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Wissenschaftlicher Fortschritt im naiven und raffinierten Falsifikationismus

Eine Betrachtung am Beispiel der quantitativen empirischen Sozialforschung

Seminararbeit 2012 18 Seiten

Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)

Leseprobe

INHALT

1 EINLEITUNG

2 EIN DEFINITIONSVERSUCH DES WISSENSCHAFTLICHE FORTSCHRITTS

3 POPPERS NAIVER FALSIFIKATIONISMUS
3.1 GRUNDLEGENDES
3.2 DIE ANWENDUNG DER FALSIFIKATIONISTISCHEN METHODE
3.3 WISSENSCHAFTLICHER FORTSCHRITT IM NAIVEN FALSIFIKATIONISMUS

4 LAKATOS’ RAFFINIERTER FALSIFIKATIONISMUS
4.1 GRUNDLEGENDES
4.2 POSITIVE UND NEGATIVE HEURISTIK: DER HARTE KERN UND DER SCHUTZGÜRTEL EINES FORSCHUNGSPROGRAMMS
4.3 WISSENSCHAFTLICHER FORTSCHRITT IM RAFFINIERTEN FALSIFIKATIONISMUS

5 WISSENSCHAFTLICHER FORTSCHRITT IM NAIVEN UND RAFFINIERTEN FALSIFIKATIONISMUS AM BEISPIEL DER QUANTITATIVEN EMPIRISCHEN SOZIALFORSCHUNG

6 FAZIT & KRITIK

7 LITERATUR

1 Einleitung

Als Anhänger des kritischen Rationalismus vertrat Karl Popper in seinem Werk Logik der For schung den Falsifikationismus als alternative Wissenschaftstheorie zu dem von ihm abgelehnten Induktivismus der logischen Empiristen. Popper versucht in seinem Werk die logische Unmöglichkeit der Rechtfertigung des Induktionsprinzips aufzuzeigen. Als gültige Schlussweise in der Wissenschaft kann die Induktion seiner Meinung nach nicht angewendet werden. Popper vertritt stattdessen den Falsifikationismus; ein Programm strikt deduktiver Theorienprüfung. Der Falsifikationismus wurde trotz fruchtbarer Leistungen für die Wissenschaft von zahlreichen Kritikern angegriffen und infolgedessen weiterentwickelt. So hat Imre Lakatos Poppers naiven Falsifikationismus in seinem Werk Falsifikation und Methodologie wissenschaftlicher For schungsprogramme in eine raffinierte Variante überführt.

In dieser Arbeit soll betrachtet werden inwieweit die Wissenschaftstheorien Poppers und Lakatos’ zum wissenschaftlichen Fortschritt beitragen können. Dazu wird im ersten Teil dieser Arbeit der Versuch unternommen, den Begriff des wissenschaftlichen Fortschritts zu definie- ren. Sodann werden Die Grundzüge des naiven und raffinierten Falsifikationismus in ihren Kernthesen dargestellt. Im letzten Teil dieser Arbeit werden beide Ansätze vor dem Hintergrund der quantitativen empirischer Sozialforschung betrachtet. Ich werde dafür argumentieren, dass der raffinierte Falsifikationismus Lakatos’ zumindest in diesem Wissenschaftsgebiet angemes- sener zum wissenschaftlichen Fortschritt beitragen kann als der naive Falsifikationismus Pop- pers.

2 Ein Definitionsversuch des wissenschaftliche Fortschritts

Um untersuchen zu können, inwieweit der naive und der raffinierte Falsifikationismus zum wissenschaftlichen Fortschritt beitragen können, muss der Begriff des wissenschaftlichen Fort schritts zuerst, zumindest in einer ersten Annäherung und in einem dieser Arbeit entsprechendem Umfang, definiert werden.

