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Die wirtschaftliche, politische und soziale Entwicklung Bhutans seit dem Zweiten Weltkrieg und ihre Wechselwirkung mit der internationalen Entwicklungszusammenarbeit

Magisterarbeit 2010 126 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Entwicklungspolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Verzeichnis bhutanischer Begriffe

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschichte: Eine Nation entsteht

3. Die politische Entwicklung in den 50er- und 60er Jahren
3.1. Die Beziehung zu den Nachbarstaaten
3.1.1. Ein Zwerg zwischen zwei Riesen
3.1.2. Das indische Hilfsprogramm
3.2. Erste politische Reformen
3.2.1. Der erste Schritt zur Demokratie: Die Gründung der Nationalversammlung
3.2.2. Weitere Reformen des Staatswesens
3.2.3. Die ersten zwei Fünf-Jahres-Pläne

4. Exkurs Entwicklungspolitik

5. Gross National Happiness oder das Bruttoglücksprodukt
5.1. Was ist Glück und wie lässt es sich messen?
5.2. Wie definiert Bhutan sein Glück?
5.3. Human Development
5.4. Leitprinzipien der bhutanischen Entwicklungsstrategie

6. Die 70er Jahre, Öffnung nach Außen und Internationalisierung

7. Der ethnische Konflikt
7.1. Die Ausgangslage
7.2. Die bhutanische Staatsbürgerschaft
7.3. Driglam Namzha
7.4. Radikalisierung und Massenausbürgerung
7.5. Internationale Reaktionen und Lösungsvorschläge

8. Wirtschaft
8.1. Nachhaltigkeit als Voraussetzung für Wirtschaftswachstum
8.2. Nachhaltiger Tourismus als Beispiel für eine prosperierende Wirtschaft

9. Bildungs- und Gesundheitswesen
9.1. Bildungswesen
9.2. Hygiene und Gesundheit

10. Gesellschaftliche Entwicklung
10.1. Soziale Veränderungen und Bewahrung der Kultur
10.2. Gleichberechtigung

11. Good Governance
11.1. Vom Königreich zur Demokratie
11.2. Die Verfassung
11.3. Die Wahlen

12. Fazit

13. Literatur

Verzeichnis bhutanischer Begriffe

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Bhutan ist ein in unseren Breiten weitgehend unbekanntes Land, eingebettet in die Berge und Täler des südlichen Himalayas. Es liegt im Osten von Nepal, im Norden Indiens und südlich von Tibet, also China. Mit einer Bevölkerungszahl von rund 730.000 und gut 46.000 km2 bedeckt es eine Fläche, die in etwa derjenigen der Schweiz entspricht, beherbergt jedoch nur ein Zehntel der Einwohner. Bhutan ist unter Anderem deshalb weitgehend unbekannt, da es sich bislang noch nicht zu einem Tourismusmagneten entwickelt hat und die Reise in das sehenswerte Land noch recht beschwerlich von Statten geht. Überhaupt dürfen westliche Touristen Bhutan erst seit 1974 bereisen. Diese Abschottung nach Außen brachte dem Land bald den Ruf ein, das sagenumwobene Shangri-La zu beherbergen, das seit den Romanen von James Hilton im Westen für eine gewisse Mystifizierung des Buddhismus gesorgt hatte. Shangri-La wird geographisch in Tibet verortet, jedoch waren die Berichte über die bhutanische Bevölkerung durchaus geeignet, diesem Gerücht Vorschub zu leisten. Der fiktive Ort Shangri-La beschreibt eine nach Außen hin isolierte Gegend am Shangri- Gebirgspass, die ein buddhistisches Kloster beherbergt. Das versteckt liegende Paradies gilt als Quelle der Weisheit und wird bereits in frühen buddhistischen Schriften unter dem Namen Chang Shambala erwähnt.[1]

Ganz so paradiesisch sind die Lebensbedingungen in dem kleinen Bergland dann doch nicht, immerhin gilt das Bhutan auch heute noch als eines der zwanzig ärmsten Länder der Welt, was man ihm auf den ersten Blick jedoch nicht mehr ansieht.

Diese Arbeit beschäftigt sich mit der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung des Königreichs in den letzten sechs Jahrzehnten und geht der Frage nach, in wie weit die internationale Entwicklungszusammenarbeit (EZA) beteiligt an den Fortschritten war, die das Land unübersehbar gemacht hat.

Kapitel 2 gibt einen kurzen Abriss über den geschichtlichen Werdegang, die Bildung der Nation, und zeigt auf, wie wichtig das Wissen über Tradition und Kultur für das Verständnis der Gesetzgebung und der Modernisierung des Landes ist. Der König Jigme Dorje Wangchuck entschied sich ganz der buddhistischen Tradition entsprechend für eine moderate Modernisierung, die nichts übereilt und dem Land keine unerfüllbaren Lasten auferlegt.

Kapitel 3 beschreibt die ersten Schritte in eine moderne Welt, die in den 50er und 60er Jahren von statten gingen. Kapitel 4 zeichnet ein Bild der bisherigen internationalen EZA, deren Motivation, Strategien, Erfolge und Rückschläge. Diese Arbeit vertritt die These, dass sich Bhutan in keines der von den Geberländern und -organisationen gezeichneten Raster zwängen lässt und von Anfang an seinen eigenen Entwicklungsweg beschritten hat. Die Arbeit wird diesen Entwicklungsweg in den darauffolgenden Kapiteln näher erläutern und seine Erfolge, Hindernisse und Rückschläge nachzeichnen. Die Strategie des Mittelwegs, die im Einklang mit Natur und Umwelt aber auch dem körperlichen, geistigen und spirituellen Wohlbefinden der Bevölkerung ihr Ziel sucht, wird seit einigen Jahren als Gross National Happiness (GNH), also Bruttoglücksprodukt oder Bruttonationalglück bezeichnet. Kapitel 5 wird sie näher vorstellen.

Während sich in den 70er Jahren die Öffnung nach Außen vollzog und eine rapide Modernisierung des Landes ihren Anfang nahm, wie in Kapitel 6 beschrieben, nahmen auch Ängste und Befürchtungen vor einer Überfremdung durch nepalischstämmige Gastarbeiter zu. Diese in den 80er Jahren von der politischen Elite immer heftiger geschürten Vorurteile führten zu massiven Gesetzesänderungen und zu Diskriminierungen der Einwanderer. Schließlich gipfelten die Auseinandersetzungen in einem handfesten ethnischen Konflikt und führten zu Massenvertreibungen. Kapitel 7 versucht die Hintergründe des schwierigsten Abschnitts in der noch so jungen Geschichte Bhutans herauszuarbeiten und die Auswirkungen bis heute zu analysieren.

Die Kapitel 8 bis 10 beschäftigen sich mit der sozioökonomischen Entwicklung bis heute, beleuchten die wichtigsten Wirtschaftssektoren, sowie den Aufbau des Bildungs- und Gesundheitswesens. Thematisiert werden aber auch die Veränderungen, die in der Wahrnehmung der eigenen Kultur und der Lebensweise der Bevölkerung statt gefunden haben.

Das letzte Kapitel schließlich beleuchtet den Demokratisierungsprozess, der in dieser Form einzigartig ist und das Land binnen kürzester Zeit von einer absoluten Monarchie in eine Demokratie westlicher Prägung verwandelt hat. Dieser Prozess wurde vom König in Gang gesetzt und gegen den Willen, oder zumindest trotz der massiven Befürchtungen der Bevölkerung vor Instabilität, fortgeführt. Ob sich eine stabile Demokratie entwickeln kann, werden die nächsten Jahre zeigen - die Anfänge sehen jedenfalls sehr vielversprechend aus.

Die internationale EZA ist seit ihrem Bestehen immer wieder unter Beschuss geraten, sei es aufgrund der Vorgehensweise oder weil die Hilfe von Außen generell als negativ empfunden wurde. Diese Arbeit möchte daher auch der Frage nachgehen, ob EZA an sich überhaupt sinnvoll ist, oder ob diese, wie vielfach bemängelt, eher das Gegenteil ihres Zweckes bewirkt und ein Land sowie dessen Bevölkerung in eine Abhängigkeit treibt, die es nicht mehr zu durchbrechen vermag. Am Beispiel Bhutan soll untersucht werden, wie viel die EZA zur Entwicklung des Landes tatsächlich beigetragen hat und ob diese auch ohne Hilfe von Außen hätte in dieser Form stattfinden können. Denkbar wäre auch, dass eine selbstbestimmte Entwicklung von Außen über Druckmittel, wie den Entzug von Hilfsgeldern, gehemmt und dem Land Strukturen aufgezwungen wurden, die weder von der Bevölkerung noch von der Regierung akzeptiert werden. Dies passierte vielfach in afrikanischen oder südamerikanischen Ländern, wo zurzeit große politische Umbrüche im Gange sind, nachdem über Jahrzehnte hinweg blutige Diktaturen vom Westen unterstützt wurden, während der Großteil der Bevölkerung in bitterster Armut lebte. Es stellt sich hier provokant die Frage: Kann sich ein Land überhaupt selbstbestimmt entwickeln, wenn es über keinerlei Elite verfügt, sprich wenn 99% der Bevölkerung keinerlei Schulbildung genossen haben, wie dies in der hier vorherrschenden Ausgangslage der Fall ist? Muss in diesem Fall die Entwicklung nicht von Außen an das Land herangetragen und die alt hergebrachten Traditionen zu Gunsten von modernen Errungenschaften verdrängt werden? Diese und viele andere Fragen sollen im Verlauf der vorliegenden Arbeit beantwortet werden.

