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Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Ausgangspunkt

2 Entstehung und Wandel von Öffentlichkeit und Privatheit
2.1 Derklassische Dualismus
2.2 Der Wandel von Öffentlichkeit und Privatheit

3 Die Privatheit in der Netzwelt
3.1 Die Besonderheiten derNetzwelt
3.2 Selbstoffenbarung in derNetzwelt
3.3 Selbstdarstellung und Authentizität auf privaten Homepages
3.4 Grenzziehung und Tabuverletzung auf privaten Homepages
3.5 Motive der Selbstdarstellung auf privaten Homepages

4 Die Rolle der Medien

5 Schlussbetrachtung

6 Ausblick

Literaturverzeichnis

1 Ausgangspunkt

Im Jahr 1983 stand nahezu eine ganze Generation in Westdeutschland der Volkszählung der Regierung Helmut Kohl kritisch gegenüber[1]. Zu jener Zeit empfand es eine große Anzahl der Deutschen für riskant, ihre privaten Daten dem Staat preiszugeben. Die Angst vor einem Überwachungsstaat ist auch heute wieder aktuell. Ähnlich wie damals gehen im Jahr 2008 Menschen gegen Onlineüberwachungen und gegen die Speicherung von Daten durch den Staat vor. Dabei liegt die Vorstellung an ein Szenario nahe, das der Schreckensvision ähnelt, die George Orwell in seinem Zukunftsroman „1984“ skizzierte. Darin hatte er eine Gesellschaft beschrieben, die permanent von „Big Brother“ überbewacht wird.

Paradox ist, dass einerseits der besondere Schutz der Privatsphäre von Experten wie beispielsweise dem Bundesbeauftragten für den Datenschutz Peter Schaar gefordert[2] wird und Datensammlungen kritisiert[3] werden. Andererseits aber zeigt eine Generation kaum Einwände gegen neue Sicherheitsgesetzte und damit einhergehenden Video- und Telefonüberwachungen sowie Onlinedurchsuchungen.

So scheinen die 80er Jahre der Ausgangspunkt eines Prozesses zu sein, der die Gesellschaft in Deutschland veränderte. Die Generation, die bei Demonstrationen gegen die Volkszählung für den Schutz der Privatsphäre und des Datenschutzes eintritt, steht der Reaktion der privaten Hörfunk- und Fernsehprogramme[4] gegenüber, die mit neuen Sendeformaten auf eine neue Generation der Rezipienten reagieren. Das Ausmaß dieser Entwicklung zeigt sich in der zunehmenden Verhandlung privater Angelegenheiten in der Öffentlichkeit und mündet in der neuen Generation des 21. Jahrhunderts. Diese wird von einem Massenphänomen begleitet - dem Ende des Privaten.

Die neue Medienlandschaft bietet der Entblätterung des Privaten eine noch nie dagewesene Plattform. Vor allem der Tabubruch setzt sich als Schlagzeile in den Medien durch - mit einer Veränderung der Medienberichterstattung als eine der Folgen.

Das Interesse an Skandalen, Affären und privaten Schicksalen wird von der Presse wahrgenommen und findet Niederschlag in eigens zu diesem Zweck kreierten neuen Fernsehformaten. Formate wie Traumhochzeit oder Das perfekte Dinner seien als Beispiele dafür genannt. Auch Schamgrenzen werden immer wieder in so genannten Trash-Talkshows, wie Hans Meiser und Reality-Formaten, wie Big Brother überschritten.

Vor allem aber der technische Fortschritt und die Vernetzung der Welt durch das Internet ermöglichen neue Chancen, die eigene Intimsphäre der Außenwelt zu präsentieren. So wird gegenwärtig die öffentliche Selbstausstellung im relativ neuen Medium Internet von einem sehr breiten Publikum betrieben.

