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Schwangerschaftsabbruch und Moral

Der moralische Status des Embryos

Hausarbeit 2008 18 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Verschiedene Auffassungen des Personenbegriffs

3. Die konservative Position
3.1 Das Kontinuitätsargument
3.2 Identitätsargumente
3.3 Das Potentialitätsargument
3.4 Zusammenfassung
3.5 Religiöse Standpunkte zum Thema moralischer Status
3.6 Probleme der konservativen Position

4. Liberale Positionen
4.1 Die Position Peter Singers
4.2 Die Position Richard M. Hares
4.3 Die Position Judith Jarvis Thomsons

5. Fazit und eigene Meinung

6. Literatur

1. Einleitung

Der zentrale Punkt aus medizinethischer Perspektive zum Thema Schwangerschaftsabbruch ist die Frage, ob dem Embryo dasselbe Lebensrecht zukommt wie einem Erwachsenen oder anders formuliert: Welcher moralische Status kommt Embryonen zu? Diese Frage möchte ich in meiner Hausarbeit aus verschiedenen Perspektiven bearbeiten.

Die Klärung des moralischen Status des Embryos impliziert zunächst die Frage, wann aus dem beginnenden menschlichen Leben eine Person wird, und zwar insofern, dass ihm ein Recht auf Leben und Menschenwürde zukommt. Dazu muss zunächst der Begriff der Person eindeutig bestimmt werden. Im ersten Teil meiner Arbeit werde ich verschiedene Auffassungen zum Personbegriff und ihre Konsequenzen zur Klärung der Statusfrage darstellen.

Der Embryo kann allerdings auch nach einem zweiten Prinzip charakterisiert werden. Man kann ihn nämlich auch als etwas ansehen, dass zwar noch keine Person ist, aber was zur Person werden kann. Dieses Prinzip des Personwerdens wirft die Frage auf, ob die Prozesshaftigkeit des Lebens generell einen Grund darstellt, um Werdendes moralisch genauso zu bewerten wie das Seiende, welches sich aus dem Werdenden entwickelt. Diese Frage kann durch drei verschiedene Argumentationsgänge beantwortet werden. Sie werden im Punkt Die Konservative Position behandelt. Anschließend werde ich eine weitere konservative Haltung zum Thema darstellen, nämlich die aus religiöser Sicht.

Es gibt aber auch Argumentationsweisen, die weder auf Religion noch auf den drei Argumenten aus der konservativen Position beruhen. Dazu werde ich im Punkt Liberale Positionen drei populäre Standpunkte erläutern. Am Ende der Hausarbeit steht das aus den Ausführungen resultierende Ergebnis.

2. Verschiedene Auffassungen zum Personbegriff

Für die Definition des Begriffs ‚Person’ gibt es zwei elementare Versuche: ‚Person’ kann zum einen mit dem Begriff ‚Mensch’ gleichgesetzt werden, also lebender Organismus, der der menschlichen Spezies angehört. Zum anderen kann ‚Person’ als lebender Organismus, der bestimmte für Personen typische Eigenschaften, über eine bloße Zugehörigkeit zur Spezies Mensch hinaus, angesehen werden. Mit einer Definition wie der ersten ist die Frage nach dem Status des Embryos klar zu beantworten: Ab der Verbindung von Eizelle und Spermium gehört der Embryo der menschlichen Spezies an und ist somit Person. Bei der zweiten Definition ergeben sich dagegen Schwierigkeiten: Es müssen erst einmal Eigenschaften, die charakteristisch für Personen sind, festgelegt werden, die zusätzlich noch für alle Menschen gleichermaßen Gültigkeit haben. Dazu werden im Folgenden verschiedene Auffassungen des Personbegriffs dargestellt.

