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Der Übergang zur Elternschaft als Konsequenz rationaler Wahlhandlung

Wie rational ist die Entscheidung zur Elternschaft in den unterschiedlich entwickelten Gesellschaften

Bachelorarbeit 2010 62 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 EINLEITUNG

2 ENTSCHEIDUNG ZUR ELTERNSCHAFT
2.1 Elternschaft als biographisches Entscheidungsproblem
2.2 Bedeutung von Kindern für die Gesamtgesellschaft
2.3 Wert- und Nutzenerwartungen an die Elternschaft
2.4 Determinanten für den Aufschub von Elternschaft

3 THEORETISCHE ERKLÄRUNGSANSÄTZE
3.1 Die Rational-Choice-Theorie
3.2 Die SEU-Theorie
3.3 Das RREEMM-Modell
3.4 Wann ist die Entscheidung zur Elternschaft eine Entscheidung?

4 DIE RATIONALITÄT DER WAHLHANDLUNGEN
4.1 Die Rationalität der Wahlhandlungen vor dem Übergang zur Elternschaft
4.2 Die Entscheidung zur Elternschaft in vorindustriellen Gesellschaften
4.3 Die Entscheidung zur Elternschaft zwischen Tradition und Moderne
4.4 Der Übergang zur Elternschaft als Konsequenz rationaler Wahlhandlung in der individualistischen Gesellschaft

5 DER ÜBERGANG ZUR ELTERNSCHAFT ALS KONSEQUENZ RATIONALER WAHLHANDLUNG

6 PERSÖNLICHE SCHLUSSBETRACHTUNG

Literaturverzeichnis

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Gründe gegen (weitere) Kinder

Abbildung 1a: Gründe gegen (weitere) Kinder (Auszug aus Abbildung 1)

Abbildung 1b: Gründe gegen (weitere) Kinder (Auszug aus Abbildung 1)

Abbildung 2: Welche Folgen hätte eine (weitere) Geburt in den nächsten drei Jahren

für Ihre Beschäftigungschancen?

Abbildung 3: Bewilligte Elterngeldanträge in Deutschland für das Jahr 2007

Abbildung 4: Durchschnittsalter der Frauen bei der Erstgeburt

Abbildung 5: Fertilitätsrate Deutschland von 1950 - 2008

Abbildung 6: Fertilitätsrate Deutschland von 1980 - 1999

Abbildung 7: Braucht eine Frau Kinder für ein erfülltes Leben?

Abbildung 8: Wie würde eine (weitere) Geburt Ihre Möglichkeiten, das zu tun, was sie wollen, verändern?

Abbildung 9: Wie würde ein (weiteres) Kind die Meinung anderer Leute über Sie verändern?

Abbildung 10: Wie würde sich ein (weiteres) Kind auf ihre Lebensfreude und Zufriedenheit verändern?

Abbildung 11: Verhältnis von Erwerbstätigen zu Rentnern

Abbildung 12: Fertilitätsraten der skandinavischen Länder und Deutschland im Vergleich

Abbildung 13: Fertilitätsrate Deutschland von 1871 - 2007

Abbildung 14: Entwicklung der Frauenerwerbsquote

Abbildung 15: Mikro-Makro Modell

Abbildung 16: Familienformen 2006

Abbildung 17: Alter verheirateter Frauen bei Erstgeburt

Abbildung 18: Kinderwunsch 1992 und 2003

Abbildung 19: Kinderlose Frauen 2006

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Fertilitätsraten in Europa von 1996 bis 2006 im Vergleich

1 Einleitung

„ Die Entscheidung, Kinder haben zu wollen oder auf Kinder zu verzichten, ist in unserem freiheitlich verfassten Gemeinwesen eine persönliche, dem privaten Lebensbereich zugehörende Angelegenheit.[...] Gleichwohl führt kein Weg an der elementaren rationalen Erkenntnis vorbei, dass die mittel- und langfristige Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft nur mittels einer ausreichenden Zahl von Kindern gesichert werden kann. “

Zitat aus dem Abschlußbericht 2006 der Enquetekommission „Demographischer Wandel - Herausforderung an die Landespolitik“ des Landtags von Baden-Württemberg1

Die Elternschaft ist eines der zentralen Themen unserer heutigen Gesellschaft geworden, im Zusammenhang mit wachsenden Defiziten in den Versorgungskassen, mangelndem qualifizierten Nachwuchses für die Wirtschaft, dauerhaft geringer Fertilitätsraten und einer in der Folge alternden Gesellschaft. Kinder sind nicht nur die Verkörperung von Lebensfreude, Liebe, Emotionalität, Zukunft und Zuversicht, sie sind auch die Arbeitskräfte, Denker, Konsumenten und die Eltern von morgen.

