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Terrorismusanalyse - Das Problem der kollektiven Handlung am Beispiel der ersten Generation der Roten Armee Fraktion

Diplomarbeit 2003 122 Seiten

Soziologie - Recht, Kriminalität abw. Verhalten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Terrorismus - Begriffsbestimmung
2.1 Minderheiten
2.2 Politische Handlungsstrategie
2.3 Gewalt
2.4 Stimmung des Schreckens
2.5 Umsturz des politischen Systems
2.6 Legitime Mittel der Gewaltsamkeit herausfordern
2.7 Provokation

3. Herrschaftsentzug
3.1 Frustrationstheorien
3.2 Machttheorien

4. Die RAF
4.1 Die RAF im Überblick
4.1.1 Die Geburtsstunde der RAF
4.1.2 Vorbereitung von Anschlägen
4.1.3 Die Anschläge
4.1.4 Die Führungsriege der RAF in Haft

5. Das Problem der kollektiven Handlung
5.1 Aus der Sicht des Marktes
5.1.1 Gewinne erhöhen
5.1.2 Kosten senken
5.1.3 Ressourcen erhöhen
5.1.4 Verbesserung von Taktiken
5.1.5 Die Wahrscheinlichkeit erhöhen, einen Unterschied machen zu können
5.1.6 Unvollständige Informationen nutzen
5.1.7 Risikobereitschaft erhöhen
5.1.8 Die Art des öffentlichen Gutes verändern
5.2 Aus der Sicht der Gemeinschaft
5.2.1 Gemeinsames Wissen
5.2.2 Gemeinschaftliche Werte, welche das Selbstinteresse übersteigen
5.3 Aus der Sicht der Verträge
5.3.1 Self-Government
5.3.2 Tit-For-Tat arrangements
5.3.3 Mutual exchange agreements
5.4 Aus der Sicht der Hierarchien
5.4.1 Agenten und Unternehmer
5.4.2 Prinzipale und Patrone
5.4.3 Organisationsstruktur
5.4.4 Aufstellen, Überwachen und Durchsetzen von Vereinbarungen

6. Zusammenfassung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Terrorismus, damit wird zunächst wahrscheinlich bei allen Befragten der Anschlag auf das World Trade Center in den Vereinigten Staaten von Amerika, vom 11. September 2001, ins Gedächtnis gerufen, bei dem knapp 3000 Menschen ihr Leben verloren. Es ist ein Terrorismus, welcher seine fundamentalistischen Wurzeln in Nahost hat, ein Terrorismus, der seine religiösen Grundlagen zum Kampf gegen den Hauptfeind USA anführt. Dieser Terrorismus berührt Deutschland nur insofern direkt, als das eventuell deutsche Staatsbürger unter den Opfern des obengenannten Anschlages waren, die deutsche Wirtschaft durch Börsenschwankungen als Folge dieses Anschlages geschwächt wurde und dadurch, das vermeintliche Terroristen in Deutschland unerkannt Unterschlupf finden konnten. Jedoch ist Deutschland nicht das Ziel dieser Terroristen. Wenn man sich die Geschichte des eigenen Landes ins Gedächtnis ruft, sieht sich die Frage nach Terrorismus einer anderen Antwort gegenüber.

Nehmen wir als Stichwort Terrorismus in Deutschland. Damit wird sofort die Erinnerung an die Rote-Armee-Fraktion (RAF) wach, die zu Beginn der 70er Jahre ihren Kampf aufnahm und erst Ende der 90er Jahre offiziell ihre Auflösung proklamierte. Fünf Jahre ist es nun her, dass sich die RAF einer Öffentlichkeit mitteilte. Fünf Jahre ist es her, dass sie ihren bewaffneten Kampf beendeten und sich auflösten. Noch lange sind die Wunden ihrer schweren Anschläge nicht verheilt, und sie werden es wohl auch nie. Witwen und Witwer von Opfern der RAF leben heute noch und beklagen den Verlust ihrer Liebsten. Fünf Jahre war es relativ ruhig um die Terrororganisation. Doch nun rückt die RAF erneut ins Fadenkreuz öffentlicher Diskussionen. Für Ende 2004 ist eine Ausstellung geplant, welche sich der Geschichte der RAF annehmen soll. Ideologien und Wertvorstellungen die nicht als rein naiv abzustempeln seien, sollen vorgestellt werden und der kritischen Auseinandersetzung dienen. Ebenso soll die historische Entwicklung der RAF aufgezeigt und die Hauptakteure der Gruppe präsentiert werden. Knapp dreißig Jahre war die RAF Bestandteil der deutschen Geschichte. Dutzende Menschen mussten in Anschlägen und Attentaten ihr Leben lassen, viele weitere wurden verletzt. Groß war der Schrecken, den drei Generationen von Terroristen auf die Bundesrepublik ausübten und die Fahndungsorgane zu Hochleistungen herausforderten. Knapp dreißig Jahre die nicht in Vergessenheit geraten dürfen und daher eine kritische Diskussion verlangen. Doch das bisher erarbeitete Konzept der Ausstellung ist strittig. Angehörige von Opfern der RAF verweigern die Zusammenarbeit, weil sie eine unsachgemäße Aufarbeitung der Thematik befürchten. So äußerte sich auch Hergard Rohwedder, die Witwe des 1991 ermordeten Treuhand-Chefs Detlev Rohwedder, negativ über die Ausstellung und legte beim Bundeskanzler Protest ein, der die Verhinderung einer solchen Ausstellung erreichen sollte.

Es ist nicht nur persönliche Betroffenheit, sondern auch die Sorge, dass diese Ausstellung der vorhandenen Legendenbildung und Glorifizierung der RAF Vorschub leistet. Dies kann auch mit Blick auf die Jugend nicht gleichgültig sein. Eine Einigung besteht zur Zeit noch nicht, aber für eine finanzielle Förderung des Projekts verlangt die Bundeszentrale für politische Bildung unweigerlich die Zusammenarbeit zwischen der Projektleitung und den Angehörigen der RAF-Opfer, damit ein für alle Parteien zufriedenstellendes Ergebnis präsentiert werden kann. Die RAF schrieb ein dunkles Kapitel in die Bücher der deutschen Nachkriegsgeschichte und genau daher ist eine kritische Auseinandersetzung unumgänglich, um die Chance zu erhalten verstehen zu können, wie es zu einem solchen Phänomen kommen konnte. Es soll kein Mythos entstehen, es soll eine kritische Aufarbeitung dieses Themas ermöglicht werden. Dieser Meinung ist auch der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger, der sagt: „Die RAF darf kein Tabuthema in Deutschland sein.“

Neben diesen ganzen aktuellen Streitigkeiten um eine Ausstellung über eine Terrororganisation steht diese Diplomarbeit, welche sich dem Thema RAF auf eine andere Art und Weise nähert.

Weg von verblendeten, drogensüchtigen und frühzeitig kriminell handelnden Menschen, was den führenden Mitgliedern der ersten Generation der RAF zum Teil nachgesagt wird, steht die Rationalität ihres Handelns im Vordergrund. Die Ursprünge dieser terroristischen Vereinigung und ihre ersten Schritte hin zu, und in, der Terrorszene werden analytisch nach theoretischen Gesichtspunkten der Logik des kollektiven Handelns betrachtet. Die ersten sieben Jahre, von 1968 bis 1975, dienen dieser Arbeit als Vorlage um ein Verständnis dafür zu erarbeiten, warum die RAF den Einstieg geschafft hat und den bewaffneten Kampf aufnehmen konnte. Der Beginn ist dabei der interessante Aspekt. Wie schafft es eine Gruppe Menschen, die teilweise aus verschiedenen sozialen Schichten kommen und verschiedene Hindernisse vor sich haben, dennoch kollektiv ein Ziel zu verfolgen? Welche Grundvoraussetzungen lagen vor, die das Handeln der künftigen RAF begünstigten? Dabei werden verschiedene Lösungsmöglichkeiten angeboten und vorgestellt, und anschließend mit Blick auf die RAF überprüft. Das Phänomen kollektiver Handlung findet sich beispielsweise bei Demonstrationen, bei einer Panik, aber auch bei einer terroristischen Vereinigung wie der RAF wieder. In jeder Situation begründet sich die kollektive Handlung auf spezifische Weise, ist jeweils von unterschiedlichen Parametern abhängig. Welche Parameter nun bei der RAF zu finden sind, welche Bedingungen die kollektive Handlung der Gruppe förderte, wird in dieser Arbeit gezeigt. Dabei kommen Marktansätze, als auch Ansätze aus den Bereichen Gemeinschaft, Verträge und Hierarchien zur Sprache. Das Problem der kollektiven Handlung am Beispiel der ersten Generation der Roten Armee Fraktion wird aufgezeigt und die möglichen Lösungen an Beispielen verdeutlicht. Im Gegensatz zur Terrorgruppe Al-Quaida, welche zur Zeit noch aktiv und für den Anschlag am 11. September 2001 verantwortlich ist, zeigt sich bei der RAF der Vorteil, dass sie sich bereits aufgelöst hat und die Ergebnisse ihrer Handlungen bekannt sind. Dies erleichtert eine Analyse, macht sie gar erst möglich. Die Al-Quaida operiert heutzutage weiter, plant Anschläge und schützt seine Mitglieder vor Repressionen. In einer solchen Situation ist es nur schwer möglich konkrete Aussagen machen zu können.

