnahme auf den Willen des anderen Subjektes. Beim strategischen Handeln berücksichtigt der Aktor die Entscheidungen der anderen Aktoren, indem er sie als Randbedingungen für die Verwirklichung seines Ziels betrachtet. Über Gratifikationen oder Sanktionen kann der Anschluß einer Handlung an die andere erreicht werden.[15]

Diesem erfolgsorientieren Handeln entspricht eine erfolgsorientierte Einstellung seitens des Aktors. Dieser orientiert sich allein an den Konsequenzen der Handlung. Er setzt seine Interessen durch, ohne bei seiner Bedürfnisinterpretation die Bedürfnisse des Anderen zu berücksichtigen. Ein strategisches Modell der Handlungskoordination definiert sich über egozentrische Nutzenkalküle, die ineinandergreifen.[16] Nun kann aber auch strategisches Handeln auf die Sprache zugreifen. Freilich wird hier die Sprache selbst als ein Mittel eingesetzt. Die Aktoren haben nicht Verständigung zum Ziel, sondern wollen etwas in der Welt bewirken, in die sie intervenieren (ob es die objektive oder die soziale ist).[17] Sie haben ein nur ihnen bekanntes Ziel, das aus dem Inhalt des Sprechaktes nicht hervorgeht. Indem sie einen illokutionären Akt vollziehen, wollen sie einen perlokutionären Effekt erzielen. Konstitutiv für einen Erfolg des strategisch Handelnden bleibt allerdings der illokutionäre Akt. Der Hörer muss zunächst verstehen: Ohne Verständigung, sind auch solche strategischen Einflußversuche nicht erfolgreich.[18]

Strategische Handlungen bringen Erscheinungsformen der Macht zum Vorschein. Diese Handlungen zeichnen sich nämlich durch asymmetrische Interaktionen aus, die durch fehlende Gegenseitigkeit gekennzeichnet sind.[19] Die Handlungsintentionen bleiben verborgen, ein Austausch von Gründen findet nicht statt – stattdessen: Empirische Einwirkung auf den Willen des Anderen durch Sanktionen oder Einfluß. Einfluß ist also eine Erscheinungsform der Macht.[20] Macht kann natürlich auch schlicht in der Form von Gewalt aufteten (zweite Erscheinungsform) – in einfachen Imperativen beispielsweise, die die Akzeptabilitätsbedingungen nicht erfüllen.

[...]


[1] Vgl. D. R.Villa, Postmodernism and the Public Sphere, in: American Political Science Review (APSR) 86:3

(September 1992), S. 712 – 721, hier S. 712.

[2] Im folgenden: TKH.

[3] Vgl. J. Habermas, Erläuterungen zum Begriff des kommunikativen Handelns, in: Ders., Vorstudien und Ergänzungen zur Theorie des kommunikativen Handelns, 2. Aufl., Frankfurt a.M. 1986, S. 571 – 606, hier S. 601.

[4] Vgl. S. Benhabib, Models of Public Space: Hannah Arendt, the Liberal Tradition, and Jürgen Habermas, in:

C. Calhoun (Hrsg.), Habermas and the Public Sphere, Cambridge, MA. u.a. 1992, S. 73 – 98, hier S. 87.

[5] Vgl. J. Habermas / N. Luhmann, Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie? Eine Auseinandersetzung mit Niklas Luhmann, Frankfurt a.M. 1971, S. 251.

[6] Vgl. J. Habermas, Theorie des kommunikativen Handelns. Band 1. Handlungsrationalität und gesellschaftliche Rationalisierung, 4., durchgesehene Aufl., Frankfurt a.M. 1987, S. 35.

[7] Ebd., S. 149.

[8] Vgl. J. Habermas, Theorie des kommunikativen Handelns. Band 1, a.a.O., S. 400.

[9] Ebd., S. 389.

[10] Vgl. A. Hasse, “Pragmatik’’, in: W.Fuchs u.a. (Hrsg.), Lexikon zur Soziologie, 2., verbesserte und erweiterte Aufl., Opladen 1978, S. 586.

[11] Vgl. J. Habermas, Theorie des kommunikativen Handelns. Band 1, a.a.O., S. 399.

[12] Ebd., S. 412.

[13] Vgl. G. Dux, Kommunikative Vernunft und Interesse. Zur Rekonstruktion der normativen Ordnung egalitär und herrschaftlich organisierten Gesellschaften, in: A. Honneth u.a. (Hrsg.), Kommunikatives Handeln. Beiträge zu Jürgen Habermas’ ,,Theorie des kommunikativen Handelns’’, Frankfurt a.M. 1986, S. 110 – 143, hier S. 110.

[14] Das zweckorientierte Handeln gehört zum erfolgsorientierten Handelns: Anwendung von in einer Situation jeweils erfolgsversprechenden Mitteln. Es bezieht sich aber nicht auf den Willen des anderen Subjekts. Vgl. J. Habermas, Erläuterungen zum Begriff des kommunikativen Handelns, a.a.O., S. 574 – 575.

[15] Ebd.

[16] Ebd., S. 577.

[17] Vgl J. Habermas, Theorie des kommunikativen Handelns. Band 1, a.a.O., S. 394 - 395.

[18] Ebd.

[19] Vgl. J. Habermas, Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie? , a.a.O., S. 254.

[20] Vgl. J. Habermas, Entgegnung, in: A. Honneth u.a. (Hrsg.), Kommunikatives Handeln, a.a.O., S. 327 – 405, hier S. 372.

Details

Seiten
21
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656422365
ISBN (Buch)
9783656422297
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v213679
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
konzeption öffentlichkeit jürgen habermas’ machtanalytik foucaults macht

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