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Das gesellschaftliche Leitbild der Familie in der Werbung - sozialethische Reflexionen

Diplomarbeit 2003 109 Seiten

Theologie - Praktische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Sozialethische Grundlegung: Das Leitbild der Familie als Gegenstand der christlichen Sozialethik
2.1 Die Familie in den lehramtlichenÄußerungen der katholischen Kirche
2.2 Das christliche Familienbild
2.3 Orientierungslinien für eine Ethik der Familie

3 Familie - Begriff und Institution im Wandel
3.1 Familie im historischen Wandel
3.1.1 Das 17 ”ganzeHaus“-NachfahredesantikenOikos
3.1.2 Die bürgerliche Familie - auf dem Weg zur Romantik
3.1.3 Die moderne Kleinfamilie der Nachkriegszeit - Ergebnis des Wirtschaftswunders
3.2 Familie heute
3.2.1 Deinstitutionalisierung und Individualisierung
3.2.1.1 Familie als Institution - Aufgaben und Funktion in der Gesellschaft
3.2.1.2 Demographischer Wandel seit der Nachkriegszeit .
3.2.1.3 Die Individualisierungsthese
3.2.1.4 Wandel der Rollenverteilung innerhalb der Familie
3.2.1.5 Deinstitutionalisierung der Ehe
3.2.1.6 Deinstitutionalisierung der Familie
3.2.2 Formen heutiger familialer Lebensgemeinschaften
3.2.2.1 Eltern-Familien
3.2.2.2 Ein-Eltern-Familie
3.2.2.3 Nichteheliche Lebensgemeinschaften
3.2.2.4 Drei- oder Mehrkinderfamilien
3.2.2.5 Patchworkfamilien

4 Fernseh-Werbung und Familienbilder
4.1 Entwicklung moderner Kommunikation und die Rolle der Fernseh werbung
4.1.1 Geschichte des Fernsehens - Geschichte der Fernsehwerbung
4.1.2 Bedeutung der Fernsehwerbung für die Werbewirtschaft
4.1.3 Funktion von Werbung - Werbung als Form persuasiver Kom munikation
4.2 Familie als Konsumgemeinschaft
4.2.1 Das Familienbild des Marketings
4.2.2 Werbestrategien
4.2.2.1 Lokalisierung von Bedürfnissen
4.2.2.2 Beeinflussung von Verhaltensabläufen
4.2.2.3 Zielgruppenorientierung
4.2.3 Nutzung von Sozialtechniken
4.2.3.1 58 ”Ich-Beteiligung“(Involvement)
4.2.3.2Konditionierung durch Emotionalisierung
4.2.4 Werbewirkung und Werbewahrnehmung
4.2.4.1 Kommunikationsprozess, Wahrnehmung und Werbe wirkung
4.2.4.2 Integrierte Kommunikation
4.2.4.3 Psychologische Konditionierung
4.2.5 Kinder als Kommunikationsagenten . .

5 Analyse aktueller Spots
5.1 Vorwerk: ”Familienunternehmen“-
5.1.1 Spot-Beschreibung
5.1.2 Dargestelltes Familienbild
5.1.2.1 Familiales Umfeld
5.1.2.2 Rollenverteilung innerhalb der Familie
5.1.2.3 Produktpräsentation
5.1.2.4 Fazit
5.2 McCain 1-2-3 Frites ”Truck“-
5.2.1Spot-Beschreibung
5.2.2 Dargestelltes Familienbild
5.2.2.1 4.2.2.1 Familiales Umfeld . .
5.2.2.2 Rollenverteilung innerhalb der Familie
5.2.2.3 Produktpräsentation
5.2.2.4 Fazit
5.3 Procter & Gamble: Bounty ”Indianer“-
5.3.1Spot-Beschreibung
5.3.2 Dargestelltes Familienbild
5.3.2.1 Familiales Umfeld
5.3.2.2 Produktpräsentation
5.3.2.3 Fazit
5.4 Melitta: Kaffee Harmonie ”Zeugnis“-
5.4.1Spot-Beschreibung
5.4.2 Dargestelltes Familienbild
5.4.2.1 Familiales Umfeld
5.4.2.2 Produktpräsentation
5.4.2.3 Fazit
5.5 Langnese Iglo/ Unilever Bestfoods: Kampagne
5.5.1 Spot-Beschreibung: ”Ex-Mann“
5.5.2 Spot-Beschreibung ”Enkel“
5.5.3 Dargestelltes Familienbild
5.5.3.1 Umfeld
5.5.3.2 Die Rolle der Großmutter und Seniorin
5.5.3.3 Produktpräsentation
5.5.3.4 Fazit

6 Sozialethische Reflexionen: Familienbilder in Werbung und Gesellschaft
6.1 Werbung als Kommunikationsträger der Wirtschaft
6.1.1 Ökonomisches Interesse und Legitimation der Werbung
6.1.2 Der Vorwurf der Manipulation - Grenzen der Beeinflussung
6.2 Einfluss der Werbung auf das Familienbild der Gesellschaft
6.2.1 Werbung als Vermittler von Leitbildern
6.2.2 Werbung und Pluralisierung der Familienformen
6.2.3 Die Frage nach der Idealfamilie
6.2.3.1 Versuch einer Differenzierung
6.2.3.2 Das Familienethos der Werbung
6.2.4 Problematische Verzerrungen der Familienwirklichkeit
6.2.4.1 Konfliktlösung durch Konsum
6.2.4.2 Realitätsbezüge in der Werbung
6.3 Verantwortungsträger
6.3.1 Werbetreibende Industrie
6.3.2 Der Deutsche Werberat
6.3.3 Verbraucher

7 Schlussbemerkungen

8 Literatur

1 Einleitung

Mit dem Slogan

”Iglo-soistmanheute“wirdeineWerbebotschaftverkündet,die einen allgemeinen Zeitgeist verkörpern soll. Diese Botschaft spiegelt Bilder und Vor- stellungen wieder, die in den Köpfen der Menschen als schon präsent unterstellt oder als Zeitgeist eingeführt werden sollen.

”Zeitgeist“impliziertimmereinenWan del von Vorstellungen. Wohl keine Institution ist dem Geist, dem Denken der Zeit so verhaftet, wie die Familie. Das Phänomen, das wie kein anderes Zeitgeist und Vergänglichkeit widerspiegelt, nämlich die Werbung, und die Institution, die als Institution quasi unwandelbar und unauflöslich erschien, drängen sich auf, miteinander in Beziehung gebracht zu werden.

Nicht nur die Zeit, auch der Ort einer geistigen Vorstellungen ist relevant. Mit dem Ort ist näherhin die jeweilige Kultur verbunden. Kultur ist der Ort, an dem ”man“definiert wird.Fürdiese Untersuchungistderwestliche Kulturraum, genauer die Bundesrepublik Deutschland massgeblich.

Die Beeinflussung von Geistesvorstellungen durch reizvolle Phänomene hat die Menschen seit jeher begleitet. Werbung transportiert Aussagen und Geisteshaltun- gen. Sie ist ein Spiegel menschlicher Vorstellungen und Werte, so dass ihre Geschichte mit der menschlicher Kulturen nahezu gleichgesetzt werden kann.1 An dieser Stel- le stellt sich die Frage nach der Werbung als Indikator für den jeweils aktuellen Zeitgeist.

Werbung ist in unserer Gesellschaft zu einem alltäglichen Begleiter geworden. So alltäglich, dass sie nicht immer oder kaum noch bewusst wahrgenommen wird. (Vorausgesetzt, sie ist nicht ein bewusst konsumiertes Unterhaltungsprogramm.) Sie ist jedoch stets präsent und prägt unser Leben, vor allem unser Konsumverhalten, weitaus mehr als uns bewusst ist. Diese Arbeit will die Wirkung der Bilder des Phä- nomens Familie, mit denen Werbung arbeitet, untersuchen; die konsumsteigernde oder -anregende Wirkung wird als Konfliktpotential ebenso angesprochen. Aus der Komplexität des Themas Familie wird ein Ausschnitt der Vorstellungen und Leitbil- der von Familie fokussiert und der Stand der soziologischen Forschung eingearbeitet. Die Tatsache, dass eine Vielzahl an aktuell gesellschaftlich akzeptierten Familienfor- men attraktiv geworden ist, um mit ihnen Produkte zu bewerben, ist nicht von der Hand zu weisen. Die Werbung ist ein Indikator dafür, dass diese verschiedenen Le- bensformen gegenüber anderen an Attraktivität gewonnen haben. Denn Werbung arbeitet bekanntlich am Puls der Zeit bzw. am Puls des Zeitgeistes.

Es soll desweiteren untersucht werden, ob bewusste und unbewusste Wahrneh- mung von Werbebildern Auswirkung auf Leitbild und Begriff der Familie haben, insofern eine Wechselwirkung vermutet wird. Die Zusammenhänge dieser Wech- selwirkungen aufzuzeigen und die Frage, inwieweit diese Wechselwirkung zwischen gesellschaftlich anerkannter Normalität der verschiedenen Familienformen und der Wahrnehmung von Fernsehwerbung besteht, soll in den folgendenÜberlegungen untersucht werden. Ebenso, ob die Darstellung der Familienbilder zu einer Pluralisierung der Familienformen beiträgt. Eine Beeinflussung des Familienbegriffes ist als ein Nebeneffekt der Werbung anzusehen, nicht als eine Absicht der werbetreibenden Unternehmen. Eine Absicht kann werbetreibenden Unternehmen dort unterstellt werden, wo sie auf Grund von Veränderung in der Einstellung, wie z. B. bei Schönheitsidealen, einen Vorteil von veränderten Einstellung hat. Der Einfluss von Werbung kann durch solche Vorgänge nachvollzogen werden.

Familie und Familienbegriff befinden sich im Wandel. Geklärt werden soll, in- wieweitüber die Vorstellung der Normalfamilie als kulturelles Leitbild ein Konsens besteht. Diese Arbeit will darauf aufmerksam machen, dass Werbung auf die Begriffs- bildung einen Einfluss haben kann; aber auch darauf, dass Werbung die bestehenden Bilder von Familie, wenn sie attraktiv sind, aufgreift, um sie für ihre Zwecke nutzbar zu machen. Die Entwicklung der unterschiedlichen Familienformen ist abhängig von verschiedensten demographischen, gesellschaftlichen und sozialen Faktoren sowie In- stitutionen, wie zum Beispiel den Kirchen oder - heute auch durch den Einfluss der Massenmedien - Phänomenen wie der Werbung. Die Entwicklung von Familie und des Familienbegriffs sowie der Zusammenhang dieser mit der Werbung im deutsch- sprachigen Fernsehen sind von Interesse für die Sozialethik, weil die Familie ein oder vielmehr der traditionelle Gegenstand der Sozialethik ist, der in seiner ebenso traditionellen Form durch neue Formen von Familie - respektive der als Familie ver- standenen Lebensformen - ergänzt wird. Dieser Veränderung muss in der heutigen Zeit besondere Aufmerksamkeit gelten, führt man sich die Sozialisationsfunktion der Familie vor Augen. Dass die ethischen und moralischen Wertvorstellungen, die in- nerhalb der Familie vermittelt werden, die heranwachsenden Generationen prägen, ist unbestritten. Somit gehört die Betrachtung von Familie in der Werbung in den Themenbereich der Sozialethik.