Das Thema für diese Diplomarbeit ergab sich aus einer Mischung des Interesses an der Theorie des rational handelnden Akteurs, als auch aus der aktuellen Relevanz der Terrorismus-Thematik. Die geplante Ausstellung über die RAF bringt ihre Handlungen wieder ins Gespräch und in dieser Arbeit stehen rationale Aspekte dieses Handelns im Vordergrund, keine rein politischen oder gar religiösen. Die Aktionen der RAF sind auf rationalen Entscheidungen basierend bestimmt worden, was der Vergleich der Theorie mit der Praxis zu bekräftigen versuchen wird.

Die Struktur dieser Arbeit stellt sich wie folgt dar. Zunächst wird im Kapitel 2 eine Arbeitsdefinition von Terrorismus vorgestellt, welche als Grundlage für die Auseinandersetzung mit der RAF dient. Im Anschluss daran wird in Kapitel 3 der Herrschaftsentzug, nach Coleman, vorgestellt, der das Ziel der terroristischen Aktivitäten markiert. Folgend wird in Kapitel 4 ein kurzer Überblick über die Geschichte der RAF gegeben, der die Überleitung zu den Lösungsansätzen für das Problem der kollektiven Handlung darstellt, welchen sich das Kapitel 5 ausführlich widmet. Kapitel 6 schließlich präsentiert die wesentlichen Erkenntnisse in einer Zusammenfassung.

2. Terrorismus - Begriffsbestimmung

Bevor auf die einzelnen Lösungsmöglichkeiten des Problems der kollektiven Handlung (Collective Action, CA) eingegangen wird, steht nun zunächst der Begriff des Terrorismus im Vordergrund. Um von einer terroristischen Organisation sprechen zu können, muss der Begriff des Terrorismus, wie er in dieser Arbeit verstanden werden soll, erläutert werden. Die Definitionen von Terrorismus, welche in der Wissenschaft angeboten werden, sind zahlreich. Sie ähneln sich alle in Grundzügen, weisen aber im Detail Unterschiede auf. Auch wenn der Versuch Terrorismus zu definieren nach Laqueur weder möglich noch der Mühe wert sei (vgl. Hoffman, 2001, S. 50), wird an dieser Stelle dennoch eine Definition dargeboten, die dieser Arbeit als Grundlage dienen mag.

Nach Herfried Münkler ist Terrorismus „eine Strategie, mit der militärisch Unterlegene und Schwache sich die Möglichkeit des politischen Agierens mit den Mitteln der Gewalt durch eine weitreichende Asymmetrisierung der Konfliktaustragung verschaffen“ (Münkler, 2002, S.5). Friedhelm Neidhardt sieht im Terrorismus sieben Merkmale (kursiv geschrieben) und definiert ihn wie folgt. „Er ist eine von Minderheiten durchgeführte politische Handlungsstrategie, die sich des Mittels der Gewalt bedient, um bei Mehrheiten eine Stimmung des Schreckens zu erzeugen, die sich in dem Wunsch nach Umsturz des politischen Systems manifestiert. Das sechste, den Terrorismus von anderen Arten politischer Gewalt unterscheidende Merkmal sei, dass er das staatliche Monopol an legitimen Mitteln der Gewaltsamkeit herausfordert, indem er Anspruch auf Eigenlegitimität an Gewaltsamkeitsmitteln erhebt (Neidhardt, 1985, S.324). Ein wesentliches Mittel der „Delegitimierung staatlicher Herrschaft“ (Neidhardt, 1985, S.325) sei die „Provokation staatlichen Fehlverhaltens“ [ebda.]. Provokation lässt sich somit als das 7. Merkmal des Terrorismus anführen“ (Gerhards, 1999, S.383).

Neidhardts Definition von Terrorismus wird in dieser Arbeit herangezogen, um die später folgenden Aspekte der kollektiven Handlung einordnen zu können. Sie umfasst alle wesentlichen Elemente, die diese Art von Verhalten und Maßnahmen von gewöhnlicher Kriminalität und Gewaltbereitschaft abgrenzen. Bei der Frage, ob es sich bei Terrorismus um gewöhnliche Kriminalität handelt, antwortete Alfred Dregger 1977: „Nein. Denn gewöhnliche Kriminalität richtet sich nur gegen das Leben, die Freiheit und das Eigentum einzelner, aber nicht gegen die Rechtsordnung als Ganzes, gegen den Staat“ (zitiert in Marenssin, 1998, S. 21). Die sieben Punkte, welche Neidhardts Definition von Terrorismus zu Grunde liegen, werden nun im einzelnen beschrieben:

2.1 Minderheiten

Terroristen befinden sich gegenüber dem Regime, gegen das sie angehen, immer in der Unterzahl. Sie sind meist nur ein kleiner Kreis von Personen, die das bestehende System als solches auf eine Art und Weise verneinen, dass sie bereit sind, aktiv eine Veränderung herbeizuführen. Häufig sind es politische oder religiöse Randgruppen, die sich gegen das herrschende Regime auflehnen. Manchmal sind es aber auch nur einige Bürger, die aus verschiedenen Gründen, sei es selbst erlebte, oder aber nur wahrgenommene Ungerechtigkeit, ihre Unzufriedenheit gegenüber dem Regime in Terror ausarten lassen. In jedem Fall besteht zwischen Terroristen und Regime eine Asymmetrie. Nicht nur ein zahlenmäßiger Unterschied ist zu verbuchen, sondern grundsätzlich auch ein Gefälle zugunsten des Regimes, wenn es um die Möglichkeit geht Ressourcen, finanziell als auch materiell, mobil zu machen. Das Regime verfügt über wesentlich mehr Kapazitäten als die Terroristen. Terroristen können kaum die Massen mobilisieren und sich zu keiner Zeit der Unterstützung Dritter sicher sein. Sie handeln also stets unter Risiko.

2.2 Politische Handlungsstrategie

Terrorismus entsteht dort, wo eine andere Form der Einflussnahme auf das Regime gar nicht, oder nur sehr schwer möglich ist. Hätte man gute Aussichten, seine von der Sichtweise des Regimes abweichende Meinung mit einer Partei bei Wahlen durchzusetzen, würde man sich rational für diesen Weg entscheiden, da man die Kosten der Repressionen durch das Regime nicht auf sich nehmen müsste. Da aber Terroristen an sich aus Minderheiten erwachsen, ist die Option der Wahlen oder parteipolitischen Einflussnahme nicht gegeben. Mit ihrer geringen Stimmenanzahl bringen sie nicht genug Gewicht in die Waage. Terrorismus wird also dazu verwendet, politische Ziele durchzusetzen, die man auf anderen Wegen nicht erreichen kann.

2.3 Gewalt

Terrorismus ist mit Gewalt verbunden, Gewalt gegen Menschen, Gewalt gegen Sachen. Aufgrund der Asymmetrie der Situation Terroristen vs. Regime, der zahlenmäßigen, finanziellen und materiellen Unterlegenheit, findet der Terrorismus nur in der Gewalt ein Mittel, Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. „Der didaktische Zweck der Gewalt, [...], könne niemals effektiv durch Kampfschriften, Plakate oder Veranstaltungen ersetzt werden“ (Hoffman, 2001, S. 19). Gewaltsamkeit wird auch als Mittel angesehen, der Bevölkerung zu zeigen, dass das Regime zu schwach ist, diese Gewalt zu verhindern. Jeder gewalttätige Akt der Terroristen fordert das Regime zu einer Reaktion (siehe auch 2.7 Provokation) auf und destabilisiert das Herrschaftsverhältnis zwischen Regime und Bevölkerung.

2.4 Stimmung des Schreckens

Wie der Begriff Terror (latein. Schrecken) aussagt, handelt es sich um eine Handlungsstrategie, die Angst und Schrecken einsetzt, um sich ihren Zielen zu nähern. Die Stimmung des Schreckens wird durch gezielte Angriffe gegen die Infrastruktur, oder Personen des Regimes, herbeigeführt. Wesentliche Merkmale solcher Angriffe sind zum einen der Überraschungseffekt, der bis zum Zeitpunkt des Anschlags die Bevölkerung im unklaren darüber lässt, wer oder was wann angegriffen wird. Zum anderen ist auch die Wahl des Mittels zur Anschlagsausführung ein Merkmal des Schreckens. Ist es nun ein Bombenattentat, eine Entführung, oder die gezielte Ermordung einer Person? Werden unbeteiligte Personen geschädigt? Alle diese Unsicherheitsfaktoren helfen den Terroristen dabei Schrecken zu verbreiten. Eben dieser psychologische Vorteil dem Regime gegenüber hilft den Terroristen der Asymmetrie der Situation zu begegnen, indem sie das Regime daran hindern, seine Überlegenheit voll auszunutzen. Durch die hohe Unsicherheit, wann und wo welcher Anschlag als nächstes folgt, kann das Regime seine zur Abwehr des Anschlags nötigen Kräfte nicht ordentlich bündeln und gegen die Terroristen einsetzen.

2.5 Umsturz des politischen Systems

Dies ist das Ziel der Terroristen. Alle Legitimität soll dem Regime entzogen werden, die Basis seiner Herrschaft gilt es zu zermürben. Inhalte dieses Unterpunktes werden im nächsten Kapitel (Herrschaftsentzug) genauer betrachtet.