Nach Hugo Tristram Engelhardt[1] dürfe der Begriff Person nicht mit dem Begriff Mensch gleichgesetzt werden. Denn Personsein im moralischen Sinn und Menschsein im biologischen Sinn sind voneinander unabhängig. Es kann demnach durchaus sein, dass es Menschen gibt, die keine Personen sind und, dass es Personen gibt, die keine Menschen sind. Wesen sind nur Personen, wenn sie über personale Fähigkeiten verfügen. Zu diesen Fähigkeiten zählen Selbstbewusstsein, Rationalität und minimale Moralität. Wesen mit diesen Fähigkeiten gelten für Engelhardt als Personen im strengen Sinne. Sie verfügen über eine Vernunftbegabung und können absichtlich, willentlich und moralisch handeln. Demzufolge wären ungeborene Menschen, Kinder und geistig schwer behinderte Menschen keine Personen. Ihnen käme kein intrinsischer moralischer Wert zu somit auch kein intrinsisches Recht auf Leben. Die Bestimmung des moralischen Status von Wesen, denen nicht der Status einer Person zukommt, obliege, laut Engelhardt, friedlichen Verhandlungen und Entscheidungen einer Gemeinschaft, die aus moralischen Agenten besteht. Die Kriterien solcher Beurteilungen sind die Interessen der von der Entscheidung betroffenen Personen im strengen Sinne. Bei ungeborenen Menschen hätten beispielsweise die Eltern ein Interesse an ihnen, folglich würden Embryonen einen extrinsischen Wert besitzen.

Carol Ann Tauer[2] wiederum unterscheidet zwischen Personen im strengen Sinne und Personen im psychischen Sinne. Dabei deckt sich ihre Position zu Personen im strengen Sinne mit Engelhardt. Personen im psychischen Sinne hingegen verfügen über das Potential, eine Person im strengen Sinne zu werden. So ist eine Person im strengen Sinne immer erst Person im psychischen Sinne, und zwar schon vor der Geburt. Dieses begründet Tauer damit, dass es eine psychische Identität zwischen dem Embryo und der daraus entstehenden späteren Person gebe. Diese Identität besteht aus den unbewussten Erfahrungen des Embryos im Mutterleib, die die Psyche der späteren Person zusammen mit den späteren unbewussten und bewussten Erfahrungen prägen. Ein derartiger Personbegriff hat zur Folge, dass der Embryo schon immer Person ist.

Eine weitere Auslegung des Personbegriffs liefert Marjorie Reiley Maguire.[3] Ihre so genannte ‚Bundesschluss-’ oder auch ‚Vertragstheorie’ basiert nicht auf einer empirischen Definition des Personbegriffs, sondern geht von einem relationalen Ausgangspunkt aus, nämlich dem Verhältnis zwischen Mutter und Embryo. Das Element, welches Personsein bestimmt, ist die Mutter, indem die das Kind akzeptiert. Der Zeitpunkt, an dem etwas zur Person wird, ist daher der, an dem die Mutter sich an das Kind gebunden fühlt. Daraus folgt, dass, falls die Mutter der Schwangerschaft nicht zustimmt, dem Embryo kein Personenstatus zugesprochen wird. Mit einer solchen Ansicht zum Personbegriff sind Schwangerschaftsabbrüche moralisch nicht verwerflich, da keine Personen betroffen sind.

Doch ganz davon abgesehen, für welche Definition des Begriffs ‚Person’ man sich auch entscheidet, sollte zusätzlich bedacht werden, dass Personalität zwar ein hinreichender Grund dafür ist, jemandem Lebensschutz zuzuschreiben. Andererseits ist das Fehlen von Personalität kein ausreichendes Argument dafür, ein Tötungsverbot aufzuheben. Denn auch wenn Embryonen kein Personenstatus anerkannt werden kann, so bleibt ihr moralischer Status allenfalls offen.[4]

3. Die konservative Position

Bei einer konservativen Position wird versucht zu zeigen, dass Embryonen bereits ab der Befruchtung der Eizelle den gleichen maximalen moralischen Status besitzen wie ein erwachsener Mensch. Dazu gibt es drei Arten der Argumentation, die sich dem Prinzip des Personwerdens widmen: das Kontinuitätsargument, die Identitätsargumente und das Potentialitätsargument.

