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Der Vertrag von Verdun 843. Quellenkritik und Einordnung in den zeithistorischen Kontext.

Hausarbeit 2013 18 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Untersuchung
2.1 Quellenkritik
2.1.1 Nithard
2.1.2 Annales
2.2 Reichsteilungen im neunten Jahrhundert
2.2.1 Erbrecht der Karolinger
2.2.2 Von der Ordinatio imperii zum Vertrag von Verdun
2.3 Untersuchung der zeitgenössischen Einschätzungen

3 Zusammenfassung

4 Quellen- und Literaturverzeichnis
4.1 Gedruckte Quellen
4.2 Literatur

1 Einleitung

Der Vertrag von Verdun, durch den das Reich der Karolinger 843 unter Brüdern drei geteilt wurde, genießt in der geschichtswissenschaftlichen Forschung längst besondere Beachtung. Rund 1000 Jahre später kann man leicht zum Beispiel die Gründungsstunde Frankreichs und Deutschlands auf dieses Ereignis projizieren. Vor allem der vor 1950 vorherrschende Ansatz der politischen Geschichte fokussierte sich ja bekanntlich auf Ereignisse statt auf Prozesse. Seit den 1950er Jahren wird der Einfluss des Vertrags von Verdun in diesen Punkten relativiert. Nichtsdestotrotz erkennen Historiker die Vertragsschließung als epochales Ereignis an, das sinnbildlich für ein ganzes Jahrhundert steht, in dem Erbfolge und Einflussnahme der Reichsgroßen dominierende Themen waren, so Ganshof oder Classen. Glücklicherweise wissen wir aus verschiedenen zeitgenössischen Quellen von den Ereignissen vor, während und nach der Vertragsschließung, zum Teil sehr ausführlich.

Wie haben die zeitgenössischen Verfasser den Vertrag von Verdun bewertet? Erkannte man damals schon seine epochale Tragweite? Wie lässt sich die Vertragsschließung in das Erbrecht der Karolinger einordnen?

Um diesen Fragen nachzugehen, wage ich zuerst eine knappe Kritik der verfügbaren Quellen. Anschließend werde ich einen Überblick über Reichsteilungen im neunten Jahrhundert geben, in dem das karolingische Erbrecht und der Inhalt des Vertrags von Verdun eine große Rolle spielen. Zuletzt untersuche ich die zeitgenössischen Einschätzungen zum Vertrag.

2 Untersuchung

2.1 Quellenkritik

Der Vertrag von Verdun wurde mündlich per adnuntiatio 1 geschlossen, was zeittypisch war. Es ist kein schriftliches Zeugnis der Vertragsschließung erhalten. So verlassen wir uns auf Berichte diverser Zeitgenossen, die ich im Folgenden darstellen und untersuchen möchte.

2.1.1 Nithard

Die ausführlichste und weitgehend wichtigste Quelle zum Zeitraum 840-843 haben wir Nithard zu verdanken. Dieser schrieb im Auftrag Karls II. die sogenannten Historiarum libri IIII, auch Historiae. Nithard selbst wurde um 800 geboren als Sohn von Angilbert, selbst Dichter und Gründer von Saint-Requier. Besonders hervorzuheben ist seine Mutter Bertha, die eine Tochter Karls des Großen ist. Als zwar illegitimer Enkel des großen Herrschers war er zeitlebens ein Verehrer Karls und seines Vermächtnisses. Abgesehen von diesen Umständen entdecken wir Nithard erst nach dem Tod Ludwigs I. wieder, nämlich als Kombattant im Bruderkrieg ab 840. Seine schon familiär bedingte Nähe zum Königshof hat ihn tiefe Einblicke in die Geschehnisse des Bruderkriegs gewinnen lassen, wichtiger noch ein gutes Verständnis davon. So wundert es nicht, dass Karl II. ihn für würdig hält, diese Ereignisse für die Nachwelt zu schildern. Im Sommer 841 erhält er den Auftrag dazu. Bis zu seinem Tod 845 sollte er dieses Werk in vier Büchern verfassen. Die ersten drei schrieb er, bevor er sich im Winter 842 in das Kloster von St. Riquier zurückzog und das vierte im selbigen Kloster.2

Es ist bemerkenswert, dass Nithard zwar nur über einen kurzen Zeitraum berichtet, in seiner Erzählung aber bis zum Tod Karls des Großen ausholt, damit auch der Leser ein Verständnis bekommt. Nithard hat damals schon verstanden, dass Ereignisse ihre Wurzeln und Gründe meist schon deutlich früher hatten. Gleichzeitig wollte er sicherlich auch den Kontrast zwischen dem von ihm verehrten Karl I. und dessen Nachkommen darstellen. In jedem Fall zeigt die Erwähnung von mindestens 28 Jahren Geschichte, dass hier ein Kenner am Werk ist. Zu den Ereignissen, die zum Vertrag von Verdun führten, ist hinzuzufügen, dass Nithard als Gesandter Karls II. agierte und sogar die descriptio regni, bei der die Reichsgüter gezählt und beschrieben wurden, als einer der königlichen missi mitmachte. Er bekam die Informationen, die für seine Dokumentation wichtig waren, also aus erster Hand. Es ist auch bekannt, dass er bei Schlachten des Bruderkriegs mitkämpfte.3