2. Geschichte: Eine Nation entsteht

Das Wort ,Bhutan’ leitet sich angeblich vom indischen Wort ,Bhotanta’ ab, welches soviel wie ,Ende von Tibet’ bedeutet.[2] Damit ist das Ende des tibetischen Kulturraums im geographischen Sinne gemeint. Dieser erstreckte sich ursprünglich von Tibet ausgehend über die sieben buddhistischen Königreiche Nepal, Bhutan, Sikkim, Ladakh, Zanskar, Guge und Mustang. Letztere drei sind mittlerweile weitläufig in Vergessenheit geraten und hier zu Lande den Meisten unbekannt.[3] Die Bezeichnung , Bhutan’ wird von dem Land heute als offizielle internationale Bezeichnung verwendet, während es in der Nationalsprache Dzongkha ,Druk Yul’ genannt wird. Dies bedeutet soviel wie ,Land des Drachens’. Des Weiteren existieren im Volksmund noch einige andere Bezeichnungen für das Land.[4]

Aus frühgeschichtlicher Zeit ist kaum etwas über eventuelle Bewohner der Region bekannt. Einzelne archäologische Funde lassen auf eine Besiedelung ab der Zeit um 2500 bis 1500 vor unserer Zeitrechnung schließen, jedoch existieren kaum fundierte Forschungsergebnisse über jene Zeit.[5]

Im siebten Jahrhundert wurden die ersten buddhistischen Tempelbauten, vermutlich von tibetischen Königen, errichtet. Die richtige Verbreitung des Buddhismus wurde im achten Jahrhundert durch Guru Rinpoche gefördert, der heute als Heiliger gilt.

„Guru Rinpoche, der ,kostbare Lehrer’, war eine außergewöhnliche historische Gestalt, deren Lebensgeschichte allmählich wahrhaft epische Dimensionen angenommen hat. Er wurde im 8. Jahrhundert in der Provinz Swat im heutigen Pakistan geboren, erlangte den Rang eines Lehrmeisters des tantrischen Buddhismus und brachte viele heilige Schriften nach Tibet und in andere Länder des Himalayas, so auch nach Bhutan. Seine Anhänger nannte man später Nyingmapas, die ,Alten’, weil sie der frühesten buddhistischen Schulrichtung in Tibet angehörten. Sie betrachteten Guru Rinpoche als den zweiten Buddha; seiner großen Persönlichkeit wurden viele außergewöhnliche, in bhutanischen Legenden getreu überlieferte Taten nachgesagt:“[6]

Für die nächsten Jahrhunderte stehen fast ausschließlich religiöse Quellen zur Verfügung, die sich allerdings lediglich auf die Region des heutigen Westbhutan beziehen. Die Epoche scheint durch unterschiedliche buddhistische Schulen, meist aus Tibet kommend, geprägt gewesen zu sein. Aus den Quellen geht leider nichts über die soziale Entwicklung der Bevölkerung hervor. Die Schulen scheinen jedoch auch die weltliche Herrschaft inne gehabt zu haben.

Im 17. Jahrhundert gelang es einem Spross der tibetischen Fürstenfamilie Gya, die der Drukpa-Kagyupa-Schule vorstand, Bhutan unter seiner Herrschaft zu vereinen. Ngawang Namgyel wurde 1594 in Tibet geboren und floh nach Gerüchten über seine Ermordung nach Bhutan. Er nannte sich fortan Shabdrung, (,Zu dessen Füßen man sich unterwirft’)[7]. Dem Shabdrung gelang es, die zersplitterten Fürstenhäuser und Herrschaftsbereiche der Klöster unter seiner Hand zu vereinen und im Laufe seiner Regierungszeit mehrere Invasionen aus Tibet abzuwehren. Er erließ das erste nachgewiesene Gesetzeswerk des Landes, welches jedoch erst nach seinem Tod schriftlich festgehalten wurde.

„Der Grundgedanke der Vorschriften ist eine buddhistische Regelung der Beziehungen zwischen der Drukpa-Priesterschaft, die den Staat vertritt, den Laienmitgliedern (jinda) und den Untertanen in rechtlichen und wirtschaftlichen Fragen.

Die Mönche waren verpflichtet, religiösen Unterricht zu geben, Initiationsriten zu vollziehen und Zeremonien zum Nutzen der Laienschaft und des Landes abzuhalten, wofür sie vom Volk materiell und finanziell unterstützt wurden. Wenn sich eine Familie beispielsweise zur ersten Initiation entschloß und damit die Drukpa-Lehre annahm, wurden die Namen der Angehörigen sowie ihr Wohnsitz und ihre Ländereien in einem Register (satham) festgehalten, das im dzong verwahrt wurde. Alljährlich mußten sie eine ,Initiationsgebühr’ (wangyön) in Form von Steuern, Arbeitsdienst und kostenlosem Transport entrichten. Als Dank an die Laienanhänger veranstalteten die Mönche alljährlich ein tshechu, das mit einer allgemeinen Initiation (tromwang) verbunden war. Dazu heißt es im Gesetzeskodex:

Wohlfahrt und Wohlstand des Volkes hängen von gerechten Urteilssprüchen sowie Steuerabgaben, Arbeitsdienst und der Unterstützung des staatlichen Gütertransports ab.

Zu den Steuern zählten auch die Abgabe von Fleisch und Butter, Salz, Holz, Getreide, Papier und Stoff. Der Arbeitsdienst bestand in der Zwangsverpflichtung, beim Bau und bei der Instandhaltung von dzong, Klöstern, Straßen und Brücken mitzuarbeiten. Der Transport öffentlicher Waren und Güter war für die Bevölkerung eine große Belastung; zudem mußten sie jeden Beamten unterwegs verköstigen, unterbringen und ihm Pferde zur Verfügung stellen. Weil diese Steuer sehr unbeliebt war, bestimmte der Kodex:

Da häufiges Reisen dem Volk [d.h. den Gönnern, Anm. im Original] große Belastungen auferlegt, wird hiermit verboten, daß Beamte unter welchem Vorwand auch immer nur einen einzigen Schritt einer Reise tun, es sei denn, es handele sich um Versetzungen im Amt.“[8]

Der Shabdrung war König und zugleich oberster Lama, d.h. die mächtigste weltliche und geistige Person. Als Beamte wurden ausschließlich Mönche eingesetzt. In die Regierungszeit des Shabdrungs fiel auch der erste nachgewiesene Besuch westlicher Volksvertreter, zweier Jesuitenpater aus Portugal.

Aus der Zeit des 18. und 19. Jahrhunderts sind praktisch keine schriftlichen Aufzeichnungen aus Bhutan erhalten. Die Forschung muss sich deshalb auf die umso detaillierteren Berichte der britischen Gesandten stützen. Ende des 18. Jahrhunderts, genauer um 1772, begannen die ersten Beziehungen zwischen Britisch Indien und Bhutan. 1774 reisten die ersten britischen Gesandten mit dem Ziel nach Thimphu, Handelsbeziehungen herzustellen und die Möglichkeit einer Handelsstraße nach Tibet auszuloten. Die Mission schien auf den ersten Blick Erfolg versprechend, jedoch sollte sich bald zeigen, dass es immer wieder zu Grenzstreitigkeiten und kleineren Scharmützeln zwischen Bhutan und dem britischen Protektorat Cooch Bihar kam.[9] Diese Streitigkeiten zogen sich über Jahrzehnte hin und mündeten schließlich im Duar Krieg 1864-65. Dieser, für beide Seiten sehr verlustreiche, Krieg endete mit der britischen Annexion von 7200 km2 wertvollen Ackerlands in den Ebenen von Assam und Bengalen und legte die Grenzen Bhutans Richtung Süden fest.[10] [11] Als Gegenleistung erhielt Bhutan eine jährliche Entschädigungssumme von vorerst 50.000 Rupien.11 Nachdem Bhutan in diesem Krieg nicht auf Unterstützung seiner nördlichen Nachbarn China und Tibet hoffen konnte, war klar, dass es ohne eine Annäherung an Britisch Indien für das Land sehr schwierig werden würde, zu überleben. Die Möglichkeit, zwischen den beiden Großmächten England und China aufgerieben zu werden, war stets vorhanden.

