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Feminisierung von Schule: Sind Jungen die neuen Bildungsverlierer?

Hausarbeit 2012 16 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Konzeptionelle Grundlagen
2.1 Das deutsche Bildungssystem
2.1.1 Die Entwicklung des deutschen Bildungssystems seit den 1960er Jahren
2.1.2 Geschlechtsspezifische Unterschiede im Bildungserfolg
2.2 Feminisierung im deutschen allgemeinen Schulsystem
2.2.1 Die Definition von Feminisierung im Schulwesen
2.2.2 Die Feminisierung des Lehrerberufes in Deutschland

3 Mögliche Ursachen der geschlechterspezifischen Ungleichheit im deutschen Bildungssystem
3.1 Die Rolle der Kompetenzen
3.2 Der Stellenwert der Grundschulempfehlung

4 Fazit

Literatur

1 Einleitung

Die Frage, ob Jungen die neuen Bildungsverlierer sind und welche Ursachen es dafür geben könnte, wird in den letzten Jahren immer wieder heiß debattiert und gerade in der Presse pauschalisiert aufgegriffen. Vor allem die Frage, ob eine „Feminisierung“ von Schule für die geschlechtsspezifischen Unterschiede im Bildungserfolg verantwortlich gemacht werden kann, steht dabei im Vordergrund und Spiegel Online Schlagzeilen wie „Vorsicht, Frau! Wie Studentinnen die Männer überholen„IQ-Forscher: Frauen sind schlauer als Männer.“ oder „Männermangel an Schulen. Lehrerinnen schaden Schülern nicht.“ sind keine Seltenheit. Die akademische Laufbahn und der Bildungserfolg haben in Deutschland einen hohen Stellenwert und gewinnen weltweit stetig an Bedeutung, daher scheint diese schon seit Jahrzehnten andauernde Diskussion nicht aus der Mode zu kommen und aus jeder neuen Schulstudie gespeist zu werden. In der vorliegenden Arbeit soll daher die Frage geklärt werden, inwieweit wirklich von einem relevanten geschlechterspezifischen Unterschied im Bildungserfolg ausgegangen werden muss und welche vorherrschenden Erklärungsansätze es für eventuelle Bildungsdisparitäten gibt. Dazu werden in Kapitel 2 zunächst relevante Grundlagen zum deutschen Bildungssystem erläutert und die Entwicklung des deutschen Bildungssystems seit den 60er Jahren skizziert, mit besonderem Blick auf die geschlechtsspezifischen Unterschiede im Bildungserfolg. Zudem wird dargelegt, was unter einer „Feminisierung“ des Schulwesens verstanden wird und die grundlegende Frage geklärt, ob aktuell von einer Feminisierung des Lehrerberufes in Deutschland ausgegangen werden kann. In Kapitel 3 werden dann die möglichen Ursachen für die geschlechterspezifischen Ungleichheiten im deutschen Bildungssystem näher betrachtet und anhand der wissenschaftlichen Beiträge von Hannover und Kessels (2011) sowie Neugebauer (2011) dargestellt werden. Der Fokus soll dabei auf die Rolle der Kompetenzen und den Stellenwert der Grundschulempfehlung gelegt werden. Im letzten Kapitel wird dann die Ausgangsfrage dieser Arbeit, ob die geschlechtsspezifischen Ungleichheiten zuungunsten der Jungen eine Folge der „Feminisierung“ des deutschen Schulwesens sind, abschließend beantwortet.

2 Konzeptionelle Grundlagen

Um die Frage, ob Jungen die neuen Bildungsverlierer sind, adäquat beantworten zu können, sollen zunächst grundlegende Fakten zum deutschen Bildungssystem, der Bildungsbeteiligung sowie dem Bildungserfolg von Jungen und Mädchen und der Bedeutung des Lehrerberufes dargelegt werden. Hierbei soll vor allem die Frage geklärt werden, ob in den vergangenen Jahrzehnten geschlechtsspezifische Unterschiede im Bildungserfolg ausgemacht werden konnten und woran sich diese festmachen lassen. Zudem soll der Begriff der Feminisierung definiert und die Frage geklärt werden, ob in Deutschland eine Feminisierung des Lehrerberufes stattgefunden hat.