Im Rahmen dieser Arbeit soll zunächst die Bedeutung von Elternschaft und Kindern für die Gesellschaft und das Individuum dargestellt werden, um anschließend die Einflüsse auf die Entscheidung zur Elternschaft und deren Folgen für die Individualbiographie anhand empirischer Daten zu erläutern. Der Übergang zur Elternschaft ist eines der, wenn nicht sogar der, wichtigste biographische Übergang im Lebenslauf.2 Aber wie viel Steuerung, eigener Wille und bewusste Handlung steckt in diesem Übergang zur Elternschaft? Und ist der Übergang zur Elternschaft als Ergebnis eines rationalen Entscheidungs- und Handlungsprozesses des Menschen oder eher als eine zwangsläufige Folge von durch genetisch-biologische Triebe geleiteten Handlungen im anthropologischen Sinn anzusehen?

Um diese Fragen beantworten zu können, werden die für die Entscheidung zur Elternschaft anwendbaren gängigsten Endscheidungstheorien mit Bezug auf die Entstehung von rationalem Handeln in gebotener Kürze vorgestellt und erste Verknüpfungen zur Elternschaft gezogen. Die Rationalität der Wahlhandlungen, die schließlich zum Übergang zur Elternschaft führt, ist bereits in der Entscheidung zur Elternschaft zu finden, da sie als Konsequenz die Wahlhandlungen zur Elternschaft auslöst. Die Gründe und Theorien der Entscheidung zur Elternschaft werden deshalb zum zentralen Bestandteil der Erklärung, um anhand dieser die Rationalität in der Entscheidung zur Elternschaft und damit den Übergang zur Elternschaft als Ergebnis rationaler Wahlhandlungen zu skizzieren. Im darauf folgenden Kapitel werden die Rationalitäten in den unterschiedlichen Phasen des Überganges zur Elternschaft auf die Handlungsmustern der Akteure3 zurückgeführt und empirisch begründet. Die Rationalitätsproblematik steht bei allen Ausführungen, durch den permanenten Bezug zur Entscheidungssituation in dessen Konsequenz Elternschaft entsteht, im Vordergrund. Abschließend werden die Ergebnisse empirischer Untersuchungen und die theoretischen Überlegungen zu einer Schlussbetrachtung zu den Rationalitäten der Wahlhandlungen beim Übergang zur Elternschaft zusammengeführt und das persönliche Fazit gezogen.

2 Entscheidung zur Elternschaft

2.1 Elternschaft als biographisches Entscheidungsproblem

Die Biographien der Mitglieder moderner Gesellschaften unterscheiden sich deutlich von denen traditionaler Gesellschaften oder Entwicklungsländern. Mit dem fortschreitenden Individualismus und erhöhten Geschwindigkeiten in den Entwicklungen hin zum globalen Weltbürger haben die individuellen Lebensläufe und Erwerbstätigkeiten eine zunehmende Fragmentierung erfahren. Die Auswirkungen sind hauptsächlich negativ in Bezug auf die Dauer von Paarbeziehungen und die Anzahl von Familiengründungen. Eine dauerhafte Paarbeziehung und der Konsens beider Partner über den Wunsch und Zeitpunkt zur Elternschaft ist jedoch für viele eine Grundvoraussetzung zur Realisierung des Kinderwunsches. Eine noch wichtigere Voraussetzung ist die Einkommens- sicherheit und ökonomische Unabhängigkeit von den Eltern. Wie zum Beispiel eine Erhebung des Bundesinstitutes für Bevölkerungsforschung unter den 20- bis 49jährigen zeigt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1a: Gründe gegen (weitere) Kinder (Auszug aus Abbildung 1- im Anhang)

Quelle: www.bosch-stiftung.de/content/language1/downloads/kinderwunsch.pdf (06.07.2010)

