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Analyse der gesprochenen Sprache in der Gerichtsserie ‚Richterin Barbara Salesch‘

Eine sprachstilistische Analyse – Sprache als Erfolgsgeheimnis und Magnet für ein Massenpublikum?

Hausarbeit 2012 20 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Analyse
2.1 Ebenen der Analyse und der ‚Stil‘-Begriff
2.2 Die Ebene der Prosodie
2.3 Die Ebene der Lexik
2.4 Die Ebene der Grammatik
2.5 Die Ebene der Stilistik

3. Anspruch eines Massenpublikums und Zielgruppe

4. Zusammenfassung der Ergebnisse

Literaturverzeichnis

Anlagen

GAT 2-Transkriptionskonventionen

Analysematerial

1. Einleitung

„Im Namen des Volkes“ - nicht nur in der Realität, sondern auch in der Gerichtsserie „Richterin Barbara Salesch“ beginnt die Urteilsverkündigung mit dieser Formel. Erstausgestrahlt am 7. September im Jahre 1999, damals noch unter dem Titel „Schiedsgericht“, mit echten, zivilrechtlichen Fällen1, bekamen die Zuschauer seither 2356 Fälle zu Gesicht2, ehe die Produktion der Serie am Ende des letzten Jahres eingestellt wurde.

Zweifelsohne lässt sich an dieser Lebensdauer erkennen, dass die Gerichtsserie ausreichend hohe Einschaltquoten erzielte, sonst wäre es einerseits schon deutlich früher zu einer Absetzung aus dem Programm gekommen und andererseits hätte der Sender nicht mehrere DVD-Sammlungen auf den Markt gebracht. Die Zuschauer müssen dementsprechend Gefallen an der Serie gefunden haben - nun stellt sich die Frage, warum dies so ist.

Die vorliegende Hausarbeit soll sich mit dieser Frage auseinandersetzen, sich der Erfolgsgeschichte dieser Serie widmen und mittels einer sprachstilistischen Analyse beleuchten, inwiefern die Sprache, neben anderen Instrumenten der Fernsehproduktion, wie beispielsweise der Kameraführung, dazu beitrug, viele Zuschauer auf der einen Seite über einen langen Zeitraum zu fesseln und auf der anderen Seite hohe Einschaltquoten zu ermöglichen.

Anders gefragt: Ist die Sprache das Erfolgsgeheimnis der Serie und eine ausschlaggebende Größe, um ein Massenpublikum zu unterhalten? Dabei soll das Hauptaugenmerk bei der Analyse auf den Ebenen der Prosodie, Lexik, Grammatik und Stilistik liegen (Deppermann 2008:57); wobei ich zunächst erläutern werde, wie genau die genannten Begrifflichkeiten zu verstehen sind.

Anschließend möchte ich noch auf den Begriff des Massenpublikums eingehen, als auch auf die mögliche Zielgruppe der Sendung, damit dann schlussendlich ein Fazit gezogen und die erzielten Ergebnisse aufgezeigt werden können, so dass die oben genannte Ausgangsfrage Beantwortung findet.

Bei der Analyse soll auch der Realitätsbezug der Sendung berücksichtigt werden (Vgl. Deppermann). Es ist klar, dass es sich um eine Fernsehserie handelt, die auf einem Drehbuch aufbaut und dass die Schauspieler nicht vollkommen frei, wie in der Realität, agieren. Neben den sozialen Umständen und Beziehungen zwischen den Gesprächsbeteiligten soll die formale Abwicklung der Gespräche gleichermaßen thematisiert werden (Deppermann 2008:9).

2. Analyse

2.1 Ebenen der Analyse und der ‚ Stil ‘ -Begriff

Wie bereits erläutert, gehe ich bei der Analyse auf die Ebenen der Prosodie, Lexik, Grammatik und Stilistik ein, wie bei Deppermann (2008:57) erläutert. Während sich die Prosodie (Kapitel 2.2) mit Merkmalen wie der Akzentuierung, dem Rhythmus sowie Lautstärke- und Tempoveränderungen inkl. Pausen beschäftigt, konzentriert sich die Lexik (Kapitel 2.3) auf Interjektionen und die Wahl von Code und Register.

Syntaktische Konstruktionen werden in Kapitel 2.4 „Grammatik“ erläutert, Kapitel 2.5 widmet sich der Stilistik - der Begriff des Stils ist dabei aber sehr facettenreich. Deppermann ordnet beispielsweise die Bildhaftigkeit des Sprechens oder sog. Routineformeln diesem Begriff zu, während auch andere Standpunkte existieren, wie sie Selting & Sandig (1997:6) anführen. So ist die Rede von Sprechstil als die Art und Weise des Sprechens in natürlichen Interaktionskontexten im Hinblick auf das Zusammenspiel zwischen syntaktischen, morphophonemischen, prosodischen sowie weiteren Bereichen.

