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Die Weimarer Klassik im Vergleich zum poetischen Realismus

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 22 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsangabe

1.0 Das Menschenbild der Weimarer Klassik
1.1 Das Menschenbild Goethes
1.2. Schillers ästhetisches Programm
1.4. Goethes Iphigenie als Ausdruck des Humanitätsideals der Klassik
1.4.1. Form und Inhalt
1.4.2. Gestaltung der Iphigenie
1.4.3. Der Modellcharakter der Dichtung

2.0 Das ästhetische Programm des poetischen Realismus
2.1. Die theoretischen Grundlagen des poetischen Realismus
2.2. Realisation des ästhetischen Programms in Stine
2.2.1. Techniken des bürgerlichen Realismus
2.2.2. Erzählperspektive
2.2.3. Verwendung des Dialektes
2.2.4. Bedeutung der Örtlichkeit
2.2.5. Gestaltung des Endes

3.0 Vergleich klassischer und realistischer Darstellung

Literaturverzeichnis

1.0 Das Menschenbild der Weimarer Klassik

Zu Beginn ihrer Freundschaft, die die Weimarer Klassik begründete, wies Schiller in dem berühmten Brief vom 23. August 1794 zum Geburtstag Goethes auf die höchst unterschiedliche Denkungsart hin, die beide voneinander schied und sie doch miteinander verbinden sollte. Er formuliert:„Sucht aber der erste mit keuschem und treuen Sinn die Erfahrung, und sucht der letzte mit selbsttätiger freier Denkkraft das Gesetz, so kann es gar nicht fehlen, dass beide einander auf halbem Wege begegnen werden.“[1]

Goethes Auffassung der Bestimmung des Menschen und Schillers Auffassung der ästhetischen Erziehung zeigten sich in höchst unterschiedlichen Entwürfen, die dem Naturell beider Dichter entsprachen. Legte Schiller entsprechend seiner an Kant geschulten philosophischen Fragestellungen seine Ideen in theoretischen Schriften nieder, so verfasste der `Augenmensch` Goethe seine Überzeugungen über Wesen und Wirken des Menschen in seinen dichterischen Werken.

1.1 Das Menschenbild Goethes

Goethes klassische Auffassung der Bestimmung des Menschen soll nun durch eine Analyse des Gedichtes „Das Göttliche“[2]aus dem Jahre 1783 dargestellt werden: Das Göttliche J.W.von Goethe

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In dem Gedicht entwickelt er die Haltung, wie der Mensch sich zu dem Grundkonflikt von Körper und Geist, Natur und Freiheit verhalten soll.

Goethe legt, wie es einem klassischem Weltbild zukommt, klare ethische Richtlinien fest, in denen der Mensch seine innere Natur verwirklichen und gleichzeitig den sozialen Raum so gestalten kann, dass dieser anstelle unlösbarer Dauerkonflikte die Möglichkeit des sozialen und harmonischen Miteinanders in sich trägt. Auch hier überwindet die klassische Position die einseitige Haltung des Sturm und Drang, welcher ohne ausgewiesenes Gesellschaftskonzept auskam und in der radikalen Selbstverwirklichung der originalen Subjektivität die alleinige Triebfeder des gesellschaftlichen Handelns sah.

Orientiert an Platons Ideenlehre der Einheit des Guten, Wahren und Schönen, die in der höchsten Idee als notwendig aufeinander verweisende Elemente existieren und die Bereiche der Ethik, Erkenntnis und Ästhetik als unlösbare Ganzheit konstituieren, wählt Goethe die normativen Leitsätze der edlen, hilfreichen und guten Gesinnung. Diese verkörpern das ideale Gute, welches dem Menschen als moralische Leistung aufgegeben ist und welche mit dem Wahren, der Idee des Menschen, sowie dem Schönen, der Harmonie zwischen Individuum und Gesellschaft, korrespondieren. Die für heutige Verhältnisse beneidenswert unstrittige Behauptung des Gutseins des Menschen verankert in seiner Natur die Humanität als Wesensbestimmung. Ganz irdischer Weltbürger, setzt Goethe in dem Gedicht den „geahndeten Wesen“ als deren Rechtfertigung den Menschen gegenüber. Gelingt es diesem die Richtlinien des Guten zu verwirklichen, so ist damit die Existenz der metaphysischen Ebene auf indirektem Wege erschlossen. Sieht der Mensch sich in der Lage seiner Bestimmung zu folgen „den Guten zu lohnen, den Bösen zu strafen, (zu) heilen und retten“, so kann er sich in der sicheren Annahme wähnen, dass dies nur in seiner Macht steht, weil er ein Geschöpf und Abbild dieser nachahmenswerten metaphysischen Instanzen ist. Die Vorbildhaftigkeit des Menschen verleiht den Göttern Existenzrecht. Wie es Kant und mit ihm Schiller formulierte, gehört der Mensch als moralisches Wesen einer höheren Welt an. Nur im Menschen taucht das Licht des Bewusstseins so in ihn hinein, dass er sich der Frage nach der Verantwortbarkeit seines Handelns stellen muss:

„Nur allein der Mensch

vermag das Unmögliche

Er unterscheidet,

wählet und richtet;“

Unterliegt er wie alle Naturwesen der Unerbittlichkeit der Naturgesetze, ist die Natur seinem Wohl und Wehe gegenüber unempfindlich, so teilt er die Frage nach dem rechten Weg mit den Göttern in einer intelligiblen Welt. Das, was die Götter im Grossen vermögen, soll der Mensch im Kleinen schaffen und verwirklichen. Diese moralische Selbstgesetzgebung gibt ihm kein Recht zu schrankenloser Freiheit. Im Bewusstsein des rechten Verhaltens ist das Wissen um soziale Verantwortlichkeit und damit das Ziel einer gesellschaftlichen Harmonisierung enthalten. Diese Erkenntnis der wahren menschlichen Natur und deren Verwirklichung ist mit dem Begriff der Humanität zu bezeichnen. Sie liegt in der Veredlung und Weiterentwicklung des Charakters durch hilfreiche Taten, die, durch das moralische Gewissen erzeugt, ihm Auskunft über die Geistigkeit seiner Natur geben.

Goethe ist zu dieser Zeit kein Himmelsstürmer mehr. Die übersteigerte Subjektivität und die Genieansprüche des Sturm und Drang weichen einer abgeklärteren Sicht auf die menschlichen Verhältnisse. In dem Gedicht `Grenzen der Menschheit`[3]aus dem Jahre 1827 umreisst er in klaren Bildern, wo sich der Mensch einzufinden hat:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dem Menschen kommt es nicht mehr zu, sich an den Himmlischen zu messen. Sein Ort ist das Diesseits unter Einwilligung aller damit verbundenen Begrenzungen. Er wird aufgefordert sich im engen Kreis des Lebens einzurichten; weder die Ewigkeit noch die Höhe der Gestirne liegen in der Reichweite seiner Möglichkeiten. Diese Zeit und diesen Raum hat der Mensch auszufüllen gemäss der ihm innewohnenden Idee der Humanität.

1.2.Schillers ästhetisches Programm

Wie schon bei den Betrachtungen zu Goethes Menschenbild kurz angedeutet, bestand das philosophische Grundlagenproblem, mit dem sich beide Dichter auseinandersetzten und an dem sie ihre Anschauungen bildeten, in dem das abendländische Denken seit Plato bestimmenden Gegensatz von Körper und Geist, Natur und Vernunft. Plato hatte mit seiner Ideenlehre die Höherwertigkeit des Geistigen und das Schattendasein der sinnlichen Welt bewiesen und damit eine dualistische Sicht auf Mensch und Welt entworfen. Über den Neuplatonismus und dann vor allem durch die Christianisierung der platonischen Position durch Augustinus wurde diese Einstellung zu einer Grundgegebenheit des abendländischen Denkens.

Dieser Dualismus fixierte im Menschen eine unaufhebbare Spaltung. Zusammengesetzt aus zwei unterschiedlichen, gegenläufigen Substanzen sollte der Mensch doch zu einer einheitlichen Lebensführung finden. Wie konnte hier Versöhnung geschaffen werden, wie die auseinanderlaufenden Bestrebungen von Naturtrieb und vernünftiger Selbstbestimmung in eine zusammengehende Richtung gelenkt werden?

