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Die Europäische Zentralbank. Geschichte, Struktur, Strategie und geldpolitisches Instrumentarium

Hausarbeit 2012 28 Seiten

BWL - Bank, Börse, Versicherung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

II. Abbildungsverzeichnis

III. Tabellenverzeichnis
1. Einleitung
2. Geschichte der EZB – Die drei Stufen der Währungs- und Wirtschaftsunion (WWU)
3. Institutioneller Aufbau der EZB
4. Die Geldpolitischen Ziele und Strategie der EZB
5. Geldpolitische Maßnahmen der EZB
5.1 Offenmarktgeschäfte
5.1.1 Haupt- und längerfristige Refinanzierungsgeschäfte
5.1.2 Feinsteuerungsoperationen
5.1.3 Strukturelle Operationen
5.2 Ständige Fazilitäten
5.2.1 Wirkung der ständigen Fazilitäten
5.3 Mindestreservepolitik
5.3.1 Wirkung der Mindestreservepolitik
6. Kritik an den geldpolitischen Maßnahmen

IV. Quellenverzeichnis

V. Anhang

II. Abbildungsverzeichnis

Abb. 1 Zwei-Säulen-Strategie

Abb. 2 Zeitlicher Verlauf des Standardtender

Abb. 3 Verfahrensschritte bei Tenderverfahren

Abb. 4 Zeitlicher Ablauf des Schnelltender

Abb. 5 Veränderung des Zinskanals von 1999 bis 2009

Tabellenverzeichnis

Tab. 1 Zuteilungsbeispiel Mengentender

Tab. 2 Zuteilungsbespiel Zinstender

Tab. 3 Aktive Geldschöpfung im Geschäftsbankensystem

Tab. 4 Sicherheiten…

Tab. 5 Zinssätze zur Mindestreserve 2012

1. Einleitung

Auf Grundlage des Vertrages zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft wurde am 01. Juni 1998 das Europäische System der Zentralbanken (ESZB) gegründet.[1] Dieses System setzt sich aus den nationalen Zentralbanken sowie der supernationalen Europäischen Zentralbank (EZB) zusammen. Ziel dieses Systems, dem die EZB federführend vorsteht, ist die Organisation der Geldpolitik im Euroraum. Es soll die Aufgaben, die zuvor nationale Zentralbanken übernommen haben, für den gesamten Währungsraum der Eurozone übernehmen. Dazu zählen „Geldpolitische Steuerungsfunktionen, Notenemission, Bank der Banken bzw. Lender of Last Resort, Bank des Staates, teilweise die Verwaltung der Währungsreserven und in einigen Ländern die Bankenaufsicht“[2], aber vor allem die Sicherung der Preisstabilität[3]. Denn eine starke Inflation des Euros hätte enorme Nachteile für die Wirtschaft und den Wohlstand innerhalb Europas. Auch die Setzung wirtschaftlicher Impulse z.B. zur Krisenintervention von Seiten der EZB ist möglich.

Es wird also schnell deutlich, wie wichtig das Handeln der EZB und des ESZB für den Euro und somit für uns alle ist. Unser heutiger Wohlstand und die Situation der europäischen Gesamtwirtschaft werden maßgeblich durch die Entscheidungen der EZB beeinflusst. Dennoch ist nur wenigen Menschen klar, wie und mit welchen Mitteln die EZB tatsächlich handelt. Daher werde ich in dieser Arbeit kurz die Geschichte und die allgemeine Struktur der EZB darlegen, bevor ich schließlich zum Themenschwerpunkt vorstoße und die allgemeine Strategie sowie das geldpolitische Instrumentarium der EZB ausführlich darlegen und anschaulich erklären werde.

2. Geschichte der EZB – Die drei Stufen der Währungs- und Wirtschaftsunion (WWU)

Die europäische Wirtschafts- und Währungsunion hat ihren Ursprung in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts. Bereits 1948, kurz nach Ende des zweiten Weltkrieges, wurde die wirtschaftliche Integrität der europäischen Staaten durch die Gründung der European Economic Cooperation (OEEC) verwirklicht. Diese Organisation wurde 1957 durch die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) ersetzt. Beide Organisationen sahen aber zunächst nur eine rein wirtschaftliche Integrität vor. Ansätze für eine gemeinsame Währungspolitik gab es nicht.

