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"Selbstregulative Erziehung" am Beispiel Summerhill nach Alexander Sutherland Neill

Hausarbeit 2013 19 Seiten

Pädagogik - Geschichte der Päd.

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Der Begriff der selbstregulativen Erziehung
2.1. Grundlagen und Bedeutung
2.2. Komplikationen bei der praktischen Umsetzung
2.3. Verwechselungsgefahr mit antiautoritärer Erziehung

3. Summerhill - Praxis der selbstregulativen Erziehung
3.1. Neills Leben, Einflüsse und pädagogisches Paradigma
3.1.1. Biographie
3.1.2. Einfluss von Homer Lane und Wilhelm Reich
3.1.3. Philosophie und pädagogisches Paradigma
3.2. Ausgewählte Grundprinzipien Summerhills
3.3. Freiwilliger Unterricht
3.4. Kritik an Summerhill

4. Kritische Würdigung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Bildung spielt seit dem 20. Jahrhundert eine - wenn nicht sogar die - zentrale Rolle für die Zukunft des Individuums. Erworbene und nicht erworbene Bildungsabschlüsse stellen durch Selektion eine gesellschaftliche Determinante dar, die für die gesellschaftliche Position im Erwachsenenleben ausschlaggebend sind.

In Zeiten der Zunahme prekärer Lebensbedingungen, finanziellen Kürzungen im Bildungsbereich und immer schlechteren Abschneidens vieler Länder im Rahmen der PISA-Studie ist die Suche nach Alternativen zum bestehenden Bildungssystem und den angewandten Erziehungsmethoden von zunehmender Bedeutung.

Zwar widmet man sich der Problematik der Schulverweigerung durch absichtliches Fernbleiben vom Unterricht, untersucht jedoch nicht die grundlegenden Ursachen. Man zwingt die oftmals diffamierten „Schwänzer“ durch polizeiliche Autorität am Unterricht teilzunehmen oder sorgt für die Suspendierung von Schülern an Oberschulen statt sich deren individueller Probleme anzunehmen. Es ist ein Teufelskreis, der innerhalb des bestehenden Bildungssystems kaum lösbar erscheint.

Immer mehr Menschen erkranken an psychischen Störungen, die vor allem durch gesellschaftlichen Druck und ökonomische Zwänge verursacht werden. Erich Fromm, ein Sozialpsychologe der Frankfurter Schule, kritisierte 1977 in einem Fernsehinterview die Normopathie der Gesellschaft, welche zur Anpassung und Entfremdung des Individuums führe.

Alexander Sutherland Neill beschäftigte sich nach seiner Ausbildung mit Erziehung und dem pädagogischen Verhältnis, dabei erkannte er sehr schnell, dass die Kindheit zu Ungunsten der Kinder durch die Erwachsenen determiniert ist und keine Freiräume zur freien Enfaltung offen lässt. Er entwickelte das reformpädagogische Konzept der „selbstregulativen Erziehung“ und gründete auf dieser Grundlage die erste erfolgreiche freie Schule namens „Summerhill“.

In der folgenden Arbeit wird die Theorie der selbstregulativen Erziehung anhand der Praxis von „Summerhill“ genauer untersucht.

2. Der Begriff der selbstregulativen Erziehung

2.1. Grundlagen und Bedeutung

Der Begriff „Selbstregulation“ wurde vom Psychoanalytiker und Psychiater Wilhelm Reich begründet, der A.S. Neill stark beeinflusste. Es ist nicht möglich, Kindern zu sagen „welche Art von Welt sie schaffen werden oder schaffen sollen“, als Erzieher kann man die Kinder aber „mit der Art von Charakterstruktur und biologischer Kraft ausrüsten, die sie befähigt, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, ihre eigenen Wege zu finden und in rationaler Weise ihre eigene Zukunft und die ihrer Kinder zu gestalten“. (Reich, 1950)

Reich arbeitete auf dem Feld der Charakteranalyse und unterteilte den Mensch bezüglich seiner Persönlichkeit in drei Schichten. Die erste Schicht sei sein „biologischer Kern“, demzufolge der Mensch von Natur aus „weltoffen, sozial, liebes- und kontaktfähig“ ist. Durch Unterdrückung mit repressiver Erziehung kommt es zum Konflikt, der sich in „Angst und Agression“ in der zweiten Schicht äußert, die frei nach Freud das „verdrängt Unbewusste“ repräsentiert. Die dritte und letzte Schicht ist die „soziale Fassade“ der „Anpassung“, die sich in übertriebene Freundlichkeit und Nachgiebigkeit äußert. Jedes unerfüllte Bedürfnis führt zu psychosomatischen Manifestierungen, die Reich als „Panzerung“ bezeichnet. (vgl. Reich, 1971) Die Zielsetzung der selbstregulativen Erziehung beginnt bei der natürlichen Entwicklung des Kindes. So soll durch freie Erziehung im liebe- und respektvollen Umgang verhindert werden, dass der „biologische Kern“ des Kindes gestört wird und es zu einem Konflikt kommt, der eine „Panzerung“ des Kindes verursacht. Reich strebt in allen Lebensbereichen die Anwendung von Selbstregulation an, diese weitläufigen Tätigkeiten werden hier aber aus Platzgründen nicht näher erläutert.