1907 wurde Ugyen Wangchuck zum König Bhutans gekrönt. Er stabilisierte die inneren Verhältnisse des Landes, in dem es zuvor über Jahrzehnte hinweg immer wieder zu Unruhen kam und gründete die erste Erbmonarchie, die bis heute als konstitutionelle Monarchie unter dem mittlerweile fünften Erbnachfolger besteht. Die Beziehungen zu England normalisierten sich auf kühlem Niveau, wurden aber sukzessive erweitert.

„Im Jahr 1914 wurden die ersten bhutanischen Knaben auf Schulen nach Kalimpong und Ha geschickt, wo sie eine westliche Erziehung erhalten sollten. Die Engländer begannen 1921 mit einem breiten Spektrum an Ausbildungsprogrammen. So schufen der Vertrag von Punakha und anschließende britische Förderungsmaßnahmen die Grundlage für den 1949 zwischen Indien und Bhutan geschlossenen Freundschaftsvertrag. Als Goodwill­Zeichen gegenüber seinem Nachbarn gab Indien bei dieser Gelegenheit die Region Deothang an Bhutan zurück.“[12]

Unter dem zweiten König Jigme Wangchuck wurde das Staatswesen reformiert und verschlankt. Der König sicherte sich die Macht über die Dzongs, indem er eigene Kammerherren und Protokollführer für diese ernannte und die Dzong- Vorsteher nicht mehr nachbesetzte, wenn diese verstarben. Somit fielen die Dzongs in seinen persönlichen Herrschaftsbereich.

„Mit der Verkleinerung des Verwaltungsapparats sollte dreierlei erreicht werden: eine stärkere Kontrolle über eine kleinere Zahl von Beamten zwecks Verhinderung von Aufständen, ein verantwortlicher und rechenschaftspflichtiger Verwaltungsstab sowie eine geringere Steuerlast für die Bevölkerung, weil nunmehr Beamtengehälter eingespart werden konnten.“[13]

Steuern wurden seit jeher in Naturalien geleistet und auf alles Mögliche erhoben. Der König versuchte das System gerechter zu gestalten, indem er einige dieser Steuern abschaffte und Land zu Gunsten der Landlosen umverteilte, sobald ein Landbesitzer starb. Die Beteiligung am Militärdienst gehörte ebenfalls zu den von den Bauern zu erbringenden Steuerleistungen. Jigme Wangchuck baute dadurch erstmals ein stehendes Heer auf. Es wurden erste Schulen im Land gegründet und weitere Schüler nach Indien gesandt. Im Zweiten Weltkrieg unterstützte Bhutan Großbritannien, beteiligte sich aber selber nicht an Kriegshandlungen. Nach der indischen Unabhängigkeit und dem Zusammenschluss einiger halbunabhängiger Staaten zur Indischen Union 1947, schloss es schließlich mit Indien das Beistands- und Freundschaftsabkommen vom 08.08.1949.[14]

3. Die politische Entwicklung in den 50er- und 60er Jahren

3.1. Die Beziehung zu den Nachbarstaaten

3.1.1. Ein Zwerg zwischen zwei Riesen

Zu Beginn der 50er Jahre war Bhutan nach wie vor absolut von der Außenwelt isoliert, wenn man von den Beziehungen zum südlichen Nachbarn Indien absieht. Für westliche Bürger war es praktisch unmöglich, ins Land einzureisen. Dass diese selbst gewählte Isolation nicht auf Dauer haltbar war, wenn sich das Land nicht stets von Feinden umgeben wähnen wollte, war spätestens dem dritten König klar. Doch schon 1948 nahm Jigme Wangchuck, der zweite König, Kontakt zu den Vereinten Nationen auf, um eine eventuelle Mitgliedschaft zu erörtern.[15]

Der Kronprinz Jigme Dorje Wangchuck wurde für sechs Monate nach England geschickt, um sich mit der westlichen Kultur vertraut zu machen. Als der König 1952 starb, war das Land nach innen befriedet und gefestigt. Es wurde Zeit für einige grundlegende Reformen und Modernisierungen, die der neue, dritte König umgehend anging. Jigme Dorje Wangchuck gilt als der ,Vater des modernen Bhutan’.

„Wie seine Vorfahren war auch König Jigme Dorje Wangchuck sehr auf die Unabhängigkeit seines Landes bedacht. Er erkannte, daß ohne enge internationale Beziehungen sein Reich stets bedroht sein würde und daß die selbst gewählte Isolation aufgegeben werden müsse. Sein Leben lang verfolgte der König drei Ziele: die internationale Anerkennung Bhutans, die Entwicklung einer Infrastruktur und sozioökonomische und verfassungsrechtliche Reformen.“[16]

Das Freundschaftsabkommen mit Indien von 1949 sah vor, dass sich Bhutan in internationalen Angelegenheiten von Indien vertreten ließ und somit auch die indische Position einnahm. Dies war insofern keine neue Entwicklung, da Selbiges bereits 1910 in einem ähnlichen Vertrag beschlossen worden war und hier lediglich erneuert wurde.[17]

Diese einseitige Bindung an den südlichen Nachbarn barg, wie sich sehr bald herausstellen sollte, einiges Gefahrenpotential, denn das mittlerweile kommunistische China und Indien begannen wenige Monate später einen Grenzstreit, der bis heute nicht endgültig gelöst werden konnte und jahrzehntelange Eiszeitpolitik zwischen den beiden Großmächten hervorrief. Auslöser war der Chinesische Vormarsch nach Tibet und dessen Annexion im Oktober 1950.[18]

Bhutan wurde plötzlich zu einem strategisch wichtigen Grenzposten für Indien, da es nicht unter direktem indischen Militäreinfluss stand und deshalb eine leichte Beute für die chinesischen Invasoren abgegeben hätte. Die tibetanischen Widerstandskämpfer leisteten über Jahre hinweg immer wieder erbitterte Gefechte gegen die Besatzer. 1962 kam es schließlich zu Grenzübertritten der chinesischen Armee nach Bhutan und Indien. Diesen ging die Besetzung einzelner tibetanischer Enklaven in Bhutan und die Veröffentlichung einer neuen Grenzkarte durch Peking voraus, in welcher aufgrund historischer Ansprüche sowohl indisches, als auch bhutanisches Territorium China zugesprochen wurde. Die Folge war der Indochinesische Grenzkrieg 1962, der auch in Butan ausgefochten wurde. Nachach monatelangen Scharmützeln entschied schließlich China mit einer Großoffensive diesen Krieg für sich.[19] Jedoch entschloss sich China, die südlich der Himalayagipfel gelegenen Gebiete nicht zu annektieren, sondern festigte seine Stellung an den Nordhängen des Gebirges und legte die Grenze so eigenmächtig fest.[20] Das bhutanische Königshaus versuchte während dieser Zeit stets neutral zu bleiben, was aufgrund der engen Beziehungen zu Indien jedoch kaum möglich war. Zudem empfand auch die bhutanische Gesellschaft wesentlich mehr Verbundenheit mit den ihnen kulturell und religiös nahe stehenden Tibetern, als mit der Großmacht China. Im Gegensatz zu Bhutan hatte Nepal bereits damals ein Freundschaftsabkommen mit Indien und China geschlossen, das auf rechtlicher Gleichstellung beruhte und für eine ausgewogene Beziehung zu beiden Ländern sorgte. In Bhutans Elite regten sich nun erstmals Stimmen, die einen Vertrag nach nepalesischem Vorbild forderten.[21]

Vorerst sollten jedoch die Indo-bhutanischen Beziehungen noch enger geknüpft werden.

3.1.2. Das indische Hilfsprogramm

Seit dem Verlust der fruchtbaren Tiefebenen nach dem britisch-bhutanischen Krieg 1864-65 erhielt Bhutan eine regelmäßig erhöhte jährliche finanzielle Zuwendung von Indien als Ausgleichszahlung. Diese war an keine Vorgaben geknüpft und floss direkt in die Staatskasse. Somit könnte man diese Hilfe als generelle Budgethilfe ansehen, wie sie seit einigen Jahren von den Geberländern in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit als Instrument der Entwicklungshilfe eingesetzt wird.

Die indische Finanzhilfe wurde von ursprünglich 25.000 Rupien (Rs) 1865 in regelmäßigen Neuverhandlungen auf 50.000, 100.000 1910, bis Rs 500.000 1949 erhöht.[22] Durch die kriegerischen Handlungen mit China vorsichtig geworden, entschied sich die indische Regierung in den 60er Jahren erstmals, eine Zusatzhilfe für militärische Zwecke bereit zu stellen.