Erst 1970 beschlossen europäische Staatschefs auf dem Gipfel von Den Haag den „Werner-Plan“[4], der die stufenweise Schaffung einer Wirtschafts- und Währungsunion mit einem gemeinsamen Zentralbankensystem vorsah. Allerdings scheiterte der Plan, da die Mitgliedsstaaten damals noch nicht bereit waren, die Kontrolle über ihre Wirtschafts- und Währungspolitik abzugeben. Sie wollten, besonders unter Einwirkung der ersten Ölkrise 1973, ihre Konjunktur selbst steuern, um u.a. die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen.[5]

Erst 1985 wurde in der Einheitlichen Europäischen Akte (EEA) die Umsetzung eines Binnenmarktprogramms wieder aufgegriffen. In der Folge wurde im Jahre 1992 schließlich der Vertrag von Maastricht unterzeichnet, der die Europäische Union (EU) begründet hat und unter anderem die Verwirklichung einer Wirtschafts- und Währungsunion (WWU) in drei Stufen zum Ziel hatte.[6]

Am 01. Juli 1990 begann die erste Stufe der WWU. Sie regelte den Abbau aller Beschränkungen des freien Waren-, Personen-, Dienstleistungs-, und Kapitalverkehrs innerhalb der EU-Staaten.7

Am 1. Januar 1994 begann mit der Gründung des Europäischen Währungsinstituts (EWI), der Vorgängerinstitution der EZB, die zweite Stufe der WWU. Diese Stufe diente der technischen Vorbereitung zur Schaffung einer eigenen Währung und sollte die Konvergenz der Wirtschafts- und Währungspolitik der EU-Staaten verstärken. Zum Ende der zweiten Stufe, im Juni 1998, wurde schließlich die EZB gegründet und bekam ein halbes Jahr Zeit, um die Vorarbeiten des EWI umzusetzen.7

Am 1. Januar 1999 erfolgte schließlich die Umsetzung der dritten Stufe des WWU mit der Einführung des Euros als elektronisches Zahlungsmittel in elf[7] der damals 15 Mitgliedsstaaten und der endgültigen Festlegung der Wechselkurse. Seit diesem Zeitpunkt ist die ist die EZB für die Geldpolitik des Eurosystems zuständig. Das Euro-Bargeld wurde 2002 eingeführt.[8]

3. Institutioneller Aufbau der EZB

Der EG-Vertrag sieht für die europäische Währungsunion ein zweistufiges Zentralbankensystem vor.[9] Auf erster Ebene befindet das Europäische System der Zentralbanken (ESZB). Dieses System setzt sich aus der europäischen Zentralbank und den nationalen Zentralbanken zusammen.[10] Des Weiteren wird der enger gefasste Begriff des „Eurosystems“ eingeführt.[11] Das Eurosystem besteht aus der EZB sowie den nationalen Zentralbanken jener Staaten, die den Euro als offizielles Zahlungsmittel verwenden. Letzteres System betreibt daher die Währungspolitik der Union.[12] Sobald alle EU-Mitgliedsstaaten den Euro als offizielles Zahlungsmittel eigeführt haben, wird das ESZB überflüssig und alle Staaten werden Teil des Eurosystems.

Die Europäische Zentralbank, die sowohl dem ESZB als auch dem Eurosystem vorsteht, ist ihrerseits in drei Organe unterteilt:

1. EZB-Rat
2. EZB-Direktorium
3. Erweiterter Rat

Das oberste Beschlussorgan der Europäischen Zentralbank ist der EZB-Rat. Er hat die Aufgabe „alle strategischen geldpolitischen Grundentscheidungen und die für ihre Ausführung notwendigen Leitlinien“[13] zu beschließen und die einzusetzenden geldpolitischen Instrumente auszuwählen.[14] So bestimmt er zum Beispiel die Leitzinssätze, formuliert die geldpolitischen Zwischenziele und entscheidet über die Beiträge der von den nationalen Zentralbanken für das ESZB bereitzustellenden Währungsreserven.[15]

Der EZB-Rat setzt sich aus Mitgliedern des Direktoriums der EZB und den Zentralbankpräsidenten der an der Währungsunion teilnehmenden Mitgliedsstaaten zusammen.[16] Durch diese stark dezentrale Zusammensetzung des obersten Beschlussorganes ist gewährleistet, dass die nationalen Zentralbanken innerhalb der EZB genügend Einfluss haben, um ihre eigenen Vorstellungen einbringen zu können.

