Lade Inhalt...

Sound Pattern of English - Das System distinktiver Merkmale nach Chomsky und Halle

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 45 Seiten

Rhetorik / Phonetik / Sprechwissenschaft

Leseprobe

1. Einleitung

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, das System distinktiver Merk­male nach Chomsky und Halle (Sound Pattern of Englisch = SPE) vor­zustellen und kritisch zu betrachten.

In Punkt 2.0 wird kurz auf die Vorläufermodelle der „SPE“ eingegan­gen, um dann auf die Grundlagen der generativen Phonologie zu kom­men und diese von der strukturalistischen Phonologie abzu­grenzen.

Als nächstes werde ich auf die Prämissen Chomskys und Halles Merk­malssystem eingehen und unter den Punkten 4-7 das System vorstel­len, um abschließend das System kritisch zu betrachten und kurz auf aktuelle, alternative Modelle hinzuweisen.

Die Erstellung der Hausarbeit gestaltete sich äußerst schwierig. Die Komplexität und Abstraktheit des Systems führte zu diversen Verständnisproblemen.

2. Grundlagen der generativen Phonologie

Als erstes wird in diesem Kapitel ein kurzer Blick auf die Ent­wicklung phonologischer Systeme geworfen, um im Folgenden die Un­terschiede zu Chomskys und Halles System aufgreifen zu können.[1]

Die strukturalistische Phonologie der 40er und 50er Jahre (z.B. Trubetzkoy, Jakobson) ging von der phonetischen, beobachtbaren Oberfläche aus und segmen­tierte diese durch z.B. Minimalpaarbil­dung und Belege der Distink­tivität der Laute in verschiedenen Sprachen in Phoneme. Nach der Einfüh­rung der Phonemebene wurden dann phono­logische Regeln abge­leitet. Roman Jakobson entwarf 1949 ein phonem-basiertes Merkmalssystem - ausge­hend von ei­ner Einzel­sprache: dem Französischen. Auf die Minimal­paaranalyse (Ermitt­lung minimaler Oppositionen) folgend gruppierte Jakobson die so ermit­telten Phoneme auf Basis phonetischer Ähn­lichkeiten (und komple­mentärer Verteilun­gen = Allophone). Mit die­ser Vorge­hensweise er­hielt Jakobson fünf, akus­tisch definierte distinktive Merkmale der französischen Sprache (Nasalität, Ge­spanntheit, Kon­tinuität, Gra­vity, Compactness).

Spätere Systeme distanzierten sich von der phonem-basierten Syste­matisie­rung (z.B. Jakobson 1952 et al.). Als alternative Organisa­tionsform wurden die phonetischen Features als Basis­einheit phono­logischer Be­schreibungen betrachtet. Die Features basierten auf phonischen (lautlichen) Parametern; diese sind nur durch die Möglich­keiten des menschlichen Sprechapparates begrenzt und somit von sprachübergreifender Gültigkeit.

Es wurde versucht, die produzierbaren (und existenten) Laute menschlicher Sprache durch eine Vielzahl phonischer (akustischer) Achsen zu kategorisie­ren. Durch diese Art der Kategorisierung er­hoffte man sich universale Laut­klassen zu ermitteln, die alle pro­duzierbaren Laute in allen Sprachen erfassen sollten.

Jakobson, Fant und Halle haben 1952 in ihrem Werk „Preliminaries to Speech Analysis” ein System von zwölf Merkmalen entworfen, die alle Kontraste in allen menschlichen Sprachen beschreiben sollten. Die Features wurden über­wiegend akustisch definiert.

Spätere Analysen von verschiedenen Sprachen haben aber gezeigt, dass diese zwölf Merkmale nicht ausreichen, um alle Sprachen sys­tematisch beschreiben zu können[2].

Die Entwicklung der Merkmalssystem habe in den 60er Jahren, so Sommerstein, die Tendenz ge­habt, die Features mehr artikulatorisch als akustisch zu definieren. Den Höhepunkt dieser Entwicklung stellte das 1986 erschienene Werk Chomskys und Halles „Sound Pat­tern of English“ dar[3], auf das im Folgenden ge­nauer eingegan­gen werden soll.

„Die Bibel der generativen Phonologie“[4] von Noam Chomsky und Mor­ris Halle baut auf dem System distinktiver Merkmale von Jakobson, Halle und Fant (1952) auf.

Chomsky und Halle aber wenden sich von der struktu­ralistischen Phonologie ab und entwerfen, in Korrelation zu dem Modell der ge­nerativen Grammatik, ein Modell der generativen Phonologie.

