Lade Inhalt...

Hatte Philipp ADHS? Zur heutigen Rezeption der Hoffmann'schen Geschichte vom 'Zappel-Philipp'".

Hausarbeit 2013 32 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Geschichte vom Zappel-Philipp
2.1 Hintergrund und Entstehung
2.1.1 Literarische Vorfahren und Geschwister des Struwwelpeter
2.1.2 Vorlagen aus der Kunst
2.1.3 Politische und gesellschaftliche Situation
2.1.4 Geistesgeschichte und pädagogische Wegbereiter
2.2 Biografische Notizen zum Autor Hoffmann
2.3 Die Geschichte und mögliche Deutungen
2.4 Redaktionsgeschichte
2.5 Resonanz

3. Heutige Rezeptionen der Hoffmann'schen Zappel-Philipp-Geschichte
3.1 Literatur über AD(H)S: Ohne den Zappel-Philipp nicht denkbar
3.2 Erstbeschreibung eines Krankheitsbildes?

4. Hoffmann missverstanden? Ein Fazit

Anhang
A) Die (Ur-)Geschichte vom Zappel-Philipp in der 2. Auflage von 1846.
B) Die Geschichte vom „Jungen, der nicht essen wollte“ in der russischen Erstausgabe des Struwwelpeter von 1849.
C) Die Geschichte vom „zappeligen Fedjuschka“ in der russischen Erstausgabe des Struwwelpeter von 1849.
D) Die Geschichte vom Zappel-Philipp in ihrer zweiten Fassung (hier aus der 100. Auflage von 1876)
E) Die letzte Illustration zur Geschichte von „Bastian dem Faulpelz“ (hier aus dem Manuskript von 1854)

Q Literaturverzeichnis

1. Einleitung

An einem kalten Winterabend in Frankfurt am Main. Man schreibt das Jahr 1844. Ein Mann kehrt von den Weihnachtseinkäufen heim und hält seiner Frau ein leeres Schreibheft unter die Nase: „Hier ist das gewünschte Buch für den Jungen“1. Er werde ein Bilderbuch daraus machen, verspricht er und beginnt das Heft mit Zeichnungen zu füllen, sie danach zu aquarellieren und ein paar Verse darunterzusetzen.

So beginnt die Geschichte des Kinderbuches „Der Struwwelpeter“. Heinrich Hoffmann, der das Bilderbuch für seinen dreijährigen Sohn Carl Philipp2 geschaffen hatte, ließ sich anlässlich der 100. Auflage im Jahre 1876 dazu hinreißen, eine kleine E des Struwwelpeter zu verfassen. Ist sie Mythos oder Tatsache? Dies ist angesichts der großen – bis in die heutige medizinische, psychologische und pädagogische F reichenden - Resonanz des Buches eine sich aufdrängende Frage. Zu befürchten steht aber, dass sie in Anbetracht eben dieser lebendigen Wirkungsgeschichte nur schwer zu klä- ren sein wird.

Mythos oder Tatsache? Ob diese Frage beantwortbar ist, sei dahingestellt. Jedoch nötigt sie dazu, weitere Fragen zum Struwwelpeter zu stellen: Welche politischen Umstä herrschten? Wie sah Hoffmanns eigene Kindheit aus? In welcher familiären Situation schrieb er das Buch? Welche pädagogischen Absichten verfolgte er? Wovon ist der Struwwelpeter literaturgeschichtlich möglicherweise beeinflusst?

Relevanz erhalten die deshalb im Folgenden durchgeführten Untersuchungen einerseits durch die Aktualität des Struwwelpeter -Buches per se und andererseits speziell durch die in den letzten Jahrzehnten aufgekommene und derzeit an Fahrt gewinnende Debatte um „Zappelphilippe“.

