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Die Berufsgenese am Beispiel von Hybridberufen. Eine Empfehlung für die zukünftige Berufsgeneseforschung

Bachelorarbeit 2010 51 Seiten

Pädagogik - Berufserziehung, Berufsbildung, Weiterbildung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.0 Einleitung
1.1 Thematik
1.2 Ziel und Fragestellung der Arbeit
1.3 Aufbau

2.0 Theoretischer Zugang zur Thematik
2.1 Begriffe im Umfeld der Berufsgenese
2.1.1 Beruf
2.1.2 Berufsgeneseforschung als Teildisziplin der Berufsforschung
2.1.3 Professionalisierung
2.1.4 Innovationsforschung
2.2 Berufswandel aus Sicht der Innovations- und Berufsforschung

3.0 Berufsgenese
3.1 Gründe für die Entstehung von Berufen
3.1.1 Technische Innovationen
3.1.2 Organisatorische Innovationen
3.1.3 Administrative Innovationen
3.2 Stufen der Berufsgenese
3.2.1 Die innerbetrieblichen Stufen der Berufsgenese
3.2.2 Die außerbetrieblichen Stufen der Berufsgenese
3.2.3 Akteure und Methodologie bei der Entwicklung neuer Berufe
3.3 Schwierigkeiten der Berufsgeneseforschung
3.4 Zwischenergebnis

4.0 Hybridberuf
4.1 Hybridberuf - Ein Definitionsversuch

5.0 Die Genese von Hybridberufen am Beispiel des/der Mechatroniker/-in
5.1 Entwicklung zum Ausbildungsberuf
5.2. Das Ausbildungsprofil des Mechatronikers
5.3 Berufsausbildung und Inhalte des Berufs Mechatroniker/-in Eine Abgrenzung zu herkömmlichen Berufsbildern
5.3.1 Der Industriemechaniker
5.3.2 Der Industrieelektroniker
5.3.3 Der Fachinformatiker
5.4 Qualitative Veränderungen und neue Möglichkeiten durch die Ausbildung zum Mechatroniker
5.5 Lernortkooperation und Lernfeldkonzept
5.6 Ausbildungsplatz- und Arbeitsmarktsituation
5.7 Zusammenfassung

6.0 Ein Ausblick: Perspektiven, Handlungs- und Forschungsbedarf
6.1 Die zukünftigen Herausforderungen und Chancen der Berufsgeneseforschung
6.1.1 Vermessung der Berufslandschaft
6.1.2 Bestimmung der Neuartigkeit
6.1.3 Bedarf an theoretischen Erkenntnissen

7.0 Schlussbetrachtung

8.0 Literaturverzeichnis

9.0 Abkürzungsverzeichnis

10.0 Abbildungsverzeichnis

1.0 Einleitung

Die Welt und die Art sie zu begreifen ändert sich. Diese Aussage gilt nicht nur im Zeitalter der Globalisierung, sondern lässt sich sozioökonomisch vielmehr als ein laufender und immer währender Prozess verstehen, der die Menschheit von jeher begleitet hat. Durch Fortschritt in Technik und Wissen, veränderten sich Zielvorstellungen, die Umweltbedingungen sowie die Gesellschaft im Verlauf der Jahrhunderte. Der Mensch war und ist in der heutigen Welt, welche sich immer rasender zu entwickeln scheint, noch viel mehr dazu gezwungen Strategien zu finden, um diesem Wandel zu begegnen. (vgl. Berger 2008, S. 1) Dies gilt auch für das Phänomen Beruf, welches im 20. Jahrhundert ebenso von der Dynamik der Lebensverhältnisse betroffen ist. Noch etwa bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts war die gesellschaftliche Einbindung der Menschen, und somit auch deren Erwerbstätigkeit, an wohldefinierten Standesebenen orientiert. Dies änderte sich im Zuge der Industrialisierung und der Herausbildung einer bürgerlich-egalitären Gesellschaft. Die aufkommende Gewerbefreiheit und das Verblassen von gruppenspezifischen Verordnungen zugunsten einer individuellen Berufsrolle, entwickelten sich zum elementaren Fundament gesellschaftlicher Existenz. (vgl. Dostal 2006, S. 1)

