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Culture Jamming als Möglichkeit der aktiven Bildverfremdung

Eine Unterrichtseinheit

Examensarbeit 2004 49 Seiten

Pädagogik - Kunstpädagogik

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Sachanalyse
2.1. Culture Jamming: Gegenreaktion auf aggressive Markenerweiterung
2.1.1. Culture Jamming: Ursprünge, Intentionen, Techniken und Elemente
2.1.2. Aktualität des Culture Jamming
2.1.3. Beliebte Motive des Culture Jamming: Markenzeichen
2.2. Verfahrensweisen und Formen der Bild- und Zeichenverfremdung
2.2.1. Collage
2.2.2. Technik des Übermalens
2.2.3. Metamorphose

3. Planungsbedingungen
3.1. Institutionelle Voraussetzungen
3.1.1. Räumlichkeiten und Materialien
3.1.2. Organisatorische Bedingungen und Termine
3.2. Die Lerngruppe
3.2.1. Zusammensetzung und soziale Interaktion
3.2.2. Vorkenntnisse und Einstellungen
3.3. Einbettung und Rahmenplanbezug

4. Intentionen der Unterrichtseinheit

5. Didaktische und methodische Entscheidungen
5.1. Methodische Konzeption
5.2. Auswahl und Reduktion der Unterrichtsinhalte
5.2.1. Wesentliche Merkmale der Bildform des Culture Jamming
5.2.2. Auswahl und Fokussierung einzelner Marken
5.2.3. Auswahl der Verfahren zur Bildverfremdung
5.3. Medien und Materialien
5.3.1. Medien zur inhaltlichen Erarbeitung des Themas
5.3.2. Materialien zur Realisierung der Arbeitsvorhaben
5.4. Sozial- und Aktionsformen

6. Durchführung und Reflexion der Unterrichtseinheit. 33
6.1. Gesamtkonzeption
6.2. Durchführung und Reflexion einzelner Schwerpunkte
6.2.1. Einführungsphase: Vermittlung wesentlicher Kenntnisse
6.2.2. Vertiefende Phase: Veränderung eines Logos - der „Swoosh“
6.2.3. Anwendung der Techniken auf Gesamtkonzeptionen
6.3. Abschließende Bewertung und Ausblick

7. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

„Wow, cool! Ich zieh dann am besten alle meine Nike-Klamotten gleichzeitig an!“, war die spontane Äußerung eines Schülers nachdem ich angekündigt hatte, dass wir uns innerhalb der neuen Unterrichtseinheit auch mit Werbemaßnahmen der beliebten Sportbekleidungsfirma Nike beschäftigen werden. Die Schülerinnen und Schüler nickten sich zustimmend zu und schauten erwartungsvoll nach vorne . .

Culture Jamming, eine moderne Form von Antiwerbung, die sich auf die Umgestaltung der Kommunikation populärer Marken konzentriert, im Kunstunterricht in einer achten Klasse einer Gesamtschule – wird das funktionieren? Wie lässt sich das Thema für den Unterricht aufbereiten, welche inhaltlichen und bildnerischen Möglichkeiten bietet es und was muss ich dabei beachten? Zentrale Fragen wie diese beschäftigten mich bei der Entscheidung für eine Unterrichtseinheit, zu der ich auch in abgewandelter Form kein Vorbild finden konnte.