Immanuel Kant erbrachte mit seiner epochemachenden Leistung der `Kritik der reinen Vernunft` den Nachweis, dass durch die theoretische Vernunft ein endgültiges Urteil über transzendente Sachverhalte nicht zu erbringen war.[4]Wie Heinrich von Kleist es formulierte, könne der Mensch die Wahrheit nicht erkennen, da er, in einem Bild gesprochen, statt seiner Augen eine Brille mit grünen Gläsern trage und somit alle Gegenstände grün sehe. Dies sei aber nicht die Realität „an sich“. Liess Kant in seiner theoretischen Vernunft das Himmelsgewölbe göttlicher Wahrheiten zusammenbrechen, so wurde ihm später immer wieder der Vorwurf gemacht, sie in seiner praktischen Vernunft wieder aufgerichtet zu haben. Seine Ausführungen über den richtigen Gebrauch des kategorischen Imperativs wurden neben seinen ästhetischen Schriften zum Hauptansatzpunkt des Denkens Schillers.

Zum Grundsatz seiner Gedankenwelt wählte Schiller den Leitspruch der Aufklärung, welchen Kant schon in der ersten seiner Kritiken niedergelegt hatte. Mit grosser Ehrerbietung formuliert Schiller:„Es ist gewiss von keinem sterblichen Menschen kein grösseres Wort noch gesprochen worden, als dieses Kantische, was zugleich der Inhalt seiner ganzen Philosophie ist: Bestimme dich aus Dir selbst; sowie das in der theoretischen Philosophie: Die Natur steht unter dem Verstandesgesetze.“[5]

Schon Kant verstand unter der Selbstbestimmung nicht die rein rezeptiven Fähigkeiten der Verstandestätigkeit. Noch vor Fichtes weitreichender Bestimmung des `Ich denke` als rein schöpferischen Akt, der das Nicht-Ich erzeugt und damit zum theoretischen Grundstein der Romantik wurde, bestimmte Kant diese grundlegendste Form einer Selbstsetzung als produktive Einbildungskraft.[6]Der Mensch ist also augenscheinlich in der Lage sich in produktiver Form aus sich selbst zu bestimmen: diese Fähigkeit ist das Moment der Freiheit, welches für Schiller zu einem Hauptanliegen seines Philosophierens wurde.

Wie kann der Mensch in seinem praktischen Lebensvollzug sich selbst frei bestimmen und sich am moralisch Guten und Vernünftigen orientieren? Kants Lösung in Form des kategorischen Imperativs fiel in eindeutiger Weise zugunsten der Sollensforderungen der Vernunft aus. Der Mensch muss sein Sollen wollen. Das Nachgeben gegenüber seinen Naturtrieben bedeutet in jedem Fall Verlust von geistiger Selbstbestimmung und innere Verfehlung seines Menschseins. Das Sollen ist der Inbegriff der Freiheit. Deshalb hat die Vernunft ein Recht zu zwingen. Will der Mensch seine geistige Freiheit erhalten, so bleibt ihm keine Wahl als den Forderungen der Vernunft zu folgen. Moralisches Gewicht erhalten diese Forderungen durch die Annahme eines göttlichen Willens, der diese Anstrengungen und Verzichtsleistungen von uns erwartet.

Schiller sah in diesen radikalen Forderungen der Vernunft im Menschen ein Ungleichgewicht entstehen, welches ihm die Freiheit raubt. Dort wo Gehorsam verlangt wird, kann von freiheitlicher Selbstbestimmung des ganzen Menschen nicht gesprochen werden. Sein Anliegen bestand darin, den Naturtrieben des Menschen eine Aufwertung zukommen zu lassen, die zu einer Harmonisierung der Gesamtpersönlichkeit führen. Wie ist eine Veredelung der Empfindungen in einer solchen Weise zu fördern, dass der Mensch seine Triebkräfte nicht mehr zu unterdrücken braucht und er das Gesollte leichter in seinen Willen aufnehmen kann?

