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Rhetorische Mittel in der Politik. Die Funktion von Wort, Bild und Schrift während der Landtagswahlen 2012 in Nordrhein-Westfalen

Hausarbeit 2012 43 Seiten

Medien / Kommunikation - Medien und Politik, Pol. Kommunikation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Wort in der Politik
2.1 Methode der Analyse
2.1.1 Prolog
2.1.2 Verbale, paraverbale und nonverbale Kommunikation
2.1.3 Schlüsselwörter und Schlüsselformulierungen
2.2 Analyse anhand ausgewählter Beispiele der NRW Landtagswahlen
2.3 Vergleich

3. Wahlplakate
3.1 Wahlplakate der SPD
3.2 Wahlplakate der CDU
3.3 Wahlplakate der FDP
3.4 Vergleich der Plakate von SPD, CDU und FDP

4 Wahlprogramme
4.1 Zielgruppen

5 Aufbau

6 Redegattungen

7 Argumentationsschemata
7.1 CDU
7.2 SPD
7.3 FDP

8 Fazit

9 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Als im März dieses Jahres die Fraktionen von SPD, Grünen, CDU, FDP und Linkspartei einstimmig beschlossen, den Landtag aufzulösen, war die knapp zweijährige Minderheitsregierung unter Ministerpräsidentin Hannelore Kraft plötzlich am Ende. Nachdem alle Oppositionsparteien des Düsseldorfer Landtages bei der entscheidenden zweiten Lesung gegen den Landeshaushalt 2012 stimmten, war der gesamte Etat der Landesregierung unter Hannelore Kraft gescheitert. Dadurch standen für den 13. Mai Neuwahlen an, was für alle Beteiligte einen kurzen, intensiven Wahlkampf bedeutete.[1]

Diese vorliegende Arbeit wird sich mit dem Wahlkampf genauer beschäftigen. Dabei stehen vor allem die Rhetorik und deren Handlungsvollzug in der Kommunikation im Vordergrund. Wie treten die Spitzenkandidaten der Parteien im Wahlkampf auf? Wie präsentieren sie ihre Ideen und Zielsetzungen für die anstehende Legislaturperiode? Wie nutzen sie unterschiedliche Medien um Wähler für sich zu gewinnen? Insbesondere die letzte Leitfrage soll in der Arbeit eine bedeutende Rolle einnehmen. Letztendlich setzt sich diese Arbeit zum Ziel, die Funktion von Wort, Bild und Schrift anhand des Beispiels der Landtagswahlen 2012 in Nordrhein-Westfalen möglichst treffend zu charakterisieren.

Ob in Wort, Bild oder Schrift – rhetorische Mittel sind überall zu finden. Sowohl in einer Rede als auch bei Wahlplakaten oder Wahlprogrammen setzen Politiker rhetorische Mittel ein, um zu überzeugen und ihre Positionen sinnvoll zu vertreten. In welcher Form und mit welchen Mitteln dies geschieht, soll im Verlauf dieser Seminararbeit herausgearbeitet werden. Zunächst liegt der Fokus auf der Bedeutung der Rhetorik in der mündlichen Kommunikation. Anhand dreier kurzer Videos, in denen die Spitzenkandidaten der SPD, CDU und FDP Rede und Antwort stehen, sollen die Schwächen und Stärken der einzelnen Auftritte aufgezeigt werden. Zudem Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den einzelnen Politikern aufgezeigt werden. Im Anschluss daran ist die Funktion von Wahlplakaten von Interesse. Schon seit geraumer Zeit nehmen Wahlplakate im Wahlkampf eine tragende Rolle ein. Rhetorische Mittel sind für eine erfolgreiche oder nicht erfolgreiche Kommunikation zwischen Partei und Wähler entscheidend. Interessant wird hierbei sein, welche