Die Beschäftigung mit traditioneller Werbung im Kunstunterricht begann Ende der 60er Jahre, als der Kunstunterricht um den visuellen Bereich der Massenmedien erweitert wurde. Der Einfluss der Werbung als ein immer mehr an Bedeutung gewinnender Teil massenmedialer Kommunikation wurde zum zentralen Gegenstand didaktischer Überlegungen, da das quantitative Vorkommen der bewegten und stehenden Bilder der Werbung in der Öffentlichkeit zunehmend das der als Kunst definierten Bildmotive übertraf.[1] Ziel der Unterrichtseinheiten, die sich meist mit den traditionellen Formen der Wirtschaftswerbung befassten, war es, die Schüler über die Strategien und Methoden der Werbekreativen aufzuklären und ihnen zu einem kritischen Bewusstsein gegenüber den unterschwelligen Manipulationsversuchen der Werbung zu verhelfen.[2] Eine vorbereitende Umfrage im Kollegium ergab, dass das Thema Werbung im Kunstunterricht heutzutage als „alter Hut“ gilt und dementsprechend die Beschäftigung mit Werbung eher stiefmütterlich behandelt wird. Fachdidaktische Literatur und Unterrichtsmaterialien beziehen sich überwiegend auf traditionelle Werbeformen – doch spätestens seit der Benettonwerbung ist die Wandlung der Werbung innerhalb der letzten zwei Jahrzehnte deutlich geworden. Werbung als klassisches Kommunikationsinstrument der Wirtschaft entwickelt sich zunehmend zu einer Kommunikation auf nicht-ökonomischer und gesamtgesellschaftlicher Ebene[3]. Immer häufiger begegnen einem Formen, die sich zwischen Werbung und Public Promotions ansiedeln lassen. Die Markenidentität gewinnt dabei zunehmend an Bedeutung und es kommt mitunter zur vollständigen Produktablösung. Um überhaupt noch eine Wirkung erzielen zu können, wird Werbung immer subtiler und ausgefallener. Zusätzlich wird vermehrt mit Symbolen und Markenzeichen geworben. Dementsprechend erfordert das Thema Werbung im Kunstunterricht eine neue Herangehensweise, die auch komplexere Themenzusammenhänge, wie sie in diesen Entwicklungen deutlich werden, berücksichtigt. Die zu Beginn der Einleitung zitierte Schüleräußerung fiel im Kunstunterricht unmittelbar, nachdem die Schülerinnen und Schüler sich sowohl im Deutsch- als auch im Kunstunterricht mit traditionellen Werbeformen auseinandergesetzt hatten. Sie hatten dabei ihre Fähigkeit und ihr Bewusstein gezeigt, konventionelle Werbebilder zu analysieren und die Funktion und Intention werblicher Motive zu erkennen. Dennoch sind sie, nahezu unreflektiert, bereit, überhöhte Preise für Markenbekleidung auszugeben.

Die Aktionsform Culture Jamming setzt sich gezielt mit aktuellen Markenerweiterungsstrategien großer Konzerne auseinander und antwortet ihnen mit einem kritischen Bewusstsein wirkungsvoll auf ebenbürtige Weise. Innerhalb der im folgenden thematisierten Unterrichtseinheit soll Culture Jamming auf seine Eignung erprobt werden, aktive Bildverfremdungen zu bewirken. Mein Anliegen besteht darin, zu erfahren, ob und in welchem Maße sich diese Bildform für den Kunstunterricht eignen kann. Eine Vielzahl inhaltlicher Schwerpunkte und bildnerischer Elemente der Motive machen das Thema attraktiv für den Kunstunterricht. Ebenfalls sprechen der Aktualitätsbezug und die unmittelbare Nähe zur Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler für den Versuch, das Thema im Kunstunterricht zu behandeln. Gleichzeitig ergeben sich verschiedene Problemstellungen. Das Thema ist besonders aufgrund seiner inhaltlichen Komplexität in Hinblick auf das Leistungsniveau der Schülerinnen und Schüler relativ anspruchsvoll. Damit verbunden stellt sich die Frage, inwieweit das Interesse der Jugendlichen geweckt werden kann, ihr etabliertes Markenbewusstein zu hinterfragen und sich auch modernen Werbestrategien gegenüber zu emanzipieren. Die Unterrichtseinheit stellt diesbezüglich einen Versuch dar, die kommerziell geschaffene Scheinwelt großer Marken im Wertesystem der Schülerinnen und Schüler zu durchbrechen und an diese Stelle ein neues Bewusstsein zu setzen. Dabei wird sich herausstellen, ob und in welchem Umfang es möglich ist, die künstlich geschaffenen Idealbilder, die sich in den Köpfen vieler Jugendlicher verfestigt haben, aufzuweichen. Hier soll es jedoch nicht um die Zerstörung einer Aussage oder eines Bildes gehen, sondern um die bewusste Verfremdung, die an die Stelle einer verlorenen Idee etwas Neues setzt. Culture Jamming wird hier auf seine Eignung erprobt werden, auf visuell-rezeptive Weise Be- wusstseinsprozesse zu initi- ieren. Vor allem aber soll die Arbeit zum Thema Culture Jamming als aktiver Prozess genutzt werden, ein verän-dertes Bewusstsein gestalte- risch-kreativ auszudrücken und an die Stelle er- schütterter Konzepte eigen-ständige Ideen zu setzen und neue Fähigkeiten zu erpro-ben.