A.S. Neill begann schon in den 20er Jahren seine pädagogischen Ideen umzusetzen, jedoch fehlte ihm eine Bezeichnung seiner Ansätze und Theorien. Durch den engen Kontakt zu Wilhelm Reich und der Inspiration durch seine Arbeit entschied er sich später, die angewandte Erziehungsmethode in Summerhill „selbstregulative Erziehung“ zu nennen.

Dennoch ist eine eindeutige Definition von Selbstregulation laut Liekenbrock kaum möglich, da das Erziehungsmodell „auf situativen Interaktionen basiert“. Sie bezieht sich auf A.S. Neill, der der Meinung war, Selbstregulation könne nur „vom Herzen kommen“ und zitiert Matthew Appleton, der 1997 schrieb: „Selbstregulation ist eine Haltung zu Kindern und letztlich auch eine Haltung zum Leben“. (Liekenbrock, 2002)

„Wenn wir konsequent den Absichten und Bedürfnissen des Kindes entgegenkommen, es mit dem nötigen Respekt behandeln, erziehen wir das Kind in natürlicher Weise, sich entgegenkommend zu verhalten und die Bedürfnisse anderer ebenso zu respektieren“. (Liekenbrock, 2002) Im Gegensatz zu dieser Grundannahme der Selbstregulation steht die autoritäre Erziehung, die ohne weitere Reflektion das Prinzip des Erlernens und der bloßen Aneignung von normativen Verhaltensweisen als Erziehungsideal verfolgt. Desweiteren zitiert Liekenbrock den Referenten eines Diskussionsabends an der Montessori-Schule Breitbrunn K. Heimann "Wir können uns intellektuell darüber auseinandersetzen, wie weit Kinder zu Selbstregulation und Selbstbestimmung fähig sind, - wir können aber auch darüber reden, warum wir Erwachsenen so Schwierigkeiten haben, der selbstregulierenden Lebenskraft unserer Kinder zu vertrauen".

Selbstregulation verfolgt letztendlich den kategorischen Imperativ, den Kant 1781 in der „Kritik der reinen Vernunft“ folgendermaßen formulierte: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“. Neills Tochter Zoe Readhead fasste es so zusammen, das „jeder frei ist, sein eigenes Leben zu leben und zu tun was ihm gefällt“, solange er damit „niemand anderen stört“ (Readhead, 2012)

2.2. Komplikationen bei der praktischen Umsetzung

Das Konzept der Selbstregulation vertritt erstrebenswerte Ideale die zur gesunden Entwicklung eines Kindes beitragen können. So einfach das klingt, so kompliziert ist die eigentliche Praxis dieser Theorie. Kerstin Liekenbrock formulierte 2002 in ihrer Diplomarbeit „Selbstregulation“ einige Aspekte der Schwierigkeiten bei der praktischen Umsetzung von selbstregulativer Erziehung.

Der gesellschaftliche, politische und ökonomische Druck auf die Familie ist enorm. Liekenbrock stellt das „Bindeglied zwischen Individuum und Gesellschaft“ dar, wobei Familienstrukturen einerseits „gesellschaftliche Normen prägen“, andererseits Normen „Druck auf einzelne Familien“ ausüben. Wer sein Kind selbstregulativ erziehen möchte muss sich also mit den „Konformitätszwängen“ konfrontieren. Er wird dabei sowohl an seine „persönlichen Grenzen“, als auch an die Grenzen der gesellschaftlichen Toleranz und Akzeptanz dieser Erziehungsart stoßen. Wichtig ist also der „Glaube an das Kind“, sich nicht „verunsichern [zu] lassen“ und dabei immer „Vertrauen [zu] haben“. Es gilt stets „hinter dem Kind“ zu stehen. Selbstregulative Erziehung erfordert eine Menge Empathie, die nicht jeder besitzt. Einerseits ist es nicht allen Menschen möglich sich „in andere Gefühlswelten hineinzuversetzen“, selbst das verinnerlichte „traditionell-hierarchische Denkmuster“ abzulegen oder über seinen eigenen Ängsten zu stehen. All diese Aspekte können die „Authentizität“ des Erziehers in Frage stellen und zu einem ganz anderen Ergebnis führen als dem eigentlichen Erziehungsziel.

