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Soziale Erwünschtheit - Eine Untersuchung bezüglich Instruktion, Methode und Geschlechtszugehörigkeit

von Nicole Hoffmann (Autor) Kirsten Betz-Morhard (Autor) Anita Perz (Autor) Christoph Woithon (Autor)

Forschungsarbeit 2003 39 Seiten

Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Abstract

2 Einleitung(Christoph Woithon)
2.1 Datenerhebung in der empirischen Sozialforschung: Fakten oder Artefakten?
2.2 Qualitätssicherung bei der Datenerhebung
2.3 Überblick über die Inhalte dieser Arbeit

3 Theorie und Forschungsfragen(Christioph Woithon+Anita Perz)
3.1 Soziale Erwünschtheit in der Befragung
3.1.1 Soziale Erwünschtheit als Antworttendenz
3.1.2 Schwierigkeiten beim Umgang mit sozialer Erwünschtheit
3.1.2.1 Soziale Erwünschtheit bei Items oder als Antwortverhalten
3.1.2.2 Selbstdarstellung oder Selbsttäuschung
3.1.2.3 Wessen Erwünschtheit? Wessen Normen?
3.1.2.4 Variabilität von sozialer Erwünschtheit
3.1.3 Zusammenfassende Bewertung
3.2 Methoden zur Kontrolle von SD bias
3.2.1 Itemkonstruktion und -selektion
3.2.2 Antwortmodus
3.2.3 Kontrollskalen
3.2.4 Faktor-Elimination
3.2.5 Fragebogen-Instruktion
3.2.6 Garantierte Anonymität
3.2.7 Randomized-Response-Technik
3.2.8 Nichtkontrolle
3.3 Abschließende definitorische Eingrenzung
3.4 Formulierung der Forschungsfragen (Nicole Hoffmann)

4 Methode(Kirsten Betz-Morhard)
4.1 Stichprobe der Untersuchung
4.2 Das Design der Untersuchung
4.2.1 Art der Datenerhebung (Befragungsart)
4.2.2 Art der Instruktion
4.2.3 Die Befragung
4.2.3.1 Die mündliche Befragung (Das Interview)
4.2.3.2 Die schriftliche Befragung (Der Fragebogen)
4.3 Die Instrumente der Untersuchung
4.3.1 Die einfaktorielle Varianzanalyse
4.3.2 Die zweifaktorielle Varianzanalyse
4.3.3 Der t-Test für unabhängige Stichproben
4.3.4 Der Mittelwertsvergleich
4.4 Einschätzung der Testgütekriterien (Kirsten Betz-Morhard+Nicole Hoffmann)
4.4.1 Die Reliabilität
4.4.2 Die Validität
4.4.3 Die Objektivität

5 Ergebnisse(Nicole Hoffmann)
5.1 Auswertungen zu Fragestellung 1 (Instruktion)
5.2 Auswertung zu Fragestellung 2 (Interaktionseffekt)
5.3 Auswertungen zu Fragestellung 3 (Geschlechter-Frage)

6 Diskussion(Anita Perz)
6.1 Zu den Fragestellungen
6.2 Zu Aufbau und Durchführung

7 Résumée

1 Abstract

Die Validitätsminderung durch Antwortverzerrung ist ein schwerwiegendes Problem bei der Datenerhebung in der empirischen Sozialforschung. In dieser Studie wird auf das Antwortverhalten im Sinne der Sozialen Erwünschtheit eingegangen. Es wird geprüft, ob die Instruktion, die Methode und die Geschlechtszugehörigkeit Einfluss auf die Antwortgabe haben. 539 Probanden haben an schriftlichen und mündlichen Befragungen innerhalb einer Feldstudie teilgenommen. Ein Einfluss der Antwortverzerrung bezüglich der Sozialen Erwünschtheit konnte hinsichtlich der Instruktion und der Geschlechtszugehörigkeit festgestellt werden, nicht aber in bezug auf die Methode.

