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Interkulturelle Kompetenz in einer Multikulturellen Gesellschaft

Seminararbeit 2002 17 Seiten

Anglistik - Sonstiges

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2.1. Multikulturalität und Multikulturelle Gesellschaft
2.2. Multikulturalität in Deutschland
2.2.1. Migration in Deutschland- einige Fakten
2.2.2. Von der Ausländerpädagogik zur interkulturellen Erziehung

3. Interkulturelles Lernen und interkulturelle Erziehung
3.1. Zur Begrifflichkeit
3.2. Interkulturelles Lernen als soziales und politisches Lernen
3.2.1. Aufgaben von interkulturellem Lernen

4. Fremdverstehen durch literarische Texte
4.1. Multikulturelle Literatur
4.2. Wie ist Fremdverstehen lehr- und lernbar?
4.2.1. Perspektivenübernahme und Perspektivenwechsel
4.2.2 Zur methodischen Umsetzung

5. Zusammenfassung

1. Einleitung

Deutschland ist seit Jahrzehnten Zielland von Zuwanderern aus unterschiedlichen Herkunftsländern, „der Fremde“ und die Erfahrung der Fremdheit ist für viele Menschen längst ein Teil ihres Alltags geworden, ob am Arbeitsplatz, im Sportverein, im Krankenhaus oder in der Schule, die in diesem Sinne ein Spiegelbild der Gesellschaft darstellt und neben den Konflikten und Problemen des Zusammenlebens von Menschen unterschiedlicher Herkunft auch neue Chancen eines Miteinander eröffnen kann. Die folgende Arbeit soll sich mit der multikulturellen Zusammensetzung der Gesellschaft mit Schwerpunkt Deutschland beschäftigen und die Notwendigkeit der interkulturellen Erziehung aufzeigen. Es soll gezeigt werden, dass interkulturelles Lernen nicht nur in der Fremdsprachendidaktik, in deren Zusammenhang es meist diskutiert wird, eine Rolle spielt, sondern für die Didaktik generell und für das Funktionieren einer multikulturellen Gesellschaft wichtig ist. Hierzu sollen Zielvorstellungen und Konzepte zum interkulturellen Lernen vorgestellt werden. Außerdem soll anschließend auf die Nutzungsmöglichkeiten von multikulturellen Texten im Fremdsprachenunterricht eingegangen werden. Anhand von Ansgar Nünnings[1] Aufsatz „Fremdverstehen durch literarische Texte“ soll gezeigt werden, dass mit Hilfe von multiethnischer Literatur ein lebensweltliches Fremdverstehen gefördert werden kann. Trotz der sehr umfangreichen Literatur zu dieser Thematik und den zahlreichen Konzepten zur interkulturellen Erziehung ist dieser Bereich noch nicht erschöpft, und es bedarf noch mehr Untersuchungen vor allem zur Umsetzung der Zielvorstellungen. Mit anderen Worten ist die theoretische Erforschung der Thematik sehr umfangreich, doch mangelt es an praxisnahen Vorschlägen zur Umsetzung der theoretischen Ansätze. Aus diesem Grunde habe ich mich mit Ansgar Nünnings praxisorientierten Vorschlägen zum interkulturellen Fremdsprachenunterricht beschäftigt.

