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Griechenland, Deutschland und Finnland im Vergleich anhand der Sozialstaatsmodelle

Hausarbeit 2011 17 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 (Ideen-) Geschichte der Sozialpolitik

3 Sozialpolitische Modelle
3.1 Esping-Andersen: Three Worlds of Welfare Capitalism
3.2 Mäder, Begg und Lessenich: Vier statt drei Sozialstaatstypen

4 Vergleich
4.1 Allgemeine sozialstaatliche Kennzahlen
4.2 Arbeitswelt
4.3 Bildungswesen
4.4 Alterssicherung

5 Fazit

Bibliographie

1 Einleitung

Soziale Errungenschaften: Errungenschaften in Form einer Sozialpolitik, die ihre Anfänge vor über 100 Jahren hatte und auch heute noch fortgeführt wird. Errungenschaften als eine sich im Zuge der Industrialisierung und Demokratisierung entstandenen Sozialpolitik, die dem Großteil der Bevölkerung zum Schutz diente. Dieser ist durch die gesellschaftlichen Umwälzungen dieser Zeit immer nötiger geworden, fielen doch alte Schutzmechanismen weg beziehungsweise waren plötzlich überkommen. Denn durch die Ideen der Aufklärung fassten sich die immer zahlreicher werdenden Industriearbeiter als selbstbestimmte Individuen auf, denen Rechte von Seiten des entstehenden bürgerlichen Staates zustehen. Aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung und der zunehmenden Verstädterung wurde ihre Lage immer prekärer, ihr Ruf nach Veränderung und sozialer Gleichheit immer lauter. Schließlich, im Laufe der Zeit etablierte sich eine Sozialpolitik die genau dem entgegenwirken sollte und dies auch heute noch immer tut: „Sozialpolitik zielt vor allem auf Schutz vor Not, auf Sicherung gegen die Wechselfälle des Lebens und – im fortgeschrittenen Stadium – darauf, soziale Ungleichheit einzudämmen. Dieser Schutz, die Sicherungsfunktion und das Streben nach mehr Gleichheit zeichnen mittlerweile alle wirtschaftlich entwickelten westlichen Länder aus, wenngleich in unterschiedlicher Intensität und Reichweite sowie in unterschiedlichen Formen.“[1]

Aber inwiefern erfüllen diese sozialen Errungenschaften als Sozialpolitik heute tatsächlich die Idee von einer sozialen Gerechtigkeit? Der Versuch eine Antwort zu geben, wird zeigen, dass eine pauschale Antwort darauf gar nicht möglich ist. Sondern dass stattdessen ein differenzierter Blick auf die unterschiedlichen Sozialstaatsmodelle zu werfen ist. Beim Vergleich verschiedener Nationen wie Finnland, Griechenland und Deutschland und ihrer Sozialpolitiken ist vor allem auch die Berücksichtigung der Entstehungsgeschichte sowie die, den Modellen zugrunde liegende Ideengeschichte, von Nöten. Nur so können die andersartigen Vorstellungen von Gerechtigkeit[2], durch die diese Unterschiede unter anderem zu erklären sind, in die Analyse einfließen.

Zu Beginn soll deswegen eine ausführliche aber allgemein gehaltene Betrachtung von Geschichte und Ideengeschichte des Sozialstaates stehen, um zu verstehen, wie es in Europa zur Entstehung eines Sozialstaates, der als ein „auf gemeinschaftlicher Ebene etablierte[r] Schutzmechanismus für soziale Notlagen“[3] verstanden wird, kommen konnte. Anschließend sollen die Sozialstaaten Griechenlands, Finnlands und Deutschlands mit Hilfe der in den Sozialwissenschaften entwickelten Sozialstaatsmodelle näher beleuchtet werden, um danach noch selbstständig anhand einiger ausgewählter empirischer Kennzahlen und Themengebiete einen illustrierenden Vergleich vorzunehmen. Abschließend soll mit einem Blick auf das Armutsrisiko vor und nach Sozialleistungen gefragt werden, ob das Ziel der Gerechtigkeit dank der Sozialstaaten erreicht wird.

