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Herta Müllers „Atemschaukel“ und der Literaturnobelpreis 2009

Hausarbeit 2013 30 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Fakten und Fiktionen: Oskar Pastior, Herta Muller und wie das Erlebte die Sprache beeinflusst

3. Werkimmanente Besonderheiten in Herta Mullers „Atemschaukel“
3.1 Die Konstruktion des erzahlten, jedochunbeschreibbaren Schreckens
3.2 Zentrale Themen
3.2.1 Hunger
3.2.2 Arbeit
3.2.3 Gegenstande
3.2.4 Heimat undHeimweh
3.3 Verknupfung und „Verdichtung“

4. Nobels Vermachtnis und Erinnerungsdiskurs

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Mittels der Verdichtung der Poesie und der Sachlichkeit der Prosa zeichnet Herta Muller Landschaften der Heimatlosigkeit.[1] Mit dieser knappen, aber treffenden Begrundung bekam die rumaniendeutsche Autorin Herta Muller 2009 den Nobelpreis fur Literatur fur ihren Roman „Atemschaukel“ verliehen. Fur sie wie fur viele Kritiker kam die Verleihung vollig unerwartet, wurdejedoch von den meisten als berechtigt angesehen. Die bis dahin noch recht unbekannte Schriftstellerin wurde schlagartig beruhmt. Die bis dahin kritischen Stimmen zum „Atemschaukel“, durch die erneut eine Debatte uber Erinnerung an Terror und Schrecken entflammte, verstummten schlagartig mit der Verleihung des Nobelpreises einige Wochen nach Erscheinen des Werks.[2]

Herta Muller, eigentlich bekannt als Regimekritikerin des rumanischen Diktators Nicolae Ceausescu, hat mit „Atemschaukel“ ein Werk geschaffen, das sich als teilfiktionale Autobiografie beschreiben lassen kann, wobei diese Bezeichnung nicht ganz treffend ist. Denn es ist die Geschichte der Erlebnisse des siebzehnjahrigen Leopold Auberg, der am Ende des Zweiten Weltkrieges von den Sowjets in ein russisches Arbeitslager verschleppt wird, da er als Rumaniendeutscher als dem Hitler-Regime zugehorig eingestuft wird. Funf Jahre lang wird er dort unter unmenschlichen Bedingungen festgehalten und zum „Wiederaufbau“ zur Arbeit gezwungen. Sechzig Jahre spater erzahlt er in der Ruckschau von seiner Vergangenheit, wobei er in der Zeit an sich immer hin und her springt.

Es handelt sich also um einen autodiegetischen Erzahler, den die Autorin Muller jedoch auf der Folie des Dichters Oskar Pastior geschaffen hat, mit dem sie, als sie beschloss, einen Roman uber die Arbeitslager zu schreiben, Gesprache fuhrte und seine Erlebnisse aufzeichnete. Insofern handelt es sich um seine Biografie - in Kombination mit dem autodiegetischen Erzahler Leopold Auberg, der sozusagen als Pastiors ,,Alter Ego“ fungiert, konnte man durchaus von einer Autobiografie sprechen - jedoch aus der Feder Herta Mullers. Sie ist es, die den Roman verfasst hat, und zwar nicht nur auf der Basis der Gesprache mit Pastior, sondern auch mit anderen Gulag-Uberlebenden. Doch aufgrund der Tatsache, dass diese weiteren Berichte nicht immer sehr ergiebig waren und Pastior im Jahr 2006 verstarb, wurde aus dem Roman ein teilfiktionales Werk, welches des Weiteren aber auch autobiografische Zuge Herta Mullers selbst aufweist - aber nicht im Sinne von Erleben: Herta Muller wurde erst 1953 im deutschsprachigen Banat in Rumanien geboren und hat die Arbeitslager nie miterlebt. Allerdings kennt auch sie Terror und Schrecken, denn sie lebte und arbeitete bis 1987 in Rumanien, welches in der Zeit der Diktatur unter Ceausescu von Verfolgung und Unterdruckung gezeichnet war. Ihre Erlebnisse schlugen sich nicht nur in den Themen ihrer Werke nieder, sondern auch in der Sprache, welche in ihrem Ton, in der Prazision und auch im Bilderreichtum, nicht selten als Sprache von ,,eindringlicher poetischer Schonheit“ beschrieben wird.[3]

