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Kants Begriff des alternativen Urteils in seinem Werk "Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft"

Hausarbeit 2010 18 Seiten

Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das alternative Urteil in den MAdN
2.1 Der Inhalt des alternativen Urteils
2.2 Der Begriff der Bewegung
2.3 Empirischer und absoluter Raum
2.4 Das Urteil: Bewegung ist relativ

3. Das alternative Urteil im Kontext
3.1 Die Erscheinungslehre
3.2 Alternatives, disjunktives und distributives Urteil

4. Der Bezug zur KrV
4.1 Vorbemerkung
4.2 Der Begriff des Urteils
4.3 Der Form nach
4.4 Logik: Wächterin von Wahrheit und Objektivität?
4.5 Zum Verhältnis von Erscheinungslehre und Logik

5. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Mit einer vagen Idee der Urteilstafel aus Kants „Kritik der reinen Vernunft“ (KrV) im Hinterkopf, stolpert wohl jeder aufmerksame Leser über den Begriff des „alternative Urteils“ im Kapitel „Phänomenologie“ in den „Metaphysische[n] Anfangsgründe[n] der Naturwissenschaft“ (MAdN). Ein kurzer Blick in die KrV macht deutlich, dass es sich bei der mangelnden Wiedererkennung tatsächlich nicht um Vergesslichkeit handelt: Vielmehr kommt das alternative Urteil in der bekannten Urteilstafel aus der KrV nicht vor. Es stellt sich folglich die Frage, ob dieses Urteil irgendwo anders seinen Platz in der KrV hat oder ob Kant dieses Urteil in der Urteilstafel vielleicht vergessen hat. Gegen erstere Überlegung spricht, dass auch Konstantin Pollok, der Verfasser eines ausführlichen Kommentars zur MAdN, keine Kenntnis von einer weiteren Erwähnung des alternativen Urteils in irgendeiner von Kants Schriften hat.[1] Die zweite Überlegung wird durch eine Fußnote Kants entkräftet, die darüber Aufschluss gibt, dass Kant hier ganz bewusst eine Urteilsform einführt, die in dieser Weise nicht in der KrV vorkommt: Er grenzt das alternative Urteil vom disjunktiven Urteil aus der Kritik der reinen Vernunft ab, indem er zwischen disjunktivem Urteil in der Logik und disjunktiven Urteil in der Phänomenologie[2] unterscheidet, wobei er letzteres in alternatives, disjunktives und distributives Urteil unterteilt. Ziel dieser Arbeit ist es dieser Unterscheidung anhand des alternativen Urteils auf den Grund zu gehen. Das alternative, und nicht das disjunktive oder distributive, Urteil steht im Mittelpunkt dieser Arbeit, da einerseits ein Verständnis desselben stellvertretend Aufschluss über die anderen beiden Formen des disjunktiven Urteils in der Erscheinungslehre geben kann und andererseits die Form des alternativen Urteils als eigentümliche heraussticht: Die Wahrheit dieses Urteils scheint gerade in seiner Unentschiedenheit zu liegen.

Ausgehend von dem hier zu behandelnden Problem scheint es sinnvoll zuerst den Sachverhalt, dem Kant das alternative Urteil in der MAdN zuordnet, zu entfalten, und daran anschließend den Begriff des Urteils sowie der Logik näher zu beleuchten, um schließlich ausgehend von der Auseinandersetzung mit dem Verhältnis zwischen der Erscheinungslehre und der Logik die Differenz der Urteile aus diesen Bereichen verständlich machen zu können.