Ursprünglich eine Figur in Hoffmanns Struwwelpeter ist der „Zappel-Philipp“ zum Schlagwort einer kindlichen Verhaltensstörung geworden: das A -Hyperaktivitäts-Syndroms (ADHS) wird in der einschlägigen Literatur nicht selten auch als „Zappelphilippsyndrom“3 bezeichnet.4 Gängig ist die Bezeichnung auch für die betreffenden Kinder selbst. So beschreiben etwa Hüther et al. ihr Buch „Neues vom Z 5 als „[...] ein Buch […] für alle, denen die Zukunft dieser kleinen Zappelphilip-

In seinen Lebenserinnerungen heißt es an gleicher Stelle: „[...] Hier habe ich, was wir brauchen [...]“, Hoffmann (1985): Lebenserinnerungen, S. 139. Hier wird die nicht genaue Erinnerbarkeit der von H beschriebenen Entstehungszusammenhänge des „Struwwelpeter“ deutlich. Eine kritische Analyse muss deshalb immer auch die Möglichkeit einer gewissen Mystifizierung dieses Ursprungsszenarios . Auch der überwältigende Erfolg des Bilderbuches hat sicher Auswirkungen auf die Art und Weise der Darstellung seiner Entstehung.

pe […] am Herzen liegt“6.

Was hat die Hoffmann'sche Figur mit diesen heutigen „Zappelphilippen“ gemein? Hat das Kind im Bilderbuch möglicherweise ADHS, beziehungsweise zeigt es nicht S dieser Störung?

2. Die Geschichte vom Zappel-Philipp

2.1 Hintergrund und Entstehung

2.1.1 Literarische Vorfahren und Geschwister des Struwwelpeter

„Ein Bilderbuch ist für eine Kinderstube ein ebenso wesentliches und noch Meuble als die Wiege, die Puppe oder das Steckenpferd [...]“7, hält im 18. Jahrhundert der Verleger Bertuch fest. Er gibt eine Anleitung dafür, was ein Bilderbuch ausmacht: es soll schöne Illustrationen enthalten, die Gegenstände und Tiere sollen maßstabsgetreu wiedergegeben sein und es soll kostengünstig herstellbar sein.8 D Art des strukturierten und auf Wissensvermittlung für die Kleinen ausgerichteten B kann als unmittelbarer Vorläufer des Hoffmann'schen Struwwelpeter angesehen . Dies liegt auch nahe, da Hoffmann selbst sich über solche Art Bilderbuch empört. Er habe „[...l]ange Erzählungen oder alberne Bildersammlungen [...]“9 gefunden. „[...] Als ich nun gar endlich ein Foliobuch fand, in welchem eine Bank, ein Stuhl, ein Topf, und vieles Andere, was wächst oder gemacht wird, ein wahres Weltrepertorium, abgezeichnet war, und wo bei jedem Bild fein säuberlich zu lesen war: die Hälfte, ein Drittel, oder ein Z der natürlichen Größe – da war es mit meiner Geduld aus [...]“.10

Hoffmann versucht etwas Neues. So sehr er sich jedoch auf den ersten Blick von zeitgenössischen Kinderbuchformen löst, so sehr steht er doch auch in ihrer Tradition. Im frühen 19. Jahrhundert waren moralische Erzählungen11 und Warngeschichten en vogue, wie Dolle-Weinkauf und Kollegen festhalten und unterstellen, Hoffmann habe diese K erfolgreich fortgesetzt.12 Ähnlich argumentieren Herzog et al.: „[...]Die Struwwelpeter-Geschichten sind Warngeschichten, die im 19. Jahrhundert sehr populär [...]“13. Denkbar ist wohl beides: Kontinuität und Innovation. So attestieren zum B die bereits genannten Autoren Dolle-Weinkauf et al. Hoffmann ein „innovatives Konzept eines Bilderbuches für kleine Kinder“14. Marie-Luise Könneker, die in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts nähere Untersuchungen zu Hoffmanns Struwwelpeter durchgeführt hat, beobachtet, dass „[...d]er Struwwelpeter meist [...] als Anfang wirklich ,kindgemäßer' Kinderliteratur angesehen [wird, J.V.]“15.