2.1. Multikulturalität und multikulturelle Gesellschaft

Multikulturalität bezeichnet zunächst eine Situation, in der mehrere (lat.: multus = viel, zahlreich) Kulturen miteinander in Beziehung stehen[2]. Der Begriff fasst das Zusammenleben verschiedener Kulturen und Mentalitäten zusammen, ausgezeichnet durch unterschiedliches Aussehen, unterschiedliche Religionen, Sprachen und Bräuche. Obwohl der Begriff Multikulturalität im deskriptiven Gebrauch ein Versuch sein sollte, die Realität zu umschreiben[3], impliziert er meist einen wertenden Unterton auf ganz unterschiedlichen Ebenen. So haftet dem Begriff einerseits eine negative Wertung an, wo er als Bedrohung der eigenen Kultur und des eigenen nationalen Denkens angesehen wird. Andererseits ist es ein Begriff, der im präskriptiven Gebrauch für Utopien und normative gesellschaftliche Zukunftsentwürfe steht, in denen es durch Überwindung von nationalem Denken und Ungerechtigkeiten zu einem friedlichen Zusammenleben ohne Kriege kommen soll[4]. In der zahlreichen Literatur zur Definition und Untersuchung von Multikulturalität wird auf diese implizierten Wertungen hingewiesen, sich aber auch deutlich davon distanziert. Es muss Abschied genommen werden von „dem Mythos der reinen Nation“[5] ebenso wie von der beschönigenden Auffassung eines konfliktlosen, friedlichen Zusammenlebens, denn Multikulturalität ist heute in den meisten europäischen Staaten ein Faktum. Dass weder Beschönigung noch Verzweiflung über diese Realität angebracht ist, kommentiert Leggewie[6] wie folgt:

„Man kann aus einem sozialen Faktum keine moralische Norm basteln. Weder kann die ethnische Vielfalt an sich jemanden retten, noch wird sie die europäische Menschheit ins Unglück stürzen. Weder verschönt uns „Multikulti“ den grauen Alltag, noch versetzt sie alles in einen Zustand schlimmster Unübersichtlichkeit. Sie ist weder Quell unverdorbener Solidarität noch institutionalisierter Rassenkrieg. (...) Die multikulturelle Gesellschaft ist eine Dauerbaustelle, ein weiteres „stabiles Provisorium“. Das schafft Aussicht auf Verbesserung, aber bisweilen auch Stockungen und Verdruss.“

Ebenso wie Multikulturalität ist der Begriff ‚Multikulturelle Gesellschaft‘ eine „schillernde Worthülse für inhaltlich facettenreiche Konzepte“[7]. Er tauchte erstmals im Zusammenhang mit Kanada und Australien auf, wo die ethnische Vielfalt der Staaten „zu einem immerwährenden, legitimen Charakteristikum“[8] erhoben wurde, „das mit politischen Mitteln zu wahren und zu fördern sei“[9]. Mit anderen Worten wurde hier der kulturelle Pluralismus als „Basis des staatsrechtlichen Selbstverständnisses“[10] gefestigt.

In Deutschland trat der Begriff ‚Multikulturelle Gesellschaft‘ erstmals Anfang der 80er Jahre „in sozialpädagogischen, erziehungswissenschaftlichen und kirchlichen Diskussionen auf“[11]. Ende der 80er Jahre trat er vor allem in der öffentlichen Diskussion um die „Ausländerpädagogik“ in Erscheinung.

2.2. Multikulturalität in Deutschland

2.2.1. Migration in Deutschland – einige Fakten

Seit den 80er Jahren ist Migration und Multikulturalität ein Thema in Deutschland, welches sich aus drei Ursachen begründet. Zum einen aus der Arbeitsimmigration aus den Mittelmeerstaaten, welches die zahlenmäßig bedeutendste ist, der Asyl- und Fluchtbewegung und der Ost-West Wanderung[12]. Durch den Mangel an Arbeitskräften in Industrie und Wirtschaft kam es zum gezielten Anwerben von Arbeitskräften aus dem Ausland durch deutsche Politiker. So wurde 1955 das erste Anwerberabkommen mit Italien geschlossen, woraufhin bis 1968 weitere Anwerberabkommen mit Spanien, Griechenland, der Türkei, Marokko, Portugal, Tunesien und Jugoslawien geschlossen wurden. Während bis 1954 noch ca. 70.000 ausländische Mitbürger in Deutschland lebten, waren es 1973 schon ca. 2,6 Millionen[13].

Interessanterweise gingen sowohl die Anwerbeländer als auch die Vertreter der deutschen Wirtschaft und Politik davon aus, dass die sogenannten „Gastarbeiter“ spätestens in fünf Jahren wieder in ihre Heimatländer zurückkehren und durch neue Arbeitskräfte ersetzt werden würden. Viele der „Gastarbeiter“ entschlossen sich jedoch, in der Bundesrepublik zu bleiben.