gestalterischen Möglichkeiten die Parteien nutzen, um ein möglichst ansprechendes Wahlplakat zu erstellen. Wie wirken Bilder und Wahlslogans auf den Betrachter? Welche Informationen werden vermittelt und welche Bedeutung haben verschiedene Farben für die Wahlplakate? Der zweite Teil dieser Arbeit, der sich mit der Funktion von Wahlplakaten auseinandersetzt, soll auf diese Fragen Antworten geben. Der letzte Teil dieser Seminararbeit behandelt die Funktion von schriftlichen Dokumenten im Wahlkampf, in diesem Fall exemplarisch anhand einiger Wahlprogramme. In erster Linie soll untersucht werden, wie die Parteien versuchen ihre Programmatiken überzeugend zu vermitteln, ohne dabei auf Bilder oder Mündlichkeit zurückgreifen zu können. Abschließend folgt ein kurzes Fazit, das die vorher gewonnenen Erkenntnisse resümieren und bewerten soll. Alle Beispiele, die in den drei Abschnitten dieser Arbeit angeführt werden, beziehen sich auf die drei Parteien SPD, CDU und FDP. Warum es ausgerechnet zu dieser Auswahl kam, wird im weiteren Verlauf näher erläutert.

2 Das Wort in der Politik

2.1 Methode der Analyse

2.1.1 Prolog

Im ersten Oberkapitel dieser Arbeit geht es darum, das Verhalten der drei Spitzenpolitiker Nordrhein-Westfalens – Norbert Röttgen (CDU), Hannelore Kraft (SPD) und Christian Lindner (FDP) – anhand dreier Videos zu analysieren. Kurz vor den Wahlen stellten sie sich den Fragen der Bürger in der Sendung log in des ZDF-Spartenkanals ZDF-Info. Die Videos sind gekürzt und zeigen nur die wichtigsten Sequenzen der jeweiligen Interviews, da eine Analyse der vollständigen Interviews für diese Arbeit zu umfangreich wäre. Im Vorfeld dieser Arbeit beschränkten sich die Autoren zudem ausschließlich auf die Parteien CDU, SPD und FDP. Die Auswahl fiel auf diese Parteien, da sie die größte Tradition aufweisen und im Wahlkampf 2012 besonders im Fokus standen. Die CDU und SPD waren die Favoriten auf die stärkste Partei im Landtag. Die FDP war in der Hinsicht besonders interessant, da sie aufgrund ihrer schlechten Umfrageergebnisse massiv in der Kritik stand und um ihren Einzug in den Landtag fürchten musste. Aufgrund dieser Konstellation versprachen wir uns die bestmöglichsten Ergebnisse hinsichtlich unseres Themenschwerpunktes. Im weiteren Verlauf dieser Arbeit werden auch die Wahlergebnisse bei der Analyse der einzelnen Parteien von Bedeutung sein. Diese werden zum gegebenen Zeitpunkt hinzugezogen.

2.1.2 Verbale, paraverbale und nonverbale Kommunikation

Zum einen sollen die Videos nach äußerlichen Kriterien analysiert werden. Zum anderen wird auch der Inhalt von Interesse sein. Dabei möchte ich mich mit verbaler, paraverbaler und nonverbaler Kommunikation auseinandersetzen. Unter verbaler Kommunikation verstehe ich das gesprochene Wort, den Inhalt, die Sprache. Hierzu folgt an späterer Stelle noch ein anknüpfendes Kapitel, das sich noch näher auf den jeweiligen Inhalt der Kommunikationsprozesse in den Videos beziehen wird (siehe dazu Schlüsselwörter-Schlüsselformulierungen). Eng mit verbaler Kommunikation verbunden ist die paraverbale Kommunikation. Die gesprochene Sprache (verbal) wird von Elementen wie Lautstärke, Tonfall, Stimmmelodie, Sprechpause usw. begleitet.[2] Diese Begleiterscheinungen sollen ebenfalls bei der der späteren Analyse berücksichtigt werden. Was bewirkt Lautstärke? Was machen Sprechpausen für einen Eindruck beim Zuhörer? Alles vor dem Hintergrund, dass die Spitzenpolitiker in ihren Reden kurz vor Wahlen einen möglichst guten Eindruck beim Wähler hinterlassen wollen.

Nicht zu vernachlässigen ist die nonverbale Kommunikation, die im Kommunikationsprozess in der Regel von größter Bedeutung ist.