Abbildung 1: Culture Jam zur Firma Nike (18.05.2002, Quelle: www.adbusters.de)

Hinweis: In den folgenden Ausführungen wird der Begriff Unterrichtseinheit mit den Großbuchstaben „UE“, Kunstunterricht mit „KU“, Culture Jamming mit „C.J.“ und Wahlpflicht mit „WP“ abgekürzt. Für Schülerinnen und Schüler steht der Buchstabe „S.“, wobei hier grundsätzlich, wenn nicht anders gekennzeichnet, die männliche und weibliche Form gemeint ist.

2. Sachanalyse

2.1. Culture Jamming: Gegenreaktion auf aggressive Markenerweiterung

In den letzten Jahrzehnten und besonders während der letzten fünfzehn Jahre – im Zuge der „Globalisierung“ - hat der Prozess der Konzentration und Internationalisierung des Kapitals zunehmend den Konsumsektor erreicht. Dies macht sich namentlich im Bereich der visuellen Kommunikation bemerkbar. Große Firmen wie Gap, Nike, Philipp Morris, Starbucks, McDonalds u.v.a. besetzen einen immer größer werdenden öffentlichen Raum, wobei sie zunehmend auch Bereiche wie Jugendkultur, Sport, Wissenschaft und Musikindustrie einnehmen. Während die Intention der Unternehmen – über ihr primäres Ziel der Gewinnmaximierung bzw. Optimierung hinaus - darin besteht, sich in möglichst viele Bereiche des öffentlichen Lebens zu integrieren und selbst einen Teil Kultur zu verkörpern, fühlen sich mehr und mehr Menschen genau hiervon bedrängt. Es erregt Anstoß, dass die Konzerne, sofern ökonomisch zweckmäßig, nicht selten ihre Produkte unter menschenunwürdigen Bedingungen in Großfabriken in Niedriglohnländern („sweatshops“) herstellen lassen, Kinderarbeit unterstützen[4] und auf Umwelt und Menschenleben wenig Rücksicht nehmen. Um diese Missstände hinter der „schillernden Fassade der Firmenlogos“[5] aufzuzeigen und die großen Konzerne dazu zu bewegen, ihr Verhalten zu ändern, hat sich vor allem in den letzten Jahren eine Vielzahl von Initiativen gegründet, die mit Boycottaufrufen und C.J. an die Öffentlichkeit treten.

2.1.1. Culture Jamming: Ursprünge, Intentionen, Techniken und Elemente

Die genauen Ursprünge des C.J. festzustellen ist schwierig, da es sich um eine Mischung verschiedener künstlerischer und ideologischer Strömungen handelt und die oben beschriebene Verwendung von Reklametafeln als Leinwand für Aktivisten im Grunde keine neue Taktik darstellt[6]. Auch die von Künstlern visuell gestaltete soziale Kritik an den Großkonzernen und das Prinzip der kreativen Antiwerbung[7] gab es schon. Die Bezeichnung stammt aus dem Englischen (doppeldeutiger Sinn: „jam“ bedeutet sowohl Marmelade, als auch Stau, Klemme; Blockade) und wurde 1984 von der College-Band „Negativland“ in San Francisco geprägt.