2.6 Legitime Mittel der Gewaltsamkeit herausfordern

Die Terroristen bemühen sich darum, die legitimen Gewaltmittel des Regimes für sich zu beanspruchen und somit das Regime bei der Nutzung dieser Mittel herauszufordern. Als Herrscher verfügt das Regime über Waffengewalt, zum Beispiel in Form von Armee und Polizei. Diese Gewalt setzt das Regime ein, um die Einhaltung von Gesetzen und Regeln zu erwirken. Die Terroristen verschaffen sich, unter anderem durch Diebstahl, Zugang zu Gewaltmitteln (Waffen, Munition, Sprengstoff) und setzen diese gegen das Regime ein. Das Regime ist daran interessiert, die Anwendung von Gewaltmitteln sich selbst zu überlassen und die illegitime Anwendung von Gewalt durch andere zu sanktionieren. Dies dient der Festigung der eigenen Herrschaftsansprüche. Denn nur derjenige kann problemlos herrschen, der das Gewaltmonopol auf seiner Seite hat. Durch die Aneignung und Anwendung von Gewaltmitteln seitens der Terroristen wird also an der Basis des Regimes gerüttelt, da die Monopolstellung angezweifelt wird. Dies führt nun zu Neidhardts siebten Punkt.

2.7 Provokation

Durch die zunächst illegitime Anwendung von Gewaltmitteln versuchen die Terroristen das Regime zu Reaktionen zu bewegen, die von der Bevölkerung ihrerseits als illegitim angesehen werden. Denn mit jeder Tat des Regimes, die als illegitim angesehen wird, schwindet die Unterstützung durch die Bevölkerung, und die Terroristen haben die Chance die Fehler des Regimes besser an Dritte zu kommunizieren. Da das Regime offenkundig einer gegebenen Situation nicht angemessen begegnen kann, kann ihre Inkompetenz auf andere Bereiche übertragen werden. Das Regime würde geschwächt, die Position der Terroristen gestärkt. Dies hat zum Ziel, dass die Anwendung von Gewaltmitteln seitens der Terroristen als legitim angesehen wird und dem Regime die Legitimität zur Ausübung von Gewalt entzogen wird, was schließlich ein weiteres regieren nicht möglich macht. Terrorismus ist an sich eine interessante Strategie, da sie nicht durch ihre Handlungen ihr Ziel erreicht, sondern durch die Reaktionen auf ihre Handlungen. „Dazu gehört auch das strategische Ziel terroristischer Aktionen, den Staatsapparat zu Maßnahmen zu provozieren, die mit der politischen Legitimation unvereinbar sind und die langfristig einen Prozess politischer Destabilisierung in Gang setzen“ (Münkler, 1992, S.154).

Terrorismus ist dadurch gekennzeichnet, dass er die zivile Infrastruktur als Waffe und die Bevölkerung als Schutzschild benutzt (vgl. Münkler, 2001). Anders als im Guerillakrieg, bei dem die Kämpfer die Ressourcen des eigenen Landes für ihren Widerstandskampf einsetzen und die Bevölkerung als Verbündete sehen, nutzen Terroristen Fremdressourcen (z.B. Diebstahl, Betrug) und tauchen in der fremden Masse unter, um unerkannt zu bleiben. Ein Problem, welches die Terroristen in jedem Fall haben, ist, dass sie niemals ein vollständiges Wissen über alle alternativen und Konsequenzen ihres Handelns haben und dadurch Misskalkulationen unausweichlich werden. Denn gerade, dass Terror provozieren soll, lässt viel Spielraum für unvorhersehbare Handlungen des Provozierten.

Der Terrorist handelt mithin in einer paradoxen Situation, da er den physischen Schaden den er anrichtet, in einigen Fällen eigentlich gar nicht will. Ihm geht es um den Schrecken als die psychische Komponente. Hiermit ist auch zu begründen, warum das Schicksal eventuell unbeabsichtigter Opfer von den Terroristen als geringfügig eingestuft und damit toleriert wird. Terror ist ebenso ein Mittel, um später auf Verhandlungselemente überzugehen (Zimmermann, 1983, S.20), indem man ihn als Maßnahme betrachtet, um Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Hat man diese erst einmal, kann man auf eine Verhandlungsbasis umschwenken und versuchen seine Ziele gegen das Regime durchzusetzen. Der Terrorismus kann nicht in jedem Fall als Möglichkeit betrachtet werden, in Verhandlungen einzutreten. Terrorismus mit einer zum Beispiel revolutionären Absicht wird niemals Verhandlungen anstreben, denn es geht um alles oder nichts. Da nach der hier zu berücksichtigenden Definition von Terrorismus dieser Verhandlungsaspekt ausgeschlossen ist und der Wunsch nach dem Umsturz des politischen Systems besteht, war er hier nur als weitere Möglichkeit kurz aufgeführt. Im weiteren grenzt sich der Terrorismus von Partisanen oder der Guerilla ab, da die Guerilla nicht unbedingt Schrecken ausüben, sondern angemessen Gewalt anwenden möchte (vgl. Marenssin, 1998, S. 72ff.) und sich der Terrorismus in der Regel aus seinem eigenen Land begibt um den Konflikt auszutragen. Viele terroristische Aktivitäten beschränken sich keineswegs auf das eigene Land. Terroristen gehen in andere Länder, um deren Ressourcen und deren Bevölkerung zu nutzen. Wie das Beispiel der RAF noch zeigen wird, wurden auch in diesem Fall fremdländische Ressourcen in Anspruch genommen, um sich dem eigenen Ziel zu nähern, obgleich der Terror im eigenen Land geblieben ist.

Ein jedoch noch wesentlicher Aspekt für den Terrorismus ist, dass kein einzelner Akteur eine terroristische Vereinigung sein kann. „Sowenig eine Person glaubwürdig den Anspruch erheben kann, eine politische Partei zu sein, so wenig kann ein einsames Individuum eine terroristische Gruppe darstellen“ (Hoffman, 2001, S. 54). Ein einzelnes Individuum mag vielleicht einen Anschlag auf eine Persönlichkeit des Regimes ausüben, bei dem durchaus ein politisches Motiv zu Grunde liegen mag, jedoch handelt es sich in einem solchen Fall um Kriminalität und nicht um Terrorismus. „Um als terroristisch zu gelten, muß Gewalt durch irgendeine Art von organisatorischer Einheit mit zumindest einem gewissen Grad an verschwörerischer Struktur und einer identifizierbaren Kommandokette verübt werden, die über ein Einzelindividuum, das auf eigene Faust handelt, hinausreicht“ (Hoffman, 2001, S. 54).

Mit dem Begriff des Terrorismus, wie er hier verwendet wird, soll nicht staatlich initiierter Terrorismus verstanden werden. Es kann sein, und so zeigt es sich auch später am Beispiel der RAF, dass ein anderer Staat Terrorismus fördert, der seinen eigenen Nutzen, durch die Aufrechterhaltung des Terrors in einem anderen Land, erhöht. Dies soll nicht als Voraussetzung für Terrorismus gelten, sondern lediglich einen weiteren möglichen Bestandteil bilden. „Der revolutionäre Terror richtet sich ausschließlich gegen Exponenten des Ausbeutungssystems und gegen Funktionäre des Unterdrückungsapparates, gegen die zivilen und militärischen Führer und Hauptleute der Konterrevolution“ (Rossi, 1993, S. 51). So beschreibt die RAF ihre Aktionen.

Im folgenden Kapitel wird der Herrschaftsentzug betrachtet, der das Ziel des Terrorismus ist. Wodurch zeichnet sich der Herrschaftsentzug aus? Wie kommt er zustande? Wie geht er vonstatten? Diesen Fragen widmet sich das nächste Kapitel.

3. Herrschaftsentzug

Durch das Merkmal des Terrorismus, das politische System umstürzen zu wollen, rückt der Herrschaftsentzug ins Blickfeld. Dem Herrschaftssystem sollen die Kontrollrechte über die Akteure im System, durch Gewalt, entzogen werden. In dem nun folgenden Kapitel soll der Herrschaftsentzug, nach Coleman (1995), vorgestellt, und seine Relevanz mit Blick auf die Theorie des kollektiven Handelns herausgestellt werden.

Betrachtet man den Begriff der Herrschaft einmal für sich, bedarf es auch hier einer Definition. Bei Herrschaft denkt man häufig gleich an Macht, und eben hier muss der Unterschied klar herausgestellt werden, damit später keine falschen Schlüsse gezogen werden. Zu Beginn dieses Kapitels wurden bereits die Kontrollrechte erwähnt. Sie stehen im Zusammenhang mit Macht und Herrschaft. „Herrschaft [ist] das Recht, die Handlungen eines anderen Akteurs zu kontrollieren, und Macht ist die Fähigkeit, dies zu tun – ob mit Recht oder ohne“ (Coleman, 1995, S. 191). Herrschaft zeichnet sich also durch Legitimität aus. Dem Regime wird von seinen Bürgern das Recht übertragen, Kontrolle über deren Handlungen auszuüben. Dies beinhaltet natürlich zwei Prämissen: 1. besitzt ein Akteur das Kontrollrecht über Bereiche der eigenen Handlung und 2. besitzt dieser Akteur auch das Übertragungsrecht der Kontrolle über das eigene Handeln (vgl. Coleman, 1995, S. 87). Bei Macht fand diese Übertragung der Kontrollrechte nicht statt, aber das Regime verfügt über die notwendigen Mittel, seinen Willen gegenüber den Bürgern dennoch durchzusetzen. Herrschaft wird daher auch als legitim ausgeübte Macht beschrieben. Herrschaftsentzug bedeutet demnach die Veränderung der Rechtsallokation im System. Und da, wie oben erwähnt, jeder einzelne Bürger als Akteur die Kontrollrechte über seine Handlungen frei vergeben kann, ist Herrschaftsentzug nicht allein, sondern nur in Gemeinschaft zu bewältigen (vgl. Coleman, 1995, S. 186). Ergänzend sei jedoch angefügt, dass selbst wenn die Mehrheit der Bevölkerung dem Regime die Kontrollrechte entzogen und damit die Legitimität genommen hat, es mit Macht und Gewaltmitteln weiter bestehen kann. „Wird diese Macht nicht freiwillig aufgegeben, muß sie den Machthabern mit Gewalt genommen werden“ (Coleman, 1995, S. 188). Ein Weg dies zu tun ist die Revolution.