Die Grundthemen und Problematiken in Herta Mullers Werken haben sich in den letzten zwanzig Jahren nicht grundsatzlich geandert. Sie blieb immer die Regime-Kritikerin, wenn sie auch von manchen als „Schreihals“ eingestuft wird, der nie Ruhe geben kann.[4] Auch in der Sprache blieb sie unverwechselbar. Mit „Atemschaukel“ schien die Autorin sich erstmals uber den thematischen Bereich, auf den sie so fixiert zu sein scheint, hinaus zu wagen. Doch eigentlich, beachtet man auch den Entstehungsprozess des Romans und ihre eigene Biografie, vertieft sie ihn doch nur. Es ist sozusagen die Vorgeschichte der Diktatur, die sie erlebte, nur erlebt von einer anderen Person, aber gesehen durch ihre Augen.

Inwiefern ihre Arbeit mit Oskar Pastior und dessen Erleben Grundlage des Romans ist, ob man die wahren Erlebnisse Pastiors von Mullers Fiktion trennen kann und wie sich Mullers eigener Stil aufgrund ihrer Erlebnisse ausgepragt hat, soll in einem ersten Schritt in dieser Arbeit geklart werden. Denn der Schwerpunkt muss in dieser Arbeit definitiv auf der Betrachtung der Sprache, der Worte, oder auch dem Ungesagten bleiben, denn auf diesen Fixpunkt lauft alles, was Herta Muller auszumachen scheint, und was hier des Weiteren auszuarbeiten gilt, hinaus.

In einem nachsten Schritt soll untersucht werden, wie sich die ihr eigene Sprache in „Atemschaukel“ niederschlagt und welche werkimmanenten Besonderheiten auszumachen sind. Auf die zentralen Themen des Werkes und ihre Ausarbeitung soll dabei ein sich durchaus lohnender Blick geworfen werden und anschliefiend geklart werden, was in der Begrundung des Nobelpreiskomitees mit „Verdichtung“ gemeint sein konnte und wo in Mullers Werk explizite Beispiele dafur zu finden sind.

In einem letzten Kapitel soll noch darauf eingegangen werden, ob - ganz im Sinne des Testaments Alfred Nobels - der Literaturnobelpreis berechtigterweise an Herta Muller ging, da im Vermachtnis Nobels durchaus klar festgelegt worden war, welchen Autoren der Preis zukommen sollte. Dass dies nicht so einfach umzusetzen ist, soil kurz beschrieben werden und in den Zusammenhang gestellt werden mit den sowohl positiven als auch negativen Kritiken zu Mullers Roman und inwiefern dies zur Debatte um Erinnerung beigetragen hat. Dennoch soll auf die Diskussionen um Erinnerung an sich hier im Einzelnen nicht ausfuhrlich eingegangen werden, da dies den Rahmen der Arbeit sprengen wurde. Des Weiteren sollen auch nur deutsche Pressestimmen angefuhrt werden - wobei sich jedoch nur an Tages- oder Wochenzeitungen, bzw. Zeitschriften gehalten werden soll, die dafur bekannt sind, auch kritisch zu hinterfragen und nicht einfach nur die allgemeinen Lobeshymnen der Presseagenturen zu ubernehmen - sprich: Der Spiegel (ebenso Spiegel Online), Die Zeit, Suddeutsche Zeitung und Frankfurter Rundschau. Jedoch wird auch bei ihnen recht schnell klar, dass - obwohl sie sich grofiteils bemuhen, Herta Muller und ihr Gesamtwerk auch etwas ausdifferenzierter darzustellen - auch sie kein schlechtes Wort uber die Preistragerin zu finden scheinen, einmal abgesehen von einem Artikel in der „Zeit“, um den es hier im Folgenden auch noch gehen soll, da er die Diskussion um Erinnerung erneut angestofien zu haben schien.[5]