Schlagworte: Soziale Erwünschtheit - social desirability - SD bias - response set - geschlechtsspezifische Normen der sozialen Erwünschtheit - Kontrollstrategien

2 Einleitung

2.1 Datenerhebung in der empirischen Sozialforschung: Fakten oder Artefakten?

Die empirische Sozialforschung gewinnt ihre Kenntnisse auf Grundlage der Erhebung und Auswertung von Daten. Diese Daten werden in der Primärforschung mit Hilfe von Experimenten, Beobachtungen und Befragungen erhoben, wobei die Befragung mit ihren unterschiedlichen Varianten (z.B. Interview, Fragebogen) die häufigste Art der Datenerhebung darstellt (Hartmann, 1991). Unabhängig von der jeweils gewählten Methode der Datenerhebung, gilt, dass die mit ihrer Hilfe betriebene Forschung nur so gut und genau sein kann, wie es die Daten selber sind. Für Hartmann (1991) ist die zentrale Frage bei der Diskussion und Interpretation wissenschaftlich erhobener Daten dann auch, ob es sich bei „den Ergebnissen um Fakten oder um Artefakten“ handelt. Wobei unter Artefakt „ein durch die Erhebungsmethode, response set oder durch die Art der Auswertung produziertes Untersuchungsergebnis“ verstanden wird, „das nichts oder wenig über den interessierenden Sachverhalt aussagt, sondern zu großen Anteilen Produkt der eingesetzten Methode ist“ (http://www.sozpsy.uni-hannover.de). Unter „response set“ wird eine Antworttendenz verstanden. Die Datenerhebung in der empirischen Sozialforschung ist folglich sowohl hinsichtlich der gewählten Erhebungsmethode und ihrer Durchführung, des Befragtenverhaltens und der Auswertungsart bedroht von Verfälschungen hinsichtlich der Güte der Daten. Mit dieser steht und fällt somit auch die Qualität der Forschung und ihre Ergebnisse.

2.2 Qualitätssicherung bei der Datenerhebung

Wie sichert die empirische Sozialforschung nun die Güte der von ihr erhobenen Daten? Als Voraussetzung, um die Aussagekraft der erhobenen Daten überprüfen zu können, gilt die Forderung nach der Kontrollierbarkeit jeder einzelnen Phase einer sozialwissenschaftlichen Datenerhebung (Atteslander & Kopp, 1984, zitiert nach Hartmann, 1991). Darüber hinaus sind die drei Gütekriterien Objektivität (Unabhängigkeit), Reliabilität (Messgenauigkeit) und Validität (Gültigkeit), die sich aus der Klassischen Testtheorie ableiten, zu beachten, die als grundlegende formale Anforderungen an Verfahren der Datenerhebung angesehen werden. Ihre Sicherstellung und Kontrolle gilt als wichtigste Aufgabe bei der Qualitätssicherung der Datengewinnung. Um den Rahmen dieser Studie nicht zu sprengen wird auf die einschlägige Fachliteratur (z.B. Bortz & Döring) verwiesen, in der die allgemeinen Testgütekriterien, die Ansprüche an die Wissenschaftlichkeit einer Studie und ähnlich grundlegende Themen ausführlich behandelt werden.

2.3 Überblick über die Inhalte dieser Arbeit

Uns interessiert in unserer Studie eine ganz bestimmte Gefahr der Datenverzerrung, die Tendenz der Befragten „sozial erwünscht“ zu antworten. Diese Tendenz wird in unserer Arbeit speziell in zwei Formen der Befragung, dem Fragebogen und dem Interview, auf ihr Auftreten und den Grad ihrer Ausprägung hin untersucht. Die vorliegende Untersuchung ist hypothesenbestätigend, da das Konstrukt „Soziale Erwünschtheit“ und die Tendenz in ihrem Sinne zu antworten, bereits Inhalt einer Vielzahl von wissenschaftlichen Untersuchungen ist. Im theoretischen Teil unserer Arbeit wird versucht, die Verfälschungstendenz hinsichtlich sozialer Erwünschtheit genauer zu beschreiben, ihre Aktualität und mögliche Folgen und Ausprägungen in der empirischen Sozialforschung darzustellen und vorgeschlagene Kontrollmaßnahmen zu skizzieren. Ferner werden wir unsere Forschungsfragen vorstellen und erläutern. Daran anschließend erfolgt im Teil „Methode“ die Darstellung unserer Vorgehensweise und der von uns verwendeten Methoden. Hier werden wir auf die Stichprobe, das Design und die Messinstrumente eingehen. Daran anschließend folgt die Ergebnisdarstellung, die Interpretation unserer Ergebnisse und ihre Diskussion. Beim abschließenden Resümee werden wir auch auf mögliche Konsequenzen unserer Ergebnisse hinweisen.