Im Gegensatz zur strukturalistischen Phonologie etablieren Chomsky und Halle keine Phonemebene. Chomsky und Halle verzichten auf der­lei Beobachtungen der phonetischen Oberflächenstruktur, sondern versuchen auf umgekehrtem Wege, die Oberflächenstruktur durch die Tiefenstruktur zu erklären. Grundlage ihres Systems distinktiver Merkmale bildet der Pool aller artiku­latorisch möglichen Laute. Nach den Vorstellungen der generativen Phonologen ist die die Seg­mentierung der Laute bereits durch die syntaktische Oberflächen­struktur gegeben und muss nicht über den Umweg der phonetischen Ober­fläche vorgenommen werden. Die Phonemebene stelle eine unnatürliche und überflüssige Ableitung der phonetischen Oberflä­chenstruk­tur dar und führe „sogar zu unmotivierten Verkom­plizie­rungen“[5]. Weiterhin müsse die Merkmalsmatrix nicht durch Beobachtun­gen der Oberflächenstruktur geschaffen werden, sondern sei be­reits durch die Repräsentation der Segmente im Lexikon vor­handen[6].

Chomsky und Halle glauben, dass phonologische Regeln mit universel­len phonetischen Regeln interagieren, so dass durch deren Rekombination und Aktualisierung alle grammatischen Formen gebil­det werden können, die die Produktion und Perzeption von Sprache gewährleisten. Grammatik, so May­erthaler, ließe sich als eine Vor­richtung interpretieren, „die die Bezie­hung zwischen Lautung und Bedeutung regelt“[7]. So wie die syntaktische Oberflä­chenstruktur eines Satzes aus den abstrakten Struktu­ren / Tiefenstrukturen, der Schemata ihrer Generierung herleitbar sind, so sind, nach Chomsky und Halle, in Analogie zu dieser Vorstellung auch die pho­netischen / phonologischen Oberflächen­strukturen einer Äußerung aus ihrer phonologischen Tiefenstruk­tur ableit­bar[8]. Tatsächlich könne man, so Mayerthaler, „zugrunde liegende Repräsentationen als ´phonologische Tiefenstruktur´ und abgeleitete Repräsentationen als ´phonologische Oberflächenstruktur´ auffassen“[9].

Chomsky und Halle gehen dabei davon aus, dass im Lexi­konein­trag von Wörtern und Morphemen neben deren semantischer Bedeu­tung auch die Lautstruktur repräsentiert ist.

Den Prozess vom Lesen eines Satzes bis zu dessen lautlicher Reprä­sentation kann man sich folgendermaßen vorstellen:

Als einfachstes Organisationsschema kann man sich vorstellen, dass die syntaktische Oberflächenstruktur einer Äußerung als Input fun­giert. Dieses Input wird durch die Aktualisierung phonologi­scher Constraints transformiert. Ausgehend von der syntaktischen Oberflä­che wird eine gegebene Äußerung durch die syntaktische Oberflä­chenstruktur - durch Phrase-Marker (=Grenzsymbole) - in immer kleinere Segmente zer­gliedert. Die größte Einheit stellt dabei der kom­plette Satz dar, die nächst kleineren Einheit sind Nominal- und Verbalphra­sen, fol­gend Konstituenten und schließlich lexikalische und grammatische Morpheme, die von Chomsky und Halle im Folgenden als „for­matives“ bezeichnet werden[10].

Die Segmentierung der Äußerung erfolge seriell durch „bracket la­bels“ (=Klammerstrukturen)[11].

Nach Chomsky und Halle ist jedes dieser Formatives verschiedenen Kategorien zugeordnet, nämlich sowohl denen seiner syntaktischen und semantischen Funktion, als auch der seiner lautlichen Struk­tur. Die Segmente des Wortes < boy> beispiels­weise lassen sich in die universalen Kategorien „Element mit initialem stimmhaften Plo­siv“, „Nomen“, „belebt“ und „maskulin“ einordnen[12].

Die phonetischen Kategorien seien als zweidimensionale (Artikula­tionsart und Artikulationsort), binäre Merkmalsmatrix im Lexikon repräsentiert[13] und stell­ten nichts anderes dar, als das, was Chomsky und Halle im Folgenden als Features bezeichnen. Auf Grund­lage dieser Kategorien wird durch die Aktualisierung phonologi­scher Regeln die phonetische Repräsentation erstellt. Die abs­trakte, kognitive phoneti­sche Repräsentation stellt das Output die­ses Prozesses dar. In diesem Prozess der Umcodierung (Black-Box-Situa­tion!!) wird also etwas generiert, nämlich die phoneti­sche Repräsentation einer syn­taktischen Struktur.