Nachdem der Herrschaftsbegriff erläutert und auch der Herrschaftsentzug angesprochen wurde, taucht nun folgende Frage auf: Unter welchen Voraussetzungen wird versucht dem Regime die Herrschaft, durch Aberkennung der Kontrollrechte, zu entziehen? Die Beantwortung dieser Frage ebnete den Weg für zwei Arten von Theorien, den Frustrationstheorien und den Machttheorien.

3.1 Frustrationstheorien

Die Frustrationstheorien beschäftigen sich mit der Frage, inwiefern individuelle Frustration zunehmen kann, obwohl sich die äußeren Umstände bessern (Coleman, 1995, S. 195). Sie gehen weiterhin davon aus, dass Frustrationen zu Revolutionen führen. Dabei wird immer die subjektive Wahrnehmung einer Situation durch einen Akteur betrachtet, die durchaus zu der objektiven Wahrnehmung derselben Situation im Gegensatz stehen kann. Während subjektiv genügend Gründe für einen Anstieg von Frustration sprechen, kann objektiv genau das Gegenteil der Fall sein. Unter den verschiedenen Ansätzen dieser Theorie möchte ich einen besonders hervorheben, da er in Verbindung mit der Problematik der kollektiven Handlung aufgeführt wird. Die Theorie der relativen Deprivation (Coleman, 1995, S. 198f.).

Ausgangspunkt für diesen Ansatz ist eine Gesellschaft, in denen die objektiven Bedingungen zunächst stabil sind und somit alle dieselbe Ausgangslage haben. Als Prämisse dient weiterhin, dass sich nun die Bedingungen verbessern, und zwar für die einen schneller als für die anderen. Es kommt dazu das einzelne sehen, wie es anderen schlagartig besser geht als ihnen selbst, und diese anderen es vielleicht in den Augen des Einzelnen gar nicht mal verdient haben, das es ihnen besser geht. Dies führt bei denjenigen, deren Position sich nicht im gleichen Maße verbessert hat zu einer spürbaren Kluft und dadurch zu Frustrationen. Mit relativer Deprivation ist „die Spannung zu bezeichnen, die sich durch eine Diskrepanz zwischen dem >Sollen< und dem >Sein< kollektiver Werterfüllung entwickelt und die Menschen zur Gewaltanwendung disponiert“ (Gurr, 1972, S. 32). Im Vordergrund steht hierbei, „daß die Deprivation wahrgenommen wird; Menschen können hinsichtlich ihrer Erwartungen subjektiv depraviert sein, selbst, wenn ein objektiver Beobachter zu dem Urteil kommen könnte, daß sie sich nicht in Not befinden“ (Gurr, 1972, S. 33). Mit Blick auf kollektive Handlung sagt Gurr weiter: „Deprivation ist in dem Maße für die Neigung zu kollektiver Gewaltanwendung relevant, wie viele Menschen hinsichtlich derselben Dinge unzufrieden sind“ (Gurr, 1972, S. 37) und äußert des weiteren folgende Hypothese: „das Ausmaß kollektiver Gewaltanwendung [ist umso größer], je größer die Intensität und das Ausmaß relativer Deprivation sind“ (Gurr, 1972, S. 38). Neben diesem Ansatz, der unter anderem von Gurr (1972) vertreten wird, gibt es weitere, von denen im folgenden ein paar kurz vorgestellt werden, um einen Überblick über die angebotenen Möglichkeiten zu erhalten.

Die Theorie der steigenden Erwartungen (Coleman, 1995, S. 195f.): Dieser Ansatz beinhaltet die Unterschiede von objektiv zu subjektiv wie folgt. Eine Situation, sei sie nun politisch oder wirtschaftlich definiert, bessert sich. Aus dieser Besserung heraus erwächst die Erwartung, dass sich die Situation weiter bessert. In dieser Situation wachsen die Erwartungen auf die Besserungen schneller, als es die Besserungen in Realität tun. Die Kluft zwischen Realität und Erwartung wird daher immer größer, da die Frustrationen wegen nicht erfüllter Erwartungen weiter steigern. Diese Steigerung der Frustrationen kann so weit gehen, dass es zur Revolution kommt.

Die Theorie der Statusinkonsistenz (Coleman, 1995, S. 200): Hier wird davon ausgegangen, dass sich bei der Besserung der wirtschaftlichen (politischen) Position eines Menschen, dessen Erwartung, seine politische (wirtschaftliche) Position würde sich im selben Maße verbessern, nicht erfüllt wird. Ein Mensch, der zunächst wenig Vermögen und politische Macht hat, erhält nun wirtschaftliche Ressourcen. Nun erhofft sich dieser Mensch auch einen Anstieg seiner politischen Macht, welcher aber ausbleibt. Dies führt zu einer Statusinkonsistenz, da dieser Mensch erwartet, neben seinem wirtschaftlichen Aufschwung auch politisch mehr Einfluss zu erlangen. So kam es, beispielsweise im England des 17. Jahrhunderts, dass sich „diejenigen, die wohlhabend geworden waren, eingeengt und unterdrückt fühlten“ (Coleman, 1995, S. 200). Diese Position wird von der subjektiven Seite negativ bewertet und frustriert den Einzelnen. Und diese Frustration kann dann zur Revolution umschwenken.

Die Beschreibungen dieser Theorien waren natürlich nicht vollständig, sondern zeigten lediglich den Kern auf. „Der Kern dieser Theorien ist [...] die Frustrations-Revolte-Hypothese, und diese ist individualistisch. Frustration ist ein Merkmal von Individuen. Eine [...] Revolution ist ein soziales Phänomen“ (Coleman, 1995, S. 202). Das Problem, welches sich bei den Frustrationstheorien ergibt ist folgendes: Es wird hier postuliert, dass Revolutionen ein spontaner Akt von frustrierten Akteuren sind, wobei nicht beantwortet wird, warum sich Menschen tatsächlich schlechter fühlen sollten, wenn sich die allgemeine Situation bessert. Es werden zwar Angebote an Antworten diesbezüglich gemacht, aber letztendlich bleibt es doch unklar (vgl. Coleman, 1995, S. 202).

3.2 Machttheorien

Eine andere Herangehensweise an die Frage unter welchen Voraussetzungen ein Herrschaftsentzug entsteht, die sich von der Idee der Frustrationstheorien dahingehend unterscheidet, dass sie Frustration auf der Individualebene nicht als Vorbedingung für Revolutionen betrachtet, sind die sogenannten Machttheorien (vgl. Coleman, 1995, S. 203ff.). Hier steht folgender Aspekt im Vordergrund. Die verbesserte soziale Situation verschafft mehr Ressourcen und allgemein bessere Bedingungen, um die wahrgenommene Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Revolution derjenigen zu erhöhen, die durch den Sturz des Regimes weiteren Nutzen ziehen könnten. „Wenn diese Interpretation der empirischen Belege korrekt ist, sind die Frustrationstheoretiker völlig im Unrecht. Verbesserte Bedingungen bewirken, daß Menschen sich nicht schlechter, sondern besser fühlen, doch mit diesem besseren Gefühl entwickelt sich ein verstärktes Vertrauen, daß es möglich ist, dem Regime erfolgreich Widerstand zu leisten“ (Coleman, 1995, S. 204).

Weiterführende Aspekte der Machttheorien werden im Kapitel 5 behandelt. Dort werden dann verschiedene Punkte dieser Theorie dem Problem der kollektiven Handlung beigeordnet.

Im folgenden Kapitel 4 wird die RAF, als Beispiel des westdeutschen Terrorismus, vorgestellt. Anhand dieser terroristischen Organisation wird dann in Kapitel 5 erläutert, wie das Problem der kollektiven Handlung gelöst wurde. Welche Maßnahmen wurden von der RAF ergriffen, um das Trittbrettfahrer-Problem in den Griff zu bekommen? Wie wurden die Aussichten auf Erfolg definiert? Diese und weitere Fragen stehen dann im Mittelpunkt.

4. Die RAF

Die Theorie des kollektiven Handelns wird in dieser Arbeit anhand des Beispiels der westdeutschen Terrororganisation Rote Armee Fraktion (RAF) betrachtet. Probleme als auch Lösungen für die kollektive Handlung lassen sich in dieser terroristischen Vereinigung wiederfinden. Um die Handlungsweisen der RAF besser verstehen zu können und um einen angemessenen Einblick in die Entwicklung dieser Organisation zu erhalten, dient dieses Kapitel der Vorstellung der RAF. Es wird ein geschichtlicher Überblick über diese Organisation gegeben, der in den späteren Punkten der Theorie des kollektiven Handelns, anhand von Handlungsbeispielen, ausgebaut wird.