3 Theorie und Forschungsfragen

3.1 Soziale Erwünschtheit in der Befragung

Grundsätzlich wird in der empirischen Sozialforschung von der Grundannahme der Klassischen Testtheorie ausgegangen, dass das Messergebnis dem wahren Ausprägungsgrad eines untersuchten Merkmals zuzüglich eines Testfehlers entspricht. Daraus lassen sich die vier Axiome der klassischen Testtheorie ableiten, aus denen sich wiederum die Testgütekriterien ergeben. Wichtig ist es bei der Datenerhebung, auf alle Fälle sogenannte „systematische Fehler“, in Abgrenzung zu dem oben genannten „zufälligen“ Testfehler zu vermeiden, die das Testergebnis verfälschen beziehungsweise verzerren würden und somit die Validität der erhobenen Daten gefährden. Bei der Befragung, der häufigsten Form der Datenerhebung in der empirischen Sozialforschung, sind Antworttendenzen (response sets) und durch sie ausgelöste Antwortverzerrungen (response bias) eine eminente Gefahr für die Güte der erhobenen Daten. Neben der Aquieszenz (Ja-Sager-Tendenz) wird die Tendenz „sozial erwünscht“ zu antworten als wichtiges response set diskutiert. Schnell, Hill und Esser (1988, zitiert nach Hartmann, 1991) vertreten sogar die Ansicht, dass die meisten Antwortverzerrungen Varianten dieser beiden response sets sind. Was wird unter „Sozialer Erwünschtheit“ und der ihr zugeordneten Antworttendenz in der empirischen Sozialforschung verstanden?

3.1.1 Soziale Erwünschtheit als Antworttendenz

Wie Hartmann (1991) feststellt, gibt es keine allgemein akzeptierte Definition des Begriffs „Soziale Erwünschtheit“, vielmehr herrscht eine erstaunliche, diesbezügliche Bandbreite innerhalb der sogenannten SD- Forschung (SD steht für „social desirability“, engl. für „Soziale Erwünschtheit“). Dennoch ist klar, das SD meist im Zusammenhang mit systematischen Fehlern bei der Datenerhebung diskutiert wird, insbesondere bei der Verwendung „reaktiver Messinstrumente“ wie dem Interview und dem Fragebogen. „Reaktiv“ meint, dass sich die befragte Person im klaren darüber ist, Gegenstand einer wissenschaftlichen Untersuchung zu sein und somit auch die Möglichkeit hat, das Messergebnis zu beeinflussen. Dies kann sowohl wissentlich, als auch unabsichtlich geschehen und hängt natürlich bei Befragungen, die Einstellungen oder Persönlichkeitsmerkmale erfassen sollen, auch von den subjektiven Bewertungen des Befragten ab (Mummendey, 1987). Dabei kann es zu Antworttendenzen kommen, etwa wenn die befragte Person einen bestimmten Eindruck von sich hinterlassen möchte. Zusätzlich findet die Messung während einer Befragung in einer ganz speziellen, künstlich herbeigeführten, sozialen Situation statt, in der die Rollen von Befragten und Befrager für eine, im Sinne des Forschungsziels, gelungene Interaktion ziemlich strikt eingehalten werden müssen. Ebenso benutzt eine Befragung ein sprachliches Messinstrument und Sprache ist nicht völlig invariant gegenüber ihrer Anwender und ihrer Interpretation. All das macht darum eine Befragung anfällig hinsichtlich der Güte ihrer Daten (Hartmann, 1991). Die Reaktivität der Messinstrumente kann dazu führen, dass die befragte Person nicht mehr unbefangen Auskunft erteilt, sondern ihre Antworten sozusagen vor der Abgabe „zensiert“ bzw. „frisiert“, bewusst oder unbewusst, sei zunächst einmal offen gelassen. Mummendey (1987) geht auf dieses Problem ausführlicher ein und erörtert beispielsweise, ob der Begriff „Lüge“ bei einer bewussten Verfälschung zutreffender ist. Wichtig ist, dass sich bei dieser Einflussnahme seitens der Testperson feststellen lässt, dass sie versucht verschiedene Items daraufhin zu überprüfen, welche Antwortalternative günstiger bzw. positiver wirkt, also erwünschter ist und dann die Tendenz zeigt in Richtung dieser Erwünschtheit zu antworten. Anzunehmen ist, dass damit die Wahrscheinlichkeit innerhalb der Befragung sinkt, eine Antwort zu erhalten, die im Sinne der klassischen Testtheorie die wahre Merkmalsausprägung (einschließlich Testfehler, s.o.) beim Befragten wiedergibt. Spätestens hier beginnt dann die validitätsmindernde Verzerrung. Festzuhalten ist aber, dass es zum einen unterschiedliche „Erwünschtheitsgrade“ bei Merkmalen zu geben scheint und zum anderen, und das gibt der „Sozialen Erwünschtheit“ ihren vollen Namen, dass die befragte Person diesen Grad der Erwünschtheit an allgemeinen Werten und Normen festzumachen versucht - sie antwortet dementsprechend, wie es (vermeintlich) „sozial erwünscht“ ist.