Wenn von Familie die Rede ist, ist damit immer eine Diskussion um den Stellen- wert der Familie und die Bedeutung der Ehe verbunden, deshalb wird im Rahmen der vorliegenden Untersuchung auf die Deinstitutionalisierung der Ehe eingegangen. Ohne auf den Begriff des Wertes oder des Grundwertes näher eingehen zu wollen, wird Familie als Wert empfunden, da in ihr die Keimzelle der Gesellschaft gesehen wird. In diese Keimzelle dringt das Medium Fernsehen ein, das wie keine andere In- stitution, keine Organisation, keine Schule und kein Gedankengut so flächendeckend präsent ist. In fast allen deutschen Haushalten ist heute mindestens ein Fernsehgerät zu finden.2 Seit den 1960er Jahren hat sich das Fernsehgerät als Grundausstattung des deutschen Haushaltes etabliert.3

Wegen der Reduktion der Lebensphase, in der die Kinder bei ihren Eltern leben, machen die Familienhaushalte nur noch rund ein Drittel der bestehenden Haushal- te in Deutschland aus.4 Somit ist die Realität der Fernsehspots, die vor ein paar Jahren noch mit der heilen Welt der sogenannten ”Kernfamilie“d.h.Vater,Mutter und Kinder geworben hat, nicht diejenige der statistischen Realität in Deutschland. Vielleicht ist aus gerade diesem Umstand abzuleiten, warum die Fersehwerbung dem Rezipienten heute eine Vielzahl an Familienbildern zur Auswahl stellt. Der Markt der Idealfamilie ist klein geworden. Darauf reagiert die Werbebranche mit einer Variati- on der Familienbilder, d. h. die bedient sich der verschiedenen Formen von Familie. Um Werbung erfolgreich zu gestalten, werden die Trends, die sich in der Gesell- schaft abzeichnen durch psychologische Marktforschung erhoben, um die Werbung auf den Lebensssteil der Zielgruppe, in diesem Fall der Familie, abzustimmen, denn ”Erlebnisse(Bilder),welchedieWerbungvermittelt,müssendasvorherrschende Lebensgefühl bzw. den Lebensstil der Zielgruppen treffen.“.5 Die Umstrukturierung der Familienhaushalte wurde von der Trendforschung erfasst, wodurch die zielgruppenspezifische Kreativität eine enorme Potentialsteigerung erlebt.6 Das Ergebnis ist eine Präsentation der Produkte in einer breiten Vielfalt familialer Lebensräume von der alleinerziehenden Mutter, dem alleinerziehenden Vater bis zur Normalfamilie, ohne diese Reihung mit einer Wertung verbinden zu wollen.

Mit einer Darstellung der päpstlichen Lehrschreiben, die die Familie thematisieren wird die Untersuchung begonnen. Hieraus wird das christliche Familienbild entwi- ckelt. Daran schließen sich Orientierungslinien für eine Ethik der Familie an. Auf die volle Komplexität des Themas Familie einzugehen liegt nicht in den Möglich- keiten einer solchen Arbeit. Versucht wird dem Thema angemessen den Stand der soziologischen Forschung wiederzugeben. An verschiedenen Stellen wird auf weiter- führende Literatur verwiesen. Deskriptiv wird eineÜbersichtüber die historischen und soziologischen Wandlungsprozesse sowie die gegenwärtige Situation gegeben. Auf diese Beschreibungen folgen in gleicher Methodik Darstellungenüber Geschich- te und Entwicklung von Fernsehen und Fernsehwerbung, um damit auf die Rolle des Phänomens Familie in der Werbung vorzubereiten.

Als praktischer Teil schließt sich die Analyse einiger aktueller Werbespots an, um an diesen konkreten Beispielen die verschiedenen Familienbilder, die in der Werbung Verwendung finden, darzustellen. Von hier aus wird in der abschießenden sozialethi- schen Reflexion versucht, mit dem Wandel von Familie aus ethischer Perspektive umzugehen. Hier wird problematisiert, welche Konflikte die Werbung im Hinblick auf die Familie aufwirft.

2 Sozialethische Grundlegung: Das Leitbild der Familie als Gegenstand der christlichen Sozialethik

Die Familie als Institution und gesellschaftliches Teilsystem unterliegt einem stän- digen Wandel und entwickelte sich in einem Prozess funktionaler Differenzierung zu einem - gegenüber den anderen gesellschaftlichen Teilsystemen (Staat, Recht, Wissenschaft, Religion, etc.) - abgegrenzten System, das in seiner Existenz und Erscheinungsform auf Grund wechselseitiger Beeinflussung (Interpenetration) stark von anderen gesellschaftlichen Einflüssen abhängig ist.7 Die Intention des ersten Kapitels ist es, den familialen Wandlungsprozess in der Wahrnehmung der Kirche darzustellen. Dies geschieht anhand ausgewählter kirchlicher Sozialdokumente (v. a. Rerum novarum, Gaudium et spes, Mulieris dignitatem, Familiaris consortio), da der Themenkomplex Familie in lehramtlichenÄußerungen stets im Kontext gesellschaftlichen Wandels aufgegriffen wird. Auf der Grundlage dieser Betrachtungen soll der kirchliche Familienbegriff erarbeitet werden, um eine Basis für die sozialethische Diskussion um Familie und Werbung und einen Vergleich zum Familienbild der Werbewirtschaft und der Werbung selbst zu schaffen.

2.1 Die Familie in den lehramtlichenÄußerungen der katholischen Kirche

Die Enzyklika Rerum novarum (1891) wendet sich gegen die Missstände der Aus- beutung und Armut der Arbeiter in den industrialisierten Ländern Europas und Nordamerikas gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Katholische Sozialreformer8 sowie die Amtskirche in England, Irland und den Vereinigten Staaten von Amerika dräng- ten Papst Leo XIII. zu einerÄußerung gegenüber den zunehmenden Problemen in den heranwachsenden Industrienationen. Im Rahmen dieser Fragestellung wird auch die Situation der Familien angesprochen, die unmittelbar von den Entwicklungen be- troffen waren und deren Auswirkungen zu tragen hatten.9 Grundsätzlich macht das Dokument das ”natürlicheundursprünglicheRecht“10 einesjedenaufEheundFa- milie deutlich. Unabhängig davon sieht der Heilige Stuhl das Recht der Arbeiter auf Privateigentum und verurteilt das sozialistische Gedankengut uneingeschränkt. Die Enzyklika fordert, dass der Familienvater durch seine Arbeit und einen dafür angemessenen Lohn in die Lage versetzt werden solle, seinen Grundpflichten (Sorge für den Lebensunterhalt der Familie und die Zukunft der Kinder) nachzukommen. Deutlich wird die Sicht der Geschlechterrollen des ausgehenden 19. Jahrhunderts: der Vater sei für den Unterhalt der Familie zuständig; die Mutter finde in der Haus- arbeit und der Erziehung der Kinder ihre Würde und Berufung. Durch ihre Aufgabe in der Familie fördere sie gleichzeitig das häusliche Glück.11 Die Familie untersteht der väterlichen Gewalt, in die der Staat nur subsidiär bei den ”äußerstBedrängten“12 helfend einzugreifen habe. Sonst gleiche die Familie in ihrer Struktur dem Staat, da in ihr eine selbständige Gewalt regiere, ”nämlichdieväterliche“13. Deshalb verur- teilt die Enzyklika das sozialistische System auf das Schärfste, da es ”dieelterliche Fürsorge beiseite setzt, um eine allgemeine Staatsfürsorge einzuführen“14. Die Autonomie der Familie und ihre patriarchale Struktur werden durch Rerum novarum vor allem in der Abgrenzung zum Sozialismus betont.

Die Pastoralkonstitution Gaudium et spes (1965) als ein Dokument des Zwei- ten Vatikanischen Konzils setzt für die katholische Soziallehre deutliche Eckpfeiler. Sensibilisiert für die ”ZeichenderZeit“15 nimmtessichder ”SpannungenundUn- gleichgewichte [, die] das Leben der Familie, der Generationen, der Geschlechter, das Verhältnis zwischen arm und reich, zwischen Rassen und Völkern, zwischen interna- tionalen Institutionen, die dem Frieden dienen wollen, und ehrgeizigen Ideologien, die sich mit Gewalt an die Macht bringen wollen (...)“16 an. In diesem Sinne geht das Konzilsdokument auf die Situation von Ehe und Familie ein und fordert für beide mehr Achtung seitens der Gesellschaft. Es beklagt den innerehelichen Missbrauch der Liebe in Form von ken“17 sowie ”Egoismus,bloße[r]Genußsuchtund(...)unerlaubte[r]Prakti- ”Polygamie,umsichgreifendeEhescheidung,sogenanntefreieLiebeund andere Entartungen“18, die die Ehe und die Institution der Familie in ihrer Würde angriffen. Der zentrale Gedanke der Pastoralkonstitution wird klar wie folgt formu- liert: ”DasWohlderPersonsowiedermenschlichenundchristlichenGesellschaft ist zuinnerst mit einem Wohlergehen der Ehe- und Familiengemeinschaft verbun- den.“19 Damit definiert das Dokument die Familie als Keimzelle der Gesellschaft, die im höchsten Maße als schützens- und achtenswert anzusehen ist. Es wird auf der Grundlage der Naturrechtslehre ein Familienbild kommuniziert, das in erster Linie verdeutlicht, dass die Familie zur Zeugung und Erziehung von Nachwuchs bestimmt ist. Auf diesen Zweck sei die Institution der Ehe ausgerichtet und erfordere deshalb die Unauflöslichkeit.20 Die Zeugung von Nachwuchs bedeutet einen Beitrag der Ehe- leute zum Schöpfungswerk Gottes, ”derdurchsieseineeigeneFamilieimmermehr vergrößert und bereichert.“21 Zudem wird der Aspekt der innerfamilialen Solidarität herausgestellt. Die Kinder sollen ”(...)daserwidern,wasdieElternihnenGutestun, und ihnen (...) im Unglück und in der Einsamkeit des Alters beistehen.“22 Gegen- über Rerum novarum wird eine veränderte Sicht der Rollenzuweisung von Mann und Frau innerhalb der Familie deutlich erkennbar: die ”anteilnehmendeGegenwart“23 des Vaters trage viel zur Erziehung der Kinder bei. Der häusliche und mütterliche Stellenwert der Frau wird nach wie vor hoch angesetzt, allerdings ”ohnedaßeinebe- rechtigte gesellschaftliche Hebung der Frau dadurch irgendwie beeinträchtigt (...)“24 werde.