Eine der ersten Schritte zur Selbstentblößung im Internet wurden von der Amerikanerin Jennifer Ringley gemacht. Sie ließ Internetnutzer via Webcam seit Anfang 1996 über mehrere Jahre an ihrer Privatsphäre teilhaben. Mehr als zehn Jahre später eifern der Pionierin Massen aus allen Altersklassen und Schichten nach. Durch neue Formen der Kommunikation, die das Netz zu bieten hat, ist das Internet zum „Mitmachnetz“ avanciert. So kann eine ganze Generation ihr Leben, die eigene Meinung sowie die intimsten Gedanken im Internet zur Schau stellen. Die ganze Welt kann auf privaten Homepages, in eigens angelegten Tagebüchern oder in unzähligen Communities surfen und alles über Interessen, die persönliche Einstellung oder Probleme von Freunden und Fremden in Erfahrung bringen oder sich deren Fotos aus dem letzten Urlaub anschauen. Persönliches und Intimes wird preisgegeben und steht für einen neuen Lebensstil. Dabei verfallen laut Richard Sennett die klassischen Grenzen zwischen Öffentlichkeit und Privatheit allmählich, da das Private in den öffentlichen Raum eindringt. Selbstentblößung und Selbstdarstellung scheinen den neuen Lebensstil zu formieren. Die Seele, der Alltag und sogar der Körper werden entblättert, wodurch nach Sennett ein Verlust des Privaten einhergeht. Die Öffentlichkeit und das Private werden neu formuliert.

Die Netzwelt bietet der Entblätterung des Privaten in der Öffentlichkeit einen noch größeren Interaktionsraum, als es die von Sennett untersuchte Entwicklung zeigt. Insbesondere die Onlinekommunikation mit seinen neuen Erscheinungsformen bestimmt in Zukunft möglicherweise die Grenzen des Privaten.

Die skizzierten Phänomene bilden den thematischen Ausgangspunkt fur die vorliegende Arbeit. Diese soll den Wandel hin zu einer zunehmenden Veröffentlichung der Intimsphäre analysieren und vor diesem Hintergrund auf die Rolle der Medien eingehen. Mit Blick auf die Thematik sollen folgende zentrale Fragen erörtert werden: Wie und warum eroberte das Private den öffentlichen Raum? Wo fand die Eroberung des Privaten statt? Welche Rolle spielten bei diesem Prozess die Medien und die Kommunikation? Schließlich soll versucht werden zu klären, ob sich davon das Ende des Privaten ableiten lässt?

Bevor der zugrunde liegende Wandel des Dualismus von Öffentlichkeit und Privatheit in Abschnitt 2 aufgezeigt wird, wird zunächst das Verständnis des klassischen Dualismus Öffentlichkeit und Privatheit dargestellt. In Abschnitt 3 rückt die Privatheit in der Netzwelt in den Mittelpunkt der Betrachtung. Hier werden die Besonderheiten der Netzwelt erläutert, um danach darauf einzugehen, in welcher Form sich Menschen im Internet selbst offenbaren. Folglich werden unter den Aspekten Selbstdarstellung und Authentizität, Grenzziehung und Tabuverletzung sowie Motive exemplarisch private Homepages herausgegriffen und dahingehend untersucht. Welchen Beitrag die Medien zum Verfall des öffentlichen Lebens und zur Privatisierung der Öffentlichkeit beitragen, wird in Punkt 4 hinterfragt. Schließlich soll die Schlussbetrachtung die Medienphänomene reflektieren und ein kurzer Abriss über mögliche Szenarien im Ausblick gewagt werden.

2 Entstehung und Wandel von Öffentlichkeit und Privatheit

In diesem Kapitel werden die Begriffe Öffentlichkeit und Privatheit definiert und der klassische Dualismus von Öffentlichkeit und Privatheit erläutert.

Das Verhältnis zwischen beiden Sphären unterzog sich einem Wandel - dem Verfall des öffentlichen Lebens. Dieser Wandel erfolgte in mehreren Etappen, die nachfolgend skizziert werden.

2.1 Der klassische Dualismus

Der Soziologe Wofgang Sofsky bietet eine sehr treffende Definition von Öffentlichkeit und Privatheit nach heutigem Verständnis:

„Öffentlich ist all das, was für jedermann hör- und sichtbar ist. Die Grenze des Privaten ist zuerst eine Grenze der Sinne. Die Gegenwart anderer, die gleichfalls sehen und hören, was wir selbst sehen und hören, verlangt nach einer Demarkationslinie. Privat ist die Wohnung, die Geselligkeit, privat sind auch die Vergnügungen,

