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Der Hitler-Stalin-Pakt: Ursachen, Hintergründe und Bedeutung

Zwischenprüfungsarbeit 1998 36 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Zeitalter Weltkriege

Leseprobe

Gliederung

Einleitung

1. Die außenpolitische Situation bis August
1.1. Der Charakter der nationalsozialistischen Außenpolitik von 1933 -
1.2. Das deutsch-sowjetische Verhältnis bis zum Abschluß des Hitler- Stalin-Paktes

2. Inhalte des Hitler-Stalin-Paktes

3. Einflüsse auf das Zustandekommen des Hitler-Stalin-Paktes
3.1. Gegenseitige Beziehungen aus der Weimarer Zeit
3.2. Zwei gegensätzliche Ideologien

4. Die Hintergründe des Hitler-Stalin-Paktes
4.1. Wirtschaftliche Gründe
4.2. Hitlers machtpolitische Überlegungen
4.3. Stalins sicherheitspolitische Gründe
4.4. Die innenpolitische Lage der UdSSR
4.5. Die Ausdehnung des sowjetischen Machtbereichs

5. Die politische Bedeutung des Hitler-Stalin-Paktes
5.1. Der Überfall auf Polen
5.2. Der Überfall auf Finnland und die Annexion der baltischen Staaten
5.3. Wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Deutschland und der Sowjetunion
5.4. Auswirkung auf die kommunistische Bewegung
5.5. Auswirkungen auf den weiteren Kriegsverlauf

6. Das Ende der deutsch-sowjetischen Zusammenarbeit
6.1. Hitlers Vorbereitungen für den Krieg gegen die Sowjetunion
6.2. Stalins Aufrüstungspläne

7. Schlußbetrachtungen

Literaturverzeichnis

Der Hitler-Stalin-Pakt: Ursachen, Hintergründe und Bedeutung

Einleitung

Mehrere Jahrzehnte erfolgte die Auseinandersetzung mit den Ursachen und den Hintergründen des Hitler-Stalin-Paktes nur in den westlichen Staaten. In der UdSSR und in den sozialistischen Satellitenstaaten ließ das herrschende politische System eine Diskussion nicht zu. Die Existenz einer geheimen Abmachung über die Aufteilung von Einflußsphären zwischen Hitler und Stalin durch ein Zusatzprotokoll wurde bewußt verschwiegen. Dem Westen waren wichtige Zeitdokumente aus sowjetischen Archiven für eine umfassende Forschung zunächst nicht zugänglich. Erst durch die Veränderung der politischen Situation in den osteuropäischen Ländern seit 1989 kann gemeinsam mit den russischen Historikern eine realistische Einschätzung des Hitler-Stalin-Paktes vorgenommen werden.

Hitlers Gründe für die Annäherung an die Sowjetunion sind hinreichend bekannt. Welche Ursachen und Hintergründe sind jedoch für die sowjetische Kooperationsbereitschaft mit dem ideologischen Gegner Deutschland verantwortlich ?

Obwohl sich Hitlers aggressive Lebensraumpolitik eindeutig auch gegen den sowjetischen Machtbereich richtete, entschloß sich Stalin letztendlich mit Deutschland einen Bund einzugehen. Nach wirtschaftlichen Absprachen folgte am 23. August 1939 der Abschluß des deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrages mit der Sowjetunion.

Die Vereinbarungen des geheimen Zusatzprotokolls wurden wenig später in die Tat umgesetzt.

Am 1. September 1939 überfiel Hitler Polen. Der Zweite Weltkrieg hatte begonnen.

1. Die außenpolitische Situation bis August 1939

1.1. Der Charakter der nationalsozialistischen Außenpolitik von 1933 - 1939

Die nationalsozialistische Außenpolitik knüpfte unmittelbar an die “Revisionspolitik” der Weimarer Republik an. Das nationalsozialistische Deutschland versuchte in einer ersten Phase die Ergebnisse des Ersten Weltkrieges und die Bestimmungen des Versailler Vertrages mit außenpolitischen Mitteln zu verändern. Die “Revision von Versailles” und die Aufhebung bzw. Entschärfung der Deutschland auferlegten machtpolitischen Beschränkungen waren erklärtes Ziel Hitlers und Grundvoraussetzungen für seine aggressive Großmacht- und Großraumpolitik (vgl. Hildebrand 1991, S.15 ff.).