Diese recht allgemeine Erklärung einer Antworttendenz im Sinne der sozialen Erwünschtheit (SD response set) wirft jedoch etliche Fragen auf, die klar machen, warum Hartmann (1991), wie oben angeführt, die fehlende definitorische Genauigkeit bezüglich sozialer Erwünschtheit beklagt. Was sind die Hauptkritikpunkte beziehungsweise Schwierigkeiten, die beim Umgang mit dem beschriebenen Konzept der sozialen Erwünschtheit auftreten?

3.1.2 Schwierigkeiten beim Umgang mit sozialer Erwünschtheit

Zum einen können einzelne Items „Träger sozialer Erwünschtheit“ sein, zum anderen wird SD meist als Antworttendenz seitens der befragten Person diskutiert (siehe 3.1.2.1). Teilweise wird die Tendenz sozial erwünscht zu antworten sogar als eigenes Persönlichkeitsmerkmal angesehen (Mummendey, 1987). Es stellt sich auch die Frage, ob es sich bei diesem verzerrenden Antwortverhalten eher um Selbstdarstellung (impression management) oder Selbsttäuschung (self deception) handelt. Dies interessiert bei der Frage nach der Ursache von SD response sets, wie auch bei der Bewertung, ob diese Antworttendenz eher als „Lüge“ und somit als etwas „Schä(n)dliches“ anzusehen ist, oder doch einfach einem ganz üblichen, sozusagen integralen Bestandteil einer jeden Persönlichkeit und ihrer Verhaltensmöglichkeiten entspricht. Diesem Thema widmet sich der Punkt 3.1.2.2 konkreter. Zusätzlich ist es, zumal in einer pluralistischen Gesellschaft, fraglich, ob es sogenannte Kollektivwerte gibt, bzw. ob nicht für bestimmte Gesellschaftsgruppen (bis hin zu sehr kleinen Subgruppen) oder sogar für die einzelnen Personen jeweils eigene Normen gelten, die dann für diese sozial erwünscht sind ( 3.1.2.3). Außerdem stellt sich weiterhin die Frage, ob und wenn, inwieweit sich ein SD response set variabel zeigt, etwa wenn der Befragte zu erwarten hat, dass seine Antworten, je erwünschter sie sind, ihm einen Vorteil verschaffen (z.B. innerhalb einer Bewerbungssituation). Dies werden wir im Abschnitt 3.1.2.4 versuchen zu konkretisieren.

