Lade Inhalt...

Der Stellenwert des Pankration im antiken Griechenland

Bachelorarbeit 2011 31 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kampfsport in der Antike: Was ist Pankration?

3. Pankration: Mythos, Anlässe, Bildwerke, Preise
3.1 Der mythologische Ursprung des Pankration
3.2 Pankration - nicht nur ein sportlicher Wettkampf
3.3 Preise und Ehrungen von Pankration und seinen Athleten

4. Pankration bei den panhellenischen Spielen

5. Der Stellenwert des Pankration
5.1 Verletzungen
5.2 Positive Kritik
5.3 Negative Kritik
5.4 Reaktionen des Publikums

6. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Untersuchungsgegenstand meiner Bachelorarbeit ist der Stellenwert des Pankration im antiken Griechenland. Nach einer etymologischen Erklärung des Begriffs Pankration und nach einer kurzen Beschreibung der Sportart Pankration wird zunächst (1) die Ursprungsgeschichte des Pankration untersucht. Die Vermutung liegt nahe, dass ein Hinweis auf die besondere Bedeutung dieser Sportart bereits in den mythischen Erzählungen liegen könnte. Im Anschluss daran werden (2) die Anlässe zur Ausübung von Pankration untersucht. Nach erster Betrachtung der Primärquellen wird es für möglich gehalten, dass Pankration nicht nur betrieben worden ist, um einen sportlichen Wettkampf auszutragen, sondern auch zu militärischen Zwecken und im Rahmen mythischer und historischer Spiele. Dies gilt es zu untersuchen. Dann (3) sollen Textstellen untersucht werden, in denen Bildwerke und Preise erwähnt werden. Angenommen wird, dass eine Verewigung der Pankratiasten ebenfalls den Stellenwert der Sportart selbst widerspiegeln könnte. Im Anschluss daran werden (4) die Spiele untersucht, in denen Pankration ausgeübt worden ist. Eine entsprechende Verbreitung von Pankration könnte auf die Bedeutung dieser Sport schließen. Hiernach soll (5) ein Zwischenfazit gezogen werden, um die Frage zu beantworten, welchen Stellenwert Pankration im antiken Griechenland gehabt haben könnte. In einem sechsten Schritt (6) erfolgt die Darstellung und Bewertung der Verletzungen in Pankration. Das ist für die Untersuchung womöglich deswegen bedeutend, weil vermutet wird, dass die Verletzungen einen Einfluss auf das Ansehen von Pankration gehabt haben könnten. Anschließend tritt (7) die gesellschaftliche Bewertung von Pankration in den Fokus. Dabei sollen sowohl negative als auch positive Einschätzungen untersucht werden. Besonders wird die negative Kritik fokussiert, weil diese durch eine mögliche Gefährlichkeit des Pankration zustande gekommen sein könnte. Auf den ersten Blick scheint es jedoch, dass sich noch andere Gründe hinter der negativen Bewertung von Pankration verbergen. Es soll durch eine Interpretation der entsprechenden Textpassagen versucht werden, mögliche andere Gründe für die negative Kritik dingfest zu machen. Schließlich sollen (8) auch die Reaktionen des Publikums untersucht werden, da vermutet wird, dass sie im Zusammenhang mit der positiven Bewertung des Pankration stehen. Ein wichtiger Aspekt, der dabei berücksichtigt werden muss, ist der zeitliche. Gab es einen Wandel des Stellenwerts oder hat der bedeutende Geschichtsschreiber Thukydides bereits im 5.Jh. v. Chr. den Grundstein für ein hohes Ansehen gelegt, das vielleicht über fast 1000 Jahre existiert hat? Üblicherweise erfolgte die Datierung nach dem Sieger im Stadionlauf, Thukydides aber hat nach einem siegreichen Pankratiasten datiert. Das könnte ein Hinweis auf den Einfluss und damit auf die Bedeutung von Pankration gewesen sein. De facto wird also die Hypothese aufgestellt, dass die Verletzungen und die Reaktionen des Publikums im Zusammenhang mit den Kritiken stehen, die den Stellenwert des Pankration beschreiben. Ob dieser sich im Laufe der Zeit gewandelt hat, muss untersucht werden. Ein Fazit, in dem zum Schluss die Fragestellungen der Arbeit beantwortet werden, schließt (9) die Untersuchung ab.