Beschlüsse werden im Rat mit einfacher Mehrheit gefasst, wobei jedes Mitglied eine Stimme hat, die es persönlich abgeben muss (Vertreter sind nur in Ausnahmefällen zulässig). Bei Stimmengleichheit ist die Stimme des Präsidenten entscheidend. Der EZB-Rat ist beschlussfähig, wenn zwei Drittel seiner Mitglieder an der Abstimmung teilnehmen.10 Ist der Rat nicht beschlussfähig, kann der Präsident eine außerordentliche Sitzung einberufen, zu deren Beschlussfähigkeit keine Mindestteilnehmerzahl erforderlich ist. Durch diese Regelung wird verhindert, dass einzelne Staaten die Arbeit der EZB durch Fernbleiben zu blockieren.[17]

Das Direktorium stellt die zentrale Exekutive dar und übernimmt administrative Aufgaben. Es „trägt die Verantwortung für die Durchsetzung und Umsetzung der geldpolitischen Entscheidungen“[18] und ist befugt, den nationalen Zentralbanken Weisungen zu erteilen. Die Mitglieder des Direktoriums sind der EZB-Präsident, dessen Vertretung und bis zu vier weitere Mitglieder, die auf Empfehlung des Ministerrats „durch die Staats- und Regierungschefs der Teilnehmerstaaten im Europäischen Rat einvernehmlich ernannt“[19] werden. „Präsident und Vizepräsident müssen wie die übrigen Kandidaten für das Direktorium aus dem Kreis der in Währungs- oder

Bankfragen anerkannten und erfahrenen Persönlichkeiten stammen“[20] und Staatsbürger eines der Mitgliedsstaaten sein. Ihre Amtszeit beträgt acht Jahre. Die Länge der ersten Amtszeiten war gestaffelt, um zu vermeiden, dass alle Mitglieder gleichzeitig ausscheiden. Um einen möglichst hohen Grad der Unabhängigkeit zu erreichen, ist eine Wiederwahl nicht möglich. Darüber hinaus müssen die ernannten Direktoriumsmitglieder ihre vorherigen Tätigkeiten vollständig aufgeben und ihre Funktion bei der EZB hauptamtlich ausüben.[21]

Auch das Direktorium fasst seine Beschlüsse mit der einfachen Mehrheit der abgegebenen Stimmen.

Der Erweiterte Rat ist ein nur vorübergehend bestehendes Organ, solange noch nicht alle Mitglieder der EU den Euro als offizielles Zahlungsmittel eingeführt haben. Ihm gehören der Präsident, der Vizepräsident und alle Zentralbankpräsidenten der Mitgliedsländer der EU an (auch jene, die den Euro nicht eingeführt haben). Der Rat tritt in der Regel einmal pro Quartal zusammen.[22]

Aufgabe des Erweiterten Rates ist es, geldpolitische Belange zu erörtern, zu koordinieren und „vor allem die Konvergenzfortschritte von solchen Ländern zu überwachen, die noch nicht an der Währungsunion teilnehmen.“[23] Darüber hinaus unterstützt er den EZB-Rat bei seiner Arbeit, zum Beispiel bei der Berichtstätigkeit und der Erhebung statistischer Daten. Er verfügt allerdings über keine monetären Entscheidungskompetenzen.

4. Die Geldpolitischen Ziele und Strategie der EZB

„ … ist es das vorrangige Ziel des ESZB, die Preisstabilität zu gewährleisten. Soweit dies ohne Beeinträchtigung des Zieles der Preisstabilität möglich ist, unterstützt das ESZB die allgemeine Wirtschaftspolitik in der Gemeinschaft, … Das ESZB handelt in Einklang mit dem Grundsatz einer offenen Marktwirtschaft mit freiem Wettbewerb.“

- Art. 2 der ESZB-Satzung[24]

Dieser Artikel der ESZB-Satzung gibt die Ziele der EZB am eindeutigsten wieder. Oberstes und uneingeschränktes Ziel ist demnach die Sicherung der Preisstabilität. Die Europäische Zentralbank definiert die Preisstabilität quantitativ als „Anstieg des Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) für das Euro-Währungsgebiet von unter 2% gegenüber dem Vorjahr“.[25] Dabei strebt die EZB an, die Inflationsrate im Euroraum mittelfristig unter, aber nahe 2% zu halten, um auch deflatorische Tendenzen zu verhindern.

