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Szenen der Gewalt in Alfred Döblins Erzählung "Die Ermordung einer Butterblume"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 14 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gewalt
2.1. Gewalt in der Erzählung „Die Ermordung einer Butterblume“

3. Ursachen der Gewaltausbrüche
3.1. Gewalt wegen Kontrollverlust
3.2. Vorstellung von Gewalt
3.3. Selbstgerichtete Gewalt

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Erzählung „Die Ermordung einer Butterblume“ wurde von Alfred Döblin im Jahr 1905 verfasst und das erste Mal 1911 in der Zeitschrift „Sturm“ veröffentlicht. Als selbstständige Publikation wurde sie in einem gleichnamigen Sammelband von Kurzgeschichten 1913 herausgegeben. In der Kurzgeschichte wird, wie im Titel angedeutet, die Ermordung einer Pflanze beschrieben und die anschließende mentale Auseinandersetzung des Protagonisten mit seiner Tat. Der Täter, ein gewisser Herr Fischer, verübt diesen Mord mit einem Spazierstock und verfällt nach der Tat in Schuldgefühle. Völlig unüblich und jenseits des allgemeinen Verständnis von Mord, wird in der Erzählung der Mord an einer unbeseelten Sache, einer Blume, beschrieben. Durch die Reaktionen des Herrn Fischers, seinen Schuldgefühlen und anschließenden Sühnehandlungen, gewinnt diese abstrakte Gewalttat an Authentizität und lässt die Natur als weiteren Hauptprotagonisten erkennen.1 Ohne Herrn Fischers Reaktionen würde das Abschlagen des Blumenkopfes einzig als Trivialität nicht weiter beachtet werden. Herr Fischer individualisiert die Pflanze aber derart, dass eine Prosopopöie derer nachvollziehbar wird.

Alfred Döblin bedient sich in seiner Erzählung zur Beschreibung der Handlung vielfach der Mittel des damals neuentstandenen Mediums des Filmes; eben durch schnelle Perspektivenwechsel, Sprünge in Zeit und Raum und dem Zusammenfügen von mehreren Eindrücken in einer Abfolge:

„Die Luft laut von sich blasend, mit blitzenden Augen ging derHerrweiter. Die Bäume schritten rasche an ihm vorbei; der Herr achtete auf nichts. Er hatte eine aufgestellte Nase und ein plattes, bartloses Gesicht, ein ältliches Kindergesicht mit süßem Mündchen.

Bei einer scharfen Biegung des Weges nach oben galt es aufzuachten. Als er ruhiger marschierte und sich mit derHand gereizt den Schweiß von derNase wischte, tastete er, daß sein Gesicht sich ganz verzerrt hatte [...]2

Roland Links schrieb über die Figur des Herrn Fischer, dass Alfred Döblin mit ihr demonstrieren wolle, was sich hinter der Fassade der Bürgerlichkeit im Wilhelmistischen Zeitalter des beginnenden 20. Jahrhunderts verberge: nämlich Unsicherheit und Lebensangst.3 Eben diese beiden Ängste können sich in Gewalt äußern. Es reichte für Herrn Fischer, dass sein Gehstock sich im Blumengestrüpp verhakte, um sich mit einem eruptivem Gewaltausbruch an den Blumen zu rächen. Aber auch verbale Gewalt wird von Herrn Fischer geäußert. So bei dem Versuch, die verletzte, respektive getötete, Blume unter all den anderen Pflanzen wieder aufzufinden. Weiterhin scheint es, als ob Herr Fischer auch Gewalt an sich selber ausübt, ob nun aus Schuldbewusstsein oder Selbstmitleid. In dem Fall dieser Erzählung mit dem Gedanken an Selbstmord, der psychischen Belastung und der Abmagerung durch den vermeintlichen Mord an einer Butterblume.

Aber auch der Hauptprotagonist der Erzählung muss Gewalt erdulden, die an ihm verübt wird. Während seiner Flucht scheint es, als ob der Wald den flüchtenden Mörder, Herrn Fischer, verletzen wolle.

In den folgenden Kapiteln möchte ich diese Formen der ausgeprägten Gewalt in der Erzählung „Die Ermordung einer Butterblume“ von Alfred Döblin näher beleuchten und versuchen, mögliche Ursachen derer zu erläutern. Dabei sollen auch psychoanalytische Interpretationen der Erzählung in Betracht gezogen werden.