„Diese nicht-sprachliche Kommunikation findet ihren Ausdruck in zahlreichen – (quasi-) formalen – Manifestationen wie Mimik, Gestik, Körperhaltung, Blickkontakt, raumbezogenem Verhalten (räumliche Distanz der Kommunizierenden) etc.; sie werden vorwiegend über den optischen bzw. visuellen Kanal wahrgenommen“.[3]

Des Weiteren können aber auch Geruch, Geschmack, Berührungen und Wärmeempfindungen zu den nonverbalen Elementen hinzugezählt werden.[4] Mit bis zu 55% ist die nonverbale Kommunikation am wichtigsten, um eine Nachricht des Senders richtig zu dekodieren, also zu verstehen. Lediglich 7% macht dabei die verbale Kommunikation aus.[5] Dies deutet bereits auf die herausragende Funktion der nonverbalen Kommunikation hin. Besonders interessant wird auch das Zusammenspiel von verbaler, paraverbaler und nonverbaler Kommunikation sein. So kann beispielsweise die verbale Kommunikation in Kontrast zur nonverbalen Kommunikation stehen, wodurch Ironie entstehen kann. Andererseits ist es auch möglich, dass das nonverbale Verhalten das verbale verstärkt und unterstützt, wodurch eine Aussage noch glaubwürdiger wird. Insgesamt sollen alle drei Teilbereiche der Kommunikation – verbale, paraverbale und nonverbale – Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Auftreten der Politiker deutlich machen. Aufgrund des großen Spektrums können allerdings immer nur einzelne Aspekte untersucht werden. Eine vollständige Analyse ist aufgrund des umfangreichen Themas nicht möglich.

2.1.3 Schlüsselwörter und Schlüsselformulierungen

Dieses Kapitel bezieht sich auf die inhaltlichen Aussagen der Politiker. Die wichtigsten bzw. interessantesten Formulierungen und Begriffe der Politiker sollen herausgegriffen und kurz untersucht werden. Heiko Girnth versteht unter dem Begriff des Schlüsselwortes

„[…] die Funktion, die komplexe Wirklichkeit vereinfachend darzustellen. Sie werben für die eigene Position und bekämpfen und diffamieren den Gegner. Aufgrund ihrer emotionalen Anziehungskraft besitzen sie ein großes Persuasionspotenzial.“[6]

Ich möchte mich dieser Definition Heiko Girnths jedoch nicht vollständig anschließen und den Begriff weiter fassen. Nicht nur einzelne Wörter möchte ich in Betracht ziehen, sondern auch einige längere Formulierungen. An der Stelle soll vor allem analysiert werden, welchen Gehalt und welche Funktion die Aussagen, die oftmals wie dahingesagte Phrasen wirken, haben. Schlüsselwörter sind in dieser Arbeit in erster Linie solche, die mit der jeweiligen Person beziehungsweise Partei eng korrelieren. Ein Beispiel für ein Schlüsselwort wäre das Wort Mindestlohn. Dieses Wort wird seit einiger Zeit vor allem von den Parteien SPD und DIE LINKE geprägt und mit diesen Parteien in Verbindung gebracht. Der Begriff spiegelt in gewisser Weise auch deren Philosophie wider und steht für die jeweilige Ideologie der Partei. Demnach wird dem Wähler bei Verwendung dieses Wortes eines Politikers eine Verknüpfung deutlich, die im besten Fall – nach Ansicht des Politikers – die spätere Wahl dieser Partei mit sich bringt. Im Kontext dieser Arbeit taucht dieses Beispiel allerdings nicht auf. Jedoch gibt es einige andere Wörter, die in den Reden der Politiker auftauchen und gewisse Absichten verfolgen. Inwieweit das der Fall ist, wird das spätere Kapitel der Analyse zeigen. Zum Teil vermischen sich dabei Schlüsselwörter und Schlüsselformulierungen.

2.2 Analyse anhand ausgewählter Beispiele der NRW Landtagswahlen 2012

Die drei Videos sind allesamt zwischen zweieinhalb und drei Minuten lang und zusammengeschnitten, sodass der Inhalt eines jeweiligen Videos nicht immer aufeinander aufbaut. Zu Beginn soll Hannelore Kraft von der SPD im Fokus stehen. Als amtierende Ministerpräsidentin ging sie in den Wahlkampf, mit dem Ziel, erneut das höchste Amt in Nordrhein-Westfalen zu bekleiden. Knapp zwei Jahre musste sie als Oberhaupt einer Minderheitsregierung fungieren, was gerade bei der Durchsetzung und Umsetzung von Gesetzen oft zu Problemen führte. Aus diesem Grund kam es auch ihr nicht ungelegen, dass es im Mai dieses Jahres zu Neuwahlen kam.