Bei aller berechtigter Aufmerksamkeit auf das Neue an Hoffmanns Struwwelpeter sind literarische Einflüsse vielfältig erkennbar. So ist die Verbindung von Bild und Text auch etwa in Fibeln16, Bilderbibeln und illustrierten Fabelbüchern dieser Zeit zu finden. Mit Illustrationen versehene Geschichtenbücher einerseits, Bilder-ABC und erweiterte B ädie andererseits17 sind Literaturformen, die Hoffmann gekannt und an denen er sich orientiert haben dürfte. Könneker arbeitet umfassend heraus, wie Hoffmann mit Struwwelpeter Kind seiner Zeit bleibt: „[...i]n der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts überwiegen […] ganzseitige Illustrationen in der Technik illuminierter Kupferstiche, später handkolorierter Lithographien, [sie, J.V.] geben […] typische Sujects [sic.] [wie, J.V.] K beim Schlittenfahren [oder, J.V.] auf dem Jahrmarkt [wieder, J.V.]“.

Inhaltlich (und formal) orientiert sind die Moralgeschichten18 aus dem S möglicherweise auch am seit dem Mittelalter in ganz Europa verbreiteten öffentlichen Bänkelgesang und den dort vorgetragenen Moritaten. Geschildert sind dort entsetzliche T , deren Darstellung mit einer moralisierenden Schlussbemerkung endet.

2.1.2 V orlagen aus der Kunst

Es erhellt von selbst, dass die Frage nach den im Struwwelpeter auftauchenden I neben der nach den litarischen Vorfahren und Geschwistern dieses K eine zentrale Rolle spielt. Neben den bereits erwähnten Bilderbuchvorläufern waren es auch sogenannte Bilderbögen, anhand derer im 18. und 19. Jahrhundert „[...] Sprichwö [...], Trachten, Blumen, Tiere[... und, J.V.] Werkzeuge[...]“19 dem Kind nahegebracht werden sollten; sie haben Hoffmann vermutlich inspiriert. Vorläufer hierfür dürften die im Mittelalter entwickelten Einblattholzschnitte gewesen sein.

Dolle-Weinkauf et al. zufolge haben auch „[...] zeitgenössische Karikaturen […] für die fantastischen Figuren Hoffmanns vielfach Anregungen geliefert [...]“20. Das Aufkommen und die massenhafte Verbreitung von Karikaturen datiert auch Könneker in die Zeit des Struwwelpeter, und zwar im Rahmen des Erscheinens der „Fliegenden Blätter“ 1844.21 Interessant ist dabei die Tatsache, dass Hoffmanns Struwwelpeter selbst mancherorts als Karikatur gesehen wird. So karikiere er pädagogische Rituale, ohne aber Erziehung per se lächerlich machen zu wollen, behaupten zum Beispiel Dolle-Weinkauf et al..22

Fragt man jedoch dezidiert nach möglichen Vorlagen aus der zeitgenössischen Kunst, so ist im Falle des Hoffmann'schen Zappel-Philipps, um den es in Arbeit vorrangig geht, wohl nur eine direkte Inspirationsquelle denkbar. Der Freiburger Medizinhistoriker Eduard Seidler sieht eine Verbindung zwischen Heinrich von Rustiges Werk „Die unterbrochene Mahlzeit“ (1838) und Hoffmanns Illustrationen zur Zappel-P -Geschichte. Hoffmann habe das Gemälde seines Freundes gekannt.23 Es zeigt ebenfalls eine Tischszene, jedoch zwei weitere Geschwister und einen handgreiflichen Vater. Ä wie der Pädagoge Gerspach in seinen Erörterungen „Zum Verstehen von Kindern mit Aufmerksamkeitsstörungen“24 schließe auch ich mich Seidlers These an. Sowohl die Nähe als auch die inhaltlichen Parallelen zur Unterbrochenen Mahlzeit sprechen dafür, hier von einer Abhängigkeit auszugehen.