Ohne die indische Finanzhilfe wäre Bhutan tatsächlich sehr in Bedrängnis geraten, denn der traditionelle Handel mit Tibet wurde nach dessen vollständiger Annexion durch China von bhutanischer Seite total abgebrochen. Kurz zuvor hatte Indien ein offizielles Handelsembargo gegen Tibet verhängt.[23] Da bis dato jedoch nach Indien noch kein ausreichendes Wegenetz bestand, konnten die Ausfälle in den ersten Jahren bei Weitem nicht durch die neue Ausrichtung kompensiert werden. Der Bau einer Autobahn nach Indien hatte deshalb absolute Priorität, sowohl für Bhutan als auch für die indische Armee, die auf Nachschub aus Indien angewiesen war.[24] Diese erste Straßenverbindung nach Indien konnte 1962 eröffnet werden. Zum Bau der Straße wurde ein eigenes Arbeitsgesetz erlassen, das jede Familie verpflichtete, für jedes erwachsene Mitglied 23 Tage Arbeitsleistung zu erbringen - entweder von ein und demselben Familienmitglied oder abwechselnd.[25] Solche unentgeltliche Arbeit für Großprojekte gehörte in Bhutan seit jeher zu den Abgaben, die an das Königshaus geleistet werden mussten. Auch die Klöster hatten das Recht auf diesen Tribut und nutzten ihn ausgiebig, wenn ein Neubau oder eine Renovierung anstand. Bis in die Sechzigerjahre waren Abgaben in Form von Naturalien die übliche Steuerleistung des Volkes an Königshaus und Klöster. Diese konnten teilweise bis zu 50% der bäuerlichen Ernte ausmachen.[26]

1961 wurde von König Jigme Dorje Wangchuck der erste Fünf-Jahres-Plan zur Modernisierung Bhutans in Kraft gesetzt. Das Budget für diesen und die beiden folgenden Fünf-Jahres-Pläne wurde von Indien allein finanziert, da Bhutan praktisch über keine finanziellen Mittel verfügte. Der Hauptgrund für Indien mochte die Sicherung des Landes nach Norden hin gewesen sein; unter Anderem deshalb beinhalteten die ersten Pläne insbesonders Infrastrukturprojekte, wie die ersten Autostraßen und Krankenhäuser. Indien beteiligt sich bis heute mit über 60% am bhutanischen Staatsbudget, wobei zumindest teilweise festgelegt ist, für welche Projekte die finanzielle Hilfe geleistet wird.[27]

Indien war und ist für Bhutan der wichtigste Partner, sowohl als Geberland von Entwicklungshilfe, als auch als Handelspartner. Noch heute werden über 90% des bhutanischen Außenhandels mit Indien getätigt, wie im Kapitel zur ökonomischen Entwicklung noch genauer erläutert wird.

3.2. Erste politische Reformen

3.2.1. Der erste Schritt zur Demokratie: Die Gründung der Nationalversammlung

1953 erließ König Jigme Dorje Wangchuck ein Gesetz zur Gründung einer Nationalversammlung (Tschogdu), die befähigt war, Gesetze zu diskutieren und zu erlassen. Ihre genaue Zusammensetzung war zunächst unbestimmt, wurde schließlich aber auf 150 Mitglieder festgelegt. Davon waren 105 vom Volk gewählte Vertreter, 33 wurden vom König ernannt und 12 von den Klöstern entsandt.[28]

Das Gründungsdokument war ein relativ unpräzises Paragraphenwerk, das sukzessive erweitert werden konnte. Die wichtigsten Klauseln lauteten:

1. Mitgliedschaft: Diese ist in drei Kategorien eingeteilt, die jeweils separat und unabhängig voneinander besetzt werden: zum Einen die vom König ernannten Mitglieder, die aus dem Beamtenstab ausgewählt wurden, zum Zweiten die Abgeordneten der Geistlichkeit und zum Dritten die Mitglieder des Volkes. Die Mitgliedschaft der beiden letzten Kategorien wurde auf drei Jahre pro Mitglied beschränkt.

2. Qualifikationen: Mitglieder der Nationalversammlung müssen bhutanische Bürger im Alter von mindestens 25 Jahren sein und dürfen nicht vorbestraft sein.

3. Tagungszeiträume: Die Nationalversammlung tagt zweimal jährlich für circa 15 Tage im Frühjahr und im Herbst. Der Vorsitzende der Versammlung wird von ihren Mitgliedern gewählt und hat das Recht, Sondersitzungen einzuberufen, sofern der König den Befehl dazu erteilt.

4. Legislative Macht: Den Versammlungsmitgliedern wird absolute

Redefreiheit während der Sitzungen eingeräumt. Sie sind befugt über sämtliche Themen zu diskutieren und Resolutionen zu erlassen. Alle Entscheidungen bedürfen einer Zweidrittelmehrheit im Parlament und müssen vom König ratifiziert werden, bevor sie Gesetzesstatus erlangen.[29]

In den folgenden Jahren wurden die Rechte des Parlaments weiter ausgebaut und gefestigt. So führte der König 1968 ein Gesetz ein, welches die Nationalversammlung ermächtigte mit Zweidrittelmehrheit den König abzusetzen, wodurch automatisch sein Erbnachfolger das Königsamt übernehmen müsse.[30]

1965 wurde der Royal Advisory Council, ein Königlicher Beirat, vom König ins Leben gerufen. Dieser beriet seither den König in politischen Belangen und ist ebenfalls in der Nationalversammlung vertreten. Seine Mitglieder werden für fünf Jahre nominiert und können wiedergewählt werden. Die Zusammensetzung des zehn Mitglieder umfassenden Gremiums bildet einen ähnlichen Querschnitt, wie diejenige der Nationalversammlung. Ein Mitglied und der Ratsvorsitzende werden vom König nominiert, zwei Mitglieder von der Geistlichkeit und sechs Weitere von Volksvertretern.[31]

Natürlich lässt sich ein Parlament, das ohne die Zustimmung des Königs keine Macht hat, als Marionettentheater bezeichnen, es liegt jedoch die Vermutung nahe, dass der König mit dem Gedanken spielte, demokratische Elemente nach und nach einzuführen und das Volk langsam an die neuen Strukturen zu gewöhnen. Das oben erwähnte Gesetz zur Absetzung des Königs, welches in der Nationalversammlung sehr kontrovers diskutiert und erst nach weiteren Aufforderungen des Königs in abgeschwächter Form verabschiedet wurde, wäre die logische Fortführung dieser Absichten gewesen.

1973 schaffte die Nationalversammlung dieses Gesetz, angeblich auf eigenen Wunsch, wieder ab, was nach Rose durchaus möglich erscheint, da dies dem konservativen Charakter der Abgeordneten entsprach.[32]

Dass die Angaben aus dieser Zeit teilweise ungenau sind, zeigt sich bereits in den verschiedenen Größenangaben der Nationalversammlung. Helmut Hecker beschrieb die Zusammensetzung 1970 folgendermaßen:

„Von den 150 Mitgliedern sind der größte Teil (120) gewählt, 10 werden von den Lamas gestellt und 20 vom König ernannt. Die Wahl verläuft wie folgt: Jeder Wahlbezirk (etwa 5000 Personen) wählt einen Ältesten für drei Jahre. Diese Ältesten des Landes wählen unter sich dann für fünf Jahre ihre Vertreter für den Tsongdu. 1966 wählte der Tsongdu seinen ersten Sprecher, einen Lama, für drei Jahre.“[33]

3.2.2. Weitere Reformen des Staatswesens

Bereits 1952 führte König Jigme Dorje Wangchuck eine Landreform durch, die die bis dato weit verbreitete Leibeigenschaft abschaffte und den landlosen Leibeigenen zu Grundbesitz verhalf. Jeder Leibeigene hatte Anspruch auf ein Stück Land, das der Größe seiner Familie angemessen war. Bis zu diesem Zeitpunkt durften Leibeigene sich nicht von ihrem zugewiesenen Stück Land entfernen und hatten keinerlei Rechte auf das von ihnen bestellte Gebiet. Die Strukturen waren also dem Feudalismus im Europa des Mittelalters und der früheren Neuzeit sehr ähnlich.[34]

Traditionell galt in Bhutan der König als oberster Richter. Nur er hatte das Recht, Todesurteile zu fällen und vollstrecken zu lassen. Da sich die Todesstrafe jedoch nicht mit den Buddhistischen Glaubensgrundsätzen verträgt, wurde sie nur sehr selten - bei Mord und Hochverrat - angewendet. Als 1964 ein tödliches Attentat auf den Premierminister verübt wurde, wurden die Attentäter hingerichtet. Weitere Fälle sind dem Autor nicht bekannt.[35] Kleinere Delikte wurden traditionell in den Dörfern selbst verhandelt, wobei der Dorfälteste als Richter fungierte und vom Dorfrat unterstützt wurde. Neu eingesetzt wurden nun die Distriktrichter (Zimpen oder Thimpon), die als Zwischeninstanz zwischen den Dörfern und dem König fungierten und über die gewichtigen Fälle zu urteilen hatten. Jeder Angeklagte hatte jedoch nach wie vor ein Berufungsrecht vor dem König.[36]

1968 setzte der König eine erste unabhängige Gerichtsbarkeit ein. Ein Obergericht, bestehend aus drei Personen, das als weitere Berufungsinstanz, unabhängig vom königlichen Urteil angerufen werden konnte.[37]

Der König begann die gesamte staatliche Administration zu reformieren und effizienter zu gestalten, was keine leichte Aufgabe war. Bislang wurden administrative Posten in erster Linie vom Königshaus oder von Lamas besetzt. Da dies auch der einzige Personenkreis mit nennenswerter Schulbildung war, obschon sich die der Lamas auf geistliche Themen beschränkte, konnten Beamte aus dem einfachen Volk erst in späteren Jahren rekrutiert werden.