Tatsächlich hatte der Beruf in der sich öffnenden Gesellschaft „[…] die Rolle eines Stabilitätsankers übernommen“ (Dostal 2006, S. 21) und es herrschte bisher das gesellschaftliche Bewusstsein vor, dass eine solide Berufsausbildung den eigenen Lebensstandard sichert. Dabei betrachtete man den Beruf in der Regel als eine tradierte und allgemein anerkannte Qualifikation, die als Garant für individuelles Fachwissen und häufig auch für eine Arbeitsplatzgarantie stand. Diese angedeutete Stabilität und der Beruf, als Ideal der gesellschaftlichen Sozialisation, scheinen jedoch aus heutiger Sicht massiv bedroht zu sein. Der angedeutete schnelle Wandel von gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, sowie die enormen technologischen Fortschritte, machen auch vor dem Beruf nicht halt. Deutschland befindet sich seit Jahrzehnten in einem umfassenden Strukturwandel.

Innerhalb des stark wachsenden Dienstleistungssektors (Tertiärisierung) expandieren die wissens- und forschungsintensiven Bereiche stärker als andere Sektoren (vgl. Frietsch/Gehrke 2007, S. 82). Auch der industrielle Sektor tertiärisiert, indem produktionsorientierte Dienstleistungstätigkeiten in Forschung und Entwicklung, Organisation und Planung, Werbung und Design, Informationsverarbeitung und Finanzen entstehen (vgl. Häußermann/Siebel 1995, S.29). Dieser Strukturwandel in Richtung Wissensgesellschaft hatte zwischen 1984 und 2000 zu einer Aufwertung der Berufsstruktur, d.h. höheren Qualifikationsanforderungen am Arbeitsplatz geführt. (vgl. Hall 2007, S. 1)

„Im Zuge einer neuen Dynamik in der Arbeitswelt und einer Qualifikationsdiskussion, die eher extrafunktionale als überkommene funktionale Inhalte in den Mittelpunkt stellt, steht der traditionelle Berufsbegriff in der Kritik.“ (Baethge/Baethge-Kinsky 1998, S. 463) Er sei nicht mehr sinnvoll und zu starr, um im schnellen Wandel zu bestehen und könne den gestiegenen Anforderungen und den Nachfragen der Berufspraxis nicht standhalten. Man wirft dem traditionellen Beruf vor, dass er zu eng und zu beschränkt ist, um das heutige umfassende Aufgaben- und Tätigkeitsverständnis in Gänze erfassen zu können. (vgl. Baethge/Baethge-Kinsky 1998, S. 462ff.)

Diese Entwicklung und die daraus resultierenden Folgen sind Grundlage für die Thematik und den Inhalt der vorliegenden Arbeit.

1.1 Thematik

Die Berufsbildung steht seit jeher im Spannungsfeld zwischen Bildungs- und Beschäftigungssystem. Auf die Auswirkungen beider Systeme auf die Berufsbildung, sowie deren Überschneidungsbereiche in berufsbezogenen Lehr- und Lernortprozessen, verweist bereits die Definition von Berufsbildung. Laut Berufsbildungsgesetz (1969) und dessen Novellierung durch das Berufsbildungsreformgesetz von 2005, ist die Berufsbildung normiert als Oberbegriff für die Berufsausbildungsvorbereitung, die Berufsausbildung im dualen System, für die berufliche Fortbildung, sowie die berufliche Umschulung. Als ihr grundlegendes Merkmal wird die Verbindung zwischen den Referenzpunkten Bildung und Beruf bestimmt. (vgl. Kaiser/Pätzold 2006, S. 113) Ebenso lässt sich anhand der vorliegenden Definition die Vielzahl von Akteuren und Faktoren spezifizieren, die direkten sowie indirekten Einfluss auf die Berufsbildung haben. Nicht nur die Vorgaben von Bildungs- und EU Politik, sondern auch die Ansprüche von Wirtschaft und Ökonomie, spielen bei der Ausgestaltung der Berufsbildung eine entscheidende Rolle. Hinzu kommen Fragen und Schwierigkeiten im Umgang mit Benachteiligten und vieles mehr. Im Kontext der zuvor beschriebenen neuen Anforderungen am Arbeitsmarkt, welche sich immer wieder verändern, wird ersichtlich, dass die Berufsbildung einem zunehmenden Neuerungs- und Innovationsdruck unterliegt, der durch die Masse der mitwirkenden Akteure und der zu berücksichtigenden Umstände verschiedenster Felder zusätzlich erschwert wird.

