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Die Bundeswehr als Wirkungsstätte der Mechanismen des Flexiblen Kapitalismus. Im Kontext einer soziologischen Gegenwartsdiagnose nach Richard Sennett

Hausarbeit 2010 20 Seiten

Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil
1 Das Wesen Flexiblen Kapitalismus nach Richard Sennett
2 Grundzüge der Laufbahn eines Marineoffiziers
3 Die Bundeswehr im Spiegel des Flexiblen Kapitalismus
3.1 Der Gesichtspunkt der Routine
3.2 Der Aspekt der Kohärenz
3.3 Das Element der sozialen Bindung

III. Schluss

IV. Literatur- und Quellenverzeichnis

I. Einleitung

Flexibilität. Kaum ein anderes Attribut hat wohl öfter den Weg in zeitgenössische Stellenanzeigen und darauf antwortende Bewerbungen Einzug gehalten. Unlängst hat die Flexibilität als Abrakadabra der heutigen Arbeitswelt die klassischen industriellen Arbeitsformen des 20. Jahrhunderts an vielen Stellen abgelöst. Die Vorherrschaft des Flexiblen Kapitalismus, wie der Soziologie Richard Sennett diese moderne Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung kennzeichnet, habe gemäß Sennett weitreichende Auswirkungen auf das Individuum. Der Mensch wird, ob es ihm gefällt oder nicht, als Teil der Ökonomie flexibilisiert.

Und während Sennett mit seinem Werk "Der flexible Mensch" (The Corrosion of Character) im Jahre 1998 eine treffende Diagnose der US-Amerikanischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung publizierte, erlangt sein Magnum Opus und das von ihm behandelte destruktive Phänomen der Flexibilisierung der Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung für Europa und die Bundesrepublik Deutschland erst seit der letzten Dekade einschlägige Bedeutung.[1]

In dieser Dekade unterliegen auch die Streitkräfte der Bundesrepublik Deutschland einem fortdauernden Wandlungs­prozess, der mit dem Wegfall der Wehrpflicht unzweifelhaft einen neuen Kulminationspunkt erreicht. Stärker als jemals zuvor müssen die Streitkräfte in Folge dessen mit dem zivilen Arbeitsmarkt um Bewerber und Nachwuchs konkurrieren. Eine entsprechende, zeitgenössischen Stellenannonce der Bundes­agentur für Arbeit, in der die Streitkräfte der Bundesrepublik Deutschlands als einer der größten Arbeitgeber überhaupt beworben werden, verlangt von potentiellen Aspiranten folgendes:

"Soldatin oder Soldat zu sein, stellt hohe Anforderungen an

Mobilität, Flexibilität, Belastbarkeit und Einsatz­

bereitschaft."[2]

Da sich diese unbescheidenen Anforderungen in ihrer Lesart nur unwesentlich von typischen modernen Erwartungsprofilen ziviler Arbeitgeber, welche gemäß Sennett den Flexiblen Kapitalismus ausgestalten, unterscheiden, soll dahingehend in der vorliegenden Hausarbeit erörtert werden, ob die Bundeswehr als Institution im Sinne des Flexiblen Kapitalismus in Erscheinung tritt und ob in dieser Hinsicht ein unerfreulicher Effekt im Sennettschen Sinne auf die dienenden Soldaten zu erwarten ist.

Ferner soll im Besonderen die Teilstreitkraft Marine im Fokus der Betrachtung stehen, da sie vielmals ungebührend vernachlässigt und dem großen Korpus Bundeswehr einfachhalber assimiliert wird, und dass, obwohl sie durch die hervorstehende Komponente der Seefahrt gerade erst recht beurteilt werden sollte.

Zusätzlich wird die zu betrachtende Gruppe von Soldaten dahingehend eingeschränkt, als dass sich zum einen lediglich der Dienstgradgruppe der Offiziere angenommen wird und zum anderen der Blick auf das zur See fahrende Personal dieser Offiziere gerichtet wird. Diese Entscheidung ist nicht zuletzt begründbar, nachdem zunächst der Begriff des Flexiblen Kapitalismus treffend umrissen worden ist und einhergehend die aus der Wirtschaftsordnung des Flexiblen Kapitalismus resultierende schädliche Wirkung auf das Individuum abgezäunt wurde.