Unterstützungsmaßnahmen für die europäische Konjunktur sind dem Ziel der Preisstabilität klar untergeordnet.

Um das oben genannte Ziel zu erreichen, hat sich die EZB als Strategie auf die sogenannte „Zwei-Säulen-Strategie“ festgelegt. Diese sieht die ständige Analyse jener ökonomischen Bereiche vor, aus denen sich negative Folgen für die Preisstabilität ergeben können.

Auf der einen Seite wird die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung unter Einbezug verschiedener Parameter analysiert (z.B. Ölpreis, Konjunktur, Wechselkurse, Lohnstückkosten). Diese wirtschaftlichen Größen besitzen eine kurz- bis mittelfristige Inflationswirkung.19

Die zweite Säule dieser Strategie ist die Analyse der monetären Situation unter kritischer Betrachtung der Geldmengenentwicklung, deren Veränderung meist mittel- bis langfristige Inflationsgefahren mit sich bringt.19

Der EZB-Rat führt die Analyseergebnisse beider Säulen regelmäßig zusammen und schätzt anhand der so entstandenen Gesamtanalyse das allgemeine Inflationsrisiko für den Euroraum ab, auf dessen Grundlage dann der notwendige Einsatz von Geldpolitischen Maßnahmen beschlossen wird[26].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 Zwei-Säulen-Strategie [27]

5. Geldpolitische Maßnahmen der EZB

5.1 Offenmarktgeschäfte

Als Offenmarktgeschäfte bezeichnet man die auf Initiative einer Zentralbank (hier EZB) durchgeführten Finanzmarktgeschäfte mit dem Zweck der Liquiditäts- und Zinsbeeinflussung im entsprechenden Währungsraum.[28] Die Offenmarktpolitik gilt als das wichtigste Instrument der Geldpolitik. Der EZB stehen dabei grundsätzlich vier Arten von Offenmarktgeschäften zur Verfügung: Hauptrefinanzierungsgeschäfte, längerfristige Refinanzierungsgeschäfte, Feinsteuerungsoperationen und Strukturelle Operationen.[29] Während die ersten beiden Geschäftsarten regelmäßig stattfinden, finden Letztere nur sehr selten bis gar nicht statt. Daher ist es am sinnvollsten, sich zunächst mit den konkreten Abläufen der Hauptrefinanzierungs- sowie längerfristigen Refinanzierungsgeschäfte zu beschäftigen.

5.1.1 Haupt- und längerfristige Refinanzierungsgeschäfte

Bei diesen beiden Geschäftsarten bedient sich die EZB dem Instrument der befristeten Transaktionen, um den Geldmarkt mit Liquidität zu versorgen. Im Rahmen der Hauptrefinanzierungsgeschäfte bietet die EZB den berechtigten Geschäftsbanken des Euroraumes dezentral über die nationalen Zentralbanken in wöchentlichem Abstand Geld in Form befristeter Kredite an.[30] Diese werden entweder als Pfandkredite oder im Rahmen von Pensionsgeschäften vergeben und haben eine Laufzeit von einer Woche (bzw. drei Monate bei längerfristigen Refinanzierungsgeschäften). Bei Rückabwicklung der Transaktionen wird vonseiten der EZB der europäische Leitzins aufgeschlagen. Die Angebote finden dabei in der Regel nach dem Tenderverfahren statt. Dies ist ein Verfahren, bei dem sich die EZB über eine öffentliche Ausschreibung Gebote der Geschäftsbanken einholt und anschließend eine Zuteilung des insgesamt zu verteilenden Zentralbankengeldes vornimmt. Im Falle der Hauptrefinanzierungs- und längerfristigen Refinanzierungsgeschäfte setzt die EZB den Standardtender ein. Bei dieser Tenderart vergehen vom Zeitpunkt der Tenderankündigung bis zur Bestätigung des Zuteilungsergebnisses durch die EZB maximal 24 Stunden.[31] Der gesamte Tendervorgang lässt sich grob in fünf Schritte teilen[32].