4.1 Die RAF im Überblick

Der westdeutsche Terrorismus, und damit die RAF, ist aus der Studentenbewegung Ende der 1960er Jahre entstanden (vgl. Fels, 1998, S. 187). Als ihre vier Gründungsmitglieder werden Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof und Horst Mahler angesehen, wobei Baader und Ensslin, die bereits Brandanschläge in Kaufhäusern 1968 vor der „offiziellen“ Gründung der RAF verübten, durch deren spätere Mitglieder mehr Gewicht beigemessen wurde. Bei dem historischen Überblick über die Aktivitäten der RAF, werden auch kurz die vier Hauptakteure der ersten Generation der RAF beschrieben. Dies dient nicht dazu, die RAF-Geschichte auf die Geschichte von Personen runterzubrechen, sondern es soll lediglich die Möglichkeit gegeben werden, die später vorgestellten rationalen Entscheidungen dieser Akteure besser verstehen zu können. Denn gerade anhand dieser vier Gründungsmitglieder der RAF lässt sich aufzeigen, inwieweit das Problem der kollektiven Handlung angegangen und überwunden wurde, welche Maßnahmen dazu geführt haben, dass die RAF als terroristische Vereinigung gemeinsam handeln konnte und das Problem des Trittbrettfahrens zunächst gelöst werden konnte. Da in dieser Arbeit die Grundvoraussetzungen für den Einstieg in den Terrorismus betrachtet werden sollen, wird der Blick nur auf die erste Generation der RAF geworfen, welche die Initialkosten des Terrorismus übernommen, und ihm so auf die Beine geholfen haben.

Seit dem 20. April 1998 besteht die RAF offiziell nicht mehr. Mit einem Schreiben an die Presseagentur Reuthers erklärte sie ihre Auflösung. Vor fast 28 Jahren, am 14. Mai 1970, entstand in einer Befreiungsaktion die RAF: Heute beenden wir dieses Projekt. Die Stadtguerilla in Form der RAF ist nun Geschichte." In ihrem letzten, achtseitigen Schreiben gaben sie unter anderem auch zu, in all den Jahren des bewaffneten Widerstands keinen geeigneten Weg zu einer Befreiung haben vorgeben können (vgl.http://www.rafinfo.de ).

4.1.1 Die Geburtsstunde der RAF

Zum ersten mal schwenkte die reine Studentenbewegung in Gewalt um, als Andreas Baader und Gudrun Ensslin in der Nacht vom 02. auf den 03.April 1968, die Kaufhäuser Schneider und Kaufhof mit Brandbomben anzündeten. Baader und Ensslin, zu dieser Zeit ein Paar, sind jetzt „ [...] entschlossen, für revolutionäre Veränderungen zu kämpfen. Gemeinsam ist den beiden der Haß auf dieses System, das Streben, -etwas zu verändern-“ (Peters, 1991, S. 40). Als Baader und Ensslin wegen der Brandstiftung verhaftet wurden, kam der Rechtsanwalt Horst Mahler als Verteidiger an Baaders Seite. Schnell ließ er erkennen, wie seine Sicht zu dem Brandanschlag und der geforderten Strafe für die Täter war. Er beschrieb die Gesellschaft als einen Ort, in dem man nicht ohne Schuld leben kann. Der Konsumcharakter dieser Gesellschaft verdirbt jeden, der darin lebt (vgl. Peters, 1991, S. 56). Dennoch wurden Baader und Ensslin jeweils zu dreijährigen Freiheitsstrafen verurteilt. Nachdem das Frankfurter Oberlandesgericht Mitte 1969 eine Weisung herausgab, die eine Freilassung von Baader und Ensslin nach nur acht Monaten der Haftverbüßung bedeutete, begegneten sie Anfang 1970 Ulrike Meinhof in Berlin. Meinhof arbeitete dort als Journalistin für die linksgerichtete Zeitschrift konkret und war in APO-Kreisen (APO = Außerparlamentarische Opposition) auch als „Rote Ulrike“ (Peters, 1991, S. 69) bekannt. Alle vier teilten die Meinung, dass das bestehende Gesellschaftssystem, mit all seiner Ungerechtigkeit und Ignoranz, von Übel sei und bekämpft werden müsse. Die Wohlstandsära, die nach dem zweiten Weltkrieg entstand, stagnierte und Unzufriedenheit breitete sich in Teilen der Bevölkerung aus. Als Beispiel der zu bekämpfenden Ungerechtigkeit dient die Situation in einigen Wohnvierteln Berlins. Hier sollten Familien, die mit der Miete im Rückstand waren, egal wie kinderreich sie auch sein mögen, per Zwangsräumung auf die Strasse gesetzt werden. Hier war der Baader-Meinhof-Gruppe klar, müsse eingegriffen werden, „indem man die Wohnungsbaugesellschaft in irgendeiner Weise angreift, die Justiz in diesem Falle angreift“ (Peters, 1991, S. 72). Nur mit welchen Mitteln dies konkret geschehen sollte, war noch nicht klar. Zudem wütete zu dieser Zeit der Vietnam-Krieg, der von der deutschen Regierung nicht scharf verurteilt wurde, wie es von Baader und den anderen drei getan wurde. Die hohe Anzahl an Opfern wäre in keinem Verhältnis zu den imperialistischen Ansprüchen der US-Regierung, die eh Schuld am weltweiten Wettrüsten sei, an dem sich auch Deutschland beteilige. Die kleine Gruppe erfährt zu dieser Zeit weiteren Zulauf von Gleichgesinnten, vor allem aus der Studentenszene. Der auch wegen anderer Strafdelikte gesuchte Baader wird im April 1970 verhaftet. Am 14. Mai 1970 starteten weitere Gruppenmitglieder eine spektakuläre Befreiungsaktion. Bei einer Ausführung des Gefangenen Baader in eine Bibliothek in Berlin-Dahlem, die von Meinhof ermöglicht wurde, befreiten ihn mehrere Personen, unter der Führung von Meinhof, mit Waffeneinsatz, bei dem ein Angestellter schwer verletzt wurde. Diese Tat wird hinlänglich als die Geburtsstunde der RAF bezeichnet. Durch sie wird diese lose Gruppe erst zu einer Vereinigung und agiert seit dem unter dem Namen – Rote Armee Fraktion - . „Von nun an wird nach der Gruppe gefahndet, nicht mehr nur nach einzelnen Personen. Das bedeutete zweierlei: Zum einen teilen von nun an alle Mitglieder dasselbe Schicksal, die Verfolgung führt zu einem starken Identitätsgefühl beim einzelnen; zum zweiten ist von nun an jedem klar, der sich mit diesem Personenkreis einläßt, daß er es mit Straftätern zu tun hat“ (Peters, 1991, S. 81). Baader ist der Anführer der RAF. Er setzte sich gegenüber Mahler durch, der nach einer Konfrontation mit ihm im Ausbildungscamp in Jordanien keinen direkten Führungsanspruch mehr erhob. Baader und Ensslin hatten dem Rest schon die Praxis voraus. Mit ihren Brandanschlägen auf die Kaufhäuser 1968 hatten sie bereits die Kraft der Taten sprechen lassen, wohingegen der Rest nur theoretisch über Anschläge gesprochen hatte. Neben Baader war es also folglich Ensslin, die bei der Festlegung von neuen Operationen mit entschieden hat. Meinhof war als Journalistin für die Formulierung der Kampfschriften zuständig. Durch ihre vorherige Tätigkeit für die Zeitschrift konkret wurde ihr von der Öffentlichkeit der politische Aspekt der RAF zugesprochen. Baader, der impulsive Mensch mit dem Hang zur Aggressivität, der stets Handeln dem Theoretischen vorzog, und Meinhof, die gebildete Journalistin, die es verstand die Ziele der RAF zu formulieren, waren jedoch in den Augen der Öffentlichkeit der Kern dieser Organisation. Daher auch die frühe Bezeichnung Baader-Meinhof-Gruppe.

„Die RAF startete eine Offensive gegen die Kontinuität des Nazi-Nachfolgestaates, gegen eine autoritäre Gesellschaftsform, für eine andere soziale und kulturelle Realität. Man habe die Konfrontation gegen die Macht gesucht“ ( http://www.rafinfo.de ).