Bildet die Definition nach Selting & Sandig die Grundlage, dann ist es notwendig, die einzelnen Ebenen nicht als eigenständig zu verstehen, sondern jeweils als einzelne Bausteine, die den Oberbegriff der Stilistik ausbilden. Da ich hier allerdings die Unterscheidung in verschiedene Ebenen nach Deppermann bevorzuge, bildet Deppermanns Definition auch den Grundstein für diese Hausarbeit.

2.2 Die Ebene der Prosodie

Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass man auf eine höhere Lautstärke, ein höheres Sprechtempo und überdies eine höhere Sprechstimme stößt, wenn ein Charakter in der Sendung wütend beziehungsweise aufgeregt ist. Das Gegenteil, sprich eine geringere Lautstärke, ein langsameres Sprechtempo als auch eine tiefe Sprechstimme, ist ebenso auffindbar, so dass daraus geschlussfolgert werden kann, dass ein Charakter eher ruhig ist oder beruhigend auf einen anderen Charakter einwirken möchte. Diese Merkmale spiegeln realistisches Sprechverhalten wider. Eine lautere Stimme in Verbindung mit einem hohen Sprechtempo hat dabei ein höheres Spannungsmoment für das Publikum zur Folge.

Zu Beginn der transkribierten Szene formuliert Staatsanwalt Römer eine Frage, die Zeuge Kögler mit einer Gegenfrage beantwortet (Z. 7f). Anschließend folgt ein größerer Sprechanteil seitens des Staatsanwalts, an dem ich die oben angeführten Punkte belegen möchte - zitiert wird dabei direkt aus dem beiliegenden Transkript.

(1) <<f> weil das nen alibi ist und das werden wir überprüfen - frau vorsitzende da möchte ich bitten die äh (.) verhandlung zu unterbrechen (Z. 9ff)

(2) ich sach ihnen eins (.) ich werde JEDEN nachbarn bei ihnen befragen JEDEN freund JEDEN bekannten und wenn dabei herauskommt dass sie an diesem fünften oktober zwischen <<all> nachmittachs und 23 uhr auch nur nen fuß vor die tür geseTZT HABEN (.) und sie nicht mit ihr zusammen waren dann krieg ich sie dran wegen ner falschaussage (Z. 16ff)

(3) Wenn in (1) der Staatsanwalt nach der Antwort von Tarek Kögler lauter wird, da die Antwort vermutlich nicht so ausgefallen ist, wie Staatsanwalt Römer sich das gewünscht hat, wird in (2) Druck auf den Zeugen aufgebaut - damit betont der Staatsanwalt, dass er es ernst meint (Betonung von „JEDEN“). Insbesondere nachdem Römer den 5. Oktober erwähnt, beschleunigt er merklich und gerät zunehmend stärker in Rage. In Ausschnitt (3) kommt es zu einem Wechsel, das heißt einer etwas tieferen Sprechstimme; Römer wird langsamer, was diesen Ausschnitt vom vorherigen Teil abgrenzt, somit eine Warnung darstellt und obendrein zum Nachdenken anregt. Dies ist auch anhand der Bilder ersichtlich - Zeuge Tarek Kögler erscheint nachdenklich, der Staatsanwalt hat sein Ziel erreicht. Allerdings sind die anfangs erläuterten Merkmale nicht nur anhand des Sprechverhaltens des Staatsanwalts erkennbar - sondern auch anhand des Sprechverhaltens der Richterin lassen sich diese belegen. Nachdem Zeuge Kögler einige Fakten auf den Tisch legt und außerdem aussagt, dass er Geld bekommen habe (5), fragt Richterin Salesch genauer nach, um welches Geld es sich denn genau handele.

(4) <<p, len> von welchem Geld sprechen sie denn herr kögler? > (Z. 82f)

(5) ja von dem geld was die weiber mir gegeben haben (Z.84f)

(6) wer hat ihnen geld gegeben <<acc> WANN WO WIE VIEL FÜR !WAS! > (Z.86f)

(7) (Z. 88f)

In (4) versucht Richterin Salesch beruhigend auf Tarek Kögler einzuwirken, indem sie leise und langsam nachfragt, von welchem Geld Herr Kögler spricht. Dabei steht dieser sichtlich unter Druck, was das vorsichtige Vorgehen der Richterin erklärt. Da jener aber nur aussagt, dass „die Weiber“ ihm Geld gegeben haben (Z. 84f), intensiviert Salesch den Druck (6), indem sie schneller spricht und die einzelnen Fragepronomen gesondert betont (insbesondere das Fragepronomen „Was“). Dieser Umstand resultiert zudem in einer höheren Spannung für das Publikum. Der anschließende Wechsel (7) zu einer leicht tieferen Sprechstimme - wie auch schon bei Staatsanwalt Römer zuvor -, stellt hier wieder eine Abgrenzung zum vorherigen Sprechabschnitt dar.

