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Auswirkungen der familiären Sozialisation auf den Umgang von Kindern mit Konflikten

Diplomarbeit 2003 138 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definitionen

3. Familiäre Sozialisation
3.1. Zum Grundmodell der modernen Familie
3.2. Ansprüche an die Erziehungsaufgaben von Eltern
3.3. Familiäre Kommunikation
3.4. Beziehungen innerhalb der Familie
3.5. Konflikte in der Familie

4. Konflikte
4.1. Konflikttheorien
4.2. Arten und Formen von Konflikten
4.3. Konfliktmodelle
4.4. Konfliktentstehung, -analyse und –verlauf
4.4.1. Entstehung von Konflikten
4.4.2. Analyse und Diagnose von Konflikten
4.4.3. Konfliktverlauf
4.5. Umgang mit Konflikten
4.5.1. Destruktiver Umgang
4.5.2. Konfliktverhalten von Kindern
4.5.3. Aggressiver Umgang mit Konflikten
4.5.4. Geschlechtsspezifische Unterschiede
4.5.5. Konstruktiver Umgang mit Konflikten
4.5.6. Mediation als Möglichkeit des Umgangs

5. Auswirkungen der Sozialisation auf den Umgang mit Konflikten
5.1. Auswirkungen der familiären Sozialisation auf das kindliche Verhalten

6. Konfliktlösungsstrategien und Formen der Konfliktlösung
6.1. Konfliktbewältigung
6.1.1. Erwerb von Fähigkeiten zur Bewältigung von Konflikten
6.1.2. Konfliktbewältigungsmodelle
6.2. Hilfe in familiären Konflikten

7. Schlusswort

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Thema dieser Diplomarbeit lautet „Auswirkungen der familiären Sozialisation auf den Umgang von Kindern mit Konflikten“. Anhand von ausgewählter Literatur soll im Folgenden untersucht werden, inwiefern die Erziehung der Eltern und deren eigener Umgang mit Konflikten Einfluss auf das Konfliktverhalten der Kinder nimmt. Es soll herausgefunden werden, ob die Eltern mit Hilfe von Erziehung und durch eigenes Verhalten das Konfliktverhalten von Kindern beeinflussen können, oder ob Kinder aufgrund von anderen Erfahrungen und Prägungen ihre eigenen Konfliktlösungsstrategien entwerfen. Dabei ist interessant zu untersuchen, welches Erziehungsverhalten von Seiten der Eltern sich positiv und welches sich negativ auf den kindlichen Umgang mit Konflikten auswirken kann.

Um den Begriff des Kindes klar zu differenzieren, ist es notwendig eine Altersspanne festzuhalten. Dies ist im Bezug auf die Auswirkungen der familiären Sozialisation bedauerlicher Weise relativ schwierig. Aus diesem Grund bezieht sich der Begriff des Kindes in dieser Diplomarbeit auf alle Kinder, die (räumlich) innerhalb einer Familie leben und im Alltag von ihren Eltern geprägt und erzogen werden. Der Zeitraum ist etwa deckungsgleich mit dem der familiären Sozialisation. Hier eine klare Altersgrenze zu ziehen, ist nicht möglich.

Die Fragestellung, inwiefern Eltern mittels Erziehung und eigenem Verhalten Einfluss auf das Konfliktverhalten ihrer Kinder nehmen können, soll anhand folgender Gliederung erläutert werden. Als erstes werden Begriffe definiert, die im Zusammenhang mit dem behandelten Thema stehen und eine bedeutende Rolle in den folgenden Ausführungen spielen. Diese Vorgehensweise der Definition ist notwendig, damit deutlich und klar ist, auf welche Bedeutung der Begriffe zurückgegangen werden kann.

Im zweiten Schritt wird der erste große Themenbereich der familiären Sozialisation aufgegriffen. Es soll aufgezeigt werden, unter welchen Bedingungen, vor welchen Hintergründen und in welchem Familienalltag Kinder heute aufwachsen.

Um diesen Themenkomplex darzustellen, wird zu Beginn auf das Grundmodell der modernen Familie eingegangen. In diesem Kapitel wird beschrieben, unter welchen Rahmenbedingungen im Bezug auf die Art der Familie (z.B. Familienstand der Eltern, Anzahl der Geschwister, räumlich zusammenwohnende Generationen usw.) Kinder erwachsen werden. Diese Rahmendarstellung ist wichtig, damit deutlich wird, in welchem familiären Alltag Kinder heute leben. Weiter soll dargestellt werden, welche Gründe und mögliche Ursachen von Konflikte in der modernen Familie zugrunde liegen, in welche Richtung sich die Familie entwickelt und auf welche Art und Weise sich Familienkonstellationen verändern können.

Im Anschluss daran werden Ansprüche an die Erziehungsaufgaben von Eltern vorgestellt. In diesem Punkt soll dargestellt werden, welche Erziehungsaufgaben im Hinblick auf den Umgang mit Konflikten und Konfliktlösungsstrategien in der heutigen Erziehungswelt sinnvoll erscheinen und welche sich eher negativ auf das kindliche Verhalten auswirken können. Auf drei größere Schwerpunkte soll hierbei eingegangen werden: Bewältigung von Konflikten, Erziehung zur Selbstständigkeit und elterliche Qualifikation zur Konfliktbewältigung. Eine umfassende Darstellung der Erziehungsaufgaben von Eltern erscheint notwendig, um zu untersuchen, inwieweit der kindliche Umgang mit Konflikten von dem Erziehungsstil der Eltern abhängt.

Die Erziehung von Kindern und der Umgang mit Konflikten stehen im engen Zusammenhang mit verbaler und nonverbaler Kommunikation. Konflikte entstehen meist aufgrund von Interaktion und können auch mittels „miteinander sprechen“ bewältigt werden. Aus diesem Grund soll als nächstes auf familiäre Kommunikation eingegangen werden. Kommunikation spielt innerhalb von zwischenmenschlichen Beziehungen, wie auch innerhalb von Familien eine ganz entscheidende Rolle, sie stellt das „soziale Verständigungsmittel“ dar. Aufgrund von Kommunikation ist es Menschen möglich, sich auch in Konfliktsituationen zu verständigen. Aus diesem Grund sollen im Hinblick auf Konflikte günstige und ungünstige Kommunikationsmerkmale vorgestellt werden.

Auch Beziehungen entstehen aufgrund von Kommunikation und werden mittels Interaktion erhalten und definiert. Die familiären Beziehungen und ihre Qualität spielen eine wichtige Rolle im Zusammenhang mit der Sozialisation von Kindern und mit dem Umgang mit Konflikten. Daher sollen Beziehungen innerhalb der Familie als nächstes vorgestellt werden. Besondere Beachtung verdient im Zusammenhang mit der Fragestellung dieser Arbeit die Eltern-Kind-Beziehung. Es sollen daher sichere und unsichere Bindungen, positive Beziehungsmerkmale und Risikofaktoren, Konfliktfamilien und partnerschaftliche Eltern und schließlich Beziehungsstörungen dargestellt werden.

Zum Abschluss des ersten Themenbereichs soll konkret auf Konflikte in der Familie eingegangen werden. Dieser Punkt beinhaltet die Gründe dafür, warum die Familie als Konfliktfeld gesehen werden kann, verschiedene Themenbereiche und Auslöser von familiären Konflikten, die Rolle der Kinder und die Bedeutung von Familienkonflikten. Im Bezug auf die Fragestellung dieser Arbeit scheint es sinnvoll, genau auf Familienkonflikte einzugehen, damit deutlich wird, welche Ursachen, Bedeutungen und Arten von Konflikten Kinder innerhalb von Familien erleben und welche Rolle sie dabei spielen.

Im nächsten Schritt soll der zweite große Bereich Konflikte ausführlich dargestellt werden. Dieser Themenkomplex wird sehr umfangreich beleuchtet, damit deutlich wird, was Konflikte sind, wie sie entstehen und auf welche Weise mit ihnen umgegangen werden kann. Bedauerlicherweise lassen sich nicht alle folgenden Ausführungen in diesem Kapitel auf Kinder übertragen. Dennoch sollen diese aber aufgrund eines allgemeinen Konfliktverständnisses trotzdem aufgezeigt werden.

Um den großen Themenbereich Konflikte facettenreich darzustellen, wird als erstes auf Konflikttheorien eingegangen. Die Darstellung von Äußerungsformen, Merkmalen und Kennzeichen von Konflikten, Konfliktkulturen und dem Sinn von Konflikten soll einer Verdeutlichung der Komplexität und einem grundsätzlichen Verständnis von Konflikten dienen.

Im Anschluss werden Arten und Formen von Konflikten vorgestellt. Diese Vorstellung der unterschiedlichen Konfliktarten soll deutlich machen, welche Arten es gibt und auf welche Formen die vorher beschriebene Theorie anzuwenden ist. Außerdem erscheint es notwendig, Konfliktformen darzustellen, da sich auch Kinder verschiedenen Formen bedienen und ihnen meist ein großes Repertoire an Konfliktarten zur Verfügung steht. Des Weiteren erscheint es im Hinblick auf den Konfliktumgang sinnvoll, verschiedene Arten und Formen von Konflikten aufzuführen.

Als nächstes wird auf Konfliktmodelle eingegangen. In diesem Zusammenhang werden zwei Eskalationsmodelle aufgezeigt, um einen möglichen destruktiven Konfliktverlauf zu beschreiben. Hier wird deutlich, in welche Richtung sich Konflikte im „extremsten“ Fall entwickeln können. Diese Darstellung dient einem allgemeinen Konfliktverständnis und sollte deshalb mit aufgeführt werden.

Bevor auf verschiedene andere Umgangsmöglichkeiten eingegangen wird, erscheint es sinnvoll, zunächst Konfliktentstehung, -analyse und –verlauf darzustellen. In diesem Punkt soll aufgezeigt werden, an welcher Stelle die Ursachen von Konflikten liegen, auf welche Weise Konflikte zu analysieren und zu diagnostizieren sind und in welche unterschiedliche Richtungen Konflikte verlaufen und sich entwickeln können. Dieser Bereich der Entstehung, Analyse und Verlauf lässt sich zum großen Teil auch auf Kinderkonflikte übertragen.

Im Anschluss an diese grundsätzliche Erläuterung von Entstehung und Verlauf sollen verschiedene Möglichkeiten im Umgang mit Konflikten vorgestellt werden. Konflikte können sich in zwei grundlegende Richtungen entwickeln, in eine konstruktive und eine destruktive. Es werden aber nicht nur diese zwei Umgangsmöglichkeiten vorgestellt, sondern auch das Konfliktverhalten von Kindern, aggressiver Umgang, geschlechtsspezifische Unterschiede im Umgang und Mediation als Möglichkeit des Konfliktumgangs. Diese umfassende Darstellung von Umgangsmöglichkeiten ist wichtig, damit deutlich wird, auf welche Arten mit Konflikten umgegangen werden kann und welche grundlegenden Unterschiede existieren können.