2.1.3 Politische und gesellschaftliche Situation

Im ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert fand eine soziale U statt. Im Gefolge der Französischen Revolution erstarkte im städtischen Umfeld eine neue gesellschaftliche Schicht: das Bürgertum. Es ist sozioökonomisch verortbar zwischen adligen Grundbesitzern und Handwerkern, vergleichbar ferner den Kaufleuten. Seinen L bestritt das Bürgertum mit außerhäuslicher Berufstätigkeit, der meist der V nachging. Wie Könneker herausarbeitet, „[...] versachlichen sich die A A ängigkeitsverhältnisse [...]“25. Die „Entprivatisierung der Berufssphäre“26 korrespondiere mit der Intimität der auf die Kleinfamilie reduzierten Familie.27 Vielleicht ist dies die G der Familie, als sogenannter kleinster Zelle der Gesellschaft. Herrmann stellt überdies heraus, dass im beginnenden 19. Jahrhundert eine pädagogische Aufgabenteilung zu beobachten : es komme zur „[...] Trennung zwischen unterrichtender Schule und Familie [...]“28. Beides spiegelt die Geschichte vom Zappel-Philipp in gewisser Weise wieder.

Der Struwwelpeter erschien in einer politisch unruhigen Lage. Es war die Zeit des Vormärz. Die Staaten des Deutschen Bundes verfolgten unterschiedliche Interessen, Preu- ßen und Österreich lieferten sich einen erbitterten politischen Machtkampf, konservative Kräfte kämpften um den Erhalt der alten Ordnung, wohingegen progressive Kräfte mehr bürgerliche Freiheiten und Selbstbestimmung forderten. Drei Jahre nach Erscheinen des Bilderbuches befanden sich die Bundes-Staaten in einem revolutionären Geschehen. Im Wiederstand gegen die Restaurationsbestrebungen des Wiener Kongresses kristallisierten sich bürgerlich-demokratische und nationale Kräfte heraus. Im Gefolge dieser sogenannten Märzrevolution wurde eine verfassungsgebende Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche einberufen.

In der Betrachtung des Struwwelpeter -Buches bietet sich eine Untersuchung an, ob und inwiefern er politisch gedeutet werden kann. Im Rahmen dieser Arbeit kann nur aufgezeigt werden, in welche Zeit hinein Hoffmann sein Buch schrieb. Wie die politische Situation war, zeigt auch eine zeitgenössische Reaktion auf den S sehr deutlich. Ein wahres Gewitter von Schmähungen lässt 1847 ein unbekannter Schreiber der Fliegenden Blätter über dem Buch aufziehen. Das „Gespenst des R “29 treibe sein Unwesen neuerdings auch in den Kinderstuben, lässt er seine Leser . So enthalte der Struwwelpeter unter anderem „[...] eine Aufforderung zum offenen W gegen die Staatsgewalt [...]“, „[...] grobe[n] Materialismus, […] Anreizung zum gemeinen Sinnengenusse, [...] Verführung zu burschenschaftlichen Tendenzen [...] [und sei gar eine, J.V.] […] beredte Apologie des Communismus [...]“30. Angesichts seines Erfolges könne es sich nur um ein „radicales Erzeugnis“31 einer nur schemenhaft aber dunkel „Partei“32 handeln. Hinter der Empörung über dieses „Pamphlet der ären Propaganda“33 steckt auch die Sorge um den innereuropäischen Frieden.34

2.1.4 Geistesgeschichte und pädagogische Wegbereiter

Die Frage, welches pädagogische Gedankengut in den Struwwelpeter eingeflossen sein mag, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Hoffmann selbst hat darüber nichts . Allerdings kann ein Blick auf den pädagogischen Zeitgeist helfen, die Struwwelpeter - Geschichten auch als Ergebnisse ihrer Zeit zu sehen.