Als Reaktion auf die gesteigerte Unsicherheit gegenüber der Bedeutung des ehe- lichen und familiären Lebens widmete Papst Johannes Paul II. mit Familiaris con- sortio (1981) den Belangen der Familie ein eigenes Schreiben. Als Hauptproblem der Familie wird die Verkümmerung fundamentaler Werte gesehen: ”(...)irrigetheo- retische und praktische Auffassung von der gegenseitigen Unabhängigkeit der Ehe- leute; die schwerwiegenden Mißverständnisse hinsichtlich der Autoritätsbeziehung zwischen Eltern und Kindern; die häufig konkreten Schwierigkeiten der Familie in der Vermittlung der Werte; die steigende Zahl der Ehescheidungen; das weit ver- breiteteÜbel der Abtreibung; die immer häufigere Sterilisierung; das Aufkommen einer regelrechten empfängnisfeindlichen Mentalität.“25 Als Ursache für diese Schwie- rigkeiten nennt der Papst einen falsch verstandenen Freiheitsbegriff, der egoistisches Strebenüber verantwortliches Handeln stelle. Vor dem Hintergrund der gesellschaft- lichen Wandlungsprozesse finden in Familiaris consortio die grundlegenden Aussa- genüber die Familie bezugnehmend auf Gaudium et spes besondere Betonung: Die Familie zeichne sich durch die gegenseitige Hingabe der Partner in der ehelichen Ge- meinschaft und durch die Weitergabe des Lebens aus.26 Das apostolische Schreiben verdeutlicht vier Dimensionen des familialen Zusammenlebens: die Bildung einer in- tergenerationellen Solidargemeinschaft; den Dienst am Leben; die Teilnahme an der Entwicklung der Gesellschaft; die Teilnahme an Leben und Sendung der Kirche.27 Der natürliche Charakter und die Berufung der Familie verpflichte die Familie ih- re gesellschaftlichen Aufgaben wahrzunehmen, da sie selbst die Grundlage für jede Gesellschaft bilde.28

Auswirkungen auf das Bild der Familie rief das sich wandelnde Rollenverständnis der Frau in der Gesellschaft und schließlich auch in der Kirche hervor. Mit Mulieris dignitatem (1988) wurde der ”Würdeund BerufungderFrau“eineigenesApostoli- sches Schreiben gewidmet.29 Mehrmals wird im Dokument die Gleichheit, genauer die gleiche Personenwürde von Frau und Mann betont. Sie seien beide als Abbild Gottes geschaffen und nur durch die ”(...)Gleichheit,diesichausderWürdeder beiden als Person ergibt, (...)“ könne den ”(...)gegenseitigenBeziehungenderCha- rakter einer echten ,communio personarum‘ (Personengemeinschaft) (...)“30 verliehen werden. Auf diesen Grundzusammenhang baue auch der Gedanke der Ehe auf. Der Mensch könne nur als ”EinheitvonZweien“existieren,alsonurinBeziehungzu einer anderen Person. Es handle sich um eine gegenseitige Beziehung: des Mannes zur Frau und der Frau zum Mann.31

Der Brief an die Familien (1994) hebt noch einmal die fundamentale Rolle der Familie als zentrale gesellschaftliche Institution menschlichen Daseins hervor.32 Er verdeutlicht das Verständnis der Familie als communio personarum begründet auf ÄnlichkeitmitGott“33. Genauer als in vorherigen Dokumenten geht der Brief an die Familien auf die innerfamiliale Solidarität ein: zwischen Ehegatten, Eltern und Kindern und den Generationen. Allerdings hält Johannes Paul II. fest, dass Eltern so handeln sollen, dass ihr Verhalten die Ehre und Liebe der Kinder auch verdient.34 Die Verpflichtung zur Zeugung und Erziehung der Nachkommen wird auch hier als grundlegend betont, neben den gemeinwohlorientierten Aufgaben wird der Subjektstatus der Familie gegenüber der Gesellschaft und dem Staat herausge- stellt.35 Demzufolge solle sich die Interaktion zwischen Familie und Staat nach den Grundsätzen des Subsidiaritätsprinzips richten.36 Im Hinblick auf das Frauenbildäu-ßert das Dokument einen neuen Ansatz: es plädiert für eine höhere gesellschaftliche Anerkennung der häuslichen und erzieherischen Leistungen.37

Die Enzyklika Evangelium Vitae (1995) setzt sich intensiv mit den medizinisch- technischen Entwicklungen, v. a. im Hinblick auf den Schutz des menschlichen Le- bens zu dessen Beginn und Ende auseinander. Im Zuge der Erörterungen wird auch eine entscheidende Aussage zur Rolle der Frau getroffen: Es wird der Appell formu liert, einen ”neuenFeminismus“zufördern, ”(...)ohnederVersuchungzuverfallen, ”Männlichkeits-Vorbildern“nachzujagen“38.

Hier wird der Mutterrolle die Verant wortlichkeit für das Lebenübertragen, was damit verbunden ist, andere Interessen (Karriere, Beruf), die sich im Laufe der Emanzipation herauskristallisiert haben, zurückzustellen.

2.2 Das christliche Familienbild

In der christlichen Soziallehre wird die Familie ihrem Wesen nach als Generationen- und Zeugungsgemeinschaft verstanden.39 Dabei kommt ihr eine eindeutige Bestim- mung zur Verantwortungs- und Fürsorgegemeinschaft zu. Innerhalb dieser Fürsorge- gemeinschaft muss die Würde der Person geachtet und ihre personale Entwicklung, auch in religiös-sittlicher Perspektive gewährleistet sein. Die Basis der Familie liegt in der Institution der Ehe, in der Mann und Frau in ”innigerVerbundenheitder Personen und ihren Tuns“40 eine Einheit bilden. Das Wohl der Kinder und die ”in- nige Vereinigung als gegenseitiges Sichschenken“41 verlangen ihren unauflöslichen Charakter.

In der Relation zum Staat wird die Autonomie der Familie durchweg stark betont.42 Familie wird als Grund- und Urform des Staates - als seine Keimzelle43 - verstanden. Die Kirche sieht in der Familie nicht nur die Grundlage für das eigene, das kirchliche Wohl, sondern auch für das des einzelnen und der Gesamtgesellschaft.44 Das Verhältnis zwischen Staat und Kirche wird auf die Grundsätze des Subsidiaritätsbegriffs reflektiert. Somit ist der Staat verpflichtet, der Familie bei Bedarf zu helfen, darf ansonsten aber nicht in die Familie eingreifen, es sei denn zum Schutz vor gewalttätigenÜbergriffen innerhalb der Familie.45 In ihrer Verantwortung gegenüber der Gesellschaft gehört es zu den Aufgaben der Familie aktiv zur Entwicklung beizutragen und amöffentlichen Leben teilzunehmen.46

Die Generationengemeinschaft der Familie steht im schöpfungstheologischen Kon- text und ist damit im Unterschied zu anderen Familienbegriffen ein theologischer Be- griff. In der Fortführung der Schöpfung liegt gleichsam die Begründung der Familie.

Die Elternschaft als Fortführung der Schöpfung zeichnet sich durch ihre Ähnlich- ” keit mit Gott“47 aus, auf die sich die Familie als communio personarum, als eine Gemeinschaf von Personen, die in der Liebe vereint sind, gründet. Die Sozialenzykliken haben stets gesellschaftliche Entwicklungen aufgegriffen und auf die Belange der Familie reflektiert. Dabei haben Veränderungen sozioökono- mischer und geistig-kultureller Art auch immer zu Veränderungen im christlichen Verständnis von Ehe und Familie geführt.48 Vor allem der Zweck der Ehe als bloße Zeugungsgemeinschaft wurde in ihrem Wert als unauflösliche Lebensgemeinschaft betont, auch wenn keine Kinder innerhalb dieser Gemeinschaft geboren werden.49 Die Familie als Institution erfährt dabei in ihren grundlegenden Dimensionen keineÄnderung. Es scheint jedoch sehr deutlich auf, dass sich das kirchliche Verständnis im Bezug auf die einzelnen Rollen innerhalb der Familie verändert hat. Während Rerum novarum den autoritären Vater stark betont und die Mutter auf die häus- lichen und mütterlichen Pflichten reduziert, werden diese strikten Zuweisungen in Gaudium et spes relativiert. Es ergeht ein eindeutiger Apell zur Würdigung der Ar- beit der Frau in Haushalt und Erziehung und zur verständnisvollen Teilhabe des Vaters an der Erziehung der Kinder.50 Mit Mulieris dignitatem wendet sich die Kir- che der Rolle der Frau noch einmal im Besonderen zu. Hier steht die Betonung der Gleichheit beider Partner im Vordergrund.51

2.3 Orientierungslinien für eine Ethik der Familie

Die Sozialethik wendet sich der Familie als gesellschaftlicher Institution zu. Sie beschäftigt sich mit den kulturellen Leitbildern von Familie, den der Familie zugewiesenen Aufgaben sowie den damit verbundenen Erwartungen. Zudem reflektiert eine Ethik der Familie die bestehenden sozialen Normen, d. h. die Verhaltensmustern und die innerfamilialen Rollenzuweisungen, die der Familie gegenüber aus moralischem und rechtlichem Anspruch heraus entstehen.52

Für eine Ethik der Familie ist vor allem ein Bestimmungsmerkmal der familialen Gemeinschaft herausragend: die Personalität. Die Familie wird zum Träger sozia- ler, personaler und religiöser Sinngehalte, d. h. sie ist in physischer Hinsicht ver- antwortlich für die Weitergabe des menschlichen Lebens, darauffolgend aber auch verpflichtet zur personalen Reifung und Entfaltung der einzelnen Familienmitglieder beizutragen. Menschliche Nähe und persönliche Vertrautheit setzen den qualitativen Rahmen der Familie als personaler Lebensgemeinschaft. Aus christlicher Sicht be- steht die Aufgabe der Familie in erster Linie darin erfülltes personales Leben zu ermöglichen, dies bedeutet auch Fürsorgebereitschaft und Solidarität unter den Familienmitgliedern. Schließlich kommt der christlichen Familie auch die Aufgabe der Glaubensweitergabe zu.5354

3 Familie - Begriff und Institution im Wandel

Zu Beginn der folgenden Erörterungen ist es unumgänglich, den Begriff der Familie zu definieren, da er in seiner Komplexität die gesamte Debatte um den Wandel der Familienformen fassen und gleichzeitig für die Reflexion der Familie in Hinblick auf die Werbedarstellungen nutzbar sein muss.

