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Die jungtürkische Revolution von 1908 - 1918

Terrorregime oder Modernisierungsgarant?

Seminararbeit 2010 15 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Naher Osten, Vorderer Orient

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Die jungtürkische Revolution - Verbindungsglied zwischen Ancien Régime und moderner Türkei

2. Die Anfänge der Jungtürken

3. Die junktürkische Revolution
3.1 Der Umsturz
3.2 Die jungtürkische Herrschaft
3.2.1 Die "liberale" Frühphase
3.2.2 Die türkische Diktatur
3.3 Das Ende der Revolution

4. Schlussbetrachtung

5. Bibliographie

1. Die jungtürkische Revolution - Verbindungsglied zwischen Ancien Régime und moderner Türkei

Die jungtürkische Revolution der Jahre 1908 bis 1918 stellt eines der entscheidendsten Ereignisse der türkischen Geschichte im 20. Jahrhundert dar. Mit dem Offiziersputsch in Saloniki endete de facto die autokratische Herrschaft Abdülhamids II. und es konnte sich eine politisch motivierte Gruppe, vornehmlich junger Oppositioneller, an der Spitze des osmanischen Staatsgefüges etablieren. Während der zehnjährigen Herrschaft der sogenannten "Jungtürken"[1] wurden zahlreiche zukunftsweisende Reformen in Angriff genommen, die Verfassung wieder eingeführt und zaghafte Schritte hin zur Frauenemanzipation unternommen. Doch diese Beschreitung eines demokratischen Weges durch die anfänglich gesamtosmanische Gruppierung wurde durch den Nationalismus der vorherrschenden Türken gebremst und verkehrte sich spätestens 1913, mit der Errichtung des jungtürkischen Triumvirats, in eine Rassen und Glauben diskriminierende Diktatur.

Die Zeit der jungtürkischen Revolution bietet ein ambivalentes Bild des niedergehenden Osmanischen Reichs an seiner Wende zu einem modernen Staat. Einerseits verkörperte die jungtürkische Bewegung zu Beginn die Hoffnung auf eine geeinte Nation, ohne Diskriminierungen von Muslimen, Juden, Christen, Arabern, Slawen oder Armeniern. Andererseits artete der überschwängliche Chauvinismus nach kurzer Zeit in eine Phase der Türkifizierung und den ersten großen europäischen Genozid des 20. Jahrhunderts aus.[2]

Das Ziel dieser Arbeit ist es, einen Einblick in die rund zwanzigjährige jungtürkische Bewegung zu geben und dabei die Überwindung des autokratischen Sultanats und das "Vorstadium" der modernen Türkei zu skizzieren. Von Interesse wird dabei sein, wie sich aus der studentischen Opposition, welche noch am Ende des 19. Jahrhunderts die von der Hohen Pforte verkündeten Armenier-Pogrome aufs Schärfste verurteilt hatte, eine intolerante Diktatur entwickeln konnte, die für den Tod hunderttausender Armenier verantwortlich war. Waren die Jungtürken die ersehnten und notwendigen Führer in eine moderne Türkei, oder übten sie nur eine machtbesessene Terrorherrschaft aus?

Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, wird zunächst die Entstehung der jungtürkischen Opposition beschrieben, dabei wird auf die ersten Geheimkomitees eingegangen und der Aufstieg der Regimegegner dargestellt. Danach widmet sich die Arbeit dem Militärputsch in Saloniki sowie der Machtergreifung der Jungtürken und deren Folgen. Anschließend wird der Wandel hin zu einem radikalen Nationalismus der Türken beschrieben, dessen politischer Höhepunkt die Gründung des jungtürkischen Triumvirats darstellt. Abschließend wird das Ende der Revolution skizziert, wobei der innere Widerstand gegen die Diktatur und die außenpolitischen Ursachen beleuchtet wird.

Die Geschichte der Jungtürken ist bis in die Gegenwart unter verschiedenen Aspekten untersucht worden, so dass es eine große Zahl an Literatur zu dem Thema gibt. Der aktuelle Forschungstand ist naturgemäß vor allem in türkischer Sprache vielseitig und ausschöpfend dargestellt.[3] Auch im deutschsprachigen Raum gibt es eine übersichtliche Anzahl an Darstellungen der jungtürkischen Geschichte. Diese Arbeit stützt sich auf eine Auswahl der deutschen Literatur, vor allem auf die Werke von Josef Matuf, Klaus Kleiser und Christoph K. Neumann, welche einen guten und fundierten Überblick über die gesamte türkische Geschichte bieten.