Verlangt wurde und wird nach neuen Curricula und Ausbildungssystemen, welche Kompetenzen, Bildung und Fachwissen vermitteln, die den neuen Anforderungen der Arbeitswelt gewachsen sind. Eine der vielen Möglichkeiten zur Lösung der aufgeworfenen Problematik ist das Generieren von Hybridberufen. Diese fassen die Arbeitsaufgaben, von mindestens zwei ehemals eigenständigen Berufen zu einem einzigen neuen Beruf zusammen. (vgl. Dostal/Stooß 1998, S. 443 ff) Der erste Hybridberuf entstand bereits im Jahre 1998. Das aufgetretene Phänomen der Hybridberufe und die maßgeblichen Motive für deren Genese sollen im Folgenden ausführlich diskutiert werden.

1.2 Ziel und Fragestellung der Arbeit

Zentrales Element der vorliegenden Arbeit sind die Gründe für die Entstehung von Hybridberufen.

Der Autor möchte aber zunächst der Frage nachgehen, wie neue Berufe entstehen und welche Akteure an der Generierung von neuen Ausbildungsberufen beteiligt sind. Dabei soll auch auf die Probleme und Schwierigkeiten der Berufsgeneseforschung in Bezug auf die Früherkennung von Qualifikationsforderungen des Arbeitsmarktes eingegangen werden.

Die Untersuchung hat jedoch im Schwerpunkt das Ziel die qualitativen Veränderungen sowie die neu entstandenen Chancen für die Berufsbildung aufzuzeigen, die durch die erfolgreiche Genese von Hybridberufen entstanden sind. Dabei soll zusätzlich anhand eines Beispiels auf Probleme und Schwierigkeiten der Berufsgenese eingegangen werden. Auf Basis, der während der Untersuchung gewonnen Erkenntnisse, soll eine allgemein gehaltene Empfehlung für die zukünftige Berufsgeneseforschung abgeleitet werden.

1.3 Aufbau

Der vorliegende Untersuchungsgegenstand erfordert zunächst ein ausreichendes theoretisches Verständnis. Aus diesem Grund soll vor dem Einstieg in die Thematik ein theoretischer Zugang geschaffen werden, indem alle wichtigen Begriffe im Umfeld der Genese von Berufen ausreichend definiert werden. Im Anschluss darauf sollen die Gründe für die Entstehung von Berufen aufgezeigt werden. Dabei wird auf die beteiligten Akteure, die einzelnen Schritte bei der Berufsgenese und die damit zusammenhängenden Probleme eingegangen werden. Besonderes Augenmerk gilt dabei den Veränderungen in der Qualifikations- und Tätigkeitsstruktur am Arbeitsmarkt.

Im Kapitel 4 soll die Genese von Hybridberufen anhand der bereits etablierten Berufsausbildung zum Mechatroniker/ zur Mechatronikerin erläutert werden. Dies dient als Grundlage um die im Anschluss aufgeführten Vorteile für die berufliche Praxis, welche durch den Hybridberuf bedingt werden, zu verdeutlichen. Deshalb wird die Begrifflichkeit des Hybridberufes zunächst ausführlich definiert, damit eine Abgrenzung zu herkömmlichen Ausbildungsberufen ermöglicht wird. Im Anschluss darauf, wird auf die qualitativen Veränderungen und die neuen Möglichkeiten durch die Ausbildung zum Mechatroniker, sowie dessen Lernfeldkonzeption, eingegangen.

Die bis dahin gewonnen Erkenntnisse sollen dann zunächst kurz zusammengefasst werden, um wie bereits erwähnt, aus den Ergebnissen eine allgemein gehaltene Empfehlung für die zukünftige Berufsgeneseforschung abzuleiten.