„Anmut ist die Schönheit der Gestalt unter dem Einfluß der Freiheit“[7]Mit diesem Satz umschreibt Schiller seine Analyse, wie der Mensch ganz im Sinne der Klassik Natur und Geist versöhnen kann. Eine solche Möglichkeit der realen Vereinigung von Körper und Geist liess sich nicht einfach postulieren. Sie musste in der Welt der Erfahrung vorfindbar und beschreibbar sein. Schiller fand diesen ersten Punkt, dass der Mensch in Frieden und Einvernehmen mit sich selbst leben kann in dem anmutigen Verhalten. Bewegt sich ein Mensch anmutig, so haftet seinem Körper und seinen Bewegungen eine gewisse Leichtigkeit an, die durch den Geist getragen wird. Deutlich sichtbar ist, dass seine Bewegungen durch sein Bewusstsein gelenkt und geführt werden. Bewusstsein und körperliche Bewegungen ergänzen sich so, dass das eine durch das andere getragen wird. Der Mensch ist in der Lage, beides miteinander leben zu lassen, ohne dass das eine das andere versklavt.

Schiller geht es um eine Aufwertung der Sinnenwelt. Natürlich ist es die Kunst, der die Aufgabe zufällt, die Empfindungen so sehr zu verfeinern und zu schulen, dass eine Ent-Barbarisierung eintritt. Die rohe Sinnesgewalt soll von nackter Bedürfnisbefriedigung zu freien Formen des Spiels geführt werden, in denen, wie Freud es später formuliert hat, eine Art Sublimierung stattfindet. Nicht Triebverzicht, sondern Umleitung z.B. des Sexualtriebes in die freien Formen des erotischen Spiels, der Aggression in rituelle Formen der gelenkten Ausübung von Gewalt, sollen zu einem Ausgleich führen[8].

Schiller sieht diesen Zustand der inneren Harmonie verwirklicht in der `schönen Seele`. Ein Mensch, welcher durch freiwillige Selbstschulung sich so gebildet hat, dass seine Empfindungen von selbst zu moralischen Handlungen führen, kann als ein solch autonomer Mensch angesehen werden, dessen innere Harmonie zu Anmut führt. Diese innere Haltung kann entstehen z.B. durch eine ausserordentliche Opferbereitschaft oder durch die geistige Einsicht in die Begrenztheit der sinnlicher Erfahrung. In den Worten Schillers: „Eine schöne Seele nennt man es, wenn sich das sittliche Gefühl aller Empfindungen des Menschen endlich bis zu dem Grad versichert hat, daß es dem Affekt die Leitung des Willens ohne Scheu überlassen darf und nie Gefahr läuft, mit den Entscheidungen desselben im Widerspruch zu stehen. Daher sind bei einer schönen Seele die einzelnen Handlungen eigentlich nicht sittlich, sondern der ganze Charakter ist es. Man kann ihr auch keine einzige darunter zum Verdienst anrechnen, weil eine Befriedigung des Triebes nie verdienstlich heißen kann. Die schöne Seele hat kein andres Verdienst, als daß sie ist. Mit einer Leichtigkeit, als wenn bloß der Instinkt aus ihr handelte, übt sie der Menschheit peinlichste Pflichten aus, und das heldenmü dieses Triebes in die Augen. Daher weiß sie selbst auch niemals um die Schönheit ihres Handelns, und es fällt ihr nicht mehr ein, daß man anders handeln und empfinden könnte.“[9]

[...]


[1]Safranski, Rüdiger, S.110

[2]Goethe, Johann Wolfgang, Hamburger Gesamtausgabe Band I S. 147

[3]Goethe, Johann Wolfgang, Hamburger Gesamtausgabe Band I S. 146

[4]I.Kant. Die Kritik der reinen Vernunft 1780

[5]Safranski, Rüdiger, Schiller S. 353

[6]I.Kant. Die Kritik der Urteilskraft

[7]Schiller: Über Anmut und Würde. Schiller: Werke, S. 3777

http://www.digitale-bibliothek.de/band103.htm

[8]Das im Spiel das eigentliche Menschsein sich verwirklicht, ist die Hauptthese der Ästhetischen Briefe Schillers, in denen er seine ästhetische Theorie weiter ausformt.

[9]Schiller: Über Anmut und Würde. Schiller: Werke, S. 3811

http://www.digitale-bibliothek.de/band103.htm

Details

Seiten
22
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656393122
ISBN (Buch)
9783656394884
Dateigröße
653 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v211226
Institution / Hochschule
Universität Zürich – Deutsches Seminar
Note
1.0
Schlagworte
weimarer klassik vergleich realismus

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