Im ersten Buch beschreibt Nithard die Ereignisse bis zum Tod Ludwigs I. Im zweiten Buch berichtet er im Zeitraum bis Juni 841 von Missionen, Schlachten und Verhandlungen der Söhne Ludwigs I. Er schließt hier seinen Bericht mit der Schlacht von Fontenoy am 25. Juni 841. Die blutige Schlacht wird sachlich und kurz dargestellt. Am Anfang des dritten Buches schreibt Nithard etwas ausführlicher von den direkt an die Schlacht anschließenden Ereignissen. Er stellt den Kontrast zum Massensterben wie folgt dar: „War aber die Menge der

3 Ebenda.

Beute und des Blutvergießens ungeheuer, so war auch die Barmherzigkeit der Könige und des Volkes bewundernswert und mit Recht erwähnenswert.“4 Bemerkenswert ist hier auch die Rolle der Bischöfe, die scheinbar direkt vor Ort waren: „Darauf richteten die Könige und die Völker in ihrer Trauer über den Bruder und das christliche Volk an die Bischöfe die Anfrage, was sie weiter in dieser Angelegenheit tun sollten. Darauf kamen alle Bischöfe zur Beratung zusammen […]“.5 Solche Passagen sind sinnbildlich für die Art Nithards zu schreiben. Franz Brunhölzl schrieb über Nithards Werk eben, dass es „keine ängstlich auf Objektivität bedachte Darstellung fernab liegender Ereignisse, die den Verfasser wenig oder gar nichts angingen“ ist.6

Auch Hans-Werner Götz stellt bei Nithard eine unmittelbare Anschauung, aber auch eine negative Parteilichkeit gegenüber Lothar fest.7 Dies wird auch im vierten Buch deutlich, das als einziges unmittelbar unserer Fragestellung dient. So reiht er im ersten Kapitel alle Vergehen Lothars auf, die den beiden Brüdern Ludwig II. und Karl II. durch die Bischöfe die Legitimität geben, das Reich Lothars unter sich aufzuteilen.8 Allerdings kann die Auflistung auch unmittelbar die Meinung der Bischöfe widerspiegeln und muss nicht als Parteinahme Nithards gewertet werden. Nachdem Nithard im dritten Buch noch die Straßburger Eide ausführlich darstellt, kommen wir in der Folge zu den Ereignissen zwischen Sommer 842 und Frühling 843, die den Vertrag von Verdun vorbereiteten. Den Inhalt des vierten Buchs werde ich später ausführen, wenn es darum geht, Nithards Sicht auf den Vertrag von Verdun zu beleuchten.

Der Verfasser Nithard hatte also als Beteiligter direkten Zugang zu den Informationen, die er in seinem Werk verarbeitete. Dies wurde durch seine hohe Stellung als Enkel Karls I. und Vertrauter Karls II. verstärkt, so dass ihm ein großes politisches und zeithistorisches Verständnis zuzutrauen ist. Seine unmittelbare und sehr kontextbezogene Art zu schreiben erzeugen beim Leser ein lebendiges Bild der Ereignisse. Für die Fragestellung zum Vertrag von Verdun eignet sich die Quelle in diesen Punkten hervorragend. Nithard schafft uns ein gutes Verständnis des zeithistorischen Kontextes vor dem Vertrag von Verdun. Auf der anderen Seite hört die Erzählung vor der Vertragsschließung im August 843 auf, nämlich bereits im März 843, so dass wir uns zu Fragen, die direkt den Vertrag betreffen auch auf andere Quellen beziehen müssen.

2.1.2 Annales

Neben Nithard, dem direkten Zeitzeugen, wissen wir aus 3 unterschiedlichen Annalen über die Geschehnisse um den Vertrag von Verdun, den Annales Fuldenses, den Annales Xantenses und den Annales Bertiani. Alle drei können als Fortsetzung der fränkischen Reichsannalen, der Annales regni Francorum, gesehen werden, wobei jede Quelle grob einem der drei verbleibenden Söhne Ludwigs I. zuzuordnen ist: die Annales Fuldenses als ostfränkische Quelle9, die Annales Bertiani10

[...]


1 Zum Ablauf der Vertragsschließung siehe P. Classen: Die Verträge von Verdun und von Coulaines 843 als politische Grundlagen des Westfränkischen Reichs, in: HZ 196 (1963) S. 1-35. Insbesondere die Seiten 16 bis 20.

2 Diese einleitenden biografischen Informationen über Nithard stammen aus: F. Brunhölzl, Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters, 1975, S. 399-402.

4 R. Rau: Quellen zur karolingischen Reichsgeschichte, erster Teil, 1955, S. 429.

5 Ebenda.

6 F. Brunhölzl, Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters, 1975, S. 400.

7 H.-W. Goetz: Nithard, in: Lexikon des Mittelalters, Bd. 6 (1993) S. 1201.

8 R. Rau: Quellen zur karolingischen Reichsgeschichte, erster Teil, 1955, S. 447.

9 R. Rau: Quellen zur karolingischen Reichsgeschichte, dritter Teil, 1969, S. 1.

10 R. Rau: Quellen zur karolingischen Reichsgeschichte, zweiter Teil, 1972, S. 1.

Details

Seiten
18
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656388067
ISBN (Buch)
9783656388418
Dateigröße
463 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v210528
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Historisches Seminar
Note
Schlagworte
Karolinger Vertrag verdun nithard lothar karl ludwig 843 annales

Autor

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Titel: Der Vertrag von Verdun 843. Quellenkritik und Einordnung in den zeithistorischen Kontext.