2.0 Theoretischer Zugang zur Thematik

Der Zugang zur Thematik gestaltet sich äußerst komplex. Die Berufsgenese als solches kann nur klar definiert werden, wenn man den Zugang zur Thematik über die Begriffe im Umfelde der Berufsgenese sucht. Die klare Abgrenzung dessen, was unter dem Begriff „Beruf“ und allen anderen wesentlichen Faktoren im Umfeld seiner Genese verstanden werden kann, ist unumgänglich. Die wesentliche Problematik ist, dass selbst die Berufsforschung in vielen Fällen keine klaren Definitionen anbieten kann. (vgl. Dostal 2006, S. 6) Die in diesem Kapitel folgende Untersuchung soll auf die Schwierigkeiten verweisen, die durch die Unklarheiten der Begrifflichkeiten verursacht werden.

2.1 Begriffe im Umfeld der Berufsgenese

Im Folgenden unternimmt der Autor den Versuch, alle wesentlichen Begrifflichkeiten zu definieren, die zum Verständnis der vorliegenden Thematik nötig sind. Zunächst ist es erforderlich, das Phänomen Beruf näher zu erläutern. Bereits der anschließende Abschnitt zur Begrifflichkeit des Berufes wird auf die aufgeworfene Problematik verweisen.

2.1.1 Beruf

Der Begriff des Berufes wird in der Wissenschaft weiterhin sehr unterschiedlich definiert und genutzt. Eine weitestgehend kompakte und einheitliche Definition des Phänomens Beruf existiert bis heute nicht. Vielmehr wird der Berufsbegriff, je nach Ziel und Verwendungszweck der Analysen, anhand ausgewählter Dimensionen explorativ beschrieben. Eine Vollständigkeit der tatsächlichen Dimensionen wird dabei jedoch nie erreicht. (vgl. Dostal 2006, S. 7)

Dies ist vor allem mit der historischen Entwicklung des Berufes zu begründen. Durch die Industrialisierung und die damit verbundenen Veränderungen der Anforderungen an Arbeitskräfte, verloren die bisherigen berufsständischen Kooperationen zunehmend an Einfluss. Die unmittelbare Folge davon war, dass es dem einzelnen Individuum immer mehr möglich war, Berufe auch außerhalb von Zünften und berufsständischen Verbindungen frei zu wählen und zu erlernen. Es bildeten sich immer mehr neue Berufe innerhalb der Industrie und die traditionell handwerklichen Berufe verloren an Bedeutung. Aus diesem Grund entstanden immer größere Tendenzen, die Ausbildungsberufe durch den Staat zu institutionalisieren und zu standardisieren. (vgl. Beck/Brater/Daheim 1980, S. 19) Damit verbunden kam es zu einer immer stärkeren Auflösung der bis dahin im Handwerk üblichen klassischen Einheit von Produktionsprozess, Produkt, Produktionsmittel und Ausbildung. Dies meint, dass sich der Zusammenhang von tatsächlicher Tätigkeit und Fähigkeit immer mehr wandelte. Beck, Brater und Daheim führen in diesem Zusammenhang an, dass ein Schlosser nur noch ein groß skizziertes Tätigkeitsfeld hat auf dem er sich aufgrund seiner Qualifikation auswirkt und auch nicht zwingend in einer Schlosserei arbeiten muss. (vgl. Beck/Brater/Daheim 1980, S. 16)

Dies ist die spezifische Ursache, die den Beruf als Phänomen immer schwerer erfassbar gemacht hat. Eine pragmatische Lösung zur Frage nach dem Beruf bieten z.B. Ulrich und Lahner an. […] „Taucht die Frage nach der Definition des Begriffes „Beruf“ auf, die man tunlichst umgehen sollte, um endlose Erörterungen, die dem Leser nicht helfen, zu vermeiden, ist es zweckmäßig einen pragmatischen Weg der Erörterung einzuschlagen.“ (Ulrich/Lahner 1970, S. 34) Dem Pragmatiker genügen laut Ulrich und Lahner folgende Berufsbestimmungen:

1. Der wirtschaftliche Aspekt: Berufstätigkeit dient dem Lebensunterhalt
2. Aufgabe und Ergebnis der Berufstätigkeit sind abgrenzbar
3. Die Kombination der Elemente ist harmonisch („Blumenstrauß-Aspekt)

(Ulrich/Lahner 1970, S. 34)

