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Die Auswirkungen wechselnder Bezugspersonen auf das Bindungsverhalten von Heimkindern

Eine kommentierte Literaturliste

Studienarbeit 2012 14 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Begründung der Fragestellung:

Da ich vor Beginn der Ausbildung zur Kindheitspädagogin ein Praktikum in einem Kinderheim absolviert hatte und dort bemerkt hatte, dass alle Kinder verschieden auf mich zukommen, habe ich mir diese Fragestellung ausgesucht. Ich würde gerne die Hintergründe für das unterschiedliche Verhalten verstehen. Es gab Kinder, die sofort auf mich zugekommen sind, ohne irgendeine Art von Distanz, die mich von Anfang an regelrecht beschlagnahmt haben und das vom ersten Moment an als würden sie mich seit Ewigkeiten kennen. Andererseits gab es auch Kinder, die absolut kein Vertrauen aufbauen konnten, die bis zum Ende meines halbjährigen Praktikums keine Beziehung zu mir entwickeln konnten. Zumindest zeigten diese Kinder mir gegenüber keine Anzeichen von Bindung. Jedes Kind hatte also ein anderes Nähe-Distanz-Verständnis. Da mir natürlich bewusst ist, dass jedes dieser Kinder sein eigenes Schicksal hat und eigene Erfahrungen mitbringt, die jedes einzelne Kind prägt, wollte ich trotzdem verstehen, ob es einen Zusammenhang zwischen dem Erlebten, der Situation des Heimaufenthalts und den verschiedenen Verhaltensweisen gibt. Eine Begründung für die verschiedenen Verhaltensmuster hätte mir damals ein größeres Verständnis für die unterschiedlichen Reaktionen der Kinder mir gegenüber gegeben und somit hätte ich besser auf die einzelnen Bedürfnisse der Heimkinder eingehen können.

Meiner Meinung nach ist die Bindungstheorie genau das, was dieses Verhalten erklärt.

Weiterhin ist mir aufgefallen, dass manche der Jugendlichen im Heim sehr schnell Liebesbeziehungen eingehen, andere aber hatten bis zur Volljährigkeit noch keinen Kontakt zum anderen Geschlecht. Auch gab es in den vorhandenen Beziehungen einen Unterschied der Haltbarkeit. Bei vielen war eine Beziehung nach nur wenigen Wochen beendet, andere dauerten Jahre lang an. Daher interessiert mich auch, ob die verschiedenen Bindungserfahrungen im Kindesalter Auswirkung auf das spätere Paarbindungsverhalten haben.

Den Ausschluss von Kindern ohne ein sorgeberechtigtes Elternteil habe ich vorgenommen, um eine Abgrenzung von eventuellen zusätzlichen traumatischen Trauererlebnissen, die durch den Tod der Eltern entstanden sind, zu schaffen. Zudem würde der Einschluss von Kindern mit Migrationshintergrund eine besondere erweiterte Sichtweise durch die komplexe Thematik im Zusammenhang mit den unterschiedlichen, kulturellen Lebensweisen erfordern.

Quelle: Bowlby, John (2001): Das Glück und die Trauer. Donauwörth: Klett-Cotta (2. erweiterte Auflage).

Beschreibung: In dem vorliegenden Buch geht es unter anderem um die Fehler, die von Eltern gegenüber ihren Säuglingen begangen werden, welche meist durch ungelöste innere Konflikte entstehen, die kindliche Entwicklung, Auswirkungen von Abbruch einer affektiven Bindung auf das Verhalten und um die Trennung bzw. um den Verlust der Familie.

Kommentierung: Kinder ohne sichere Bindung haben im Erwachsenenalter ein starkes unbewusstes Verlangen nach Liebe und Unterstützung. Beispiele für die Auswirkungen sind halbherzige Selbstmordversuche und Entstehung von Hypochondrie. Sie lassen ihren Ärger meist an Schwächeren aus.

Ein mit dem zwanghaften Selbstvertrauen verwandtes Bindungsverhalten ist das der zwanghaften Fürsorge. Dieses Verhalten kann sich auch bei Heimkindern entwickeln. Solch eine Person kann viele Bindungen eingehen aber nur in der Rolle des Fürsorge Gebenden. Die Rolle wird als einzig affektive Bindung angesehen, desweiteren denken sie, dass sie Fürsorge nur durch sich selbst erhalten können. Gründe für die zwanghafte Fürsorge sind eine starke latente Sehnsucht nach Liebe und Fürsorge. Eine erheblich latente Wut auf die Eltern ist ebenfalls vorhanden, da diese in der Kindheit keine oder nicht genug Fürsorge leisten konnten. Das Aussprechen dieser Wünsche wird von Angst und Schuldgefühlen verhindert.