Im Anschluss an das umfangreiche Kapitel der Konflikte wird der wichtigste Punkt dieser Diplomarbeit behandelt. In den Auswirkungen der Sozialisation auf den Umgang mit Konflikten wird genau auf die Fragestellung dieser Arbeit eingegangen, indem erläutert wird, inwiefern das Erziehungsverhalten und das eigene Verhalten der Eltern im Bezug auf den Konfliktumgang von Kindern Einfluss nimmt und diesen prägt.

Im letzten Kapitel wird dann auf Konfliktlösungsstrategien und Formen der Konfliktlösung eingegangen. In diesem Kapitel sollen letztlich verschiedene Möglichkeiten von Bewältigungsmustern und –modellen aufgezeigt werden, damit sichtbar wird, welche Lösungsstrategien sinnvoll und konstruktiv sind und welche sich negativ auswirken.

In den Ausführungen zur Konfliktbewältigung werden Formen vorgestellt, wie Konflikte destruktiv (aber nicht eskalierend) und konstruktiv im Alltag bewältigt werden können und auf welche Weise diese zu beurteilen sind. Des Weiteren wird beschrieben, auf welche Weise Kinder Konflikte lösen können, wie Fähigkeiten zur Bewältigung von Konflikten erworben werden können und welche Rolle die Kindheit in diesem Zusammenhang spielt. Im Anschluss werden einige Bewältigungsmodelle vorgestellt.

Zum Abschluss wird auf Hilfe in familiären Konflikten eingegangen. Im Hinblick auf die Familie sollen Möglichkeiten dargestellt werden, die sich für Familien bieten, die nicht (mehr) in der Lage sind, ihre Konflikte selbstständig zu bewältigen.

Im Anschluss an die Beschreibung des Verlaufs dieser Diplomarbeit soll anhand von Literatur die Notwendigkeit von Konflikten, die Erziehung zur Friedensfähigkeit und ein dreifältiges Menschenbild dargestellt werden.

Es erscheint sinnvoll, in einer Diplomarbeit über Konflikte, auf die Wichtigkeit von Konflikten für die Gesellschaft einzugehen. Laut Friedmond herrscht innerhalb der Gesellschaft eine Unfähigkeit mit Konflikten umzugehen. Die Menschen sollten sich über einen konkreten Umgang mit Konflikten und Grundeinstellungen gegenüber Konflikten bewusst werden. Konflikte werden viel zu häufig verdrängt, um die Harmonie nicht zu gefährden und um keinen Konflikt aushalten zu müssen, d.h. die Menschen flüchten aus der Gegenwart, anstatt sich dem Konflikt zu stellen. Konflikte werden häufig nicht positiv wahrgenommen und die Chance zur Veränderung durch konstruktive Konfliktlösung wird oft nicht genutzt. Die erste Voraussetzung, damit Konflikte angemessen behandelt werden, stellt somit die Wahrnehmung und Bearbeitung des Konflikts dar. Ein weiterer Schritt besteht darin, die andere Partei angemessen zu behandeln und Konflikte zu akzeptieren, auch wenn sie sich momentan nicht lösen lassen. Dabei ist es sinnvoll, immer wieder das eigene Verhalten kritisch zu überprüfen und zu reflektieren. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, dass die eigene Identität gefunden werden kann, ohne sich stets anpassen zu müssen. Konflikte stellen somit einen wichtigen Teil der Menschen und der Gesellschaft dar und sollten auch als Chance der Entwicklung genutzt werden. Der Stellenwert von Konflikten kann lediglich dann verändert werden, wenn Menschen schon im Kindesalter lernen, sie anzusprechen und konstruktiv zu bearbeiten.[1]

Aber nicht nur eine angemessene Grundhaltung gegenüber Konflikten ist eine notwendige Voraussetzung für eine Veränderung in der Wahrnehmung der Gesellschaft, sondern auch die Bereitschaft, zur Friedensfähigkeit zu erziehen. Das Ziel dieser Erziehung besteht darin, eine Welt zu schaffen, „in der abnehmende Gewalt, zunehmende soziale Gerechtigkeit und politische Freiheit im internationalen System und in den einzelnen Gesellschaften verbunden sind.“[2] Die Gesellschaft muss die Verantwortung für den Frieden übernehmen, denn Kinder werden nicht nur durch die Eltern und die Schule geprägt, sondern auch durch die Realität, d.h. durch die Gesellschaft in der sie leben. Somit sollte Friedenspädagogik auf verschiedenen Ebenen ansetzen, z.B. auf der Ebene der frühkindlichen Sozialisation, aber auch auf der Ebene der Lernfähigkeit ganzer Systeme. Gewaltdenken sollte im Sinn der Friedenspädagogik in den Köpfen der Menschen, in Systemen und in der Gesellschaft verringert werden, damit z.B. Kriege vermieden werden. Die Grundregeln der Friedenspädagogik beziehen sich auf die Kindheit (in der Kindheit werden bedeutende Dispositionen für das spätere Verhalten gelegt), auf den Alltag (Erfahrungen werden im täglichen Umgang mit Problemen gemacht), auf Mittel und Zwecke (Mittel und Zweck müssen homogen und angemessen sein) und auf die Schulen (innerhalb des Schulsystems sollten Lehrer wie Schüler gemeinsam lernen friedlich miteinander umzugehen).[3]

Zusammengefasst kann dies bedeuten, dass friedliches Zusammenleben lediglich dann entstehen kann, wenn auf verschiedenen Ebenen angesetzt wird und die Kinder von Anfang an gewaltfrei erzogen werden und aufwachsen können. Diese Grundeinstellung scheint notwendig zu sein, wenn die Gesellschaft einen angemessenen Umgang mit Konflikten erreichen möchte. Dabei bleibt festzuhalten, dass die Gesellschaft sich lediglich dann verändern kann, wenn jedes Individuum sein Möglichstes dazu beiträgt.

Als letztes soll ein dreifältiges Menschenbild laut Glasl vorgestellt werden, damit deutlich ist, dass der Mensch ganzheitlich wahrgenommen wird. Nach diesem Bild besteht der Mensch in Leib, in Seele und in Geist. Diese drei Dimensionen ergeben das unteilbare Ganze. Die Dimension Leib bezieht sich auf den menschlichen Körper und stellt den Mensch als antisoziales Wesen (der Mensch muss vernichten, um zu überleben) da, die Seele macht den Mensch sozial (Kontakte zu anderen Menschen sind unbedingt notwendig) und der Geist lässt den Mensch zu einem asozialen Wesen werden (Menschen brauchen Einsamkeit und Freiräume, um sich zu entfalten). Damit sich der Mensch frei und natürlich entwickeln kann, ist es notwendig, dass alle drei Seiten angemessen benutzt werden, d.h. sie müssen in einer gewissen Balance zueinander stehen.[4]

Dieses dreifältige Menschenbild soll für die gesamte Diplomarbeit gelten. Es ist wichtig, dass der Mensch unter diesen drei Aspekten wahrgenommen wird und ganzheitlich wahrgenommen wird.

2. Definitionen

Zu Beginn sollen erst einmal alle Begriffe, die im Zusammenhang mit dem Thema dieser Arbeit von Bedeutung sind, definiert werden, damit nachvollziehbar ist, auf welche grundsätzliche Bedeutung der Begriffe im Text zurückgegangen werden kann.

Konflikt

Als erstes wird an dieser Stelle der Konfliktbegriff geklärt, da er den Rahmen für die folgenden Ausführungen darstellt. Er durchdringt den gesamten weiteren Text und ist einer der zentralen Gegenstände dieser Arbeit.

Der Begriff Konflikt kann aus dem lateinischen „confligere“ abgeleitet werden, was auf der einen Seite „zusammenstoßen“, auf der anderen aber auch „aneinandergeraten“ bedeuten kann.[5] Der Begriff des Konflikts ist oft negativ besetzt und somit vorbelastet, dabei wäre es für eine angemessene Erfassung notwendig, den Konflikt neutral als Tatbestand zu betrachten.

Konflikt kann als sozialer Tatbestand definiert werden, der mindestens zwei Konfliktparteien auf Grund von Unterschieden in der sozialen Lage oder in unterschiedlichen Interessen beinhaltet.[6]

Erweitert werden kann diese Definition durch den Zusatz, dass zwei scheinbar gegensätzliche, sich ausschließende Standpunkte oder Handlungswünsche aufeinandertreffen[7], wobei sich wenigstens ein Aktor beeinträchtigt fühlt.[8]

Diese Begriffsklärung soll im Rahmen der folgenden Ausführungen gelten, da sie sich nicht nur auf die Übersetzung bezieht, sondern auch wichtige Bestandteile wie Gegensätzlichkeit von zwei Standpunkten, Aktoren und deren Beeinträchtigung enthält.

Der Konflikt kann einerseits von den folgenden zwei Bereichen bestimmt werden. Der erste Aspekt bezieht sich auf das innerpsychische und der zweite auf den sozialen Bereich.[9] Zum anderen kann ein Konflikt auch ein „innerer Widerstreit von Motiven, Wünschen, Bestrebungen“[10] sein und muss nicht zwangsläufig in den sozialen Bereich führen.

Folgende vier Analyseebenen können unterschieden werden:

- Intrapersonale Konflikte
- Interpersonale Konflikte
- Innergesellschaftliche Konflikte
- Internationale Konflikte

Jede dieser Ebenen bezieht sich auf andere Konfliktparteien und unterschiedliche Erscheinungs- oder Umgangsformen[11], wobei in dieser Arbeit speziell auf interpersonale Konflikte eingegangen werden soll. Auf der personalen Ebene sind bspw. psychische und psychologische Konflikte anzusiedeln, auf der gesellschaftlichen Ebene religiöse, ökonomische, soziale, ethnische, rassische usw. Internationale Konflikte stellen z.B. Macht-, Verteidigungs- und Regionalkonflikte, sowie Kriege und Konkurrenz dar.

Des Weiteren können zehn verschiedene Konflikttypen unterschieden werden. Die erste Unterscheidung liegt in echten (Konflikte zur Erreichung eines bestimmten Ziels) und unechten (nicht das Ziel oder der Gegenstand, sondern der Konflikt steht im Mittelpunkt) Konflikten. Konflikte können manifest (in offener Artikulation) oder latent (nicht offen) ausgetragen werden. Ein weiterer Unterschied liegt in der Symmetrie. So gibt es symmetrische (Parteien sind gleich stark und gleichberechtigt) und asymmetrische (die rechtlichen, strukturellen oder moralischen Voraussetzungen der Konfliktpartner sind ungleich verteilt) Konflikte.