Hitler beschränkte sich jedoch nicht auf die Weiterführung der traditionellen Ziele der Außenpolitik der Weimarer Republik. Der Einmarsch deutscher Truppen in die entmilitarisierte Zone des Rheinlandes am 7. März 1936 markierte einen Wendepunkt in der deutschen Außenpolitik. Dieser aggressive militärische Akt verstieß eindeutig gegen die Vereinbarungen von Locarno. Auch die außenpolitischen Ereignisse der Folgezeit unterstreichen das neugewonnene Selbstbewußtsein des faschistischen Deutschlands. Im November 1937 erläuterte Hitler vor einem engen Kreis der Wehrmacht und der Marine sein wahres, auf kriegerische Eroberung ausgerichtetes Programm, in der sog. Hoßbach-Niederschrift (vgl. Bullock 1991, S.736 ff.). Sehr präzise werden hier Hitlers außenpolitische Ziele der nächsten Jahre und die dafür zu verwendenden Mittel und Methoden wiedergegeben. Drei Monate später schaffte er auch die personellen Voraussetzungen für seine expansive Außenpolitik. Als Oberbefehlshaber der Wehrmacht gab er im März 1938 den deutschen Truppen die Anweisung in Österreich einzumarschieren. Ende Mai befahl er, die Vorbereitungen für den Einmarsch in die Tschechoslowakei zu treffen.

Die Appeasement-Politik der friedensorientierten Westmächte unterstützte Hitler bei der Durchführung seiner aggressiven Eroberungspläne. Frankreich und Großbritannien protestierten nur zögernd gegen die Vertragsbrüche Deutschlands. Die Großmächte des Versailler Vertrages waren nicht bereit, sich in einen europäischen Krieg verwickeln zu lassen. Mit maßlosen Forderungen und militärischen Drohungen in der Zeit der “Sudetenkrise” provozierte Hitler die Westmächte aufs Äußerste. Der letzte britische Versuch einer friedlichen Einigung in der Sudetenfrage gipfelte in der Münchener Konferenz vom 29. September 1938. Großzügige territoriale Zugeständnisse für Deutschland waren das Ergebnis der Verhandlungen. Jedoch konnten sie Hitler nicht davon abhalten, im März 1939 die Münchener Vereinbarungen zu brechen, um den “Konflikt” mit militärischen Mitteln zu lösen. Noch unmittelbar nach der Münchener Konferenz hatte er seinen Friedenswillen bekundet und erklärt, am tschechischen Staat nicht interessiert zu sein. Diese Aussage war jedoch einen Monat später hinfällig. Daß Hitler sich nicht an einmal völkerrechtlich getroffene Abmachungen hielt und sie lediglich nur zu seinem Vorteil nutzte, sollte sich auch beim Vertragswerk mit Stalin bestätigen.

Geschickt wechselte er seine Mittel und Methoden zur Durchsetzung seiner außenpolitischen Ziele, entsprechend der politischen Lage. Mit seiner “Friedenspolitik” verschleierte Hitler nicht nur die wahren Ziele der Nationalsozialisten, sondern vergrößerte zugleich den Handlungsspielraum für deren Realisierung. Mit der Zerschlagung der “Resttschechei” gab Hitler seine Friedenstaktik endgültig auf und der Charakter der nationalsozialistischen Eroberungspolitik wurde offensichtlich. Nach der “Lösung” der tschechischen Frage stand das “polnische Problem” im Vordergrund der Hitlerschen Außenpolitik.

1.2. Das deutsch-sowjetische Verhältnis bis zum Abschluß des Hitler- Stalin-Paktes

Nach der Machtübernahme versuchte Hitler jedes Kriegsrisiko zu vermeiden, bis die militärische Stärke Deutschlands wieder hergestellt worden war. Erst 1933 wurde das Berliner Freundschafts- und Neutralitätsabkommen mit der Sowjetunion von 1926 verlängert. Auch wenn Deutschland die langjährige Zusammenarbeit zwischen der Reichswehr und der Roten Armee auslaufen ließ, sah Hitler keinen Grund, einen offenen Bruch mit Rußland zu riskieren.