Der erste Schritt ist die Tenderankündigung, die durch die EZB über verschiedene Wirtschaftsinformationsdienste an die Geschäftsbanken erfolgt.

Im zweiten und dritten Schritt kommt es zur Vorbereitung und Abgabe von Geboten durch die Geschäftsbanken sowie zur anschließenden Zuteilung durch die EZB. Bei diesen Schritten kann die EZB zwischen zwei Gebotsverfahren wählen: dem Mengen- oder Zinstender.

Zu Beginn ihrer Geschäftsaufnahme verwendete die EZB ausschließlich den Mengentender. Dabei gibt die EZB den Hauptrefinanzierungssatz (= europäischer Leitzins), zu dem sie Geld verleihen will, vor, hält aber den Betrag des gesamten Zuteilungsvolumens geheim. Nun können interessierte Geschäftsbanken Gebote über den von ihnen gewünschten Kreditbetrag abgeben. Sollte die insgesamt von allen Geschäftsbanken gewünschte Summe das von der EZB festgelegte Zuteilungsvolumen überschreiten (das ist meist der Fall), werden die Geschäftsbanken jeweils anteilig bedient. Man spricht in diesem Fall von einer Repartierung[33]. An folgendem fiktiven Beispiel lässt sich das Verfahren verdeutlichen[34]:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 1 Zuteilungsbeispiel Mengentender [35]

In diesem Beispiel fordern die Geschäftsbanken Liquidität mit einem Volumen von insgesamt 1.000 Mio. Euro, während die EZB nur insgesamt 500 Mio. Euro (also nur 50 % der Gesamtforderung) zuteilen will. Daher kommt es zur Repartierung und jede Geschäftsbank erhält nur 50 % der von ihr nachgefragten Geldmenge (vgl. untere Zeile der Tabelle). Hätte die EZB zum Beispiel nur 250 Mio. Euro zuteilen wollen, so hätte jede Geschäftsbank auch nur 25 % ihrer jeweiligen Forderung zugeteilt bekommen. Doch mit der Zeit offenbarten sich einige Schwierigkeiten, die dieses System mit sich bringt. Denn wenn die insgesamt nachgefragten Geldsummen der Geschäftsbanken regelmäßig über dem maximalen Zuteilungsvolumen der EZB liegen, so werden die Geschäftsbanken vorsichtshalber ihre Gebote erhöhen, um auch bei geringer Zuteilungsquote eine absolut gesehen angemessene Menge Zentralbankengeld zu erhalten. Die Geschäftsbanken überbieten sich also gegenseitig mit ihren Geldmengenforderungen, wodurch die Gesamtforderung als Summe aller Einzelforderungen natürlich auch in jeder neuen Angebotsperiode stark ansteigt. Da sich die EZB aber bei der Wahl der Höhe ihrer Angebotsmenge nicht primär an den Forderungen der Geschäftsbanken orientiert, sondern die Liquiditätsversorgung stets am Maßstab der Sicherung der Preisniveaustabilität ausrichtet, erhöht sich die Angebotsmenge der EZB bei steigender Liquiditätsnachfrage der Geschäftsbanken meist nicht. Die Differenz zwischen angebotener und geforderter Geldmenge wird somit immer größer, was gemäß der Repartierung zu immer kleiner werdenden Zuteilungsquoten führt. Folglich erhalten viele Banken nicht die von ihnen benötigte Liquiditätsmenge, um ihren Geschäftsbetrieb optimal durchführen zu können. Im nächsten Tenderverfahren werden sie daher ihre Forderungen weiter erhöhen, um (wie bereits beschrieben) auch bei den zu erwartenden sehr kleinen Zuteilungsquoten eine absolut gesehen akzeptable Menge an Zentralbankengeld zu erhalten. Die Gesamtforderungsmenge erhöht sich weiter und führt zu noch kleineren Zuteilungsquoten. Das System gerät in eine Art sich selbst beschleunigende Spirale, in deren Folge die Forderungssummen nahezu exponentiell steigen, während die Zuteilungsquoten mit gleicher Geschwindigkeit enorm sinken. Eine ausreichende Versorgung der Banken mit Liquidität ist kaum noch möglich. Bis Mitte 2000 verwendete die EZB ausschließlich den Mengentender, was gemäß oben beschriebener Problematik dafür sorgte, dass die Geldnachfrage der Geschäftsbanken von durchschnittlich 954 Mrd. Euro im Jahr 1999 auf 3615 Mrd. Euro bis Mitte 2000 stieg, während die Zuteilungsquoten von anfangs 11 % auf unter 1 % sanken. Daher entschied sich die EZB Mitte 2000 zum Zinstender zu wechseln[36].