Die Kontinuitätsargumente besagen, dass es keinen feststellbaren Punkt in der prozesshaften Entwicklung menschlichen Lebens gibt, an dem die Existenz einer Person beginnt. Demnach wäre jede moralische Zäsur willkürlich. Eine weitere Form der Argumentation plädiert für das Identitätsverhältnis zwischen dem Embryo und dem Erwachsenen, zu dem er sich entwickeln kann. Die Konsequenz ist, dass ein Embryo ebenso nicht getötet werden darf wie der Erwachsene. Die Potentialitätsargumente unterscheiden sich insofern von den Identitätsargumenten, als dass hierbei nicht davon ausgegangen wird, dass der Embryo mit dem späteren Erwachsenen identisch ist, sondern dass er eine potentielle Person ist und ihm deshalb ein Recht auf Leben zukommt.[5] Im weiteren Verlauf werden diese drei Arten von Argumentationen näher erläutert.

3.1 Das Kontinuitätsargument

Das Kontinuitätsargument kann wie folgt zusammengefasst werden: Aus den Prämissen, dass es moralisch falsch ist, einen Menschen zu töten und dass ein Neugeborenes ein Mensch ist, folgt zunächst, dass es falsch ist, ein Neugeborenes zu töten. Fügt man daran eine weitere Prämisse, die besagt, dass es keinen moralisch relevanten Unterschied zwischen einem Neugeborenen und dem Ungeborenen in jedem Stadium der Entwicklung gibt, so folgt daraus, dass es moralisch verwerflich ist, einen Embryo in jeglichen Entwicklungsstadien zu töten.[6] Diese Argumentation besagt demnach, dass zwischen Embryo und Erwachsenem eine kontinuierliche Entwicklung liegt. Es wird dabei nicht ein bestimmter Aspekt oder eine Eigenschaft betrachtet, sondern der Entwicklungsprozess überhaupt. Der Grundgedanke ist, dass es schwierig ist, in der Entwicklung des Embryos einen moralisch signifikanten Einschnitt zu finden. Selbst Peter Singer, Vertreter einer liberalen Position, muss sich bei einer Suche nach einer moralisch relevanten Trennungslinie in der Entwicklung geschlagen geben. Er beschreibt die einzelnen signifikanten Entwicklungspunkte wie folgt[7]: Die sichtbarste Trennungslinie ist die Geburt. Allerdings ändert die räumliche Lage nichts an dem Bewusstseinsgrad oder der Fähigkeit Schmerz zu empfinden und ist somit nicht moralisch relevant. Als zweites könnte die Lebensfähigkeit ein Kriterium darstellen. Allerdings hängt die Zeit, in der ein Embryo außerhalb des Mutterleibes überleben kann, von dem Stand der Medizin und Technik und vom Geburtsort ab, nicht von der Natur des Embryos. Nach der katholischen Theologie wäre die Bewegung des Embryos ein Kriterium, denn danach solle das der Zeitpunkt der Beseelung sein. Eine solche Meinung ist jedoch überholt. Zudem wird einem Gelähmten auch nicht das Lebensrecht abgesprochen nur, da er sich nicht bewegen kann.

Der Versuch, eine moralische Zäsur zwischen zu schützendem und nicht zu schützendem Leben zu ziehen, ist also nicht möglich. Folglich wird es auch als reine Willkür abgetan, falls versucht wird, einzelnen Entwicklungsphasen moralische Bewertungsstufen zuzuordnen. Aber es wird nicht erläutert, warum eine moralische Wertunterscheidung in kontinuierlichen Zusammenhängen oder in Bezug auf die Statusbestimmung unerlaubt sein soll. Deswegen sind diese Argumente eher defensiv. Sie entkräften zwar andere Argumente, aber bringen keine eigenen Bedingungen für das Recht auf Leben hervor. Die Relevanz der Entwicklungsfähigkeit müsste zusätzlich begründet werden.[8]