2. Fakten und Fiktionen: Oskar Pastior, Herta Muller und wie das Erlebte die Sprache beeinflusst

Eine genaue Trennlinie zu ziehen, wo Oskar Pastior aufhort und die Erzahlerfigur Leopold Auberg in „Atemschaukel“ beginnt, stellt ein unmogliches Unterfangen dar. Ebenso ist auch nicht auszumachen, wo die wahren Erlebnisse Pastiors abzugrenzen sind von Mullers Fiktion. Ein weiteres grofies Problem stellt die Tatsache dar, dass Muller ihrer Erzahlerfigur ihre eigene Sprache in den Mund legt, die sich ausgepragt hat durch ihre eigenen Erlebnisse. Demnach ist auch kaum zu erkennen, wann man es moglicherweise mit Bildern zu tun hat, die Pastior selbst schuf oder an welchem Punkt die Autorin ihre eigene, durchaus gewaltige Bildsprache einsetzt. Denn beides geht ineinander uber: So, wie Leopold Auberg auf Oskar Pastior in seinen Erlebnissen oder auch sprachlich basiert, so ist er doch auch ein Teil von Herta Muller selbst - vor allem in der Sprache. Die Figur des Erzahlers ist der Schnittpunkt zwischen beiden. Doch um zu verstehen, warum und wie Muller es schaffen konnte, sich sprachlich und stilistisch in der Figur mit Pastior zu vereinen, setzt voraus, dass man sich zunachst klar macht, was Pastior erlebt hat und was Herta Muller erlebt hat, wo die Gemeinsamkeit in der Empfindung liegt und wie sich sowohl Mullers Vergangenheit auf ihren Stil als auch auf den Schaffungsprozess von „Atemschaukel“ auswirken konnte.

So wie Mullers Mutter unter anderem auch, war der rumaniendeutsche Dichter Oskar Pastior nach dem Zweiten Weltkrieg funf Jahre lang in einem russischen Arbeitslager, in Nowo- Gorlowka in der Ukraine, interniert.

Der Grund dafur liegt in der rumanischen Geschichte selbst: Als Rumanien 1940, noch vor der Wende des Zweiten Weltkrieges mit Deutschland paktierte, traten uber 60 000 Rumaniendeutsche aus Siebenburgen und dem Banat freiwillig in die SS ein. Fur sie eine vorteilhafte Situation: Als Rumaniendeutsche waren sie auf der einen Seite schon Deutsche und Rumanien stand andererseits aufseiten Deutschlands. Man konnte sich recht sicher fuhlen als Deutscher in Rumanien. Als aber 1944 Rumanien auf die Seite Russland wechselte, wurde eine grofie Zahl dieser Rumaniendeutschen in sowjetische Arbeitslager ,,zum Wiederaufbau“ deportiert. Viele kehrten erst nach Jahren zuruck, ihr Leben war nicht mehr dasselbe: Wie man das beispielsweise auch aus der Geschichte von Soldaten, die aus dem Krieg heimkehrten, kennt, war ihr Verhalten gepragt von Misstrauen, Schweigen und Verbitterung. Die Erlebnisse der Lager wurden lange Zeit verschwiegen, sei es aus Scham oder auch weil die Worte fehlten.[6] Dementsprechend bildet die Vergangenheit so vieler Rumaniendeutschen im russischen Arbeitslager ein wenig bekanntes Kapitel der rumanischen Geschichte, weswegen Herta Mullers „Atemschaukel“ allein schon Respekt verdient.

