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Wie wird ein Mensch zum Mörder?

Psychologie der Täter im Genozid

Seminararbeit 2012 17 Seiten

Kulturwissenschaften - Allgemeines und Begriffe

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Gewalt liegt im Auge des Betrachters – ein anthropologischer Erklärungsversuch

2. Von Gewalt zu Genozid

3. „Ich habe nur getan, was mir gesagt wurde“ – Die Rolle des Sozialen Einflusses
3.1 Konformität
3.2 Gehorsam

4. Der Mensch in der Gruppe
4.1 Normen
4.2 Rollen

Schlusswort

Literaturverzeichnis

Vorwort

Besonders nach den Schrecken des zweiten Weltkriegs und den grausamen Taten, die sich indessen vor den Augen der Welt abgespielt hatten, stellt sich in den Wissenschaften, vor allem in der Sozialpsychologie immer mehr die Frage, wie durchschnittliche Menschen zu Tätern werden konnten, die teils unglaubliche Verbrechen an ihren Mitmenschen begehen, auch ohne vorher je negativ aufgefallen zu sein. Es ist kein Zufall, das gerade in der Nachkriegszeit eine Vielzahl an psychologischen Forschungen und Experimenten durchgeführt werden – das Milgram-Experiment- findet nur kurz nach dem Eichmann-Prozess statt- um die Frage zu beantworten, die die Welt im Angesicht einer solchen Katastrophe von phänomenalem Ausmaß stellt: wie wird ein Mensch zum Täter? Viele Annahmen über die menschliche Natur sind seither gemacht worden, besonders darüber, wie unzählige, bis dato unauffällige Durchschnittsbürger innerhalb kurzer Zeit gezeigt haben, zu welchen grauenhaften Taten sie offenbar fähig waren.

Daraus ergibt sich zuerst die Frage: was ist eigentlich Gewalt und wie wird aggressives Verhalten ausgelöst?

Welchen Einfluss haben Mitmenschen und die Gruppe auf den Einzelnen, besonders wenn es um Gewalttaten geht, oder sind am Ende situative Faktoren entscheidend? Die auch weit über die Psychologie hinaus bekannten Experimente von Milgram und Asch, sowie das Stanford-Prison Experiment zeigen uns, zum Teil auf dramatische Weise, wozu der Mensch fähig sein kann, wenn er sich dem Einfluss der Anderen oder der Situation ergibt. Als Beispiele sollen sie dazu beitragen, das Verhalten des Menschen unter Einfluss seiner Mitmenschen und der vorgegebenen Situation besser zu verstehen.

Der Fokus dieser Arbeit liegt auf dem gewalttätigen Handeln des Menschen gegenüber seinen Mitmenschen. Individuen, genauso wie Gruppen, Gesellschaften oder Institutionen weisen Charakteristiken auf, die darauf Einfluss nehmen können, gewalttätiges Verhalten wiederholt hervorzubringen. Durch das Identifizieren dieser Merkmale können wir den Kreislauf durchbrechen und destruktives Verhalten einschränken und verhindern. Besonders im Angesicht von Ereignissen extrem gewalttätiger Natur, wie Genoziden und Massenmorden, ist es wichtig, soziale Prozesse und psychologische Hintergründe als mögliche (Teil)Auslöser zu identifizieren um in Zukunft verhindern zu können, das Individuen und Gruppen auf diese Art auch als Täter instrumentalisiert werden können. Genozid und Massenmord sind letztendlich Ergebnisse menschlichen Verhaltens, die zu verstehen wir uns bemühen müssen.

1. Gewalt liegt im Auge des Betrachters. Ein anthropologischer Erklärungsversuch

Gewalt hat viele Formen und Charakteristiken, nicht überall wird das Gleiche als Gewalt angesehen. Was in einer Gemeinschaft als Gewalt definiert wird und zu harten Strafen führen kann, wird in einer anderen Gemeinschaft als Teil des Kulturguts gepflegt.

