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Über Chomskys nativistische und Bruners interaktionistische Theorie des Spracherwerbs

Ist Sprache angeboren oder erlernt?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 21 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Zum menschlichen Spracherwerb
2.1 Verschiedene Einflüsse auf den Spracherwerb
2.1.1 soziale Faktoren
2.1.2 biologische Faktoren
2.1.3 kognitive Faktoren
2.2 verschiedene Phasen der sprachlichen Entwicklung

3 Ist Sprache angeboren oder erlernt?
3.1 Die nativistische Sichtweise Avram Noam Chomskys (*1926)
3.1.1 Die Universalgrammatik
3.1.2 Sprache als Organ
3.1.3 Kompetenz und Performanz
3.2 Die Interaktionistische Sichtweise Jerome Seymor Bruners (*1915)
3.2.1 Das E-I-S-Prinzip
3.2.2 Spracherwerb durch Interaktion
3.2.3 LASS

4 Diskussion & Fazit

5 Literaturverzeichnis

„Der Mensch ist Mensch nur von Gnaden der Sprache;

er erfährt sich recht nur dann, wenn er sich

als in seinem Wesen sprachlich erfährt.“

(Johannes Nosbüsch)

1 Einleitung

„Sprache repräsentiert die Welt.“ Diese Kapitelüberschrift von Elisabeth Leiss (2009, S. 19) scheint äußerst interessant. Sie bringt viele Fragen mit sich. Repräsentiert Sprache tatsächlich unsere Welt oder ist sie nur Träger, das Medium, das uns zur Kommunika­tion und gegenseitigen Verständigung verhilft? Wie kam die Menschheit überhaupt zur Sprache? Wie wird Sprache weitergegeben? Verändert sich durch den ständigen Sprachwandel auch unser Verständnis und die Realisierung der Welt?

Man könnte annehmen, dass Sprache vergleichbar ist mit der Entstehung unserer Kontinente. Wir alle lernten in der Schule, dass es einen Ursprungskontinenten mit Namen Pangaea gab, der sich aufgrund der Plattentektonik langsam aber sicher in kleinere Teile spaltete und sich so über den ganzen Erdball verteilte. Genau wie diese Idee könnte man davon ausgehen, dass es auch eine Ursprache gegeben haben muss, von der ausgehend sich dann die einzelnen Sprachen entwickelten. Eindeutige Ergebnisse darüber gibt es leider nicht. Man kann nur vermuten, wie Sprache wohl zum ersten Mal entstanden sein muss. Seit einigen Jahrhunderten gibt es auch Aufzeichnungen über die Entwicklungen der einzelnen Sprachen, allerdings reicht dies nicht aus, um konkrete Thesen bezüglich einer Ursprache aufzustellen.

Die Frage nach dem Ursprung der Sprache besteht seit jeher und es erweist sich als äußerst schwierig, den Beginn der Forschungen danach auszumachen (vgl. Haspelmath 2002, S. 8). Bereits die alten Ägypter versuchten mit allen Mitteln das Geheimnis zu lösen und übten sich daher in einigen Experimenten (vgl. Haspelmath 2002, S. 2). Wenngleich man damals noch auf der Suche nach einer „Ursprache“ war, so sind es heute andere Größen, denen wir uns widmen und hinter deren Fassade wir den Ursprung unserer Sprache vermuten. Heftig umstrittenes Thema ist daher die von Chomsky begründete Universalgrammatik, mit welcher er sich deutlich vom Behaviorismus abgrenzt. Diese weist vor allem in Bezug auf den Erstspracherwerb eine große Signifikanz auf, diese Annahme kann jedoch nicht ohnegleichen als richtig anerkannt werden. Viele verschiedene Meinungen kursieren im Gebiet der Linguistik, vor allem in der Materie des Spracherwerbs.