Im Video, in dem sie zu kritischen Themen wie zum Beispiel Schuldenminderung Stellung nimmt, redet Hannelore Kraft klar und deutlich. Ihre Ausdrucksweise ist präzise, Versprecher von ihrer Seite sind rar. Zudem hat Hannelore Kraft eine angenehme Stimme, die mit dazu beiträgt, dass ihr Auftreten sympathischer beim Wähler herüberkommt. Sie wirkt freundlich und sicher, Nervosität ist bei der Ministerpräsidentin nicht zu spüren.

Sowohl Lautstärke als auch Sprechmelodie können als angenehm empfunden werden. Zwar sind dies subjektive Kriterien, die nicht belegt oder bewiesen werden können, für die Wahrnehmung beim Wähler dennoch von Belang. Des Weiteren fällt auf, dass Hannelore Kraft während ihrer Redezeit sehr oft lächelt.[7] Sie versprüht eine gewisse Gelassenheit, die beim Zuhörer einen glaubwürdigen Eindruck hinterlässt. Dazu trägt auch die Kleidung der Ministerpräsidentin bei. Durch ein hellblaues Oberteil und die dadurch insgesamt sehr farbenfrohe Erscheinung ragt sie aus dem Klischeebild des Politikers – dunkle Kleidung, Anzug, Krawatte – heraus. Noch weiter könnte die Farbe Blau interpretiert werden. In der Farbenlehre verbindet man die Farbe mit Treue, Wahrheit und Harmonie. Sicherlich mündet die Analyse hier in Spekulation, allerdings kann man davon ausgehen, dass die farbenfrohe Kleidung von Hannelore Kraft bewusst getragen wurde, um im Fernsehen ein stilvolles und charmantes Bild abzugeben. Zum nonverbalen Verhalten ist zu sagen, dass Hannelore Kraft stets Blickkontakt hält und dem Fragenden auf einer Ebene begegnet. Sie artikuliert viel mit ihren Händen, um Positionen noch stärker auszudrücken. Beispielsweise spricht sie an einer Stelle die Schulden und Ausgaben des Landes an, was sie mit einer Handbewegung beziehungsweise Redewendung (Pi mal Daumen) flapsig kommentiert.[8] An anderen Stellen argumentiert sie teilweise mit offener Armhaltung.[9] Dadurch entsteht Offenheit und Nähe zum Bürger. Die räumliche Distanz zum Fragenden, aber auch zum Publikum kann somit ein Stück weit überbrückt werden.

Die Qualität ihrer Aussagen kann mithilfe einiger Formulierungen umrissen werden. Ein Beispiel dafür ist die Formulierung unehrliche Politik.[10] Bevor sie diese Formulierung verwendet, erklärt sie in Kürze, was sie damit meint. Interessant ist an dieser Stelle jedoch nicht die Erklärung, sondern das Wort unehrlich an sich. Hannelore Kraft möchte glaubhaft und ehrlich wirken, worauf bereits ihre Kleidung hindeutete. Sie distanziert sich von Unehrlichkeit, womit sie zugleich versucht, ihre Person mit Glaubwürdigkeit und Ehrlichkeit in Verbindung zu bringen. Eine andere bemerkenswerte Formulierung, die sie tätigt, lautet man kann nicht alles schaffen[11]. Erneut ist der Zusammenhang der Schuldenabbau und mögliche Einsparungen. Auf die Kritik des Unternehmensberater Klemens Skibicki reagiert die Ministerpräsidentin ausweichend. Die Floskel man kann nicht alles schaffen

