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Christoph Hein: „Der Tangospieler“ - Interpretation

Das gefangene Individuum

Hausarbeit 2009 15 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Formale Textanalyse

3 „Gefangen sein“ als zentrales Motiv
3.1 Frauen als Mittel zur Selbstfindung und Weg aus der Entfremdung
3.2 Fremd- und Selbstbestimmung

4 Darstellung von Mann und Frau

5 Einordnung in die DDR-Literatur der 80er Jahre

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Die Haft öffnet ihm die Augen darüber, daß er immer schon ‚gesessen’ hat, daß alle

‚sitzen’.“[1]

Der nach Freiheit und Selbstbestimmung strebende und doch in sich selbst und der Gesellschaft gefangene Protagonist in Christoph Heins „Der Tangospieler“ fesselt den Leser[2] vom Beginn der Lektüre an und hält diese Bindung bis zum letzten Wort der Erzählung konstant aufrecht. Durch das durchgängig aufrechterhaltene Spannungsgefüge ist die durchstrukturierte Handlung vom Schicksal des Hans-Peter Dallow aufwühlend und wirft vielschichtige Fragen auf. Gerade das macht diese Erzählung so interessant und lesenswert. Man versucht zu erschließen, wie der Autor die Handlung so geschickt inszeniert und aufgebaut, welche mehr oder minder versteckten Details – die sich womöglich erst beim wiederholten Lesen zu erkennen geben – er eingebaut hat und welches individuelle Fazit man als Rezipient in seiner subjektiven Deutung für sich daraus ziehen kann. Zudem stellt das Lesen eines solchen Buches die Möglichkeit dar, eine gesellschaftliche Situation zu erfahren, die in dieser Gestalt nicht in Geschichtsbüchern zu finden ist und ermöglicht quasi einen Blick hinter die Kulissen mit den Augen eines Autoren dieser Zeit, der eine andere Vermittlungsinstanz darstellt, als es beispielsweise ein Historike. Stetig fiebert man mit Dallow mit und schürt die Hoffnung, dass es doch einen positiven Wendepunkt in seinem Leben gibt, der ihm nicht vorgesetzt wird, den er für sich setzt, weil er sich weiterentwickelt und ihm der Anschluss an die sich verändernde Gesellschaft gelingt, sodass er wie Roessler, Müller, Schulze und Kiewer auch für sich sagen kann: Ich bin „ein Stück weiter gekommen“.[3]

Zunächst soll in der folgenden Arbeit die formale Analyse des Textes im Vordergrund stehen, wobei hier gleichzeitig eine Erläuterung der jeweiligen Funktion und Wirkung der einzelnen Ergebnisse stattfinden wird. Es folgt eine detaillierte Ausarbeitung und Beweisführung des zentralen Motivs der Erzählung, anhand dessen sich die Figur und Problematik des Historikers Hans-Peter Dallow vielschichtig erschließt. Weiterhin erfolgt ein Vergleich der unterschiedlichen Darstellung von Mann und Frau in Heins Werk sowie die begründete Einordnung des Textes in die DDR-Literatur der 80er Jahre. Den Abschluss bildet ein Fazit.

2 Formale Textanalyse

Die problematische Selbstverwirklichung eines durchschnittlichen Individuums, das sich in einer Gesellschaft befindet, die die persönliche Entwicklung massiv beeinflusst und einschränkt und in der „[…] man mit einem Bein auch immer im Zuchthaus [steht]“ (TS 79), stellt Hein in seinem Prosa-Werk „Der Tangospieler“ thematisch in den Focus. Dieses Thema verarbeitet er stofflich in der Geschichte über den Historiker Hans-Peter Dallow, die ihren Ursprung in einer fast novellistisch anmutenden „sich ereignete[n] unerhörte[n] Begebenheit“[4] hat. Der Protagonist wird anhand absurder Gründe für ein Tangospiel auf dem Klavier zur Unterstützung einer Vorstellung des studentischen Kabaretts – es handelt sich dabei um nicht weniger als die Premierenaufführung, bei der er den erkrankten Pianisten ersetzt – angeklagt wegen „[…] Verächtlichmachung führender Persönlichkeiten des Staates“ (TS 71). Dabei eröffnet sich eine Diskrepanz zwischen dem Tango, der als Symbol südamerikanischer Lebensfreude gilt, heitere südamerikanische Folklore darstellt und in Kaschemmen und Vergnügungslokalen der halbseidenen Art entstanden ist, und der 21-monatigen Haft, die der Protagonist zu verbüßen hatte.

