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Wahnvorstellungen bei Schizophrenen

Hausarbeit 2003 49 Seiten

Psychologie - Klinische u. Gesundheitspsychologie, Psychopathologie

Leseprobe

1 Einleitung

In der polizeilichen Praxis kommt es häufig vor, dass man mit geistig verwirrten oder psychisch kranken Menschen zu tun hat. Die Häufigkeit hängt natürlich von der Lage des Reviers und den in diesem Revier befindlichen Einrichtungen ab. Daher kann es durchaus vorkommen, dass man an einigen Revieren so gut wie gar nicht mit diesen Menschen zu tun hat. Beispiele wären hier hauptsächlich die Reviere der Direktion Mitte und andere Reviergebiete, in denen keine Psychiatrien oder sonstige Hilfseinrichtungen vorhanden sind.

An anderen Wachen kann es allerdings ganz anders aussehen, so dass ein Großteil der polizeilichen Arbeit von diesen Menschen bestimmt wird und man fast immer mehrmals täglich mit ihnen zu tun hat. Es handelt sich hierbei hauptsächlich um Reviere, in denen psychiatrische Hilfseinrichtungen oder große Psychiatrien liegen, wie zum Beispiel das Polizeikommissariat 34 mit dem AK Ochsenzoll oder das PK 46 mit dem AK Harburg, an denen jeweils eine große Abteilung für psychisch Kranke vorhanden ist. Außerdem haben sich in unmittelbarer Nähe viele weitere Hilfseinrichtungen angesiedelt.

Meistens kann man als Beamter vor Ort nur die Diagnose stellen, dass mit unserem Gegenüber etwas nicht stimmt. Das ist leider sehr bedauerlich, da man in Aus- und Fortbildung kaum eine Möglichkeit hat, etwas über die Krankheiten und Probleme dieser Menschen zu erfahren. Daher herrscht im Umgang mit ihnen im Kollegenkreis eine gewisse Unsicherheit. Meiner Meinung nach ist diese auf Unkenntnis über die Krankheit, ihrer zahlreichen Untergruppen und den daraus resultierenden Verhaltensweisen der Erkrankten zurückzuführen. Ich möchte versuchen diese Unsicherheit zu verringern und zunächst einmal drei Beispiele aus meiner polizeilichen Praxis beschreiben.

Daraufhin werde ich näher auf die Schizophrenie im allgemeinen mit ihren Symptomen und ihrer allgemein gebräuchlichen Untergliederung in Subtypen eingehen. Im weiteren Verlauf werde ich die verschiedenen Wahnvorstellungen detailliert betrachten und die Ursachen, die Entstehungsphasen und den Krankheitsverlauf einer Schizophrenie näher beschreiben. Des weiteren stelle ich die Therapiemöglichkeiten für an Schizophrenie erkrankte Menschen dar. Abschließend möchte ich dem Leser noch einige Ratschläge für den Umgang mit schizophrenen Menschen in der Praxis aufzählen.

2 Beispiele

2.1 Randalierende Person

Am 03.12.1998 hatten wir einen Einsatz am Gesundheitsamt Harburg in der Straße "Am Irrgarten". Dort sollte ein älterer Mann gerade dabei sein, zu randalieren und einige Arbeiter und Angestellten anzugreifen.

Anlässlich dieses Einsatzes trafen wir neben den drei Geschädigten auch den Beschuldigten an. Zunächst forderte mein Kollege den Beschuldigten auf, stehen zu bleiben. Daraufhin bewarf er meinen Kollegen, für diesen völlig überraschend, mit einem Paar Arbeitshandschuhen. Um eventuelle weitere Angriffe zu vermeiden, legten wir Herrn H. Handfesseln an, da dieser immer noch sehr erregt und aggressiv war.

Auf der Fahrt zur Wache hat Herr H. uns die gesamte Zeit über diverse unzusammenhängende Dinge in erheblicher Lautstärke berichtet. Er erzählte in einer Tour, brach immer wieder plötzlich ab, verstummte für einen Moment und kam dann auf ein ganz neues Thema zu sprechen.

Im Gesundheitsamt hatte sich, nach Aussagen der beteiligten Personen, folgender, rekonstruierter Sachverhalt ereignet:

Herr H. geriet in einen Streit mit zwei Arbeitern, die einen Tannenbaum im Foyer aufstellen wollten. Diesen Tannenbaum habe er zunächst mit einer Bügelsäge angesägt, um ihn zu fällen. Als das nicht funktionierte, habe er den Tannenbaum umgekippt und die Bügelsäge mitsamt einer Trittleiter auf die beiden Arbeiter geworfen. Diese habe Herr H. die ganze Zeit in übelster Weise beschimpft und laute Drohungen ihnen gegenüber ausgesprochen.