mag vom Gehalt her korrekt sein, doch aus rhetorischer Sicht ist sie sicher kein schlagkräftiges Argument, um neue Wähler für sich zu gewinnen. Im unmittelbaren Anschluss an diese Aussage kann sie ihre Äußerung jedoch noch ein wenig retten, indem sie sagt, dass Prioritäten auf Kinder, auf Bildung und auf Vorbeugung gesetzt worden seien.[12] An dieser Stelle kommen die Schlüsselwörter zum Tragen, wozu die Begriffe, Kinder, Bildung und Vorbeugung zu zählen sind. Mit ihrer Partei werden solche Wörter oft in Verbindung gebracht. Vor allem Kinder und Bildung sind bei der SPD besonders wichtig. Dennoch sind die Begriffe so allgemein, dass der Bürger sich nichts Greifbares unter diesen Begriffen vorstellen kann. Sie sind abstrakt und somit nicht explizit in ihrem Inhalt zu erschließen. Auf eine genauere Erläuterung verzichtet Hannelore Kraft. Ebenfalls ist auffällig, dass sie bei ihren Äußerungen in der ersten Person Plural spricht. Dadurch entsteht eine Art Gemeinschaftsgefühl. Sie beschränkt sich nicht nur auf ihre Person, sondern umschließt die gesamte Partei. Bei Kritik ist sie so nicht direkt anzugreifen, da sie die Verantwortung auf viele Schultern verteilt.

Der zweite Spitzenpolitiker, der sich den Fragen der Moderatoren stellte, war Norbert Röttgen (CDU). Er ging sowohl als amtierender Umweltminister als auch als Spitzenkandidat der CDU in den Wahlkampf, was aufgrund seiner Unschlüssigkeit im Falle einer Wahlniederlage für viele Diskussionen sorgte. Er wollte sich nicht festlegen, ob er auch als Verlierer in der Landespolitik bliebe oder sich eine Hintertür für die Bundespolitik in Berlin offenhielt. Durch dieses Verhalten hatte er für viele Experten den Wahlkampf bereits verloren, als dieser noch gar nicht richtig begann.

Im Videointerview macht Norbert Röttgen ebenfalls nicht den sichersten Eindruck. Röttgen redet zwar laut, deutlich und klar, doch merkt man ihm stets eine gewisse Anspannung an. Ihm ist bewusst, dass er bei der Wahl gut abschneiden muss und sich keine Wahlniederlage erlauben kann. Dieser Druck scheint ihn in seinen rhetorischen Fähigkeiten zu lähmen. Er ist bemüht zu lächeln, freundlich zu wirken und einen entspannten Eindruck zu vermitteln. Es gelingt ihm aber kaum, all das glaubwürdig darzustellen. Sein Blick senkt sich oft Richtung Boden, dazu sind immer wieder Kennzeichen von Nervosität zu erkennen (Kratzen im Gesicht, Schweiß auf der Stirn, Versprecher usw.).[13] Sein gesamtes nonverbales Verhalten ist verbesserungswürdig. Lediglich gegen Ende des Videos ist er be-

müht, sich mit seinen Händen zu artikulieren.[14] Hier wirkt die Haltung seiner Arme allerdings nicht ansprechend und unterstützend, sondern krampfhaft. Bei der Analyse der nonverbalen Kommunikation ist jedoch zu berücksichtigen, dass der zu beobachtende Politiker aufgrund unterschiedlicher Kameraperspektiven nicht immer in seiner Totale erfasst wird. Zum Kleidungsstil Norbert Röttgens ist zu sagen, dass er durch seinen schwarzen Anzug ein sehr seriöses Bild abgibt. Dazu trägt er eine rote Krawatte, die das einzige Kleidungsstück ist, das etwas Farbe beinhaltet. Insofern sendet sein Kleidungsziel eher Botschaften wie Distanz, Zurückhaltung und Geschlossenheit aus. Norbert Röttgen wirkt insgesamt nicht, „wie der nette Mann von nebenan“, den er zwar versucht zu spielen, aber es nicht schafft, ihn zu verkörpern. In seinen Aussagen spiegelt sich oft seine Unsicherheit wider. Schon fast Kultstatus erreichte sein böser Versprecher, der ihm zu Beginn des Videos widerfährt. Auf die Frage, was er nach einer Wahlniederlage mache, antwortete er ausweichend. Mit der Formulierung Bedauerlicherweise entscheidet nicht allein die CDU darüber, sondern die Wähler entscheiden darüber trug er schließlich maßgeblich dazu bei, dass sein Image angekratzt wurde.[15] Es ist davon auszugehen, dass Röttgen diese Aussage nicht absichtlich tätigte, sondern viel eher hier seine ganze Verzweiflung und Skepsis hervordringt. Spätestens mit dieser Aussage hatte er sich ins Hintertreffen gebracht. Bereits früh im Wahlkampf deutete sich in vielen Umfragen an, dass die CDU viele Stimmen verlieren könnte, wodurch sich der Druck auf den Spitzenkandidaten der CDU noch gesteigert haben dürfte. Nach weiteren Indizien, die dafür sprechen, muss nicht lange gesucht werden. Norbert Röttgen wird gebeten kurz und knapp auf Fragen zu antworten, worauf er sichtlich genervt reagiert.[16] Statt auf die Kritik zu reagieren und diese zu entkräften entgegnet der CDU-Abgeordnete mit Gegenkritik ohne sich auf die Beantwortung der Frage zu beschränken. Hinzu kommt, dass er auch inhaltlich kaum etwas Konkretes aussagt. Ausdrücke wie Ich bin innerlich völlig frei oder Ich bin emotional verbundener denn je[17] sind nahezu inhaltsleer und unverständlich. Röttgen spricht lediglich von seiner persönlichen Gefühlslage, die nichts Wesentliches zum eigentlichen Thema beiträgt. Er führt aber noch weiter fort und verweist auf die politische Geschichte seinerseits. Beharrlich versucht er dabei den Zuhörer von seiner Glaubwürdigkeit zu überzeugen.[18] Mit Sätzen wie Ich möch-