Bezüglich der Frage, ob es eine, der Sprache unterliegende, Universalgrammatik gibt, die für alle etwa 5000 Sprachen gleich ist (Klein 2000, S. 1), gibt es zwei unterschiedliche Auffassungen. Auf der einen Seite befinden sich die Nativisten, die sich für das Vorhandensein einer Universalgrammatik aussprechen, allen voran natürlich Chomsky, der den Begriff in den 1970/80er Jahren im Zusammenhang mit der Generativen Grammatik einführte und entscheidend prägte (vgl. Bartschat 1996, S. 180). Linke / Nussbaumer / Portmann (2004) definieren den Unterschied aus Sicht der Nativisten folgendermaßen: „Das Interesse der Generativen Grammatik am Spracherwerb richtet sich darauf, wie die Sprachstruktur erworben wird; das Interesse der anderen Ansätze richtet sich primär auf die Frage, wie die Sprachsubstanz erworben wird“ (S. 382). Haspelmath (2002), der sich gegen die Ansicht der Nativisten und auch gegen das Vorhandensein einer Universalgrammatik ausspricht, bezeichnet diese andere Seite als Konstruktivisten und schließt sich selbst mit in die Gruppe ein (vgl. S. 1). Er ist Vertreter der Position, dass "Grammatik [...] als Nebenprodukt des Sprechens in der sozialen Interaktion [entsteht]" (S. 1). Interessant ist in diesem Zusammenhang die Theorie Jerome Bruners, die erstmals 1966 aufgestellt wurde (vgl. Oerter / Montada 1982, S. 433) und die Theorie Chomskys durch ein Phasenmodell, das sich an der sozialen Interaktion orientiert, in gewisser Weise ergänzt hat.

Im Folgenden soll die Frage geklärt werden, ob Sprache angeboren oder erlernt ist. Dazu soll zunächst einmal der menschliche Spracherwerb erklärt werden. Unter Rückgriff auf verschiedene Untersuchungen werden die Einflüsse, unter denen sich Sprache entwickelt (biologisch, kognitiv, sozial) kurz erläutert, ehe ein grober Überblick über die verschiedenen Phasen des Spracherwerbs beim einzelnen Individuum gegeben wird. Nachdem nun die grundlegenden Voraussetzungen, unter denen sich Sprache entwickelt, geklärt sind, können im zweiten Teil der Arbeit die verschiedenen Theorien Chomskys und Bruners vorgestellt werden, wobei die erste den Spracherwerb aus nativistischer und die zweite ihn aus interaktionistischer Perspektive darstellt. Dies alles soll unter der bereits erwähnten Leitfrage, ob Sprache angeboren oder erlernt ist, beleuchtet werden. Natürlich gibt es noch eine Reihe weiterer Theorien, wie beispielsweise die behavioristischen Modelle oder rein kognitivistische Modelle, die sich mit der Beantwortung dieser Frage auseinandersetzen. Diese Modelle wurden hier allerdings nicht berücksichtigt, da dies den Rahmen dieser Arbeit gesprengt hätte.

2 Zum menschlichen Spracherwerb

Natürlich ist der Spracherwerb Teil der Linguistik. Der Frage danach, wie der Sprach­erwerb beim Menschen funktioniert, kann man aber nicht nur auf linguistischer Ebene nachgehen, sondern muss auch psychologische Erkenntnisse hinzuziehen. Daher muss dieses Thema laut Linke / Nussbaumer / Portmann (2004) „unter explizit psychologischer Perspektive“ der Psycholinguistik zugeordnet werden (S. 377). Diese wird ihrerseits nochmals in die drei Hauptbereiche Spracherwerbsforschung, Sprach­wissensforschung und Sprachprozessforschung gegliedert. Gegenstand dieser Arbeit ist die Spracherwerbsforschung, die sich damit auseinandersetzt, „wie Sprache erworben wird [und] nach welchen Gesetzmässigkeiten der Aufbau des Sprachwissens erfolgt“ (S. 377). Innerhalb dieser Forschungsrichtung wird beispielsweise untersucht, ob es sich bei Sprache um eine geistige Kapazität oder eine spezielle Fähigkeit handelt, wobei interdisziplinär auch Erkenntnisse der „Philosophie, Biologie, Ethologie (Verhaltensfor­schung) usw.“ hinzugezogen werden. Wichtig scheinen in diesem Zusammenhang auch die verschiedenen „Phasen und Resultate der Spracherwerbs“, wobei vor allem die Muttersprache als Untersuchungsinstrument dient (S. 380).