2 (Ideen-) Geschichte der Sozialpolitik

Im Zuge der im 19. Jahrhundert beginnenden gesellschaftlichen Veränderungen durch die Herausbildung der kapitalistischen Gesellschaft, der Nationalstaaten und der Industrialisierung kommt es zur Herausbildung einer neuen Gesellschaftsstruktur. Diese ist geprägt durch die neu entstehende Gesellschaftsschicht der lohnabhängigen Arbeiterschaft, die Proletarier. Unter dem Eindruck eines enormen Bevölkerungswachstum und stetiger Urbanisierung lebten diese unter erbärmlichen Bedingungen in den neu entstehenden Großstädten.[4] Diese tiefgreifenden Veränderungen beschreibt Karl Polanyi als „Great Transformation“, bei der durch den sich entwickelnden kapitalistischen Markt traditionelle Familienverbände und gemeinschaftliche Formen des Risikoschutzes bei Armut, Krankheit und Alter verdrängt wurden.[5] Gleichzeitig war das Risiko, in eine solche Notsituation zu geraten, für die Industriearbeiterschaft besonders hoch, da sie mit geringen Löhnen, schlechten Arbeits-, Wohn- und Lebensbedingungen zu kämpfen hatte.[6]

Zugleich fand mit der Aufklärung die Schicksalsergebenheit der Menschen ein Ende. Stattdessen wurden die bisher als gottgegeben aufgefassten gesellschaftlichen Unterschiede hinterfragt, soziale Missstände als solche angeprangert und Veränderungen auf sozialer, ökonomischer sowie politischer Ebene eingefordert.[7] Mit der Bildung der Demokratie, der eine bürgerliche Gesellschaft zugrunde liegt, wurde zunehmend auch die Selbstbestimmung der Bürger eingefordert.[8] So rückte langsam die mehrere Problembereiche umfassende Soziale Frage ins Bewusstsein der Gesellschaft. Zu den hier diskutierten Themengebieten gehörten die Stellung der Arbeiter im Produktionsprozess, die Frage nach der Legalität und Legitimität kollektiver Interessenvertretungen von Seiten der Arbeitnehmer, die Frage nach der Existenzsicherung der erwerbslosen Arbeiter sowie nach den politischen Rechten der Arbeiter.[9] Geisen schreibt zum Zusammenhang zwischen den Ideen der Aufklärung und dem Beginn einer Auseinandersetzung mit sozialen Fragen und der dahinterstehenden Vorstellung einer gerechten Gesellschaft: „Denn erst im Kontext der im Rahmen der bürgerlichen Revolution formulierten Rechte auf Freiheit, Gleichheit, Fortschritt und Eigentum rückt die „Soziale Frage“ ins Zentrum der politischen Debatten.“[10]

Die Anfänge des Sozialstaates liegen demnach bereits im 19. Jahrhundert, auch wenn die großen, vor allem rechtlichen Änderungen erst im 20. und frühen 21. Jahrhundert vollzogen wurden.[11] Denn die Lohnarbeiter begannen sich schließlich in Gewerkschaften und sozialdemokratischen Parteien zusammenzuschließen, um gemeinsam ihre Interessen zu vertreten und ihre Rechte einzufordern – sie verlangten nach sozialer Gerechtigkeit.[12] So wurden sie zur Gefahr für die Monarchie und die bisherigen Herrschaftsverhältnisse, was eine Reaktion von Seiten der Elite notwendig machte. Mit Hilfe der Sozialpolitik beabsichtigten konservative Politiker „Daseinsvorsorge und Gefahrenabwehr“[13] zu betreiben und damit die politischen Folgen der Industrialisierung in Zaum zu halten. Sie wollten also die Lage der Arbeiter verbessern, um sie dadurch auf dem Feld der Politik verstummen zu lassen. So war es der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck, der durch seine Idee von „Zuckerbrot und Peitsche“[14], folglich einerseits mit Unterdrückung und andererseits mit sozialstaatlichen Maßnahmen, versuchte, die alten Verhältnisse aufrecht zu erhalten und damit das Aufbegehren der Arbeiter nach mehr Demokratie und Gerechtigkeit zu zügeln. Durch seine Sozialstaatspolitik in konservativer Absicht[15] machte er Deutschland schließlich zum Pionier des Sozialstaats.[16] Nichtsdestotrotz war der Sozialpolitik machende Staat nicht nur Ergebnis der konservativen Politiker, sondern vor allem auch durch die sich zu Wort meldenden Arbeiter bedingt:

„Die sozialstaatlichen Arrangements waren daher immer auch Ergebnisse erfolgreichen Widerstands der Loharbeitenden zur Abmilderung und Verbesserung ihrer sozialen Lage, d.h. gegenüber den spezifischen Risiken der Erwerbsarbeit.“[17]

Diese Entwicklung, hier sehr allgemein dargestellt und am Beispiel Deutschlands orientiert, erfolgte in allen europäischen Gesellschaften. Selbstverständlich nicht stets zur gleichen Zeit oder mit exakt denselben Vorstellungen. Es einte sie jedoch alle das Vorhandensein der grundlegendsten Ideen der Aufklärung und der ökonomischen Transformation im Zuge der Industrialisierung, so dass es schließlich, wie in Deutschland, auch in den hier zu betrachtenden Ländern Finnland und Griechenland zur Bildung einer bürgerlichen Gesellschaft mit Demokratiebestrebungen und Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit kam. Aus diesem Grund soll auf die nähere Betrachtung der Entwicklung des Sozialstaats in den einzelnen Staaten hier verzichtet werden.

Stattdessen soll lediglich noch kurz auf die Daten der Einführung der wichtigsten Sozialversicherungen in Griechenland, Finnland und Deutschland eingegangen werden, um den historischen Ablauf vor Augen zu führen. Bereits 1883 führte Bismarck in Deutschland im Zuge seiner „Zuckerbrot und Peitsche“-Politik eine Krankenversicherung ein, 1884 folgte die Unfall-, 1889 die Rentenversicherung und zur Zeit der Weimarer Republik schließlich die Arbeitslosenversicherung (1927). Deutlich verzögert begann dieser Prozess in Finnland, hier wurde 1895 mit der Unfallversicherung erstmals eine Versicherung etabliert. 1917 kam die Arbeitslosen-, 1937 die Renten- und gar erst 1963 die Krankenversicherung. Noch später, denn jedoch sehr zügig, setzte dieser Prozess in Griechenland ein: Mit der Unfallversicherung würde 1914 die erste Versicherung gegründet. 1922 erfolgte die Einführung der Kranken-, 1934 die der Renten- und 1945 bereits die der Arbeitslosenversicherung.[18] Die zeitversetzte Etablierung dieser Versicherungen markiert einerseits die Unterschiede in den Nationalstaaten. Die Tatsache aber, dass in allen Ländern die gleichen Versicherungen eingeführt wurden, zeigt, dass die sich wandelnden Gesellschaften vor denselben Problemen standen und auf diese Lösungen zu finden hatten.

[...]


[1] Schmidt (2005), S. 11.

[2] Dobner (2007), S. 44.

[3] Geisen (2001), S. 21.

[4] Vgl. Kaufmann (2003), S. 27.

[5] Opielka (2004), S 8.

[6] Vgl. Schmidt (2005), S. 27.

[7] Vgl. Geisen (2001), S. 22f.

[8] Opielka (2004), S. 8.

[9] Vgl. Kaufmann (2003), S. 262f.

[10] Geisen (2001), S. 23.

[11] Schmidt (2005), S. 11.

[12] Böhnisch et al. (1999), S. 307.

[13] Schmidt (2005), S. 21.

[14] Ebd., S. 28.

[15] An dieser Stelle soll darauf hingewiesen werden, dass dies selbstverständlich als einziger Grund nicht für eine derartige Sozialpolitik im deutschen Kaiserreich angesehen werden darf. Dafür wären weitere Bedingungen zu nennen, die jedoch den Rahmen dieser Arbeit sprengen würden. (Vgl. Schmidt (2005), S.26ff.)

[16] Schmidt (2005), S. 181.

[17] Geisen (2001), S. 25.

[18] Schmidt (2005), S. 182.

Details

Seiten
17
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656384137
ISBN (Buch)
9783656384717
Dateigröße
675 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v210835
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Lehrstuhl Auslandswissenschaften - Romanischsprachige Gesellschaften
Note
1,7
Schlagworte
Sozialpolitik Europa Deutschland Griechenland Finnland Esping-Andersen Sozialstaat

Autor

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Titel: Griechenland, Deutschland und Finnland im Vergleich anhand der Sozialstaatsmodelle