Ein halbes Jahrhundert war die Aufklärung alt. Im Zuge der Ablösung des Denkens

und Lehrens von weltlichen und geistlichen Obrigkeiten hatte sich auch die Frage nach Kindheit und Erziehung neu gestellt. Menschen waren nicht mehr qua Geburt auf ihren L festgelegt, Kinder wurden also nicht mehr als noch nicht fertige kleine E gesehen, sondern gingen einer offenen Zukunft entgegen. Diese müsse mit Erziehung begleitet werden, waren sich die zeitgenössischen Autoren einig. Die Aufklärungspä im Gefolge Rosseaus sah ihre Aufgabe in der Ermöglichung der freien Selbstentfaltung des Zöglings – sei dieser doch von Natur aus gut. Konträr dazu entstand Anfang des 19. Jahrhunderts – in Fortführung pietistischen Erziehungsdenkens – die pädagogische L , „[...] moralische Erziehung [sei, J.V.] ein Offensivkrieg wider den Keim des Bö- sen [...]“35, wie es der Theologe Sailer 1809 ausdrückt. Den Begriff der „Schwarzen Pä “ führte in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts Katharina Rutschky ein und wie Werner Sesink aufzeigt, findet sich die von ihr gebranntmarkte Art von Erziehung auch im beginnenden 19. Jahrhundert.36 Der Duktus jener Schriften sei auf „[...] Entsagung, Mühe und Anstrengung angelegt[...]“37 und spiegle gerade dadurch die angespannte Lage des Bürgertums wieder. Jenes habe sich mittels „Rationalisierung des persönlichen Verhaltens“38 seinen Erfolg hart erarbeiten müssen. Es war auch der Zeitgeist der frühen Industrialisierung, der jene pädagogischen Maximen mitzuformen schien. „Soldatische[...] Tugenden wie Ordnung, Pünktlichkeit, Mäßigung, Selbstbeherrschung und Subordination [...]“39, deren Bedeutungsgewinn Manfred Gerspach fälschlicherweise dem aufkommenden Imperialismus zuschreibt40, scheinen bereits in Bezug auf die Selbstverwirklichungswü des aufstrebenden Bürgertums Gewicht gehabt zu haben.

2.2 Biografische Notizen zum Autor Hoffmann

Heinrich Hoffmann kam nach nur sieben Monaten Schwangerschaft seiner Mutter im Jahre 1809 auf die Welt und war das einzige Kind einer Frankfurter Architektenfamilie. Sein Vater Philipp Jacob Hoffmann heiratete drei Jahre nach dem Tod seiner Frau erneut;41

„Der Struwwelpeter“ kurz skizziert werden. Hoffmann selbst hat mit dem Niederschreiben seiner L einen Versuch unternommen, sich etwas von der Reduzierung seiner Person als dem S -Schöpfer zu emanzipieren, wie Könneker im Hinblick auf den geringen Umfang seiner Ausfüh - rungen zum Struwwelpeter feststellt, vgl. Könneker (1977): Dr. Heinrich Hoffmanns „Struwwelpeter“, S. 6 u. 14f. Deshalb ist die hiesige Fokussierung auf seine Biografie in Bezug zum Struwwelpeter nicht , sondern formal begründet.

drei Kinder entstammten dieser Ehe. Anita Eckstedt, die den Struwwelpeter und seinen A einer psychoanalytischen Bewertung unterzieht, sieht in diesen frühen traumatischen Ereignissen42 in Hoffmanns Leben das Thema Verlust als den „[...] zenrale[n] Stimulus, auf den er mit künsterlischen Mitteln reagiert [hat, J.V.]“43. So stellten die Geschichten des Struwwelpeter eine einzige – Hoffmanns eigene44 – Geschichte dar. Interessant nimmt sich auch Eckstedts Theorie zum Entstehungszeitpunkt des Struwwelpeter aus: Das Bilderbuch sei just dann entstanden, als Hoffmann das Lebensalter seiner Mutter überschritten und sich dadurch an seine eigene Verwaisung erinnert gefühlt habe.45 Insgesamt ist diese Sichtweise wohl zu würdigen, insofern sie eine Alternative zu eingangs ähnten Mystifizierungen der Entstehungsgeschichte des Struwwelpeter darstellen kann. Hinsichtlich der unterstellten geheimen – Hoffmann selbst nicht bewussten – E und der pathologisierenden Methodik, ist es aber geboten, Eckstedt kritisch zu begegnen.