Der Roman fufit neben den Erlebnisberichten Oskar Pastiors auch auf solchen von anderen Internierten, deren Geschichten die Autorin schon 2001 angefangen hat aufzuzeichnen - wohl auch aufgrund der Tatsache, dass Mullers Mutter selbst in ein russisches Arbeitslager verschleppt worden war.[7] Literarisch verarbeitet hat sie diese Erlebnisberichte jedoch bis zu „Atemschaukel“ kaum. Denn in den Gesprachen mit ihrer Mutter und anderen Uberlebenden fand sie nicht den richtigen Zugang. Schlusselworte wie „Kalte“, „Hunger“ und „Schnee“ bekam sie immer vorgesetzt, allerdings waren diese Worte sozusagen stellvertretend fur die Jahre im Arbeitslager als „Raffung“ zu verstehen, die das Erzahlen vom Lager ersetzte.[8] Die Geschichten gingen ganz im Sinne des offensichtlichen grofien Schweigens dieser Menschen nicht weiter in die Tiefe, Plattituden wie „Wir hatten immer Hunger“ erzeugten bei Muller nicht das, was fur sie so wichtig ist: Das Empfinden, das sich gar nicht im Worte fassen lasst. Demnach waren die Gesprache fur sie nicht ergiebig.[9] Dass sie das Projekt nicht aufgab, verdankte sie Oskar Pastior, der ihr helfen wollte, „mit allem, was er erlebt hat.“[10] Fakt ist, dass Pastior selbst schon wahrend der Zeit des Lagers anfing, auf Zementsackpapier Gedichte zu schreiben.[11] Nach seiner Ruckkehr versuchte er, seine Erlebnisse erzahlerisch aufzuzeichnen, jedoch ohne Erfolg - er fand keinen Zugang und suchte ihn vielleicht auch nicht.[12] In den Funfziger Jahren, also schon wahrend der Diktatur, wurde er als experimenteller Dichter bekannt, als Sprachspieler, wenn auch grofitenteils und wohl notgedrungen - linientreu. Dennoch wurde einer seiner Gedichtbande in Rumanien nicht veroffentlicht, denn hier zeigte er sich von einer anderen Seite und hier kristallisiert sich auch eine Gemeinsamkeit mit Herta Muller heraus: Dort herrschte ein Misstrauen gegen eine reglementierte Sprache und „Fertigbausteine“ vor - er setzte vielmehr auf eine ,,der Sprache innewohnenden Kraft, die es nur gilt mit Phantasie, Intuition und Inspiration zu aktivieren.“[13] Auf eben jenes Prinzip setzt auch Herta Muller. Das wird auch einer der Grande gewesen sein, warum die Autorin mit Pastior zusammen arbeiten wollte: Ihre Erlebnisse waren andere, doch der Effekt und der Schrecken ist vergleichbar und jener Schrecken des Terrors und Unterdruckung hat ihr Misstrauen gegenuber der Sprache ebenso geweckt.[14] Herta Muller wuchs im deutschsprachigen Banat auf, erlebte als Kind das sozialistische Rumanien, welches in seinen Grundzugen sich von der Staatsform anderer sowjetischer Satellitenstaaten nicht wesentlich unterscheidet. In etwa vergleichbar mit der DDR existierten zwei bedeutende Staatschefs in Rumanien, Gheorghe Gheorghiu-Dej, der unbestrittene Fuhrer der rumanischen Kommunisten bis 1965 und nach ihm Nicolae Ceausescu, welcher - ahnlich Erich Honecker in der DDR - Vorsitzender der Partei und der Regierung wurde und damit alle Macht in seinen Handen konzentrierte und als Diktator fungierte, der - wie in der DDR die Stasi - seinen Uberwachungsapparat „Securitate“ zu einer alles beobachtenden und kontrollierenden Macht ausbaute. Angesichts der Unterdruckung und Uberwachung formierte sich ein Zirkel regimekritischer und widerstandlerischer Autoren, dem auch Herta Muller angehorte. Auch sie wurde uberwacht und musste Verhore und tagliche Repressionen erdulden, welche, nach ihrer Weigerung, fur die Securitate zu arbeiten, so weit gingen, dass sie Todesdrohungen erhielt und von ihrem Arbeitsplatz entfernt wurde.