1968 wurde der Ministerrat ins Leben gerufen, der zu Beginn lediglich drei Minister neben dem König umfasste, nämlich den Innenminister, Finanzminister und Handelsminister.[38] Ebenfalls im selben Jahr wurde die Bhutanische Nationalbank gegründet, die erstmals eigene Landeswährung, den Ngultrum (nu), druckte. Der Ngultrum ist an die indische Rupie gekoppelt und weist einen äquivalenten Wert auf. Deshalb ist die Rupie auch heute noch gängige und akzeptiere Währung im Land.[39]

Durch die militärische Aggression Chinas in Tibet, fühlte sich Bhutan gezwungen eine eigene Armee aufzustellen, die mit indischer Hilfe in den frühen Sechzigerjahren etabliert wurde. Die Aufwendungen für die Staatsverteidigung nahmen in den ersten Jahren die Hälfte des Staatshaushaltes in Anspruch. Um dies zu finanzieren, wurden die Zuwendungen an die Klöster drastisch gekürzt, was zu einer exorbitanten Verringerung der Anzahl der Mönche führte.[40] Bei diesen Kürzungen handelte es sich noch um die traditionellen Nahrungsmittelabgaben und Arbeitsstunden die das niedrige Volk zu leisten hatte. Die Lebensmittel wurden nun an das Militär ausgegeben.

3.2.3. Die ersten zwei Fünf-Jahres-Pläne

Um die Lebenssituation der bhutanischen Bevölkerung in den frühen Sechzigerjahren zu beschreiben, muss auf die wenigen zeitgenössischen Dokumente zurückgegriffen werden. Da es damals noch keine ausländischen Beobachter in Bhutan gab, handelt es sich dabei ausschließlich um einheimische Quellen.

Der größte Teil der Bevölkerung war noch vor 50 Jahren derart isoliert, dass die Menschen noch als absolute Selbstversorger lebten. Von der Nahrungsmittelproduktion über Kleidung bis hin zu Werkzeugen und Baumaterial musste alles in mühsamer Handarbeit produziert werden. Viele Dörfer waren mehrere Tagesmärsche von der nächsten Ansiedlung entfernt. Geheizt wurden die Holzhäuser in den strengen Wintern mit Holz aus den reichhaltigen Wäldern. Licht wurde mittels der selbst produzieren Öle und Fette erzeugt. Sehr enge Familien- und Verwandtschaftsverhältnisse gaben den Menschen Sicherheit in ihren Dörfern. Meist war der Dorfrand auch das Ende ihrer kleinen Welt. Spiritualität spielte eine sehr wichtige Rolle. Im ganzen Land gab es kein einziges motorbetriebenes Fahrzeug, keine geteerte Straße, sondern lediglich die Jahrhunderte alten Pfade, die als einzige Verbindung zwischen den Menschen dienten. Weder Elektrizität, noch Telefonverbindungen oder ein Postservice waren vorhanden. Wege, die heute in wenigen Stunden zurückgelegt werden können, dauerten Tage oder gar Wochen und mussten von langer Hand geplant werden. Diese Kräfte raubende Lebensweise führte zu einer geschätzten Lebenserwartung von 35 Jahren.

Die öffentliche Infrastruktur belief sich auf vier winzige Krankenhäuser und eine handvoll Krankenstationen. Im ganzen Land waren lediglich zwei ausgebildete Ärzte verfügbar. Fast die ganze Bevölkerung war auf die Heilkünste der Naturheiler angewiesen, die auf ein vielfältiges Kräuter- und naturmedizinisches Angebot in den weitläufigen Wäldern zurückgreifen konnten. Naturmedizin hat auch heute noch einen sehr hohen Stellenwert im Land, sie konnte jedoch weit verbreitete Krankheiten und Seuchen nicht eindämmen. Immer wieder kam es zu kleineren Pocken- oder Lepraepidemien, die zwar meist aufgrund der Immobilität der Bevölkerung lokal begrenzt blieben, jedoch ganze Dörfer ausrotten konnten. Die Malaria war ebenfalls weit verbreitet und tötete Tausende. Über 50% der Kinder starben bei der Geburt oder in einem Alter von unter fünf Jahren.

Auch das Bildungssystem befand sich auf ähnlichem Niveau wie das Gesundheitswesen. Es existierten genau elf Schulen, die zusammen weniger als 500 Schüler ausbildeten. Bildung spielte beim allgemeinen Überlebenskampf eine sehr untergeordnete Rolle. Erst 1968 konnten die ersten 20 Schüler einen Abschluss an der ersten High School absolvieren. Wer es sich leisten konnte, einen Sohn ins Kloster zu schicken, durfte sich erhoffen, dass dieser dort nicht nur Lesen und Schreiben lernte, sondern auch in Ethik, Moral und Poesie unterrichtet wurde. Die wenigsten Bhutaner konnten lesen oder schreiben, und die, die es gelernt hatten, waren fast ausschließlich Männer.[41]

Der erste Fünf-Jahres-Plan von 1961-1966 musste zwangsläufig mit dem Aufbau einer Basisinfrastruktur beginnen. Das Hauptaugenmerk lag auf der Straße von Thimphu zur indischen Grenze im Süden. Das finanzielle Gesamtvolumen für die fünf Jahre betrug 174,7 Mio. Rupien. Davon flossen allein 62 Mio. in den Straßenbau, 10 Mio. in das Schulsystem, in das Transportwesen 7,5. Mio, in das Gesundheitswesen und die Waldwirtschaft jeweils 3,2 Mio., während in den Aufbau von Industrie lediglich eine Mio. Rupien floss.[42]

In den fünf Jahren konnten insgesamt 1770 km Straßen gebaut werden, darunter die erwähnten 200 km Autobahn, die die drei größten Städte, Thimphu, Phuntsholing und Paro miteinander verbinden. Die Zahl der Schulen wurde auf 108 erhöht und immerhin 15.000 Kinder erhielten mittlerweile Unterricht. In Thimphu wurde eine Gesundheitsbehörde unter der Leitung eines Chefarztes eingerichtet, dessen Hauptaufgabe die Seuchenbekämpfung und Malariaprävention war, und im Rest des Landes wurden drei weitere Krankenhäuser und vier Krankenstationen eröffnet.

Ebenso wurde eine Landwirtschaftsbehörde eingerichtet, die einige Modellfarmen, Produktionsanlagen für Saatgut und Forschungsstellen eröffnete. Sie unternahm auch erste Schritte zur Vergrößerung der Obst- und Gemüseanbauflächen. Für die Viehzucht wurde eine eigene Behörde geschaffen, die ebenfalls mehrere Zuchtfarmen im Land aufbaute.

Das Forstamt entwickelte Maßnahmen zur nachhaltigen Waldbewirtschaftung und zur Evaluierung der Waldressourcen.

Unter indischer Führung wurde die Suche nach Kohle, Dolomit, Gips, Grafit und Kalksteinvorkommen in Angriff genommen. Eine Destillerie und eine Fruchtkonservenfabrik wurden gebaut, die Erzeugnisse für den inländischen, sowie für den indischen Markt herstellten. Die ersten beiden 400 kw Wasserkraftwerke wurden installiert.[43]

4. Exkurs Entwicklungspolitik

Der Begriff Entwicklungshilfe stammt aus der Gründungszeit der Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD), deren Zielsetzung eine möglichst effiziente, faire und nachhaltige Wirtschaftsentwicklung weltweit ist. Die Gründungskonvention wurde 1960 von 20 westlichen Staaten unterzeichnet. Die Mitgliedsländer verpflichten sich, im Rahmen ihrer Möglichkeiten ärmeren Ländern wirtschaftliche Hilfe zu leisten, ob finanziell oder in anderer Form.[44] Zur Überwachung der effizienten Umsetzung dieser Ziele wurde 1961 das Development Assistance Council (DAC) mit Sitz in London gegründet. Das DAC überprüft alle fünf Jahre jedes Mitgliedsland und gibt Empfehlungen für eine effizientere Entwicklungszusammenarbeit (EZA). Diese werden im jeweiligen DAC-Report zu dem Mitgliedsland zusammengefasst. Das DAC gilt weltweit als die beste Monitoring Agentur der bilateralen EZA. Es hat Standards gesetzt für die Übermittlung von Daten und das Monitoring der jeweiligen EZA-Leistungen der Mitgliedsländer, die jährlich unter der so genannten Official Development Aid (ODA) zusammengefasst werden. Die ODA-Leistung eines Landes bemisst sich am jeweiligen Brutto-Inlands-Produkt (BIP).