Hier werden also eher Elemente differenzierter Berufsinformation – verbildlicht am Beispiel des Blumenstraußes - zur Begriffsbestimmung verwendet, anstatt die Begrifflichkeit als Ganzes zu erfassen. […] „Diese pragmatische Haltung hat die Arbeit der Berufsforschung über lange Zeit geprägt.“ (Dostal 2006, S. 12) Dabei bleibt jedoch der Berufsbegriff als ganzheitliches Phänomen im Raum stehen, was nach Dostal unmittelbare Folgen für Forschungsfelder wie die Berufsforschung hat. (vgl. Dostal 2006, S 27) Auch Beck, Brater und Daheim gelingt es die Begrifflichkeit des Berufes nur weiträumig zu umschreiben. Sie definieren den Beruf als […] „ relativ tätigkeitsunabhängige, gleichwohl tätigkeitsbezogene Zusammensetzung und Abgrenzung von spezialisierten und institutionell fixierten Mustern von Arbeitskraft, die u.a. als Ware am Arbeitsmarkt gehandelt und gegen Bezahlung in fremdbestimmten, kooperativ-betrieblich organisierten Arbeits- und Produktions- zusammenhängen eingesetzt werden.“ (Beck/Brater/Daheim 1980, S. 20)

Es scheint, als wäre es bisher nicht gelungen den Kern des Berufsbegriffes zu spezifizieren. Aus diesem Grund fällt es der Forschung oft schwer Fragen zur Genese von Berufen, sowie dem Verschwinden von Berufen, zu beantworten. Gerade die Berufs- und Innovationsforschung hat mit dieser Tatsache zu kämpfen. Betrachtet man die Vieldimensionalität des Berufsbegriffs innerhalb von Organisationen und dessen komplexe Einbettung in das Gesamtsystem wird diese Schwierigkeit zusätzlich verdeutlicht.

Abbildung 1.: Die Vieldimensionalität von Beruf ( Entnommen bei: Dostal/Stooß/Troll 1998, S.440)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die komplexe Vernetzung und Mehrdimensionalität des Berufs, seine historische Bedeutung sowie die ständige Anpassungsnotwendigkeit an erwerbsbezogene und gesellschaftliche Veränderungen, machen es fast unmöglich eine allgemein gültige und aussagekräftige Definition des Berufsbegriffs zu formulieren. Es bleibt aber festzuhalten, dass man eine entscheidende Dimension von Beruf […] „in den Vollzügen am Arbeitsplatz“ (Henninges 1976, S. 6) sieht, wie die Abbildung 1. verdeutlicht.

2.1.2 Berufsgeneseforschung als Teildisziplin der Berufsforschung

Das Aufgabenfeld der Berufsforschung ist sehr umfangreich. Die mannigfaltigen Ausprägungen des Berufsforschungsbegriffs können in der vorliegenden Arbeit nicht vollständig erfasst werden. Der Autor bezieht sich deshalb auf die für die Thematik relevanten Punkte der Berufsforschung (die Berufsgeneseforschung) und stützt sich dabei auf die bereits dargestellten Vorüberlegungen. Im nachstehenden Definitions-versuch wird es deshalb vorrangig darum gehen die Schwerpunkte und Aufgaben der Berufsforschung bezüglich der Berufsgenese darzustellen und abzugrenzen.

Der Begriff der Berufsforschung umfasst als Dimension zwei wesentliche Konstrukte. Dies sind zum einen der Beruf und zum anderen die Forschung. Da bereits festgestellt wurde, dass der Berufsbegriff vielschichtig, mehrdeutig und umstritten ist, (vgl. Rauner 2006, S. 105) soll im Folgenden zuerst die Forschung als Begrifflichkeit fokussiert werden, um den Auftrag und Sinn der Berufsforschung besser erfassen zu können.

Unter Forschung versteht man im Allgemeinen die theoretisch-begrifflich abgeleitete und methodisch kontrollierte Erzeugung von Wissen. Darüber hinaus wird sie als die methodische Suche nach neuen Erkenntnissen sowie deren systematische Dokumentation und Veröffentlichung in Form von wissenschaftlichen Arbeiten definiert. Man unterscheidet hier die Grundlagenforschung, welche das Wissen für die angewandte Forschung liefert und die angewandte Forschung, die unter anderem als Impulsgeber für die Grundlagenforschung dient. (vgl. Hamburger 2005, S. 35ff) […] „Der wissenschaftliche Erkenntnisgrad nimmt von der Grundlagenforschung zur angewandten Forschung hin ab. Der Konkretisierungsgrad sowie der Praxisbezug nehmen hingegen weiter zu. Diese Trends verstärken sich in dem der Forschung nachgelagerten Prozess der Entwicklung, die ihr Wissen aus der angewandten Forschung bezieht.“ (Hamburger 2005, S. 37)