2. Gewalt

Auf den ersten Blick fallen zwei mögliche Gewaltinterpretationen in das Blickfeld. Zum einen die Gewalt aus soziologischer Sicht, zum anderen die Gewalt im politischen Verständnis.

Die Etymologie des Wortes Gewalt zeigt, dass es aus dem althochdeutschem Wort „waltan“ stammt. Abgeleitet aus dem Präfix „wal-“ bedeutet es stark sein, herrschen.4 In diesem Sinne beschreibt die politische Gewalt die Ausübung von Herrschaft,5 beziehungsweise das Werkzeug zur Erreichung von politischen Zielen.6

Innerhalb der Soziologie wird keine einheitliche Gewaltdefinition gegeben. So unterscheidet Reemtsma zum einen zwischen psychischer und physischer Gewalt. Die physische unterteilt er noch einmal in lozierende Gewalt, also die Gewalt über den „Körper des Anderen, um über seinen Ort im Raum zu bestimmen“7, in raptive Gewalt, der Gewalt über einen Körper als solchen8 und abschließend in autotelische Gewalt, eben der Gewalt über „die Zerstörung der Integrität des Körpers“9 Die psychische Gewalt interpretiert Reemtsma mit der Drohung, ein Opfer auf den Körper reduzieren zu wollen; in diesem Sinne als Grundlage der ausgeübten Gewalt, mit dem Androhen von Schmerzen ohne dessen zwangsläufige Ausübung.10

Die uneinheitliche Gewaltdefinition der Soziologie wird besonders deutlich bei Neidhards Hinweisen auf das unterschiedliche Verständnis von Gewalt in unterschiedlich hohen sozialen Schichten.11 So bezeichnet Neidhard Gewalt als Universalsprache der Unterschicht, die von ihren Mitgliedern angewandt würde, wenn ihr keine weiteren rhetorischen Mittel blieben, sich durchzusetzen.

2.1. Gewalt in der Erzählung „ Die Ermordung einer Butterblume“

Das erste Anzeichen von Gewalt in der Erzählung zeigt sich an dem „Butterblumenmassaker“ des Herrn Fischers. Ausgelöst von einem Feststecken seines Spazierstockes bricht die Gewalt jäh aus. Herr Fischer ist zutiefst verletzt und außer sich vor Wut. Mit blutrotem Gesicht stürzt er sich auf die Blumen und schlägt mit seinem Stock wild um sich. Scheinbar nicht Herr seiner Sinne gewesen, stellt er nach der Tat verzerrte Gesichtszüge und einen schwer gehenden Atem an sich fest und rekapituliert seine Tat. Er vergleicht dabei seine Schläge gegen die Blumen mit den von ihm ausgeübten Schlägen gegen seine Lehrlinge. Der Auslöser für diese Tat erscheint für den Leser gleichermaßen abstrus. Wo eben ein Feststecken des Stockes Anlass genug war, sich mit Gewalt durchzusetzen, ist es bei seinen Lehrlingen ein falsches Sortieren von Fliegen.

In den folgenden Gedanken nimmt die zuerst sinnlos und wahllos verübte Gewalttat eine neue Dimension an. Nun ist es eine bestimmte Blume, die mit gezielten Stockschlägen ihres Blütenkopfes beraubt wird. Dieser verschwindet auf fast schon fantastische Weise im Erdinnern und gibt Herrn Fischer Anlass seinen geistigen Zustand zu hinterfragen, ohne jedoch zu einem für den Leser befriedigendem Ergebnis zu kommen. Jedoch stellt er für sich fest, nicht berauscht zu sein und leugnet die Tat zunächst:

„Ich bin nicht berauscht. DerKopfdarfnicht fallen, ermuss im Gras liegen bleiben. Ich bin überzeugt, daß er jetzt ruhig im Gras liegt. Und das Blut —. Ich erinnere mich dieser Blume nicht, ich bin mirabsolut nichts bewusst.“12

Ein weiteres Zeichen von Gewalt wird im Folgenden nur angedroht. So droht er seinen Füßen, ob ihres Eigenlebens an, ihnen einen Stich mit dem Taschenmesser zu geben. Ähnlich wie in der Butterblumenszene begegnet Herr Fischer einem Kontrollverlust mit Gewalt. In diesem Fall aber psychischer Gewalt.