te hier etwas tun, auch aus emotionaler Verbindung heraus[19] oder Das ist meine ehrliche Motivation[20] legt er den Fokus seiner Strategie auf Emotionalität. Wiederum ist es auch Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit, die dem Politiker wichtig erscheinen. Doch später stellte sich heraus, dass genau diese Eigenschaften nur leere Durchhalteparolen und Versprechen sein sollten, wie die Abschlussworte im Video belegen. Übrigens meine emotionale Verbindung gilt auch meiner Partei und darum kann sich meine Partei – wenn es schief geht – auf mich verlassen.[21] Nach der herben Wahlniederlage der CDU und Norbert Röttgens war der Fall eingetreten, den Röttgen mit „schief gehen“ bezeichnet hatte. Die Folgen sind unlängst bekannt: Sowohl der Rückzug aus der Landespolitik als auch der Verlust des Postens als Umweltminister. Konnte sich seine Partei also wirklich auf ihn verlassen? Eine endgültige Beantwortung dieser Frage wird wohl nicht möglich sein, doch gewiss ist, dass er seine Glaubwürdigkeit vor allem bei den Bürgern sicher nicht verbessern konnte. Schlussendlich muss man feststellen, dass der Videoauftritt Norbert Röttgens aus rhetorischer Sicht völlig fehlgeschlagen ist. Die Folgen blieben anschließend nicht aus.

[...]


[1] vgl. Die ZEITonline: Landtag beschließt Neuwahlen in NRW. Online im Internet: URL: http://www.zeit.de/politik/deutschland/2012-03/nrw-rotgruen-neuwahlen [Stand: 23.06.2012].

[2] vgl. Pürer (2003): 62.

[3] ebd. 62.

[4] vgl. Ebd.

[5] Krämer/Quappe (2006):113f.

[6] Girnth (2010).

[7] vgl. ZDF-Info (2012a): 0:50min, 1:08min, 1:58min.

[8] vgl. ebd.: 0:30min.

[9] vgl. ebd.: 1:20min.

[10] vgl.ebd.: 2:25min.

[11] vgl. ebd.: 1:09min.

[12] vgl. ebd.: 1:12min.

[13] vgl. ZDF-Info (2012b): 0:30min, 1:26min, 2:14min.

[14] vgl. ebd.: 2:19min.

[15] vgl.ebd.: 0:14min.

[16] vgl. ebd.: 0:44min.

[17] vgl. ebd.: 1:59min-2:05min.

[18] vgl.ebd.: 2:06min.

[19] vgl.ebd.: 2:19min.

[20] vgl.ebd.: 2:25min.

[21] vgl.ebd.: 2:28min.

Details

Seiten
43
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656391838
ISBN (Buch)
9783656392194
Dateigröße
578 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v210884
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Note
Schlagworte
rhetorische mittel politik funktion wort bild schrift beispiels landtagswahlen nordrhein-westfalen

Autor

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