Der deutsch-polnische Verständigungsvertrag vom Januar 1934 war ein erster Schritt, um die außenpolitische Isolation Deutschlands zu verringern (vgl. Hildebrand 1991, S.18 f.). Darüber hinaus entsprach das Bündnis mit Polen den ideologischen Absichten Hitlers. Zum polnischen Gesandten Lipski äußerte er, daß Polen die letzte Barrikade im Osten gegenüber der Gefahr des Bolschewismus sei (vgl. Jacobsen 1968, S. 404 f.).

Die gegenseitige Nichtangriffserklärung zwischen Berlin und Warschau vom 26. Januar 1934 stellte eine folgenreiche Wende in der deutschen Außenpolitik seit dem Abschluß des Versailler Vertrages dar. Durch eine friedliche Lösung war es Hitler gelungen, das Versailler System zu stürzen. Er gab seine antipolnische Politik auf und erreichte mit der deutsch-polnischen Annäherung, daß Polen nicht mehr als Sicherheitspartner Frankreichs in Frage kam.

Nach der Unterzeichnung des Vertrages verschlechterte sich das deutsch-sowjetische Verhältnis schlagartig. Die UdSSR sah im deutschen Bündnis mit Polen eine Abkehr Deutschlands von dem auf Rapallo basierenden guten deutsch-sowjetischen Verhältnis und intensivierte ihre Politik der Annäherung an die Westmächte.

Auch weitere politische Ereignisse behinderten eine deutsch-sowjetische Annäherung erheblich. Durch den im November 1936 zwischen Deutschland und Japan geschlossenen “Antikomintern-Pakt” und den “Stahlpakt” mit Italien vom 22. Mai 1939 fühlte sich Stalin erheblich bedroht.

Bei allen Annäherungsversuchen zwischen Deutschland und der Sowjetunion im Vorfeld des Hitler-Stalin-Paktes im Jahre 1939 war das sowjetische Handeln von starkem Mißtrauen bestimmt (vgl. Maser 1994, S.14). Zwischen 1937 und 1939 wurden in der Sowjetunion aus wichtigen Positionen die “deutschfreundlichen Elemente” ausgeschaltet und durch linientreue Funktionärsträger ersetzt. Das deutsch-sowjetische Verhältnis war auf einem Tiefpunkt angelangt.

Die zugespitzte politische Situation Anfang 1939 verlangte es, daß sich die weitgehend isolierten Staaten Deutschland und die UdSSR separat um einen Bündnispartner bemühen mußten. Hitler versuchte sich seit 1933 die Gunst Großbritanniens zu sichern. Großbritannien schien sowohl aus ideologischen als auch aus machtpolitischen Überlegungen der geeignete Partner für Hitlers, in erster Linie gegen die Sowjetunion gerichtete, Eroberungspläne zu sein. Schon in “Mein Kampf” erwähnte Hitler Großbritannien als notwendigen Bündnispartner.

Weder durch Werbungsversuche noch durch Drohungen konnte Hitler die gewünschte Unterstützung des britischen Empire erlangen (vgl. Hildebrand 1991, S.16 f.).

Die Annäherung an Italien bzw. der mit Japan 1936 geschlossene „Antikomintern-Pakt“ stellten lediglich Ersatzbündnisse dar. Auch im Sommer 1939 war Hitler dazu bereit, sich mit der Seemacht zu verbünden. Daß Hitler letztendlich mit dem ideologischen Gegner kooperierte, ist auf seinen Entschluß, Polen anzugreifen, zurückzuführen. Die englische Regierung, die für Polen eine Garantieerklärung unterzeichnet hatte, wurde als Bündnispartner für Hitlers außenpolitische Ziele im August 1939 uninteressant.

Für die Sowjetunion stellten die außenpolitischen “Erfolge” Deutschlands mehr und mehr eine Kriegsgefahr dar. Die UdSSR hatte Anfang 1939 die Wahl zwischen wenigen möglichen Bündnispartnern. Ein Bund mit den Randstaaten scheiterte schon frühzeitig am geringen Entgegenkommen der umworbenen Länder. Im Frühjahr 1939 intensivierte die sowjetische Regierung ihre Bemühungen, um mit den baltischen Staaten Estland und Lettland Garantieerklärungen auszuhandeln. Weiterhin wurde der polnischen Regierung ein sowjetisch-polnischer Beistandspakt angeboten. Die polnische Regierung lehnte diesen Vorschlag am 10. Mai 1939 ab. Stalin konnte nach der Entscheidung aus Warschau im Falle eines Krieges nicht mit militärischer Hilfe rechnen ( vgl. Fleischhauer 1991,S.21 ff.). Der Versuch, sich mit den Randstaaten zu einigen, mißglückte.