Die Entscheidung zur Elternschaft führt also über die Sicherheit des regelmäßigen Einkommens aus einer festen Anstellung heraus. Die Ansprüche an die Arbeitnehmer werden in der heutigen Dienstleistungsgesellschaft immer komplexer und umfangreicher. Die eigene Arbeitskraft wird zunehmend ökonomisiert und befindet sich in einem permanenten Wettstreit mit anderen Akteuren. Flexibilisierung der Arbeitszeiten, ständige Mobilität, Leistungs- bereitschaft und kontinuierliche Fortbildungen stehen in latentem Konflikt mit den individuellen Vorstellungen und Wünschen der Freizeitgestaltung und Familienplanung.4

Ausgehend vom Drei-Phasen-Modell der Lebensgestaltung5 verlängert sich die erste Phase der Qualifikation und Ausbildung zunehmend durch längere Ausbildungs- und Studiumszeiten, Mehrfachausbildungen und später lebenslangem Lernen. Die sich anschließende zweite Phase, in der Kinder bekommen und aufgezogen werden, wird entsprechend der individuellen Präferenz zur ökonomischen Absicherung aufgeschoben. Wird der Kinderwunsch früher realisiert kommt es zum Konflikt zwischen Karriere und Beruf. Zudem ist bei der mit Unsicherheiten belasteten Lage am Arbeitsmarkt jederzeit mit einem möglichen Arbeitsplatzverlust oder beruflichen Neuorientierung zu rechnen. Gerade die ersten Jahre des Berufseinstieges dienen vielfach des Austestens und Ausprobierens unterschiedlichster Erwerbsformen und Tätigkeitsbereiche. Flexibilitäten in allen Bereichen des Lebens sind hier besonders gefragt und lässt ein eigenes Kind mit seinen Einschränkungen und Herausforderungen für die tägliche Lebensgestaltung kaum zu. Die Chancen für Frauen nach der Elternzeit einen attraktiven Arbeitsplatz zu erhalten sind sehr gering.6

Der Aufschub der zweiten Phase des Kinderbekommens und -aufziehens hat zur Folge, dass die Opportunitätskosten der Elternschaft beziehungsweise Kindererziehung mit steigender Qualifikation sich weiter erhöhen und die Realisierung des Kinderwunsches zunehmend „verteuern“. Dazu zählen neben den temporären Einkommenseinbußen auch die hohen Hürden beim späteren beruflichen Widereinstieg in Phase drei. Ein längeres Nichtausüben der gelernten Tätigkeit kann in bestimmten beruflichen Tätigkeitsfeldern dazu führen, dass umfassende Neuqualifikationen oder eine längere Einführungsphase der Arbeitsaufnahme vorangestellt werden müssen, um im bereits erlernten Arbeitsfeld wieder „Fuß zu fassen“. Dies ist wiederum mit einem eventuellen Positions- und Gehaltsverlust verbunden und macht den Verzicht auf Karriere zugunsten eines Kindes zunehmend unattraktiver. Die Förderung der eigenen ökonomischen Unabhängigkeit befindet sich in der biographischen Lebens- planung in direkter Konkurrenz zu der Familiengründung, da sich die Lebensphasen, wie gezeigt, überschneiden. Besonders stark betrifft es dabei die qualifizierten, erwerbsorientierten und emanzipierten Frauen der Gesellschaft, aufgrund der erhöhten Opportunitätskosten und die erwarteten Nachteile und Schwierigkeiten beim Widereinstieg nach dem Erziehungsurlaub.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Welche Folgen hätte eine (weitere) Geburt in den nächsten drei Jahren für Ihre Beschäftigungschancen?

Quelle: www.bosch-stiftung.de/content/language1/downloads/kinderwunsch.pdf (06.07.2010)