2. Das alternative Urteil in den MAdN

2.1 Der Inhalt des alternativen Urteils

Inhaltlich handelt es sich beim alternativen Urteil um folgende aus dem ersten Hauptstück der MAdN stammende Aussage über die gradlinige Bewegung eines Punktes durch den Raum: Die Bewegung eines Punktes in einem als ruhig angenommenen Raum kann ebenso sehr als Bewegung des Raumes bei gleichzeitiger Ruhe des Punktes angesehen werden.[3] Das erste Hauptstück der MAdN heißt „Phoronomie“, was nichts anderes als die „Lehre der Bewegung“ heißt. Es geht Kant in den MAdN zwar eigentlich darum den Begriff der Materie zu bestimmen; diese kann, soweit sie in der Phoronomie betrachtet wird, aber lediglich als Punkt gelten, da ihr hier die Eigenschaft der Kraft und der Masse noch nicht zugeschrieben wird. Die Phoronomie handelt zunächst nur von „der Grundbestimmung eines Etwas“[4], und das ist Kant zufolge die Bewegung. Alle weiteren Bestimmungen der Materie können auf diese Grundbestimmung zurück geführt werden. Wie Kant zu dem eingangs dargelegten Urteil kommt, soll in den folgenden Abschnitten gezeigt werden.

2.2 Der Begriff der Bewegung

Für das Verständnis des Sachverhaltes, auf das Kant das alternative Urteil anwendet, ist also der Begriff der Bewegung zentral. Kant erklärt in der KrV, warum die Auseinandersetzung mit dem Begriff der Bewegung ihren Platz nicht in der KrV hat: Die Bewegung eines Objektes im Raum kann nicht a priori erkannt werden, die Erkenntnis derselben braucht die Erfahrung von Materie.[5] Deshalb ist der Begriff der Bewegung ein empirischer und kein Verstandesbegriff. Kant geht es in den MAdN darum alles das aufzuzeigen, was a priori über diesen empirischen Begriff gesagt werden kann. Insofern ist die MAdN angewandte Philosophie. Da Kant die Bewegung einer Materie als „Veränderung der Relation im Raume“[6] erklärt, betreffen die ersten Bestimmungen, die dem Begriff a priori beigelegt werden können, den Raum. Im Folgenden geht deshalb um das, was Bewegung in Bezug auf den Raum unterstellt.

2.3 Empirischer und absoluter Raum

Ausgehend vom Begriff der Bewegung schließt Kant einerseits auf den empirischen Raum als Erfahrungsbegriff und andererseits auf den absoluten Raum als Verstandesbegriff. Im Folgenden geht es darum, die Argumentation, die Kant zu diesem Schluss kommen lässt, nachzuzeichnen. Die Prämisse, mit der der Beleg für den empirischen Raum begonnen werden kann, ist die Aussage: Erfahren werden kann nur etwas, insofern es empfunden wird. Wird diese Aussage auf den Raum bezogen, so wird außerdem die Wahrheit der folgenden Aussage vorausgesetzt: Der Raum, als Form der Materie, gehört notwendigerweise zur Erfahrung von Materie dazu. Aus diesen beiden Prämissen kann Kant den Schluss ziehen, dass der Raum, indem die Materie erfahren wird, empfindbar und damit empirisch/material[7] sein muss. Weiter folgert er, dass, was empirisch/material ist, beweglich sein muss. So kommt Kant zu seiner ersten wichtigen Konklusion in Bezug auf den Raum: Der Raum, in dem ein Objekt erfahren wird (und dies geschieht durch Bewegung), ist selbst beweglich. Pollok warnt an dieser Stelle vor einem naheliegenden Missverständnis des materiellen Raumes: „Nicht er selbst ist empfindbar, sondern das, was empfunden werden kann, bezeichnet ihn (vgl. 48115f.).“[8] Da der empirische Raum als selbst material wieder einen Raum unterstellt, in dem er sich bewegt und „dieser ebensowohl einen andern, und so forthin ins Unendliche“[9], ist alle Bewegung, die erfahren werden kann, bloß relativ. Die Konsequenz aus diesem Urteil wird im nächsten Kapitel erörtert.