Viertens können Konflikte aufgrund der Kompromissfähigkeit ihrer Aktoren entweder als antagonistisch (Konfliktgegner sind nicht zur Verhandlung bereit) oder nicht- antagonistisch (die Parteien sind fähig, sich auf Lösungen oder Kompromisse einzulassen) bezeichnet werden. Des Weiteren können Konflikte als legitim (die Art und Austragungsform ist rechtlich, humanitär, universell und sozial erwünscht) oder nicht legitim (die gesellschaftlichen Grenzen werden überschritten) definiert werden. Die Unterscheidung nach informellen (es liegen keine formalen Regeln zu Grunde, so dass die Mittel zur Konfliktaustragung nicht einschätzbar sind) und institutionalisierten (die Austragungsmittel sind normiert und die Notwendigkeit der Auseinandersetzung ist bekannt) Aspekten liegt der Legitimitätsdefinition sehr nahe. Im Bezug auf Gründe können objektive (auf knappe Güter und Werte bezogen) und subjektive (Bezug zu bestimmten Einstellungen) Konflikte unterschieden werden. Diesem ähnlich ist die Differenzierung von konsensual (es besteht Einigkeit über das Ziel, aber in der Umsetzung erhält eine Seite mehr Vorteile) und dissensual (es herrscht keine Übereinkunft über das zu Erreichende).

Im Hinblick auf den Ausgang können Konflikte konstruktiv (beide Parteien sind zufrieden und haben etwas gewonnen) und destruktiv (es besteht die Gefahr der Eskalation, da mindestens ein Konfliktpartner das Ergebnis als negativ befindet) gelöst werden. Die letzte Unterscheidung bezieht sich auf teilbare (mehrere Lösungsansätze stehen zur Verfügung) und unteilbare (es ist eine Wahl zwischen zwei Alternativen möglich) Konflikte.[12]

Sozialer Konflikt

Im Anschluss an die Konfliktdefinition wird an dieser Stelle der soziale Konflikt definiert, da die zwischenmenschlichen Konflikte, die den Schwerpunkt dieser Arbeit darstellen, im sozialen Kontext stehen.

Ein sozialer Konflikt liegt laut Glasl vor, wenn eine „Interaktion zwischen Aktoren (...), wobei wenigstens ein Aktor Unvereinbarkeiten im Denken/ Vorstellen/ Wahrnehmen und/ oder fühlen und/ oder wollen mit dem anderen Aktor (...) in der Art erlebt, dass im Realisieren eine Beeinträchtigung durch einen anderen Aktor (...) erfolge“[13] stattfindet. Wichtig im Bezug auf die Definition ist der Tatbestand einer Interaktion sowie die Tatsache, dass bereits ein Aktor ausreicht, der sich beeinträchtigt fühlt und diese Behinderung der Gegenpartei zuschreibt. Weiter muss auf den Gegensatz in der kognitiven Ebene eine Erkennung des Problems folgen.[14] Dieser Definitionsversuch kann durch die folgende Erweiterung ergänzt werden: Die Inhalte von sozialen Konflikten basieren auf unterschiedlichen Standpunkten im Bezug auf Werte und Normen, Lebensziele und -wünsche, Status- Macht- oder Verteilungsverhältnisse.[15]

Familienkonflikt

Familienkonflikte sind immer auch soziale Konflikte, sollen aber an dieser Stelle differenziert aufgeführt werden, weil sie im Bezug auf Eltern und Kinder innerhalb der Familie und auf die Erziehung eine wichtige Rolle spielen.

Da in diesem Bereich keine eindeutige Definition existiert, kann eine vom Thema unabhängige Annäherung in Form von sieben Thesen erfolgen.

Erstens gehören Konflikte zum alltäglichen Familien- und Eheleben dazu und können zweitens als „Form von Vergesellschaftung“[16] gelten. Drittens ist die Familie durch eine hohe Konfliktgefährdung und –resistenz gleichzeitig gekennzeichnet. Viertens betrifft die Existenz eines Konflikts alle Familienmitglieder und sollte sich deshalb auf die subjektive und gruppenspezifische Ebene beziehen. Fünftens spielen die Konfliktbeziehungen eine wichtige Rolle, wobei das Subjekt den Ausgangspunkt darstellt. Im Verlauf des Konflikts sind sechstens die Austragungsformen, sozialen Zusammenhänge und die eingesetzten Mittel zu berücksichtigen. Die letzte These bezieht sich auf den engen Zusammenhang von Familie und familiärer und/ oder gesellschaftlicher Veränderung.[17]

In familiären Konflikten kann die Konfliktfähigkeit der einzelnen Mitglieder für den Konfliktverlauf und die Lösung ausschlaggebend sein. Aus diesem Grund ist es notwendig, diesen Begriff als nächstes zu definieren.

Konfliktfähigkeit

Auch in diesem Zusammenhang gibt es keine eindeutige Begriffsdefinition, sondern lediglich eine Annäherung. In der Begriffsklärung geht es grundsätzlich darum, dass Konflikte etwas Alltägliches darstellen und es darauf ankommt, angemessen mit ihnen umzugehen. Der angemessene Umgang kann erst erfolgen, wenn der Konflikt als solcher erkannt und als positiv bewertet wird. Konfliktfähigkeit ist somit „Verfügung über die psychischen Fähigkeiten, auf Gegensätze und Unvereinbarkeiten nicht sofort durch Flucht oder Kampfansage zu reagieren, sondern sich ihnen zu stellen und sie schließlich zu verändern.“[18]

Etwas umfassender lässt sich Konfliktfähigkeit als „aus verschiedenen Unterdimensionen zusammengesetzte Kompetenz (...), die im Verlaufe eines interaktiven Handlungsvorganges als symbolisch und kognitiv typifizierten Verhaltenserwartungen und Zuschreibungen in ihren möglichen konfliktinitiierten Funktionen zu erkennen und sich in metakommunikativen Akten über das ablaufende kommunikative Handeln und interpersonelle Wahrnehmungsvorgänge auseinanderzusetzen“[19] definieren.

Konfliktfähigkeit kann in vier Schritte eingeteilt werden:

1. den Konflikt erkennen
2. und benennen können
3. Veränderungsmöglichkeiten suchen
4. ggf. die Spannungen bis zur Beseitigung aushalten können[20]

Der Umgang mit Konflikten und seine Handhabung können die Ich-Stärke erhöhen, Autonomie und Mündigkeit verleihen.[21]

Sozialisation

Um der Frage nachgehen zu können, in wie weit die familiäre Sozialisation den Umgang von Kindern mit Konflikten beeinflusst, ist es notwendig, den Begriff der Sozialisation zu erklären.

Der Sozialisationsprozess ist nicht direkt greifbar und fassbar, aber dennoch existent.[22] Sozialisation ist der „Prozess der Entstehung und Entwicklung der Persönlichkeit in wechselseitiger Abhängigkeit von der gesellschaftlich vermittelten sozialen und materiellen Umwelt. Vorrangig thematisch ist dabei, wie sich der Mensch zu einem gesellschaftlich handlungsfähigen Subjekt bildet.“[23]

Nach dieser Definition spielen die gesamten Umweltbedingungen eine Rolle, z.B. die elterliche Erziehung, das Lernen in der Schule und auch die Atmosphäre am Arbeitsplatz. Des Weiteren sind alle Einflüsse durch die Gesellschaft geprägt.[24]

Hurrelmann beschreibt in seiner Ausführung zu der Definition den lebenslangen Prozess, in dem sich der biologische Mensch in Aneignung und Auseinandersetzung mit seiner Umwelt zu einem sozial handlungsfähigen entwickelt.[25]

Im Bezug auf Biographie könnte Sozialisation auch als „Persönlichkeitsentwicklung im sozialen und kulturellen Kontext, eine Form der stets spannungsreichen Konstruktion der Biographie und der Behauptung der Identität in der Umwelt, im teilweisen Widerspruch zur >ärgerlichen Tatsache der Gesellschaft<“[26] definiert werden.

3. Familiäre Sozialisation

Im Bezug auf die Fragestellung dieser Arbeit, in wie fern die familiäre Sozialisation das kindliche Konfliktverhalten beeinflusst, soll hier nicht allgemein auf familiäre Sozialisation eingegangen werden. Vielmehr erscheint es aufschlussreicher, konfliktreiche Themen, die Ursachen von Konflikten darstellen oder Konflikte hervorrufen können, darzustellen. So sollen die Gesellschaft im Bezug auf die Familie, die Erziehungsansprüche an die Eltern, die familiäre Kommunikation und die Beziehungen innerhalb der Familie und beleuchtet werden. Im Abschluss sollen Konflikte in der Familie aufgezeigt werden.

3.1. Zum Grundmodell der modernen Familie

Im Folgenden soll das Modell der modernen Familie dargestellt werden, damit nachvollziehbar ist, um welche Art von Familie es sich heute handelt und aus welchem Grund Konflikte auftreten können bzw. wo die Ursachen liegen können. Für die weiteren Ausführungen soll folgende Familiendefinition gelten: „Familie (...) als Lebensgemeinschaft von Menschen unterschiedlicher Generationen, die in einem (auch biologisch, rechtlich oder sozial begründeten) Nachkommenschaftsverhältnis zueinander stehen und die, soweit sie unterstützungsbedürftig sind, (...) von anderen Mitgliedern die notwendige Unterstützung erwarten können“.[27]

Immer wieder tauchen Diskussionen zum Thema „Strukturveränderungen in der Familie“ auf. Laut Gordon gibt es seit mindestens 150 Jahren immer wieder Phasen, in denen befürchtet wird, die traditionelle Familienstruktur würde sich auflösen. Die Vermutungen haben in sozial angespannten Zeiten die Tendenz, sich zu verstärken.[28]

Auch Schneider sieht die immer wieder kehrenden Themen des Zerfalls der traditionellen Familie. Die Möglichkeiten und somit die Wahl der Lebensform werden, seiner Meinung nach, immer vielfältiger, die Rollenverteilungen brechen auf, die Handhabung von Familie und Beruf wird schwieriger und die gesellschaftlich-familiären Bedingungen für Kinder immer problematischer.[29]

Es existiert keine einheitliche, traditionelle Familiendefinition mehr, es sind viele neue familiäre Lebensformen entstanden.[30]

Die Veränderungen in den letzten Jahren können, laut Meier, in fünf gesellschaftliche Trends zusammengefasst werden.[31] Erstens nimmt der Wunsch nach einer verlässlichen, vertrauten und fürsorglichen partnerschaftlichen Beziehung mit eigenen Kindern einen hohen Stellenwert (der Stellenwert ist noch höher als in den 80er Jahren) ein.

Der Stellenwert der Ehe, Familie und Kindern liegt auch in den Ausführungen von Schneider sehr hoch. Familienglück wird mit Lebensglück gleichgesetzt. Als „Geheimnis“ für funktionierende Ehen wird die Konfliktbewältigung mit gegenseitiger Achtung angepriesen. Es existiert der neue-alte Wunsch nach familiärer Privatheit.[32]

Auch Büchner nennt als Merkmal der modernen Familie gegenseitige Zuneigung und Achtung als Grundlage für eine glückliche Partnerschaft.[33]

Die Mehrheit von jungen Menschen wünscht sich zweitens eine Zukunft mit Kindern. Dem gegenüber weist die Realität mit verhältnismäßig hoher Kinderlosigkeit auf. Ein Grund dafür könnte sein, dass sich der Wunsch nach Beruf und Kindern nicht verwirklichen lässt oder sich die Paare diese „Doppelbelastung“ nicht zugetrauen.