Die methodische Grundlage dieser Arbeit basiert in erster Linie auf der hermeneutisch- quellenkritischen Analyse überlieferter Primärquellen aus der Antike.

Während im ersten Teil auch die Sekundärliteratur berücksichtigt wird, soll im zweiten Teil die Untersuchung, Interpretation und zum Teil auch die Übersetzung der Primärquellen im Vordergrund stehen. Dafür wird mir vor allem der fünfte Band der Quellendokumentation zur Gymnastik und Agonistik im Altertum mit dem Namen „Pankration. Texte, Übersetzungen, Kommentar“ (Doblhofer & Mauritsch, 1996) von Nutzen sein. Hier liegt ein Fundus der bedeutendsten (alt-)griechischen Originaltexte mit entsprechenden deutschen Übersetzungen vor. Das Untersuchungsdesign dieser Arbeit folgt der historischen Methode, die in die Schritte Fragestellung, Heuristik, Kritik, Interpretation und Darstellung untergliedert werden kann. Bei Literaturangaben der Werke antiker Autoren soll in Klammern der Autor als Kürzel mit römischen Ziffern, die Vers- bzw. Zeilenangabe mit arabischen Ziffern kenntlich gemacht werden (Beispiel: 6. Buch der Ilias von Homer, Verse 1-30: Hom.Ilia. VI, 1-30).

2. Kampfsport in der Antike: Was ist Pankration?

Bevor der eigentliche Untersuchungsgegenstand - der Stellenwert von Pankration im antiken Griechenland - behandelt wird, soll zunächst der Begriff παγκράτιον etymologisch erklärt und die Sportart selbst erläutert werden. Dies wird für das Verständnis des Lesers als zweckdienlich angesehen. Dabei wird lediglich eine grobe Skizzierung dieser Sportart vorgenommen. Es sollen weder die Regelstrukturen und angewandten Techniken im Detail erläutert, noch die Geschichte des historischen Ursprungs, noch die körperlichen Eigenschaften und der Trainingsalltag von Pankratiasten beschrieben werden.1

Das Wort παγκράτιον stammt aus dem Altgriechischen. Etymologisch betrachtet setzt sich dieser Begriff aus zwei Wörtern zusammen: πᾶν bedeutet soviel wie alles, ό κράτος kann mit Kraft oder St ä rke übersetzt werden. Die Komposition dieser beiden Wörter ergibt aufgrund verschiedener Lautgesetzte im griechischen das Wort παγκράτιον. Der Buchstabe Gamma (γ), welchen wir im deutschen als g verwenden, wird hier als n ausgesprochen.2 Um Missverständnisse in der Aussprache zu vermeiden, wird in allen anderen Sprachen die Schreibweise Pankration (lat. pancratium, engl. pancratium), statt Pagkration benutzt. Im Deutschen wird dieser Begriff mit Allkampf oder Gesamtkampf wiedergegeben. In dieser Arbeit wird der Begriff Allkampf verwendet.3 Wir können nicht nachweisen, wann dieser Begriff entstanden ist und wer ihn erfunden hat. Bereits der Lyriker Pindar (6./5. Jh. v. Chr.) benutzte dieses Wort (Pind. Isthm. 4, 43-51).

Poliakoff hingegen verwendet die Übersetzungen Allsieg und Allst ä rke und nennt in diesem Zusammenhang einen Begriff, der als Synonym für Pankration verstanden werden kann (πάμμαχος oder πάμμαχο v).4 In der Wissenschaft hat sich allerdings der Begriff Pankration durchgesetzt. Die Übersetzung (Allkampf) kann durchaus kritisiert werden, handelt es sich doch im deutschen bei diesem Wort um ein Polysem, was Verständnisschwierigkeiten nach sich zieht und somit zu Missverständnissen in der Bedeutung führen kann. Eine Beschreibung von Pankration soll dem Leser einerseits den Begriff Allkampf deutlich machen und ihm andererseits einen Einblick in die Sportart selbst verschaffen.