Die Kosten und erwarteten Nachteile für Männer dagegen sind wesentlich geringer, da durch den kürzeren Erziehungszeitraum und die schnellere Wideraufnahme der beruflichen Tätigkeit bei einer Teilung des Elterngeldes zwischen den Erzeugern geringere Opportunitätskosten entstehen. Die Möglich- keit des geteilten Elterngeldes in Deutschland (seit 2007) wird jedoch nur sehr zögerlich von den Männern angenommen.7 Der Anteil der Männer an den bewilligten Anträgen zum Elterngeld beträgt nur circa elf Prozent (siehe Abbildung 3 im Anhang). Die Lage der Frauen hat sich durch diese Maßnahme der Bundesregierung demnach nur wenig verändert.8 Problematisch ist die trotz gestiegener Frauenerwerbsquoten weiterhin vorherrschende Vorstellung der Ernährerrolle des Mannes für die Familie. „Eine Kombination aus gesellschaftlichen Normen, politischen Regularien und betrieblichen Hindernissen legt beide Geschlechter oft für Jahre auf die traditionelle Arbeitsteilung fest.“9 Die Frauen werden darin als Feuerwehr bei Notfällen gesehen, springen ein bei Krankheit und Verpflichtungen gegenüber den Kindern, halten dem Mann den Rücken frei um seine Erwerbsarbeit nicht zu gefährden. Dieses Bild der Arbeitsteilung der Familie löst sich nur zögerlich auf. Die Firmen entdecken die Notwendigkeit der Verbesserung der Vereinbarkeit von Arbeit und Familie zur langfristigen Bindung qualifizierter Mitarbeiter. Jedoch zunehmend durch den Mangel an qualifizierten Facharbeitern. Die Konkurrenz zwischen beruflicher Entwicklung, Freizeitgestaltung und Familiengründung bleibt allerdings vorerst für die Paare bestehen und wird, durch den permanenten Aufschub der Realisierung des Kinderwunsches, bis zur Menopause der Frau anhalten und kann zu einer Dauerbelastung für Beziehung und Psyche beider Partner werden.10

Die Entscheidung zur Elternschaft, und im Besonderen der Zeitpunkt des Überganges und der Umsetzung, werden nach den individuell aktuellen Präferenzen der persönlichen und beruflichen Entfaltung bestimmt, was zunehmend zu einem Aufschub der Elternschaft auf spätere Lebensphasen führt. Deutlich wird diese Tendenz an der Entwicklung des Durchschnittsalters von Frauen beim Übergang zur Elternschaft für Deutschland (Abbildung 4).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Durchschnittsalter der Frauen bei der Erstgeburt

Quelle: www.zdwa.de/zdwa/artikel/diagramme/20060215_68445348_diagW3DnavidW2671.php (08.07.2010)

Die Entwicklungen der letzten fünfzig Jahre sind dabei relativ ähnlich verlaufen, wobei sich in Ostdeutschland das Alter bis zur Widervereinigung deutlich unter dem des westdeutschen Niveaus befand. Dies ist auf die familienpolitischen Programme und auf die Unterschiede im Umgang mit dem Arbeitskräftemangel seit den sechziger Jahren zurückzuführen. Während in Westdeutschland die Politik mit dem Anwerben ausländischer Arbeitskräfte agierte, wurden die Frauen in Ostdeutschland in den Arbeitsmarkt integriert und die Erwerbsquote von Frauen dauerhaft über neunzig Prozent gehalten. Eine schnelle Widereingliederung und gute Vereinbarkeit von Beruf und Familie durch eine gut ausgebaute Betreuungsstruktur war dabei zentraler Bestandteil der Bemühungen für eine dennoch hohe Fertilitätsrate.

„[...] - die geburtenfördernde Bevölkerungspolitik, die sowohl materielle Maßnahmen als auch die Information und Vermittlung von gesellschaftlichen Wertvorstellungen umfasst“11, wirkte sich entsprechend auch auf das Alter der Frauen beim Übergang zur Elternschaft aus, welches circa zweieinhalb Jahre unter dem westdeutschen Niveau lag. Im vereinigten Deutschland nach 1990 und dem sukzessiven Wegfall des Betreuungssystems aus Kindertagesstätten, Hortange- boten und Jugendorganisationen stieg das Alter der Frauen bei der Erstgeburt in Ostdeutschland rasant an und befindet sich 2010 nur noch gering unter dem gesamtdeutschen Durchschnitt von ca. dreißig Jahren.12

Entscheidet sich die Frau für ein Kind, während der Phase der beruflichen Qualifikation, so hat diese Entscheidung einen prägenden Einfluss auf ihre Gesamtbiographie und auf zukünftige Entwicklungen und Chancen der Teilhabe in allen Bereichen des Lebens. Die Realisierung anderer individueller Lebensziele wird dann zurückgestellt und die Erziehung des Kindes wird prägend für den mittelfristigen weiteren Lebenslauf. Die Entscheidung junger Paare für oder gegen ein Kind, ist für ihre weitere individuelle und partnerschaftliche Entwicklung von erheblicher Bedeutung.13