Darauffolgend soll die Institution Marine im Sinne des Sachverhaltes adäquat charakterisiert werden, indem der in praxi bestehende Werdegang eines Seeoffiziers auf die bereits genannten, dem Flexiblen Kapitalismus geschuldeten, un­liebsamen Auswirkungen auf den Menschen hin geprüft wird. Soldatischer Werdegang bezeichnet in diesem Fall sowohl die originär militärische Laufbahn, als auch die Passage der Zeitsoldaten hinein in den nachstehenden Mundus der zivilen Metiers.

Das Bild der verfügbaren Forschungsliteratur gestaltet sich ausgesprochen günstig, da sich sozialwissenschaftliche Studien nicht erst seit dem gewandelten Einsatzszenario der Bundeswehr mit der jedoch zweifellos gestiegenen, aber schon seit je her vorhandenen Mobilität von Soldaten und deren sozialen Umfeld befassen. Für eine Darstellung der Laufbahnen und des Alltages des Seeoffiziers werden entsprechende Informationen des Verteidigungsministeriums herangezogen und durch eigene Kenntnisse ergänzt.

II. Hauptteil

1 Das Wesen Flexiblen Kapitalismus nach Richard Sennett

In seiner Publikation "Der flexible Mensch", die in der Einleitung bereits kurz benannt wurde, entwirrt Richard Sennett die Wirtschaftsordnung und stellt die kontemporären Diversifikationen der Berufswelt treffend anhand von Fall­beispielen dar.

In jedem Fall ist Sennetts Analyse damit mehr als eine bloße Kreation von Thesen in Folge der Analyse einiger abstrakter Individualschicksale, deren Essenz in das Allgemeinere überführt und im Weiteren auf den Kosmos der Bundeswehr transplantiert werden soll. Nach Sennett bedarf es dieser Fallbeispiele im Kontext seiner Publikation jedoch, da seine Idee das Gewicht der konkreten Erfahrung aushalten müsse, um nicht konstruiert und gegenstandslos zu wirken.[3]

Bereits in der Einleitung zu "Der flexible Mensch" schafft es Sennett den Begriff des Flexiblen Kapitalismus sowohl in Abgrenzung zu früheren Wirtschaftsordnungen, als auch unter Einbindung der von Sennett gesehenen Folgen wie den Verlust von Routine, Kohärenz und menschlicher Bindung, sowie die daraus erwachsende Gefahr, zu umreißen.

Demgemäß bezeichnet die Flexibilität in der so bezeichneten Form des Flexiblen Kapitalismus das Aufweichen zuvor gekannter starrer Strukturen der Ökonomie bei gleichzeitiger Verschiebung der Anforderungen an den Arbeitnehmer.[4] Dieser muss sich nunmehr flexibel verhalten, offen für kurzfristige Veränderungen sein, und ständig Risiken eingehen.[5] Risiken eingehen meint mitunter bescheidenere, aber in jedem Fall produktive Metiers aufzugeben, um vermeintlich lukrativeren Beschäftigungen nachzueifern.[6]

Die Epoche vor der Ordnung des Flexiblen Kapitalismus lässt sich als "stabile Vergangenheit" bezeichnen.[7] Vormals garantierten mitunter durch den Staat getragene weitreichende Soziale Netze, Gewerkschaften und Arbeitsverhältnisse in bürokratischen Strukturen ein Maß an Wohlstand auf allen Ebenen der Gesellschaft. Diese mehr oder weniger stark ausgeprägten Merkmale schufen kohärente Vitae. Vitae die Tag für Tag ohne Überraschungen fortschreiten, Biographien die sich beinahe genau prognostizieren lassen, und Lebensbeschreibungen die sich als vollkommen lineare Novellen wiedergeben lassen, sind dem Flexiblen Kapitalismus abzusprechen.[8]