Eine weitere Möglichkeit war die Fortsetzung der sowjetischen Bemühungen um ein Bündnis mit Frankreich und Großbritannien. Seit 1935 orientierte sich die Sowjetunion außenpolitisch an einem Bündnissystem mit den Westmächten. Die Vorschläge der UdSSR von Mitte April 1939 über ein Dreierbündnis führten nicht zum gewünschten Erfolg. Nach dem Scheitern dieser Gespräche versuchte Stalin mit den Westmächten über ein Militärbündnis zu verhandeln. Obwohl ein klares gemeinsames Ziel, einem möglichen Angriffskrieg Deutschlands entgegenzuwirken, feststand, gelangten die Verhandlungspartner nicht zu einem gemeinsamen Ergebnis. Hierfür gab es folgende Gründe:

Erstens belastete die Appeasement-Politik der Westmächte gegenüber Deutschland das Verhältnis zwischen der Sowjetunion und den Westmächten. Die Zurückhaltung Frankreichs im deutsch-tschechischen Konflikt wirkte sich hemmend auf den Ausbau der gegenseitigen Beziehungen aus. Die unrechtmäßige Einverleibung der Tschechei durch das Deutsche Reich wurde von der Sowjetunion entschieden verurteilt ( vgl. Maser 1994, S.19 f.). Die “Friedenspolitik” der Westmächte versprach keine genügende Sicherheit für die Sowjetunion.

Die Ergebnisse des Münchener Abkommens, zustandegekommen durch die Appeasement-Politik der Westmächte, wurden in Moskau als Versuch gewertet, den bestehenden Konflikt zwischen Deutschland und der UdSSR noch zu verschärfen. Stalin übte scharfe Kritik an der Politik der Westmächte. Nach seiner Meinung hätten England und Frankreich die Absicht, einen Krieg zwischen Deutschland und der Sowjetunion zu provozieren. Doch die UdSSR habe vor “...Vorsicht walten zu lassen und den Kriegsprovokateuren, die es gewohnt sind, sich von anderen die Kastanien aus dem Feuer holen zu lassen, nicht die Möglichkeit zu geben, unser Land in Konflikte hineinzuziehen.” ( Stalin 1950, S. 687).

Zweitens wurde die Forderung der UdSSR, im Zusammenhang mit der Vorbereitung der militärischen Maßnahmen gegen den “Aggressor” Deutschland, eine Durchmarscherlaubnis durch Rumänien und Polen zu gewähren, abgelehnt. Der sowjetische Plan basierte auf dem gemeinsamen präventiven Vorgehen der UdSSR und der Westmächte gegen das nationalsozialistische Deutschland. Die polnische Regierung verweigerte jedoch die geforderte Durchmarscherlaubnis. Auch die Westmächte stimmten dem sowjetischen Konzept nicht zu.

Drittens war auch die Verzögerungstaktik der Westmächte hinderlich für das Zustandekommen eines gemeinsamen Vertragswerkes (vgl. Bullock 1991, S.811 f.). Molotow führte das Scheitern des Verhandlungen über gegenseitige Hilfe auf den Unwillen der Westmächte zurück, die an einem Vertragsabschluß nicht wahrhaft interessiert waren. Er argumentierte, daß der Abschluß eines solchen Vertrages die UdSSR stärken würde, was nicht den Absichten der Westmächte entsprechen konnte.