Die Geschichte der Wissenschaft verdeutlicht, dass das Erlangen neuer Erkenntnisse und das Ergründen neuer Wahrheiten die wichtigsten Triebfedern der Wissenschaft sind (Kaiser 1993). Wissenschaft ist als sozial organisierte systematische Suche nach Erkenntnis (ebd.: 71) und vor allem durch ihre Fortschritte in dieser Suche für das Gemeinwesen von größter Bedeutung (Radnitzky und Andersson: 1979); eine Gesellschaft, die sich in ihren Tätigkeitsfeldern nicht

Eiglmeier - Wissenschaftlicher Fortschritt im naiven und raffinierten Falsifikationismus auf die Ergebnisse und Fortschritte der Wissenschaft stützen kann wäre nur schwer vorstellbar1. Die Geschichte der Wissenschaft offenbart aber auch, dass die Frage nach der Art des wissenschaftlichen Fortschritts ein unerschöpfliches Thema ist (vgl. Kaiser 1993: 11) und von zahlreichen Wissenschaftstheoretikern unterschiedlich ausgelegt wurde (Niiniluoto 1980); ein Umstand der sicherlich auch der Streitbarkeit der Begriffe Fortschritt und Wissenschaft geschuldet ist. Eine getrennte Analyse beider Begriffe kann jedoch einen Anhaltspunkt zu einer Arbeitsdefinition des wissenschaftlichen Fortschritts bieten:

Ein Fortschritt ist als eine Zustandsveränderung definiert, die notwendig mit einer Verbesserung des Ausgangszustands verknüpft ist. Der Begriff Fortschritt ist daher normativ aufgeladen (ebd.: 427f)2. Fortschritt soll daher heißen:

Fortschritt bezeichnet jedwede Zustandsveränderung einer Entität A zu einer Entität A ‘ die dadurch gekennzeichnet ist, dass die Entität A ‘ gegen über der Entität A in irgendeiner Art und Weise verbessert wurde.

Wissenschaft3 ist ein empirisches Vorgehen (Ruse 1982), welches möglichst präzise Aussagen und damit tiefes Wissen über die Welt liefern sollte (Radnitzky und Andersson: 1979). Wissenschaft kann deswegen auch dazu dienen verschiedenste Problemstellungen zu lösen, bzw. einer solchen Lösung möglichst nahe zu kommen (vgl. Kuhn 1962: S. 162 ff). In Ihrem Vorgehen sollte die Wissenschaft dabei im Idealfall einer intersubjektiv nachvollziehbaren und prüfbaren Methode folgen (vgl. Detel 2008 S.90 f). Wissenschaft soll daher heißen:

Wissenschaft bezeichnet ein methodisches Vorgehen, welches begr ündetes und intersubjektiv nachvollziehbar neues Wissen in einem bestimmten Wissenschaftsbereich hervorbringt4.

Diese Definition des Begriffs Wissenschaft beinhaltet mit dem Begriff des methodischen Vorgehens eine weitere Leerstelle, welche für eine sinnvolle Verknüpfung der vorhergegangenen Definitionen gefüllt werden sollte.

Eiglmeier - Wissenschaftlicher Fortschritt im naiven und raffinierten Falsifikationismus Das Studium zahlreicher Methodenhandbücher verschiedener empirisch-analytischer Wissenschaften zeigt, dass das methodische Vorgehen immer ein disziplinspezifisches Unterfangen darstellt und daher inhaltlich auch nur innerhalb einzelner wissenschaftlicher Disziplinen sinnvoll zu deuten ist. In formaler Beschreibung ist das methodische Vorgehen aber ein disziplinspezifisches Regelwerk, welches aufzeigt (vgl. Kreibich 1986):

(i) wie Hypothesen und Theorien aufzustellen und zu formulieren sind
(ii) wie Experimente zur Überprüfung dieser Hypothesen und Theorien gestaltet sein sollten
(iii) bzw. wie Daten aus diesen Experimenten zur Überprüfung der Hypothesen und Theorien zu erheben, zu betrachten und auszuwerten sind.