Im weitesten Sinne gilt C.J. als Kombination von Kunst, Medien, Parodie und politischem Aktivismus[8]. Im engeren Sinne beschreibt der Begriff heutzutage die Praxis, Werbung zu parodieren und ihre Botschaft drastisch zu verändern. Grundsätzlich steht dahinter die Auffassung, der einseitige Informationsfluss des Marketings müsse nicht passiv akzeptiert werden, nur weil es viele öffentliche Räume bereits aufgekauft hat. Insbesondere die Werbemaßnahmen großer Konzerne werden so umgestaltet, dass ihre Botschaften ins Gegenteil verkehrt bzw. ihre Inhalte demaskiert werden. Das Spektrum reicht von der „Verschönerung“ durch Graffitti über wilde Plakatierungen veränderter Werbebilder[9] bis zum Anmieten von Werbeflächen[10].

Im Bereich der visuellen Medien drückt sich C.J. primär durch das subtile Umarbeiten von Reklametafeln aus. Zu der raffiniertesten Art gehört die kreative Umgestaltung von Werbeplakaten und –anzeigen, die die Abbildung so verändert, dass die neue Aussage entweder im Widerspruch zu der vom Hersteller beabsichtigten Botschaft steht oder die tiefere Wahrheit hinter den Euphemismen der Werbung enthüllt. Diese Form der Verfremdung soll den Betrachter dazu bringen, sich mit der eigentlichen Strategie der Firma auseinander zusetzen. Die Arbeitsweise der Künstler und Künstlerinnen dieser Bewegung besteht weniger darin, selbständige Parodien zu entwerfen, sondern darin, die jeweilige Kommunikationsmethode der Firma aufzugreifen und zentrale Elemente der Werbeplakate wie Slogan, Logo, Schrift, Farbe und Form nur subtil zu verändern oder in einen anderen Kontext zu setzen. Auch der Ort der Präsentation (Litfasssäulen, Plakatwände, öffentliche Verkehrsmittel) und das Format der Bilder werden meist übernommen. Die Wirksamkeit dieser Vorgehensweise wird darin gesehen, das Unternehmen für die Subversion seiner eigenen Werbung in zweierlei Hinsicht bezahlen zu lassen. Zum einen direkt, da es die Reklametafeln gemietet hat, zum anderen langfristig und schwerwiegender, da das Logo ein enormes Markenkapital darstellt und sein positives Image bei der Umdeutung beschädigt wird.[11] Die Funktionsweise des C.J. wird in diesem Zusammenhang mit der Kampfsportart Jiu-Jitsu verglichen: „Mit einer einzigen flinken Bewegung legt man den Riesen aufs Kreuz, wir nutzen die Stoßkraft des Feindes aus“[12]. Auf diese Weise soll „die überlegene Stärke des Besitzenden diesen selbst zum Verhängnis“[13] werden. Die oben dargestellte Abbildung (Abb. 1, p. 4) veranschaulicht diese Taktik. Es handelt sich um einen C.J. aus dem Jahre 2002, der sich auf die derzeitige Werbung der Firma Nike bezieht. Bildaufteilung, Schrift, Markenzeichen, Farben sowie die Abbildung des Produktes wurden übernommen. Die vorgenommenen Veränderungen enthüllen jedoch die Hintergründe zur Produktion des Konzerns und verkehren die ursprüngliche Aussage „it`s so cool to wear Nike“ auf ironische Weise ins Gegenteil. Während die früheren C.J. auf manuelle Weise entstanden, werden heutzutage wie dieses immer mehr Motive digital bearbeitet.