Pankration bezeichnet eine Kampfsportart in der Antike. Das Wort παν (alles) umfasst alle Arten des Angriffs, die durchgeführt werden können.5 Diese Angriffe sind mit Kraft ( κράτος) versehen. Die Athleten nennt man Pankratiasten. Um seinen Gegner zu besiegen, werden also sämtliche Kampftechniken angewandt. Dazu gehören Griffe und Umschlingungen, Schläge und Tritte, Gewalt und List. „The pankration naturally divides itself into two parts, the standing pankration (τό ἄνω παγκράτιον) and the struggle on the ground (τό κάτω παγκράτιον)“ (Gardiner: Greek Athletic Sports and Festivals, 1930, p. 439). Es ist auch erlaubt, seinen Gegner zu würgen und ihm seine Gelenke zu verdrehen.6 Pankration wird von Männern und von Knaben ausgeübt.7 Es gilt nicht, in dieser Arbeit einen Versuch zu unternehmen, den Ursprung von Pankration zu datieren. Erwähnt werden soll nur, dass bereits der Dichter des Abendlandes Homer (8.Jh. v. Chr.) Aspekte des Regelwerks und Techniken beschrieben hat (ΣHom. Il.23, 726-728). Während die erste Durchführung von Pankration- Wettkämpfen bei den olympischen Spielen im Jahre 648 v. Chr., de facto bei der 33. Olympiade, erfolgt, wird das Knabenpankration im Jahre 200 v. Chr., also erst bei der 145. Olympiade, aufgenommen. Eine Sportbekleidung gibt es nicht, es wird in der Regel nackt gekämpft.8 Ein Kampf kann auf unterschiedliche Weise beendet werden. Entweder kämpft man bis zum Tod des Gegners oder der Kampf wird durch das Niederschlagen oder durch freiwilliges Aufgeben - dabei streckt man eine Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger nach oben - beendet. Wer gewürgt wird und deswegen aufgeben muss, haut seinem Gegner auf die Schulter. Eine Schwierigkeit, auf die in der Sekundärliteratur immer wieder hingewiesen wird, ist die klare Abgrenzung zwischen den drei Kampfsportarten Faustkampf, Ringen und Pankration. Die Problematik wird alleine schon aus der Erklärung des Wortes Pankration aus einem Wörterbuch deutlich: „ παγκράτιον , ου , τό (πᾶς u. κράτος) Gesamtkampf, d.h. eine Leibesübung, welche Ringkampf und Faustkampf umfaßte.“ (Gemoll, 1989, S. 561). Pankration beinhaltet also zwei weitere Kampfsportarten. Dennoch müssen sowohl der Ringkampf als auch der Faustkampf als eigenständige Sportarten angesehen werden, die man nicht mit Pankration verwechseln darf. Deshalb sollen an dieser Stelle die wichtigsten Unterscheidungsmerkmale dargestellt werden.9

Boxer führen einen Faustkampf mit bewaffneten Fäusten aus. Dabei sind alle Schläge und Stöße auf den Kopf gerichtet. Sind diese beiden Bedingungen nicht erfüllt, handelt es sich nicht um einen Faustkampf, sondern um Pankrationwettkampf.10 Darüber hinaus ist gerade das Treten das auffälligste Unterscheidungsmerkmal vom Faustkampf (Schröder ebd. S.152 ).

Haben wir oben bereits erwähnt, dass Pankration sowohl im Stehen als auch im Liegen bzw. als Bodenkampf ausgeführt wird, besteht ein Ringkampf nur aus einem Standkampf, Bodenkämpfe sind verboten. Ebenso sind Schläge, Würge- und andere Griffe, das Verdrehen von Gelenken, de facto alle Techniken, die beim Pankration erlaubt sind und dem Gegner Schmerzen zufügen sollen, nicht erlaubt.