Die Verhaltensweisen eines Menschen mit einer Angstbindung werden auch in eine Ehe übertragen. Entweder kommt extreme Forderung nach Liebe oder zwanghafte Fürsorge zum Vorschein. Auch gegenüber einem eigenen Kind können diese Verhaltensweisen auftreten. Durch eventuelles Ansehen des Kindes als Schwester oder Bruder kann dem Kind aufgrund der Fürsorge des Partners Eifersucht entgegengebracht werden. Auch ist es oft der Fall, dass der Elternteil mit der Angstbindung das eigene Kind als Selbstabbild sieht und unbedingt verhindern möchte, dass das Kind die gleichen Störungen entwickelt wie die Person selbst. Allerdings kann durch dieses Verhalten auch das Gegenteil entstehen.

Eine weitere gestörte Persönlichkeitsentwicklung, die durch das Bindungsverhalten in früher Kindheit entsteht, ist das emotional losgelöste Individuum. Diese Menschen sind unfähig, stabile affektive Bindungen aufrechtzuerhalten. Meistens geschieht diese Entwicklung durch eine längere Deprivation und fehlenden Fürsorge der Mutter oder durch eine Ablehnung der Mutter gegenüber ihrem Kind.

Das Fortführen der Verhaltensweisen der Entwicklungsstörungen bis ins Erwachsenenalter lässt sich auf die geschaffenen, inneren Modelle zurückführen. (vgl. S. 169 bis 174)

Quelle: Bretherton, Inge (2006): Konstrukt des inneren Arbeitsmodells. Bindungsbeziehungen und Bindungsrepräsentationen in der frühen Kindheit und im Vorschulalter. In: Brisch / Grossmann / Grossmann / Köhler (Hrsg.): Bindung und seelische Entwicklungswege. Stuttgart: Klett-Cotta (zweite Auflage), Seite 13 – 46.

Beschreibung: Das Buch behandelt bindungstheoretische Überlegungen der aktuellen Bindungsforschung. Es werden unter anderem die Entwicklung der Bindung, die inneren Arbeitsmodelle und die Bindungsstörungen bearbeitet.

Kommentierung: Innere oder mentale Arbeitsmodelle, die helfen das Bindungsverhalten der Bezugsperson zu interpretieren und ihr Verhalten vorauszusehen, ermöglichen die Regulierung des eigenen Bindungsverhaltens. (vgl. S.13)

Quelle: Brisch, Karl Heinz (2007): Adoption aus der Perspektive der Bindungstheorie und Therapie. In: Brisch, Karl Heinz / Hellbrügge, Theodor (Hrsg.): Kinder ohne Bindung. Deprivation, Adoption und Psychotherapie. Stuttgart: Klett-Cotta (zweite Auflage), S. 222 – 258.

Beschreibung: Das vorliegende Buch behandelt unterschiedliche Sichtweisen. Es wird die Grundlagenforschung wie auch die psychotherapeutische Arbeit mit Pflege- und Adoptivkindern veranschaulicht. Weiterhin ist eine Diskussion über die Entstehung der Bindungssicherheit und die Auswirkungen von Bindungsstörungen auf die Entwicklung enthalten.

Kommentierung: Wurden traumatische Bindungserfahrungen erlebt, kann dies zu Bindungsstörungen führen. Häufig besteht ein desorganisiertes Bindungsverhalten. Wegen der oft extremen Verzerrung des Verhaltens durch die Bindungsstörung sind die Bindungsbedürfnisse häufig nicht ersichtlich. Eine mögliche Konsequenz hiervon sind Persönlichkeitsstörungen. Symptome der Störungen können ADHD (Störung der Aufmerksamkeit und Überaktivität) sowie Verhaltensmuster des Autismus sein.

Besteht ein immer wiederkehrender Austausch der Bezugspersonen, findet eine „Enthemmung“ statt. Dieses äußert sich in einem Pseudo-Bindungsverhalten bei unbekannten Personen. (vgl. S. 227f)

Da die Verwurzelung von Traumata tief ist, können diese bei Nichtverarbeitung auf die spätere Beziehung zu den leiblichen Kindern der Heimkinder Auswirkungen haben. Durch die eigene Vergangenheit können dissoziative oder traumaspezifische Verhaltensweisen auftreten. (vgl. S. 231)

Quelle: Diouani-Streek, Mériem (2007): Kindeswohl und Elternrecht: Zur Umgangsproblematik von Minderjährigen in Heimerziehung und Eltern. In: Homfeldt, Hans Günther; Schulze-Krüdener, Jürgen (Hrsg.): Elternarbeit in der Heimerziehung. München: Ernst Reinhardt Verlag, S. 44 – 60.