Drittens ist die durchschnittliche Kinderzahl in Deutschland mit zwei Kindern konstant geblieben. Der Trend geht also nicht zu Einzelkindern. Zu den Strukturen der modernen Familie gehört auch die Gruppe der geschiedenen, alleinerziehenden Eltern, welche mittlerweile über ein Drittel ausmacht.

Auch laut Hederer nimmt die „vollständige“ Familie ab. Im Bezug auf die Kinderzahl stellt er aber, im Widerspruch zu Meier, die „Einkindfamilie“ als Regel dar.[34]

Die Entscheidung für Kinder endet viertens nicht selten in belastenden Lebenslagen oder in finanziellen Nöten. Diese Sachlage ist, laut der Autoren, auf eine strukturelle Rücksichtslosigkeit gegenüber dem Familienleben mit Kindern zurückzuführen. Fünftens kann von einer Zunahme in Partnerschaftskonstellationen mit gleichem Bildungsniveau ausgegangen werden. Als Folge wird die soziale Ungleichheit verstärkt, denn in den unteren Schichten kumulieren ungünstige, in der Oberschicht dagegen zufriedene und erfüllte Lebensumstände.

Es sollen an dieser Stelle weitere vier Entwicklungstrends aufgeführt werden.[35] Der erste Trend stellt die neuen Möglichkeiten von Lebens- und Beziehungsstilen dar. Ein nächster Trend bezieht sich auf die ansteigende Verschiedenartigkeit der Lebensformen auf Kosten der Kleinfamilie. Drittens nehmen immer mehr Frauen die Rolle des Haushaltsvorstands aufgrund von Alleinerziehung ein und viertens entsteht ein häufiger Wechsel von Lebensformen aus der individualbiographischen Perspektive. Trotz dieser gesellschaftlichen Trends sollte nicht vergessen werden, dass die „normale“ Familie zwar eine von vielen, aber die häufigste Lebensform darstellt[36] und viele andere alternative Lebensformen sich oft in irgendeiner Form von Familie äußern.[37]

Zwei weitere zu erkennende Entwicklungslinien zeigen sich im direkten Bezug auf Familie. Die Zahl der Familienmitglieder wird tendenziell geringer, die Dauer des ehelichen Zusammenlebens hingegen verlängert sich aufgrund von gesteigerten Lebenserwartungen. Die „Familienphase“ in einer Ehe ist durch die geringere Kinderzahl verkürzt.[38]

Auch Textor weist auf die Wandlungsprozesse in Familien hin. Es sollen die bereits beschriebenen Veränderungen noch ergänzt werden. Zum einen ist das Lebensalter zum Zeitpunkt der Heirat und der Geburt des ersten Kindes erheblich angestiegen. Ein Grund dafür könnte die berufliche Entwicklung von Frauen sein, die Berufserfahrungen vor der Heirat oder dem ersten Kind sammeln wollen. Zum zweiten geht der Eheschließung eine Phase des Zusammenlebens mit dem Partner voraus. Folglich steigt die Zahl der nicht ehelichen Kinder. Drittens ist die Entscheidung für ein Kind meist von Emotionen begleitet, die Eltern nehmen den Kinderwunsch bewusst wahr. In Folge dessen behüten sie das Kind liebevoll und längere Schul- bzw. Ausbildungszeiten werden somit bedingt. Im Bezug auf die Familienfunktion geht der Trend z.B. weg von religiösen Werten und hin zu Konsum, Freizeit und Erziehung.[39]

Zusammenfassend ergibt sich ein widersprüchliches Bild. Auf der einen Seite ist der Wunsch nach Familie, Kindern, Partnerschaft, Vertrauen und Sicherheit sehr stark vorhanden. Andererseits steigen die Scheidungszahlen und immer mehr Paare bleiben ohne Kinder, es ist von einem „Zerfall der Familie“ die Rede.[40]

Um die Ausführungen des familiären Wandels zu erweitern, ist es angemessen, auch mögliche Veränderungen in der Mann-Frau-Beziehung im Folgenden zu untersuchen.

Im Bezug auf die Gleichberechtigung von Männern und Frauen bleibt festzuhalten, dass sich der Mann traditionell als „Ernährer“ versteht, während die Frau den Anspruch besitzt, in der Kinderpflege und ihren beruflichen Ambitionen unterstützt zu werden. Die Tradition, dass Frauen aus dem Beruf ganz oder zeitweise austreten, bleibt zum großen Teil bestehen. Folglich wirkt sich diese Tatsache negativ auf den berufsbiographischen Verlauf von Frauen aus. Oft sind sich die Paare, aufgrund von zu wenig Absprache über das Leben mit Kindern, über die Konsequenzen bezüglich der Rollenverteilung nicht bewusst.

Diese unterschiedlichen Erwartungen und Lebensplanungen können sich konflikthaltig und bearbeitungsbedürftig auswirken.[41]

Auch Deckers und Kluge führen das Problem der Rollenverteilung von Frau und Mann an. Aufgrund der Trennung von Wohnraum und Arbeitsplatz werden der Frau die Erziehungsaufgaben übertragen und der Mann als Alleinverdiener hat nur einen geringen Einfluss auf die Erziehung (die Ausnahme bilden Alleinstehende und Familien, in denen beide Elternteile erwerbstätig sind).[42]

Des Weiteren entstehen durch den Druck des hohen Stellenwerts der Familie und des Familienglücks Spannungen und Konflikte, die im Familiensystem schwer zu lösen sind. Es fehlen sog. „übergeordnete Entscheidungsinstanzen“ und kontrollierte Konfliktlösungsmechanismen. Die emotionale Bindung an den Partner oder die Familie wirkt bei Enttäuschung der Wünsche stark konfliktverstärkend.[43]

Eine grundsätzliche Krise, die in Familien heute bestand hat, bezieht sich nicht nur auf die Erschütterungen von außen aufgrund von gesellschaftlicher Veränderung. Es vollzieht sich auch innerhalb der Familie ein Wandel, der mit den äußeren Entwicklungen einhergeht. Eine erhöhte Konflikthaftigkeit und -wahrnehmung ist besonders bei Frauen zu erkennen. Dies könnte auf eine erhöhte Sensibilität im Hinblick auf offene Aussprachen und eine Emanzipierung im Bezug auf das eigene Durchsetzungsvermögen und die Interessenvertretung hindeuten.

Die Konflikte nehmen mit dem Heranwachsen der Kinder aufgrund unterschiedlicher Interessen zu. Zusätzlich steigt die Bedeutung der persönlichen und partnerschaftlichen Konflikte, was als veränderter Schwerpunkt in der Ehe, aber auch als Krisenanfälligkeit gewertet werden kann.[44]

Drei Bereiche können demnach die Säulen der Familienkrise darstellen. Erstens die Strukturveränderung in der privaten Ebene, zweitens die ansteigende Konflikthaftigkeit und als letztes die Gewalt in Familien (auf diesen Punkt soll nicht weiter eingegangen werden).[45]

Schneider folgert aus dem familiären Wandel eine weiter ansteigende Konfliktwahrscheinlichkeit, da aufgrund der Spezialisierung von Familie auf Privatsphäre und Emotionalität wenig „solide“ Grundlagen und ein ansteigendes Konfliktpotenzial vorhanden sind. Dies kann zurückgeführt werden auf die beobachtete Deinstitutionalisierung von Familie und dem Verlust der damit verbundenen Handlungssicherheit. Die Instabilität der Familie wird durch die persönliche Handlungsfreiheit, die in Unsicherheiten umschlagen kann, zusätzlich erhöht.[46] Zusammenfassend könnte folgendes festgehalten werden: „Fortschreitende gesellschaftliche Differenzierung als generelle Erklärung für gesellschaftlichen Wandel führt (...) zu einem Deinstitutionalisierungsprozess, in dem familiäre Konflikte - gleichzeitig als Resultat und Verstärker – fast zwangsläufig stetig zunehmen.“[47]

Die oben genannte individuelle Handlungsfreiheit spielt im Bezug auf die Konflikthaftigkeit eine große Rolle. Aufgrund der verschiedenen Lebensformen existieren immer differenziertere Wahlmöglichkeiten. Im Rahmen der Familie könnte sich „familieninterne Modernität als zunehmender Freiraum einzelner Individuen auswirken.“[48] Das Subjekt definiert sich nicht nur über „Du“ im Gegensatz zu anderen Personen zum Individuum, sondern auch über „Ich“ in einer Selbstbeziehung.[49]

Es bieten sich zwei Aspekte, die vereinbart werden müssen. Der eine bezieht sich auf das individuelle Leben und der zweite Aspekt zielt auf Partnerschaft und Familie ab. Das Individuum ist gezwungen, sich zu entscheiden, was sich nicht ohne Reibung und Konflikte bewältigen lässt. Oft entsteht in dieser Hinsicht ein Aufbrechen von Geschlechterverhältnissen. Das alltägliche Familienleben wird aufgrund von Wahlmöglichkeiten, Widerrufbarkeit und Instabilität zu einem „konfliktreichen Dauerprojekt“.[50]

Die dadurch entstehenden Konflikte können als Mittel zur Durchsetzung von Individualisierung, Vergesellschaftung und Modernisierung gesehen werden.[51]

Veränderungen in der Gesellschaft dringen, wie oben beschrieben, bis in die Familie ein. In diesem Zusammenhang soll an dieser Stelle einen weiterer Aspekt, die Veränderung der Familienkonstellation, als Folge des gesellschaftlichen Wandels aufgezeigt werden. Laut Deckers und Kluge fühlen sich viele Erziehende nicht mehr dazu im Stande, den Vorstellungen und Ansprüchen an Erziehung gerecht zu werden. Als einen Grund dafür könnte die alleinige Verantwortung für die Kinder und ihre Erziehung gesehen werden. Die Familie lebt nicht mehr in einem Mehr–Generationen-Haushalt und kann somit nicht auf andere Erwachsene und deren Erfahrungen zurückgreifen. Laut Deckers und Kluge kann diese räumliche Trennung von Angehörigen könnte gleichgesetzt werden mit einer teilweisen Ausgliederung aus der Gesellschaft, denn auch die Nachbarschaft existiert kaum noch, die Familie ist ein von außen abgeschirmter privater Raum.[52]

Die räumliche Trennung von Familienmitgliedern muss aber nicht notwendigerweise in die Isolation führen. Eine enge und intime Beziehung ist auch auf Entfernung möglich. Nur aus dem Grund, dass die Großeltern nicht mehr im selben Haushalt wohnen, ist die Familie nicht zwangsläufig emotional von ihnen getrennt.

Einen positiveren Einblick in die Veränderung der Familienkonstellation bietet Büchner.[53] Es entsteht kein Abbruch in Generationsbeziehungen, auch wenn die Familienmitglieder nur einen kleinen Teil ihrer Zeit aufgrund von verschiedenen Aufenthaltsorten gemeinsam verbringen. Schon in früher Kindheit werden andere, außerhäusliche Betreuungsvarianten gewählt. Trotz dieser Trennung bleibt jedoch eine enge Beziehung der Familie bestehen.