3.2 Identitätsargumente

Identitätsargumente können auf folgende Weise grob beschrieben werden: Man kann annehmen, dass für einen erwachsenen Menschen ein Tötungsverbot gilt. Ist nun ersichtlich, ab wann dieser Mensch mit sich selbst identisch war, ist auch klar, ab wann das Tötungsverbot gilt. Stellt sich heraus, dass der Erwachsene schon mit sich als Embryo identisch ist, so fällt auch der Embryo unter das Tötungsverbot. Da Identitätskriterien für alle Menschen gleichermaßen Geltung haben, würden somit alle Embryonen unter dieses Verbot fallen.[9] Hierbei kann das Identitätsverhältnis zwischen Embryo und Erwachsenen auf zwei Arten verstanden werden, nämlich als numerische und als genetische Identität. Allerdings überschneiden sich bei Menschen nach der Geburt die beiden Identitätstypen. So ist jemand numerisch identisch, da er einen Körper hat, wobei dieser Körper der Träger der Gene ist und somit auch das Kriterium der genetischen Identität erfüllt. Aber trifft dieses auch auf den Embryo in all seinen Entwicklungsstadien zu? Betrachtet man den Zeitraum der ersten 14. Tage nach der Befruchtung, so ist noch nicht zu erkennen, ob sich ein Individuum oder sogar zwei Individuen herausbilden. Demnach wäre die befruchtete Eizelle vor dieser Erkenntnis nicht ein Individuum, das ein anderes erschafft, und auch keines, welches stirbt und dadurch zur Entstehung zweier anderer führt, sie wäre schlicht kein menschliches Individuum.[10] Zudem ist es kurz nach der Befruchtung noch nicht möglich zu sagen, welcher Teil sich zum Embryo und was sich zur Plazenta entwickelt.[11]

Obwohl beide Argumente gegen eine Identität zwischen der Zygote ab Befruchtung und dem späteren Erwachsenen sprechen, sind sie dennoch nicht ausreichend, um einen Zuspruch des Lebensschutzes ab diesem Zeitpunkt zu verneinen. Denn den Vertretern der Identitätsargumente geht es hauptsächlich darum, den Bereich für Lebensschutz zu maximieren. Da sich wenigstens ein Teil der Zygote zu einem Individuum entwickelt, ist dies Grund genug, sie unter ein Tötungsverbot zu stellen. Im Fall der Zwillingsbildung müssten sogar zwei Individuen geschützt werden.

Eine viel wichtigerer Aspekt ist, zu begründen, warum Identität, sei es nun numerische oder genetische, überhaupt moralisch relevant sein soll. Bei numerischer Identität sind die Gegenargumente, dass andere Lebewesen auch numerische Identität aufweisen und dennoch kein moralischer Wert daraus abgeleitet wird. Das Argument der genetischen Identität ist zunächst nicht von der Hand zu weisen. Jedoch kommt einem menschlichen Erwachsenen nicht bloß deshalb der maximale moralische Status zu, weil er ein Repräsentant seiner Gene ist. In einem solchen Fall würde dann das Tötungsverbot nicht direkt den Menschen betreffen, sondern viel eher seine Gene. Die Gene könnten allerdings leicht geschützt werden, indem man einfach ein paar Zellen einfriert.[12]

Bleibt nur noch die Personenidentität zu diskutieren. Geht man von Lockes[13] Erinnerungskriterium für Identität aus, welches besagt, dass die Identität einer Person soweit reicht, wie diese Person Bewusstsein von vergangenen Taten oder Gedanken hat, haben Embryonen und Erwachsene nicht dieselbe Identität. Ganz davon abgesehen, dass der Embryo keinerlei Gedanken hat, könnte er sich auch sonst nicht an sie erinnern.

Demnach besitzen alle Arten des Identitätsargumentes keine ausreichende moralische Relevanz.

[...]


[1] Nach Kaminsky „Embryonen, Ethik und Verantwortung“, S. 138 ff.

[2] Ebd., S. 146 ff.

[3] Nach Düwell, Mieth (Hrsg.) „Ethik in der Humangenetik“, S. 305 ff.

[4] Leist „Um Leben und Tod“, S. 27.

[5] Kaminsky „Embryonen, Ethik und Verantwortung“, S.87.

[6] Leist „Eine Frage des Lebens“, S. 50 f.

[7] Singer „Praktische Ethik“, S. 148 ff.

[8] Kaminsky „Embryonen, Ethik und Verantwortung“, S. 92.

[9] Leist „Eine Frage des Lebens“, S. 104.

[10] Ebd., S. 112.

[11] Düwell, Mieth (Hrsg.) „Ethik in der Humangenetik“, S. 311.

[12] Leist „Eine Frage des Lebens“, S. 113.

[13] Nach Ebd., S. 107.

Details

Seiten
18
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656400493
ISBN (Buch)
9783656400905
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v212170
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
1,0
Schlagworte
status embryos

Autor

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Titel: Schwangerschaftsabbruch und Moral