Weiterhin habe er sich, auch durch eigene Angaben bestätigt, eine ebenfalls dort herumliegende Axt genommen und sich mit dieser in den ersten Stock begeben. Dort habe er diverse Türen und Fenster der dort befindlichen Büros eingeschlagen.

Zu guter Letzt habe er die Axt durch eine verglaste Tür in einen Raum auf eine Angestellte des Gesundheitsamtes geworfen, die es nach seinen Angaben nicht besser verdient hätte. Außerdem wollte er mit dieser Handlung die bösen Kräfte, die sich in diesem Raum befunden hätten, vertreiben und denen mal endlich zeigen, wer hier eigentlich was zu sagen hätte.

Auch im Arztraum an der Wache konnten wir uns mit Herrn H. nur sehr lautstark unterhalten und ihm keine vernünftige Aussage abverlangen. Er war zeitweilig recht ruhig, dann plötzlich sehr aufbrausend und cholerisch und im Laufe des Gespräches wurde er allmählich wieder zugänglicher.

Teilweise bezeichnete er uns als Wichser und Arschkriecher, die nichts besseres zu tun hätten, als ihm etwas anzuhängen. Während seines Aufenthaltes im Arztraum war er die ganze Zeit sehr nervös und ging ständig auf und ab, immer wieder von der Tür zum Fenster und zurück.

Insgesamt machte Herr H. einen sehr verwirrten und unzurechnungsfähigen Eindruck auf uns. Dieser Eindruck bestätigte sich, als Herr H. begann, seinen Kopf in einer immer wiederkehrenden Bewegung gegen die Wand zu schlagen. Wie er uns später erzählte, wollte er damit etwas, was sich in seinem Kopf niedergelassen hätte, loswerden.

Herr H. ist, wie wir an der Wache von Kollegen erfahren haben, bereits in ähnlicher Weise im Harburger Bereich aufgefallen.

2.2 Bedrohung

Ein weiterer Einsatz handelte von einem Mann, der sich in seiner Wohnung von einem Fremden bedroht fühlte.

In der Wohnung des Anrufers angekommen, stellten wir fest, dass uns dieser etwa 30 Jahre alte Mann schweißgebadet und mit einem erhobenem Baseballschläger in der linken Hand erwartete. Mit der anderen Hand machte er uns vorsichtig die Tür auf und blickte dabei ständig in einen kleinen Vorratsraum hinter der Eingangstür. Er war hochgradig erregt und äußerte, dass er froh sei, dass wir endlich da seien. Lange hätte er den Eindringling nämlich nicht mehr in Schach halten können. Dabei zeigte er in Richtung des Vorratsraumes und teilte uns mit, dass wir bei der Festnahme sehr vorsichtig sein müssten, da der Eindringling sehr aggressiv und zudem bewaffnet sei.

Wir betraten die Wohnung entsprechend vorsichtig und stellten fest, dass sich im Bereich des Abstellraumes lediglich ein Staubsauger mit ausgezogener Teleskopstange befand.

Bis zu diesem Zeitpunkt haben mein Kollege und ich noch nicht an den Erzählungen des Anrufers gezweifelt. Wir hatten nicht bemerkt, dass der Anrufer psychisch gestört war und hochgradig an Wahnvorstellungen litt.

Zur Verhaftung des Staubsaugers haben wir den Anrufer aus Sicherheitsgründen ins Wohnzimmer geschickt. Dort hat er dann solange auf uns gewartet bis wir den Eindringling im Kofferraum verstaut hatten. Schließlich wollte er sich nach der Festnahme davon überzeugen, ob der Eindringling noch in seiner Wohnung sei.

Ins Wohnzimmer zurückgekehrt, haben wir uns dann mit dem Anrufer unterhalten. Er erzählte uns, dass er schon seit einiger Zeit von seinen Nachbarn belästigt und ausspioniert werden würde. Diese hätten herausgefunden, dass er beim FBI als Geheimagent an einem streng geheimen Fall arbeiten würde. Durch das Gerede der Nachbarn seien dann seine Gegner auf ihn aufmerksam geworden und hätten ihn schließlich seit einigen Wochen ständig terrorisiert.

Dieser Terror sei in Form von kleinen Spots im Fernsehen, Befestigung von Wanzen und Abhörgeräten und ständiges Beobachten und Herumschleichen um sein Haus erfolgt. Mehrmals seien seine Feinde bereits in seiner Abwesenheit in seiner Wohnung gewesen und hätten dort genug Zeit gehabt, die Geräte anzubringen. Seitdem verließe er nicht mehr seine Wohnung und hätte diese durch Alufolie an der Wand abhörsicher gemacht.