Beschreibung: In diesem Buch geht es um die Wichtigkeit der Elternarbeit während der Heimunterbringung der Kinder.

Kommentierung: Durch die Fremdunterbringung und die Entstehung des Verlusts des familiären Zusammenlebens geht auch die familiäre Bindung verloren. Das Heim trägt die Verpflichtung, mit der Herkunftsfamilie des Heimkindes Zusammenarbeit zum Wohl des Kindes zu leisten. Doch muss die Auswirkung der Zusammenkunft zwischen Angehörigen und Heimkind Beachtung finden. Die Abstimmung der Treffen steht unter Beachtung der Individualität jedes Kindes. Die Begegnungen mit der Ursprungsfamilie dienen der Erhaltung der Bindung.

Im Heim vorzufinden ist meistens eine pathologische Eltern-Kind-Bindung. Die Bindung ist in der Regel durch Vertrauensbrüche und seelische Schmerzen beeinträchtigt. „Die Wiederaufnahme der herkunftsfamilialen Bindungen kann mit Blick auf die ungesicherte Entwicklung gefährdeter Kinder und Jugendlicher eine psychische Überforderung, bei traumatisierten Kindern eine Retraumatisierungsgefahr darstellen“ (vgl. S. 51 bis 54)

Quelle: Fremmer-Bombik, Elisabeth (1999): Innere Arbeitsmodelle von Bindung. In: Spangler, Gottfried / Zimmermann, Peter (Hrsg.): Die Bindungstheorie. Grundlagen, Forschung und Anwendung. Stuttgart: Klett-Cotta (dritte Auflage), S. 109 – 119.

Beschreibung: In diesem Kapitel geht es um die inneren Arbeitsmodelle von Bindung.

Kommentierung: Das innere Arbeitsmodell entsteht über das Bindungsverhalten und die Reaktionen der Bindungspersonen. Die Hauptarbeit ist, dass das Individuum seine Handlungen unter Einsicht vorausplanen kann. Unterschiedliche Erfahrungen müssen zu einem Gesamtbild zusammengefügt werden, um Verständnis für die Funktion von Bindungsfigur und Umwelt zu entwickeln. Geschieht dies erfolgreich, entsteht eine kohärente, anpassungsfähige Abbildung der Wirklichkeit. Kindern mit einer sicheren Bindung gelingt dies einfacher. Mary Main geht davon aus, dass sich innere Arbeitsmodelle jederzeit ändern können und somit keine Introjektionen von Objekten aus der Vergangenheit sind, sondern aktive Konstruktionen. Veränderungen stellen allerdings Schwierigkeiten dar, da Arbeitsmodelle nicht nur bewusst, sondern auch unbewusst wirken.

Innere Arbeitsmodelle sind sowohl affektive wie auch kognitive Komponenten, sind integrative Komponenten von Verhaltenssystemen, spielen bei der Beeinflussung von Verhalten eine Rolle und werden aus generalisierten Erlebnispräsentationen entwickelt. Durch Arbeitsmodelle entsteht die Bildung von inneren Regeln und Regelsystemen. Hierauf basieren das Verhalten und die Einschätzungen von Erfahrungen. Auch Regeln für die Organisation von Aufmerksamkeit und Gedächtnis, die die Erkenntnis über das Selbst und die der Bindungspersonen herstellt, entstehen. Ist die Annäherung zur Bindungsperson nicht beständig und besteht aus Zurückweisung wird ein anderes Arbeitsmodell entwickelt als von einem sicher-gebundenen Kind. Es entsteht Reorganisation, Restriktion und/oder Neuorientierung der Aufmerksamkeit. (vgl. S. 109 – 112)

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Details

Seiten
14
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656388838
ISBN (Buch)
9783656389729
Dateigröße
437 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v210645
Institution / Hochschule
Evangelische Hochschule Darmstadt, ehem. Evangelische Fachhochschule Darmstadt
Note
2,7
Schlagworte
Bindung Bindungsstörung Grossmann Bindungstheorie Bindungsverhalten Angstbindung Deprivation Arbeitsmodelle desorganisiert Bezugsperson Traumata Heimerziehung Fremdunterbringung Verhaltenssysteme Bowlby Bindungstypen Partnerschaftsentwicklung Identitätsentwicklung Trennung Bindungsmuster Bindungsforschung

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