Sicherlich war Hoffmanns Sicht auf Pädagogik von dem geprägt, was er selbst an pädagogischer Intervention erlebt hatte. Herausgehoben sei deshalb an dieser Stelle ein Brief seines Vaters, anhand dessen ein schemenhaftes Bild der Hoffmann'schen L Erziehungswelt entstehen möge. Dem Knaben Heinrich wird darin nahegelegt, „[...] zur Ordnung, zum gerechten Fleiß, zur vernünftigen Einteilung seiner Zeit zurü , damit er ein nützliches Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft werde [...]“46. Könneker geht in ihrer Analyse eher auf Hoffmanns Werdegang als Humorist, Satiriker, Poet, Arzt, Vereinsmensch und Leiter der Frankfurter „Anstalt für Irre und Epileptische“ ein, mit zitierter Stelle aus dem väterlichen Brief zeigt sie jedoch auf, welche Autorität Hoffmanns Vater gewesen sein und mit welcher Strenge er erzogen haben muss.47

Hoffmann hatte 1834 sein Medizinstudium abgeschlossen. Bevor er jedoch 1851 Leiter der Frankfurter Anstalt für Irre und Epileptische wurde hielt er „[...] zweimal wö- chentlich eine Praxis in der neugegründeten […] Armenklinik ab [...]“48. Im Rahmen dieser Tätigkeit malte er zur Beruhigung49 und Unterhaltung junger, verängstigter Patienten hin und wieder kleine Bilder. Indem er mit ein paar immer komplexer werdenen Strichen und dazugehörenden Erzählungen eine Geschichte erzählte, habe er die Untersuchung des Kindes bewerkstelligen können, berichtet er selbst nicht ohne Stolz.50 In Bezug auf die Ästhetik des Struwwelpeter argumentieren deshalb Dolle-Weinkauf et al., Hoffmann orientiere sich - entgegen der biedermeierlichen Illustrationskunst - am kindlichen Geschmack, „[...] den er im Umgang mit Kindern selbst erfahren hatte [...]“51.

Abschließend ist angesichts der Frage nach dem Politischen am Struwwelpeter eine Bemerkung zu Hoffmanns politischem Denken und Wirken angebracht. Er verkehrte in Gesellschaften und Vereinen, wovon hier besonders die Gesellschaft der „Tutti F “ zu nennen ist; noch vor der Veröffentlichung gab Hoffmann hier seine Struwwelpeter - Geschichten zum Besten52 - mit Erfolg. Politisch aktiv war Hoffmann weiterhin als S , indem er satirisch-kritisch über die Umwälzungen seiner Zeit schrieb.53 Schließlich stand Hoffmann „[...] der bürgerlichen Revolution […] anfangs […] wohlwollend gegen- über. Er gehört[e] dem Vorparlament an und versucht[e], eine Art politischen Salon zu [...]“54.

Heinrich Hoffmann starb 1894 und wurde auf dem Frankfurter Hauptfriedhof beigesetzt.

2.3 Die Geschichte und mögliche Deutungen

Die Ur-Geschichte vom Zappel-Philipp findet sich in der zweiten Auflage des Struwwelpeter, deren Bilder erstmals als Holzschnitte angefertigt waren56. Zwischen der ebenfalls neu eingefügten „gar traurige[n] Geschichte mit dem Feuerzeug“ und der „G von dem Struwwelpeter“ nimmt der Zappel-Philipp den vorletzten Platz im Buch ein. Damit steht die Zappel-Philipp -Geschichte zunächst in keinem inhaltlichen Z zu dem daneben Dargestellten im Buch, ist jedoch formal damit verwandt. Die negative Pointe ist allen Warngeschichten im Struwwelpeter gemein. Gerahmt werden die Reime der Zappel-Philipp -Geschichte von einem schlichten Ast-Blätter-Rankwerk.55

[...]