„Violence […] defies easy categorization. It can be everything and nothing; […] “[1]

Scheper-Hughes sagt also, Gewalt kann „alles und nichts sein“. Sichtbar oder unsichtbar, gerechtfertigt oder nicht. Sinnlos für die Einen, notwendig für die Anderen. Sie kann im Affekt entstehen oder strategisch geplant sein. Gewalt lässt sich also nicht so allgemein definieren, dass jeder zustimmen würde, sie liegt im Auge des Betrachters.[2] Abhängig vom soziokulturellen Umfeld, indem wir aufwachsen und welche Werte uns dort vermittelt werden, ebenso wie von der politisch-ökonomischen Situation in der wir uns befinden, können bestimmte Gewaltakte als legitim, ehrenhaft oder unmoralisch angesehen werden. Selbstmordattentäter werden in ihrem eigenen sozialen Umfeld häufig als Märtyrer und Helden gefeiert, während sie woanders als grausame Mörder verachtet werden.[3] Gewalt, genauso wie die Ablehnung von Gewalt, sind als Fähigkeit im Menschen präsent. Das heißt jedoch nicht, dass wir biologisch oder evolutionär dazu vorbestimmt wären, zum Massenmörder zu werden. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Kulturelle Prozesse, soziale Strukturen und Ideologien und Ideen formen auch alle Ausmaße von Gewalt.[4] Gewalttätiges Verhalten ist immer auch in soziale Umstände eingebunden und wird durch das Umfeld beeinflusst. Niemand wird gewalttätig geboren. Gewalt, genau wie alle anderen menschlichen Fähigkeiten, muss zunächst gelernt werden.

2. Von Gewalt zu Genozid

Wie wir sehen werden, kann eine Reihe von Faktoren dazu führen, dass Menschen gewalttätig werden und dazu bereit sind, ihren Mitmenschen enormen Schaden zuzufügen. Wie diese Gewalt sich in einen Genozid wenden kann, soll anhand des Holocaust besser erläutert werden. Auch wenn kein Genozid dem Anderen gleicht, gibt es doch eine Reihe von Charakteristiken, die sich häufig wiederfinden und als Warnsignale dienen können, wenn sie denn beachtet werden.

Dazu gehören sozioökonomische Umbrüche, bedeutende strukturelle Aufteilungen innerhalb der Bevölkerung, eine klar identifizierte Zielgruppe, die häufig für bestimmte Missstände verantwortlich gemacht wird (daraus ergeben sich oft diskriminierende politische Änderungen) und eine effektive ideologische Manipulation. Bleibt die internationale Staatengemeinschaft im Angesicht dieser Zustände tatenlos, kann aus diesen Faktoren ein Genozid von gewalttätigem Ausmaß entstehen.[5] Vergleichen wir diese Einflüsse mit dem Holocaust, so finden wir einige von ihnen wieder: Deutschland befand sich nach dem Ersten Weltkrieg in einer Lage, die für viele Bürger erschwerte Lebensbedingungen mit sich brachte. Die verheerende Niederlage im Ersten Weltkrieg, gemeinsam mit der kritischen wirtschaftlichen Lage, die sich daraus ergab, der Inflation, der erniedrigende Vertrag von Versailles, die enormen Reparaturzahlungen an die Franzosen, politische Gewalt und weitreichendes soziales Chaos.[6] Die Situation, die sich daraus ergab, machte es für viele Deutsche leicht, einen Sündenbock zu identifizieren und eine Lösung zu suchen in einer radikalen Ideologie, die denjenigen eine bessere Zukunft versprach, die sich ihr anschlossen. Zusammen mit einem weiteren radikalen Ereignis dass sich ereignete, einem Zweiten Weltkrieg, konnte diese Gewalt bis zu einem Genozid führen.[7] Wie viele moderne Genozide verfolgte so auch das NS-Regime die Idee, dass das Eliminieren einer bestimmten Gruppe zu besseren Lebensumständen für die Übrigen führen würde. Dieses Konzept führt dazu, dass das jeweilige Regime Unterschiede herstellt zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen, basierend auf Herkunft, Religion, politischer Einstellung oder sonstigen Merkmalen. Eine Propaganda von „wir“ und „die Anderen“ trägt dazu bei, die eigene Identität noch stärker von der Anderen zu unterscheiden (Deutsche gegen Juden). Dieses Konzept kann solange voran getrieben werden, bis die beschuldigte Gruppe soweit von der Gesellschaft ausgegrenzt wird, dass deren Mitglieder nicht mehr als vollwertige menschliche Wesen angesehen werden. Somit kann dann auch angewendete Gewalt ihr gegenüber eher legitimiert werden, bis auch die Vernichtung nicht mehr als moralisch verwerflich eingeordnet wird.[8] Ideologien, die die Vernichtung eines bestimmten Teils der Gesellschaft verfolgen, entstehen nicht in einem Vakuum. Sie erleben ihren Aufstieg zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort. Hätten sich nicht viele Deutsche in einer wirtschaftlich oder sozial schwierigen Lage befunden, wie bereits erläutert wurde, hätte die zerstörerische Ideologie des NS-Regimes höchstwahrscheinlich nie zu solcher Popularität führen können.