Wir brachten den Anrufer in die Psychiatrie ins AK Harburg, wo man ihn bereits kannte und er wieder stationär aufgenommen wurde.

2.3 Hilferufe

Im Sommer 2000 erhielten wir im Bereich Bramfeld einen Einsatz. Laut Aussage eines Nachbarn würde eine Person in einer Wohnung im zweiten Stock hinter verschlossener Tür um Hilfe rufen.

Dort angekommen, sahen wir, dass die Feuerwehr die betreffende Wohnungstür bereits aufgehebelt hatte und auf uns wartete.

Sie erzählten uns, dass der Wohnungseigentümer ganz offensichtlich geistig verwirrt sei und sich am Sicherungskasten einen elektrischen Schlag und erstaunlicherweise nur leichte Brandverletzungen zugezogen hätte.

Weiter berichteten sie uns, dass der Betreffende alle freiliegenden Kabel in der Wohnung abisoliert und sogar einige unter dem Putz hervorgeholt und ebenfalls abisoliert hätte. Darüber hinaus hätte er alle in der Wand eingelassenen Schalter und Steckdosen ausgebaut und die verbleibenden Löcher mit Bauschaum ausgefüllt. Das sollte nach Meinung des Betreffenden dazu dienen, dass niemand mehr Kontakt zu ihm aufnehmen, bzw. dass er es wenigstens sehen könnte, falls es jemand erneut versuchen sollte. In den letzten Wochen sei er ständig belästigt worden. Ihm sei fast seine gesamte Energie entzogen worden, und er konnte sich gar nicht mehr unter vier Augen mit seinen Freunden unterhalten, weil ständig jemand zugehört und die Gespräche oder seine Gedanken sogleich durch die elektrische Leitungen übertragen hätte.

Auf unsere Frage, wer denn seine Freunde wären, zeigte er uns an der Wand hängende Gemälde mit Personen der Zeitgeschichte, Fotografien von Gebäuden und Plätzen, beispielsweise einer Skyline von New York, auf denen u.a. auch Personen zu sehen waren und einige Fotos. Jeder Person hatte er einen Namen und eine persönliche Geschichte zugeordnet und konnte diese fließend wiedergeben.

Den elektrischen Schlag hatte er sich bei Manipulationen des Sicherungskastens zugezogen. Er hätte nämlich vergessen, die dortigen Kabel abzuisolieren, die Sicherungen herauszudrehen und die freiwerdenden Löcher mit Bauschaum auszufüllen.

Im Badezimmer waren die Ausgüsse von Badewanne, Waschbecken und Toilette mit Blumenerde gefüllt und Zimmerpflanzen darin eingepflanzt worden. Diese Maßnahme sollte bewirken, dass keine bösen Mächte mehr unangemeldet in seine Wohnung eindringen könnten. Feuchte Erde und etwas Pflanzliches würde diese davon abhalten.

Der Betroffene wurde von uns nach diesem Vorfall ins AK Ochsenzoll gebracht, dort persönlich begrüßt und stationär aufgenommen.

3 Historischer Rückblick

Aus heutiger Sicht sind insbesondere der Professor der Psychiatrie Emil Kraepelin (1856 bis 1926) und Eugen Bleuler (1857 bis 1939), ein Schweizer Psychiater, wichtig für die konkrete Klassifikation der Schizophrenie.

Kraepelin fand unter den verschiedensten damaligen Bezeichnungen für Schizophrenie wie Irresein, Geisteskrankheit, Verrücktheit oder Wahnsinn gemeinsame Merkmale. Das daraufhin entstandene Krankheitsbild bezeichnete er 1896 als „Dementia praecox“, was soviel wie „frühzeitige Verblödung“ bedeutet.

Dabei ging Kraepelin eher von einem bösartigen Krankheitsverlauf aus. Grund dafür waren vor allem die damaligen schlechten Behandlungsmöglichkeiten.

Bleuler überarbeitete 1911 Kraepelins Erkenntnisse aufgrund eigener Praxiserfahrungen und bezeichnete die Krankheit fortan als Schizophrenie.

Die beiden Silben „Schizo“ und „phren“ stammen aus dem Griechischen. „Schizo“ kann als „Der Geist“ übersetzt werden. „phren“ bedeutet soviel wie „Ich spalte“.