Auch die Bestrebungen nach einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie können dies nur bedingt verändern und beeinflussen. Die Geburt eines Kindes ist unmittelbar verbunden mit langfristiger Verantwortung und Einschränkungen der individuell biographischen Lebensgestaltung. In besonderen Fällen führt die Elternschaft auch zu einer ungewollten Neuorientierung bei den Müttern und Vätern. Eine Geburt eines besonders pflegebedürftigen Kindes, wie durch eine körperliche oder geistige Behinderung, würde die bisherige Lebensplanung verändern und zu einer kompletten Neustrukturierung führen. Für die Biographie ist Elternschaft ein Entscheidungsproblem mit einer Vielzahl von Unbekannten und Risiken, bei gleichzeitigem potenziellem starkem Einfluss auf die nachfolgende Lebensführung. Die Entscheidung zur Familiengründung ist einer der markantesten und biographisch bedeutsamsten Übergänge im Lebenslauf.14

2.2 Bedeutung von Kindern für die Gesamtgesellschaft

Die Entscheidung zum Kind ist eine Entscheidung auf der Individualebene mit einer enormen Tragweite auf der Makro- und Mesoebene. Die Auswirkungen dieser Entscheidung spiegeln sich in der Zusammensetzung und Struktur der Bevölkerung und in der Wirtschaftskraft eines Wirtschaftsraumes wieder. Der Saldo bei den Geburten muss durch Zuwanderung, dem wissenschaftlich- technischen Fortschritt oder durch politische Maßnahmen, wie Verlängerung der Arbeitszeit oder Verschiebung des Renteneintrittsalters, ausgeglichen werden. Exemplarisch sei auf die Anwerbung türkischer Gastarbeiter für die Bundesrepublik Deutschland in den sechziger Jahren verwiesen. Diese sollte den Mangel an gering qualifizierten Arbeitern, resultierend aus den Geburtenausfällen und Verlusten in der männlichen Bevölkerung im zweiten Weltkrieg, beheben. Eine Maßnahme die bis heute in der Sozialstruktur Deutschlands nachwirkt. Gleichzeitig wurden politische Programme zur Erhöhung der Kinderzahlen initiiert, deren Erfolg lediglich im kurzzeitigen Aussetzen des Negativtrends der Fertilitätsrate zur Folge hatte.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Fertilitätsrate Deutschland von 1950 - 2008

Quelle: www.zdwa.de/cgi-bin/demodata/index.plx (08.07.2010)

Die gesetzten ökonomischen Anreize des Staates hatten daran jedoch wohl nur wenig Anteil. Das „Wirtschaftswunder“ in der BRD sorgte bei den Bürgern für eine Zukunftssicherheit, positive Zukunftserwartungen und eine gestiegene Erwartbarkeit in stabile Rahmenbedingungen. Diese psychologischen Effekte führten dann zu früheren Erstlingsgeburten, einem Nachholen aufgeschobener Kinderwünsche und zu Mehrfachgeburten in der Folgezeit. Es ist zu Vermuten, dass die Fertilität auch ohne die staatlichen Anreize gestiegen beziehungsweise stabil geblieben wäre, aufgrund der leicht verbesserten Rahmenbedingungen dieser Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs. Dass Maßnahmen der Politik nur bedingten Einfluss auf die Entscheidung zur Elternschaft nehmen, zeigt zum einen der schnelle Rückgang der Fertilitätsrate in den Zeiten von konjunkturellen Krisen in den siebziger und achtziger Jahren und der Geburteneinbruch, besonders in Ostdeutschland während der politischen Instabilität zur Zeit der Wiedervereinigung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6: Fertilitätsrate Deutschland von 1980 - 1999

Quelle: www.demoblography.blogspot.com/2007/06/tfrs-in-east-and-west-germany-1980- 1999.html (09.07.2010)

Die Fortschreibung des Trends bis heute und die Reaktionen der Fertilitätsrate auf Wirtschaftskrisen und politische Instabilität spricht andererseits für die Tatsache, dass die Entscheidung für Kinder auf der Individualebene getroffen wird. Die Rahmenbedingungen für die Elternschaft sind deshalb weniger ökonomischer Natur, sondern vielmehr ein Ergebnis individueller Einstellungen, psychologischer Befindlichkeiten wie Sicherheits- und Zukunftsempfinden, persönliche Zufriedenheit oder einer bestehenden Partnerschaft, soziale Normen oder die aktuelle Lebenslaufphase.15 Die staatlichen Rahmenbedingungen nehmen über diese Individualbefindlichkeiten einen indirekten Einfluss auf die Entscheidung zur Elternschaft, bilden aber nicht den Auslöser oder die Initialisierung zur Elternschaft. Die ökonomischen Anreize, wie Kindergeld oder Steuervergünstigungen, decken einerseits nicht die Gesamtkosten eines Kindes ab und andererseits haben die gesellschaftlichen Normen und Wertvorstellungen einen wesentlich dauerhafteren und direkteren Einfluss auf die Individuen.

