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Rolle und Funktion literarischer Natur- und Landschaftsbeschreibungen. Ein Vergleich zwischen Goethes „Leiden des jungen Werther“ und Maupassants „Une Vie“

Seminararbeit 2011 25 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Ambivalenz der Natur als Parallele zu Werthers Leidensweg
2.1. Der Jahresrhythmus im Verhältnis zu Werthers seelischer Verfassung
2.2. Die Rezeption der Natur in der Literatur: Homer und Ossian

3. Die Natur als Seelengemälde Jeannes …
3.1. Die Natur als Markierung von Glück und Depression
3.2. Das Meer und die Sonne: Natur und Sexualität

4. Vergleich

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis
6.1. Primärliteratur
6.2. Sekundärliteratur

1. Einleitung

Natur- und Landschaftsbeschreibungen in literarischen Werken werden von der Literaturwissenschaft nicht immer mit großer Achtung bemessen.[1] Dass aber die Darstellung von Landschaft und Natur mehr erfüllt, als einen dekorativen Zweck, zeigt sich vor allem in Werken, in denen die literarische Visualisierung eine besondere Stellung im Werk einnimmt. Die beiden Romanwerke, die in dieser Arbeit behandelt werden, eignen sich besonders gut für die Betrachtung von literarischer Visualiät. Sowohl Johann Wolfgang von Goethes „Leiden des jungen Werther“, als auch Guy de Maupassants „Une Vie“ beinhalten zahlreiche literarische Visualisierungen, vor allem in der Darstellung von Natur- und Landschaftsbildern.

Ob diese Art von visuellen Darstellungen nun tatsächlich als literarisch visuell bezeichnet werden können, soll eine dieser Arbeit zugrundeliegende Fragestellung sein. Zudem sollen Überlegungen getroffen werden, unter welcher Definition von „literarischer Visualität“ beide Werke gehandelt werden könnten. Handelt es sich hierbei um eine eher weitgefasste Verwendung des Begriffs, der besagt, dass eine starke Konzentration auf der Darstellung visuell wahrnehmbarer Objekte liegen und diese mit einer bestimmten Funktion für die Handlung verknüpft sein muss? Oder sollte das literarisch Visuelle selbst im Test rezipiert werden und der literarischen Beschreibung eine gewisse Visualitätskritik zu Grunde liegen, um sie der „literarischen Visualität“ zuordnen zu dürfen? Diese Fragen sollen folgend erörtert werden.[2]

Die Funktionen der Natur- und Landschaftsbeschreibungen in Goethes „Leiden des jungen Werther“ und Maupassants „Une Vie“ sollen hierbei im Mittelpunkt stehen, mit dem Ziel die Rolle der Natur und der Landschaft für den Handlungsverlauf und die Charakterisierung der Protagonisten herauszuarbeiten. Anhand verschiedener thematischer Ausgangspunkte soll die Wichtigkeit der Natur- und Landschaftsdarstellung für den inneren und äußeren Verlauf beider Romane herausgestellt und die Signifikanz dieser für die Deutung der Hauptcharaktere bewiesen werden.

2. Die Ambivalenz der Natur als Parallele zu Werthers Leidensweg

2.1. Der Jahresrhythmus im Verhältnis zu Werthers seelischer Verfassung

Die Tages- und Jahreszeiten, die im Verlauf des Romans in Werthers Briefen literarisch wiedergegeben werden, dienen nicht lediglich zur Markierung von Tempus und Locus, sondern spielen daneben eine noch viel wichtigere Rolle. Sie haben eine projektive Funktion. Sie fungieren als Stimmungsträger seiner Gefühlswelt. Dabei beschreibt er stets die Jahres/- Tageszeit, die seiner Stimmung am ehesten entspricht. Daher dominieren im ersten Buch die hellen Morgen- und Mittagsstunden, meist in der Frühlings- oder der Sommerzeit. Im zweiten Buch sind es dagegen eher die Herbst- und Winterlandschaften, die Erwähnung finden und Werther dabei stets Abende, Sonnenuntergänge oder Nächte in seinen Briefen erfasst.[3]

„'Ich werde sie sehen!', ruf ich morgens aus, wenn ich mich er- muntere und mit aller Heiterkeit der Sonne entgegenblicke; [...][4]