1 Hoffmann (1876): Der Struwwelpeter oder lustige Geschichten und drollige Bilder, S. 3.

2 Vgl. Lange et al. (2010): The history of attention deficit hyperactivity disorder, S. 243.

3 Andere Schreibweise: „Zappelphilipp-Syndrom“.

4 Vgl. u.a. Hüther et al. (2010): Neues vom Zappelphilipp, S. 9.

5 Eins von vielen einschlägigen Fachbüchern mit der Hoffmann'schen Figur im Titel.

6 Hüther et al. (2010): Neues vom Zappelphilipp, S. 9.

7 Bertuch (1790): Bilderbuch für Kinder, S. 99.

8 Vgl. Ebda., S. 99-105.

9 Hoffmann (1876): Der Struwwelpeter oder lustige Geschichten und drollige Bilder, S. 3.

10 Ebda.

11 Auch Anita Eckstedt klassifiziert den „Struwwelpeter“ als ein „M Erziehungsbuch der bürgerlichen Gesellschaft“, Eckstaedt (1998): Der Struwwelpeter: Dichtung und Deutung, S. 11.

12 Vgl. Dolle-Weinkauf et al. (2009): Heinrich Hoffmanns Struwwelpeter oder die Geburt des modernen Bilderbuchs für Kinder, S. 210f.

13 Herzog et al. (Hg.) (1995): Heinrich Hoffmann, S. 76.

14 Dolle-Weinkauf et al. (2009): Heinrich Hoffmanns Struwwelpeter oder die Geburt des modernen Bilder - buchs für Kinder, S. 223.

15 Könneker (1977): Dr. Heinrich Hoffmanns „Struwwelpeter“, S. 2 (Hervorhebung im Original).

16 Dolle-Weinkauf et al. (2009): Heinrich Hoffmanns Struwwelpeter oder die Geburt des modernen Bilder - buchs für Kinder, S. 212.

17 Vgl. Könneker (1977): Dr. Heinrich Hoffmanns „Struwwelpeter“, S. 37.

18 Dolle-Weinkauf et al. argumentieren hier, die Aufforderungen in den „Struwwelpeter“-Geschichten um des eigenen Überlebens der jungen Leser willen; sie seien deshalb nicht im eigentlichen S moralisch, sie zielten nicht auf Gewissensbildung. Vgl. Dies. (2009): Heinrich Hoffmanns S oder die Geburt des modernen Bilderbuchs für Kinder, S. 213.

19 Könneker (1977): Dr. Heinrich Hoffmanns „Struwwelpeter“, S. 39.

20 Dolle-Weinkauf et al. (2009): Heinrich Hoffmanns Struwwelpeter oder die Geburt des modernen Bilder buchs für Kinder, S. 217.

21 Vgl. Könneker (1977): Dr. Heinrich Hoffmanns „Struwwelpeter“, S. 55.

22 Vgl. Dolle-Weinkauf et al. (2009): Heinrich Hoffmanns Struwwelpeter oder die Geburt des modernen Bilderbuchs für Kinder, S. 219.

23 Vgl. Seidler (2004): Von der Unart zur Krankheit, S. A240.

24 Vgl. Gerspach (2006): Zum Verstehen von Kindern mit Aufmerksamkeitsstörungen, S. 104f. 25 Könneker (1977): Dr. Heinrich Hoffmanns „Struwwelpeter“, S. 16.

26 Ebda.

27 Vgl. Ebda., S. 16f.

28 Herrmann (o.J.): Elternhaus und Schule – Kooperation und Opposition, 156.

29 o.A. (1847): Der Struwwelpeter als Radikaler, S. 129.