Pankration beinhaltet also alle Techniken des Faustkampfes und des Ringens, der Faustkampf und das Ringen beinhalten jedoch nicht gleichzeitig alle Techniken des Pankration. Deswegen muss beim Lesen von Primärquellen oder bei der Betrachtung von Abbildungen, Vasen, Bildwerke o.ä. immer auf diese Unterscheidungsmerkmale geachtet werden, um eine Verwechselung dieser Sportarten zu vermeiden. Nicht selten ist eine eindeutige Zuordnung zu den Sportarten problematisch. Die Abbildung 1 zeigt einen Kampf, der nur dem Pankration zugeordnet werden kann. Es handelt es sich um einen Bodenkampf, in dem ein Faustschlag in den Körper angedeutet wird. Diese Elemente schließen aus den oben genannten Gründen sowohl den Faustkampf als auch das Ringen aus. Außerdem tragen die Athleten keine Riemen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 Bodenkampf zwischen zwei Pankratiasten. Der linke Pankratiast hält seinen Gegner fest und schlägt auf ihn ein. (Quelle: Poliakoff, 1989, S. 84)

Greifen wir noch einmal den etymologischen Aspekt auf, so erscheint die Bezeichnung παγκράτιον durchaus nachvollziehbar. Pankration vereinigt die Sportarten Ringen und Boxen, de facto alle (παν) Elemente des Angriffs (κράτος) . 11 Darüber hinaus ist das Pankration im Bezug auf das Regelwerk toleranter. Dieser Aspekt könnte ein Hinweis darauf sein, weshalb diese Sportart überhaupt erst entstanden ist. Häufige Regelverstöße im Ringkampf (Schläge, Tritte, Bodenkampf etc.) könnten zu einer Abspaltung geführt und somit die Geburtsstunde des Pankration eingeleitet haben.12

Rückblickend konnte eine erfolgreiche etymologische Erklärung des Begriffs Pankration durchgeführt werden. Wann dieses Wort allerdings entstanden ist, wissen wir zwar nicht, soll aber für die weitere Untersuchung auch nicht von Bedeutung sein. Es kann jedoch festgehalten werden, dass Pankration ein sehr alter Begriff zu sein scheint, der bereits Jahrhunderte vor der Aufnahme in die olympischen Spiele entstanden ist. Auch der älteste zu fassende Dichter Homer beschrieb schon Elemente des Pankration. Des Weiteren wurden die wichtigsten Information über die Ausübung und Regeln des Pankration dargestellt. Dabei wurde erklärt, dass diese Sportart zum einen den Faustkampf und zum anderen das Ringen in gewisser Weise vereint. Dennoch sind klare Grenzen zwischen den Sportarten zu ziehen, gerade weil im Pankration Techniken erlaubt sind, die im Boxen und Ringen strikt verboten sind. Dies verleitet zur Annahme, dass Pankration eine Abspaltung aus Boxen und Ringen ist, weil es in den anderen Sportarten häufig zu jenen Regelverletzungen gekommen ist, die das Pankration toleriert.

3. Pankration: Mythos, Anlässe, Bildwerke, Preise

Nachdem nun eine Wissensgrundlage für die Sportart Pankration geschaffen wurde, soll nun die eigentliche Fragestellung behandelt werden: Welchen Stellenwert hat das Pankration im antiken Griechenland?

3.1 Der mythologische Ursprung des Pankration

Als erstes soll versucht werden, den Stellenwert von Pankration anhand seines mythologischen Ursprungs zu definieren. Die Vermutung liegt nahe, dass ein Hinweis auf die besondere Bedeutung dieser Sportart bereits in den mythischen Erzählungen liegen könnte.