1970 beschlossen die Vereinten Nationen, dass die so genannten reichen Länder jeweils 0,7% ihres BIPs für Entwicklungshilfe bereitstellen sollen. Dieser Beschluss wurde zwar regelmäßig bekräftigt und erneuert, trotzdem erfüllen bis heute erst fünf Länder weltweit diese Quote. Dabei handelt es sich um Schweden, Dänemark, Luxemburg, Belgien und die Niederlande.[45]

Die Gründung der OECD erfolgte nicht aus Nächstenliebe, sondern war Teil der Strategie des Westens im Kalten Krieg, die südlichen Länder an sich zu binden und nicht dem Kommunismus anheim fallen zu lassen. Das Motto lautete: Der Feind meines Feindes ist mein Freund.

Diese kriegsstrategische Verteilungspolitik führte jahrzehntelang zu, aus heutiger Sicht, völlig fehlgeleiteten Investitionen, die in den meisten Empfängerländern nicht zu wirtschaftlichem Wachstum oder zur Linderung der Not der Bevölkerung führten, sondern zur Zementierung bestehender Machtverhältnisse und zur Stützung gesinnungstreuer Diktaturen. Die Sowjetunion beschritt denselben Weg, so dass insbesondere in Afrika einige Länder sich dem jeweils attraktiveren Angebot zuwandten und als so genannte Schaukelstaaten mehrfach die Seiten wechselten. Als makaberes Beispiel mögen hier Äthiopien und Somalia genannt sein, die sich mehrfach gegenseitig bekämpften, immer dann, wenn Somalia gerade wieder vom Osten unterstützt wurde.

„Entwicklungspolitik war und ist eine von übergeordneten Zielen abhängige Interessenpolitik. Die »Hilfe an die unterentwickelten Länder« war zunächst eine Missgeburt des Kalten Krieges. In den USA war sie bis Anfang der 60er Jahre als Instrument der Sicherheitspolitik in den Haushaltstitel der »wechselseitigen Sicherheit« (mutual security) eingebunden. Die Bundesrepublik Deutschland nutzte sie als diplomatischen Hebel der Deutschlandpolitik, um die Anerkennung der DDR durch die schnell wachsende Zahl von unabhängigen Entwicklungsländern zu verhindern.“[46]

Eine weitere, ganz offen zugegebene Motivation für EZA waren ökonomische Überlegungen. Noch bis in die 90er Jahre formulierte die deutsche EZA als Ziel von Entwicklungshilfe, den Wirtschaftsstandort Deutschland zu stärken, ausländische Märkte zu erschließen und Exporte zu ermöglichen. Zweidrittel der für EZA ausgegebenen Gelder wurden in deutsche Firmen investiert, um deren Produkte in die Empfängerländer zu exportieren. In anderen Ländern sah die Sache nicht anders aus.

Nachdem in den Sechzigerjahren durch die Dekolonialisierung eine Vielzahl neuer Länder entstanden war, ergab sich in der UNO eine Gewichtsverschiebung Richtung Süden. Entwicklungspolitik wurde daher plötzlich ganz anders gewichtet und erhielt einen wesentlich höheren Stellenwert. Die Abkehr vom Kredo, dass allein wirtschaftliches Wachstum auch zu Entwicklung führe, wurde von der Weltbank unter der Leitung von Robert McNamara eingeläutet.

„McNamara zog aus seiner Analyse die Folgerung, dass der Kampf gegen die Armut entwicklungspolitischen Vorrang erhalten müsse. Die so genannte Grundbedürfnisstrategie war geboren. Die internationalen Organisationen überboten sich bald mit neuen Schlagworten und »grundbedürfnisorientierten« Aktionsprogrammen: »Nahrung für alle« (FAO), »Gesundheit für alle« (WHO), »Bildung für alle« (UNESCO), »Arbeit für alle« (ILO). Die Entwicklungsverwaltungen änderten ihre Sprachregelungen und Programmtitel, aber den großen Aktionsprogrammen folgten nur kleine Taten, vornehmlich zu Gunsten der ärmsten Entwicklungsländer. Aber auch diese Taten blieben weit hinter Versprechen zurück.“[47]

Nach dem Ende des Kalten Krieges wurde der Kampf gegen Extremismus und Terror zum neuen Leitbild stilisiert und die EZA als Mittel zur Beruhigung und Entschärfung von Krisenherden eingesetzt. Solche Friedensmissionen, wie diejenige Deutschlands am Hindukusch, sind seit einigen Jahren sogar als ODA anrechenbar und helfen dadurch die Statistiken der einzelnen Länder zu verbessern.

Neben der bilateralen Säule entwickelten sich parallel zwei weitere wichtige Säulen der EZA, nämlich die multilateralen Geberorganisationen und eine Vielzahl von Nicht-Regierungs-Organisationen (NGOs), die sich ebenfalls schon sehr früh in den Empfängerländern engagierten.

Die ersten waren die kirchlichen Hilfswerke, die bereits auf ihre in Kolonialzeiten gegründeten Missionsstationen zurückgreifen konnten und die teilweise bis heute EZA mit Missionsarbeit verbinden. In den 70er und 80er Jahren wurden weltweit tausende kleinere und größere Hilfsorganisationen gegründet, die auf Spendenbasis mehr oder weniger erfolgreich versuchen, entweder mit Billigung der jeweiligen Regierungen oder an diesen vorbei, der betroffenen Bevölkerung zu helfen. Die Palette reicht von der elementarsten Nahrungsversorgung bis zum Schul- und Krankenhausbau. Diese Art von EZA konnte zwar sicherlich punktuell einige Verbesserungen für die lokale Bevölkerung erwirken, war in vielen Fällen jedoch nicht nachhaltig, da auf Spendengelder ebenso wenig Verlass ist, wie auf zu kurzfristig angelegte Entwicklungspläne von staatlichen Gebern. Allzu oft waren leider auch die Strategien der Helfer zu unausgegoren. Es reicht eben nicht, ein Krankenhaus in die Wüste zu stellen, wenn nachher niemand die Gelder für den Betrieb desselben aufbringen kann oder einfach nicht genügend Ärzte vorhanden sind. Die Vielzahl unterschiedlichster Hilfsorganisationen führte auch dazu, dass keinerlei gemeinsame Nenner und Standards beachtet wurden. So kann es vorkommen, dass hundert Dörfer in einer Region zwar über Wasserpumpen verfügen, diese jedoch von verschiedensten Herstellern stammen und die unterschiedlichsten Bauteile und Techniken verwenden, so dass weder lokale Experten für die Reparatur, noch einfach zu beschaffende Ersatzteile vorhanden sind und eine Pumpe im Schadensfall schlichtweg nicht mehr repariert werden kann. Diese Problematik beschränkt sich bei Weitem nicht nur auf die NGOs, sondern betrifft gleichermaßen alle Geberorganisationen. Abstimmung untereinander war Jahrzehntelang undenkbar. Allein in Deutschland agieren im staatlichen Auftrag ein halbes Dutzend verschiedener Organisationen, die unterschiedlichste Konzepte verfolgen und oftmals eher gegeneinander als miteinander arbeiten. Eine mittlerweile geplante Fusion von GTZ,DED und Inwent wird gerade vorbereitet und unter heftigem Widerstand der Betroffenen vermutlich dieses Jahr abgeschlossen. Die eigentlich geplante große Fusion von KFW und der dann neu entstandenen Organisation ist nach heutigem Stand beinahe unmöglich umzusetzen.

Als dritte Säule der EZA fungieren die mittlerweile sicherlich bedeutendsten Geberorganisationen, die multilateral agierenden Institutionen, angefangen bei IWF und Weltbank, über die UN-Organisationen UNDP, UNICEF, WHO, WFP, UNHCR, bis zu den EU-Organisationen EEF, ENP und deren Äquivalent in Asien, der ADB oder in Südamerika seit Neuestem der Bank des Südens (Banco del Sur).

Insbesondere dem IWF und der Weltbank ist es zu verdanken, dass etliche Staaten heute mit wesentlich höherer Armut und schlechterer Infrastruktur zu kämpfen haben. Die Strukturanpassungsprogramme der frühen 90er Jahre, die von beiden Organisationen als Antwort auf horrend angewachsene Schuldenberge der Empfängerländer gefordert wurden, und die als Washington Consensus in die Geschichte eingingen, zerstörten vielfach bereits getätigte Investitionen in die Bevölkerung. Zu den Schuldenbergen konnte es nur deshalb kommen, da die meisten benötigten Finanzmittel der armen Länder nicht durch Hilfsgelder, sondern durch niedrig verzinste Kredite gewährt wurden. Um neue Kredite zu erhalten, oder einen Anspruchsverzicht zu erwirken, mussten die betroffenen Länder massive Einsparungen vornehmen und genau vorgegebenen Fahrplänen folgen.[48] Die von den Geberländern geforderten Einsparungen betrafen immer auch große Teile des Bildungs- und Gesundheitswesens, sowie Sozialprogramme wie Lebensmittelvergünstigungen für die Ärmsten.[49]

Weigerten sich die Empfängerländer diesen radikalen Einschnitten zuzustimmen, so blieb ihnen lediglich die Möglichkeit auf dem normalen Finanzmarkt Darlehen aufzunehmen, die aufgrund ihrer schwachen Bonität mit Höchstzinsen belegt wurden.