Liekenbrock stellt in Anlehnung an A.S. Neill fest, dass Selbstregulation „kein Erziehungsstil ist, für den man sich entscheidet“, sondern vielmehr eine „wert- schätzende Grundeinstellung“ darstellt, die der Erzieher verinnerlicht haben muss.

2.3. Verwechslungsgefahr mit antiautoritärer Pädagogik

Die Ersterscheinung von A. S. Neills Buch „Erziehung in Summerhill“ fand kaum Begeisterung und verkaufte sich nur sehr schlecht. Kurz darauf veröffentlichte 1969 der Rowolth Verlag das Buch noch einmal unter dem Titel „Theorie und Praxis der antiautoritären Pädagogik“ und innerhalb weniger Monate wurde das Buch zum Bestseller der antiautoritären Studentenbewegung, die das Buch für ihre Zwecke missbrauchte und instrumentalisierte.

Es ist daher nicht verwunderlich, dass Neills in dem Buch niedergelegtes Konzept der selbstregulativen Erziehung oft als antiautoritäre Erziehung missverstanden wurde. Neill bestritt, dass der Inhalt dieses Buches politisch ist. Des Weiteren habe nicht er den neuen Titel ausgewählt, sondern der Verlag. Er distanzierte sich davon, dass „verschiedene junge Deutsche versuchen, das Buch in ihrem Kampf für Kommunismus oder Sozialdemokratie oder was auch immer zu verwenden“ (Neill, 1972).

Margit Zellinger unternimmt in ihrer Diplomarbeit „Summerhill Heute“ von 1996 den Versuch, selbstregulative und antiautoritäre Erziehung gegenüberzustellen. Die antiautoritäre Pädagogik gehöre zur „revolutionierenden Richtung“, welche repressionsfreie Erziehung mit „Zielen des Klassenkampfes“ verbände. Die Studentenbewegung setzte also mehr darauf, Klassenbewusste Objekte im Kampf für eine sozialistische Revolution zu erziehen, anstatt sie als Subjekte selbst herausfinden zu lassen was richtig und falsch ist. Claßen spricht sogar von „autoritärer Manipulation“ gegenüber dem Zögling.

Gegenüber der revolutionierenden findet sich die individualistische Richtung, zu welcher nach Zellinger Neill zugeordnet werden kann. Es ging Neill nicht darum, die Gesellschaft zu verändern, sondern „wenigstens einige Kinder glücklich zu machen“ (Neill, 1969). Für ihn war jede Autorität abzulehnen, die die Selbstregulierung und freie Entfaltung des Kindes einschränkte.1970 sagte Neill spöttisch in der Zeitung ‚DIE ZEIT' bei einem Interview „Summerhill ist dann autoritär, wenn unter ‚Autorität‘ die Herrschaft der Erwachsenen über die Kinder verstanden wird“. Die einzige Autorität in Summerhill ist nach Zellinger die Vollversammlung, die aus allen Schülern und Lehrern in Summerhill besteht, wobei die Kinder immer die absolute Mehrheit haben Dem Konzept der autoritären Erziehung, die „frei von Erziehung“ ist, steht die selbstregulative Erziehung als „freie Erziehung“ gegenüber. Eine Dokumentation über „Die Summerhill Schule“ 1980 berichtete, dass viele „freiheitlich“ mit „zügellos“ verwechseln. In Summerhill ist die Autorität nicht abgeschafft, sie verschiebt sich lediglich von der Allmacht der Erwachsenen auf die Gesamtheit aller Schüler und Lehrer Summerhills. Die Autorität liegt also bei der Vollversammlung, dem höchsten Entscheidungsorgan, das absolut demokratisch aufgebaut und konzipiert ist.

Antiautoritäre Pädagogik verfolgt unbewusst oder willentlich primär das Ziel einer Politisierung bzw. politischen Erziehung, die oftmals auch Tendenzen zur anarchischen Laissez-Faire-Erziehung hat. Es geht also nicht um die freie Entfaltung, sondern um eine Form der Manipulation der Kinder, die vielleicht gar nicht die Intention hat manipulativ zu sein. A.S. Neill hingegen spricht davon, dass Summerhill die Kinder nicht „indoktrinieren“ und „beeinflussen“ will, sondern durch Freiheit und Liebe die Entwicklung „guter Menschen“ fördert. (Neill, 1983)

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Details

Seiten
19
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656405139
ISBN (Buch)
9783656405412
Dateigröße
912 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v212220
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Institut für Pädagogik
Note
Schlagworte
selbstregulative erziehung beispiel summerhill alexander sutherland neill

Autor

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