2.1.2. Aktualität des Culture Jamming

C.J. erfährt einen aktuellen Aufschwung zum einen im Zuge der zunehmenden Globalisierung, die immer mehr Gegner wachruft. Zum anderen erleichtern die neuen Technologien nicht nur das Werben, sondern auch das Herstellen ihrer Parodie und deren Verbreitung. Internetseiten zu Culture Jammern in ganz Nordamerika und Europa bieten Anzeigenparodien und digitale Versionen echter Anzeigen zum Herunterladen an, die man am eigenen PC bearbeiten oder direkt auf der Website verändern kann. Eine technische Voraussetzung für das Wiederaufleben des C.J. besteht in der digitalen Bildverarbeitung, die es im Gegensatz zur Spraydose möglich macht, Farben, Schriften und Materialien exakt zu imitieren und den Eindruck zu vermitteln, die ganze Anzeige sei mit der neuen Aussage frisch gedruckt.[14] Auf diese Weise können sich die Botschaften der Künstler und Künstlerinnen des C.J. (z.B. Rodriguez de Gerada, Ron English) subtil mit denen der Werbung verflechten; die veränderten Reklametafeln sehen aus wie Originale und verblüffen den Betrachter nur mit ihrer Aussage.

2.1.3. Beliebte Motive des Culture Jamming: Markenzeichen

Große Unternehmen wie Apple, Body Shop, Calvin Klein, Nike, Levis, Starbucks, McDonald’s u.a. bemühen sich seit Mitte der 80er Jahre zunehmend um ihr Markenimage. Die Firma Nike bspw. schloss Sponsoringverträge mit bekannten Athleten ab, so dass es ihr gelang, sogar während der Rezession die Gewinne massiv zu steigern und mit einem Umsatz von 9,5 Mrd. Euro derzeitiger Weltmarktführer unter den Sportartikelunternehmen zu werden. Bei den Marketingstrategien dieser und anderer Firmen geht es weniger um das Produkt, sondern in erster Linie um den Verkauf der Marke. Der Käufer bezahlt seinen hohen Preis dabei weniger für das Produkt, sondern hauptsächlich für das Image der Marke, die durch das Logo auf dem Produkt in Erscheinung tritt.

Logos und Markennamen werden gegenwärtig dicker denn je auf Kleidungsstücken, Taschen, u.a. gedruckt und von vielen, oftmals jüngeren Konsumenten bereitwillig als kulturelle Accessoires angenommen.[15] Die Bezeichnung „Logo“ ist ein aus dem Englischen „logotype“ gekürzter Begriff (griech. týpos, Gepräge, Schlag) und bedeutet Firmenzeichen, Firmensignet. Das Logo ist ein meist einfach strukturiertes Zeichen und fungiert als grafisches Symbol für ein Unternehmen. Es ist i.d.R. verbunden mit einer besonderen Schrifttype oder Farbe und zählt zu den Maßnahmen der sogenannten Corporate Identity. Logos sollen zur Identifikation beitragen, so dass das Unternehmen über Produkte und deren Verpackung hinaus auch über Publikationen im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit identifiziert werden kann und sich von der Konkurrenz abhebt. Das Logo der Firma Nike beispielsweise, der „Swoosh“ (engl.: Häkchen, Feger), ein schwungvolles Häkchen mit zwei spitz auslaufenden Enden, besitzt einen sehr hohen Wiedererkennungswert und wird weltweit mit der Firma Nike und dem damit verbundenen Image assoziiert. Kongruent dazu verhält es sich mit dem Kamel der Zigarettenmarke Camel und deren gelben, rundlich geformten Schriftzug, dem Marlborocowboy und dem goldenen gebogenen M der Fastfoodkette McDonald’s (Abb. 2). Markenzeichen, -figuren und Maskottchen stellen folglich ein nicht unerhebliches Firmenkapital dar und wurden somit zu einem besonders beliebten Angriffsziel vieler Culture Jammer.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Camelmaskottchen, McDonald’s M, Nike Swoosh,, Marlborocowboy

2.2. Verfahrensweisen und Formen der Bild- und Zeichenveränderung

Bilder können auf viele Arten verfremdet werden. Grundsätzlich kann dies durch Addition, Subtraktion oder Substitution geschehen. Im Verlauf der UE kommen vor allem das Collage- bzw. Montageverfahren sowie die Technik des Übermalens zum Einsatz. Die Metamorphose stellt eine Form der Veränderung dar, die entweder in vielen Schritten oder in einem einzigen Bild dargestellt werden kann.