Bezieht man zur Definition von Berufsforschung zusätzlich die vorangestellte Definition des Berufs mit ein, wird deutlich, dass die Mannigfaltigkeit des Berufsbegriffs eine monodisziplinäre Interpretation nicht zulässt. (vgl. Rauner 2006, S. 107) Zusätzlich wird die Berufsforschung eingerahmt durch die Berufsbildungsforschung und die Berufs- und Arbeitsmarktforschung. […] „Da beiden über erhebliche Forschungskapazitäten verfügen, wird die Berufsforschung, die nur marginal ausgestattet ist, oft eingeklemmt und steht dabei in der Gefahr, von anderen Forschungsbereichen vereinnahmt zu werden. Dies erfolgt vor allem durch die Berufsbildungsforschung, die sich traditionell mit Beruf und vor allem beruflichen Kompetenzen befasst.“ (Rauner 2006, S. 107) Vor allem die universitäre Forschung zeigte, dass der Berufsforschung vor diesem Hintergrund keine spezifische Position – weder in der Berufspädagogik noch in der Arbeitswissenschaft – zugewiesen werden konnte. Deshalb befasst sich die Berufsforschung mit spezifisch ausgerichteten Themengebieten die Schwerpunktmäßig von Institutionen wie dem IAB, dem BIBB oder anderen Instituten aus dem Bereich der Bildungs-, Arbeits-, und Innovationsforschung vorgegeben werden. (vgl. Rauner 2006, S. 108) Dabei kommt ihr allgemein betrachtet vor allem die Aufgabe zu, die vielfältige Berufslandschaft zu strukturieren und transparent zu machen. (vgl. Rauner 109) Ein zentraler Schwerpunkt der Berufsforschung ist dabei die Untersuchung der berufsförmig organisierten Arbeit mit dem Ziel, […] „ hieraus gewonnene Erkenntnisse für die Gestaltung von Berufsbildern, Curricula und beruflichen Lernens zu nutzen.“(Howe/Spöttl 2008, S. 24)

Bezüglich der Berufsgenese kommt der Berufsforschung vor allem die Aufgabe zu die angesprochene Berufsdynamik zu erfassen und auszuwerten. Der wichtige Zweig der Berufsforschung - die Berufsgeneseforschung - beschäftigt sich mit der Analyse der Entstehung von Berufen. Durch sie werden die Veränderungen von Anforderungen und der Bedarf an neuen Berufen und Kompetenzbildern erfasst, strukturiert und die jeweiligen Auslösefaktoren ermittelt. Die gewonnenen Forschungsergebnisse dienen Institutionen wie dem BIBB und den entsprechenden politischen Instanzen dazu, auf Forderungen des Arbeitsmarktes einzugehen und wenn nötig neue Berufe zu generieren. (vgl. Rauner 2006, S109)

In diesem Zusammenhang muss darauf verwiesen werden, dass die angesprochenen Veränderungen in der Facharbeit und den renommierten Berufsbildern in der Praxis eher kontinuierlich ablaufen. […] „Es kann daher nicht ausreichen, punktuelle Untersuchungen vorzunehmen. Vielmehr sind Strukturuntersuchungen und Entwicklungsverläufe bei der Berufsgeneseforschung mit einzubeziehen.“(Howe/Spöttl 2008, S. 26) Zur Feststellung der realen Berufsinhalte und Änderungen wird dabei vornehmlich das Instrumentarium der Arbeitsplatzanalyse (Tätigkeitsanalyse) verwandt. (vgl. Fenger 1968, S. 327)