4.1.2 Vorbereitung von Anschlägen

Die RAF, nun als solche auch in der Öffentlichkeit bekannt, da die Baader-Befreiung weite Kreise in Presse, Rundfunk und Fernsehen zog, war nun darum bemüht ihr Handeln zu konkretisieren und Vorbereitungen für Anschläge zu treffen. Zu dieser Vorbreitung zählte auch die Ausbildung in militärischen Taktiken und Waffeneinsatz in einem terroristischen Ausbildungslager der El Fatah in Jordanien. Hier lernten, von Juni bis August 1970, ein Dutzend RAF-Mitglieder, unter ihnen auch Baader, Meinhof, Ensslin und Mahler, ihr Rüstzeug für die Attentate in Deutschland. Vor ihrer Abreise nach Jordanien hat Meinhof noch ein besprochenes Tonband ausgegeben, und das Gesprochene wurde dann von der Zeitschrift Spiegel abgedruckt: „Wir sagen natürlich, die Bullen sind Schweine, wir sagen, der Typ in Uniform ist ein Schwein, das ist kein Mensch, und so haben wir uns mit ihm auseinanderzusetzen. Das heißt, wir haben nicht mit ihm zu reden, und es ist falsch, überhaupt mit diesen Leuten zu reden, und natürlich kann geschossen werden“ (zitiert bei Peters, 1991, S. 83). Mit dieser Aussage kündigt Meinhof weitere Anschläge gegen die Exekutive, und damit gegen den Staat, an und gibt dem Regime einen Vorgeschmack auf das, was es zu erwarten hat. Ausgebildet und mit ein paar gekauften Waffen ausgerüstet, verübt die RAF im Herbst 1970 einen „Dreierschlag“, überfällt gleichzeitig drei Banken und erbeutet insgesamt über 200.000 DM. Mit diesem Geld beschafft sich die RAF weitere benötigte Dinge, wie Wohnungen, falsche Pässe und natürlich mehr Waffen und Sprengstoff. Jedoch wird ebenfalls im Herbst bereits Horst Mahler verhaftet und kann von nun an nur noch bedingt die Aktivitäten der RAF unterstützen oder koordinieren. Weitere Banküberfälle folgten, durch die die RAF ihren Finanzhaushalt regelte. Die RAF gewann an Popularität und bis zur Mitte des Jahres 1971 wuchs die Mitgliederzahl auf über 300 an (vgl. Peters, 1991, S. 102). Bis zum 3. März 1972 gehen bereits drei Todesopfer aus den Reihen der Polizei auf das Konto der RAF. Allerdings war es in keinem dieser drei Fälle ein gezielter Anschlag, sondern diese Tötungsdelikte ergaben sich zum Beispiel aus Personenüberprüfungen und versuchten Verhaftungen.

4.1.3 Die Anschläge

Nachdem durch Banküberfälle und Diebstähle genug Geld eingenommen, Waffen und Munition gekauft oder geklaut wurden und Ziele ausgewählt waren, begann am 11.Mai 1972 eine Welle von Anschlägen. Bis zum 24. Mai sterben bei sechs Bombenanschlägen vier Personen und weitere 74 werden verletzt. Unter den Zielen sind amerikanische Militärstützpunkte, Polizeibehörden, das Verlagshaus Springer und der Bundesrichter Wolfgang Buddenberg, der für die RAF-Ermittlungen zuständig ist (vgl. Peters, 1991, S. 444f.). Im Folgemonat Juni werden unter anderem nun auch die übrigen drei Mitglieder der ersten Stunde, Baader, Ensslin und Meinhof, verhaftet. Wie die Anschläge im Detail ausgesehen haben und welche Wirkungen, außer den physischen, mit ihnen verbunden waren, wird in Kapitel 5 genau erläutert. Die Gründe für die Auswahl der Ziele, wie mit dem Gelingen oder Scheitern einzelner Anschläge umgegangen wurde, wie sich auf die Anschläge vorbereitet wurde und letztlich, wie die Öffentlichkeit und das Regime damit umgegangen sind, wird auch in Kapitel 5 erörtert.

4.1.4 Die Führungsriege der RAF in Haft

Die große Verhaftungswelle nach der Anschlagserie hat die RAF zunächst aus dem Konzept gebracht. Es galt sich neu zu formieren und neue Aktionen zu starten. Mit den Führungspersönlichkeiten in Haft war dies nicht leicht. Da die Behörden die Gruppenmitglieder größtenteils in unterschiedlichen Gefängnissen und zumeist in Einzelhaft untergebracht hatten, um ihnen den Kontakt zu erschweren, konnten sie nur über ihre Anwälte miteinander kommunizieren. Diese überbrachten, als Anwaltspost getarnt, Anweisungspapiere und Durchhalteparolen an die gefangenen Mitglieder. So wurde Anfang 1973 der erste kollektive Hungerstreik der 31 RAF-Häftlinge durchgeführt. Durch den Hungerstreik forderten die Inhaftierten die „Aufhebung der Isolation als Folter für die politischen Häftlinge in der BRD“ (Peters, 1991, S. 445). Diesem einen Monat andauernden Hungerstreik folgte der zweite Hungerstreik im Mai 1973, diesmal mit dem Ziel „Gleichstellung der politischen Gefangenen mit allen anderen Gefangenen“ (Peters, 1991, S. 445). Bei dem dritten Hungerstreik, der vom Herbst 1974 bis zum Frühjahr 1975 weilte, gab es den ersten „Hungertoten“ aus den Reihen der RAF. 1974 wird der sich im Gefängnis befindende Mahler, wegen theoretischer Divergenzen, aus den RAF-Kreisen ausgestoßen. Er teilt nicht länger die Vorgehensweise der RAF. Im Frühjahr 1975 versucht ein Kommando der RAF vergebens, durch eine Geiselnahme in der bundesdeutschen Botschaft in Stockholm, die Freilassung von 26 Gesinnungsgenossen zu erpressen. Mitte 1975 begeht Meinhof im Gefängnis Selbstmord. Baader und Ensslin werden 1977, wegen Mordes in vier Fällen und 34fachen versuchten Mordes, jeweils zu lebenslanger Haft verurteilt. Wenige Monate nach der Urteilsverkündung wählen beide im Gefängnis den Freitod.

Dies markiert das Ende der ersten Generation der RAF. Bis zu dieser Stelle in der Geschichte der RAF werden im Kapitel 5 (Das Problem der kollektiven Handlung) einzelne Handlungen der Terroristen angeführt, und mit Blick auf die Wirksamkeit beim Überwinden dieser Problematik, untersucht.

Mit Blick auf das vorherige Kapitel Herrschaftsentzug bleibt zu überlegen, warum sich die RAF als solches zusammengetan hat und mit Gewalt gegen das Regime vorgegangen ist. Betrachtet man die Überlegung, dass Revolutionen wahrscheinlicher in Zeiten wirtschaftlichen Aufschwungs und politischer Liberalisierung auftreten (Coleman, 1995, S. 193), dann lässt es sich in diesem Fall bestätigen. Nachkriegsdeutschland war aufgebaut, die Industrie boomte, es herrschte kein Parteimonopol mehr und die Leute hatten Arbeit. Der Druck, der auf die Menschen nach dem Krieg eingewirkt hat, ließ nach. Sie waren existenziell gesichert und hatten Freizeit, über die sie selbst bestimmen konnten.

In dem nun folgenden Kapitel wird das Problem der kollektiven Handlung vorgestellt und die verschiedenen Lösungsmöglichkeiten aufgeführt.

5. Das Problem der kollektiven Handlung

In diesem Kapitel wird sich nun mit der Problematik des kollektiven Handelns (Collective Action = CA) auseinandergesetzt, wobei auch Aspekte der Machttheorien aus dem Kapitel 3 (Herrschaftsentzug) zur Annäherung an diesen Sachverhalt aufgegriffen werden. Herrschaftsentzug ist, wie bereits festgestellt, ein Ereignis, welches die Beteiligung vieler Akteure benötigt. Ebenso wurde herausgearbeitet, dass eine Revolution ein soziales Phänomen ist, welches sich nicht durch individualistische Frustrationen begründen lässt. Terrorismus, der nach dem Umsturz des politischen Systems strebt, der sich eine gewisse Größe und Kommandostruktur aneignen muss, um überhaupt als Terrorismus bezeichnet zu werden, steht nun vor dem Problem, diese überhaupt einmal zu schaffen. Anhand der terroristischen Organisation RAF wird aufgezeigt, welche Mechanismen greifen, um andere Akteure zu motivieren, sich einer potentiell gefährlichen Unternehmung, wie dem Kampf gegen das bestehende Herrschaftssystem, anzuschließen und ihren Beitrag zur Erlangung des Ziels, den Herrschaftsentzug, zu leisten.

Das zu lösende Problem der kollektiven Handlung beinhaltet ein Gefangenen-Dilemma (Prisoners-Dilemma = PD). Nehmen wir eine Gruppe von Akteuren, die alle ein Interesse daran haben, das bestehende Regime und die damit verbundene Herrschaftsform zu stürzen. Gehen wir weiterhin davon aus, dass ein bestehendes Gesellschaftssystem, zu dem auch die Herrschaft zählt, ein öffentliches Gut sei. Das bedeutet, jeder kann an dem gesellschaftlichen Leben teilhaben, ohne einen Beitrag dafür zu zahlen, also zunächst einmal ohne Kosten dafür zu tragen. Eine Veränderung der Herrschaftsverhältnisse würde es demnach jedem ermöglichen, an dem Resultat dieser Veränderung teilzuhaben, sprich, Geld verdienen, Familie groß ziehen, etc., ohne einen Beitrag für diese Veränderung geleistet zu haben. Für jeden Einzelnen ist es also rational, sich nicht an dem Versuch zu beteiligen solange es die anderen tun, da er sich durch seine Nichtteilnahme am Terrorismus vollkommen den Kosten eines solchen Unterfangens entzieht, würde aber im Falle des Erfolges der Terroristen den vollen Nutzen erhalten. Denn solange das Herrschaftssystem verändert wird, kann der einzelne Akteur seinen Profit daraus ziehen (vgl. Lichbach, 1998, S. 16). Jeder Widerstand ist mit Kosten verbunden, die man gegenüber jedem potentiellen Anhänger der terroristischen Gruppe in einer Art und Weise rechtfertigen muss, damit dieser seinen persönlichen Nutzen und die Wahrscheinlichkeit, dass dieser eintritt, höher einschätzt, als die Kosten und die Wahrscheinlichkeit, dass diese Kosten eintreten. „The commonality of the goals of an interest group’s members makes the achievement of these goals a public good for the group, and thus gives rise to the same incentives to free-ride as exist in all public good-prisoners’ dilemma situations” (Mueller, 1991, S. 308). Olson beschreibt dieses Problem nach der marxistischen Theorie wie folgt: „Wenn jemand [einer bestimmten Klasse] angehört, wird er sicherlich eine Regierung wünschen, die seine Klasse vertritt. Aber daraus folgt nicht, daß es in seinem Interesse liegt, sich dafür einzusetzen, daß eine solche Regierung an die Macht kommt. Wenn eine solche Regierung schon besteht, wird er aus ihrer Politik Nutzen ziehen, ob er sie nun unterstützt hat oder nicht ...“ (Olson, 1968, S. 104). Die für den Terrorismus in Betracht kommenden Strategien, auf diese Kosten-Nutzen-Rechnung Einfluss zu nehmen, werden in diesem Kapitel betrachtet. Dabei wird der Versuch gemacht, von rationalen Gründen des einzelnen Akteurs, welche sich auf der Mikroebene befinden, auf die Folgen mit Blick auf kollektiven Widerstand durch Terrorismus, welche sich auf der Makroebene befinden, zu schließen.