König definiert die Familie als ”GruppeeigenerArt“.55 InderEhesiehtKönigden Beginn einer Gruppe durch die Vermittlung von zwei Individuen, als Entstehungs- bedingung einer Familie. Mit der Ergänzung des Ehepaares durch das Dazukommen der Kinder wandeln sich die Rollen der tragenden Personen vom Gattenpaar zum Elternpaar. Die Familie gründe nicht in der Ehe, ”wohlaberumgekehrt,daalle rechtlichen Regelungen der Ehe einzig um der Familie willen getroffen werden. Kurz gesagt: die Ehe gründet in der Familie.“56 Der Unterschied der Familie zu anderen Gruppen bestehe in den engen Zusammenhängen intimer Gefühle, der Koopera tion und der gegenseitigen Hilfe, ”wobeidieBeziehungenderFamilienmitglieder den Charakter der Intimität und der Gemeinschaft innerhalb der Gruppe haben.“57 Die Familie wird als Zeugungsgruppe verstanden, wobei dies nicht als das alleinige Wesen der Familie verstanden wird, sondern als die erste ”StufezumAufbauder sozial-kulturellen Persönlichkeit“ . Weiter sei die Blutsgemeinschaft nicht allein kon- stitutives Merkmal der Familiengruppe. Das Verwandtschaftsband gründe vielmehr ”demsozial-moralischenZusammenhang,derdurchdieFamiliengruppeerrich- tet wird.“58 König stellt im Bezug auf die Familie also fest, dass ihr Wesen nicht ausschließlich in der Zeugung und Aufzucht von Kindern besteht (Möglichkeit der Zeugung und Geburt auch außerhalb der Familie), sondern in ihrem Wesen als soziale Institution.

Bei Arn wird die Familie als eine Personengruppe bezeichnet, welche durch El- ternschaft verbunden ist. Im Zentrum steht dabei das faktische (vor allem Kinder-, prinzipiell aber auch Alten-) Betreuungsverhältnis, somit verantwortliche soziale Elternschaft, nicht primär die biologische Verwandtschaft.59 Diese Definition fasst zwar ein entscheidendes Kriterium der Familie, allerdings kann dieser Begriff auf die folgendenÜberlegungen nicht angewendet werden. Es fehlt die Festlegung auf eine Haushaltsgemeinschaft.

Wird der Begriff Familie zu eng gefasst, z. B. auf die Gattenfamilie beschränkt, schließt dies die Rede von einem Wandel der Familie von vorn herein aus. Dass ein für alle familialen Lebensformen, d. h. Eltern mit ihren Kindern, gleich in welcher Konstellation und welcher Art sozialer Elternschaft, offenstehender Familienbegriff erst in der neueren Geschichte geprägt wurde, zeigt die Entwicklung der amtlichen Begrifflichkeit von Familie: ”Nochbis1969 galtenunverheiratetePaaremitKindern nicht als Familie. Entscheidendes Merkmal für eine Einordnung als Familie war die Ehe.“60 Heute werden solche Lebensgemeinschaften auch aus rechtlicher Perspektive weitgehend als Familien berücksichtigt. Im Zuge dieser Veränderungen weitete sich der Begriff der Familie auch im gesellschaftlichen Bewusstsein aus. Allerdings war dieser Prozess lange Zeit verbunden mit Diskriminierungen verschiedener Art. An der Entwicklung des amtlichen Familienbegriffs lässt sich die Entwicklung des Definitionskriteriums Ehe hin zur Elternschaft nachvollziehen.

Um zu einem möglichst weit gefassten Begriff von Familie zu gelangen, muss die Definition auf Hauptcharakteristika beschränkt werden. Diese sind: das Zusammenle- ben von mindestens zwei Generationen in einer Haushaltsgemeinschaft. Diese Kurz- definition darf (wie hier angemerkt werden muss) mit Recht angezweifelt werden, vor allem bei der Einschränkung auf eine Haushaltsgemeinschaft. Dieser Zusatz mag umstritten sein, zumal man im Fall sogenannter Commuter-Ehen (ein Partner lebt auf Grund beruflicher Tätigkeit nur am Wochenende bei seiner Familie) oder inähnlich konstruierten Fällen trotz getrennter oder zeitlich getrennter Haushalte von einer Familie sprechen kann.

Allerdings scheint die Definition für die folgenden Erörterungen, vor allem im Zusammenhang mit den in den thematisierten Werbeformaten angesprochenen Fa- milien, durchaus brauchbar und zweckmäßig, um einen klaren Umriss des Begriffs zu erreichen, der sich bei der bloßen Beschränkung auf das Zusammenleben von zwei Generationen in völliger Unklarheit aufzulösen droht.61 Auf der anderen Seite kann eine weitere Einschränkung z. B. hinsichtlich demographischer Faktoren nicht erfol- gen, da dies die Ausgrenzung einzelner Familientypen zur Folge hätte. Zur weiteren Ergänzung des Begriffs kann lediglich angemerkt werden, dass die Familie eine ge- sellschaftliche Gruppe darstellt, die allerdings im Unterschied zu anderen Gruppen ein ihr eigenes Merkmal aufweist: Sie wird stabilisiert durch ein besonderes, d. h. der Familie eigenes, ”Kooperations-undSolidaritätsverhältnis“62, innerhalb dessen den einzelnen Mitgliedern spezifische und nur für sie geltende Bezeichnungen und damit verbundene Rollendefinitionen zugewiesen werden.63 Eine weitere Formulie- rung, eine Konsensformel für das Leitbild der Familie, die auf diese letzteren spezi fisch familialen Eigenschaften aufbaut, ergibt sich aus dem Begriff der ”personalen Lebensgemeinschaft“. Diese Art der Lebensgemeinschaft gehtüber eine verzweckte wohn- und konsumorientierte Form des Zusammenlebens hinaus, indem die Familie einen Raum von Privatheit und Intimität bietet als eigenes System“64, als Spezialisierung der Familie. ”verselbständigtes,abgegrenztes ”DasLeitbildderpersonalenLe- bensgemeinschft trägt schließlich auch deshalb den Charakter einer Konsensformel, weil es offen ist für die Pluralität heutiger familialer oder quasifamilialer Lebensfor- men.“65

Berücksichtigt man alle Umstände, die einen Familienbildungs- und -wandlungs- prozess beeinflussen können, wie z. B. Geburt, Adoption, Scheidung, Verwitwung, Wiederverheiratung, Pflege, so lassen sich insgesamt 14 verschiedenen Familientypen charakterisieren.66

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Nave-Herz, Familie heute, 7.

Die Tabelle schließt eine weitere Unterscheidung in Stieffamilienverhältnisse nicht ein. Hier wird also deutlich, dass noch weit mehrere Formen möglich sind. Die Dar- stellung der verschiedenen Lebens- und Familienformen ist für das Verständnis der vorliegenden Arbeit insofern erforderlich, als nur auf Grund einer eingehenden Ana- lyse der Stellenwert von Ehe und Familie eruiert werden kann. Durch das Aufzeigen der Veränderungen wird die Grundlage vermittelt, von der auch die werbetreibende Industrie bzw. die Werbemacher ausgehen. Werbung setzt nämlich eine genaue Kenntnis des Marktes voraus. Deshalb erfolgt in diesem Kapitel einÜberblick zu den Entwicklungen und Wandlungen der Familie, die zur heutigen Ausprägung familialer Lebensformen geführt haben.

3.1 Familie im historischen Wandel

Zahlreiche familienhistorische Untersuchungen belegen, dass es vor und zu Beginn der Industrialisierung eine außerordentlich große Vielfalt familialer Lebensformen gegeben hat.

”InderdeutschenGesellschaftum 1800 existierten(...)deutlichvonein ander abgrenzbare und abgegrenzte Familienformen, deren Differenzen offensichtlich an die jeweiligen sozialstrukturellen Positionen gebunden waren. Die Unterschiede wurden durch ein ständisch gegliedertes Familienrecht untermauert.“67 Die heute auftretenden Lebensformen dürften schon in dieser Zeit existiert haben, auch wenn sie im Hinblick auf die Lebenslage der Menschen und die kulturelle Bedeutung mit den heutigen Familienformen nur bedingt vergleichbar sind. Alleinerziehende Eltern und Stieffamilien sind also durchaus keine Ausprägungen der heutigen Gesellschaft.68 Der Unterschied zu früheren Generationen besteht hauptsächlich in ihrem Zustande- kommen und in ihrer gesellschaftlichen Akzeptanz. Neben den familialen Leitbildern einer bestimmten Zeitspanne existierte also schon immer eine Vielfalt von Familien- formen. Allerdings wird die Vielfalt familialer Lebensweisen heute von der Gesamt- gesellschaft gelebt, ohne dass Unterschiede durch ständische Zuweisung vorgegeben sind. Rosenbaum unterscheidet die Familienformen nach Bauernfamilie, Handwer- kerfamilie, die Familie in der Hausindustrie69, die Familie im Bürgertum und die proletarische Familie.70 Die folgende Darstellung behandelt im wesentlichen die do- minanten Leitbilder, die das gesellschaftliche Bild der einzelnen Schichten prägten bis hin zur modernen Kleinfamilie der Nachkriegszeit.71

3.1.1 Das ”ganzeHaus“-NachfahredesantikenOikos

Diese Familien- bzw. Sozialform richtete sich oft nach der gesellschaftlichen Schicht und der damit verbundenen Produktionsweise. Ihr zentrales Merkmal war die ”Ein- heit von Produktion und Familienleben.“72 Vor allem für die bäuerliche und hand- werkliche Lebensweise stellte diese das wichtigste und am weitesten verbreitete Wirtschafts- und Sozialgebilde dar - in der Literatur häufig als typische Sozialform ”ganzenHauses“bezeichnet.73 DieseHausgemeinschaftübernahmeineVielzahl an gesellschaftlich notwendigen Funktionen, z. B. Produktion, Konsumption, Sozia- lisation, Alters- und Gesundheitsvorsorge. Innerhalb dieser Hausgemeinschaft domi- nierte der ”Hausvater“diealltäglichenAbläufeundEntscheidungen.SeinerGewalt unterstanden nicht nur die Familienmitglieder, sondern auch die Dienstboten bzw. Gesellen oder Lehrlinge. Sie zählten in gleicher Weise zum Hausverband. Emotiona- le Bindungen und Regungen standen in der Regel gegenüber materiellen zurück, so zum Beispiel bei der Verheiratung der Kinder. Bei diesemökonomischen Moment wurde die Arbeitskraft des neuen Mitglieds ebenso berücksichtigt wie die Mitgift. Diese Art des häuslichen Zusammenlebens stützte sich also insgesamt großteils auf die materiellen Beziehungsgeflechte einer Produktionsgemeinschaft. Sie wird als der dominante Familientypus der vorindustriellen Zeit gesehen. ”MitderAusbreitung der kapitalistischen Produktionsweise im Verlauf der Industrialisierung und der hiermit verbundenen Trennung von Arbeits- und Wohnstätte büßte die Sozialform des ,ganzen Hauses‘ enorm an Bedeutung ein.“74