Schon alleine die Tatsache, dass die Griechen die Gründung von Pankration in einer mythischen Geschichte verankert haben, weist auf den ersten Blick auf einen gewissen Stellenwert dieser Sportart hin. Allerdings muss dazu gesagt werden, dass die Quellenlage zur Ursprungsgeschichte so unübersichtlich ist, so dass die eine historisch greifbare Geburtsstunde des Pankration nicht dingfest gemacht werden kann. Somit könnten die mythischen Erzählungen über den Ursprung auch ein Ersatz für eine echte Gründungsgeschichte sein. Auffallend ist allerdings, dass Pankration als Wettkampfdisziplin in Erzählungen auftaucht, obwohl die Sportart noch gar nicht erfunden war.13 Die Autoren verwenden Pankration also bewusst als anachronistische Ausschmückung, was als Beweis für einen bedeutenden Stellenwert von Pankration angesehen werden kann. Es gilt nicht, an dieser Stelle jede Geschichte über den Ursprung des Pankration nachzuzeichnen. Lediglich der Auszug einer mythischen Erzählung, aus meiner Sicht bedeutend, soll hier seine Erwähnung finden.

[ … ] ὁ θησεύς Ἀθηναῖος εὗρε παγκράτιον [ … ].

ἡνίκα γάρ ἐν τῷ Λαβυρίνθῳ ἐξησθένει πρός τήν ἰσχύν to υ Μινωταυρου , παγκρατίῳ αὐτόν διαπαλαίων περιγέγονεν· οὐ γάρ εἶχε μάχαιραν· καί οὕτως ἐνομίσθη εὑρετής τῆς πυγμῆς .

[ … ] Der Athener Theseus erfand das Pankration [ … ].

Als Theseus im Labyrinth n ä mlich schwach im Hinblick auf die Kraft des Minotaurus war, besiegte er (Theseus) diesen in Pankration, als er mit ihm k ä mpfte. Er besa ß n ä mlich keine Waffe. Und seitdem wird er der Erfinder des Faustkampfes genannt.

So schreibt Pindar (6./5. Jh. v. Chr.) einem gewissen Athener namens Theseus die Erfindung des Pankration zu.14 An anderer Stelle erwähnt Pindar den Akarnanen Leukaros, der als Erster die Regeln des Pankration begründet haben soll (Pind.Nem, 27a). Wir dürfen also annehmen, dass das Ansehen von Pankration so hoch war, dass dieser Sportart ein eigener Mythos gewidmet wurde. Dass dieser als Lückenbüßer für eine historisch fehlende Ursprungsgeschichte herhalten musste, kann durchaus angenommen werden, würde den Stellenwert des Allkampfes dadurch freilich nicht schmälern. Ebenso spricht Pankration als anachronistische Ausschmückung für einen bedeutenden Stellenwert. Anhand dieser ersten Untersuchung entsteht der Eindruck, dass diese Kampfsportart im antiken Griechenland von Bedeutung gewesen ist. Allerdings müssen noch weitere Aspekte beleuchtet werden, um den Stellenwert von Pankration konkretisieren zu können.

3. 2 Pankration - nicht nur ein sportlicher Wettkampf

Als nächstes sollen nun die Anlässe zur Ausübung von Pankration untersucht werden. Nach erster Betrachtung der Primärquellen wird es für möglich gehalten, dass Pankration nicht nur betrieben worden ist, um einen sportlichen Wettkampf auszutragen, sondern auch im Rahmen mythischer und historischer Spiele und zu militärischen Zwecken. Dies würde dem Pankration einen bedeutenden Stellenwert verleihen.

Uns sind mehrere Quellen überliefert, in denen Pankrationskämpfe entweder bei Leichenspielen zu Ehren mythischer Personen oder bei Triumphfeiern durchgeführt werden.15