Laster und Ausschweifungen, die geheimen Schätze und Überzeugungen, der Geschmack und der Glaube. Viele Praktiken und Widerfahrnisse des Körpers rechnen wir der Privatsphäre zu: Fortpflanzung, Liebe, Sexualität, Krankheit und Tod. Und schließlich die Gedanken und Gefühle, die Lust der Sinne, die Leidenschaft des Herzens, der Erinnerungen, Wünsche und Träume - nichts scheint privater als die Innenwelt des Menschen, verborgen und umschlossen von der Hülle des Körpers.“ (Sofsky 2007: 30)

Öffentlichkeit und Privatheit sind untrennbar miteinander verbunden. So kennzeichnen beispielsweise „öffentlich“ und „privat“ als Rechtsbegriffe staatliche Angelegenheiten beziehungsweise die Nichtbeteiligung des Staates (vgl. Branahl 1998: 181). Die eine Sphäre existiert nicht ohne die andere, da sich beide aufeinander beziehen. Gleichzeitig handelt es sich bei der Trennung dieser beider Bereiche um eine historische Festlegung. Der Dualismus geht bis ins 5. Jahrhundert v. Chr. auf Aristoteles zurück, wo zwischen verschiedenen Tätigkeiten, die an unterschiedlichen Schauplätzen stattfinden unterschieden wird. Die private Ordnung gilt im Haus, der oikos, und ist den Frauen, Sklaven und Unfreien vorbehalten. Da diese der Herrschaft unterworfen sind, gehören sie dem Reich des Notwendigen an, zu dem Arbeiten und Herstellen gehören. Der Bürger hingegen kann sich kraft seiner Herrschaft von diesen Tätigkeiten befreien und erhält somit Zutritt zur öffentlich-politischen Sphäre - der agora, dem Stadtplatz Athens, wo er zum Handeln legitimiert ist. Dieser Bereich stellt dabei das Gegenstück zum Bereich des Arbeiten und Herstellens dar. Auch ist in diesem Zusammenhang vom Reich der Freiheit auf der einen und vom Reich des Notwendigen auf der anderen Seite die Rede.

Im Römischen Reich wird die Trennung zwischen öffentlicher und privater Sphäre fortgeführt. Hier entspricht die res publica im Römischen Reich der öffentlichen Ordnung.

Das Verständnis von Öffentlichkeit und Privatheit in der Aufklärung entspringt dem Dualismus aus der griechischen Antike. Dieser basiert auf dem „Gegensatz zwischen Privatheit/Natur und Öffentlichkeit/Kultur“ (Sennett 2004: 125). So wird in der Privatsphäre den natürlichen Bedürfnissen nachgegangen und findet folglich in der Familie beziehungsweise einer Gemeinschaft statt. Wohingegen die öffentliche Sphäre genutzt wird, „um sich von der selbstverschuldeten Unmündigkeit zu emanzipieren und sich als Persönlichkeit zu kreieren“ (Imhof 1998b: 19). Dadurch verschafft sich der mündige Bürger - wie zur Zeit der Antike - Zutritt zur Öffentlichkeit, wo sich die bürgerliche Gesellschaft zum Gegenstück zur Herrschaft entwickelt. Um der Macht Einzelner entgegenzuwirken, etabliert sich eine Macht, die auf Zustimmung beruht. In diesem Zusammenhang beschreibt Kurt Imhof die Öffentlichkeit „als Sphäre des herrschaftsemanzipierten Raisonnements“ (Imhof 1998b: 20). Der Anspruch an dieser Sphäre unterliegt der „Vernunft und Sachlichkeit in allen politischen und gesellschaftlichen Bereichen“ (Ross 1998: 149).

Die Trennung beider Bereiche ist eine historisch festgelegte und unterlag im zeitlichen Verlauf einem Wandel, der nachfolgend skizziert wird.

2.2 Der Wandel von Öffentlichkeit und Privatheit

Richard Sennett beschreibt in seinem gleichnamigen und zu einem Klassiker avancierten Werk den „Verfall des öffentlichen Lebens“ und die damit einhergehende „Tyrannei der Intimität“ (2004). Sennett geht davon aus, dass in der Gesellschaft ein Gleichgewicht zwischen öffentlicher und privater Sphäre bestehen muss. Dieses sei allerdings verloren gegangen und somit beide Bereiche in eine Krise geraten. So war es auch dem Privaten möglich, die Öffentlichkeit zu dominieren und schließlich den „Verfall und Ende des öffentlichen Lebens“ einzuleiten.