3.1.2.1 Soziale Erwünschtheit bei Items oder als Antwortverhalten

Der gewichtigste Stolperstein innerhalb der SD- Forschung ist sicherlich die Tatsache, dass es eine „allgemein akzeptierte Definition des Begriffs „soziale Erwünschtheit““ (Hartmann, 1991, S.36) nicht gibt. Dies liegt vor allem daran, wie Hartmann (ebd.) ausführt, dass die Eigenschaft der sozialen Erwünschtheit verschiedenen Merkmalsträgern zugewiesen werden kann. Diese Eigenschaftsträger können zum einen Bestandteile von Messverfahren, wie z.B. Items oder Antwortvorgaben sein. Dann erhält zum Beispiel das Adjektiv „durchsetzungsfähig“ einen bestimmten SD-Wert. Zum anderen wird SD aber auch als (störender) Einfluss bei der Messmethodik benannt, etwa wenn Bewertungen von Merkmalen ihre Messung beeinflussen. Darüber hinaus bezeichnet die SD-Forschung aber auch ganz allgemein die Antworttendenz, die durch eine Merkmalsbewertung entsteht, bei der sich dann der Befragte auf Grund dieser Bewertung in einem „bestimmten Licht“ erscheinen lassen will, als „soziale Erwünschtheit“. Diese Bedeutungsvielfalt des Begriffs „soziale Erwünschtheit“ führt dazu, dass das mit diesem Begriff bezeichnete Konzept eine gewisse Unschärfe beinhaltet. Das macht die Einordnung bisheriger Forschungsergebnisse im Bereich SD schwierig. Auf die einzelnen Kritikpunkte bei unterschiedlichen, bisher getroffenen Definitionen (etwa von ihrem „Entdecker“ Edwards) von sozialer Erwünschtheit und damit verbundenen Schwierigkeiten bei der Operationalisierung geht Hartmann umfassender ein. Für diese Studie ist daraus vor allem wichtig, dass jede Forschungsarbeit im Bereich SD genauer kennzeichnen sollte, was sie unter „sozialer Erwünschtheit“ versteht und wie diese dann für die Messung operationalisiert wird. Auf diesen Aspekt gehen wir im Abschnitt 3.3 bezüglich unserer Studie genauer ein.

3.1.2.2 Selbstdarstellung oder Selbsttäuschung

Vor allem bei der Frage nach möglichen Ursachen von SD response sets und der sich daraus ergebenen Bewertungen dieser Verzerrungen über die Feststellung ihres validitätsmindernden Potentials hinaus, wird häufig zwischen Selbsttäuschungen und dem bewussten Täuschen anderer, hier des Fragestellers, unterschieden. Ausgehend von sogenannten Zwei-Komponenten-Modellen, bei denen sich, in aller Kürze dargestellt, eine SD bias sowohl aus der Zustimmung zu sozial erwünschten Items, als auch aus der Ablehnung sozial unerwünschter Merkmale zusammen setzt, wird hier also unterschieden, ob die befragte Person sich der Verzerrung bewusst ist oder nicht. Diese Unterscheidung hat natürlich Auswirkungen, wenn man ein solches Antwortverhalten bewerten will. So dürfte eine bewusste Täuschung als verwerflicher (und damit sozial unerwünschter) gelten als ein unbewusstes Leugnen einer Merkmalsausprägung. Erreicht ein Befragter zum Beispiel innerhalb eines Eignungstests für eine Arbeitsstelle, der eine SD- Kontrollskala (siehe 3.2) beinhaltet, einen hohen SD-Score, könnten seine Jobaussichten rapide schwinden, wenn ihm daraufhin bewusste Täuschung oder sogar Lügen attestiert wird. Wobei der Sinn des Einsatzes eines reaktiven Messverfahrens hier grundsätzlich im Zweifel steht (Mummendey, 1987). Darüber hinaus stellt Mummendey fest, dass ein solcher Schluss zu Ungunsten des Getesteten nicht geboten sein muss, zeigten doch vergleichende Untersuchungen zwischen Personen mit hohen bzw. niedrigen SD-Scores uneinheitlich interpretierbare Ergebnisse. So wurden die Personen mit einem höheren Score beispielsweise als die effektiver Lernenden beschrieben (Mummendey, 1987).