Von einem Leichenspiel für einen gewissen Pelops und von Triumphspielen für die Argeier berichtet der Mythograph Hygin (Hyg.fab.273,5 und 10). Bei dem Leichenspiel werden von Herakles in Olympia die gymnischen Spiele für Pelops eingeführt. Pankration erscheint also nicht als einzige Sportart, die zu Ehren des toten Pelops veranstaltet wird. Genau so verhält es sich bei den Spielen für die Argeier. Hier erscheint Pankration u.a. neben Langlauf, Doppellauf und Diskuswerfen. Bei Lukian (Lukian.ver.hist.2,22) wird das Pankration im Zusammenhang mit den Thanatousia (Totenspiele) genannt. Auch hier wird Pankration nicht alleine erwähnt. Neben dem Allkampf werden noch Ring- und Faustkämpfe durchgeführt. Ein besonderer Aspekt, der hier erwähnt werden sollte, ist, dass sowohl für den Ring- als auch für den Faustkampf Preise ausgesetzt sind, während die Pankratiasten nichts gewinnen können. Dazu wird Pankration auch als letzte Sportart aufgezählt. Diese beiden Aspekte führen zu der Annahme, dass Pankration neben dem Ringen und dem Faustkampf einen geringeren Stellenwert hatte. Von den zu Ehren des gefallenen Heros Opheltes stattfindenden Wettkämpfen berichtet der Epiker Nonnos (5. Jh. n. Chr.). Auch hier reiht sich Pankration in eine Reihe von Disziplinen wie Wagenrennen, Speerwerfen, Faustkampf, Ringen und Laufen ein (Nonn.Dion.37,579-583).

Festgehalten werden kann, dass Pankration die Ehre zu Teil wurde als Leichenspiel oder als Spiel zu Ehren von Triumphfeiern zu fungieren. Dies lässt auf einen sicheren Stellenwert von Pankration schließen. Allerdings tritt der Allkampf nie als einzige Sportart auf, so dass sich sich Pankration das Ansehen im Rahmen griechischer Bräuche und Feste teilen muss. Indes kann bei Lukian eine Rangfolge der ausgeführten Kampfsportarten nachgewiesen werden. Den Sportarten Ringen und Faustkampf könnte aufgrund der Preisansetzung eine größere Bedeutung zukommen. Allerdings stützt sich diese Vermutung nur auf eine einzige Quelle.

Wenn wir den zeitlichen Aspekt der Quellen berücksichtigen, können wir keinen Wandel im Stellenwert des Pankration festmachen, handelt es sich dabei aber auch nur um 300 Jahre, die die Quellen zeitlich einschließen. Bemerkt werden aber darf durchaus, dass die älteste Quelle aus dem 2. Jh. n. Chr. stammt. Daraus kann vermutet werden, dass der Stellenwert von Pankration gestiegen ist. Die Behauptung, dass Pankration erst 750 Jahre nach seiner Aufnahme in die olympischen Spiele den Weg in die Leichenspiele und Triumphfeiern gefunden hat, wäre übertrieben, obwohl die Quellen auf eine solche Behauptung schließen.

Dass Pankration ein Bestandteil der militärischen Ausbildung war bzw. zu Kriegszwecken gebraucht wurde, zeigen Lukian und Philosostratos (2./3. Jh. n. Chr.).16 In den Anarchis von Lukian erläutert Solon die Vorteile der athletischen Übungen für die Entwicklung der jungen Männer. So sollen Boxen und Pankration trainiert werden, um die Männer abzuhärten und damit kriegsfähiger zu machen. Daraus würden sich zwei wichtige Vorteile ergeben: Zum einen würden die Männer mutig im Hinblick auf Gefahren und zum anderen stark und kräftig. Philostratos erklärt anhand zweier Beispiele, dass Pankration für Kriegszwecke erfunden worden sei. So hätte die Schlacht bei Marathon mit einem Pankrationkampf verglichen werden können. Zweitens wäre den Lakedaimoniern das Pankration im Kriege zweckdienlich gewesen, weil ihnen die Schwerter und Lanzen gebrochen waren. Dass Pankration den Lakedaimoniern als Vorübung zum Krieg dient, davon erzählt Philostratos ebenfalls.