Der Sonnenaufgang des 19. Juli 1771 versinnbildlicht einen positiven Neuanfang und wirkt sowohl revitalisierend, als auch erfrischend auf Werther. Aus seinen Worten spricht die absolute Vorfreude, Lotte wieder sehen zu dürfen, vor allem aus den Beschreibungen der Morgensonne.[5] Seine glücklichen Tage werden also stets mit von Licht und Hoffnung durchdrungenen Eindrücken in Verbindung gebracht und so werden zumeist helle Morgenstunden oder Sonnenaufgänge Teil seiner Glücksdarstellung.[6] Genau wie die pantheistischen Naturbeschreibungen, die er in seinem Brief vom 10. Mai 1771 in Worte zu fassen sucht, fallen diese frohen Tage allesamt in die Zeit des Frühlings und des Sommers. Dabei durchdringt eine „wunderbare Heiterkeit“[7] sein Innerstes und er genießt den sonnigen Frühlingsmorgen in freier Natur. Der ungezähmten Natur kommt Werthers besondere Ehrerbietung zu. Er versucht vollkommen in ihr aufzugehen und seine visuellen Eindrücke zu Papier zu bringen.

Er beginnt mit der Beschreibung eines Makrokosmos, also der Schilderung des Tals und der Sonne, geht dann über zu den Gräsern, bis er schließlich mit den kleinsten Lebewesen, der Darstellung eines Mikrokosmos, den Kreis der Schöpfung schließt.[8]

[…] wenn ich das Wimmeln der kleinen Welt zwischen Halmen, die unzähligen, unergründlichen Gestalten der Würmchen, der Mücken näher an meinem Herzen fühle und fühle die Gegenwart des Allmächtigen […] dann sehne ich mich oft und denke: Ach könntest du das wieder ausdrücken, könntest du dem Papier das einhauchen, was so voll, so warm in dir lebt [...].[9]

Die Einleitung der Sätze mit den Konjunktionen „wenn“ und „dann“ symbolisieren dabei den Wunsch, die Natur ganz zu erfassen und artistisch umschreiben zu können.[10] Mit dieser Dynamik wird Spannung erzeugt, die mit dem stets wiederkehrenden Aufschwingen der Sätze eine Endlosigkeit des Satzes erreicht, die Werthers Sehnsucht nach etwas Utopischen, der pantheistischen Entrückung in die Ewigkeit des Göttlichen, anklingen lässt.[11]

Doch kann ihm dies nicht vollends gelingen. Werthers Probleme klingen also bereits in einem Brief an, der eigentlich sein positives Gefühl darstellt, welches durch die Schönheit der Natur belebt wird. Er möchte sie nicht nur visuell erleben, sondern auch künstlerisch rezipieren. Im Anklingen des Todesthemas wird also das Bild des Scheiterns bereits zu Anfang des Romans eingeleitet. Er kann das, was er visuell aufnimmt nicht mimetisch in Worte und in Bilder fassen, er kann die Natur also nicht adäquat rezipieren.[12] Hierbei lässt sich bereits eine leise Wahrnehmungskritik feststellen. Die Unmöglichkeit der präzisen Wiedergabe seines visuellen Eindrucks macht Werther unzufrieden, obwohl ihm bewusst sein müsste, dass eine direkte Übertragung des Betrachteten in künstlerische Produktivität nicht möglich ist.

„Aber ich gehe darüber zugrunde, ich erliege unter der Gewalt der Herrlichkeit dieser Erscheinungen.“[13]

Die von Werther beschriebenen Landschaften können somit als Projektionen seiner Seele definiert werden. In seiner freudigen Gemütsverfassung zu Beginn des Romans werden die positiven Seiten der Natur besonders herausgehoben, doch wird auf Grund seines utopischen Strebens nach einer mimetischen Wiedergabe der Natur, das Scheitern seines Vorhabens bereits in diesem fröhlich gehaltenen Brief eingeführt.[14]

Der Brief vom 18. August 1771 scheint eine Art Übergangsphase in Werthers Gefühlswelt zu markieren.