2.1 Das deutsche Bildungssystem

Im Folgenden wird erläutert, wie sich das deutsche Bildungssystem nach der sogenannten Bildungsexpansion in den 60er Jahren entwickelt hat und welchen Einfluss diese auf die aktuelle Situation im deutschen Bildungssystem hatte. Darüber hinaus werden geschlechtsspezifische Unterschiede im Bildungserfolg dargelegt und wie diese sich in den letzten Jahrzehnten änderten.

2.1.1 Die Entwicklung des deutschen Bildungssystems seit den 1960er Jahren

In den 60er Jahren war in Deutschland von einer „Bildungskatastrophe“ und einem „Bildungsnotstand“ die Rede, wobei zu den „drei bildungsbenachteiligten Gruppen“ die „Landkinder, Arbeiterkinder und Mädchen“ (Quenzel & Hurrelmann, 2010, S.62) zählten. Die auf diese Debatte folgenden Bildungsreformen führten zu einer Bildungsexpansion und somit zum Ausbau der Bildungssysteme. Die Bildungsexpansion sollte dabei einerseits den Fortschritt in der Wissenschaft und Wirtschaft vorantreiben, andererseits erhoffte man sich dadurch eine Einebnung von „schicht- und geschlechtsspezifischen Benachteiligungen im Bildungssystem“ (Hadjar & Berger, 2010, S. 183). Nach Lörz und Schindler (2011) hatte die Bildungsexpansion insoweit Erfolg, dass die „bildungs- und hochschulpolitischen Rahmenbedingungen in Deutschland grundlegend verändert“ werden konnte. So konnte beispielsweise die „gymnasiale Oberstufe flächendeckend ausgebaut“ und „alternative berufliche Bildungswege“ geschaffen werden. Die Folge ist eine deutliche Erhöhung der Bildungsbeteiligung an den Bildungsgängen, die eine allgemeine Hochschulreife oder Fachhochschulreife überhaupt ermöglichen, sowie der anschließenden Aufnahme eines Studiums (Lörz & Schindler, 2011, S. 459).

2.1.2 Geschlechtsspezifische Unterschiede im Bildungserfolg

Auch bezüglich der geschlechterspezifischen Unterschiede im Bildungserfolg lässt sich seit der Bildungsexpansion ein Wandel ausmachen: Laut Helbig (2010) hatten Mädchen im Jahre 1965 nur eine Chance von 0,62% das Abitur zu erlangen, daher seien die Frauen und Mädchen im Zuge der Bildungsexpansion als sozial benachteiligte Gruppe gezielt gefördert worden, um die Barrieren aufzulösen. 1975 lagen sie dann erstmals mit Jungen gleich auf und ab den 80er Jahren zeichnete sich ein erster Vorsprung der Frauen in den Abiturnoten ab, der sich seit 1990 vergrößert (Helbig, 2010). Dieser Wandel lässt sich auch in den Daten des statistischen Bundesamtes von 2010 entnehmen. Diese zeigen, dass 2010 in der Gruppe der über 65-Jährigen nur 7,8% der Frauen, aber 19,4% der Männer die Allgemeine Hochschulreife absolviert hatten. Gleichzeitig erlangten 64,3% der Männer und 71,5% der Frauen einen Hauptschulabschluss. Diese Geschlechterunterschiede sind erst in der Gruppe der 40 bis 45-Jährigen etwas ausgeglichener: Hier erreichten 32.0% der Männer und bereits 29,2% der Frauen die Hochschulreife und 30,3% der Männer sowie 23,0% der Frauen erhielten einen Hauptschulabschluss als höchsten Bildungsabschluss. In der Gruppe der 20 bis 25-Jährigen lässt sich allerdings eine Umkehr der Geschlechterverhältnisse feststellen (Hannover & Kessels, 2011). Laut ihnen betrug der Anteil der männlichen Hauptschulabsolventen in dieser Altersgruppe 24,5% und der Anteil der Weiblichen nur 15,5%, während 45,6% der Frauen und nur 37,0% der Männer die Hochschulreife erlangen konnten.