Die durch und durch nüchterne, ja schon protokollartig anmutende Erzählhaltung wird durch den extradiegetischen heterodiegetischen Erzähler unterstützt und die an diesen fixierte interne Fokalisierung – wobei allerdings die Beschreibung der inneren Regungen auf die Figur des Historikers Dallow limitiert ist – zusätzlich untermauert. Somit erfolgt eine Reduktion der Wahrnehmung auf ein Wirklichkeitssegment durch die Einengung des Gesichtsfeldes auf einen Bildausschnitt.[5] Die einstrangige Handlung begünstigt jene Konstellation, die wie bei einer Kamerafahrt diese Begebenheit dokumentiert.

Es sind sowohl Textpassagen mit Zeitdeckung, Zeitraffung und Zeitsprüngen zu finden. Durch einen stetigen Wechsel der Erzählgeschwindigkeiten entsteht ein narrativer Grundrhythmus.[6] Ein Beispiel für das zeitdeckende Erzählen bildet folgender Textauszug: „Der Beamte sah auf. Er erwiderte nichts, als er Dallow ansah, sondern schüttelte nur müde den Kopf und seufzte vernehmlich.“ (TS 6) Das Zitat „Er sah den Motor durch, schloß die Batterie an, wechselte eins der Räder und reinigte das Fahrzeug.“ (TS 19) weist eine Zeitraffung auf. Ein Zeitsprung findet sich hier: „Er […] schlief erst wieder ein, nachdem er den Wecker gestellt hatte. Um acht Uhr war er bereits auf der Autobahn.“ (TS 63)

Die hauptsächlich chronologische Abfolge der Handlung wird teilweise durch Anachronien durchbrochen, die sich vor allem bei der Schilderung des Gefängnisaufenthaltes Dallows wiederfinden und in Form von Analepsen umgesetzt sind. Ein besonders umfangreicher Rückblick (vgl. TS 68-74) mit einer Reichweite von 22-23 Monaten erfolgt in Gegenwart von Dallows Vater, dem sein Sohn den ihm bis dato unbekannten genauen Hergang und Anlass seiner Inhaftierung nun schildert. Gemeinsam mit dem Bauern eröffnet sich erst hier für den Leser die allgegenwärtige aber bislang nur punktuell angeschnittene Vorgeschichte. Jedoch handelt es sich um keine strikte Durchführung der Analepse, denn in den Rückblick werden immer wieder Einschübe aus der Gegenwart eingeflochten, die ein zu starkes Sich-verlieren des Rezipienten in der Vergangenheit des Protagonisten unterbinden und ihn im Hier und Jetzt der Erzählung festhalten.

[...]


[1] Sichtermann, Barbara: Weder Außenseiter noch Pechvogel. In: Christoph Hein. Texte, Daten, Bilder. Hg. v. Lothar Baier. Frankfurt a. M.: Luchterhand Literatur Verlag 1990. S. 163. (Sammelband im Folgenden als „Texte, Daten, Bilder“ gekennzeichnet)

[2] Ich verwende zur Vereinfachung der Lesbarkeit bei geschlechtsspezifischen Begriffspaaren stets nur einen von diesen, nehme damit jedoch keinerlei Wertung vor.

[3] Hein, Christoph: Der Tangospieler. Berlin: Aufbau Verlag 1989. S. 36 f., 50, vgl. 134. (im Folgenden als TS gekennzeichnet)

[4] Eckermann, Johann Peter: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. In: Johann Wolfgang von Goethe. Sämtliche Werke, Briefe, Tagebücher und Gespräche. Hg. v. Christoph Michel. Band 39. Frankfurt a. M.: Deutscher Klassiker Verlag 1999. S. 221

[5] Vgl. Šlibar, Neva/Volk, Rosanda: „Das Spiegelkabinett unseres Kopfes“. Schreibverfahren und Bilderwelt bei Christoph Hein. In: Text+Kritik. Heft 111 Christoph Hein. Hg. v. Frauke Meyer-Gosau. München: edition text+kritik GmbH 1991. S. 60. (Sammelband im Folgend als „Text+Kritik“ gekennzeichnet)

[6] Vgl. Martinez, Matias/Scheffel, Michael: Einführung in die Erzähltheorie. 5. Auflage München: Verlag C. H. Beck 2003. S. 41.

Details

Seiten
15
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656404231
ISBN (Buch)
9783656406396
Dateigröße
465 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v211805
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Institut für Germanistik
Note
2,0
Schlagworte
Christoph Hein Tangospieler DDR-Literatur Analyse

Autor

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