Musste denn das so sein, dass das, was des Menschen Glückseligkeit macht, wieder die Qual seines Elendes würde? Das volle warme Ge- fühl meines Herzens an der lebendigen Natur, das ich mit so vieler Wonne überströmte, das ringsumher die Welt mir zu einem Paradiese schuf, wird mir jetzt zu einem unerträglichen Peiniger […].[15]

Die Glücksgefühle, welche Werther noch im Mai aus der Natur schöpfen kann, kehren sich um und entwickeln sich zu „quälenden Geist[ern]“[16]. Das verwendete Präteritum in Werthers Darstellung zeigt mit besonderer Deutlichkeit, dass die Heiterkeit, die die Natur ihm vermittelt, zu einer vergangenen Zeit gehört. Die Natur, die er nun wahrnimmt kommt ihm wie ein verzerrter Rückblick eines Glücks vor, das er schon lange hinter sich lassen musste.[17] Die schöpferische Kraft der Natur verwandelt sich in diesem Brief in eine zerstörerische Naturmacht. „Abgründe“[18], „[u]ngeheure Berge“[19] und die stürzende „Wetterbäche“[20], Elemente die an die mittelalterlichen Naturängste der Menschen erinnern und im Mai noch Bestandteile einer Idylle darstellten, wandeln sich in einen „locus terribilis“ um.

Es kommt also zu einer Abänderung ihrer ursprünglichen Funktion. Die eigentliche Hintergrundkulisse entwickelt sich zu einer Seelenlandschaft: Werthers zerklüftete innere Natur wird durch die Grobheit der Berge symbolisiert, die Risse in seiner Seele stellen sich durch die tiefen Abgründe dar, sowie die stürzenden Fluten seine innere Aufgewühltheit charakterisieren.[21] Der unvermeidliche Wandel seines Naturgefühls, zeigt sich in der Literarisierung des „unzugänglichen Gebirge[s]“[22] und der „Einöde“[23], die seine Isolation in negativer Weise beschreiben. Sein gesamter Weltschmerz drückt sich in dieser Passage aus und so entwickelt sich „der Schauplatz des unendlichen Lebens […] in den Abgrund des ewig offenen Grabes“[24]. Das Bewusstsein des endgültigen Verlusts von Lotte und sein übersteigerter Anspruch an sich selbst, dem er in seinem Versuch des völligen Eingehens in die Natur nicht gerecht werden kann, lösen diesen Ekel vor sich selbst und der ihn umgebenden Welt aus und manifestieren sich in einem unabänderlichen Umschlag zur destruktiven Seite der Natur.[25]

Dieser im August verfasste Brief weist mit der Verschriftlichung von Werthers immer dunkler werdenden, visuellen Naturbeobachtungen auf die Übergangszeit zum Herbst hin. Denn dessen schwermütig-melancholische Erfahrungen fallen alle in weitaus düstere Jahreszeiten, genau wie in die Abendstunden und die Nacht.

„Wie die Natur sich zum Herbste neigt, wird es Herbst in mir und um mich her. Meine Blätter werden gelb und schon sind die Blätter der be- nachbarten Bäume abgefallen.“[26]

Werthers Leidenskurve zeichnet sich also deutlich auch an den Jahres- und Tageszeiten ab. Er selbst bezeugt, dass seine Gemütsverfassung sich an die Jahreszeit anpasst und umkehrt.[27] Kurz vor seiner Abreise in die städtische Residenz begleitet ihn beispielsweise das Bild des Sonnenuntergangs bei seinem letzten Treffen mit Lotte, welcher auch das Absinken seiner inneren Stimmung symbolisiert.[28]

„Ich […] sah der Sonne nach, die mir nun zum letzten Mal über dem lieblichen Tale, über dem sanften Fluss unterging.[29]

Werthers seelischer Tiefpunkt zeigt sich in vor allem in der Nacht. Wenn beispielsweise seine Gefühlswelt wieder über ihn hereinbricht und der Verlust Lottes erneut in sein Bewusstsein dringt, flüchtet er sich in die nächtliche Düsternis des Waldes.

„Und - Wenn nicht manchmal die Wehmut das Übergewicht nimmt […] - so muss ich fort […]! Und schweife dann […] durch einen un- wegsamen Wald [...], durch die Hecken, die mich verletzen, durch die Dornen, die mich zerreißen. […] manchmal in der tiefen Nacht, wenn der hohe Vollmond über mir steht […].“[30]

[...]