Vielmehr sind die Biographien von Arbeitnehmern nun gekennzeichnet durch Verschiebungen von Lebensmittelpunkten. Verschiebungen die zum Beispiel aus Umstrukturierungen der Ökonomie resultieren, in deren Folge der Arbeitnehmer gezwungen ist zu reagieren, wenn er weiter erwerbstätig bleiben möchte.[9] Dieses Phänomen sät Unsicherheit und schürt Angst. Es ist die Furcht kein selbstbestimmtes Leben mehr zu haben, sondern fremdbestimmter Steuerung zu unterliegen.[10] Dies liegt insbesondere dann vor, wenn der Arbeitnehmer, oder dessen Unternehmen, von der Abnahme ihrer produzierten Leistung durch Dritte abhängig ist. Diese sich ausbreitende Art des betrieblichen Wirtschaftens in Zweigen der Ökonomie, in denen dies originär atypisch ist, steht dem individuellen Wunsch nach Planbarkeit des Einkommens, der Freizeit und des Lebens entgegen. Doch nicht nur die Umwelt und Lebenswelt des Menschen unterliegt der neuen Wirtschaftsordnung und erhält inkohärente Züge. Gemäß Sennetts Auffassung sind nunmehr auch die beruflichen Werdegänge ebenso wenig vorauszusehen, da dass Modell der klassischen Laufbahn, in der man sukzessiv aufsteigt, abgelöst wird durch die Form der Arbeitsorganisation, die sich, getreu dem Motto "nichts Langfristiges", im flexiblen Kapitalismus manifestiert.[11] Da ist es beinahe schon selbstredend, dass der Arbeitnehmer zu seinen Arbeitskollegen kein besonders intensives Verhältnis, geschweige denn Vertrauen aufzubauen vermag. Sennett schreibt den modernen Institutionen daher eine Erschütterung des Gemeinschaftsgefühls zu, die dem komprimierten Zeitfenster für einen Reifeprozess von kollegialem Vertrauen geschuldet ist.[12]

Ein weiteres Manko des Flexiblen Kapitalismus, welches zweifellos in enger Dependenz zur Problematik des erzwungenen Ortswechsels eines Menschen steht, ist der Schwund sozialer Bindungen. Der Verlust von sozialen Bindungen, insbesondere auch lokaler gesellschaftlicher Einbindung, bietet die Kulisse für eine noch tiefergehende Erschwernis. Schließlich gerät auch die Familie als ursoziale Institution in Gefahr, da sie einer Dysfunktion unterliegt und ihrer vormals beigemessenen Aufgabe zur Formung von Heranwachsenden mitunter nur unzureichend nachkommen kann.[13]

[...]


[1] Dies belegen entsprechende Diskurse zur Flexibilisierung auf allen gesellschaftlichen Ebenen, speziell aber zum flexiblen Individuum, z.B. unter: http://www.stern.de/wirtschaft/arbeit-karriere/arbeit/flexibel-im-job-schoene-neue-arbeitswelt-603939.html (abgerufen am 10.06.2011); Am 24. Mai 2011 um 19 Uhr organisierte die Süddeutsche Zeitung, die ARD und der Bayerischem Rundfunk in München eine Podiumsdiskussion zum Thema: Arbeit ohne Grenzen - Wie viel Mobilität verträgt der Mensch?, unter: http://szveranstaltungen.sueddeutsche.de/2011/05/24/arbeit-ohne-grenzen-wie-viel-mobilitat-vertragt-der-mensch (abgerufen am 10.06.2011).

[2] Bundeswehr als Arbeitgeber, Presse Info 023/2011 vom 16.03.2011, unter: http://www.arbeitsagentur.de/nn_174166/Dienststellen/RD-H/Fulda/AA/A01-Allgemein-Info/Presse/2011/PI23-2011-Bundeswehr-als-Arbeitgeber.html (abgerufen am 11.06.2011).

[3] Sennett, Richard: Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismsus, Berlin, 3. Auflage, 1998, S. 12.

[4] Ebd., S. 10.

[5] Sennett: Der flexible Mensch, S. 10.

[6] Ebd., S. 119.

[7] Ebd., S. 26.

[8] Ebd., S. 16.

[9] Ebd., S. 20.

[10] Ebd., S. 21.

[11] Sennett: Der flexible Mensch, S. 25.

[12] Ebd., S. 28.

[13] Ebd., S. 24.

Details

Seiten
20
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656388111
ISBN (Buch)
9783656389576
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v210510
Institution / Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,5
Schlagworte
Flexibilität Richard Sennett Soziologie Flexible Mensch Bundeswehr Flexibler Kapitalismus
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Titel: Die Bundeswehr als Wirkungsstätte der Mechanismen des Flexiblen Kapitalismus. Im Kontext einer soziologischen Gegenwartsdiagnose nach Richard Sennett