Die vorliegenden Tatsachen lassen tatsächlich Desinteresse der Westmächte für das Zustandekommen eines gemeinsamen Vertragstextes erkennen. Die Entsendung zweitrangiger Militärfunktionäre und das Fehlen der schriftlichen Vollmachten bei der englischen Delegation hinterließen in Moskau nicht den Eindruck, daß die Westmächte zum Abschluß eines Militärbündnisses mit der UdSSR bereit waren. Die sowjetische Delegation bestand hingegen aus höchsten Mitgliedern der sowjetischen Streitkräfte. Für die Beantwortung ihrer Vorschläge ließ sich London unverhältnismäßig viel Zeit, während Hitler den Krieg gegen Polen vorbereitete. Die westliche Militärmission benutzte, elf Tage nach der Zustimmung ihrer Regierungen, für die Reise nach Moskau einen Passagierdampfer, mit dem sie sechs Tage benötigte. Die britische Stellungnahme zum ersten sowjetischen Vorschlag erhielt die Sowjetunion erst nach drei Wochen. Moskau reagierte im Vergleich zu London in viel kürzerer Zeit. In einigen Fällen antwortete Moskau sogar innerhalb von 24 Stunden. Wiederholt äußerte die Sowjetregierung im Sommer 1939 ihr Bedauern über die Verzögerungstaktik der Westmächte (vgl. Maser 1994, S.29 ff.).

Als Alternative zu einem Bündnis mit den Westmächten hatte die Sowjetunion aber auch die Möglichkeit, sich mit dem Feind zu arrangieren. Die unbefriedigenden Ergebnisse der Verhandlungen über ein Militärbündnis mit den Westmächten Ende Juli 1939 veranlaßten Stalin durch seinen Außenminister Molotow, auf eine Normalisierung der deutsch-sowjetischen Beziehungen hinzuarbeiten. Durch die festgefahrenen Gespräche mit Großbritannien und Frankreich fürchtete die UdSSR englische „Ausgleichsverhandlungen“ mit Deutschland, aber mit antisowjetischer Stoßrichtung.

Parallel zu den Verhandlungen mit den Westmächten führte die sowjetische Regierung seit Ende Juli 1939 nun auch Gespräche mit Deutschland. Hoffend bei auftretenden Differenzen mit den Westmächten sich als letzte Möglichkeit mit dem Feind arrangieren zu können, unterstrich Stalin in der Folgezeit die “Friedfertigkeit” seines Landes gegenüber Deutschland. Einen deutlichen Hinweis auf den künftigen außenpolitischen Kurs der Sowjetunion gibt das Gespräch vom 15. Juni 1939 zwischen dem sowjetischen Botschaftsrat Astachow und dem bulgarischen Gesandten wieder: ”Wenn Deutschland die Erklärung abgeben würde, daß es die Sowjetunion nicht angreifen wolle oder mit ihr einen Nichtangriffspakt abschließen würde, so würde die Sowjetunion wohl von dem Vertragsabschluß mit England absehen.” (Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik 1956, Nr. 529).

Schon seit Anfang April 1939 versuchte die Sowjetunion auf diplomatischer Ebene ein gutes deutsch-sowjetisches Verhältnis herzustellen. Die sowjetische Initiative, die am 3. Mai 1939 zur Ablösung des Außenministers Litwinow führte, kann als Versuch Stalins verstanden werden, das angespannte deutsch-sowjetische Verhältnis zu entschärfen. Die Absetzung des Hauptrepräsentanten der sowjetischen Sicherheitspolitik nahm Deutschland wohlwollend zur Kenntnis und wertete den Akt als sowjetisches Entgegenkommen. Zwei Tage später informierte sich Moskau auf diplomatischer Ebene nach einer möglichen, veränderten Einstellung Deutschlands gegenüber der Sowjetunion durch die Ablösung des Juden Litwinows.

Tatsächlich hatte sich Hitler von diesem Ereignis leiten lassen. Obwohl er Ende Mai 1939 einer deutsch-sowjetischen Annäherung noch skeptisch gegenüberstand, war er überzeugt, daß über wirtschaftliche Handelsbeziehungen auch politische Beziehungen zu Rußland möglich sein würden. “Litwinows Ablösung war ausschlaggebend. Ich habe die Umstellung Rußland gegenüber allmählich durchgeführt. Im Zusammenhang mit dem Handelsvertrag sind wir in das politische Gespräch gekommen.” (zit. nach Ripper 1977, S.52).

Am 31. Mai 1939 gab Molotow die Wiederaufnahme der Wirtschaftsbeziehungen zwischen der UdSSR, Italien und Deutschland bekannt. Schon im Juni spricht Hitler von der Möglichkeit einer Etappe “des Gleichgewichts und der wirtschaftlichen Zusammenarbeit” zwischen Berlin und Moskau (vgl. Fleischhauer 1990, S.237).