Werden die vorangegangenen Definitionen nun miteinander verbunden, so soll wissenschaftlicher Fortschritt heißen:

Wissenschaftlicher Fortschritt bezeichnet das kontinuierliche Erschaffen einer, auf irgendeine Art und Weise verbesserten Entität A ‘ aus einer Entität A anhand von neuem, begr ündetem und intersubjektiv nachvollziehbarem Wissen, welches durch methodisches Vorgehen hervorge- bracht wird. Das methodische Vorgehen einer Wissenschaft gibt dabei an, wie Hypothesen und Theorien disziplinspezifisch aufzustellen und Experimente zur deren Ü berpr üfung durchzuf ühren bzw. die Daten dieser Experimente zu erheben, zu betrachten und auszuwerten sind.5

3 Poppers naiver Falsifikationismus

3.1 Grundlegendes

In „Logik der Forschung“ legt Karl Popper seine Vorstellung einer wissenschaftlichen Metho- de, den Falsifikationismus dar. Er bietet damit eine Alternative zu dem von ihm abgelehnten logischen Empirismus. Popper sieht das Induktionsprinzip, auf dem der logische Empirismus Eiglmeier - Wissenschaftlicher Fortschritt im naiven und raffinierten Falsifikationismus fußt, als eine ungerechtfertigte Schlussweise zur Genese gerechtfertigter Überzeugungen an und lehnt es deswegen ab (Popper 1994: 3 f).

Das Induktionsprinzip besagt, dass:

Wenn bei n Instanzen beobachtet wurde, dass die Entitätendie Eigenschaft G aufweisen und alle diese Entitäten von der Art F sind so darf geschlossen werden, dass alle Entitäten die Eigenschaft G aufweisen auch von der Art F sind.6

Das Induktionsprinzip kann als Allaussage dementsprechend auch wie folgt logisch formuliert werden (vgl. Detel 2008: 111):

Gegen diese Schlussweise von singulären Sätzen auf allgemeine Sätze wendet Popper ein, dass das einer solchen Gehaltserweiterung zugrunde liegende Induktionsprinzip nicht zu rechtfertigen sei bzw. das ein Rechtfertigungsversuch an einem infiniten Regress scheitern muss (ebd.: 4 f)7. Demnach ist auch eine auf dem Induktionsprinzip basierende Theorienprüfung und ggf. deren Verifikation, wie sie von den logischen Empiristen vorgeschlagen und akzeptiert wird, für Popper inakzeptabel (ebd.).

Popper schlägt stattdessen eine strikte deduktive Theorienprüfung anhand des Modus Tol- lendo Tollens vor. Hierzu werden durch tautologische Umformungen Beobachtungssätze aus einer Theorie deduziert. Steht die empirische Beobachtung mit den Beobachtungssätzen in Konflikt, so gilt die Theorie als falsifiziert, ist die empirische Beobachtung mit den Beobach- tungssätzen vereinbar, so ist die Theorie vorläufig bewährt (ebd.: 8). Damit ist der Kern von Poppers naiven Falsifikationismus bestimmt: „Ein empirisch-wissenschaftliches System muß an der Erfahrung scheitern können.“ (ebd.: 15), es muss also notwendig falsifizierbar sein um als empirische Theorie zu gelten.

Das Deduktionsprinzip bzw. der Modus Tollendo Tollens besagt, dass:

Wenn bei einer Instanz beobachtet wurde, dass eine Entität der Art F ist und nicht die Eigen- schaft G aufweist, dann ist es nicht der Fall, dass alle Entitäten der Art F die Eigenschaft G aufweisen.8

Logisch formuliert bedeutet dies (vgl. Detel 2008: 110):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Da dem naiven Falsifikationismus Poppers das Schlussmuster des Deduktionsprinzips zu Grunde liegt und dieses gehaltskonservierend, nicht aber gehaltserweiternd ist, ergibt sich in der Anwendung der falsifikationistischen Methode als wissenschaftliches Paradigma, dass Theorien niemals verifiziert, sondern allenfalls vorläufig bewährt werden können. Popper gibt die Verifikation zu Gunsten einer endgültigen Falsifikation auf (o.A. 1972: 895): „Theorien sind nicht verifizierbar; aber sie können sich bewähren“ (Popper 1994: 198). Bewährt ist eine Theorie genau dann, wenn sie harten Falsifikationsversuchen standgehalten hat (Detel 2008: 123). Dabei gilt es zu beachten, dass Popper die deduktive Prüfung von Theorien nur für ihre Geltung, nicht aber für ihre Genese vorsieht (Popper 1994: 6f)9.