[1] Vgl. Poppe, Sandra: Visualität in Literatur und Film. Eine medienkomparatistische Untersuchung moderner Erzähltexte und ihrer Verfilmungen. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2007. S. 317.

[2] Vgl. Seeger, Charlotte: Protokoll vom 14.06.2011. In: Hauptseminar Literarische Visualität, Sommersemester 2011.

[3] Vgl. Duesberg, Peter: Idylle und Freiheit. Ein Entwicklungsmodell der frühromantischen Landschaft in der Wechselwirkung von äußerer und innerer Natur. Frankfurt am Main u.a.: Peter Lang-Verlag, 1996. S. 224.

[4] Goethe, Johann Wolfgang von: Die Leiden des jungen Werther. Husum: Hamburger Lesehefte-Verlag, 2007. S. 33. Z. 25-26.

[5] Vgl. Duesberg, 1996. S. 225.

[6] Vgl. Müller-Salget, Klaus: Zur Struktur von Goethes <Werther>. In: Goethes <Werther>. Kritik und Forschung. Hg. v. Hans Peter Herrmann. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1994. S. 326.

[7] Goethe, 2007. S. 6. Z. 29.

[8] Vgl. Hauger, Brigitte: Individualismus und aufklärerische Kritik. Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther. Friedrich Nicolai: Freuden des jungen Werthers. Stuttgart: Klett-Verlag, 1987. S. 24-25.

[9] Goethe, 2007. S. 7. Z. 29.

[10] Vgl. Brown, Robert: Nature's hidden terror. Violent nature imagery in eighteenth-century Germany. Columbia: Camden House-Verlag, 1952. S. 83.

[11] Vgl. Hein, Edgar: Johann Wolfgang von Goethe. Die Leiden des jungen Werther: Interpretation. 2. Auflage. München: Oldenbourg, 1997. [Oldenbourg Interpretationen; Bd. 52]. S. 66-67.

[12] Vgl. Hauger, 1987. S. 25.

[13] Goethe, 2007. S. 7. Z. 13-14.

[14] Vgl. Hein, 1997. S. 66.

[15] Goethe, 2007. S. 43. Z. 13-18.

[16] Ebd. S. 43. Z. 18.

[17] Vgl. Duesberg, Peter: Idylle und Freiheit. Ein Entwicklungsmodell der frühromantischen Landschaft in der Wechselwirkung von äußerer und innerer Natur. Frankfurt am Main u.a.: Peter Lang-Verlag, 1996. S. 201.

[18] Goethe, 2007. S. 43. Z. 38.

[19] Ebd. S. 43. Z. 37.

[20] Ebd. S. 43, Z. 38.

[21] Vgl. Duesberg, 1996. S. 206.

[22] Goethe, 2007. S. 44. Z. 7.

[23] Ebd. S. 44. Z. 7.

[24] Ebd. S. 44. Z. 23-24.

[25] Vgl. Grathoff, Dirk: Der Pflug, die Nussbäume, der Bauernbursche: Natur im thematischen Gefüge des <Werther>-Romans. In: Goethes <Werther>. Kritik und Forschung. Hg. v. Hans Peter Herrmann. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1994. S. 397.

[26] Goethe, 2007. S. 66. Z. 1-3.

[27] Vgl. Daemmrich, Horst: Landschaftsdarstellungen im Werk Goethes – Erzählfunktion – Themenbereiche – Raumstruktur. In: Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte. Bd. 67. Stuttgart: Metzler-Verlag, 1993. S. 612.

[28] Vgl. Duesberg, 1996. S. 226.

[29] Goethe, 2007. S. 47. Z. 33-35.

[30] Goethe, 2007. S. 47. Z. 5-9.

Details

Seiten
25
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656406754
ISBN (Buch)
9783656407034
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v212354
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
3,0
Schlagworte
rolle funktion natur- landschaftsbeschreibungen vergleich goethes leiden werther maupassants

Autor

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Titel: Rolle und Funktion literarischer Natur- und Landschaftsbeschreibungen. Ein Vergleich zwischen Goethes „Leiden des jungen Werther“ und Maupassants „Une Vie“