Von der Soziologie wurde bis in die 1970er Jahre die Großfamilie (Dreigeneratio- nenhaushalt) als die typische vorindustrielle Haushaltsform in Europa angenommen. Diese These wurde von Mitterauer widerlegt.75 Der Historiker Gestrich betont, dass komplexe Haushalte (d. h. aus mehreren Familien bestehende und um ledige Perso nen erweiterte Haushalte) erst alsÜberlebenstrategie der Arbeiterschaft im Zuge der Industrialisierung zugenommen hätten.76 Zudem seien Mehrgenerationenhaushalte bereits auf Grund der geringen Lebenserwartung noch im 18. Jahrhundert (durch- schnittlich 55 Jahre)äußerst unwahrscheinlich.77 Seinen Nachforschungen zufolge nahm die Größe der Haushalte erst durch erhöhte Kinderzahl im Laufe des 19. Jahr- hunderts auf Grund von Modernisierungen in der Landwirtschaft und in ländlichen Industriegebieten zu.78

3.1.2 Die bürgerliche Familie - auf dem Weg zur Romantik

Im Zuge der Industrialisierung und des damit verbundenen gesellschaftlichen Diffe- renzierungsprozesses kristallisierte sich zuerst im gebildeten und wohlhabenden Bür gertum (hohe Beamte, Unternehmer, Kaufleute) der ”Typderaufemotional-intime Funktionen spezialisierten bürgerlichen Familie als Vorläufermodell der modernen Kleinfamilie heraus.“79 Hier konnten Frauen und Kinder in der Erwerbsarbeit ent- behrt werden. Peukert nennt fünf zentrale Punkte, durch die sich die bürgerliche Kleinfamilie von der Lebensform des ”ganzenHauses“mitseinenmultifunktionalen Lebenszusammenhängen unterscheidet:80

1. Wohnung und Arbeitsstätte sind räumlich getrennt. Die Produktion findet - eine maßgebliche Voraussetzung für die Privatisierung des familialen Zusam- menlebens - außerhalb der Familie statt.
2. Gesinde und Dienstboten sind räumlich ausgegliedert und erhalten immer häu- figer Angestelltenstatus.
3. Die bürgerliche Familie bildet einen privatisierten, auf emotional-intime Funk- tionen spezialisierten Teilbereich. Das Leitbild der Ehe als Intimgemeinschaft hebt - im Unterschied zur relativen Austauschbarkeit der Partner im Haus“ - die Einmaligkeit und Einzigartigkeit des Partners hervor; ”ganzen ”Liebe“wird zum zentralen Ehe stiftenden Motiv.
4 . Es erfolgt eine Polarisierung der Geschlechtsrollen. Dem Mann wird die Rolle des Ernährers zugeschrieben. Die Frau wird aus der Produktion ausgeschlossen und auf den familialen Binnenraum verwiesen.81
5. Kindheit wird zu einer selbständigen, anerkannten Lebensphase. Die Erziehung des Kindes wird zur ”ureigensten“AufgabederFrau.

Die Verbreitung des romantischen Liebesideals verbunden mit der Liebesheirat wurde zwar im19. Jahrhundert zum kulturellen Leitbild, allerdings barg die Praxis eine enorme Diskrepanz zu diesem Ideal.82 Die Liebesheirat war ausökonomischen Gründen nicht lebbar. Die Mehrzahl der bürgerlichen Kinder ging aus rein mate- riellen Erwägungen nach wie vor Vernunftehen ein. Zum Leitbild der bürgerlichen Kleinfamilie gehört auch die Polarisierung der Geschlechterrollen, d. h. die Zustän- digkeit des Ehemanns für den Außenbereich der Familie und die komplementäre Zuständigkeit der Ehefrau und Mutter für Haushalt und Familie. ”Diebürgerlichen Familien erlangten ihre historische Bedeutung vornehmlich durch ihre Leitbildfunktion auch für andere Schichten.“83

Die Herausbildung der bürgerlichen Kleinfamilie bedeutete allerdings nicht, dass diese Form die Gemeinschaft des ”ganzenHauses“vollständigundruckartigablös- te. In den niedereren Schichten blieb diese Funktionsgemeinschaft nochüber einen längeren Zeitraum bestehen. Je weiter die Industrialisierung fortschritt, desto mehr verlor sie jedoch an Bedeutung und wurde durch die Arbeiterfamilien abgelöst. In diesen Familien konnte jedoch nicht von einer mit der bürgerlichen Familie ver- gleichbaren Emotionalisierung und Intimisierung von Ehe und Familie die Rede sein. Schon auf Grund der eingeschränkten materiellen Mittel (niedrige Löhne, notwendi- ge Erwerbstätigkeit der Frauen und Kinder, beschränkte Wohnverhältnisse) war hier eine romantische Stilisierung des Lebens und der Liebe nicht möglich. Eine allge- meine Orientierung am Leitbild bürgerlichen Familie lässt sich erst gegen Ende des 19 . Jahrhunderts konstatieren. Durchsetzen konnte sich dieses Familienbild letztlich nicht, auch wenn es auf Grund sozialer Umschichtungsprozesse (mehr Angestellten- verhältnisse) zunächst so schien, da es bis 1950 - hauptsächlich verursacht durch den Ersten und Zweiten Weltkrieg - nicht gelang, für die Mehrheit der Bevölkerung eine ausschlaggebende Verbesserung der Lebensstandards zu erreichen.84

3.1.3 Die moderne Kleinfamilie der Nachkriegszeit - Ergebnis des Wirtschaftswunders

Letztlich verantwortlich für die ”EtablierungundGeneralisierungdesmodernen, bürgerlich gefärbten Familienmusters“85 ist das Wirtschaftswunder der Nachkriegs- zeit. Die Lohnsteigerungen und der Aufbau der sozialen Sicherungssysteme hob die Lebensqualität der Mittel- und Unterschicht in den 1950er und 1960er Jahren deut- lich an. Die moderne Kleinfamilie wurde zur dominanten, massenhaft gelebten ( ”nor- malen“) Lebensform. Parteien und Kirchen trugen zur Verallgemeinerung dieses Fa- milientyps bei. Das Leitbild der modernen Familie verlangt von jedem Menschen die lebenslange, monogame Ehe. Der Sinn der Ehe erfüllt sich letztlich in der Fa- miliengründung.86 Die Ehefrau und Mutter ist primär zuständig für die emotional- affektiven Bedürfnisse der Familie und für die Haushaltsführung. Dem Vater als Autoritätsperson obliegen die Außenbeziehungen und die instrumentellen Aspekte des Familienlebens. Alternative Formen des Zusammen- oder Alleinlebens werden (bestenfalls) als Not- oder Ersatzlösung toleriert oder sogar diskriminiert (Geschie- dene, Nichteheliche Lebensgemeinschaften, Alleinlebende).87 Während der 1950er und 1960er Jahre kann ein Höhepunkt dieser Entwicklung festgemacht werden. In diesem Zeitraum manifestiert sich auch die Rollenverteilung der Geschlechter: Vater - Außenbereich; Mutter - Innenbereich.88 Die Familie hatte ihre Produktionsfunk- tion verloren. Dieser soziale Leerraum wurde zugunsten emotionaler Beziehungen aufgefüllt. ”ImZentrumdermodernenoderprivatisiertenKleinfamiliestehenintim- expressive Funktionen (die Befriedigung subjektiver Bedürfnisse nach Intimität, persönlicher Nähe, Geborgenheit, Sexualität) und sozialisatorische Leistungen.“89 Auch die Kindheit wird mehr und mehr als eigenständige Entwicklungsphase erkannt und praktiziert.90 Emotionale Zuwendung und Betreuung - vor allem durch die Mutter - wird zur Regel.

Peukert sieht die Entstehung Kleinfamilie als Ergebnis eines langfristigen ”strukturell- funktionalen Differenzierungsprozesses von Gesellschaft“91 an.92 ÄltereGesellschafts- formationen waren eher in Form von Sozialverbänden aufgebaut, die alle Leistungen selbständig erbringen konnten. Im Verlauf der neuzeitlichen Entwicklungen, vor al- lem im Laufe des 19. Jahrhunderts, entwickelte sich ein differenzierterer Gesellschaft- stypus mit eigenständigen gesellschaftlichen Teilbereichen (Politik, Wirtschaft, Re- ligion, Recht, Wissenschaft). In diesem Zusammenhang ist auch der Strukturwandel der Familie zu sehen.

Die Lebensgemeinschaft der modernen Kleinfamilie ist nach dem Zweiten Welt- krieg zur ”Normalfamilie“geworden.KeineandereFamilienformhatsichjemalsso dominant behauptet. Tyrell spricht in diesem Zusammenhang von einer ”institutio- nellen Dignität“ von Ehe und Familie.93 Die Institutionalisierung zeigt sich daran, dass für den Einzelnen Eheschließung und Familiengründung als selbstverständlich, als Normalverhalten nahe gelegt werden. ”JederErwachseneistzurEheschließung und Familiengründung nicht nur berechtigt, sondern in gewisser Weise verpflichtet und hat diese soziale Norm im Verlauf seiner Sozialisation internalisiert.“94 Zu Beginn der 1960er Jahre lebtenüber 90 Prozent aller Kinder unter sechs Jahren bei ihren leiblichen Eltern. Die Heiratswahrscheinlichkeit lag für die damals 18jährigen Männer bei 96 Prozent, für die 16jährigen Frauen bei 95 Prozent.95

Auch heute beherrscht diese Familienform die Vorstellung der Menschen; vor dem Hintergrund der Deinstitutionalisierungstendenzen von Ehe und Familie wird häufig ”Verfall“beklagt.IndiesemZusammenhanggibtPeukertzubedenken: ”Bevor man ein vorschnelles Urteil abgibt, sollte man bedenken, dass die aktuellen Ver-änderungen der privaten Beziehungsformen vor dem Hintergrund einer historisch einmaligen Situation gesehen werden müssen. Nie zuvor war eine Form von Ehe und Familie so dominant wie in der Nachkriegszeit bis Mitte der60 er Jahre. Die moderne Kleinfamilie96 als selbständige Haushaltsgemeinschaft eines Ehepaares mit seinen minderjährigen Kindern hatte sich faktisch und normativ (als unhinterfragtes Leitbild) nahezu universell durchgesetzt. Aus Liebe folgte zwingend Heirat/ Ehe- schließung (. . . ).“97 Auf diesem Hintergrund müssen die Entwicklungen im Bereich der Familien und Lebensgemeinschaften reflektiert werden, was die Dramatik der Veränderungen in mancher Hinsicht entschärft.