Herta Muller hat also durchaus auch einen Schrecken erlebt, der noch nicht einmal abriss, als sie 1987 in die BRD auswanderte, da die Securitate sie weiter verfolgte. Umso schlimmer durfte der erste Schock fur Herta Muller gewesen sein, als sie nach Pastiors Tod erfuhr, dass er schon seit 1961 als „Inoffizieller Mitarbeiter“ fur die rumanische Securitate tatig gewesen war.[15] Dennoch brachte die Autorin eher Verstandnis fur seine Lage auf, als dass sie wutend geworden ware - in ihrem Fall, jahrelang verfolgt und bedroht von der Securitate, ware das durchaus berechtigt gewesen. Doch sie nahm ihn in Schutz: Pastior sei homosexuell gewesen (wie im Ubrigen die Hauptfigur in „Atemschaukel“ auch - wieder eine Gemeinsamkeit). Allein das sei schon Grund genug gewesen, dass er hatte eingesperrt werden konnen. So konnte er von der Securitate erpresst werden.[16]

Angesichts des Schreckens lasst sich hier jedenfalls allmahlich ermessen, welche Bedeutung Sprache fur die Autorin besitzt. Denn auch sie misstraute der vorgeformten Regime-Sprache, daruber hinaus hatte sie immer Angst haben mussen, bei Verhoren ein Wort zu viel oder etwas Falsches zu sagen - im dem Sinne, dass es ein vollig harmloses Wort sein konnte, das aber ganz anders ausgelegt wurde.[17] Sie verlegte sich auf die kurze, knappe Mitteilungssprache und das pragte auch ihre Art zu schreiben: Nie ein Wort zuviel und etwas anderes meinend, als man sagt. Fur sie haben Worte etwas mit Instinkten zu tun:

,,Es ist nicht wahr, dass es fur alles Worte gibt. Auch, dass man immer in Worten denkt. [...] Die inneren Bereiche decken sich nicht mit der Sprache, sie zerren einen dorthin, wo sich Worter nicht aufhalten konnen. Oft kann uber das Entscheidende nichts mehr gesagt werden. Alles Reden lauft daran vorbei.“[18]

Deshalb scheint ihr Satzbau auch nicht darauf ausgelegt, die Realitat einfach abzubilden, sondern sie eher intuitiv einzufangen. Dabei ist das, was sie niederschreibt, dennoch nicht das, was Realitat war. Denn das Aufschreiben verandert die Realitat. In dieser selbst, so Herta Muller, ,,[Da] hat man keine Zeit fur Worter, und die, die man gebrauchen muss, kommen von selbst und sind nicht Schreibsprache, sondern Mitteilung. [...] Formulieren, das kommt erst danach.“[19] Deshalb sei es in der Realitat nie um Schreibsprache gegangen, erklart die Autorin im Gesprach mit Michael Lenz in ,,Lebensangst und Worthunger“, sondern um den Eigenschutz durch Sprache, durch kurze Mitteilung, die nicht schon, sondern hilfreich ist. Das spatere Schreiben selbst habe aber nicht die Moglichkeit, die Realitat abzubilden, denn: ,,Im Schreiben ist keine direkte Realitat.“[20]

Die Tatsache, dass Herta Muller nicht zu viel in ihre Sprache hinein interpretiert wissen will, hangt vor allem mit ihrem Verstandnis von Sprache zusammen.[21] Es geht ihr nicht so sehr um den Wortsinn, als um das Wortgefuhl. Es wird also deutlich, dass sie sich die Unbeschreibbarkeit von Realitat zum Credo gemacht hat, woraus sich erklart, warum ihre Bildsprache so uberwaltigend wird: Sie zeichnet ein Bild, das rein sprachlich etwas vollig anderes beschreibt, das aber in der Kombination der Worter so wirksam wird, dass der Rezipient etwas ganz anderes empfindet als das Wort meint, was er aber selbst in Worten auch nicht beschreiben kann. Diese Unsagbarkeit, die Sprachlosigkeit von Wortern nennt Muller den ,,Irrlauf im Kopf‘[22]:

,,[...] dass ich mich geniere, uber einen Satz oder uber einen Text oder ein Gedicht, uber eine Zeile zu reden, weil ich es nicht schaffe. Weil dort etwas drin ist, was ich in meinem Wortlaut nicht sagen kann, und was ich anders denke als in Wortern. Das ist fur mich das Grofite, was ein Text auslosen kann. Dass dieser Irrlauf entsteht, dem man mit Wortern nicht beikommen kann. Egal, was ich daruber sage, ziehe ich es herunter. Man kann ja nicht alles in Wortern sagen. Man denkt ja auch anders als nur in Wortern. Und man fuhlt ja sowieso nicht in WorternC[23]

Und besonders dieses Verstehen und Selbstauslosenkonnen des Irrlaufs macht Herta Mullers in ihrer Sprache meisterhaft. Gemein ist ihr mit Oskar Pastior sozusagen die Basis: Die Skepsis gegenuber der Sprache und das Auslosen von Emotionen, die im Prinzip nichts gemein haben mit den gewahlten Worten selbst. Doch in Hinblick auf die Auswirkungen, die die Vergangenheit auf Sprache hat, stellt Muller den Unterschied zu Pastior scharf heraus:

Ihm habe die Lagererfahrung die Sprache zerschlagen, bei ihr habe sich eher aus Angst und Widerwille gegen das Regime und seine Sprache ihr personlicher Stil heraus gebildet:

,,Die Ausgemergelten habenjeden Tag den Tod gesehen, in den Schlafbaracken, im Lagerhof oder bei der Arbeit. Er kam uberall, wenn der Korper ganz ausgeplundert war. Meine Angste waren schlimm genug, um die Nerven durchzubeifien, um den Verstand zu verlieren. Aber ich war ,nur’ in einer verwanzten Wohnung, nicht im Lager. Ich kann nicht sagen, wie ich heute schreiben wurde, wenn ich diese Jahre in Rumanien nicht gelebt hatte. Ob ich anders geschrieben hatte? Hat diese tagtagliche Angst oder diese Anspannung das schreiben verandert? Ist der Widerwille gegen diese verfluchte ideologische Sprache, die ja das ganze Land eingesponnen hat, als Widerwille ins Schreiben gelangt? Wurde die Genauigkeit so notwendig, die Metapher, der Vergleich, um diesen Uberdruss zu beschreiben? [...] Dieser grofie Ekel und die kleine Ohnmacht, mit der man in ihm herumlaufen musste, haben ganz bestimmt dazu gefuhrt, dass man im personlichen Sprechen auf das einzelne Wort schaut. Man hat aufgepasst, dass die Gewalt und die Lacherlichkeit dieser Sprache einem nicht auch noch in den eigenen Mund hineinrutscht.“[24]

[...]


[1] Zitiert nach Braun, Michael: Die Erfindung der Erinnerung: Herta Muller. Atemschaukel. In: Lutzeler, Paul Michael (Hg.)/ McGlothlin, Erin (Hg.): Gegenwartsliteratur. Ein germanistisches Handbuch 10/2011. Tubingen: Stauffenberg Verlag, 2011. S. 33-53. Hier: S. 36.

[2] Vgl.: Steinecke, Hartmut: Herta Muller: Atemschaukel. Ein Roman vom „Nullpunkt der Existenz". In: Lutzeler, Paul Michael (Hg.)/ McGlothlin, Erin (Hg.): Gegenwartsliteratur. Ein germanistisches Handbuch 10/2011. Tubingen: Stauffenberg Verlag, 2011. S. 14-32. Hier: S. 15.

[3] Vgl.: Steinecke, S. 15.