2. Die Anfänge der Jungtürken

Ende der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts begann sich im Osmanischen Reich zum ersten Mal eine Opposition zu gruppieren, die einen Systemwechsel nicht durch einen Militärputsch herbeiführen wollte. Angetrieben durch ihre Unzufriedenheit mit dem autokratischen Regierungsstils Sultans Abdülhamid II. organisierte sich im Geheimen eine Gruppe junger, gebildeter Studenten, die es sich zum Ziel gesetzt hatten, die Autokratie auf politischem Weg zu beenden.[4] 1889 gründeten diese Studenten in Istanbul die "Gesellschaft für osmanische Einheit", die Urorganisation der späteren Jungtürken. Die jungen Männer waren von den europäischen Freiheitsbewegungen fasziniert und wollten, wie ihre westlichen Vorbilder, einen modernen Nationalstaat gründen, der die überholte Autokratie ablösen sollte.[5]

Der neuen Opposition schlossen sich innerhalb kürzester Zeit immer mehr Mitglieder, vornehmlich Studenten aus gebildeten Schichten sowie auch Offiziere, an. 1894 nahm die "Gesellschaft" Kontakt zu dem im Exil lebenden Ahmed Riza auf. Der radikale Riza war nur einer der vielen Exilanten, die vom Ausland aus gegen die verhasste Autokratie in ihrer Heimat kämpften, jedoch war er bis zum jungtürkischen Umsturz 1908 der einflussreichste aller Exilpolitiker. Unter seiner Initiative kam auch die Namensänderung der Opposition zustande, seit 1894 kämpften die Regimegegner als "Osmanische Gesellschaft für Einheit und Fortschritt" gegen die Herrschaft des Sultans.[6] Ein Jahr später traute es sich die Bewegung zu, zum ersten Mal in der Öffentlichkeit auf sich und ihre Ziele aufmerksam zu machen. Die Hohe Pforte hatte kurz zuvor die ersten berüchtigten Armenier-Pogrome inszenieren lassen, wogegen die junge Opposition massiv protestierte. Als Folge der öffentlichen Kritik am Regime lies der Sultan erste Schritte gegen die Jungtürken einleiten und durchführen. Zahlreiche Oppositionelle wurden in weit entfernte Teile des Osmanischen Reichs verbannt oder mussten ins westeuropäische Exil fliehen.

Da sich die Jungtürken durch das Vorgehen des Sultans nicht beirren ließen, folgten weitere Maßnahmen der Hohen Pforte. 1897 übte das Osmanische Reich Druck auf die Regierung in Frankreich aus, um das Exilblatt "Mechveret" zu verbieten und das Exilrecht für Ahmed Riza aufheben zu lassen.[7] Doch das Verbot des "Mechveret" konnte den publizistischen Sturm der anti-autokratischen Exilanten nicht besänftigen, die mit zahlreichen Zeitschriften und Flugblättern die Position der Jungtürken massiv stärkten.[8]

1899 erhielten die Jungtürken weiteren Zulauf, als ein Schwiegersohn des Sultans, Mahmud Celaleddin Pascha, mit seinen Söhnen ins Ausland floh und sich der oppositionellen Bewegung anschloss. Dass sich auch Mitglieder der Herrschaftsfamilie zu den Gegnern der Autokratie gesellten, zeigte allerdings auch die heterogene Zusammensetzung der Jungtürken, die es nicht erlauben sollte, gemeinsame Ziele zu verfolgen. Dies wurde auf den "Ersten Kongress der osmanischen Liberalen" 1902 in Paris nur zu deutlich. Man war sich auf dem Kongress einig, dass man die Autokratie abschaffen und, die 1876 außer Kraft gesetzte, Verfassung wieder einführen wollte, doch konnten sich die beiden Hauptgruppen nicht einmal auf einen Konsens bei dem Vorgehen und weiterführenden Zielen einigen. Die Liberalen traten unter der Führung von Sabaheddin für eine Wiedereinführung der konstitutionellen Monarchie, eine starke Dezentralisierung und eine Versöhnung mit den Minderheiten im Reich ein. Für diese Ziele waren die Liberalen sogar bereit, ausländische Hilfe anzunehmen. Die Unionisten bzw. Nationalisten, deren Anführer Riza war, wehrten sich allerdings entschieden gegen die Inanspruchnahme fremder Hilfe. Zudem waren die Unionisten für die Organisation eines starken Zentralstaates.[9]

[...]


[1] Der Begriff "Jungtürken" stammte vom Namen der in Paris erschienen Exilzeitung "La Jeune Turquie" ab und etablierte sich im Ausland, wie im Osmanischen Reich schnell als Bezeichnung für die Opposition. Vgl. Matuf, Josef: Das Osmanische Reich. Grundlinien seiner Geschichte, 3. Auflage, Darmstadt, 1994, S. 249. [2] Zum Genozid der Armenier durch die jungtürkische Regierung: Kreiser, Klaus: Der Osmanische Staat. 1300- 1922, 2. Auflage, München, 2008, S. 50f.

[3] Hacisalihoglu, Mehmet: Die Jungtürken und die Mazedonische Frage (1890-1918), Diss., Ludwig-Maximilians- Universität München, 2001, S. 18ff.

[4] Steinbach, Udo: Geschichte der Türkei, 3. Auflage, München, 2003, S. 20.

[5] Kreiser, Klaus/Neumann, Christoph K.: Kleine Geschichte der Türkei, Stuttgart, 2003, S. 351.

[6] Ebd.

[7] Ebd., S. 353. [8] Matuf, S. 249.

[9] Ebd., S. 250 und Kreiser/Neumann, S. 354.

Details

Seiten
15
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656394099
ISBN (Buch)
9783656394464
Dateigröße
520 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v211633
Institution / Hochschule
Technische Universität Chemnitz
Note
2,0
Schlagworte
Jungtürken

Autor

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Titel: Die jungtürkische Revolution von 1908 - 1918