Nichts desto trotz muss festgehalten werden, dass sich in den letzten zehn Jahren Einiges in eine bessere Richtung entwickelt hat und ein Umdenkungsprozess in Gang gesetzt wurde, der es erstmals ermöglicht, im Rahmen der Millenniumsziele der UNO alle Geber- und Empfängernationen an einem Tisch zu versammeln und gemeinsame Ziele und Strategien zu entwickeln. In der UN-Millenniumserklärung (2000) wurden acht gemeinsame Ziele festgesetzt, die bis 2015 erreicht werden sollen.

„Ziel 1 : Den Anteil der Weltbevölkerung, der unter extremer Armut und Hunger leidet, zu halbieren

Ziel 2: Allen Kindern eine Grundschulausbildung ermöglichen

Ziel 3 : Die Gleichstellung der Geschlechter und die politische, wirtschaftliche und soziale Beteiligung von Frauen fördern, besonders im Bereich der Ausbildung Ziel 4: Die Kindersterblichkeit verringern Ziel 5: Die Gesundheit der Mütter verbessern

Ziel 6: HIV/AIDS, Malaria und andere übertragbare Krankheiten bekämpfen

Ziel 7: Den Schutz der Umwelt verbessern

Ziel 8: Eine weltweite Entwicklungspartnerschaft aufbauen“[50]

Mit der Pariserklärung (2005) und der Accra (2008) wurden weitere internationale Deklarationen verabschiedet, die unter anderem auch gute Regierungsführung und Demokratieförderung als weitere Ziele festlegen. Alles in allem folgten die Länder weitgehend den Ausführungen von Jeffrey Sachs, der die Milleniumsziele formuliert hatte und als Chefberater der UNO in Sachen EZA fungiert. Nachdem nun 2010 schon mehr als die Hälfte der gesetzten Zeit verstrichen ist, lässt sich bereits erahnen, dass die Erreichung der Millenniumsziele sehr schwer wird, da sich in den letzten acht Jahren leider nach wie vor nicht viel verbessert hat. Im Gegenteil: Im südlichen Afrika verschlimmerte sich die Situation von Jahr zu Jahr.

Aus theoretischer Sicht betrachtet, fußte die westliche EZA in den frühen Jahren auf der klassischen Modernisierungstheorie von Max Weber, die praktisch eins zu eins auf die unterentwickelten Länder angewandt wurde. Weber sieht im Verharren in starren Traditionen und religiösen Riten das größte Hemmnis für eine Weiterentwicklung der Gesellschaft.

„Die modernisierungstheoretische Quintessenz lautete: Die Entwicklungsländer sind unterentwickelt, weil und solange sie sich nicht aus den Fesseln der Tradition befreien können. Mit anderen Worten: Sie müssten so werden, denken, handeln, produzieren und konsumieren wie wir. Wolfgang Sachs (1993) brachte dieses modernisierungstheoretische Credo auf den polemischen Punkt: »Wie im Westen, so auf Erden.« Die modernisierungstheoretischen Schlüsselbegriffe waren:

Säkularisierung, Individualisierung, Pluralisierung, Leistungsorientierung, Markt und Wettbewerb.“[51]

Rosenstein-Rodan stellte fest, dass die ökonomische Entwicklung in den armen Ländern einer Anschubfinanzierung bedarf, um sich künftig selber tragen zu können. Er nannte diesen Anschub einen Big Push. Jahrzehnte lang gingen die Entwicklungstheoretiker davon aus, dass eine schnell wachsende Wirtschaft automatisch auch zur Entwicklung der restlichen Sektoren führen würde. Der so genannte Trickle Down Effekt, also das Durchsickern des erwirtschafteten Reichtums von oben nach unten, sollte das Übrige tun. Diese Ansicht wurde immer wieder aufgegriffen und von den neoliberalen Regierungen der 80er Jahre, aber zuletzt auch wieder von George W. Bush und den Neokonservativen, vertreten.[52]

In den letzten Jahren scheint sich glücklicherweise eine andere Sichtweise der Tatsachen durchzusetzen, nachdem sich in etlichen Ländern die Schere zwischen Arm und Reich massiv vergrößert hat. Wirtschaftliches Ungleichgewicht und Einkommensunterschiede werden nicht mehr als zwingende Voraussetzung für eine nachhaltige Entwicklung verstanden, denn:

„Inzwischen hat sich die alte Masche als Schwindel entlarvt. Neuere Untersuchungen legen den Schluss nahe, dass soziale Ungleichheit das Wirtschaftswachstum und die Reduzierung von Armut behindert. Es gibt also sowohl pragmatische als auch ethische Argumente für eine breitere Verteilung des Wohlstands und für öffentliche Maßnahmen gegen die Armut.“[53]

Jeffrey Sachs war es, der erneut einen Big Push forderte, als er im Rahmen der Strategie zur Umsetzung der Milleniums-Entwicklungsziele das Ende der Armut forderte. Er löste damit eine heftige Diskussion über Sinn und Unsinn dieser erneuten alten Forderung aus.[54]

Sachs’ neuerlicher Big Push zielt jedoch nicht auf reines Wirtschaftswachstum ab, sondern soll den Ärmsten der Armen aus der Armutsfalle verhelfen. In dieser sind alle Menschen gefangen, die ihr komplettes Einkommen für das nackte Überleben ausgeben müssen und somit keinerlei Möglichkeit haben, für die Zukunft zu sparen und sich damit Schritt für Schritt ein besseres Leben zu ermöglichen. Sachs berechnet, dass die Einkommensgrenze, um aus der Armutsfalle entkommen zu können, etwa bei 300 US-Dollar pro Kopf und Jahr liegt. Mit dem Big Push möchte er diese Grenze nach oben durchbrechen, was nach seinen Berechnungen nach mit dem bereits vereinbarten 0,7 Prozent Ziel erreicht werden müsste.[55]

5. Gross National Happiness oder das Bruttoglücksprodukt

„Es liegt einige Jahre zurück, nämlich neunzehnhundertsechsundsiebzig, dass eine kleine Gruppe von Journalisten Bhutan besuchte. Sie hatten eine Audienz beim Vierten König Jigme Singye Wangchuck. Dabei stellte einer der Journalisten ihm die Frage: „Wie hoch ist das jährliche Bruttoinlandsprodukt von Bhutan?“ Der Journalist kannte natürlich die Antwort genau. Sie lautete: fünfzig US-Dollar - das Niedrigste der Welt. Er hatte die Frage in der Absicht gestellt, den König in Verlegenheit zu bringen und um zu zeigen, was für ein unbedeutendes Land Bhutan war!

Der König entgegnete spontan - v o l l k o m m e n spontan: „Ich bin nicht sehr am Bruttoinlandsprodukt interessiert. Ich meine, wichtiger ist das Bruttonationalglück.“

So wurde ein Begriff geschaffen, der heute rund um den Erdball widerhallt.[56]

Obwohl natürlich das Konzept eines nationalen Allgemeinwohls nicht neu war: n e u war vor dreißig Jahren, es in einer gewitzten Bemerkung in der Kürze eines Interviews zu konfrontieren mit der fixen Idee eines in Geld gemessenen Bruttoinlandsproduktes. Und gewiss war es in jenen Tagen nicht modern, sich um das allgemeine nationale Wohlergehen zu kümmern, dergleichen beschäftigte nicht die Köpfe der Politiker - vielleicht deshalb nicht, weil man es nicht messen konnte.“[57]

Auch wenn sich der Autor des obigen Zitats in der Jahreszahl geirrt haben dürfte - andere offizielle Quellen sprechen von 1972, nicht 1976, - war damit jedenfalls der Begriff des Gross National Happiness, gern mit Bruttonationalglück oder auch Bruttoglücksprodukt übersetzt, geschaffen.

Der vierte König Bhutans, Jigme Singye Dorje Wangchuck verfolgte seit Beginn seiner Amtszeit die Strategie zur Erlangung des größtmöglichen Glücks für die Bevölkerung und stellte alle seine Entscheidungen und Gesetze unter die Gesichtspunkte dieser ganzheitlichen Lebenseinstellung.