Die folgende Gewaltszene ist direkt als solche nicht zu erkennen. In einem Anfall von schlechtem Gewissen versucht Herr Fischer die ermordete Butterblume wieder aufzufinden, um sie entgegen seiner Erwartung zu heilen. Wieder wird deutlich, dass der Protagonist einen Kontrollverlust nur mit Aggression begegnen kann. So findet er die von ihm geköpfte Blume im Blumenmeer nicht und macht indirekt die Pflanzen dafür verantwortlich, indem

„Erbrüllte: „Gebt sie heraus. Macht mich nicht unglücklich, IhrHunde. Ich bin Samariter. Versteht ihr kein Deutsch?“ Ganz legte er sich aufdie Erde, suchte, wühlte schließlich blind im Gras, zerknäulte und zerkratzte die Blumen, während sein Mund offenstand und seine Augen gradaus flackerten..“13

Diesmal versucht Herr Fischer mit verbaler Gewalt sein Ziel zu erreichen. Dabei verdreht er ironischerweise Weise das Recht des Kranken auf einen Arzt, für sein Bedürfnis, die Schuld des Mordes durch Heilung abzuladen.

Im Eingeständnis des endgültigen Todes der Butterblume malt sich Herr Fischer weiterhin die Reaktionen einer nicht näher bestimmten Umgebung aus. So würde er durch eine Art Lynchjustiz denselben Tod wie die geköpfte Butterblume sterben und seine Hände als ausführende Organe der Tat in glühende Kohlen gesteckt bekommen. In seiner eigenen Vorstellungswelt scheint dies die angemessene Bestrafung für Mord zu sein. Doch selbst dieser, aus seinen eigenen Gedanken entsprungene Vorstellung von Gewalt, begegnet er mit Rechtfertigung, dass es sein persönliches Recht wäre, Blumen zu töten und droht an, jedem, der es wagt darüber zu lachen, an die Kehle springen zu wollen.14 Man erkennt hier eine Rangfolge von Gewaltausübungen. Zu Beginn die tatsächlich, aktiv ausgeübte physische Gewalt. Im weiteren Verlauf die Androhung von Gewalt und die darauf folgende Vorstellung von Gewalt. Beide lassen sich hier sich der psychischen Gewalt zuordnen.

Während seiner anschließenden Flucht aus dem Wald, gewinnt die dargestellte Gewalt weitere Dimensionen. So erscheint es dem Leser, als ob der Wald selbst Gewalt ausüben wolle:

„Wieder rennt er hart gegen eine niedrige Tanne; die schlägt mit aufgehobenen Händen aufihn nieder.“15

[...]


1 Vgl. Klein, Otto: Das Thema Gewalt im Werk Alfred Döblins. Ästhetische, ethische und religiöse Sichtwelse (1995). Verlag Dr. Kovac, Hamburg, S. 99-101.

2 Döblin, Alfred: Die Ermordung einer Butterblume (1913). In: Ausgewählte Werke in Einzelbänden. Die Ermordung einer Butterblume. Sämtliche Erzählungen. Hg. von Christina Althen. WalterVerlag, Düsseldorf/ Zürich, 2001, S. 55-56.

3 Links, Roland: Alfred Döblin. Leben und Werk (1965). Volkseigener Verlag, Berlin, S. 19.

4 Kluge, Friedrich: Etymologisches Wörterbuch (2002). 24. Aufl. de Gruyter, Berlin. S. 354 bzw. 971.

5 Vgl. Hobbes, Thomas: Leviathan (1651). Reclam, Stuttgart 2000. Kap. 17.

6 Vgl. Arendt, Hannah: Macht und Gewalt (1995). 10. Aufl. Piper, München. S. 40-41.

7 Reemtsma, Jan Phillip: Vertrauen und Gewalt: Versuch über eine besondere Konstellation in der Moderne (2008). Hamburger Ed., Hamburg. S. 108.

8 Ebd.S.113.

9 Ebd.S.118.

10 Ebd. S. 111.

11 Neidhart, Friedhelm: Gewalt, soziale Bedeutungen und sozialwissenschaftliche Bestimmung des Begriffs (1986). In: Bundeskriminalamt (Hrsg.): Was ist Gewalt? Bd. 1,S. 116-118.

12 Döblin, Die Ermordung, S. 58.

13 Ebd. S. S. 61.

14 Ebd. S. 62.

15 Ebd. S. 62-63.

Details

Seiten
14
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656414001
ISBN (Buch)
9783656414513
Dateigröße
434 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v213217
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Neue Deutsche Literatur
Note
1,3
Schlagworte
szenen gewalt alfred döblins erzählung ermordung butterblume

Autor

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Titel: Szenen der Gewalt in Alfred Döblins Erzählung "Die Ermordung einer Butterblume"