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Michael Foucault und seine Repressionshypothese

Inhaltlicher Kern und Bezug zur Gegenwart

Essay 2013 5 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

In seinem Werk Der Wille zum Wissen (1983), welches den ersten der insgesamt drei veröffentlichten Bände[1] von Sexualität und Wahrheit darstellt, setzt sich Michel Foucault mit der Entstehungsgeschichte des Sexualitätsbewusstseins der abendländischen Gesellschaft vor dem Hintergrund sich verändernder gesellschaftlicher Machtverhältnisse auseinander. Foucault geht es dabei weniger um eine Geschichte sexueller Gewohnheiten oder Anleitung zur Befreiung von der Unterdrückung, als vielmehr darum, den „Fall einer Gesellschaft zu prüfen, die seit mehr als einem Jahrhundert lautstark ihre Heuchelei geißelt, redselig von ihrem eigenen Schweigen spricht und leidenschaftlich und detailliert beschreibt, was sie nicht sagt, die genau die Mächte denunziert, die sie ausübt und sich von den Gesetzen zu befreien verspricht, denen sie ihr Funktionieren verdankt“ (Foucault 1983: 16).

Zu Beginn seiner Abhandlung richtet sich Foucault gegen die Anfang des 17. Jahrhunderts aufkommende Repressionshypothese, zu deren prominentesten Vertretern Sigmund Freud und Wilhelm Reich zählen. Der Terminus der Repression[2] bezeichnet dabei die „Unterdrückung von Triebregungen, individueller Entfaltung und Triebäußerungen durch gesellschaftliche Strukturen und Autoritätsverhältnisse“ (Duden 2000: 1165). Die Anhänger der Repressionshypothese behaupten demnach, dass eine Periode der relativen sexuellen Offenheit von einer zunehmenden Repression des Sexes abgelöste wurde. So habe es im 17. Jahrhundert noch eine völlige sexuelle Freiheit gegeben, während es in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu einer dramatischen Veränderung des freizügigen Diskurses gekommen sei. Der Rest, der von der Sexualität übrig geblieben war, sollte schließlich nur noch heimlich zwischen Eheleuten im Schlafzimmer vollzogen werden. Die repressive Vorstellung, dass Macht als Verbot, Zwang oder Hemmung verstanden werden kann, ist für Foucault nun keineswegs falsch, jedoch unvollständig. Seine Einwände zielen weniger auf den Nachweis, dass die Repressionshypothese unzutreffend ist, sondern vielmehr darauf, dass sie in einer allgemeinen Ökonomie der Diskurse über den Sex anzusiedeln sei, wie sie seit dem 17. Jahrhundert im Innern der modernen Gesellschaften herrscht (vgl. Foucault 1983: 18). Als Vorläufer dieser Ökonomie der Diskurse sieht Foucault die katholische Beichte, die im 13. Jahrhundert einen Imperativ errichtet hat, der fordert, nicht nur die gesetzeswidrigen Handlungen zu beichten, sondern aus seinem gesamten Begehren einen Diskurs zu machen. Durch ein öffentliches Interesse wurde schließlich ein Diskurs an den Sex angeschlossen und mithilfe eines komplexen und vielfältig wirkenden Dispositivs[3] ein Apparat zur Produktion von Diskursen installiert (vgl. Foucault 1983: 26). Dies war laut Foucault auch notwendig, denn die Regierungen entdeckten im 18. Jahrhundert, sprich mit Beginn der Industrialisierung, dass sie es nicht nur mit einem Volk, sondern mit einer Bevölkerung zu tun haben, die durch spezifische Probleme, wie beispielsweise Geburtenrate, Fruchtbarkeit oder Lebensdauer, geprägt werden (vgl. Foucault 1983: 31). Weitere Brennpunkte zur Anreizung von Diskursen über den Sex entstanden mithilfe der Institutionen aus den Bereichen Ökonomie, Pädagogik, Medizin und Justiz. Im Verlaufe der Moderne und durch den Wandel von der feudalen Macht zur modernen Disziplinarmacht variierten die Geständnisverfahren, die Orte vervielfachten sich und die Inhalte wurden mehr. Die Vertreter der Repressionshypothese behaupten dagegen, man habe den Sex aus den Diskursen ausgeschlossen. Foucault zeigt jedoch genau das Gegenteil: Die Kategorie der Sexualität ist das Konstrukt einer Diskursivierung durch den zunehmenden Anreiz zu Diskursen, die Ausstreuung von Perversionen und die Wissenschaft von der Sexualität (vgl. Foucault 1983: 29). Die Sexualität ist Inbegriff eines umfassenden Dispositivs. Von Foucault wird also die Idee einer von Macht unterdrückten Sexualität zurückgewiesen, denn diese Theorieansätze befinden sich nicht außerhalb, sondern innerhalb des kritisierten Machtsystems und verschleiern damit die Machtverhältnisse. Vielmehr verknüpft Foucault über den Geständniszwang die Macht mit der Sexualität. Es geht ihm jedoch weder darum, das sexuelle Elend zu leugnen, noch möchte er es negativ mit einer Repression erklären (vgl. Foucault 1978: 180). Da Foucault von einer alles umfassenden Macht ausgeht, gibt es kein schöpferisch-revolutionäres Subjekt, das seine Sexualität und seine wahren Bedürfnisse im Kampf gegen die Repression zu befreien versucht. Sexualität und Subjektivität sind demnach in Wahrheit nichts weiter als ein willkürliches Konstrukt der Macht (vgl. Fink-Eitel 1989: 82ff).

[...]


[1] Der zweite Band Der Gebrauch der Lüste sowie der dritte Band Die Sorge um sich wurden 1989 in Deutschland veröffentlicht.

[2] lat. repressio = das Zurückdrängen.

[3] Als Dispositiv begreift man hier eine Gesamtheit bestimmter begrifflich fassbarer Vorentscheidungen, innerhalb derer sich die Diskurse und die sozialen Interaktionen entfalten können, die in sprachpragmatisch relevanten Aspekten der Erfassung, Beschreibung und Gestaltung der Lebenswelt einer Gesellschaft Ausdruck finden.

Details

Seiten
5
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656401742
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v211466
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Soziologie
Note
1,3
Schlagworte
Foucault Michel Foucault Repressionshypothese Der Wille zum Wissen Sexualität und Wahrheit

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Titel: Michael Foucault und seine Repressionshypothese