5.1. Was ist Glück und wie lässt es sich messen?

„In der Moderne weiß keiner so genau zu sagen, was Glück ist. Definitionsversuche sind selten und meist erfolglos, jedenfalls aber umstritten. Während sich die antiken Philosophen abmühten dahinterzukommen, was ein glückliches Leben ausmacht, konzentrieren sich die Autoren der Neuzeit darauf, Voraussetzungen und Folgen des Glücksstrebens zu thematisieren, ohne das Gefühl selbst genauer zu analysieren. Glück ist Alexander Pope Ziel und Zweck des Lebens; Marcel Proust meint, es sei für den Körper heilsam, und John Milton fühlt sich glücklicher als er weiß. Viele Autoren vermuten, daß das größte Glück im Lieben und Geliebtwerden liege. Genüsse verschiedenster Art werden mit dem Glück assoziiert, und von alters her nehmen dabei lukullische eine herausragende Stelle ein: Samuel Johnson kennt keine von Menschen ersonnene

Einrichtung, die so viel Glück produziert hat wie eine gute Taverne, und Nikos Kazantzakis vervollkommnet dieses Bild um Hintergrundgeräusche: ein Glas Wein, geröstete Kastanien, ein elender kleiner Ofen und das Meeresrauschen sind ihm die Requisiten, die Glück hervorzurufen vermögen.“[58]

Christian Fleck setzt diese Reihe von Beispielen noch weiter fort, um zu zeigen, wie vage unsere Vorstellungen von Glück eigentlich sind. Schließlich fasst er zusammen:

„Ganz allgemein und vage gesprochen, ist es wohl ein lustvoller Zustand, von dem derjenige, der ihn gerade erlebt, haben möchte, daß er andauert und den er anderen Zuständen vorziehen würde, wenn er wählen müßte.“[59]

Vertraut man den Studien des amerikanischen Soziologen Ronald Inglehart, so steigt das Glück und die Zufriedenheit einer Nation bis zu einem gewissen Grad mit ihrem ökonomischen Wachstum. Demnach leben die glücklichsten Menschen dieser Erde in Dänemark, gefolgt von der Schweiz und Österreich.[60] Vierzig Nationen sind heute glücklicher als vor 17 Jahren. Als Gründe geben die Befragten ökonomische Sicherheit, soziale Toleranz und demokratische Staatsformen an. In den meisten Nationen, die heute glücklicher sind, haben sich diese drei Voraussetzungen verbessert. Als Vergleich gibt die Studie die USA an, die sowohl über die dichtesten statistischen Werte seit 1946 verfügt, als auch eine relativ konstant flache Kurve der Glückszunahme aufweist.[61] Während sich das Einkommen pro Kopf zwar seit den 70er Jahren verdreifacht hat, blieben die anderen Errungenschaften in etwa auf demselben Niveau. Inglehart erklärt dies damit, dass ab einer gewissen finanziellen Absicherung der rein materielle Wert von Glück in den Hintergrund tritt. Wer täglich ums Überleben kämpfen muss und nicht weiß, ob er am nächsten Tag hungert, empfindet wahres Glück, wenn er genug zu Essen hat. Jemand, der finanziell abgesichert ist, sucht sein Glück anderswo. Er kann genauso unglücklich sein, wenn er keine Möglichkeit findet, sich selbst zu verwirklichen, oder zuwenig Freizeit für seine Hobbys hat. Kurz gesagt:

[...]


[1] Vgl.: Hecker, Helmut: Sikkim und Bhutan, Die verfassungsgeschichtliche und politische Entwicklung der indischen Himalayaprotektorate, Hamburg 1970: S. 22.

[2] Vgl.: Pommaret, Francoise: Geschichte und Nationsbildung, Die Geburt einer Nation, in: Pommaret, Francoise / Schicklgruber, Christian (Hrsg.): Bhutan, Festung der Götter, Bern / Stuttgart / Wien 1997: S. 179.

[3] Vgl.: Wilhelmy, Herbert: Bhutan, Land der Klosterburgen, München 1990: S. 10.

[4] Vgl.: Pommaret 1997: S. 179.

[5] Vgl.: Ebd.: S. 180.

[6] Ebd.: S. 181.

[7] Vgl.: Pommaret 1997: S. 192.

[8] Ebd.: S. 200.

[9] Vgl.: Pommaret, Francoise: Der Weg zum Königsthron: in Pommaret, Francoise / Schicklgruber, Christian (Hrsg.): Bhutan, Festung der Götter, Bern / Stuttgart / Wien 1997: S. 210ff.

[10] Vgl. zum Kriegsverlauf: Ebd.: S. 215ff

[11] Vgl.: Rose, Leo E.: The Politics of Bhutan, Ithaca [u.A.] 1977: S. 65.

[12] Pommaret: S. 220.

[13] Ebd.: S. 232.

[14] Vgl.: Ebd.: S. 233.

[15] Vgl.: Pommaret 1997: S. 233f.

[16] Ebd.: S. 234.

[17] Vgl.: Rose 1977: S. 72.

[18] Vgl.: Rose 1977 Ebd.: S. 73.

[19] O.A.: Grenzkrieg, Noch mehr töten, in: Der Spiegel Nr. 44, 1962.

[20] Vgl.: Rose 1977: S. 80f.

[21] Vgl.: Ebd.: S. 83.

[22] Vgl.: Pommaret 1997: S. 218.

[23] Vgl.: Rose 1977: S. 78f.

[24] Vgl.: Rose 1977: S. 95f, sowie S. 135f.

[25] Vgl.: Hecker 1970: S. 34.

[26] Vgl.: Wilhelmy 1990: S. 55.

[27] Sharma, Rashmi: Bhutan And SAARC, New Delhi 2007: S. 45.

[28] Vgl.: Pommaret 1997: S. 234.

[29] Vgl.: Rose 1977: S. 157f.

[30] Ebd.: S. 154.

[31] Vgl.: Dogra, Ramesh C.: Bhutan, Oxford 1990: S. 27.

[32] Vgl.: Rose 1977: S. 155.

[33] Hecker 1970: S. 35.

[34] Vgl.: Rose 1977: S. 127f.

[35] Vgl.: Hecker 1970: S. 34.

[36] Vgl.: Rose 1977: S. 187.

[37] Vgl.: Hecker 1970: S. 36.

[38] Vgl.: Ebd.: S. 35.

[39] Vgl.: Sharma 2007: S. 40.

[40] Vgl.: Wilhelmy 1990: S. 55.

[41] Vgl.: Royal Government of Bhutan: Bhutan in 2020, A Vision for Peace, Prosperty and Happiness, Part I, Bhutan’s Distinctive Path of Development Prozess, Challenges and Prospects: S. 12.

[42] Vgl.: Royal Government of Bhutan: 1st Five-Year-Plan 1961-1966.

[43] Vgl.: RGOB/PC: 1st Five Year Plan

[44] Vgl.: OECD: Convention on the Organisation of the Economic Co-operation and Development, Paris 1960.

[45] Vgl.: OECD: Donors’ mixed aid performance for 2010 sparks concern.

[46] Nuscheler, Franz: Lern- und Arbeitsbuch Entwicklungspolitik, 6. Aufl., Bonn 2005: S. 78.

[47] Ebd.: S. 79f.

[48] Vgl.: Nuscheler 2005: S. 83.

[49] Die negativen Auswirkungen solcher Strukturanpassungsprogramme hat Joseph Stiglitz ausführlich dargelegt. Vgl. : Stiglitz, Joseph E. : Die Schatten der Globalisierung, Äthiopien und die Versprechen des Internationalen Währungsfonds, in: Le Monde Diplomatique April 2002.

[50] Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung: Millenniumsentwicklungsziele.

[51] Nuscheler 2005: S. 214.

[52] Vgl.: Bartlett, Bruce: How Supply-Side Economics Trickled Down, in: New York Times, 06. April 2007.

[53] Sogge, David: Der unselige Zustand des Gebens und Nehmens, in: Le Monde Diplomatique, 10. September 2004.

[54] Insbesondere William Easterly kritisiert Sachs scharf und zeigt alternative Wege für die Zukunft auf: Easterly, William: Wir retten die Welt zu Tode, Für ein professionelleres Management im Kampf gegen die Armut, New York 2006: S. 48ff.

[55] Vgl. : Sachs, Jeffrey: Das Ende der Armut, Ein ökonomisches Programm für eine gerechtere Welt, New York 2005.

[56] Rutland, Michael: Bruttonationalglück, Eine Hinführung aus persönlicher Perspektive, in: Thunlam Nr. 2/2009: S. 31.

[57] O.A.: Explanation of GNH Index, in: Offizielle Website der Bhutanischen Regierung zum Gross National Happiness.

[58] Fleck, Christian: Das Glück in der Moderne, in: E-Journal Philosophie der Psychologie, Graz 2009: S. 3.

[59] Ebd.: S. 5.

[60] Vgl.: Ker, Heike Le: Zufriedenheitsstudien, die Welt wird immer glücklicher, in: Spiegel-Online vom 03.07.2008.

[61] Vgl.: Inglehart, Ronald / Foa, Roberto / Peterson Christopher u.A.: Development, Freedom and Rising Happiness, A Global Perspective 1981-2007,

Details

Seiten
126
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656402404
ISBN (Buch)
9783656402879
Dateigröße
875 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v212516
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Institut für Politikwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Brutto Glück Produkt Gross national Happiness Glücksindex Brutto-Glücks-Produkt gnh bhutan donnerdrachen

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Titel: Die wirtschaftliche, politische und soziale Entwicklung Bhutans seit dem Zweiten Weltkrieg und ihre Wechselwirkung mit der internationalen Entwicklungszusammenarbeit