2.2.1. Collage

Die Collage gehört zu den wesentlichsten Erfindungen auf dem Gebiet der modernen Kunstformen. Sie ist ein Prinzip der Gestaltung, bei der vorgefundenes Material neu kombiniert wird. Basierend auf den Papiers collés (z.B. Picasso, Braque), entwickelte sie sich weiter zur reliefartigen Montage. Während bei der Collage meist flächiges Material (Zeitungs-, Plakat-, Fotoausschnitte) verwendet wird, kommen bei der Montage eher körperhafte Elemente (Holz- und Metallstücke, textiles Material) zum Einsatz. Die kubistische Collagetechnik wurde 1914 von den italienischen Futuristen übernommen und fand das Interesse der Dadaisten, die neben Holz, Papier und Draht auch Textilien und chemische Substanzen benutzten.[16] Zu den Arbeitstechniken der flächigen Collage gehören das Abreiben, Brennen, Knüllen, Reißen und Schneiden, wobei sich besonders die drei letztgenannten Techniken für die innerhalb der UE zum Thema C.J. vorgesehenen Bildverfremdungen eignen.

Die Fotomontage folgt ebenfalls dem Prinzip Collage, wobei es hier um das gestalterische Kombinieren von Fotofragmenten geht, die in Collagetechnik in entstehende Bilder eingefügt werden, um dadurch deren provokative Wirkung zu erhöhen.[17] Erste Experimente wurden von den italienischen Futuristen und den Berliner Dadaisten (Grosz, Heartfield) durchgeführt und von den Surrealisten aufgenommen und weiterentwickelt. Besonders profitierte jedoch die Plakatkunst von dieser Form der Bildgestaltung.[18] Der nachhaltige Einfluss auf diesem Gebiet wird bei der Betrachtung sowohl klassischer als auch moderner Werbebilder deutlich. Das Prinzip der Fotomontage eignet sich ebenfalls äußerst gut zur Realisation antiwerblicher Bildkonstruktionen und wurde demzufolge zu einem beliebten Gestaltungsmittel vieler Culture Jammer.

Eine Abwandlung der flächigen Collage stellen Materialbilder bzw. Assemblagen (z.B. Merzbilder von Kurt Schwitters) dar, bei denen verschiedene Dinge miteinander kombiniert werden.[19] Das Prinzip der Collage erfüllen im dreidimensionalen Bereich weiterhin Agglomerationen oder Akkumulationen gleicher oder ähnlich gestalteter Alltagsdinge. Die Form der Akkumulation und Assemblage werden für die UE bei der Arbeit mit Verpackungsmaterial relevant werden.

2.2.2. Technik des Übermalens

Das Verfremden von Werbemotiven durch Übermalungen stellte lange Zeit das meistverwandte Verfahren bei der Verfremdung von Werbebildern dar. Im Gegensatz zu Beispielen aus der modernen Kunst, in der Übermalungen bewusst sichtbar gestaltet werden, wird beim C.J. die Farbe in der Regel sparsam eingesetzt, um die Veränderungen entsprechend subtil zu gestalten und Akzente zu setzen. Die praktische Vorgehensweise verläuft hier häufig lediglich retuschierend.

2.2.3. Metamorphose

Die Metamorphose (griech.-lat. = Umgestaltung, Verwandlung) geht meist von einem Bildgegenstand aus und führt in einer Reihe von Schritten zur Umwandlung des ursprünglichen Bildes in etwas gänzlich anderes. Oft handelt es sich bei Ausgangs- und Endpunkt um die Darstellung von Dingen, die eine äußere oder formale Ähnlichkeit auszeichnet. Der Ablauf der Verwandlung zeigt dabei Analogien zu Trickfilmen, in denen kleine Plastillinfiguren ungewöhnliche Verwandlungen durchlaufen; Bezüge sind auch zu Computeranimationen herzustellen, bei denen das „Morphen“[20] ein beliebtes Darstellungsmittel geworden ist. Konkrete Figuren zerfließen hier in amorphe Formen. Die Darstellung erfolgt in einem gleichmäßig fließend dargestellten Prozess, wobei der Eindruck der Bewegung hier digital erzeugt wird. Vorläufer finden sich in der analogen Aneinanderreihung von Einzelbildern beim Trickfilm bzw. dem Daumenkino.