An diesem Prozess sind ursächlich der Industriekapitalismus sowie der Säkularismus beteiligt. Sie bewirken, dass sich der Mensch von seiner Persönlichkeit leiten lässt und die Selbstverwirklichung als erstrebenswerter hält, statt sich der Welt zu widmen. So beschreibt Sennett die Veränderung in der Wahrnehmung der Welt als eine „Intime Sichtweise der Gesellschaft“ (ebd.: 17). Auch ist „das gesamte Leben der Gesellschaft am Maßstab persönlichen Empfindens zu messen“ (ebd.: 18). In diesem Punkt stimmt auch Dieter Ross (1998) Sennetts These zu. Demnach hat „die Idee der Selbstverwirklichung längst jene des Gemeinwohls abgelöst“ (ebd.: 154). Diese „verwandelt alle politischen Kategorien in psychologische“ (Sennett 2004: 329), worin Ross eine außerordentliche Gefahr für das öffentliche Leben erkennt. Einen Beleg dafür findet der Kulturkritiker im größeren Interesse für die Persönlichkeit des politischen Akteurs als für dessen politische Inhalte (vgl. ebd.: 17).

Aber nicht nur auf das öffentliche Leben zeigt die Entdeckung der Persönlichkeit Auswirkungen. Das „Problem von Öffentlichkeit erzeugt innerhalb des Privatlebens ein weiteres Problem“ (Sennett 2004: 19). Insbesondere in der Sexualität wirkt sich der Wandel als Resultat der Rebellion gegen das Verbotene im 19. Jahrhundert aus. Sennett beschreibt das Problem wie folgt: „Alles, was wir erleben, muß auch unsere Sexualität berühren. Aber diese Sexualität ist einfach da. Wir enthüllen sie, entdecken sie, wir geben ihr nach-doch wir meistern sie nicht“ (ebd.: 20). Sennett macht so deutlich, dass die „Tyrannei der Intimität“ die meisten Bereiche des Lebens einnimmt.

Mit der zweiten Welle der Frauenbewegung in den 1970er Jahren findet nochmals eine Auseinandersetzung mit den klassischen Grenzen sowie den traditionellen Orten der Bereiche Öffentlichkeit und Privatheit statt. Diese übt erheblichen Einfluss auf die Verhandlung des Privaten in der Öffentlichkeit aus. Die Bewegung machte sich dieses Thema mit dem Slogan „Das Private ist politisch“ zum Gegenstand eines Feldzugs gegen den klassischen Dualismus, wie er seit der Antike galt.

Das Interesse der Frauenbewegung galt vor allem Missständen, die in der Familie stattgefünden haben. Eines der Themen wurde beispielsweise Gewalt in der Familie. Dieser Bereich ist dem des Privaten anzusiedeln und wurde nun der öffentlichen Verhandlung zugänglich gemacht. Die Betrachtungsweise nahm somit politische Charakterzüge an.

Daraus kann gefolgert werden, dass die Grenze zwischen Privatheit und Öffentlichkeit eine geschichtlich beliebige ist. Das bedeutet, dass siejeweils zu hinterfragen ist und die Möglichkeit besteht, sie neu zu setzen.

[...]


[1] Aus der Kritik gegen die geplante Volkszählung 1983 ging das Volkszählungsurteil des Bundesverfassungsgerichts vom „Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung“ hervor.

[2] Hierzu ist auch der Soziologe Wolfgang Sofsky zu nennen, der in seinem gleichnamigen Werk für die „Verteidigung des Privaten“ eintritt.

[3] Anfang 2008 wurde eine Sammelklage gegen die Speicherung von Telefondaten beim Bundesverfassungsgericht eingereicht.

[4] Beginn des Privatfernsehens am 1. Januar 1984 in Ludwigshafen.

Details

Seiten
24
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656410850
ISBN (Buch)
9783656411765
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v213028
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau – Institut für Sozialwissenschaften, Abteilung Soziologie
Note
2
Schlagworte
Medien Netzwelt Privatheit Öffentlichkeit
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Titel: Das Ende des Privaten