[...]


[1] http://www.ecb.int/ecb/educational/facts/euint/html/ei_004.de.html

[2] Schnelting, Gabriele: S. 63

[3] Gischer, Horst; Herz, Bernhard; Menkhoff, Lukas: S.48

[4] Benannt nach dem damaligen luxemburgischem Premierminister Pierre Werner

[5] Wagner, Alexander: S. 22

[6] Fang, Paul: S. 8-9

[7] Belgien, Deutschland, Irland, Spanien, Frankreich, Italien, Luxemburg, die Niederlande, Österreich, Portugal und Finnland erfüllten damals die Konvergenzkriterien; 2001 trat Griechenland, 2007 Slowenien, 2008 Zypern und Malta, 2009 die Slowakei und 2011 Estland der Währungsunion bei

[8] http://www.ecb.int/ecb/educational/facts/euint/html/ei_004.de.html

[9] Art. 107 Abs. 1 EGV

[10] Art. 107 Abs. 1 EGV

[11] Vgl. Art. 1 der Geschäftsordnung der Europäischen Zentralbank

[12] Art. I-30 Abs. 1 EUVV

[13] Schnelting, Gabriele: S. 45

[14] Heine, Michael/ Herr, Hansjörg: S. 42

[15] Art. 12.1 und 30 ESZB-Satzung

[16] Vgl. Art. III-382 Abs. 1 EUVV

[17] Tilch, Stefan: S. 38

[18] Schnelting, Gabriele: S. 49

[19] Heine, Michael/ Herr, Hansjörg: S. 43

[20] Tilch, Stefan: S. 42

[21] Schnelting, Gabriele: S. 48

[22] Schnelting, Gabriele: S. 44ff.

[23] Tilch, Stefan: S. 40

[24] http://www.ecb.int/ecb/legal/pdf/de_statute_2.pdf

[25] Die EZB veröffentlichte am 13. Oktober 1998 die Hauptelemente ihrer geldpolitischen Strategie. Siehe: Europäische Zentralbank, Eine stabilitätsorientierte geldpolitische Strategie für das ESZB, EZB-Pressemitteilung vom 13. Oktober 1998.

[26] Lüpertz, Viktor: S. 221

[27] Lüpertz, Viktor: S. 221

[28] Vgl. Gruber, Utta; Kleber, Michaela: S. 284 ff.

[29] Europäische Zentralbank, Die Geldpolitik der EZB: S. 89

[30] Europäische Zentralbank, Durchführung der Geldpolitik im Euro-Währungsgebiet: S. 10.

[31] Vgl. Abb. 2, S. 21

[32] Vgl. Abb. 3, S. 21

[33] repartieren (lat.): verteilen

[34] Beispiel nach Heine, Michael; Herr, Hansjörg: S. 70

[35] Heine, Michael; Herr, Hansjörg: S. 70

[36] Beispiel nach Heine, Michael; Herr, Hansjörg: S. 71

Details

Seiten
28
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656418511
ISBN (Buch)
9783656419303
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v213564
Institution / Hochschule
Jade Hochschule Wilhelmshaven/Oldenburg/Elsfleth
Note
1,2
Schlagworte
EZB Europa Europäische Zentralbank Europäische Union Offenmarktgeschäfte Fazilitäten Mindestreserve WWU Feinsteuerungsoperationen Strukturelle Operationen Geldpolitik Euroraum Tender Tenderverfahren EZB-Rat EZB-Direktorium Erweiterter Rat Zwei-Säulen-Strategie Werner-Plan

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Titel: Die Europäische Zentralbank. Geschichte, Struktur, Strategie und geldpolitisches Instrumentarium