[4] Vgl: Mayr, Walter: Gift im Gepack. In: Der Spiegel 3/2011. S. 128-131. Hier: S. 131. Der rumanische Dichter Mircea Dinescu nennt Herta Muller sogar „eine weibliche Ausgabe Savonarolas“, des beruhmt-beruchtigten Florentiner Predigers, der das Ende der Welt verkundete und Hollenqualen, wenn die Menschen und vor allem Signoria nicht endlich von ihrem Lebenswandel abliefien und Bufie taten. Dinescu behauptet desweiteren, die Securitate sei bei Muller sogar langsam zu einer Obsession geworden.

[5] Es handelt sich dabei um den Artikel von Naumann, Michael/ Radisch, Iris: Kitsch oder Weltliteratur? In: Die Zeit (20.08.2009).

[6] Vgl.: Steinecke, S. 21.

[7] Vgl: Schmidtkunz, Renata: Ich glaube nicht an die Sprache. Herta Muller im Gesprach mit Renata Schmidtkunz. In: Wiesner, Lojze (Hg.): Gehort Gelesen. Klagenfurt/ Celovec: Wiesner Verlag, 2009. S. 55 f.

[8] Vgl.: Steinecke, S. 18.

[9] Vgl.: Schmidtkunz, S. 15. Vgl. auch: Henneberg, Nicole: Die Sprache sollte schon sein. In: Frankfurter Rundschau (20.08.2009).

[10] Zitiert nach Steinecke, S. 18.

[11] Eine interessantes kleines Detail, das Herta Muller ebenfalls in „Atemschaukel“ verarbeitet hat, denn auch Leopold Auberg schreibt kleine Zeilen auf einen Fetzen Zemetsackpapier.

[12] Vgl.: Steinecke, S. 19.

[13] Ebd., S. 20.

[14] Vgl: Muller, Herta: Wenn wir schweigen, werden wir unangenehm - wenn wir reden, werden wir lacherlich. Kann LiteraturZeugnis ablegen? In: Arnold, Heinz Ludwig (Hg.): Text +Kritik. Zeitschrift fur Literatur 155/2002. Munchen: Richard Boorberg Verlag, 2002. S. 6-17. Hier: S. 13.

[15] Vgl: Beyer, Susanne/ Festenberg, Nikolaus von/ Schmitter, Elke: Auch du, mein Freund. In: Der Spiegel 38/2010. S. 176 und Mayr, S. 128-131.

[16] Vgl: Beyer, Susanne: Spiegel - Gesprach: Ich habe die Sprache gegessen. In: Der Spiegel 35/2012. S. 128­132. Hier: S. 132.

[17] Muller, Herta: Lebensangst und Worthunger: Im Gesprach mit Michael Lentz; Leipziger Poetikvorlesung 2009. Berlin: Suhrkamp, 2010. S. 14 f./ S. 18. Vergleiche dazuauch: Schmidtkunz, S. 18.

[18] Muller, Herta: Wenn wir schweigen, werden wir unangenehm - wenn wir reden, werden wir lacherlich. Kann Literatur Zeugnis ablegen?, S. 9. Vgl. dazu auch: Muller, Herta: Der Konig verneigt sich und totet. Munchen [u.a.]: Hanser, 2009. S. 83.

[19] Muller, Lebensangst und Worthunger, S. 37 f.

[20] Ebd., S. 39.

[21] Vgl.: Muller, Lebensangst und Worthunger, S.35.

[22] Vgl.: Muller, Herta: Wenn wir schweigen, werden wir unangenehm - wenn wir reden, werden wir lacherlich. KannLiteraturZeugnisablegen?, S. 9.

[23] Muller, Lebensangst und Worthunger, S. 55

[24] Ebd., S. 12 ff.

Details

Seiten
30
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656409953
ISBN (Buch)
9783656412359
Dateigröße
546 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v212908
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Germanistik
Note
1,0
Schlagworte
Herta Müller Roman Nobelpreis Oskar Pastior Gulag-Roman Erinnerungskultur Atemschaukel

Autor

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Titel: Herta Müllers „Atemschaukel“ und der Literaturnobelpreis 2009