Auf Grund der Weltwirtschafts- und Ölkrise wurde 1973 ein Anwerbestop verhängt, was zur Folge hatte, dass die „Gastarbeiter“ ihre Familien nach Deutschland holten[14]. Für die Kinder der eingewanderten Familien wurde bereits 1964 die allgemeine Schulpflicht eingeführt, so dass man nun vor dem Problem stand, diese Kinder trotz kaum vorhandener Deutschkenntnisse in den laufenden Schulunterricht zu integrieren[15].

2.2.2. Von der „Ausländerpädagogik“ zur interkulturellen Erziehung

Den nun entstehenden Problemen der Integration der „Gastarbeiterkinder“ in den laufenden Schulunterricht sollte mit dem in den 80er Jahren entworfenen Konzept der „Ausländerpädagogik“ entgegengewirkt werden. Die „Ausländerpädagogik“ ist als „Sammelpaket pädagogischer Stützmaßnahmen“[16] anzusehen und hatte die zwiespältige Aufgabe, die Kinder zu integrieren und gleichzeitig die Bindung zum Herkunftsland zu wahren. Somit ist auch deutlich, dass sie sich ausschließlich auf die ausländischen Kinder und Jugendlichen bezog[17]. Seit Ende der 70er Jahre tauchte dann scharfe Kritik an der „Ausländerpädagogik“ auf. Da sie sich ausschließlich an den Defiziten der ausländischen Kinder und Jugendlichen orientierte, führte sie zu deren Aussonderung und Stigmatisierung. Außerdem bezog sie die „inländischen“ Kinder und Jugendlichen nicht mit ein. Die Zuwanderung von Menschen aus anderen Ländern und Kulturen erfordert schließlich nicht nur von diesen selbst, sondern auch von den „Inländern“ vielerlei Lernprozesse[18].

Die aus dem Scheitern der „Ausländerpädagogik“ gewachsene interkulturelle Erziehung ist als Antwort auf die durch Migration bedingte kulturelle Pluralität der Gesellschaft zu sehen und richtet sich in gleichen Teilen auf „inländische“ und „ausländische“ Kinder und Jugendliche, damait diese auf ein Miteinander und Nebeneinander vorbereitet werden[19].

[...]


[1] Ansgar Nunning: „Fremdverstehen durch literarische Texte: von der Theorie zur Praxis“. DFUE 572001, 4-9

à Nünning

[2] Duden, Das Fremdwörterbuch. Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich,

[3] Vgl. Elke Bracht: Multikulturell leben lernen. Heidelberg, 1994

à Bracht, S. 32-33

[4] Vgl. Susanne Albrecht: „Überlegungen zum Konzept der Interkulturalität“, S.117

[5] Bracht, S. 30

[6] Claus Leggewie: MULTI – KULTI. Spielregeln für die Vielvölkerrepublik. Berlin, 1991

[7] Bracht, S. 29

[8] Vgl. ebd., S. 31

[9] Vgl. ebd., S. 31

[10] Vgl. ebd., S. 31

[11] Vgl. ebd., S. 31

[12] Vgl. Gita Steiner-Khamsi: Multikulturelle Bildungspolitik in der Postmoderne. Opladen, 1992

à Steiner-Khamsi, S. 1

[13] Vgl. Ute Schad: Multikulturelle Herausforderung. Neuwied, Kriftel, Berlin, Zürich, 1997

à Schad, S. 10-13

[14] Vgl. ebd., S. 10-13

[15] Wolfgang Nieke: Interkulturelle Erziehung und Bildung. Wertorientierung im Alltag. Opladen, 1995

à Nieke, S. 14

[16] Steiner- Khamsi, S. 1

[17] Vgl ebd., S. 1

[18] Vgl. Nieke, S. 15

[19] Vgl. Steiner-Khamsi, S. 1

Details

Seiten
17
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638247849
ISBN (Buch)
9783638778138
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v21078
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf – Anglistik
Note
sehr gut
Schlagworte
Interkulturelle Kompetenz Multikulturellen Gesellschaft Proseminar Medienzeitalter

Autor

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Titel: Interkulturelle Kompetenz in einer Multikulturellen Gesellschaft