Während sowohl Salesch als auch Römer „Gebrauch“ von derartigen „Sprechmitteln“ machen - ob bewusst oder unbewusst -, sind diese bei den Zeugen bzw. Angeklagten nicht auffindbar. Diese reden eher eintönig und obendrein abrupt, wie sich später zeigen wird, und keineswegs so vielfältig.

Auffällig ist ebenfalls das Ausatmen der Angeklagten Nicole (8, 9), das Aufgeregtheit symbolisiert, nachdem zum Ende Zeuge Tarek Kögler die Fakten auf den Tisch gelegt hat.

(8) <<pp> hh° was fürn vogel ey > (Z. 111)

(9) hhh° (Z. 120)

Hauptsächlich tritt dies auf, nachdem die Namen „Nicole“ und „Jacqueline“ explizit durch Herrn Kögler genannt und diese somit belastet werden: „ich mein jacqueline und nicole stecken unter einer decke“ (Z. 120f).

Hinsichtlich der Gesprächsanteile im vorliegenden Transkript lässt sich anmerken, dass Richterin Salesch und Staatsanwalt Römer über die größten Anteile verfügen, gefolgt vom Zeugen Kögler. Das ist auf der einen Seite der Tatsache geschuldet, dass Herr Kögler in der dargestellten Szene Rede und Antwort stehen muss. Auf der anderen Seite ist dies auch durch die Hierarchie vor Gericht begründet.

2.3 Die Ebene der Lexik

„Tarik mach dich locker“ (Z. 77), erwidert Zeugin Jacqueline, nachdem Zeuge Tarek Kögler darlegt, dass er keinen Bock habe, „nochmal in Knast zu kommen“ (Z. 73f). Diese Ausdrucksweise ist symptomatisch für die Zeugen und ebenso für die Angeklagte. Was an dieser Stelle noch als Umgangssprache bzw. Soziolekt bezeichnet werden kann, wird noch durch zahlreiche vulgäre Ausdrücke ausgebaut. So spricht der Zeuge Kögler, gerade vor der Richterin sitzend, von einer Entführung, welche durch das Adjektivattribut „fuck“ Ergänzung findet (Z. 63).

Schmähungen wie „Halt die Schnauze“, „Halt die Schnauze du Weichei“ (Z. 64, 121) und Neologismen („Alibirotz“, Z. 96) finden ebenfalls den Weg in die dargestellte Szene. Dabei fehlt auch der Respekt vor dem Gericht, was Kögler durch die Bemerkung „die Kacke hier“ (Z. 90) unterstreicht. Da Richterin Barbara Salesch auf eine derartige Wortwahl verzichtet (Vgl. „Fremdgehen“ statt „rumgevögelt“), wird eine Einordnung der Charaktere durch die Zuschauer unterstützt: Stereotypen werden aufgegriffen und der arbeitssuchende Kögler erscheint nicht besonders gebildet. Auf die Angeklagte Nicole und die Zeugin Jacqueline lässt sich dies in gleicher Weise übertragen. Somit werden Richterin und Staatsanwalt als gebildete, die Zeugen und die Angeklagte als weniger gebildete Menschen wahrgenommen.

Weitere Merkmale der Sprache Köglers sind der übermäßige Gebrauch von Modalpartikeln (10; meine Hervorhebung) und Interjektionen (11, 12; meine Hervorhebungen). Letzteres finden auch bei Nicole Verwendung (13; meine Hervorhebung).

[...]


1 Anfangs handelte es sich zwar um echte Fälle, jedoch dürfen nach deutschem Recht keine echten Strafprozesse im Fernsehen übertragen werden, so dass es sich lediglich um ein Schiedsgericht handelte. Aufgrund schleppenden Erfolgs entschieden sich die Verantwortlichen im Oktober 2000 auf fiktive Fälle zu setzen, was in höheren Einschaltquoten resultierte. Dazu später mehr in Kapitel 3. (Vgl. Richterin Barbara Salesch - Episodenführer. Fernsehserien.de.)

2 Vgl. Richterin Barbara Salesch - Episodenführer. Fernsehserien.de. 30 Juli 2012. <http://www.fernsehserien.de/index.php?serie=9067>.

Details

Seiten
20
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656413172
ISBN (Buch)
9783656414414
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v212790
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,7
Schlagworte
analyse sprache gerichtsserie barbara salesch‘ eine erfolgsgeheimnis magnet massenpublikum

Autor

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Titel: Analyse der gesprochenen Sprache in der Gerichtsserie ‚Richterin Barbara Salesch‘