3. Planungsbedingungen

3.1. Institutionelle Voraussetzungen

Für die Durchsetzung der UE bestehen an XX-Oberschule sowohl Räumlichkeiten und Materialien als auch organisatorische Faktoren betreffend gute Voraussetzungen.

3.1.1. Räumlichkeiten und Materialien

Im ersten Stock des Gebäudes befindet sich ein abgeschlossener Bereich mit vier Fachräumen und zwei Materialräumen. Zwei Overheadprojektoren, ein Diaprojektor, eine Schneidemaschine und ein fotografisches Vergrößerungsgerät stehen hier zur Verfügung. Für die Bereiche Malerei, Grafik und Plastik sind alle notwendigen Materialien vorhanden. Außerdem stehen mehrere Kisten alter Zeitungen und Zeitschriften bereit. Eine alphabetisch geordnete Sammlung von Bildmaterial in Form von Kunstplakaten und einer Diasammlung sowie eine Auswahl von Fachbüchern gehören ebenfalls zur Ausstattung des Kunstbereiches. Videorekorder, Kameras und Fotoapparate werden im Medienraum verwahrt und können ausgeliehen werden. Darüber hinaus kann die technische Beratung und Assistenz eines an der Schule angestellten Medienexperten in Anspruch genommen werden. Neben einem Stau- und Vorbereitungsraum mit großformatigen Schubladenschränken und Metallgestellen bieten tiefe Schränke in dem breiten, den Kunsträumen vorgelagertem Flur ausreichend Platz zur Lagerung von Materialien und Arbeitsergebnissen.

Unterricht und Projekttag finden in einem der größeren Fachräume statt, wo sich im vorderen Bereich neben der Tafel und einer abrollbaren Projektionsfläche auch zwei große Waschbecken befinden. Durch die hufeisenartig angeordneten Tische haben alle S. die Möglichkeit, das Unterrichtsgeschehen sowie vorne angebrachte Arbeitsanweisungen, Merktexte, Schülerarbeiten usw. problemlos zu überschauen. Der Raum bietet angesichts der relativ kleinen Gruppe genügend Platz, um in den verschiedenen Ecken Tische so zusammenzustellen, dass ungestörte Gruppenarbeit und das Verwenden größerer Formate gut möglich ist.

Die Präsentation erfolgt in einem zentral gelegenen weiträumigen Erker im Erdgeschoss des Schulgebäudes. Während eine Wand mit Leisten und Pinnborden versehen ist und sich für die Präsentation der Serien kleinerer Arbeiten eignet, bieten zwei weitere Wände freie weiße Flächen, vor denen großformatige Plakate ausgestellt werden können. In der Mitte befindet sich ein auf dem Boden fixierter Tisch, der sich zur Ablage von Materialien eignet und als „Informationsstation“ eingesetzt werden kann.

[...]


[1] Seit Beginn der 70er Jahre gehörte das Thema Werbung zu einem festen Bestandteil des Lehrplanes. Als Ausgangspunkt fachdidaktischer Überlegungen galten die Schriften von Gesellschaftswissenschaftlern (bes. Wolfgang Fritz Haug, Zur Kritik der Warenästhetik, 1971), während praxisorientierte Konzepte zum Thema Werbung im Unterricht sich auf die Ergebnisse der Semiologen beriefen. Hermann K. Ehmers zeichentheoretische Untersuchung der Werbung rückte 1971 mit der Analyse der Doornkaat-Werbung eine Bildkategorie in den Mittelpunkt, die vorher kaum für den Kunstunterricht in Betracht gezogen worden wäre.

[2] Zu den klassischen Inhalten und Verfahrensweisen zählen vor allem: Thematisierung von Aufbau und Funktion der Werbung (vgl. Bartsch), verbale und visuelle Analyse in drei Schritten (vgl. Walch), Analyse und Interpretation optischer Gestaltungsprinzipien (vgl. Detlev Roggatz), Aufdecken von Männlichkeits- und Weiblichkeitsbildern (vgl. Kämpf-Jansen), analytische und produktive Beschäftigung mit Verpackungen (vgl. Kämpf-Jansen), Vermittlung von Werbe- und Verkaufspraktiken (vgl. Böttcher).