Vier Lösungsansätze, sich dem Problem der kollektiven Handlung zu nähern, werden im folgenden vorgestellt. Lösungen aus der Sicht des Marktes, aus der Sicht der Gemeinschaft, aus der Sicht der Verträge und aus der Sicht der Hierarchien. Zu diesen Lösungsansätzen werden, in manchen Situationen, jeweils wiederum die sieben den Terrorismus nach Neidhardt definierenden Merkmale herangezogen. Diese Theorie des kollektiven Handelns steht der Theorie der relativen Deprivation gegenüber (s. Kap. 3.1). Wohingegen letztere die individuellen Sorgen und Deprivationen als hinreichend für kollektiven Widerstand sieht, geht die hier betrachtete Theorie von der Kosten-Nutzen-Rechnung der jeweiligen Akteure aus. Sind Rebellen frustriert oder rational? Nach der Theorie der relativen Deprivation ersteres, nach der Theorie des kollektiven Handelns letzteres (vgl. Lichbach, 1998, S. 31).

Generell gilt, dass sich nicht nur die Terroristen der Tatsache bewusst sind dieses Problem der kollektiven Handlung lösen zu müssen, auch dem Regime ist bekannt, dass es ein solches Problem auf seiten der Terroristen gibt. Nur versucht das Regime nicht, es für die Terroristen zu lösen, sondern sie bemühen sich darum dieses Problem zu verstärken (vgl. Lichbach, 1998, S. 22). Auf der anderen Seite hat natürlich auch das Regime sein eigenes Problem der kollektiven Handlung zu bewältigen. „The regime has ist own CA problem [...] that also generates political conflict. This struggle over solutions to the CA problems of the dissidents [..] and the authorities […] is the fundamental political struggle between regimes and oppositions” (Lichbach, 1998, S. 22). Oder anders ausgedrückt: Der wesentliche Wettstreit zwischen Regime und Regimegegnern beruht auf den Lösungen zum Problem der kollektiven Handlung (vgl. Lichbach, 1998, S. 26).

Den vier Lösungsansätzen, Markt, Gemeinschaft, Verträge und Hierarchien, liegt der Text The Rebel`s Dilemma, von Mark I. Lichbach zu Grunde. Mit seiner Hilfe werden in den folgenden Abschnitten Mechanismen erläutert, deren Funktion dann anhand von Beispielen aus der Geschichte der RAF bekräftigt werden. Es werden nicht sämtliche Lösungsmöglichkeiten aus den vier Bereichen aufgeführt werden, da nicht alle für die RAF von Relevanz sind. Manche Lösungsansätze gehen von einer bestimmten kulturellen, oder sozialen Konstellation aus, welche bei der RAF nicht vorlag. Zunächst werden die Ansätze des Marktes (Kap. 5.1), dann der Gemeinschaft (Kap. 5.2), danach der Verträge (Kap. 5.3) und schließlich der Hierarchie (Kap. 5.4) aufgezeigt. Es sei schon mal vorweggenommen, dass jeder dieser vier Ansätze für sich allein betrachtet logisch unvollständig ist. Zu jeder möglichen Lösung des Problems der kollektiven Handlung aus einem beliebigen dieser Ansätze, bedarf es der Ergänzung durch andere Ansätze (vgl. Lichbach, 1998, S. 30). Das will meinen, nimmt man den Aspekt der Gemeinschaft zur Erklärung von Rebellion und kollektiver Handlung, so bedarf es stets anderer Ansätze, zum Beispiel Verträge, um eine Situation logisch vollständig zu erklären. So wird es auch am Beispiel der RAF zu erkennen sein, dass Aspekte aus verschiedenen Ansätzen herangezogen werden, um die Lösung des Problems der kollektiven Handlung zu verdeutlichen.

5.1 Aus der Sicht des Marktes

Der Lösungsansatz aus der Sicht des Marktes ist der erste, den es zu betrachten gilt. Die hier erarbeiteten Lösungsmöglichkeiten stellen das Grundgerüst für die weiteren drei Lösungsansätze dar. Beim Marktansatz wird zu einem Zeitpunkt t, bei dem in einer bestimmten Situation bestimmte Annahmen konstant gehalten werden, ein externer Schock, die Veränderung einer bestimmten Variablen, vorgenommen, um dann zum Zeitpunkt t+1 festzustellen, ob kollektive Handlung eingetreten ist, oder nicht (vgl. Lichbach, 1998, S. 35). Dieser Versuchsablauf ist in Abbildung 01 dargestellt.

Die verschiedenen Aspekte des Lösungsansatzes Markt haben folgendes gemeinsam. Sie alle betrachten Parameter einer Situation, welche den Entscheidungsprozess eines Dissidenten auf die Weise beeinflussen, indem sie Strukturen, Institutionen und Kontexte des individuellen Lebens auf Variablen reduzieren, die, wie im folgenden gezeigt wird, betrachtet und bewertet werden können (vgl. Lichbach, 1998, S. 109).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 01

In den hier anknüpfenden Abschnitten werden nun verschiedene Aspekte aus der Sicht des Marktes vorgestellt, die mit Blick auf die RAF von Relevanz sind. Folgende Punkte werden betrachtet: Gewinne erhöhen (Kap. 5.1.1), Kosten senken (Kap. 5.1.2), Ressourcen erhöhen (Kap. 5.1.3), Verbesserung von Taktiken (Kap. 5.1.4), die Wahrscheinlichkeit erhöhen, einen Unterschied machen zu können (Kap. 5.1.5), unvollständige Informationen nutzen (Kap. 5.1.6), Risikobereitschaft erhöhen (Kap. 5.1.7), und die Art des öffentlichen Gutes verändern (Kap. 5.1.8) (vgl. Lichbach, 1998, S. 36). Bei allen diesen Aspekten wird zunächst die Theorie vorgestellt und im Anschluss wird aufgezeigt, wie diese Aspekte mit der RAF in Einklang gebracht werden können.

5.1.1 Gewinne erhöhen

Dies ist die erste der vorzustellenden Möglichkeiten, das Problem der kollektiven Handlung zu lösen. Hierbei handelt es sich darum, Fanatiker zu schaffen. Es muss für einen Akteur so wichtig werden, jenes bestehende öffentliche Gut zu ändern, dass der für ihn zu erwartende Nutzen durch die Teilnahme, die zu erwartenden Kosten einer Teilnahme übersteigt. Gewinne können nur unter zwei Bedingungen erwartet werden. „Wenn nämlich der erwartete Gewinn im Falle des Sturzes der Autoritäten positiv ist und wenn dieser Sturz mit großer Wahrscheinlichkeit erfolgt“ (Coleman, 1995, S. 203). Dadurch, dass diese Kosten-Nutzen-Rechnung zugunsten der Änderung des öffentlichen Gutes ausfällt, entschließt sich der Akteur zu handeln. „The greater the intensity of a dissident`s demand for the PG [public good = öffentliches Gut], the greater his or her participation in collective dissent” (Lichbach, 1998, S. 36). Ein größeres Verlangen nach der Änderung des bestehenden öffentlichen Gutes kann durch persönlich gemachte Erfahrungen entstehen. So kann zum Beispiel jemand, der einen Angehörigen in einem Krieg verloren hat, zu einem Anti-Kriegs-Aktivisten werden. Der Wert, den ein Fanatiker für eine terroristische Organisation hat, ist vielfältig. So beeinflusst er weitere Lösungen des Problems der kollektiven Handlung, was an späteren Stellen angemerkt wird. Bei dem Aspekt des Fanatikers stehen sich, wie in allen anderen Aspekten auch, Regime und Dissidenten gegenüber. Wohingegen die Anführer auf der Seite der Dissidenten versuchen, die Vorteile und den Nutzen des Kampfes um ein anderes öffentliches Gut in den Fordergrund zu stellen, ist das Regime darum bemüht, die Nachteile und die Kosten des Aufstandes hervorzuheben, um Akteure vom Fanatismus fernzuhalten (vgl. Lichbach, 1998, S. 37). Ein Effekt von Fanatikern ist der, dass die Wahrscheinlichkeit des zu erwartenden Nutzens für andere potentielle Dissidenten steigt, da durch den Fanatiker bereits ein Kämpfer auf der Seite der Dissidenten ist, welcher durch seine hohe Nutzenerwartung zu Handlungen bereit ist, und dadurch Kosten auf sich nimmt. Durch ihre hohe Motivation sind Fanatiker auch leicht zu mobilisieren. „Leaders look for members who have intense preferences for the PG […] because such dissidents are the most sympathetic and responsive to the group`s cause and appeal, and thus are particularly easy to mobilize” (Lichbach, 1998, S. 38). Jedoch sollte sich stets vor Augen gehalten werden, dass sich die möglichen Gewinne „nur dann ergeben, wenn die Macht der Autoritäten tatsächlich gebrochen wird“ (Coleman, 1995, S. 219). Coleman sagt weiter, dass „wenn es Gewinne gibt, die nicht von dem Wert abhängen, den die Beteiligung des Individuums für den Erfolg [des Terrorismus] hat, können Revolutionäre oder die herrschenden Autoritäten Strategien entwickeln, um eine Beteiligung herbeizuführen“ (1995, S. 220). Auf den Wert, den ein einzelner Akteur zur Gewinnerlangung beiträgt, wird in Kapitel 5.1.5, Die Wahrscheinlichkeit erhöhen, einen Unterschied zu machen, noch genauer eingegangen.