Die Sowjetregierung hatte es nicht sehr eilig sich mit Deutschland auf einen Vertragstext zu einigen. Sie versuchte im Gegenteil Deutschland hinzuhalten, da sie bei den Verhandlungen mit den Westmächten noch zu keinem Ergebnis gekommen war. Um die Westmächte nicht zu verunsichern, wurde Deutschland, trotz der allmählichen Annäherung der beiden Staaten, in der sowjetischen Propaganda als “Aggressor” dargestellt. Auch Hitler mußte bei seinen offiziellen Bekundungen bis August 1939, auf Grund der Geheimhaltung des deutsch-britischen Verständigungsversuchs, Rücksicht auf Großbritannien nehmen.

Nach den Aussagen des Leiters der sowjetischen Delegation, Woroschilow, tendierte Stalin eher für ein Bündnis mit den Westmächten als mit Deutschland. Die zunehmende Zusammenarbeit mit Deutschland kann nur als Ersatz für eine Bündnisoption mit Großbritannien und Frankreich verstanden werden ( vgl. Wolkogonow 1989, S.475 f.).

Mitte August 1939 kam es durch den unbefriedigenden Verlauf der sowjetischen Verhandlungen mit Frankreich und Großbritannien zu einem sichtbaren Entgegenkommen der sowjetischen Seite. Erst nach dem 15. August 1939 ging die sowjetischen Seite jedoch substantiell auf deutsche Vorschläge ein. In einem Gespräch am folgenden Tag zwischen Schulenburg und Molotow wurde zum ersten Mal die Frage nach einem deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt erörtert. Einen Tag später äußerte Molotow den Wunsch der Sowjetregierung, nach einer angemessenen Übergangszeit, mit Deutschland einen Nichtangriffspakt abschließen zu wollen oder den Neutralitätspakt von 1926 zu bestätigen ( vgl. Fleischhauer 1991, S.27 ff.). Integrierter Bestandteil des Vertragswerkes sollte ein spezielles Protokoll sein, welches die Regelung der Interessen der beiden Länder festhielt.

Hitler begrüßte die Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Handelsabkommen am 19. August 1939 und hoffte auf die baldige Unterzeichnung eines Nichtangriffspaktes mit der UdSSR. Nach Stalins Entscheidung vom 20. August, die Verhandlungen mit England und Frankreich zu beenden , folgten konkrete sowjetische Vorschläge für einen deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt, die im Vertragswerk vom 23. August 1939 ihren Niederschlag fanden. Der “Aggressor” Deutschland war seit diesem Tag plötzlich vertragswürdig und darüber hinaus sogar “Friedenspartner” geworden.

Ribbentrop würdigte den großen außenpolitischen Erfolg Deutschlands. Für ihn knüpfte der Pakt mit der Sowjetunion an die Außenpolitik Bismarcks an und bedeutete gleichzeitig auch das Ende der Einkreisung Deutschlands (vgl. Ribbentrop 1961, S.184 ). Hitlers politische Kehrtwendung wurde jedoch nicht einheitlich positiv aufgenommen. Ribbentrops Staatssekretär Ernst von Weizsäcker bezeichnete die neue Verbindung “auf längere Sicht” als Wagnis. Der vertraglich festgelegte Verzicht Deutschlands auf die Randstaaten und auf Finnland wurde von ihm als Geschenk an die Sowjetunion angesehen (vgl. Maser 1994, S.57). Noch deutlicher wurde der nationalsozialistische “Parteiphilosoph” Alfred Rosenberg , der zwei Tage nach der Vertragsunterzeichnung niederschreibt: “ Wie können wir noch von der Rettung und Gestaltung Europas sprechen, wenn wir den Zerstörer Europas um Hilfe bitten müssen?” (Seraphim 1956, S.75).

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Details

Seiten
36
Jahr
1998
ISBN (eBook)
9783656416883
ISBN (Buch)
9783656419488
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v213271
Institution / Hochschule
Technische Universität Berlin
Note
gut
Schlagworte
Hitler Stalin Pakt Bedeutung Hitler-Stalin-Pakt

Autor

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