3. „Ich habe nur getan, was mir gesagt wurde“ – Die Rolle des Sozialen Einflusses

Über 55 Millionen Menschen sind allein im 2. Weltkrieg ums Leben gekommen[9], mehr als 6 Millionen Juden[10] sind einer grausamen Tötungsmaschinerie zum Opfer gefallen, die in der Menschheitsgeschichte beispiellos ist. Wie wurden bis dato unauffällige, durchschnittliche Menschen Teil einer solchen Tat und machten sich selbst zum Täter?

Auch wenn destruktive Ideen und Ideologien ihren Ursprung vielleicht in den Köpfen weniger Menschen oder Einzelpersonen haben, so ist es doch nötig, für deren Ausführung eine große Zahl an Mitmenschen zu mobilisieren, um diese in die Tat um zu setzen. Wie entscheidend situative Gegebenheiten und Merkmale des Gegenübers für das Handeln einer Person sein können und im schlimmsten Fall zu Verletzungen von sich selbst oder anderen Beteiligten führen, haben verschiedene sozialpsychologische Studien auf zum Teil dramatische Weise gezeigt, darauf soll hier näher eingegangen werden.

2 Einflüsse, die im menschlichen Verhalten eine Rolle spielen, sollen hier im Besonderen angesprochen werden: Konformität und Gehorsam. Beide Faktoren üben Einfluss auf das Handeln des Menschen aus und können in extremen Situationen wie in Kriegs- und Konfliktzuständen verheerende Auswirkungen haben.

[...]


[1] Scheper-Hughes, Nancy & Bourgois, Philippe (Hrsg.): Violence in War and Peace. Oxford 2004. S. 2.

[2] Ebd. S. 2.

[3] Ebd. S. 2f.

[4] Ebd. S. 3f.

[5] Laban Hinton, Alexander: Why did they kill? Cambodia in the Shadow of Genocide. Kalifornien 2005. S. 282ff.

[6] Newman, Leonard & Ralph Erbe: Understanding Genocide: The Social Psychology of the Holocaust. Oxford 2002. S. 13.

[7] Ebd. S.14f.

[8] Laban Hinton, Alexander: Why did they kill? Cambodia in the Shadow of Genocide. Kalifornien 2005. S. 284f.

[9] Bundeszentrale für politische Bildung: Dossier Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg. Bonn 2005. S.1.

[10] Bundeszentrale für politische Bildung: Deutsche Geschichten. 1933-1945. Antisemitismus.S.3

Details

Seiten
17
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656410997
ISBN (Buch)
9783656411918
Dateigröße
1007 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v213152
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Kultur- und Sozialanthropologie
Note
2,0

Autor

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