Wie lässt sich dieser Lösungsansatz auf die RAF übertragen? Hatte die RAF Akteure in ihren Reihen, die man als Fanatiker bezeichnen könnte? Und wenn ja, welchen Einfluss hatten diese auf die Gruppe?

In der Rolle des Fanatikers in diesem Sinne kann Andreas Baader gesehen werden. Er ist die treibende Kraft von Beginn an. Die Studentenbewegung miterlebend äußert er sich einmal seiner Mutter gegenüber „Weißt du, Mutter, in einem Staat, wo die Polizei mit Gummiknüppeln gegen singende junge Leute vorgeht, da ist etwas nicht in Ordnung“ (zitiert bei Peters, 1991, S. 39). „Bei politischen Diskussionen in der Szene fällt er auf, weil er >dazwischenmault<, keinen Hehl daraus macht, daß ihm die langen Debatten zu theoretisch sind, und er unablässig >Aktionen< fordert“ (Peters, 1991, S. 40). Er ist auch derjenige, der zusammen mit Gudrun Ensslin den Anfang macht, indem er die Kaufhausbrände 1968 verursacht. Baader ist derjenige, der die Kosten der Handlungen billigend auf sich nimmt, da ihm das Ziel, dieses System zu verändern, wichtiger zu sein scheint (siehe Kap. 4.1.1). Durch seinen Einsatzwillen zeigt er den anderen Mitgliedern der RAF, dass sich etwas tut. Stets plant er neue Vorhaben. „Die politische und kulturelle Sprengkraft [...] ist ohne jenes rebellische Potential, das Andreas Baader repräsentiert, undenkbar“ (Krebs, 1988, S. 198).

5.1.2 Kosten senken

Kosten spielen, neben dem Nutzen, eine wesentliche Rolle bei der Bemessung ob und wie ein Akteur in einer Situation handelt, oder nicht. „Hier [...] führt das Trittbrettfahrerdenken das Individuum zu der Einsicht, daß es nicht in seinem Interesse liegen kann zu handeln, solange die Kosten nicht sehr niedrig sind“ (Coleman, 1995, S. 217). Es liegt daher im Interesse der Terroristen, die Kosten so gering wie möglich zu halten, um eine Teilnahme an der kollektiven Handlung zu unterstützen. „Mit jeder denkbaren Reduzierung der geschätzten Kosten einer Beteiligung kann also die Schwelle gesenkt werden, die die geschätzten Gewinne überschreiten müssen, damit eine Beteiligung rational wird“ (Coleman, 1995, S. 220).

Es wird hierbei hauptsächlich zwischen den festen Kosten, die bei der Gründung einer terroristischen Vereinigung anfallen, und den Opportunitätskosten unterschieden (vgl. Lichbach, 1998, S. 38). Die Kosten werden dabei maßgeblich vom Regime bestimmt. „It is, therefore, the costs imposed by the regime that make collective dissent a PD game […]” (Lichbach, 1998, S. 39). Sind die Kosten hoch, wird die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Akteur an der kollektiven Handlung beteiligt, geringer, sinken die Kosten, wird sie größer. Oder anders formuliert: „Des potentiellen Aktivisten Einschätzung der Wahrscheinlichkeit einer Bestrafung durch die Autoritäten ist von großer Bedeutung für die Entscheidung, sich an einer revolutionären Aktivität zu beteiligen“ (Coleman, 1995, S. 227). Auf der Grundlage des rational handelnden Akteurs ist jeder zunächst darum bemüht, die Kosten so gering als möglich und den dadurch zu erzielenden Gewinn so hoch als möglich ausfallen zu lassen. Da jedoch durchaus hohe Kosten (z.B. Gefängnisstrafen) entstehen, kann man zu Beginn nicht von einer großen Bereitschaft zur konsequenten und stringenten Teilnahme an kollektiver Handlung zum Umsturz des politischen Systems ausgehen. Lichbach führt in seiner Arbeit interessante Statistiken auf, in denen gezeigt wird, dass es an und für sich gar nicht so kostenträchtig ist Terrorist zu sein, wie man hinlänglich annimmt. So zeigt er auf, dass, im Verhältnis zu Formen der Kriminalität, nur wenig Terroristen bei ihren Aktionen ums Leben kommen, und die erteilten Gefängnisstrafen sind, geschichtlich betrachtet, relativ gering (vgl. Lichbach, 1998, S. 40). Neben den vom Regime aufgestellten Kosten gibt es weitere. Um zwei konkret zu nennen: Entfernung und Wetter. Ein Akteur ist eher bereit, sich an einer kollektiven Handlung zu beteiligen, wenn er keine weiten oder komplizierten Strecken zurücklegen muss, um an den Ort der Handlung zu kommen, denn weite Wege sind mit Fahrt- und Zeitkosten verbunden. Der zweite Fall ist das Wetter. Ein Akteur ist bei schlechten Wetterbedingungen, wie Regen und Kälte eher abgeneigt, an der kollektiven Handlung zu partizipieren. „As weather conditions worsen (e.g. cold, heat, rain), collective dissent decreases” (Lichbach, 1998, S. 41). Auch beteiligt sich ein Akteur an einer kollektiven Handlung in der Form, die ihn am wenigsten kostet. So gibt ein reicher Unternehmer eher etwas von seinem Geld, als von seiner Zeit, und ein Arbeitsloser, da er kaum Geld hat, z. B. eher etwas von seiner Zeit. Daraus folgt, dass man für die Ausführung einer Aktion Akteure gewinnen muss, die genügend über die Ressource Zeit verfügen. Folglich ist es klar, dass Terroristen eher durch Aktivitäten, die geringe Kosten mit sich bringen, kollektive Handlung erreichen können, als durch Aktivitäten, welche mit hohen Kosten verbunden sind.

Die Opportunitätskosten, wie Lichbach schreibt, zeichnen sich dadurch aus, dass „a dissident`s involvement in protest means that his or her efforts and energies are unavailable for use in alternative areas“ (Lichbach, 1998, S. 42). Das meint, wenn sich ein Akteur an einer kollektiven Handlung des Protestes beteiligt, kann er nicht gleichzeitig seiner normalen Arbeit nachkommen, was Verdienstausfall bedeutet. Akteure, die in besonderem Maße auf das System angewiesen sind, Beamte und Angestellte zum Beispiel, werden sich daher eher nicht an dem kollektiven Protest beteiligen. Akteure, die es sich erlauben können der Arbeit fernzubleiben, sind eher bereit an der kollektiven Handlung teilzunehmen. „Lawyers, journalists, and academics in every society thus provide a disproportionate number of dissidents“ (Lichbach, 1998, S. 43). Neben diesen genannten Berufsklassen, gibt es noch die Studenten, die keine Verdienstausfälle zu verbuchen haben, wenn sie an der kollektiven Handlung partizipieren. Lichbach führt als alleinigen Grund für die Nichtteilnahme von Studenten an der kollektiven Handlung die Angst um einen späteren Arbeitsplatz an (vgl. 1998, S. 43). Weitere Opportunitätskosten sind der Verlust an Zeit, die man eher mit der Familie verbringen könnte, aufgegebene Freizeit und die Zeit an sich, die man aufwendet um an der kollektiven Handlung zu partizipieren. Diese Opportunitätskosten sind also Gründe für einen Akteur, nicht zu partizipieren, und es liegt im Bestreben der Terroristen, diese Kosten so gering als möglich zu halten, um die Wahrscheinlichkeit der Teilnahme zu erhöhen.

[...]

Details

Seiten
122
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638248846
Dateigröße
893 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v21217
Institution / Hochschule
Universität der Bundeswehr München, Neubiberg – Institut für Soziologie und Gesellschaftspolitik
Note
1,7
Schlagworte
Terrorismusanalyse Problem Handlung Beispiel Generation Roten Armee Fraktion

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Titel: Terrorismusanalyse - Das Problem der kollektiven Handlung am Beispiel der ersten Generation der Roten Armee Fraktion