Deckers und Kluge meinen, dass Werte, Normen und Traditionen den Erziehenden keinen stabilen Rahmen mehr bieten würden, sie fühlen sich verunsichert. Von der Umwelt werden der Familie beengte Wohnverhältnisse, Konsum und Prestige aufgezwängt. Unsicherheit und Unzufriedenheit sind nicht selten der Auslöser für Konflikte in der Familie, anstatt den Kindern Wärme und Geborgenheit zu vermitteln.[54]

Einen weiter Wandel vollzieht sich laut Schneider in dem Verhältnis von Familie und Öffentlichkeit, d.h., dass „>öffentliche Reden< (...) auf der Ebene der familiären und subjektiven >Repräsentation< von Konflikten (...) entschiedene Konsequenzen für jene in der Familie geleistete Wirklichkeitskonstruktionen in und durch alltägliche (...) Interaktion hat.“[55]

Ein Beispiel für dieses Zitat können die Medien bieten, indem aktuelle Themen aus dem familiären Alltag mit Hilfe von Medien in die öffentliche Diskussion gelangen und reflektiert werden. Aufgrund der Veröffentlichung kann das Thema in reflektierter Art wieder zurück in die Familie gelangen und dort für Kommunikationsinhalt sorgen.

Eine neue Beziehung von Öffentlichkeit und Familie bezieht sich auf eine neue „Ordnung dar Familie“. Familie wird nicht mehr als privat abgeschlossener Raum verstanden, sondern als private Verknüpfung von Individuen, in der Vergesellschaftung verbunden mit diskursiven Formationen erfolgen kann.

Zum einen ist die Familie abhängig von ihrer Umwelt, zum anderen muss sie sich von ihr abgrenzen. Eine Trennung von Privatheit und Öffentlichkeit empfindet der Autor als wichtig, damit die Individuen nicht familiäre Konflikte in die Öffentlichkeit tragen und umgekehrt.

Eine andere Möglichkeit eines zirkulierenden Modells sieht Donati[56] vor. Er geht von gleichzeitig ansteigender Privatisierung und Veröffentlichung aus. Der Eintritt der Familie in die Öffentlichkeit kann nicht ohne die Seite des Subjekts und Aspekte der Privatisierung gesehen werden. Dabei geht es nicht um den Wegfall von subjektiven Verfügungen und Verantwortungen, sondern vielmehr um Politisierung von Privatheit.[57] Den Individuen werden z.B. keine Freiheiten, Rechte und Pflichten genommen, sie werden lediglich von der Öffentlichkeit aufgegriffen, evtl. diskutiert und reflektiert.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Konstruktion der modernen Familie in der wissenschaftlichen Literatur sehr unterschiedlich aufgefasst wird und oft sind gegensätzliche Standpunkte zu erkennen. Trotzdem scheinen einige Merkmale von moderner Familie bestand zu haben:

- Der Wunsch nach Ehe, Kindern, Geborgenheit und Sicherheit ist besonders bei jungen Menschen stark vorhanden
- Das Alter zum Zeitpunkt der Heirat und der Geburt des ersten Kindes ist angestiegen
- Die Entscheidung für ein Kind basiert auf Emotionen und wird bewusst getroffen
- Frauen haben ein modernes Verständnis von Familie und Beruf, d.h. sie haben den Anspruch, beides zu verbinden und den Partner in die Kindererziehung mit einzubeziehen
- Es existieren viele verschiedene Formen und Möglichkeiten von Familie, es gibt nicht mehr nur „die“ Familie
- Die Familie wird als dynamisches, sich veränderndes System verstanden
- Familienumwelt wird als Zusammenkunft von Individuen dargestellt
- Die Veränderung der Familienkonstellation bedingt nicht notwendigerweise eine Veränderung in Beziehungen innerhalb der Familie
- Die Bedeutung von Konflikten steigt an und sie werden bewusster wahrgenommen

Um das Grundmodell von Familie zu vervollständigen, soll an dieser Stelle auf Sozialisation von Kindern in der Familie eingegangen werden. Kinder werden aufgrund von Interaktions- und Kommunikationsformen besonders im Hinblick auf Normen und Werte, Delegation von Familienzielen und Persönlichkeitsstrukturen der Eltern und Kinder beeinflusst[58], denn der größte Teil der kindlichen Sozialisation findet trotz vorschulischer Institutionen in der Familie statt.[59]

Folgende drei Konzepte[60] sollen die Veränderung der Sozialisationsinstanz Familie aufzeigen:

1. Familie als dynamisches, sich veränderndes System
2. Familie als Einflussmöglichkeit in Ergänzung zur biologischen Ausstattung
3. Familie als Basis für die Vermittlung von zwischenmenschlichem Umgang

Unter erstens ist zu verstehen, dass sich die Familie in unterschiedlichen Lebenslagen an die Beziehungskonstellationen ihrer Mitglieder anzupassen versucht. Drei Phasen in denen Veränderungen zu erwarten sind, wären z.B. die Geburt eines Kindes, die Phase der Jugend und die Verpflegung der eigenen Eltern. Es müssen auch verschiedene Entwicklungsaufgaben einzelner Familienmitglieder beachtet werden. Eine interne Balance sollte aufgrund von innerer und äußerer Anpassung und Abgrenzung zur Öffentlichkeit immer wieder hergestellt werden. Krisen stellen in diesem Zusammenhang den Prozess der Veränderung dar, wobei Phasen der Entspannung infolge von Konfliktlösungen notwendig sind. Zweitens ist das Verhältnis von genetischer Beschaffenheit und Prägung durch die Familie nicht genau zu bestimmen. Fest steht jedoch, dass die Familienumwelt nicht von jedem Mitglied in gleicher Weise geteilt wird. Es spielen z.B. der Zeitpunkt der Geburt und die Anzahl der Geschwister eine wichtige Rolle. Auch die Aufgaben der Erziehenden verschieben sich mit der Kinderanzahl und dem Alter der Kinder.

Zum dritten Konzept bleibt festzuhalten, dass Kinder schon sehr früh Vorstellungen von sozialen Beziehungen aufbauen und sie demnach gestalten. Die Interaktionsgestaltung der wichtigsten Bezugsperson zeigt sich ausschlaggebend für die Erwartungshaltungen, das Einordnen von anderen Personen und die Charakterbildung des Kindes.

Abschließend kann gesagt werden, dass sich Familie verändert und entwickelt, auf der anderen Seite gewisse Traditionen aber gefestigt werden. Der Raum der Familie bleibt kontinuierlich, auch wenn sich die subjektive Einstellung verändert.[61]

Im Bezug auf die Sozialisationsinstanz Familie zeigt sich ein sich verändernder und dynamischer Prozess. Trotzdem bleibt die Familie eine Einflussmöglichkeit in Ergänzung zur genetischen Ausstattung und ein Vermittler von zwischenmenschlichen Beziehungen. Der Sozialisationsprozess innerhalb der Familie ist vorhanden, auch wenn sich die Familie verändert.

Im Anschluss an diese Einführung in die „moderne Familie“ sollen im nächsten Kapitel konkret die Aufgaben der Eltern bezüglich der Kindererziehung vorgestellt werden. Es soll auf die Erwartungen an die Eltern und die Realität von Erziehung hingewiesen werden, um zu verdeutlichen, wie die moderne Familie als Sozialisationsinstanz im Hinblick auf die Erziehung gesehen und welche Schwerpunkte gesetzt werden können.

3.2. Ansprüche an die Erziehungsaufgaben von Eltern

Zu Beginn soll erst einmal auf positive Entwicklungsbedingungen in Familien eingegangen werden, damit verständlich ist, welche Rahmenbedingungen für eine gelingende Erziehung förderlich sind und welche sich negativ auswirken können.

Der Entwicklungsprozess eines Menschen vollzieht sich lebenslang und wird von inneren (z.B. biologische Gegebenheiten) und äußeren (z.B. Einflüsse aus der Umwelt) Faktoren beeinflusst. Des Weiteren spielen nicht nur diese passiven „Tatsachen“, sondern auch aktive Handlungen eine wichtige Rolle. Kinder sollten deshalb als handelnde Personen wahrgenommen werden, die aktiv ihre Umwelt verändern, mitbestimmen und sich mit ihr auseinandersetzen.[62]

So kann die Entwicklung als „komplexe Wechselwirkung zwischen Erbe, Umwelt und Individuum, zwischen Reifung, Prägung, Interpretieren, Interagieren, Handeln und Selbsterziehung“[63] verstanden werden. Die kindlichen Erfahrungen beeinflussen aber nicht notwendiger Weise das gesamte Leben, d.h. dass nicht alle
„Weichen“ in der Kindheit gestellt werden.

Gute Voraussetzungen für eine gelingende Erziehung bietet eine angemessene Befriedigung von kindlichen Bedürfnissen. Laut Maslow[64] sind diese einer Hierarchie zugeordnet. So spielt die physiologische Befriedigung die wichtigste Rolle vor dem Sicherheitsbedürfnis, dem Zugehörigkeits- und Liebesbedürfnis, das Wertschätzungsbedürfnis vor dem Bedürfnis nach Selbstverwirklichung.

In der Realität werden nicht alle Bedürfnisse bei allen Kindern gleich befriedigt, obwohl z.B. das Zugehörigkeitsgefühl und die Liebe der Eltern wichtige Voraussetzungen für die Entwicklung von Selbstvertrauen darstellen. Eine angemessene Befriedigung bedeutet nicht, alle Bedürfnisse ständig zu stillen. Ein gewisses Maß an Frustration scheint für die positive Entwicklung im Hinblick auf Herausforderungen wichtig.[65]

Auch Glöckler hält die Bedürfnissbefriedigung für eine wichtige Voraussetzung, da besonders bei kleinen Kindern aus Äußerungen und Handlungen abgelesen werden muss, was diese wünschen und benötigen.[66]

Für das umfassende Verständnis von Erziehung und der Rolle der Eltern ist es wichtig, zu berücksichtigen, dass alle Bereiche des Entwicklungsprozesses von der Familie positiv oder negativ beeinflusst werden. Die emotionale Entwicklung hängt von der Zahl der Betreuungspersonen und der Qualität von Beziehungen, die kognitive Reifung von Interessen- und der Motivationsförderung ab. Weiter wird die sprachliche Entwicklung von Gelegenheiten zur Interaktion und der Qualität von familiärer Kommunikation geprägt. Die soziale Entwicklung ist von dem Umgang miteinander in der Familie, speziell dem Umgang mit Konflikten, abhängig.