Angesichts niedriger aber konstanter Heirats- und Geburtenzahlen98 scheint es in unmittelbarer Zukunft nicht wahrscheinlich, dass sich die abzeichnenden Trends wieder hin zu einer Stärkung der ”Normalfamilie“inderbeschriebenenFormumkeh- ren. Dagegen spricht auch die gesteigerte Selbständigkeit der Frauen. Peukert betont die Polarisierung der gesellschaftlichen Lebensformen in einen einen ”Familiensektor“und ”Nichtfamiliensektor“.99

3.2 Familie heute

Bevor auf die Formen heutiger familialer Lebensgemeinschaften im einzelnen einge- gangen wird, scheint es sinnvoll zunächst auf die Veränderungen einzugehen, die zur Pluralisierung und Individualisierung der familialen Lebensformen geführt haben. Der Bedeutungsverlust der modernen Kleinfamilie ist im wesentlichen auf Deinsti- tutionalisierungsprozesse zurückzuführen, die Ehe und Familie bedrohen. Im Ge- genzug wird ein Individualisierungsprozess beschrieben, der durchaus auch positiv zu bewertende Impulse geliefert hat und teilweise andere Wertmaßstäbe ansetzt als das Leitbild der modernen Kleinfamilie. In den folgenden Betrachtungen wird deut lich, dass die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte nicht vereinfacht mit ”gut“oder schlecht“ beurteilt werden können. Ob und inwieweit Familie in ihrem institutio- ” nellen Charakter an Bedeutung verloren hat, welche Aufgaben und Funktionen sie in der Gesellschaft nach wie vor wahrnimmt und wahrnehmen sollte und welche demographischen Entwicklungen sie beeinflussen, soll in diesem Kapitel geklärt werden, bevor das Ergebnis dieser komplexen Umwälzungsprozesse, die Formen heutiger Lebensgemeinschaften, genauer ins Blickfeld rücken.

3.2. 1 Deinstitutionalisierung und Individualisierung

3.2.1.1 Familie als Institution - Aufgaben und Funktion in der Gesellschaft

Das System der Familie wird unter den Begriff Institution gefasst - eine durch Sitte und Rechtöffentlich garantierte Ordnungsgestalt - geregelte Kooperation - inner- halb der Gesellschaft.100 Es kann strukturell-funktional unterschieden werden zwi- schen der Familie als Alltagswirklichkeit (mikrosoziologischer Ansatz) und der Fami- lie als Institution (makrosoziologischer Ansatz)101. Derüberindividuelle Charakter der Familie ist gekennzeichnet durch Formen der gesellschaftliche Anerkennung und ist auf Dauer angelegt.

”FamiliealsInstitutionbezeichnetdabeieinenKomplex kultureller Leitbilder und sozialer Normen und daran anknüpfender sozialer Kon- trollmechanismen.“102 Von der Institutionalisierung der Familie spricht man seit den 1950er/ 1960er Jahren. Eheschließung und Familiengründung wurden zur Normalität, sogar zur gesellschaftlichen Verpflichtung. Ebenso stellte die Ehe als Institution eine feste gesellschaftliche und sozialisatorische Größe dar. Fasst man nach Hettlage pragmatisch verkürzt zusammen, lassen sich vier Bereiche unterscheiden, in denen sich die essentielle Rolle der Familie hinsichtlich der individuellen und sozialen Be- dürfniserfüllung zeigt: Reproduktionsfunktion, Sozialisationsfunktion, Wirtschafts- funktion, Solidaritätsfunktion.103 Der Zeugungs- und Erziehungscharakter der Fa- milie ist offensichtlich und in der soziologischen Literatur gefestigt.104 Die Familie wird auch gern als ”KeimzelledesStaates“beschrieben,dasiefürdenFortbestand einer Gesellschaft hinsichtlich der Quantität aber auch der Weitergabe kultureller Güter (hierfür in den ersten Lebensjahren eines Kindes sogar ausschließlich) pri- mär verantwortlich ist. Ohne die verlässliche Präsenz einer Bezugsperson wäre die Sozialisation für Kinder unmöglich. Zusätzlich erfüllt die Familie immer auch eine Wirtschaftsfunktion. Dies wird am Beispiel der vorindustriellen Hausgemeinschaft als Produktionsgemeinschaft besonders deutlich, doch auch heute, trotz räumlich ge- trennter Konsum- und Produktionsaktivität, leisten die Familien einen erheblichen Anteil des wirtschaftlichen Umsatzes.

”Fürdie Verwirklichung desgesellschaftsord- nungspolitischen Konzepts der Sozialen Marktwirtschaft erweisen sich die Familien als recht wichtig, nämlich als großes, im Marktrand oder -rahmen angesiedeltes Leis- tungsreservoir und Träger von Solidarität, die im Marktgeschehen selbst kaum aus- geprägt werden kann.“105 Würden die wirtschaftlichen Aufgaben von den Familien nicht ausgeführt, hätte dies auch Auswirkungen auf die anderen Funktionen (Repro- duktion, Sozialisation, soziale Plazierung). Als Gegengewicht zur Arbeit leistet die Familie einen Ausgleich, indem sie Raum zur Erholung und Entspannung bietet. Die Familie spielt eine zentrale Rolle in der Freizeitgestaltung (gemeinsame Unterneh- mungen, aber auch familiäre Verpflichtungen). An dieser kurzen Darstellung wird bereits deutlich, dass die Funktionen von Familie eng miteinander verbunden sind. Gelangt eine Dimension familialen Zusammenlebens aus dem Gleichgewicht, werden auch die angrenzenden Bereiche destabilisiert.106

In diesem Zusammenhang ist auch vielfältig die Rede von einem Funktionsverlust - in abgeschwächter Form von einem Funktionswandel - der Familie. In einigen Be- reichen gibt die Familie ihre Zuständigkeit nach außen ab, d. h. an den Staat (Schutz- funktion: Recht, Sicherheit; Bildung und Erziehung), die Wirtschaft (Ausbildung), Organisationen (Freizeitgestaltung: Medien, Sportveranstaltungen) oder auch die Kirchen (religiöse Erziehung). Auf Grund dieser gesellschaftlichen Ausdifferenzie- rung spricht Schelsky von ”institutionellenRestfunktionengr“107, vertritt jedoch die These, dass es sich hierbei nicht um einen Funktionsverlust, sondern lediglich um eine Auslagerung jederzeit mobilisierbarer Funktionen handelt. König sieht in der Auslagerung dieser Funktionen den Ausgangspunkt für die Verstärkung der Soziali- sationsfunktion der Familie als Kompensationsreaktion dieses Verlustes. Der Begriff des Funktionsverlustes verliert bei König seine negative Konnotationen, da sich die Familie wieder auf ihre eigentlichen Aufgaben konzentrieren könne.108 Trotz dieser Funktionsverlagerungen bleibt die Familie nahezu die einzige soziale Institution, in welcher Gefühle und individuelle Personalität geäußert werden dürfen. Kaufmann betont die Bedeutung der Familie als licher Affektivität“ im Gegensatz zur ”sozialerRaumerlaubterzwischenmensch- ”zunehmende(n)affektive(n)Neutralisierung aller zwischenmenschlichen Beziehungen in der Öffentlichkeit“.109 Die emotionale Leistungsfähigkeit der Familie sollte im Idealfall zur Stabilisierung der einzelnen Mitglieder dienen. Hier wird gleichermaßen die Ambivalenz dieser Funktion deut- lich: Fehlt der familiale Rückhalt, so machen sich die Auswirkung vor allem bei Kindern meist deutlich bemerkbar. Das Gelingen dieser Stabilisierung stellt für die personale Entwicklung und Sozialisation der Kinder, aber auch für die psychische sowie die physische Gesundheit der Gatten einen entscheidenden Vorteil dar.110 Ein zusätzlicher Funktionswandel wird in familieninterner Dimension durch gesteigerte Erziehungsansprüche deutlich.111 Hier kann weniger von einem Verlust als von einer Funktionsüberfrachtung der Familien gesprochen werden, da sich Familien in einer immer komplexer werdenden Kommunikations- und Leistungsgesellschaft schlicht- weg in ihrer Aufgabe als primäre Sozialisationsinstanzüberfordert sehen.112

3.2.1.2 Demographischer Wandel seit der Nachkriegszeit

Die Veränderungen, die zu einer Pluralisierung und Individualisierung der sogenann- ten Normalfamilie geführt haben, sind zum Teil auf demographische Wandlungspro- zesse zurückzuführen, die seit den 1960er Jahren vermehrt aufgetreten sind.113 Bevor die Formen der heutigen Lebensgemeinschaften ausführlich besprochen werden, er- scheint es sinnvoll dem demographischen Wandel seit der Nachkriegszeit ein kurzes Kapitel voranzustellen und diesen zu für die folgendenÜberlegungen zu vergegen- wärtigen.

Mit dem demographischen Wandel sind vor allem der Geburtenrückgang, die Hei- ratshäufigkeit und die Zahl der Ehescheidungen gemeint. Kaufmann bezeichnet die demographischen Veränderungen seit 1965 als die wichtigsten Krisensymptome der Familie.114 In den westlichen Industrienationen verstärkte sich diese Tendenz be sonders während der vergangenen 30 Jahre. Einen regelrechten ”demographischen Bruch“115 kennzeichnet das Jahr 1965, obwohl zu dieser Zeit die Vollbeschäftigung in Deutschland als erreicht galt und eine stetige Erhöhung des Lebensstandards zu verzeichnen war.116 Verkürzt zusammengefasst kann man feststellen, dass durch eine allgemeine Optionssteigerung die Entscheidung zur Gründung einer Familie er- schwert wird, zumal die Geburt eines Kindes eine langfristige und irreversible Festle- gung der eigenen Biographie bedeutet. Die Entscheidung für eine geringe Kinderzahl bzw.überhaupt gegen Kinder hängt immer mehr von einer partnerschaftlichen Ent- scheidung ab, die von konkurrierenden Werten wie Wohlstand, Arbeit und Karriere (vor allem als Möglichkeiten für die Frau) sowie Mobilität entscheidend beeinflusst wird.117 1999 wurden im Durchschnitt 1,3 Kinder pro Frau in Deutschland geboren. Im Jahr 1964 lag dieser Wert noch bei 2,5.118 Der Geburtenrückgang spiegelt sich auch in den Eheschließungs- und Scheidungszahlen wieder. 1965 wurden in Deutsch- land (BRD und DDR) insgesamt 621 130 Ehen geschlossen. Diese Zahl sank 2000 auf 418 550.119 Dementsprechend lässt sich auch ein drastischer Anstieg der Scheidungs- zahlen nachzeichnen. Hier ist von 1970 (103 927 Ehescheidungen) bis 2000 (194 408) fast eine Verdoppelung festzustellen.120