Anhand der Reaktionen der unmittelbaren Umgebung werden sie mit diesen Einstellungen als Eltern täglich konfrontiert. Die individuellen Erwartungen an eine Elternschaft sowie die Einschätzungen bezüglich der Reaktionen gegenüber Kindern und Familien spiegeln eine zunehmende neutrale Haltung und Einstellung der Gesellschaft wieder. Wie zum Beispiel eine Erhebung des Bundesinstitutes für Bevölkerungsforschung unter den 20- bis 49jährigen ergab.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1b: Gründe gegen (weitere) Kinder (Auszug aus Abbildung 1- im Anhang)

Quelle: www.bosch-stiftung.de/content/language1/downloads/kinderwunsch.pdf (06.07.2010)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 7: Braucht eine Frau Kinder für ein erfülltes Leben?

Quelle: www.bosch-stiftung.de/content/language1/downloads/kinderwunsch.pdf (06.07.2010)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 8: Wie würde eine (weitere) Geburt Ihre Möglichkeiten, das zu tun, was sie wollen, verändern?

Quelle: www.bosch-stiftung.de/content/language1/downloads/kinderwunsch.pdf (06.07.2010)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 9: Wie würde ein (weiteres) Kind die Meinung anderer Leute über Sie verändern?

Quelle: www.bosch-stiftung.de/content/language1/downloads/kinderwunsch.pdf (06.07.2010)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 10: Wie würde sich ein (weiteres) Kind auf ihre Lebensfreude und

Quelle: www.bosch-stiftung.de/content/language1/downloads/kinderwunsch.pdf (06.07.2010)

Die Elternschaft ist nicht mehr fester Bestandteil der Lebensentwürfe junger Erwachsener und umgekehrt hat die Akzeptanz von kinderlosen Paaren und Frauen deutlich zugenommen. Dies hat dazu beigetragen, dass die normierende Wirkung der traditionellen weiblichen Normalbiographie abnimmt und zu einer Pluralisierung der Lebensentwürfe führt.16 Den Entscheidungskonflikt zwischen Familiengründung und beruflicher Karriere lösen Frauen immer öfter mit dem Aufschub der Elternschaft und zugunsten attraktiverer Handlungsalternativen.

In Deutschland ist im Zusammenhang mit der Zukunft des Sozialstaates der „Generationenvertrag“ eine konstante Erscheinung in der öffentlichen Diskussion.17 Der Wohlfahrtsstaat, mit den sozialpolitischen Errungenschaften aus den Zeiten des wirtschaftlichen Booms, ist gefährdet. Das bestehende Sozialstaatsmodell basiert in seiner Finanzierung der Rentenversicherungssysteme und staatlichen Kranken- und Versorgungskassen auf einem Ausgleich zwischen den Generationen. Das heißt, die jungen Arbeitskräfte und aktuellen Beitragszahler finanzieren mit ihren heutigen Beiträgen nicht ihre eigene spätere Rentenzahlung, sondern die aktuelle Rente der älteren Generationen. Demnach ein System, dass nicht durch das Prinzip des Ansparens funktioniert, sondern durch die Beiträge der nachrückenden Beitragszahler am Leben gehalten wird. Die neue Generation versorgt die alte Generation und ist ihrerseits angewiesen auf die nachkommenden Generationen, eine Art „Schneeballsystem“. Bei geringen Fertilitätsraten und zukünftig ausbleibendem Nachwuchs, das heißt, Beitragsausfälle durch fehlende Beitragszahler, wird das Gleichgewicht dieser Konstruktion durch eine Veränderung der Bevölkerungsstruktur empfindlich gestört und dieses System droht zu kollabieren. In Deutschland hat sich in den letzten Jahren die Anzahl der Rentenbezieher und Empfänger von Sozialleistungen im Verhältnis zu den Leistungserbringern stark erhöht (siehe Abbildung 11 im Anhang). Diese Entwicklung wird mit dem Begriff der alternden Gesellschaft und dem Modell des Demographischen Übergangs beschrieben.18