[3] Böttcher, Winfried. Werbung im Lehrplan, (Hrsg.. ZAW; Bonn: Sachon, 1979), p. 17.

[4] Führende Sportartikelhersteller wie Adidas, Reebok und Nike sind nicht nur aufgrund der Arbeitsbedingungen in den asiatischen Sportwerkstätten in die Schlagzeilen geraten, sondern auch wegen der Kinderarbeit beim Zusammennähen von Fußbällen.

[5] Naomi Klein, NO LOGO! (München: Riemann, 2001), p.292.

[6] Die Billboard Liberation Front aus San Francisco verändert bspw. schon seit 20 Jahren Reklametafeln; die australischen Billboard Utilizing Graffitists Against Unhealthy Promotions (BUG-UP) erlebten ihren Höhepunkt 1983.

[7] vgl. Staecks Bildmontagen zur Pharma- und Zigarettenindustrie seit 1967.

[8] vgl. Dery, Mark. „Culture Jamming: Hacking, Slashing, Snipping in the Empire of Signs”, NY: 1993.

[9] z.B. „Shit happens. New Exxon“ kurz nach der Havarie der Exxon Valdez“ vor Alaska.

[10] wie z.B. 1997 durch die Nichtraucherbewegung in Manhatten. Diese machte mit dem Slogan „Cancer Country“ auf Taxis Antiwerbung gegen Marlboro, wobei der veränderte Slogan auf den in der Innenstadt umherfahrenden Fahrzeugen mit der ursprünglichen Werbung, die in der Stadt angebracht war, in groteskem Widerspruch stand.

[11] vgl. Naomi Klein, NO LOGO! (München: Riemann, 2001), p. 291.

[12] Kalle Lasn in: ebda

[13] Saul D. Alinsky in: ebda

[14] vgl. Abb. Werbetafel Rodriguez Gerada in: ebda, p. 296.

[15] Naomi Klein, NO LOGO! (München: Riemann, 2001), p. 36.

[16] Fritz Winzer, Sachlexikon BK, Bd. 1 (Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1986), p. 53 .

[17] Zwei oder mehrere Elemente werden so miteinander verbunden, dass eine neue Bedeutung entsteht, die in keinem der Einzelmotive enthalten ist. Ziel ist es, die Realität darzustellen, die hinter den vordergründigen Erscheinungsformen der Dinge und Situationen liegt. Andererseits vermitteln die fotografischen Bildelemente eine durch kein anderes Medium zu erzielende Authentizität. Durch das Kombinieren bestimmter Motive soll im Kopf des Betrachters eine „Explosion“ hervorgerufen werden, die ihn die inhaltliche Aussage erkennen lässt. Die Fotomontage will erhellen und entlarven. Ihre ästhetischen Elemente sind häufig Karikatur, Satire und Ironie.

[18] Fritz Winzer, Sachlexikon der Bildenden Künste Bd. 1 (Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1986), p. 86f.

[19] Johannes Eucker, KunstLexikon (Berlin: Cornelsen, 1998), p. 60/61.

[20] Der Begriff „Morphing“ wurde von Prof. H. Hartwig in einem noch unveröffentlichten Artikel über „Metamorphosen, Ariadne und Arte“, 1998, HdK Berlin, HS Werbung geprägt und seither von Fachdidaktikern wie j. Eucker, j. Funhoff u.a im Zusammenhang mit diesem Phänomen verwendet.

Details

Seiten
49
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783656381747
ISBN (Buch)
9783656386629
Dateigröße
3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v210513
Institution / Hochschule
Universität der Künste Berlin – Allgemeines Seminar Schöneberg
Note
1,0
Schlagworte
culture jamming möglichkeit bildverfremdung eine unterrichtseinheit

Autor

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