3.2.1.3 Die Individualisierungsthese

Über die letzten Jahre und Jahrzehnte ist eine erhöhte Instabilität von Ehe und Fa- milie zu verzeichnen, was anhand zahlreicher soziologischer Veröffentlichungen nach- zuvollziehen ist. Allerdings tendieren die einzelnen Autoren in der Wertung dieses Phänomens entschieden auseinander. Zum einen wird diese Entwicklung mit einem fortschreitenden Wertewandel und der Deinstitutionalisierung der Familie gleichge genannt. Eine genaue Analyse der komplexen soziologischenÜberlegungen würde in diesem Zusammenhang allerdings zu weit führen. setzt.121 Auf der anderen Seite sehen Autoren wie z. B. Beck und Beck-Gernsheim den damit verbundenen Gewinn an individueller Freiheit im Vordergrund und so- mit die Wahlmöglichkeiten zwischen den Formen menschlichen Zusammenlebens. Beck benennt diese Entwicklung in positiver Formulierung als Individualisierungs prozess.122 Verkürzt dargestellt wird demzufolge die ”BiographiedesMenschen(...) aus traditionellen Vorgaben und Sicherheiten, aus fremden Kontrollen undüberre- gionalen Sittengesetzen herausgelöst, offen, entscheidungsabhängig und als Aufgabe in das Handeln jedes einzelnen gelegt.“123 In diesem Zusammenhang konstatieren Beck und Beck-Gernsheim auch den Wandel von der Normalbiographie zur Wahl- biographie.124 Es kann kein Zeitpunkt festgesetzt werden, kein plötzlicher Bruch, bei dessen Eintreten die Individualisierung eingesetzt hätte. Vielmehr handelt es sich hierbei um einen Individualisierungstrend infolge fortschreitender Modernisierungs- prozesse, der sich in unterschiedlich starker Ausprägung (z. B. deutlich stärker im städtischen Bereich, bei Personen mit höherem Bildungsniveau, etc.) abzeichnet. Ge- stiegene Lebensstandards eröffnen den Menschen immer mehr Raum für persönliche Entfaltung. Der Alltag ist nicht mehr mit dem täglichen Kampf umsÜberleben, also rein mit der Erhaltung der materiellen Existenz ausgefüllt, sondern fordert vielmehr zur individuellen Gestaltung heraus. Auch die Bildungsexpansion hat zum Prozess der Individualisierung erheblich beigetragen, vor allem für Frauen in Bezug auf ihre beruflichen Möglichkeiten. Dies hat die bestehenden Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern zwar nicht beseitigt, sie allerdings erst vergegenwärtigt.125

Im Zuge dieser Individualisierung sind Mann und Frau als zwei gleichberechtigte, selbständige Individuen herausgebildet worden. Beck und Beck-Gernsheim bezeich- nen diesen Vorgang nicht ohne Humor, aber wohl mit hohem Wahrheitsgehalt als kleine nachfranzösische Revolution“: ” ”EbensowiedieBauernausihrerSchollen- bindung ,freigesetzt‘ wurden, ebenso wie der Adel seiner Geburtsprivilegien beraubt wurde, ebenso zerbricht das geschlechtsständische Binnengefüge der Kleinfamilie an der Gleichheit und Freiheit, die nun auch vor den Toren der Privatheit nicht länger haltmacht (...)“.126 Vor allem für die Frauen stieg mit der Bildungsexpansion und der Steigerung der beruflichen Chancen und Möglichkeiten die Schwierigkeit der Verein- barkeit von Beruf und Familie. Beruflicher Erfolg wurde so zu einem konkurrierenden Wert.127 Im Bezug auf Familie bedeutet dies, dass die gewählte Lebensform flexi-

[...]


1 Vgl.: Buchli, 6000 Jahre Werbung, 11.

2 Vgl.: Statistisches Jahrbuch für die Bundesrepublik Deutschland, 2002, Tabelle 21.1.1/2002.

3 Vgl.: Statistisches Jahrbuch für die Bundesrepublik Deutschland, Tabellen XV.2.b/1962,

4 Vgl.: Nave-Herz, Familie heute, 16f.

5 Kroeber-Riel, Strategie und Technik der Werbung, 82. 20.7/1982, 21.6/1992, Seite 22*/1972.

6 Vgl.: Kroeber-Riel, Strategie und Technik der Werbung, 25f.

7 Anzenbacher, Christliche Sozialethik, 85.

8 Z. B. die Arbeitsgemeinschaft katholischer Sozialreformerökonomische Studien“. ”FreiburgerUnionfürsozialeund

9 Vgl.: Kerber - Heimo - Hainz (Hg.): Katholische Gesellschaftslehre imÜberblick, 41-45.

10 Rerum novarum, Nr. 9.

11 Rerum novarum, Nr. 33.

12 Rerum novarum, Nr. 11.

13 Rerum novarum, Nr. 10.

14 Rerum novarum, Nr. 11.

15 Gaudium et spes, Nr. 4.

16 Weber, Einleitung, in: Zweites Vatikanisches Konzil: Pastoralkonstitution, Die Kirche in der Welt von heute, 15.

17 Gaudium et spes, Nr. 47.

18 Gaudium et spes, Nr. 47.

19 Gaudium et spes, Nr. 47.

20 Vgl.: Gaudium et spes, Nr. 48.

21 Gaudium et spes, Nr. 50.

22 Gaudium et spes, Nr. 48.

23 Gaudium et spes, Nr. 52.

24 Gaudium et spes, Nr. 52.

25 Familiaris consortio, Nr. 6.

26 Vgl.: Familiaris consortio, Nr. 6.

27 Vgl.: Familiaris consortio, Nr. 17.

28 Vgl.: Familiaris consortio, Nr. 42.

29 Das Zweite Vatikanische Konzil spricht in Gaudium et spes bereits von einer berechtigten ge- sellschaftlichen Hebung der Frau. Humanae vitae (1968) umgeht eine Stellungnahme zur ein- setzenden und gesellschaftlich stark diskutierten Emanzipation der Frau.

30 Mulieris dignitatem, Nr. 10.

31 Vgl. Mulieris dignitatem, Nr. 7.

32 Vgl.: Brief an die Familien, Nr. 16.

33 Brief an die Familien, Nr. 6.

34 Vgl.: Brief an die Familien, Nr. 15.

35 Vgl.: Brief an die Familien, Nr. 16.

36 Vgl.: Brief an die Familien, Nr. 17.

37 Vgl.: Brief an die Familien, Nr. 17.

38 Evangelium vitae, Nr. 99.

39 Vgl.: Gaudium et spes, Nr. 48; Familiaris consortio, Nr. 33.

40 Gaudium et spes, Nr. 48.

41 Gaudium et spes, Nr. 48.

42 Vgl.: Rerum novarum, Nr. 10; Brief an die Familien, Nr. 17

43 Gaudium et spes, Nr. 47.

44 Vgl.: Gruber, Familie und christliche Ethik, 3.

45 Vgl.: Rerum novarum, Nr. 10.

46 Vgl.: Familiaris consortio, Nr. 17.

47 Vgl.: Brief an die Familien, Nr. 6.

48 Vgl.: Gruber, Familie und christliche Ethik, 2f.

49 Vgl.: Gaudium et spes, Nr. 50; Das veränderte Eheverständnis leuchtet auch in der neuen Fassung des Codex Iuris Canonici (1983) auf: ”UnfruchtbarkeitmachtdieEheschließungweder unerlaubt noch ungültig (...)“ . Die Ehe behält also auch ihren Wert, wenn die Zeugung von Nachwuchs nicht oder nicht mehr möglich ist. Vlg.: CIC, can.1084§3.

50 Vgl.: Gaudium et spes, Nr. 52; Die Autorität des Vaters wird hier nicht eindeutig verneint, aber auf Grund der veränderten Begrifflichkeiten kann im Vergleich zu Rerum novarum durchaus von einer Relativierung der väterlichen Autorität gesprochen werden.

51 Vgl.: Mulieris dignitatem, Nr. 7.

52 Vgl.: Baumgartner, Familie als personale Lebensgemeinschaft, 37f.

53 Vgl.: Gruber, Familie und christliche Ethik, 64-73.

54 Die Entwicklung der Familienformen ist in in der ehemaligen DDR, bzw. den neuen Bundes- ländern und der Bundesrepublik Deutschland unterschiedlich verlaufen. Dieses Phänomen ist auch heute noch erkennbar. In der hier dargestellten Entwicklung wird nicht gesondert auf ost- bzw. westspezifische Besonderheiten eingegangen. Sollte hier eine Differenzierung stattfinden, beziehen sich diese auf die Erkenntnisse von Peukert; weiterführend hierzu: Familienformen im Wandel, Opladen4, 2002. Im Anhang (S. 361) geht Peukert gesondert auf die Entwicklungen von Ehe und Familie in den Ländern der Europäischen Union ein.

55 König, Rene, Materialien zur Soziologie der Familie, 93.

56 König, Materialien zur Soziologie der Familie, 96.

57 König, Materialien zur Soziologie der Familie, 98.

58 König, Materialien zur Soziologie der Familie, 104.

59 Vgl.: Arn, Zur Metamorphose des Arbeits- und des Familienbegriffs, 210.

60 Arn, Zur Metamorphose des Arbeits- und des Familienbegriffs, 203.

61 In diesem Falle kämen auch Familien in Frage, bei denen die erwachsenen Kinder bereits einen eigenen Haushalt gegründet haben. Eltern und Kinder bilden in diesem Fall zwar immer noch eine Familie, allerdings gehören die Kinder nicht mehr dem elterlichen Haushalt an und sind somit für die folgendenÜberlegungen nicht von Bedeutung.

62 Nave-Herz, Familie heute, 5.

63 Z. B. Vater, Mutter, Tochter, Sohn, Bruder, Schwester, etc.

64 Baumgartner, Familie als personale Lebensgemeinschaft, 41.

65 Baumgartner, Familie als personale Lebensgemeinschaft, 42.

66 Vgl.: Nave-Herz, Familie heute, 5ff.

67 Rosenbaum, Formen der Familie, 15.

68 Vgl.: Beck-Gernsheim, Was kommt nach der Familie?, 21ff.

69 Mit Hausindustrie wurde die Heimarbeit - vor allem in ländlichen Bereichen, also nicht den Regeln der Zünfte unterworfen - verstanden, z. B. Textilarbeiten (Webstühle), in die die ganze Familie einbezogen wurde und sich damit einen kleinen Nebenerwerb erarbeitete.