3.2 Die Anwendung der falsifikationistischen Methode

Die falsifikationistische Methode zur Überprüfung einer Theorie T (bzw. einer Hypothese) vollzieht sich anhand von vier Schritten, die vollends ohne Induktion auskommen und lediglich auf Deduktionen beruhen (Popper 1994: 7f / Thornton 2005):

1. Verschiedene, aus T logisch folgende Beobachtungssätze werden auf Widerspruchs- losigkeit, also auf Konsistenz, überprüft. Dies ist ein rein semantisches Kriterium der Prüfung.
2. Überprüfung, ob T empirischen Gehalt hat. D.h. Prüfung ob T falsifizierbar oder aber tautologisch (metaphysisch) ist.

[...]


1 Hätte sich die Scientific-Community des 18. Jahrhunderts geeinigt, dass mit der Erfindung der Dampfmaschine das Nonplusultra aller technischen Errungenschaften erreicht wäre und in Folge dessen jegliche Weiterentwicklung von vorneherein verworfen, so wäre wohl auch der rasante Aufstieg der Industrienationen ausgeblieben.

2 Diese normative Aufladung wird z.B. in der Kontrastierung des Begriffs Fortschritt mit dem Begriff Entwicklung deutlich. Auch der Begriff Entwicklung bezeichnet eine Zustandsveränderung, lässt dabei aber eine Wertung dieser Zustandsveränderung außen vor (Niinilouto 1980 427f)

3 Ich möchte mich hier auf empirische Wissenschaften beschränken und Formalwissenschaften daher ausklammern.

4 Diese Definition von Wissenschaft kann eher als Versuch einer Definition verstanden werden und würde von vielen Wissenschaftstheoretikern mit Sicherheit abgelehnt werden. Dem Motto „Anything goes“ folgend hätte bspw. Paul Feyerabend diese Definition wahrscheinlich nicht akzeptieren können (Feyerabend 1970).

5 Dieser Vorschlag zur Definition des wissenschaftlichen Fortschritts ist sicherlich noch streitbarer als die Begriffe, welche sie konstituieren und wäre zudem in Abhängigkeit der Zielsetzung auch variierbar. Für die vorliegende Arbeit scheint dieser Vorschlag aber eine angemessene Arbeitsdefinition zu sein, vor dessen Hintergrund im Folgenden in die Wissenschaftsmodelle Poppers und Lakatos eingeführt werden soll.

6 Um es in Form eines Klassikers zu formulieren: Beobachtet man eine Reihe von Tieren und kann feststellen, dass es sich bei diesen Tieren um Schwäne handelt und ist diese Reihe von beobachteten Schwänen zusätzlich weiß, so darf daraus geschlossen werden, dass alle Schwäne weiß sind.

7 Im Wesentlichen zeigt Popper in seiner Argumentation auf, dass (i) das Induktionsprinzip ein allgemeiner, synthetischer Satz sein müsste, deswegen müsste es (ii) selber wiederum durch Induktion gerechtfertigt sein was letztlich in einen infiniten Regress führen muss.

8 Erneut als Klassiker formuliert: Wird ein Tier beobachtet, bei dem es sich um einen Schwan handelt und ist dieser Schwan nicht weiß (sondern bspw. schwarz), dann darf daraus geschlossen werden, dass nicht alle Schwäne weiß sind.

9 Die Aufstellung von Theorien unterliegt nach Popper immer auch ein „irrationales Moment“ (Popper 1994: 6f.), welches nicht rein logisch zu begründen ist. Deswegen fordert er, dass besonders „kühne“ d.h. möglichst falsifizierbare Theorien aufgestellt werden sollen (Miller 1995: 97).

Details

Seiten
18
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656381402
ISBN (Buch)
9783656381723
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v210633
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Philosophisches Seminar
Note
1,0
Schlagworte
wissenschaftlicher fortschritt falsifikationismus eine betrachtung beispiel sozialforschung

Autor

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