Der absolute Raum wird von Kant eingeführt als Bedingung der Möglichkeit der Erfahrung von Bewegung: Um eine Bewegung als die eines Objektes wahrnehmen zu können, bedarf es der Unterstellung des Verstandes, dass der in Wirklichkeit empirische Raum ein absoluter Raum sei. Unterstellt ist also, dass Bewegung nicht wahrgenommen werden könnte, wenn der Verstand bei seiner Erfahrung des Raumes als empirischen stehen bleiben würde . Der absolute Raum, da er eine bloße Verstandesidee ist, kann selbst nicht erfahren werden und existiert damit auch nicht[10]: „Der absolute Raum ist also an sich nichts und gar kein Objekt (…)“[11]. Ausgehend von der Bestimmung des Raumes, als in Wirklichkeit empirisch, aber absolut als Eigenschaft, die ihm der Verstand notwendigerweise zuschreibt, können jetzt die Konsequenzen dieser Bestimmung in Bezug auf die Bewegung von Materie dargelegt werden.

2.4 Das Urteil: Bewegung ist relativ

Wenn sowohl die sich bewegende Materie, als auch der Raum, in dem sie gedacht wird, als in Wirklichkeit beweglich angenommen werden muss und es gilt: Es ist unmöglich zu entscheiden, ob ein empirisch gegebener Raum in Anbetracht eines ihn wiederum einschließenden Raumes, bewegt ist oder nicht[12], so kann die Bewegung einer Materie gar nicht eindeutig der Materie zugeordnet werden. Genauso gut könnte der Raum sich bewegen, und vom Verstand um der Möglichkeit der Erfahrung willen bloß als absolut, d.h. ruhig, angenommen werden. „Denn ein jeder Begriff ist mit demjenigen, von dessen Unterschiede vom ersteren gar kein Beispiel möglich ist, völlig einerlei und nur in Beziehung auf die Verknüpfung, die wir ihm im Verstande geben wollen, verschieden.“[13] Kant weist in der Phoronomie schon auf das Verhältnis der Erkenntnis zum Subjekt hin, welches eigentlich in den Themenbereich der Erscheinungslehre fällt. In der Phänomenologie ist dieses Verhältnis dann noch einmal Thema und wird dort auf seinen Begriff gebracht: Die Wahl zwischen zwei Prädikaten, „die sich nur in Ansehung des Subjektes und seiner Vorstellungsart von einander unterscheiden“, ist die „Wahl nach einem alternativen Urteile“[14].

An dieser Stelle steht eine Eingrenzung des alternativen Urteils auf die geradlinige Bewegung an. Denn der krummlinigen, sowie der Bewegung zweier Materien, ordnet Kant jeweils ein anderes Urteil zu. Um diese Differenzierung geht es im Abschnitt 3.2.

[...]


[1] Pollok, Konstantin: Kants „Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft“. Ein kritischer Kommentar. Kant-Forschungen Bd. 13, Hamburg: Meiner, 2001, S. 493.

[2] Phänomenologie und Erscheinungslehre werde ich, Kant folgend, in dieser Arbeit als Synonyme verwenden.

[3] Kant, Immanuel: Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft. Hg. von Konstantin Pollok, Hamburg: Meiner, 1997, S. 26.

[4] Ebd., S. 14.

[5] Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft 1. Bd. ΙΙΙ der Werkausgabe. Hg. von Wilhelm Weischedel, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1974, S. 151.

[6] Kant, Metaphysische Anfangsgründe, S. 113.

[7] Die Prädikate „empirisch“ und „material“ verwendet Kant synonym.

[8] Pollok, Kants „Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft“, S. 184.

[9] Kant, Metaphysische Anfangsgründe, S. 18.

[10] Ebd., S. 18f.

[11] Ebd., S. 18.

[12] Ebd., S. 27.

[13] Ebd.

[14] Kant, Metaphysische Anfangsgründe, S. 115.

Details

Seiten
18
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656383000
ISBN (Buch)
9783656384045
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v210718
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Philosophie
Note
1,0
Schlagworte
kants begriff urteils

Autor

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Titel: Kants Begriff des alternativen Urteils in seinem Werk "Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft"