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Beteiligung von Selbsthilfegruppen an den Nationalen VersorgungsLeitlinien

Selbsthilfe als Voice-Option

Hausarbeit 2012 22 Seiten

Pflegewissenschaft, Ernährung, Sport, Gesundheit - Public Health

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Patienteninteressen

3. Interessenvertretung der Patienten
3.1 Situation der Selbsthilfe in Deutschland
3.2 Selbsthilfe als Voice-Option

4. Leitlinien
4.1 Situation in Deutschland
4.2 Mitgestaltung der Nationalen VersorgungsLeitlinien durch Selbsthilfe

5. Zusammenfassung

6. Fazit

7. Literatur

1. Einleitung

Die Vertretung von Patienteninteressen gewinnt seit den 1970er Jahren immer mehr an Bedeutung. Als Teil der aufkommenden Alternativbewegungen hat sich in der Selbsthilfe eine institutionelle Möglichkeit der aktiven Vertretung von Patienteninteressen gebildet. Laut der Deutschen Gesellschaft für Public Health e.V. (DGPH) ist Public Health „die Wissenschaft und die Praxis zur Verhinderung von Krankheiten, zur Verlängerung des Lebens und zur Förderung von physischer und psychischer Gesundheit unter Berücksichtigung einer gerechten Verteilung und einer effizienten Nutzung der vorhandenen Ressourcen“ (DGPH 2012, S.1). Da die Maßnahmen von Public Health auf die Gesunderhaltung der Bevölkerung und ihrer Subgruppen zielen, ist die Berücksichtigung der unterschiedlichen Bedürfnisse und Präferenzen der darin eingeschlossenen Individuen essentiell. Selbsthilfe kann hier als Interessenorganisation begriffen werden, die sich zum Teil aus dem Ansatz der Gesundheitsförderung entwickelt hat. Zahlreiche Selbsthilfegruppen haben sich initiativ in dem Bereich der chronischen Krankheiten gegründet und sind Träger primärpräventiver Maßnahmen, wie sie im §20 Absatz 1 des SGB V angedacht sind (Geene 2008, S.113). Demnach sollen „Leistungen zur Primärprävention […] den allgemeinen Gesundheitszustand verbessern und insbesondere einen Beitrag zur Verminderung sozial bedingter Ungleichheit von Gesundheitschancen erbringen“ (§20 Abs. 1 SGB V). Die Selbsthilfebewegung wollte sich jedoch als „vierte[…] Säule der gesundheitlichen und sozialen Versorgung (Geene 2008, S.114) mit einer eigenständigen Machtposition etablieren. Im Bereich der Leitlinienentwicklung bestände dabei eine Möglichkeit direkt auf die medizinische Versorgung Einfluss zu nehmen. In der englischen Literatur wird vermehrt die Einbeziehung der Patienten in die Planung von Versorgungsstrukturen gefordert.

“Recognizing the importance of increased patient participation in healthcare decisions leads decision makers to consider effective ways to incorporate patient perspectives […]” (Gagnon et al. 2009, S.54).

Inwieweit diese Chance genutzt wird, soll in dieser Arbeit untersucht werden.

Dabei werden zunächst die Begriffe Patienteninteressen, Selbsthilfe als Voice-Option nach der Theorie Hirschmans und Leitlinien genauer bestimmt. Danach wird die Beteiligung von Selbsthilfegruppen an der Erstellung von Nationalen VersorgungsLeitlinien geprüft und abschließend ein Fazit gezogen.

2. Patienteninteressen

Das Wort „Patient“ leitet sich ab vom lateinischen „patiens“, was mit „aushaltend“ beziehungsweise „fähig zu ertragen“ übersetzt werden kann. Als Patienten werden daher Menschen bezeichnet, die wegen ihrer Krankheit medizinische Behandlung benötigen, in Anspruch nehmen oder in Anspruch nehmen wollen. Patienteninteressen ergeben sich hauptsächlich durch den Patientenstatus und stehen in direkter Verbindung zu den getroffenen Maßnahmen, die der Kuration beziehungsweise Linderung der Krankheitssymptome dienen. Die Vielzahl der unterschiedlichen Krankheitsbilder deutet jedoch auf die Heterogenität der Interessen hin. Laut Hänlein und Schröder lassen sich dabei folgende Kategorien bilden:

- „Ziel der jeweiligen Maßnahmen, die angesichts des Krankheitsbildes im Vordergrund stehen. Danach wären vor allem heilende und lindernde Maßnahmen zu unterscheiden, bei einem weiteren Patientenbegriff vielleicht auch pflegerische Leistungen […],
- Dauer und Kosten der Behandlung […],
- Heilungsperspektive, wissenschaftlicher Forschungsstand und Forschungsbedarfe […],
- Art der medizinischen Dienstleister, die in Anspruch genommen werden. So sind insbesondere Personen, die ambulante ärztliche Behandlung bei niedergelassenen Ärzten in Anspruch nehmen, in einer anderen Lage als Kranke, die stationär behandelt werden. Jedenfalls in der deutschen Versorgungslandschaft treten Patienten dem Arzt, der sie ambulant behandelt, eher in einer individualisierten Weise entgegen; im Krankenhaus ist die Situation stärker standardisiert […],
- Angewiesenheit auf Hilfe Dritter“ (Hänlein & Schröder 2010, S.48f).

Inhaltlich richten sich die Interessen auf Behandlung, Infrastruktur und individuelle Aspekte. Dabei lassen sich als Adressaten in Hinblick auf die Behandlungsmaßnahmen der Arzt beziehungsweise sonstige Dienstleister und in „einem Sozialstaat mit funktionierenden sozialen Versicherungen […] mit Interesse an einem möglichst günstigen Preis für eine möglichst gute Behandlung“ die gesetzliche Krankenversicherung identifizieren (ebd., S.49).

Infrastrukturinteressen zielen auf einen problemlosen Zugang zu medizinischen Dienstleistungen. Dafür ist neben der medizinischen Infrastruktur auch die wissenschaftliche und industrielle bedeutend. Eine gut ausgebildete Infrastruktur ist auch für die nicht erkrankten Versicherten bedeutsam, da so eine schnelle Versorgung im Notfall gesichert werden kann (ebd.).

In der englischen Literatur findet man statt dem entsprechenden „patient’s interests“ auch häufig das äquivalent genutzte „patient satisfaction“, unter welchem folgende für den Patienten relevante Aspekte zusammengefasst werden:

- Zugang und Qualität der medizinischen Versorgung einschließlich kompetentem Therapeuten, angemessenen diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen,
- Gleichheit im Zugang zu diagnostischen, kurativen und präventiven Diensten,
- partizipativer Ansatz in der Versorgung, d.h. Integration des Patienten und seiner Familie in die Entscheidungsfindung,
- angemessene Kosten und bezahlbare Krankenversicherung für den Einzelnen und die Gesellschaft,
- adäquate Information über Krankheit und Therapie sowie
- akzeptable Wartezeiten und angebrachte Unterkunft (Mpinga & Chastonay 2011, S.146).

Eine andere Unterscheidungsweise betrachtet die Interessen auf Makro-, Meso-, und Mikroebene. Als Bürger (Makroebene) ist man an der Sicherstellung leistungsfähiger Versorgungsstrukturen und gesundheitsförderliche Lebensbedingungen interessiert, der Versicherte (Mesoebene) hat ein finanzielles Interesse (z.B. bezüglich der Höhe des Krankenkassenbeitrags) und der Patient (Mikroebene) ist in erster Linie an konkreten Angeboten des Versorgungssystems interessiert (Krause 2010, S.15f).

3. Interessenvertretung der Patienten

Organisationen zur Bündelung und Artikulation der Interessen von Patienten gibt es in Deutschland bereits seit längerer Zeit. Viele gehen zurück auf die Patienten- und Gesundheitsbewegung der 70er und 80er Jahre des letzten Jahrhunderts. Dabei gibt es sehr unterschiedliche Ansätze der Organisationsbildung.

Im Rahmen der als institutionalisierte Patientenvertretungen vom Bundesministerium für Gesundheit anerkannten Organisationen, welche im §2 der Patientenbeteiligungsverordnung (Bundesgesetzblatt 2003, S.2753) aufgeführt sind, lassen sich folgende Konzepte identifizieren:

Die seit 1989 bestehende Bundesarbeitsgemeinschaft der PatientInnenstellen zählt zu den bürgerschaftlich gesundheitspolitischen Ansätzen, welcher sich durch Informations- und Beratungsangeboten für Patienten, Versicherte und Bürger gekennzeichnet. Der aus dem Gedanken des Verbraucherschutzes entstandene Verbraucherzentrale Bundesverband e.V. ist nicht speziell auf Gesundheitsthemen ausgerichtet, sondern fasst dies als Teil verbraucherrelevanter Aufgabenbereiche auf (Hänlein & Schröder 2010, S.51f).

Der Deutsche Behindertenrat und die Deutsche Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen liegen dem Konzept der Patientenselbsthilfe zugrunde. Das Anliegen von Selbsthilfegruppen, wie sie in der Arbeitsgemeinschaft organisiert sind, ist die gemeinsame Bewältigung von Krankheiten oder von psychischen und sozialen Problemen, die die Mitglieder entweder selbst oder als Angehörige betreffen. Thematisch geht es auch hier meist um den Umgang mit bestimmten Behinderungen oder chronischen Erkrankungen (Dierks & Seidel 2005, S.137).

3.1 Situation der Selbsthilfe in Deutschland

In Deutschland gibt es zurzeit ca. 70.000–100.000 Selbsthilfegruppen (SHG) mit ca. 3,5 Mio. Engagierten (Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen [NAKOS] 2009, S.36), von denen ungefähr zwei Drittel im Gesundheitsbereich aktiv sind (Braun et al. 1997, S.275). Die NAKOS-Datenbank umfasst 363 Selbsthilfeorganisationen und –vereinigungen (SHO), welche sich zu SHG durch überregionale Interessenvertretungen, meist größere Mitgliederzahlen, formalisierte Arbeits- und Verwaltungsabläufe, bestimmte Rechtsformen und meist ausgeprägte Kontakte zu professionellen Systemen abgrenzen (Borgetto & von dem Knesebeck 2009, S.24).

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Details

Seiten
22
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656404842
ISBN (Buch)
9783656405429
Dateigröße
432 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v212376
Institution / Hochschule
Universität Bremen
Note
1,3
Schlagworte
Versichterteninteressen Patienteninteressen Selbsthilfe Nationale Versorgungsleitlinien Voice Option

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Titel: Beteiligung von Selbsthilfegruppen an den Nationalen VersorgungsLeitlinien