Das Charakteristische der Erkrankung bestand nach Bleuler „in einem Mangel an der Einheit der Persönlichkeit, in einer Zersplitterung und Aufspaltung des subjektiven Gefühls der Persönlichkeit sowie der psychischen Tätigkeiten des Fühlens, Denkens und Wollens. Er unterschied dabei die Gruppe der Primärsymptome (formale Denkstörungen, Ich-Störungen und Störungen der Affektivität), die für die Diagnose obligat vorhanden sein müssen und die sekundären (akzessorischen) Symptome (Wahn, Halluzinationen, katatone Symptome), die zusätzlich bei der Erkrankung auftreten können.“[1]

4 Symptomatik

4.1 Allgemeines

Sämtliche Krankheiten wurden von der Weltgesundheitsorganisation klassifiziert, mit Abkürzungen versehen und eine Liste namens ICD 10 wurde erstellt. Zur Verdeutlichung habe ich die Kapitelübersicht und die Gruppenübersicht für Psychische- und Verhaltensstörungen im Anhang auf den Seiten A und B beigefügt.

Dabei bedeutet ICD: „ I nternational Statistical C lassification of D iseases and Related Health Problems“ Die Zehn steht für die 10. Revision.

Von der DIMDI (D eutsches I nstitut für M edizinische D okumentation und I nformation) wurde das Verzeichnis ins deutsche übersetzt und wird im Bereich der Psychiatrie offiziell seit dem 1. Januar 2000 verwendet.

Nach ICD 10 sind folgende Symptome von besonderer Bedeutung. Es muss entweder eines der Symptome aus der ersten Spalte oder mindestens zwei aus der zweiten vorhanden sein, damit eine Schizophrenie diagnostiziert werden kann.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: http://141.35.2.84/svw/klindiag/teach/material_vl_klin1_schizo.htm

Die einzelnen Symptome werden in diesem Kapitel noch näher erklärt.

„Es gibt keine Symptome die nur bei Schizophrenie auftreten. Alle Symptome können für sich allein genommen auch bei vielen anderen Erkrankungen auftreten, es können aber folgende charakteristische Symptombereiche genannt werden:“[2]

4.2 Symptome

4.2.1 Wahn

Auf den Wahn im allgemeinen und seine zahlreichen Unterformen gehe ich im späteren Verlauf noch genauer ein. An dieser Stelle möchte ich lediglich schon einmal eine kurze Definition geben.

„Beim Wahn handelt es sich um eine nichtkorrigierbare falsche Beurteilung der Realität.“[3]

Bei Schizophrenen treten der Beziehungs-, Verfolgungs-, Eifersuchts-, Doppelgänger- und Größenwahn am häufigsten auf.

4.2.2 Halluzinationen

Bei der Schizophrenie sind überwiegend akustische Halluzinationen zu finden. Allerdings findet man auch immer wieder Schizophrene, die an optischen oder aber auch an Geruchs- und Geschmackshalluzinationen leiden.

„Diese Sinnestäuschung kann alle Sinnesorgane betreffen, wobei akustische Halluzinationen am typischten für Schizophrenie sind. Am häufigsten hören Schizophrene Befehle erteilende und sich über ihn unterhaltende fremde Stimmen.“[4]

Halluzinationen (Sinnestäuschungen, Trugwahrnehmungen) sind „leibhaftige Trugwahrnehmungen, die nicht aus realen Wahrnehmungen durch Umbildung, sondern völlig neu entstanden sind“ (Jaspers). Sie werden also nicht durch einen „äußeren“ Sinnesreiz hervorgerufen (selbst bei gehörlosen Psychosekranken kommen akustische Halluzinationen vor). Dennoch haben sie elementaren Charakter und werden leibhaftig empfunden. Klinisch sind Wahn und Halluzination im psychotischen Erleben eng miteinander verbunden: von der Realität dessen, was der Kranke in den Halluzinationen erlebt, ist er fest und unkorrigierbar überzeugt; er ist nicht auf Bestätigung angewiesen.“[5]

[...]


[1] http://www.neuro24.de/schizophrenie.htm

[2] http://www.medicine-worldwide.de/krankheiten/psychische_krankheiten/schizophrenie.html - Seite 3

(Rechtschreibungs-/ Zeichensetzungsfehler wurden aus dem Originaltext übernommen.)

[3] http://www.medicine-worldwide.de/krankheiten/psychische_krankheiten/schizophrenie.html - Seite 3

[4] http://www.medicine-worldwide.de/krankheiten/psychische_krankheiten/schizophrenie.html - Seite 3

[5] Tölle, R. & Windgassen, K. (2003). Psychiatrie (13. aktualisierte Auflage). Springer-Verlag Berlin Heidelberg. Seite 179

Details

Seiten
49
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638248068
Dateigröße
624 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v21112
Note
10 Punkte
Schlagworte
Wahnvorstellungen Schizophrenen

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