2.1 Verschiedene Einflüsse auf den Spracherwerb

Grundsätzlich gibt es „keine Bevorzugung irgendeiner Sprache von Geburt an“ (Keller 1989, S. 49). Demzufolge kann jedes Kind jede Sprache erlernen, ihm ist eine grundle­gende Sprechfähigkeit gegeben, die dann aufgrund der verwendeten Sprache innerhalb der Sprachgemeinschaft, in der das Kind aufwächst, entsprechend geprägt wird. Es kann also behauptet werden, dass die Art und Weise, auf die sich der Spracherwerb entwickelt, von drei verschiedenen Faktoren beeinflusst wird. Klein (2000) listet diese als soziale, biologische und kognitive Entwicklungen auf, die einen „ganz verschiedenen, aber parallelen“ Ablauf auf dem Weg vom Kind zum Erwachsenen auf­weisen (S. 6). Man darf also nicht den Fehler begehen, eine Theorie des Spracherwerbs nur auf einer dieser Komponenten aufzubauen. Kein Faktor darf ausgeblendet werden, wichtig ist das Zusammenspiel, durch das das Individuum geprägt wird: „Sieht man das Problem in seiner ganzen Spannweite, wird deutlich dass eine Antwort, die sich auf nur einzelne Teilgebiete stützt, ins Leere gehen muß“ (Werlen 1989, S. 2). Genau mit die­sem Problem, das sich in einer Polarisierung auf einzelne Bereiche zeigt, hat die Sprachwissenschaft allerdings zu kämpfen, was letztlich in „ein Problem des möglichen Zugangs zur Lösung des Problems überhaupt“ mündet (S. 2).

2.1.1 soziale Faktoren

Der Spracherwerb eines jeden in einer Gemeinschaft lebenden Individuums, ist durch soziale Faktoren geprägt. Werlen (1989) ist der Ansicht, dass „[g]esteuerte und unge­steuerte Erziehungsprozesse [...] dem Individuum die Wirklichkeitsauffassung und –definition der gesellschaftlichen Teilkultur, in der es aufwächst [vermitteln]“ (S. 2). Dennoch sind Säuglinge noch nicht sozial. Recht früh gewöhnen sie sich aber daran, dass andere Menschen ihnen weiterhelfen können und orientieren sich an ihnen (Bruner 1987, S. 19). Dabei spielt der Sozialisationsprozess bereits eine Rolle; die Umwelt, von der das Kind umgeben ist und die Personen, die es umgeben, sind auch für die Ent­wicklung der Sprache prägend. Auch muss das soziale Milieu, in denen die Kinder heranwachsen, berücksichtigt werden (Hetzer / Reindorf 1928, S. 151).[1]

Bei diesem Aspekt ist außerdem der Begriff der Identität zentral: „mit der ‘Mutter­sprache’ erwirbt das Kind auch eine soziale Identität“ (Klein 2000, S. 6). Ein schönes Beispiel dafür findet sich beim Zweig des Fremdsprachenerwerbs. Sprache prägt Iden­tität, viele Migranten fühlen sich aufgrund sprachlicher Barrieren durch mangelnde Sprachkenntnisse in der Zielsprache sozial benachteiligt, gerade weil sie ihre Gedanken und Belange nicht in einer solchen Form ausdrücken können wie sie dies in ihrer Muttersprache gewohnt sind.[2]

2.1.2 biologische Faktoren

Zu den biologischen Entwicklungen werden alle körperlichen Entwicklungen gefasst, die mit den Sprechorganen in Zusammenhang gebracht werden können. Auch die Ohren zählen dazu. Darüber hinaus darf die Entwicklung des Gehirns nicht außer Acht gelas­sen werden (Klein 2000, S. 6). Sprache ist im Gehirn lokalisierbar: „bei Rechtshändern [ist] die linke Hemisphäre des Gehirns ausschlaggebend für das Sprachvermögen“, bei Linkshändern muss es sich nicht zwingend umgekehrt verhalten (Oerter / Montana 1982, S. 520f.). Da das Hirn sich nur bis zu einer bestimmten Lebensphase entwickelt, kann der Spracherwerb nicht bis ins hohe Lebensalter „biologisch gesteuert erfolgen“, die Phase „bis zur Erreichung der Hirnreifung wird auch als kritische Periode bezeich­net“ (S. 521). Der Zeitpunkt, zu dem die Ausbildung des Gehirns vollständig abge­schlossen ist, ist aber auch umstritten und kann nicht eindeutig festgelegt werden. Weiterhin variiert er je nach Individuum (S. 521f.). Auch die „Kontrolle von Muskel­bewegungen“ spielt nach Klein (2000) eine Rolle dabei. Die grundsätzliche Fähigkeit des Individuums, als Säugling jede Sprache erlernen zu können, geht mit dem Ausbilden der Muskeln zurück, da sich diese auf die jeweilige Sprache einstellen (S. 6).