2.2 Feminisierung im deutschen allgemeinen Schulsystem

Neben geschlechtsspezifischen Unterschieden im Bezug auf die erworbenen Bildungsabschlüsse spielt in schulpolitischen Diskussionen auch seit Längerem das Geschlecht der Lehrpersonen eine Rolle. Im Folgenden wird daher erklärt, wie im Allgemeinen der Begriff der Feminisierung definiert werden kann und was dementsprechend unter der Feminisierung von Schule verstanden wird. Hierbei wird vor allem die Geschlechterverteilung der Lehrkräfte von 1965 (Bildungsexpansion) bis heute näher betrachtet:

2.2.1 Die Definition von Feminisierung im Schulwesen

Eine Feministin ist im Allgemeinen eine Frau, die gegen die Benachteiligung der Frau im gesellschaftlichen und privaten Bereich kämpft (Wahrig-Burfeind, 2004). In den herangezogenen wissenschaftlichen Beiträgen wird unter der „Feminisierung des Lehrerberufes“ ein Anstieg des Anteils weiblicher Lehrer im allgemeinen Schulsystem verstanden, wohingegen unter einer „Feminisierung der Schule“ sowohl der Anstieg der Lehrerinnenanteil im Schulsystem als auch eine Feminisierung der „Schulkultur“ verstanden wird. Die Feminisierung der „Schulkultur“ definiert sich dabei laut Helbig (2010) dadurch, dass sie eher den Lernbedürfnissen der Mädchen entspricht. Diese These der Feminisierung von Schule ist nicht neu, sondern wird in den USA bereits seit den 1960er Jahren diskutiert. So meinte Sexton bereits 1969, dass Frauen die in den Schulen geltenden Normen vorgeben würden und dadurch eine „passive Konformität“ entstünde, die dem Ideal der Weiblichkeit entspreche. Das männliche Geschlecht werde dadurch in seiner „gesunden Männlichkeit“ benachteiligt, wobei sie das normale männliche Verhalten als rebellierend und anti-sozial stereotypisiert. Jungen würden laut Sexton dadurch benachteiligt werden, dass sie sich zugunsten ihres Schulerfolges den vorherrschenden weiblichen Standards in der Schule anpassen müssten und würden dadurch ihre normale männliche Entwicklung gefährden (1969).

2.2.2 Die Feminisierung des Lehrerberufes in Deutschland

Laut Helbig (2010) ist der Anteil deutscher Lehrerinnen an deutschen allgemeinbildenden Schulen von 1965 bis 2007 von 45,8% auf 68,5% gestiegen. Bis 1990 sei es dann zu einer „Stagnation der Lehrerinnenanteile an allen Schulformen“ gekommen, bis seit Anfang der 1990er Jahre wieder ein Anstieg festgestellt worden konnte. Laut den Statistischen Ämter des Bundes und der Länder (2012) sind im Schuljahr 2010/2011 672.989 Lehrkräfte an allgemein bildenden Schulen beschäftigt gewesen, wobei diese Zahl der vollzeit- und teilzeitbeschäftigten Lehrkräfte umfasst. Der Anzahl der weiblichen Lehrkräfte betrug dabei 70,5%. Festzuhalten ist allerdings, dass der Anteil der weiblichen Lehrkräften von der Grundschule bis zum Gymnasium stetig sinkt: Während an den Grundschulen noch 86,9% der Lehrkräfte weiblich sind, sind auf den Haupt- und Realschulen nur noch 61,5% bzw. 65,6% der beschäftigten Lehrer Frauen. Auf den Gymnasien ist der Anteil der Lehrkräfte hinsichtlich des Geschlechts dann fast ausgeglichen, hier sind im Schuljahr 2010/11 nur noch 55,9% der Lehrkräfte Frauen (Statistische Ämter des Bundes und der Länder, 2012). Insgesamt kann aber festgehalten werden, dass im Bezug auf das deutsche Schulsystem von einer Feminisierung ausgegangen werden kann, die sich durch den höheren Anteil weiblicher Lehrkräfte gegenüber den Männlichen auszeichnet. Betont werden sollte hier allerdings, dass durch die Aufzählung dieser quantitativen Fakten nur die numerische Feminisierung außer Frage gestellt wird und die von Helbig und Sexton erläuterten Hypothesen zu einer Feminisierung der Schulkultur damit nicht bestätigt werden.

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Details

Seiten
16
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656408147
ISBN (Buch)
9783656408185
Dateigröße
585 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v212548
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,3
Schlagworte
feminisierung schule sind jungen bildungsverlierer

Autor

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Titel: Feminisierung von Schule: Sind Jungen die neuen Bildungsverlierer?