Dabei bleibt festzuhalten, dass es nicht die „perfekten“ Lebensumstände und Entwicklungsbedingungen gibt, viel entscheidender ist, wie die Familie mit ihnen umgeht.[67] Die Eltern bestimmen aufgrund ihrer Persönlichkeiten die Beziehung untereinander (z.B. die Qualität der Ehe) und zu dem Kind (z.B. ein Zugeständnis zur selbständigen Entfaltung). Aus diesem Grund ist es wichtig, dass Eltern ihre Kinder führen, ihnen Grenzen setzen aber auch Freiräume zugestehen, sie zur Selbstverantwortung erziehen und mitbestimmen lassen. In der Realität wachsen die meisten Kinder nicht unter den oben beschriebenen optimalen Bedingungen auf. Häufig sind Eltern negative Vorbilder (z.B. bei Drogen- oder Alkoholmissbrauch) oder bringen den Kindern nicht die nötige Aufmerksamkeit entgegen.

Weiter können in Familien Kommunikations- oder Beziehungsstörungen (s. auch Kapitel 3.3. und 3.4.) auftreten.[68]

Bevor im Folgenden auf die zentralen Aufgaben von Eltern eingegangen wird, kann im Hinblick auf die Rahmenbedingungen festgehalten werden, dass eine grundsätzlich Achtung der Kinder und ihrer Bedürfnisse, sowie ein angemessener Umgang mit Autorität und Freiräumen positive Voraussetzungen schaffen können. Es kann keine Garantie für gelingende oder missglückte Erziehung geben, denn in welcher Weise mit guten oder schlechten Bedingungen umgegangen wird, hängt von der Familie ab und muss im Einzelfall beobachtet werden.

Es gibt eine Vielzahl von Ansprüchen und Aufgaben an die Eltern. In den folgenden Ausführungen soll aber lediglich auf Erziehungsaufgaben eingegangen werden, die im Bezug auf Konflikterziehung eine wichtige Rolle spielen:

- Vermittlung von konstruktivem Konfliktumgang
- Förderung von Fähigkeiten zur Darstellung der eigenen Persönlichkeit
- Qualifikationsförderung für Konfliktbewältigungsverhalten

Zu Beginn soll darauf hingewiesen werden, dass als eine Hauptaufgabe von Erziehung die Vorbereitung auf das künftige Leben verstanden werden kann.[69] Besonders im Hinblick auf den Umgang mit Konflikten sollten die Eltern ihre Nachkommen auf die Gesellschaft vorbereiten, indem sie Konfliktsituationen zulassen und bei der Lösungssuche unterstützend wirken. Als Aufgabe von Eltern verstehen Deckers und Kluge die Vermittlung von Möglichkeiten zur konstruktiven und partnerschaftlichen Bewältigung von Konflikten, indem sie ihnen die Chance geben, Widersprüche auszuhalten zu lernen und Zugeständnisse an die Bedürfnisse anderer zu machen. Dies setzt voraus, dass die eigene Umsetzung als positives Vorbild zur Verfügung steht.[70] Vorbild sein bedeutet, sich vorbildlich zu verhalten (die tägliche Selbstbeherrschung stellt eine Schulung auf Seiten der Eltern dar) und nicht nur dem Kind zu sagen, wie es sich zu verhalten hat.[71]

Laut Glöckler ist bezüglich des Vorbildcharakters von Eltern zu beachten, dass sich das Kind anhand von Eindrücken und Erfahrungen sozusagen „selbst erzieht“, d.h. je freier und ungezwungener das Kind konstruktive und sinnvolle Handlungsabläufe nachahmen kann, desto vielseitiger gestalten sich die Aufnahme der Einflüsse und der Ausbau von Fähigkeiten bzw. Geschicklichkeit.[72]

Auch Kluge und Hemmert-Halswick halten es für wichtig, dass Eltern ihre Kinder befähigen, Konflikte zu erleben und zu bewältigen. Um diese Erziehungsaufgabe realistisch zu vermitteln, brauchen Kinder ein positives Vorbild von Konfliktlösung in der Familie. Sie müssen sich als gleichberechtigte, respektierte und vertraute Partner sehen, die nicht als Gewinner oder Verlierer aus dem Konflikt hervortreten. Der gleichberechtigte Umgang, in dem Kinder mitentscheiden dürfen, sollte auch im alltäglichen Familienleben nicht missachtet werden. Nicht nur im Bezug auf die Kinder sollten sich die Eltern auf diese Weise verhalten. Die Ehepartner können ein positives Vorbild in ihrem Umgang untereinander darstellen und ihren Streit offen, auch unter Anwesenheit der Kinder, austragen.

Zusammengefasst kann dies bedeuten, dass Eltern ihre Kinder dazu befähigen, Konflikte wahrzunehmen, das Verhalten von beiden Seiten interpretieren zu können, unterschiedliche Kommunikationsformen zu benutzen und den Konflikt positiv zu bewerten.[73] Um im Konflikt beide Seiten zu erkennen und zu verstehen, ist es nötig, seinem Gegenüber eine gewisse Toleranz entgegen zubringen. Die Toleranzhaltung kann folgendes beinhalten:

- Erkenntnis, dass Zusammenleben Regeln erfordert
- Anerkennung von Unterschiedlichkeit
- Gleichstellung bzw. Gleichberechtigung der Geschlechter
- Abbau von Vorurteilen
- Rücksichtnahme
- Bedürfnisse anderer wahrnehmen und eigene zurückstellen
- eigene Schwächen und Leistungen anderer anerkennen
- aufmerksames Zuhören
- Verantwortung für sich tragen[74]

Im Hinblick auf Konflikte bedarf es, laut Hielscher, nicht nur einer Toleranzhaltung, sondern auch eine Bereitschaft zur Kooperation. Diese Bereitschaft, sich auf andere Menschen einzulassen, umfasst folgende Merkmale:

- Fähigkeit zu anderen eine Beziehung aufbauen zu können
- Probleme und Aufgaben so zu gestalten, dass mehrere Personen an ihnen arbeiten können
- Gemeinsame Ziele mit anderen finden und Folgen bedenken
- Bereitschaft zum gemeinsamen Handeln
- zugunsten anderer eigene Interessen und Bedürfnisse zurückstellen
- Folgen von gemeinsamen Handeln in die eigene Person zu integrieren[75]

Neben der Vermittlung von konstruktivem Konfliktumgang benötigen Kinder eine Fähigkeit zur Darstellung der eigenen Persönlichkeit, um Konflikte auch ohne Hilfe von Erwachsenen lösen zu können. Die Erziehung zu einem selbstbewussten, eigenständigen Menschen stellt eine weitere wichtige Erziehungsaufgabe dar. Wärme, Sicherheit und Wertschätzung von Seiten der Eltern können dazu beitragen, dass sich das Kind frei entfalten und eigene Entscheidungen treffen kann.[76]

Kinder werden erst einmal bezüglich ihres Willens und ihrer Macht von Erwachsenen beeinflusst. Dabei ist es wichtig, dass diese sich der Tatsache bewusst sind und sich als Förderer kindlicher Eigenständigkeit erleben.[77] Eine Motivierung des eigenen Willens bewegt sich in unterschiedlichen Altersphasen auf verschieden Ebenen. So findet im Vorschulalter die Motivierung des Willens durch Vorbild (z.B. das der Eltern oder anderen Bezugspersonen) und Sinneserfahrung, in der Schulzeit durch Gefühle (so entscheidet z.B. die Lust die Handlungen) und im Jugendalter durch Denken und Einsicht (z.B. Appelle eines Erwachsenen an die Einsicht des Jugendlichen) statt. Ist die letzte Ebene erreicht, kann sich eine Grundlage für Eigenständigkeit entwickeln.[78]

Weiter kann Eigenständigkeit von Eltern bewusst gefördert werden, indem sie Regeln und Vereinbarungen mit Kindern aushandeln, statt sie zu bestimmen. In diesem Zusammenhang fordert Esser eine Beziehungsgestaltung, die Erziehung ersetzt, und hält es für wichtig, dass Eltern die unterschiedlichen Bedürfnisse von sich und ihren Kindern wahrnehmen und berücksichtigen.[79]

Im Hinblick auf die Persönlichkeit spielt nicht nur Selbständigkeit eine wichtige Rolle, sondern auch eine reale Selbstwahrnehmung. Kinder müssen ihre Erwartungshaltungen reflektieren und kritisch hinterfragen (z.B. eine Begründung für eine Meinung zu finden, bevor sie angenommen wird), um die eigene Person einschätzen, abgrenzen und wahrnehmen zu können. Ferner benötigen Kinder Techniken zur Erlebnisverarbeitung und sollten deshalb immer wieder ermutigt
werden, eigene Anliegen oder Wünsche zu äußern. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass Kinder selbständig einen angemessenen Umgang mit Wahrgenommenem, Erlebtem und Bedürfnissen entwickeln, der nicht durch Gebote und Verbote bestimmt wird.[80]

Einen weiteren Faktor stellt das Kommunikationsverhalten dar. Im Bezug auf Konflikte ist es für Kinder wichtig, dass sie offen kommunizieren dürfen und lernen, verbale/ nonverbale Kommunikation und verschiedene Ebenen (s. auch Kapitel 3.3.) zu unterscheiden, damit sie Missverständnisse erkennen und vermeiden können.[81]

Im Hinblick auf Kommunikation soll an dieser Stelle kurz auf Lüge und Wahrheit eingegangen werden, da eine bewusste Falschaussage zu Konflikten führen oder auch Konflikte verstärken kann. Die Erziehung zur Ehrlichkeit stellt bezüglich auf Konflikte eine wichtige Aufgabe dar. Im Kindesalter wird eine Lüge häufig benutzt, um die Sympathie der Erwachsenen nicht zu verlieren. In diesem Fall ist es Aufgabe des Erwachsenen, dem Kind zu vermitteln, dass seine Liebe nicht „zu erschwindeln“ ist. Meist sind sich die Kinder ihrer Konsequenzen nicht bewusst, da sie noch kein Verantwortungsgefühl gegenüber der Wahrheit entwickelt haben (diese Verantwortung wird oft erst im Jugendalter bewusst). Aus diesem Grund sollten Eltern versuchen, dem Kind verständlich zu machen, dass die Realität Menschen als Vermittler braucht, um Wirksamkeit zu erreichen. Eine andere Möglichkeit stellt die Selbsterkenntnis dar. Ein Kind kann aufgrund von eigenen Erfahrungen oder Geschichten (z.B. „Peter und der Wolf“) Einsicht zeigen, dass es nicht positiv ist zu lügen. Die Art und Weise, wie Eltern diese Selbsterkenntnis bei ihren Kindern hervorrufen können, unterliegt Beobachtungen sowie sorgfältigen Überlegungen und ist individuell unterschiedlich.[82]

Neben den oben aufgeführten Voraussetzungen für den Umgang gibt es des Weiteren sog. Qualifikationen für die Bewältigung von Konflikten. Auch diese Fähigkeiten können von den Eltern gefördert werden und stellen somit die nächste wichtige Erziehungsaufgabe dar. Erziehende sollten ihren Kindern helfen, Widersprüche zu erkennen und auszuhalten. Mit Hilfe einer positiven Interaktionsbasis, auf der unterschiedliche Bedürfnisse, Wünsche und Erwartungen offen genannt werden dürfen und einem Zulassen von Konflikten, können Kinder eine positive Einstellung gegenüber Konflikten entwickeln. Auch die Möglichkeit negative Gefühle frei mitteilen zu können, basiert auf einem Vertrauensverhältnis und auf einer positiven Einstellung.[83]

Im Hinblick auf freie Meinungs- und Gefühlsäußerung stellt die Erziehung zu Mut eine weitere Erziehungsaufgabe dar. Mutige Menschen zeigen die Bereitschaft, auf andere zuzugehen und auch „schwierige“ Situationen oder Tatsachen anzusprechen.