Die Tendenz von Personen in Richtung sozialer Erwünschtheit zu antworten wird seit Edwards meist dadurch erklärt, dass der Befragte, „motiviert durch die Furcht vor sozialer Verurteilung“ zu „konformem Verhalten“ neigt und sich deshalb so verhält, wie es verbreiteten Normen entspricht, siehe auch 3.1.2.3 (Bortz & Döring, 2002, S. 233). Mummendey (1987) stellt jedoch dar, dass solche Begriffe wie „Furcht“ und „Lüge“ aus sozialpsychologischer Sicht eher hinderlich sind, will man sich der Ursache von SD response sets wissenschaftlich nähern. Er plädiert vielmehr dafür, die Aufspaltung von Selbstdarstellung in impression management und self-deception, wie sie etwa Millham und Kellog (1980, zitiert nach Hartmann, 1987) vornehmen, zu Gunsten einer Sichtweise aufzugeben, die mehr die „Bedeutungen von Selbstkonzepten für die Persönlichkeit von Individuen“ (Mummendey, 1987, S. 202) betont. Die Frage nach einer „absichtsvollen“ Täuschung verliert dann an Bedeutung, da anerkannt wird, dass Selbstdarstellung der kontinuierliche Versuch einer Person ist, sich an ihr soziales Umfeld anzupassen. Eine SD-Skala ist dann keine reliable „Lügenskala“, mit der beispielsweise die Stellentauglichkeit eines Einzelnen beurteilt werden kann, sondern dient vielmehr dem empirischen Sozialforscher dazu, seine Daten gegen eine SD bias abzusichern. Auch Hartmann, die bei der Frage nach der Erklärung sozial erwünschter Antwortverzerrungen das von Esser vorgeschlagene, entscheidungstheoretisch orientierte Modell rationalen Verhaltens mit eher klassisch soziologischen Theorieperspektiven hinsichtlich ihrer Anwendbarkeit vergleicht, sieht in dieser Orientierung an Selbstkonzepten und „Rollen“ des Befragten und damit verknüpften Verhaltenserwartungen eine Alternative zu der in ihrer Arbeit „aus verschiedener Perspektive problematisierten Ex-Post-Kontrolle von Antwortverzerrungen durch SD-Skalen“ (Hartmann, 1987, S. 241).

3.1.2.3 Wessen Erwünschtheit? Wessen Normen?

Einer der Hauptkritikpunkte an dem SD-Konzept ist, dass es notwendigerweise von Kollektivnormen innerhalb einer Gesellschaft ausgeht. Es bestehen aber berechtigte Zweifel daran, ob solche allgemein gültige Normen existieren. Auf was beziehen sich dann die Bewertungen darüber, was sozial erwünscht ist und was nicht? Oder muss sich die befragte Person dann eben zwischen verschiedenen, von unterschiedlichen Gruppen sogar gegensätzlich favorisierten Bewertungen, entscheiden? Mummendey (1987) beschreibt hierzu verschiedene empirische Befunde, die nahe legen, dass es zwar durchaus Übereinstimmungen hinsichtlich der sozialen Erwünschtheit verschiedener Eigenschaften gibt - dies sogar interkulturell. Andererseits variieren solche Bewertungen in „Abhängigkeit etwa von Alter, Geschlecht und sozialer Schichtzugehörigkeit“ (Mummendey, 1987, S. 166) und anderen Variablen. Auch zeigen geringe Korrelationen zwischen einzelnen Fragebögen, die jeweils zu Beurteilung eines SD response sets konstruiert wurden und die Ergebnisse der von Hartmann durchgeführten Studie zur Validität von SD-Skalen, dass das Konstrukt der „sozialen Erwünschtheit“ hier durchaus Schwächen aufweist. Sich daher aber für verschiedene SD-Teilkonzepte zu entscheiden bzw. die Auflösung eines einheitlichen SD-Konzepts zu Gunsten einer „persönlichen Erwünschtheit“ zu betreiben, scheint forschungsökonomisch wenig sinnvoll. Dennoch weist Mummendey darauf hin, dass eine genaue Differenzierung hinsichtlich dieser Problematik einer SD-Messung nötig ist und eigentlich die Notwendigkeit gegeben wäre, entsprechende Messungen methodisch genau zu konstruieren. So könnten etwa vor Datenerhebungen die einzelnen Items auf ihren jeweiligen SD-Grad hin untersucht werden, um dann eventuell ausgetauscht oder zumindest kontrolliert zu werden (siehe 3.2). Diesen Aufwand sieht Mummendey als notwendig, aber oft vernachlässigt an.

[...]

Details

Seiten
39
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638249157
Dateigröße
982 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v21258
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Empirische Pädagogik
Note
1
Schlagworte
Soziale Erwünschtheit Eine Untersuchung Instruktion Methode Geschlechtszugehörigkeit Einführung Forschungsmethoden Statistik Pädagogen

Autoren

  • Nicole Hoffmann (Autor)

    7 Titel veröffentlicht

  • Kirsten Betz-Morhard (Autor)

  • Anita Perz (Autor)

  • Christoph Woithon (Autor)

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Titel: Soziale Erwünschtheit - Eine Untersuchung bezüglich Instruktion, Methode und Geschlechtszugehörigkeit