Der Schwerpunk von Berufsforschung lässt sich demnach in Bezug auf die vorliegende Thematik wie folgt zusammenfassen: Die Berufsforschung erfolgt im Regelfall auftragsgebunden und verfolgt das Ziel, die charakteristischen Aufgaben und die in diesen inkorporierten Qualifikationsanforderungen von Berufen zu identifizieren, um auf dieser Grundlage Anstöße für die auf dem Arbeitsmarkt benötigten Veränderungen und Neuerungen geben zu können. Die größte Herausforderung ist in diesem Zusammenhang die Erfassung und Identifizierung von tatsächlich benötigten Fähigkeiten in einem oft unklar definierten Berufsfeld. Bei der Analyse und Systematisierung von Aufgaben, Tätigkeiten, Neuerungen und Arbeitsmitteln, bedient sie sich sowohl qualitativer als auch quantitativer Forschungsmethoden um die veränderten Arbeitsmarkt- und Qualifikations-anforderungen zu erfassen und deren Folgen abzuschätzen. (vgl. Howe/Spöttl 2008, S. 35, sowie Rauner 2006, S. 111)

In diesen Zusammenhang muss auch die Professionalisierungsforschung genannt werden. Diese untersucht Aspekte bei der Verschiebung von Aufgaben und Tätigkeiten in die professionelle Sphäre, die vormals außerhalb von Berufen geleisteter wurden. Sie befasst sich somit direkt mit der Entstehung von neuen erwerbsbezogenen Berufen. (vgl. Rauner 2006, S. 112)

2.1.3 Professionalisierung

Im Gegensatz zum Berufsbegriff wurde der Begriff der Profession in der Wissenschaft viel ausführlicher behandelt. Professionen werden heute oft mit wissensbasierenden Berufen gleichgesetzt, […] „sodass die Professionalisierung im Rahmen der Informatisierung abläuft. Der Professionalisierungsbegriff wird somit eher gesehen als die Genese von anspruchsvollen Berufen, die aber nicht auf vergleichbare Vorbilder zurückblicken.“ (Dostal 2006, S. 11) In der Berufsforschung wird der Begriff der Professionalisierung somit prinzipiell als das Entstehen neuer Berufe und deren weitere Entwicklung verstanden. So wird in verschiedensten Veröffentlichungen statt des Begriffs der Berufsgenese der Begriff der Professionalisierung verwendet, während unter Deprofessionalisierung das Verschwinden vormaliger Berufe verstanden wird. (vgl. Dostal 2006, S. 10 ff.) Rauner betrachtet die Begrifflichkeit der Professionalisierung etwas differenzierter und schließt in deren Definition auch die Anreicherung von Berufen durch Tätigkeitsfelder und Arbeiten, die bisher außerhalb des beruflichen Bereiches geleistet worden sind, mit ein. Aus Sicht der Berufsgenese kann die Professionalisierung bzw. Deprofessionalisierung als ein Teilprozess der Berufsgenese verstanden werden, der allerdings nur spezielle Berufe betrifft und auch nur bestimmte Phasen der Berufsgenese abdeckt.

2.1.4 Innovationsforschung

Unter dem Begriff der berufsbildungsrelevanten Innovation versteht man pragmatisch betrachtet eine Neuerung, die es bisher an einem bestimmten Ort des Systems oder des Praxisfeldes nicht gibt. Diese Neuerung kann ein neuer Beruf, eine neue didaktische Methode, eine zukunftsweisende Weiterbildungsstruktur oder ein neuartiger Bildungsdienstleister sein. Daraus lässt sich ableiten, dass sich die Innovationsforschung auf allen Ebenen (Mikro-, Meso- und Metaebene) der Berufsbildung bezieht. Dabei muss die Innovation nicht originär sein und darf durchaus in einem anderen Bereich existent sein. (vgl. Lauer-Ernst 2006, S 82) Sie muss lediglich […] „für den aktuellen Ort zum definierten Zeitpunkt eine Veränderung darstellen, die von den Beteiligten als aussichtsreich erlebt wird. (Lauer-Ernst 2006, S 82) In der Förderlandschaft der Berufsbildung ist die Singularität einer Innovation keinesfalls erwünscht. Vielmehr geht es darum, transferierbare und breit implementierbare Lösungsansätze zu generieren. Innovationen sollten vor allem praktizierbar und in die Realität übertragbar sein und dort nachweisbar positiv wirken.