Fertilität und Mortalität auf niedrigem Niveau haben nicht nur ein Sinken der Bevölkerungszahl, sondern auch eine Überalterung der Bevölkerung zur Folge. Eine Entwicklung, die sich in fast allen fortschrittlichen Industrienationen vollzogen hat beziehungsweise vollzieht. Das Problem niedriger Geburtenraten unter Bestandserhaltungsniveau ist nicht allein ein deutsches Problem (siehe Tabelle 1 im Anhang). In Deutschland sind Kinderlosigkeit und geringe Geburtenzahlen - durch die bisher versäumte Anpassung von Strukturen der Sozialversicherungssysteme und eine mangelnde Familienpolitik - eine immer dringlichere Angelegenheit. Als Schlüsselfaktor für höhere Fertilitätsraten sind Veränderungen, hin zu einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie, von anderen europäischen Ländern bereits wesentlich früher vollzogen worden und haben mit dieser Entwicklung einen Richtungswechsel zu steigenden Fertilitätsraten in den letzten Jahren geschafft. Auch wenn im europäischen Wirtschaftsraum aktuell noch kein Staat wieder eine Geburtenrate auf Reproduktionsniveau erreicht hat, so gelten die skandinavischen und französischen familienpolitischen Maßnahmen dennoch als adaptierbare Erfolgsmodelle.

[...]


1 http://www.landtag-bw.de/gremien/abschlussbericht-EDW-kurzfassung.pdf (06.07.2010); S. 16

2 Vgl.: Burkart, Günter (1994): „Die Entscheidung zur Elternschaft“

3 Hinweis zur maskulinen Form: hier und im nachstehenden Text sind sowohl männliche als auch weibliche Personen gemeint

4 Vgl.: http://www.die-bonn.de/zeitschrift/12001/positionen3.htm (07.07.2010)

5 Vgl.: Vaskovics, Laszlo A. / Lipinski, Heike (Hrsg.) (1997): “Familiale Lebenswelten und Bildungsarbeit: Interdisziplinäre Bestandsaufnahme 2“

6 Vgl.: Vaskovics, Laszlo A. / Lipinski, Heike (Hrsg.) (1997): “Familiale Lebenswelten und Bildungsarbeit: Interdisziplinäre Bestandsaufnahme 2“

7 Vgl.: Gesterkamp, Thomas (2010): „Die neuen Väter zwischen Kind und Karriere“

8 Vgl.: http://www.elterngeld.net/elterngeldstatistik.html (8.7.2010)

9 Gesterkamp, Thomas (2010): „Die neuen Väter zwischen Kind und Karriere“; S.53

10 Vgl.: Burkart, Günter (1994): „Die Entscheidung zur Elternschaft“

11 Speigner, Wulfram (1987): „Kind und Gesellschaft“; S. 59

12 Vgl.: http://www.bpb.de (07.07.2010)

13 Vgl.: Burkart, Günter (1994): „Die Entscheidung zur Elternschaft“

14 Vgl.: Burkart, Günter (1994): „Die Entscheidung zur Elternschaft“

15 Vgl.: Burkart, Günter (1992): „Liebe, Ehe, Elternschaft: Die Zukunft der Familie“

16 Vgl.: Schröder, Torsten (2007): „Geplante Kinderlosigkeit? Ein lebenslaufstheoretisches Entscheidungsmodell“

17 Vgl.: Stehr, Nico et al (2005): „Demographie: Bewegungen einer Gesellschaft im Ruhestand“

18 Vgl.: Möckli, Silvano (1999): „Die demographische Herausforderung“

Details

Seiten
62
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656521723
ISBN (Buch)
9783656527497
Dateigröße
1.9 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v211098
Institution / Hochschule
Universität Rostock
Note
1,5
Schlagworte
Elternschaft Rationalität Wahlhandlung Entscheidung rationale Entscheidung Kinder Schwangerschaft Übergang zur Elternschaft Eltern Gesellschaft Entscheidungstheorie Individualisierung Gesellschaftsentwicklung Individualbiographie Übergang Familie Familiengründung Geburt Lebenslauf biographische Übergang rationales Handeln

Autor

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