Die Quellen geben zwar keine Auskunft über diesen Aspekt, aber wir dürfen vermuten, dass die Ausbildung in Pankration für einen Soldaten mit einer gewissen Steigerung des Selbstbewusstseins einherging. Wessen Waffen im Krieg versagten, der konnte immer noch seine persönlichen Kampffähigkeiten in die Waagschale werfen, um seinen Gegner zur Raison zu bringen. Platon kritisiert jedoch das Pankration im Zusammenhang mit militärischen Zwecken (Plat.leg.8,834a). Er nennt es nutzlos und schlägt vor, es durch leichte Waffen zu ersetzen. Bei der Untersuchung wurde noch ein weiterer Anlass gefunden, zu welchem Zweck Pankration nützlich sein kann. So erscheint der Allkampf auch eine Möglichkeit zu sein, einen Gewaltkonflikt zu lösen. Wichtig dabei ist, dass keine Waffen verwendet werden, was andernfalls zum Blutvergießen führen könnte (Heliod.10,31). Auch Philostratos berichtet von einem sogenannten Herausforderungsagon (Philostr.im,2,19,2). Hier wird Pankration allerdings wieder in einer Reihe von verschiedenen Disziplinen genannt.

[...]


1 Dazu siehe vor allem Doblhofer & Mauritsch (1996), S. 180 ff.

2 Ein Gamma vor Gutturalen wird immer als n ausgesprochen (vgl. αγγελος - Engel (engl. angel). Als Gutturale (lat. g utturalia - Kehllaute) bezeichnet man die Konsonanten κ, γ, χ = k, g, ch

3 Die Wiedergabe von Pankration mit Allkampf kommt in der Wissenschaft am häufigsten vor. Dazu siehe u.a. Schröder, Haase und Jüthner. Allerdings muss dazu gesagt werden, dass die Übersetzung Allkampf falsch ist. Eigentlich müsste παγκράτιον mit Gesamtkraft übersetzt werden

4 Vgl. Poliakoff (1989), S. 80. Über die Gleichsetzung von pammachos und pankration siehe vor allem Plat. Eutyhd. 271c- 272a. Der Begriff pammachos ließe sich mit „Allkampf“ übersetzen

5 Siehe auch Jüthner (1949), S. 619

6 Beim Pankration war dennoch nicht alles erlaubt. Beißen und Augenausdrücken galten als Regelwidrigkeit, in Sparta wurde dies wiederum geduldet. Dazu siehe Schröder (1927), S. 153. Zu einer ausführlichen Darstellung der Regelstrukturen siehe Doblhofer & Mauritsch (1996), S. 189ff.

7 Obwohl Properz über spartanische Frauen schreibt, die Pankration betrieben haben sollen, glaubt die Wissenschaft einheitlich daran, dass es sich dabei nur um ein Phantasiegebilde handelt. Dazu siehe auch Krause (1971), S. 55 (Anm.21) und S. 539 (Anm.2)

8 So berichtet u.a der Kömodiendichter Aristophanes, (5./4. Jh.v.Chr.) von einer Vorschrift, dass Pankratiasten nackt in einen Kampf gingen. Für eine Übersicht siehe Doblhofer & Mauritsch (1996), S. 179

9 Vgl. Rudolph (1965), S. 78 ff.

10 Dazu muss allerdings gesagt werden, dass die Wissenschaft schon seit Jahren darüber streitet, ob Pankratiasten wirklich ohne Riemen gekämpft haben. Dazu siehe Doblhofer & Mauritsch (1996) S. 178

11 Bei der Beschreibung der Zusammensetzung des Wortes pammachon sagt Platon allerdings, dass der Begriff παν den Sieg über alle bezeichnet.

12 Vgl. Rudolph (1965), S. 63

13 Vgl. Doblhofer & Mauritsch (1996), S. 211.

14 Primärquelle hierzu ist Σpind.Nem.5,89a, siehe Doblhofer & Mauritsch (1996), S. 130

15 Dazu siehe Doblhofer & Mauritsch (1996), S. 175

16 Primärquellen hierzu sind Lukian.Anach.24, Philostr.gym.11 und Philostr.im,2,19,2, siehe Doblhofer & Mauritsch (1996), S. 70, S. 108 und S. 117.

Details

Seiten
31
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783668662070
ISBN (Buch)
9783668662087
Dateigröße
664 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v213448
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,7
Schlagworte
stellenwert pankration griechenland

Autor

Zurück

Titel: Der Stellenwert des Pankration im antiken Griechenland