30 Ebda., S. 130.

31 Ebda.

32 Ebda., S. 129f.

33 Ebda., S. 129.

34 Vgl. Ebda., S. 131.

35 Sailer (1809): Über Erziehung für Erzieher, zit. nach: Sesink (2007): Das pädagogische Jahrhundert, S. 121.

36 Vgl. Sesink (2007): Das pädagogische Jahrhundert, S. 121-125.

37 Ebda., S. 125.

38 Ebda.

39 Gerspach (2006): Zum Verstehen von Kindern mit Aufmerksamkeitsstörungen, S. 104.

40 Als Erklärung der Struwwelpeter -Geschichten (ihres Inhaltes) kann - entgegen Gerspach - der Imperialisus nicht geltend gemacht werden, da er erst ca. ein halbes Jahrhundert nach Entstehung des Kinderbuches auftrat. Das imperialistische Zeitalter ist aber möglicherweise eine Erklärung für den anhaltend großen Erfolg des Struwwelpeter.

41 Hoffmanns Biografie und sein Schaffen können im Rahmen dieser Arbeit nur in Bezug zu seinem Werk

42 Vgl. Eckstaedt (1998): Der Struwwelpeter: Dichtung und Deutung, S. 165.

43 Ebda., S. 166.

44 Ebda., S. 167.

45 Vgl. Ebda., S. 186.

46 Unbekanntes Originaldokument, zit. nach: Könneker (1977): Dr. Heinrich Hoffmanns „Struwwelpeter“, S. 7.

47 Vgl. Ebda.

48 Ebda., S. 9.

49 Vgl. auch Dolle-Weinkauf et al. (2009): Heinrich Hoffmanns Struwwelpeter oder die Geburt des moder - nen Bilderbuchs für Kinder, S. 213.

50 Vgl. Hoffmann (1985): Lebenserinnerungen, S. 140.

51 Dolle-Weinkauf et al. (2009): Heinrich Hoffmanns Struwwelpeter oder die Geburt des modernen Bilder - buchs für Kinder, S. 216. Die Autoren nennen den Struwwelpeter gar ein „Bilderbuch gegen das deutsche Biedermeier“, Ebda., S. 219.

52 Könneker (1977): Dr. Heinrich Hoffmanns „Struwwelpeter“, S. 10.

53 So veröffentlichte er unter dem vielsagenden Pseudonym „Peter Struwwel“ in den Revolutionsjahren 1848/49 zunächst das „Handbüchlein für Wühler oder kurzgefasste Anleitung in wenigen Tagen ein Volksmann zu werden“, hernach den „Heulerspiegel“.

54 Könneker (1977): Dr. Heinrich Hoffmanns „Struwwelpeter“, S. 11.

55 Grundlage für die Betrachtungen in dieser Arbeit ist die 2. Auflage aus dem Jahr 1846, vgl. Kinderlieb (1846): Lustige Geschichten und drollige Bilder mit 20 schön colorierten Tafeln für Kinder von 3 – 6 Jah - ren, S. 18 – 20.

56 Vgl. Dolle-Weinkauf et al. (2009): Heinrich Hoffmanns Struwwelpeter oder die Geburt des modernen Bilderbuchs für Kinder, S. 214.

Details

Seiten
32
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656411048
ISBN (Buch)
9783656411925
Dateigröße
1.7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v213123
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Erziehungswissenschaften
Note
1,7
Schlagworte
Heinrich Hoffmann Zappelphilipp Zappel-Philipp ADHS Zappelphilipp-Syndrom Hyperkinetisches Syndrom Frankfurt 19. Jahrhundert Erziehungswissenschaft Pädagogik Biedermeier Struwwelpeter Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom ADS Geschichte Fliegender Robert Bastian der Faulpelz Kinderbuch Bilderbuch Bänkellied Frankfurt am Main Vormärz ADHS-Literatur

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Hatte Philipp ADHS? Zur heutigen Rezeption der Hoffmann'schen Geschichte vom 'Zappel-Philipp'".