Die Fähigkeit, mutig, unbefangen und vertraut dem Umfeld entgegen zu treten, ist eine Veranlagung, die schon kleine Kinder besitzen. Sie sind bereit, Erfahrungen zu machen und diese Eigenschaft sollte von Eltern auch gefördert bzw. unterstützt werden. Dies kann geschehen, indem Kinder ihrem Bewegungs- und Erfahrungsdrang bzw. ihrer Neugier ungehindert nachgehen dürfen.[84]

Zum Abschluss dieses Kapitels soll zusammenfassend festgehalten werden, auf welche Art und Weise sich Eltern im Idealfall zu verhalten haben. Dieses Verhalten muss nicht mit der Realität übereinstimmen, denn die Ansprüche an Erziehungsaufgaben werden individuell und von Familie zu Familie unterschiedlich erfüllt. Die Frage der Umsetzung in die tägliche Familien- und Erziehungsrealität soll in diesem Zusammenhang nicht erörtert werden. Es sollte lediglich eine Darstellung von Ansprüchen erfolgen, damit deutlich wird, wie Kinder zur Konfliktfähigkeit erzogen werden und welchen Einfluss die Eltern auf ihre Kinder nehmen können.

Im Hinblick auf Konflikte und Kinder soll an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass nach den Erfahrungen von Kluge und Hemmert-Halswick Konflikte Kinder nicht überfordern. Im Gegenteil, sie sollten Gegensätze, aber auch Gemeinsamkeiten und Neudefinitionen von Beziehungen oder Normen in Form von Konflikten erleben.[85]

Zusammenfassend sollten sich Eltern, laut Kluge und Hemmert-Halswick, im Hinblick auf Konflikte folgendermaßen verhalten:

- ihren Kindern aufgeschlossen und interessiert gegenübertreten
- herausfinden, was das Kind fühlt und motiviert
- Unterstützung bei der Definition des Problems
- mit Hilfe von Erkennung der Lage aller beteiligten den Konflikt transparent machen
- Vertauen aufbauen, dass der Konflikt gemeinsam gelöst werden kann[86]

3.3. Familiäre Kommunikation

Im Folgenden soll nun die familiäre Kommunikation dargestellt werden, da die oben beschriebene Erziehung im engen Zusammenhang mit Kommunikation steht, d.h. Erziehung vollzieht sich über verbale oder nonverbale Interaktion. Des weiteren werden die in dieser Arbeit dargestellten, zwischenmenschlichen Konflikte und Beziehungen mittels Kommunikationsvorgängen wahrgenommen, definiert, ausgetragen und bewältigt.

Aus diesem Grund soll zum Verständnis im Folgenden näher auf die menschliche Kommunikation und Interaktion eingegangen werden. Zunächst werden die Bedeutung und Notwendigkeit des Spracherwerbs vorgestellt. Anschließend wird auf allgemeine Kommunikation eingegangen, damit deutlich ist, was Kommunikation ist und im welchem Rahmen sie vollzogen wird. Des Weiteren werden Kommunikationsformen dargestellt, die im Zusammenhang mit Konflikten stehen. Am Ende des Kapitels wird speziell Familienkommunikation vorgestellt.

Im Vorfeld soll darauf hingewiesen werden, dass es zwei Arten von Kommunikation gibt. Die erste Art ist die verbale Kommunikation. Sie bezieht sich auf alle sprachlichen Äußerungen. Die nonverbale Kommunikation bezieht sich auf die Körpersprache, die Mimik und Gestik, auf Handlungen usw. Des Weiteren sollte folgende These bedacht werden: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“[87]

Besonders im Hinblick auf kleine Kinder stellt das erlernen von verbaler Äußerung eine wichtige und notwendige Entwicklung dar. Die Familie kann in diesem Zusammenhang einen Ort des Lernens darstellen, denn die ersten kommunikativen Erfahrungen machen die Kinder meist in der Familie. Der Spracherwerb ist ausschließlich innerhalb eines sozialen Umfeldes, wie es z.B. die Familie darstellt, möglich. Sozialisation kann in dieser Hinsicht verstanden werden als „eine Sequenz kommunikativer Prozesse, in deren Verlauf sich die Individuellen Fähigkeiten des Heranwachsenden entwickeln, und zu diesen Fähigkeiten zählen nicht zuletzt die sprachlichen und kommunikativen Fähigkeiten des Heranwachsenden selbst.“[88] Somit stehen Kommunikation und Sozialisation miteinander in einer Wechselbeziehung, in der beide Faktoren Bedingung und Folge darstellen. Es ist noch nicht eindeutig geklärt, ob die sprachliche Entwicklung angeboren ist oder von der kognitiven Entwicklung abhängt. In diesem Zusammenhang soll dennoch festgehalten werden, dass jedes durchschnittlich sozialisierte Kind ungefähr die gleiche Zeit braucht, um „Sprechen zu lernen“. Dabei spielen die Anzahl der Sprachen und die Sehfähigkeit (blind oder sehend) keine Rolle. Der Erwerb der Sprachfunktion wird ca. mit dem fünften Lebensjahr abgeschlossen. Dies soll aber nicht bedeuten, dass nach diesem Zeitpunkt keine Sprache mehr erlernt werden kann. Es steigt jedoch die Wahrscheinlichkeit, dass nicht die volle Sprachkompetenz entwickelt wird.[89]

Im Bezug auf die Familie und das weitere soziale Umfeld stellt die Sprachentwicklung eine entscheidende Rolle dar, da die Kommunikation innerhalb des Beziehungssystems der Familie oder des Umfeldes der sozialen Verständigung dient, die im Wesentlichen den Zusammenhalt darstellt.[90]

Nachdem der Spracherwerb vorgestellt wurde, soll nun anhand einer allgemeinen Einführung in die Kommunikation erläutert werden, auf welche Art und Weise Kommunikation vollzogen wird. Dies wird mit Hilfe der Anatomie einer Nachricht von Schulz von Thun erfolgen. Laut dem Autor gibt es einen Sender, der sein Anliegen in erkennbare Zeichen, eine Nachricht verschlüsselt. Der Empfänger dieser Nachricht unterliegt der Aufgabe, diese zu entschlüsseln. Ist dieser Vorgang gelungen, hat eine Verständigung stattgefunden. Eine Nachricht, die gesendet wird, enthält mehrere Aspekte, d.h. der Sender sendet auf vier Ebenen gleichzeitig:

1. Aspekt: Sachinhalt/ Sachinformation (die Sache/ Information, um die es sich handelt)
2. Aspekt: Selbstoffenbarung/ Selbstdarstellung/ Selbstenthüllung (eine Information über den Sender als Person)
3. Aspekt: Beziehung (die Definition der Beziehung zu seinem Gegenüber von Seiten des Senders)
4. Aspekt: Appell (der Versuch, Einfluss auf den Empfänger zu nehmen)[91]

Im Folgenden soll lediglich auf die Beziehungs- und Inhaltsebene eingegangen werden.

Auch Watzlawick, Beavin und Jackson beschreiben den Zusammenhang von Beziehung und Inhalt einer Nachricht. Der Inhalt umfasst sozusagen die „Daten“ und die Beziehung die Einstellung dem anderen gegenüber. Die Art der Stimme, Mimik oder Gestik drückt die Einstellung zu dem Gesprächspartner aus (dies geschieht meistens unbewusst). Die Inhaltsebene wird durch den Beziehungsaspekt bestimmt und es entsteht eine Metakommunikation.[92]

Unter Metakommunikation ist zu verstehen, dass „die Verwendung von Kommunikation nicht mehr ausschließlich als ein >Sprechen miteinander<, sondern auch als ein >Sprechen über unsere Kommunikation<, z.B. über Beziehungsaspekte unserer Aussagen oder über unsere zwischenmenschlichen Beziehungen selbst“[93] darstellt.

Die Beziehungsdefinition kann von Seiten des Empfängers akzeptiert, abgelehnt oder verworfen werden. Eine Akzeptanz besteht dann, wenn die vermittelte Definition bestätigt wird. Dies könnte bedeuten, dass Kommunikation gerade zur Beziehungsklärung dient und nicht nur dem Informationsaustausch. Diese These kann durch den Zusatz, dass Menschen kommunizieren müssen, um sich das eigene Ich- Bewusstsein zu erhalten, erweitert werden.

Eine zweite Möglichkeit besteht darin, die Definition zu verwerfen, was eine gewisse Anerkennung der Definition voraussetzt und nicht notwendiger Weise das Bild des Senders negiert. Die Entwertung kann möglicherweise zum „Selbstverlust“ des Senders führen. Die Entwertung stellt die Existenz des Senders in Frage und entspricht somit nicht den Begriffen von Wahr- und Falschheit (wie etwa bei der Bestätigung und Verwerfung), sondern dem der Unentscheidbarkeit.[94]

Nach dieser kurzen Einführung in die Kommunikation soll nun genauer auf Kommunikation bezüglich Konflikten eingegangen werden. Es können mehrere Varianten im Hinblick auf Konflikte auf der Beziehungs- und/ oder Inhaltsebene auftreten. Im Idealfall sind sich beide Partner über den Inhalt und ihre Beziehung einig. Doch diese Form der Kommunikation ist nicht immer gegeben. Es kann auch passieren, dass auf beiden Ebenen Uneinigkeit herrscht. Eine weitere Variante stellt die Uneinigkeit über den Inhalt, nicht aber über die Beziehung dar. Laut Watzlawick, Beavin und Jackson ist dies die „reifste“ Form der Auseinandersetzung, da die Partner ausschließlich den Sachverhalt diskutieren können, ohne dass die Beziehung in Frage gestellt wird. Es kann auch der umgekehrte Fall des eben genannten eintreten. Die Beziehung scheint dann besonders gefährdet, wenn die Einigkeit bezüglich des Inhalts wegfallen würde. Es besteht die Gefahr, dass die Ebenen vertauscht werden und z.B. versucht wird, Beziehungen auf der Inhaltsebene zu klären.[95]

Es können aber nicht nur Konflikte aufgrund von Uneinigkeiten auf der Beziehung- und Inhaltsebene entstehen. Grundsätzlich ist wichtig, dass im Zusammenhang mit Konflikten offen und ehrlich kommuniziert wird. Es können vier Arten sozialer
Kommunikation unterschieden werden, wobei nur die letzte eine „echte“ Interaktion darstellt.