2.1.3 kognitive Faktoren

Nach Klein (2000) gibt es keine konkreten wissenschaftlichen Ergebnisse, die Auskunft darüber geben, inwiefern die linguistische von der kognitiven Entwicklung beeinflusst wird. Wenngleich es keine konkreten Befunde dafür gibt, heißt dies aber keinesfalls, dass es keine gegenseitige Beeinflussung gibt: „Unstrittig ist aber, daß es einige klare Beispiele für eine solche Interaktion gibt“ (S. 7). Darüber hinaus ist bestätigt, dass sich komplexere Denkweisen erst mit zunehmendem Alter entwickeln. Die Entwicklung kognitiver Strukturen hat Lenneberg (1972) genauer unter die Lupe genommen und festgestellt, dass der Sprache durchaus kognitive Prozesse zugrundeliegen, wie beispielsweise den „Akt der Kategorisierung oder die Bildung von Begriffen. Operationell lässt sich ein solcher Prozeß als die Fähigkeit charakterisieren, innerhalb bestimmter Grenzen auf verschiedene Stimulussituationen in ähnlicher Weise zu reagieren, was wiederum auf der Fähigkeit beruht, die gemeinsamen Nenner physikalischer Phänomene oder die Ähnlichkeit zwischen ihnen zu erkennen“ (S. 446f.). Die Verwendung von Sprache setzt demnach kognitive Fähigkeiten voraus, die wiederum die Entwicklung der Sprache beeinflussen.

2.2 verschiedene Phasen der sprachlichen Entwicklung

Genau wie Kohlberg dem Menschen verschiedene Phasen der moralischen Urteilsfähig­keit zuordnete (vgl. Standop 2005, S. 45-50), so können dem einzelnen Individuum auch verschiedene Phasen des Spracherwerbs zugeordnet werden, die, wenn auch leicht variierend, tatsächlich beobachtbar sind. Die Ergebnisse darüber werden von Keller (1989) als „einigermaßen gesichert[...]“ eingeschätzt (S. 51), der sich dabei auf die

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[1] Hetzer / Reindorf (1928) untersuchten insgesamt 65 Kinder, verteilt auf zwei unterschiedliche Gruppen, die G (gepflegte Kinder) und die U (ungepflegte Kinder) (vgl. S. 153). Bei ihrer Querschnittsuntersuchung versuchten sie, „den Sprachschatz der einzelnen Kinder “ festzuhalten, indem sie diese über mehrere Tage beobachteten Ihre Ergebnisse gestalteten sich dabei so, dass sich Unterschiede erst bemerkbar machten, nachdem die Phase der rein instinktiven Lautäußerung vorüber war. Danach hatten die G „in allen Fällen einen zeitlichen Vorsprung gegenüber den U“, die ersten Sprachanfänge gestalteten sich aber gleich und die U holten auch nach kurzer Zeit auf (S. 164f.). Allerdings ist die Untersuchung höchst bedenkenswert, in ihrem Aufsatz selbst stellen Hetzer / Reindorf bereits selbst Bedenken bezüglich der Vorgehensweise fest: „Es ergaben sich allerdings bei der Bearbeitung des Materials einige Schwierigkeiten, weil nicht alle Aufzeichnungen von denselben Gesichtspunkten geleitet sind“ (S. 153).

[2] Es existieren zahlreiche Theorien über den Begriff „Identität“. In der kanadischen Literatur ist der Begriff von zentraler Bedeutung und Literaturtheoretiker wie Stuart Hall (2006) haben den Term in Bezug auf sprachliche Aspekte und den Wandel der Identität durch „otherness“ und „difference“, die sich auch durch, für die Migranten neue und unbekannte, Zielsprachen äußern, entscheidend geprägt (S. 435 - 438).

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Details

Seiten
21
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656392989
ISBN (Buch)
9783656394457
Dateigröße
571 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v211352
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
2.3
Schlagworte
sprache über chomskys bruners theorie spracherwerbs

Autor

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Titel: Über Chomskys nativistische und Bruners interaktionistische Theorie des Spracherwerbs