70 Weiterführend hierzu: Rosenbaum, Heidi: Formen der Familie, Frankfurt a. Main, 1982.

71 Der Oikos, das ”Haus“wardieGrundlagederathenischenGesellschaft.DieBürgerwurden nicht als Individuen angesehen, sondern ihr Platz in der Gesellschaft bzw. in der Polis wurdeüber die Zugehörigkeit zu einem Oikos definiert. Der Kyrios stand der Hausgemeinschaft vor und verwaltete sowohl das Vermögen als auch die politischen und sozialen Beziehungen nach außen. Die Funktion der Oikoi bestand in Produktion (Lebensmittel, Textilien, in erster Linie zur Selbstversorgung), Konsumption und Reproduktion aber auch religiöser und kultischer Hinsicht. Weiterführend hierzu: Krause, Jens-Uwe: Antike, in: Gestrich, Andreas - Krause, Jens-Uwe - Mitterauer, Michael: Geschichte der Familie, Stuttgart,2003, S.21-160 .

72 Peukert, Familienformen, 21.

73 Vgl.: Brunner, Das ”ganzeHaus“unddiealteuropäische ”Ökonomik“,103 ff. Anmerkung: Das Wort ”Haus“bezeichnetinbeidenbiblischenSprachen(ähnlichwieinder griechischen Antike) zugleich das Gebäude wie die darin wohnhafte Personengruppe und steht unserem Wort ”Familie“inhaltlichamnächsten.EineigenerBegrifffür ”Familie“existiertnicht. ”DasvermagunszunächstalsWarnungdavorzudienen,unsereeigenenAnliegenzuunbesehen in die Bibel zurückzuprojizieren, und es kann uns umgekehrt daran erinnern, dass unser Konzept von Familie Ergebnis einer neuzeitlichen Entwicklung ist und verschiedene Differenzierungsprozesse zwischen Berufswelt und häuslichem Leben etwa voraussetzt.“ ; Klauck, Hans-Josef: Die Familie im Neuen Testament, in: Bachl, Gottfried (Hg.): Familie leben: Herausforderungen für die kirchliche Lehre und Praxis, Düsseldorf,1995.

74 Peukert, Familienformen, 22.

75 Vgl.: Mitterauer, Der Mythos von der vorindustriellen Großfamilie, 38-63.

76 Vgl.: Gestrich, Neuzeit, 388.

77 Vgl.: Hettlage, Familienreport, 46.

78 Vgl.: Gestrich, Neuzeit, 388f.

79 Peukert, Familienformen, 22.

80 Peukert, Familienformen, 22.

81 Hier wird deutlich, dass die familiale Rollenverteilung keineswegs immer so klar gegliedert war. Erst mit der Entwicklung der bürgerlichen Familie erlangte sie ihren gesellschaftlich verpflich- tenden Charakter, zumindest in den niedrigeren Schichten. In der Großfamilie bzw. der Pro duktionsgemeinschaft des ”ganzenHauses“konntezwareinSchwerpunktdermütterlichenund väterlichen Aufgaben zugeschrieben werden, aber für den Fortgang der Produktion und damit für die Sicherung der Lebensgrundlage trug die Frau wesentlich mehr Mitverantwortung als in anderen Familienformen, in denen die Frau nicht mehr notwendigerweise an der Erwerbsarbeit partizipieren musste. Vor allem in bäuerlichen Betrieben konnte die Rolle der Frau nicht nur auf Haushalt und Kindererziehung beschränkt werden. Zudem war - im Gegensatz zu heute - die Arbeit im Haushalt mit wesentlich höherem Auf wand verbunden und wohl durchaus als

82 Vgl.: Luhmann, Liebe als Passion, 163f.

83 Peukert, Familienformen, 24.

84 Vgl.: Peukert, Familienformen, 20-24.

85 Peukert, Familienformen, 24.

86 Vgl.: Gestrich, Neuzeit, 483.

87 Vgl.: Peukert, Familienformen, 24f.

88 In der DDR festigte sich der Familientypus in gleicher Form, allerdings ohne die genauen Rol- lenzuweisungen von Mann und Frau, da die Mütter in der Regel genauso für den Unterhalt der Familie zuständig waren bzw. einer Erwerbstätigkeit nachgingen wie die Väter. Deshalb entwickelte sich in der DDR im Gegensatz zur BRD ein flächendeckendes Netz an Kinderbe- treuungsplätzen für Kinder ab einem Alter von zwei Jahren.

89 Peukert, Familienformen, 25.

90 Weiterführend hierzu: Aries, Phillipe, Geschichte der Kindheit, München8, 1988.

91 Peukert, Familienformen, 20.

92 Weiterführend hierzu: Parsons, Talcott: Gesellschaften: Evolutionäre und komparative Perspek- tiven, Frankfurt a. M., 1975 und Rothenbacher, Franz: Haushalt. Funktionale Differenzierung und soziale Ungleichheit, in: Zeitschrift für Soziologie, Nr. 16, 1987, 450-466.

93 Tyrell, Familie und gesellschaftliche Differenzierung, 13f.

94 Peukert, Familienformen, 25. Peukert geht hier nicht darauf ein, inwieweit Eheschließung und Familiengründung bereits vorher eine soziale ”Verpflichtung“dargestellthaben.Obdieserstseit den 1950 er und 1960 er Jahren der Fall ist, bleibt ungeklärt.

95 Vgl.: Peukert, Familienformen, 26.

96 Die moderne Kleinfamilie bezeichnet bei Peuckert die konventionalisierte Familienform der Nach- kriegszeit bis Mitte der 60er Jahre. Im Folgenden wird der Begriff moderne Familie im gleichen Sinn und auf den gleichen Zeitraum bezogen verwendet.

97 Peukert, Familienformen, 9.

98 Statistiker gehen davon aus, dass ca. 60 Prozent der jüngeren Generation heiraten werden; je Frau werden durchschnittliche nur noch 1,4 Kinder geboren; durchschnittlich vier von zehn Ehen werden geschieden.

99 Vgl.: Peukert, Familienformen, 331ff.

100 Vgl.: Gukenbiehl, Institution und Organisation, 96-104.

101 Vgl.: Hill - Kopp, Familiensoziologie, 74f; Vgl.: Weiterführend hierzu: König, Rene (Hg.): Hand buch der empirischen Sozialforschung, Familie - Alter, Bd. 7, Stuttgart 102 Peukert, Familienformen, 38. 2, 1976.

103 Vgl.: Hettlage: Familienreport, 32-37.

104 Vgl.: König, Rene: Die Familie der Gegenwart. Ein interkultureller Vergleich, München, 1974; Schelsky, Helmut: Wandlungen der deutschen Familie in der Gegenwart, Stuttgart5, 1967.

105 Wingen, Familien heute, 57.

106 Die Arbeitsleistung kann durch familiäre Konflikte extrem beeinträchtigt werden, was wiederum zu einer Minderung der Wirtschaftsleistung führt, usw.

107 Vgl.: Schmidt, Deutsche Familiensoziologie, 41.

108 Vgl.: König, Soziologie der Familie, 174.

109 Kaufmann, Zukunft der Familie im vereinten Deutschland, 38.

110 Vgl.: Kaufmann, Zukunft der Familie im vereinten Deutschland, 38f.

111 Unter anderem der Bereich der Medienerziehung tritt immer deutlicher in deröffentlichen Dis- kussion hervor. Medienerziehung kann nicht nur von staatlichen Einrichtungen (Schulen etc.) geleistet werden, sondern beginnt in der Familie (Mediennutzungsgewohnheiten der Eltern, Rezeptions- und Beurteilungsfähigkeit). Besonders das Fernsehenübt zunehmend Einfluss auf die Sozialisation von Kindern und Jugendlichen, deshalb wird Medienkompetenz heute zum unerlässlichen Bestandteil der Erziehung.

112 Vgl.: Kübler, Der Familien elektronische Bilder, 91f.

113 Die Betrachtung der demographischen Faktoren soll in diesem Kapitel auf die Nachkriegszeit be- schränkt bleiben, also auf jene Faktoren, die den Wandel hin zu den heutigen Familienformen ausschlaggebend mitbeeinflussen. Selbstverständlich wurden auch die vorhergehenden Verän- derungen der Familie durch demographischenVeränderungen mit beeinflusst: im wesentlichen durch Industrialisierung, Urbanisierung und die rasche Verbreitung von Verkehrs- und Kommu- nikationsmitteln. Allerdings hängen die Veränderungen der Familienformen, wie die historische Familiensoziologie seit den 1970er Jahren aufwies, auch von einer Reihe wirtschaftlicher, so- zialer, rechtlicher und religiöser Faktoren ab. Diese Faktoren seien der Vollständigkeit halber

114 Vgl.: Kaufmann, Familie und Modernität, 393ff.

115 Peukert, Familienformen, 27.

116 Vgl.: Peukert, Familienformen, 27.

117 Vgl.: Kaufmann, Zukunft der Familie im vereinten Deutschland, 90-95.

118 Vgl.: Statistisches Jahrbuch für die Bundesrepublik Deutschland, Tabelle 3.24.0/2002.

119 Vgl.: Statistisches Jahrbuch für die Bundesrepublik Deutschland, Tabelle 3.24.1/1990; 3.24.2/2002.

120 Vgl.: Statistisches Jahrbuch für die Bundesrepublik Deutschland, Tabelle 3.33/1992; 3.33/2002.

121 Vgl.: Tyrell, Zwischen Interaktion und Organisation - Die Familie als Gruppe, 362-390.

122 Weiterführend hierzu: vgl.: Beck, Ulrich: Risikogesellschaft, Frankfurt a. Main, 1986; u. a. Beck, Ulrich - Beck-Gernsheim, Elisabeth: Das ganz normale Chaos der Liebe, Frankfurt a. Main, 1990; Zapf, Wolfgang: Entwicklung und Sozialstruktur moderner Gesellschaften, in: Korte, Her- mann (Hg.): Einführung in die Hauptbegriffe der Soziologie, Opladen, 1992, 190f.

123 Beck - Beck-Gernsheim, Das ganz normale Chaos der Liebe, 12.

124 Vgl.: Beck-Gernsheim, Was kommt nach der Familie?, 54.

125 Vgl.: Hettlage, Familiereport, 84-88.

126 Beck - Beck-Gernsheim, Das ganz normale Chaos der Liebe, 8.

127 Es kann hier auch angemerkt werden, dass Individualisierung wiederum oft mit Unterordnung verbunden ist, z. B. in Bezug auf den Arbeitsmarkt. Beck spricht von einer institutionellen

Details

Seiten
109
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638247696
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v21063
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Lehrstuhl für Christliche Sozialethik
Note
1,0
Schlagworte
Leitbild Familie Werbung Reflexionen

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Titel: Das gesellschaftliche Leitbild der Familie in der Werbung - sozialethische Reflexionen