Die Pseudointeraktion (jede Seite verfolgt seine Absichten), asymmetrische (beide Seiten richten sich nach der Absicht des einen), reaktive (eigenes Verhalten ist nur eine Reaktion auf das Verhalten des anderen) und wechselseitige Interaktion (jede Seite richtet sein Verhalten nach den eigenen Intensionen und nach denen des anderen aus). Im Bezug auf Konflikte ist es daher wichtig, die zuletzt genannte Kommunikationsform zu benutzen, damit eine gleichberechtigte Form der Interaktion stattfindet, in der die Anliegen beider Seiten gleichwertig berücksichtigt werden.[96]

Im Bezug auf Familie kann das Kommunikationssystem als Rückkopplungskreis verstanden werden, da sich die Individuen gegenseitig bedingen und beeinflussen.[97] Eingaben von außen können positive oder negative Rückkopplungsprozesse in Gang setzen.[98] Diesem soll hinzugefügt werden, dass Familien unterschiedlich mit Rückschlägen umgehen können und einen gewissen Grad an negativer Rückkopplung (z.B. negativem Feedback) benötigen, um nicht auseinander zu brechen und entgegenwirken zu können. Aber auch positive Rückkopplungen dürfen in dauerhaften, reifen Familien z.B. im Bezug auf Ablösung der Kinder nicht fehlen.

Die Familie stellt nicht nur einen Rückkopplungskreis dar, sondern auch ein zwischenmenschliches System, in dem die Beziehungen wichtig und auf Dauer angelegt sind. Den Interaktionsprozessen können identifizierbare Faktoren zugrunde liegen, die der Beziehung dauerhaften Zusammenhalt geben (z.B. in der Familie, wo eine enge Verbundenheit vorliegt und die Mitglieder sich und ihre Kommunikationsformen gut kennen).

Des Weiteren müssen die Beziehungen definiert und nicht ungeklärt sein, wenn die Beziehung stabil bleiben soll.[99] Familie kann in diesem Bezug nicht nur als System, sondern auch als Einheit, in der sich Kommunikationsstrukturen entwickeln, um ein Gleichgewicht zu erreichen, verstanden werden.[100]

In der alltäglichen Interaktion kommt es häufig zu sog. Kommunikationskonflikten, welche den sozialen Zusammenhalt auf der Ebene der Kommunikation gefährden könnten. Diese Kommunikationsstörungen können in der verbalen (z.B. unterschiedliche Auffassung eines Begriffs) und nonverbalen (z.B. aufgrund von
Nichtbeachtung der nonverbalen Sprache) Verständigung vorkommen. Weiter stellt die Widersprüchlichkeit von verbaler und nonverbaler Aussage eine dritte Möglichkeit des kommunikativen Konflikts dar. In diesem Fall entsteht eine paradoxe Kommunikationssituation (z.B. eine freundliche, nette Aufforderung die gleichzeitig eine abweisende Komponente aufgrund der Körpersprache enthält). In Folge dessen kann es passieren, dass ein Kind lediglich auf eine Ebene reagiert und nicht in der Lage ist, Inhalts- und Beziehungsebene, verbale und nonverbale Nachrichten, Kommunikation und Metakommunikation zu unterscheiden.[101]

Um den kommunikativen, familiären Zusammenhalt zu sichern, sollten Kommunikationsstörungen deshalb erkannt und beseitigt werden. Dabei ist wichtig, die Ursachen zu durchschauen und Beziehungskonflikte zu beheben, indem die Interaktion selbst zum Gegenstand der Kommunikation wird (s. auch Metakommunikation oben). In dieser Art der Kommunikation ist es möglich, die kommunikative Grundfähigkeit zu erweitern und die Fähigkeit zu entwickeln, eine „Brücke zum anderen schlagen“ zu können.[102] Ein Einüben der Wahrnehmung von sprachlichen und nicht sprachlichen Botschaften, sowie der Metakommunikation kann eine Erleichterung im Umgang mit Konflikten und eine klarere Linie im Hinblick auf die tägliche Interaktion in der Familie darstellen.[103]

Die Familie stellt eine wichtige Instanz im Hinblick auf den Spracherwerb der Kinder dar. Aus diesem Grund soll zum Ende des Kapitels noch einmal zusammenfassend dargestellt werden, welche Kommunikationsmerkmale sich innerhalb der Familienkommunikation günstig und welche sich ungünstig auswirken.

1. Günstige Faktoren:

[...]


[1] Vgl. Friedmond 1979, S. 107-112

[2] Nicklas 1999, S. 446

[3] Vgl. Nicklas 1999, S. 447-448, 452-457

[4] Vgl. Glasl 1997, S. 25-28

[5] Vgl. Bonacker/ Imbusch 1999, S. 74; Martens 1990, S. 52

[6] Vgl. Bonacker/ Imbusch 1999, S. 74-75

[7] Vgl. Besemer 1999, S. 14

[8] Vgl. Glasl 1999 in: Wagner 2003, S. 53

[9] Vgl. Wagner 2003, S. 53

[10] Mayer 1992 in: Zuschlag/ Thielke 1998, S. 33

[11] Vgl. Bonacker/ Imbusch 1999, S. 75

[12] Vgl. Bonacker/ Imbusch 1999, S. 77-79

[13] Glasl 1997, S.14-15

[14] Vgl. Glasl 1997, S. 15

[15] Vgl. Mayer 1992 in: Zuschlag/ Thielke 1998, S. 33

[16] Schneider 1994, S. 71

[17] Vgl. Schneider 1994, S. 70-71

[18] Junker 1976 in: Imhof 1987, S. 19

[19] Mertens 1978, S. 50

[20] Vgl. Imhof 1987, S. 20

[21] Vgl. Imhof 1987, S. 19

[22] Vgl. Tillmann 1997, S. 10

[23] Geulen/ Hurrelmann 1980 in: Tillmann 1997, S. 10

[24] Vgl. Tillmann 1997, S. 10

[25] Vgl. Hurrelmann 2002, S. 15

[26] Durkheim 1972 in: Hurrelmann 2002, S. 14

[27] Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge 1997, S. 312

[28] Vgl. Gordon 1988 in: Meier 2003, S. 69

[29] Vgl. Schneider 1994, S. 11

[30] Vgl. Büchner 2002, S. 477

[31] Vgl. Meier 2003, S. 71-73

[32] Vgl. Schneider 1994, S. 31-32

[33] Vgl. Büchner 2002, S. 477

[34] Vgl. Hederer 1993, S. 11

[35] Vgl. Schneider 1994, S. 21-22

[36] Vgl. Peuckert 1991 in: Schneider 1994, S. 22

[37] Vgl. Schneider 1994, S. 47

[38] Vgl. Schuster 1991 in: Schneider 1994, S. 24

[39] Vgl. Textor 1992, S. 21-22

[40] Vgl. Schneider 1994, S. 33

[41] Vgl. Meier 2003, S. 73-75

[42] Vgl. Deckers/ Kluge 1984, S. 23-24

[43] Vgl. Schneider 1994, S. 35-36

[44] Vgl. Schneider 1994; S. 26-27

[45] Vgl. Schneider 1994, S. 31

[46] Vgl. Schneider 1994, S. 36-37

[47] Schneider 1994, S. 37

[48] Mayer/ Schulze 1989 in: Schneider 1994, S. 37

[49] Vgl. Schneider 1994, S. 202

[50] Vgl. Schneider 1994, S. 38-41

[51] Vgl. Schneider 1994, S. 201

[52] Vgl. Deckers/ Kluge 1984, S. 22-23

[53] Vgl. Büchner 2002, S. 476

[54] Vgl. Deckers/ Kluge 1984, S. 24

[55] Schneider 1994, S. 192

[56] Vgl. Donati 1991 in: Schneider 1994, S. 194

[57] Vgl. Schneider 1994, S. 193-196

[58] Vgl. Kreppner 1991, S. 322

[59] Vgl. Büchner 2002, S. 475

[60] Vgl. Kreppner 1991, S. 323-325

[61] Vgl. Kreppner 1991, S. 329-330

[62] Vgl. Textor 1992, S. 9

[63] Textor 1992, S. 10

[64] Vgl. Maslow 1954 in: Textor 1992, S. 11

[65] Vgl. Textor 1992, S. 10-13

[66] Vgl. Glöckler 1997, S. 33

[67] Vgl. Textor 1992, S. 14-15

[68] Vgl. Textor 1992, S. 16-19

[69] Vgl. Hederer 1993, S. 7

[70] Vgl. Deckers/ Kluge 1984, S. 25, 27-28; Martens 1990, S. 54

[71] Vgl. Glöckler 1997, S. 249, 251

[72] Vgl. Glöckler 1997, S. 35-36

[73] Vgl. Kluge/ Hemmert-Halswick 1984, S. 3-6

[74] Vgl. Hielscher 1974, S. 88-89

[75] Vgl. Hielscher 1974, S. 106

[76] Vgl. Deckers/ Kluge 1984, S. 25

[77] Vgl. Glöckler 1997, S. 34

[78] Vgl. Glöckler 1997, S. 37

[79] Vgl. Esser 1991, S. 43

[80] Vgl. Kluge/ Hemmert-Halswick 1984, S. 7-9

[81] Vgl. Kluge/ Hemmert-Halswick 1984, S. 9

[82] Vgl. Glöckler 1997, S. 104-106

[83] Vgl. Kluge/ Hemmert-Halswick 1984, S. 15-17

[84] Vgl. Glöckler 1997, S. 125-126

[85] Vgl. Kluge/ Hemmert-Halswick 1984, S. 16-17

[86] Vgl. Kluge/ Hemmert-Halswick 1984, S. 18

[87] Watzlawick/ Beavin/ Jackson 1985, S. 53

[88] Miller/ Weissenborn 1991, S. 534

[89] Vgl. Miller/ Weissenborn 1991, S. 534-542

[90] Vgl. Kluge/ Hemmert-Halswick 1984, S. 23

[91] Vgl. Schulz von Thun 1981, S. 25-29

[92] Vgl. Watzlawick/ Beavin/ Jackson 1985, S. 53-56

[93] Kluge/ Hemmert-Halswick 1984, S. 25

[94] Vgl. Watzlawick/ Beavin/ Jackson 1985, S. 84-86

[95] Vgl. Watzlawick/ Beavin/ Jackson 1985, S. 81-82

[96] Vgl. Mertens 1978, S. 59-60

[97] Vgl. auch Kluge/ Hemmert-Halswick 1984, S. 22

[98] Vgl. Watzlawick/ Beavin/ Jackson 1985, S. 32

[99] Vgl. Watzlawick/ Beavin/ Jackson 1985, S. 124-137

[100] Vgl. Kluge/ Hemmert-Halswick 1984, S. 21-23

[101] Vgl. Mertens 1978, S. 66-68

[102] Vgl. Kluge/ Hemmert-Halswick 1984, S. 25-27

[103] Vgl. Mertens 1978, S. 71-72

Details

Seiten
138
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638248822
Dateigröße
1002 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v21215
Institution / Hochschule
Hochschule RheinMain – Studiengang Sozialwesen
Note
1,3
Schlagworte
Auswirkungen Sozialisation Umgang Kindern Konflikten

Autor

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Titel: Auswirkungen der familiären Sozialisation auf den Umgang von Kindern mit Konflikten