Die Innovationsforschung wird in der beruflichen Bildung zumeist von Bund und Ländern oder konkreten Interessenverbänden wie zum Beispiel Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden ins Leben gerufen. (vgl. Severing 2005, S. 5) Dies verweist auf ein hohes Konfliktpotential, der Innovationsforschung. Widerstreitende politische Positionen, sowie die häufig sehr heterogenen Untersuchungsfelder und die divergierenden Interessen aller Beteiligten bestimmen das innovative Handeln und den Forschungsprozess mit. Die Innovationsprozesse vollziehen sich […] „in mehreren Phasen von der Konzeption über die Entwicklung bis hin zur Verankerung des Neuen in der Alltagspraxis.“(Lauer-Ernst 2006, S 82) Vor allem der Modellversuchsforschung kann in diesem Zusammenhang besondere Bedeutung zugeschrieben werden. (Sloane/Twardy 1990, S. 26) Leider werden die Ergebnisse der Innovationsforschung nicht selten und ganz gegen das oben dargestellte Wunschdenken viel zu oft als singuläre Ereignisse behandelt und ein breiter Transfer findet allzu oft nicht statt. (vgl. Lauer-Ernst 2006, S 82) Dennoch liefert die Innovationsforschung viele berufskundliche Erkenntnisse, die verdichtet und systematisiert betrachtet von der Berufsgeneseforschung bewertet und verwendet werden können. Die Innovationsforschung kann vor diesem Hintergrund und in Bezug auf die Genese von Berufen als wichtiger Informationsträger verstanden werden, welchem die Berufsgeneseforschung wichtige Erkenntnisse verdankt. Die Innovationsforschung ist dabei ein Forschungsstrang, der vor allem die Nahtstelle zur beruflichen Tätigkeit untersucht. (vgl. Lahner/Ulrich 1996, S. 417)

2.2 Berufswandel aus Sicht der Innovations- und Berufsforschung

Im Rahmen der Berufsgeneseforschung bezog sich ein anderer Forschungsstrang der Innovationsforschung auf die Betrachtung der Berufslandschaft, in der das Aussterben bisheriger Berufe und das Aufkommen neuer Berufe, mit Blick auf die Gesamtheit der Berufe betrachtet und nachgewiesen werden sollte. Der Versuch hatte zum Ziel, den Berufswandel längerfristig zu prognostizieren. Es wurde angenommen, dass die Entstehung von neuen Berufen bei vollständiger Kenntnis des Innovationsprozesses frühzeitig vorausgesagt werden könne. Es zeigte sich jedoch, dass die Unschärfe des Berufsbegriffs auch die Erfassung des „Neuen“ deutlich erschwerte. (vgl. Dostal 2006, S. 13) Wegen der mangelnden Starrheit der Ursprungsphänomene waren Berufsentwicklungsprognosen mit dem geforderten Horizont von möglichst einem ganzen Erwerbsleben schlichtweg nicht möglich. Die Berufsforschung wird aufgrund der bereits aufgezeigten Problematik auch zukünftig nicht in der Lage sein die Forderung nach ganzheitlichen und präzisen Berufsentwicklungsprognosen über einen Zeitraum von 40 bis 50 Jahren zu leisten. (vgl. Rauner 2006, S. 111) Es hat sich darüber hinaus gezeigt, dass sich auch die traditionellen und seit langem bestehenden Berufe […] „implizit verändern und dass sich sehr komplexe Verschiebungen in der Bedeutung und Bewertung einzelner Komponenten von Berufen und zwischen Berufen“ (Dostal 2006, S.14) abspielen. Berufliche Flexibilität in der Praxis verdeckt die zunächst häufig marginal anmutenden Prozesse der Berufsentstehung. Die Früherkennung von Qualifikationsforderungen des Arbeitsmarktes gestaltet sich bis heute schwierig, denn es konnte festgestellt werden, dass eine flexibel strukturierte Erwerbstätigkeit und eine weiche Berufsgliederung den Prozess der Berufsgenese umso schwerer erkennbar macht. (vgl. Dostal 2006, S. 15) Die Innovations- und auch Berufsforschung stand in diesem Zusammenhang bereits vor großen Problemen, die in vielen Fällen dennoch überwunden werden konnten, wie die folgenden Kapitel aufzeigen werden.

[...]

Details

Seiten
51
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656390084
ISBN (Buch)
9783656390558
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v210571
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
1,3
Schlagworte
berufsgenese beispiel hybridberufen herausforderungen berufsgeneseforschung berufsausbildung mechatroniker/-in

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