Die Phonologie habe hier, so Mayerthaler, insofern eine interpre­tierende Funktion, als dass sie der, „von der Grammatik generier­ten Satzmenge eine lautliche Realisierung oder eine phonetische Repräsentation“[14] zuweise.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3. Das System der distinktiven Merkmale nach Chomsky und Halle

Ziel des Systems distinktiver Merkmale nach Chomsky und Halle ist es, universelle, in­härente phonetische Features (also unter Aus­schluss prosodischer Features) zu ermitteln - unabhängig davon, welche Rolle sie für die englische Sprache spielen. Die erarbei­teten Features sollen den Pool aller artikulatorischen Mög­lichkei­ten menschlicher Sprache repräsentieren:

The total set of features is identical with the set of phonetic properties that can in principle be controlled in speech; they represent the phonetic capabilities of man and, we would assume, are therefore the same for all languages“ (SPE, S. 295).

Bei dem Merkmalssystem Chomskys und Halles handelt es sich, wie bereits erwähnt, um ein feature-basiertes System. Die Features werden als die Basis­einheit phonologischer Beschreibungen betrach­tet. Jedes Feature definiert hier zwei Klassen von Segmenten: die, die es tragen und die, die es nicht tragen[15]. Die phonetischen Fea­tures sollen zum einen der phonetischen Beschreibung dienen und zum anderen der Kategorisierung der Segmente. Hinsichtlich der zweiten Funktion soll die Natürlichkeit der Klassen durch die ver­meintliche Referenz der Features auf die psychische Realität des mentalen Lexikons gestützt werden: „the features have a phone­tic function and a classificatory function. In their phonetic function, they are scales that admit a fixed number of values, and they relate to independently controllable aspects of the speech event […]. In their classificatory function they admit only two coefficients, and they fall together with other categories that specify the idiosyncratic properties of lexical items” (SPE, S. 298).

Die Features werden überwiegend artikulatorisch definiert und de­ren Distinktivität durch Beispiele aus verschiedenen Sprachen be­legt. Jedes Merkmal, so Chomsky und Halle, stelle eine physikali­sche Skala dar, die an zwei Punkten definiert sei, z.B. durch die Semi-Antonyme high-nonhigh. Diese Skalen referierten auf die Mat­rizen der kognitiven phonetischen Repräsentation[16].

Als Referenzgröße dieser physikalischen Skalen dient die unmar­kierte Neutralposition. Die Neutralposition definieren Chomsky und Halle durch eine bestimmte Lage des Velums und der Zunge, die aber nicht der Ruhelage der Organe während der Atmung entspricht! In der Neutral­position ist das Velum gehoben, der Nasenraum ist ver­schlossen. Der Zungenrücken (Dorsum) ist ebenfalls leicht gehoben, wie bei dem englischen Vokal /e/ (= [@] in <bed>), die Zungenspitze (Apex) dagegen ruht am unteren Zahndamm[17].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Röntgenbild und Zeichnung des Röntgenbildes; Darstellung der Neut­ralposition anhand des „Neutralvokals“ [@].

Aus: Laver, John: Principles of Phonetics, Cambridge University Press, Cambridge [u.a.] 1995 (keine Seitenzahl).

Chomsky und Halle betonen, dass die Hierarchie der Merkmale zum Zeitpunkt der Veröffentlichung auf einer recht defizienten theore­tischen Basis beruhe[18].

[...]


[1] Nach: Sommerstein, Alan H.: Modern Phonology, Edward Arnold, London 1977. S. 92-113.

[2] Nach: Sommerstein, S. 95.

[3] Nach: Sommerstein, S. 95.

[4] http://www.cogsci.uni-osnabrueck.de/~haase/sphonbib.html (22.3.2005)

[5] Mayerthaler, Willi: Einführung in die generative Phonologie, [Romanisti­sche Arbeitshefte 11], Niemeyer Verlag, Tübingen 1974. S. 7.

[6] Nach: Mayerthaler, S. 7.

[7] Mayerthaler, Einführung in die generative Phonologie, S. 2.

[8] Nach: Mayerthaler, S. 7.

[9] Mayerthaler, S. 58.

[10] Nach: SPE, S. 293.

[11] Siehe auch Abb. SPE, S. 8

[12] Nach: SPE, S. 295.

[13] „What exactly is a phonetic representation? […] a phonetic representation has the form of a two-dimensional matrix in which the rows stand for particular phonetic features; the colums stand for the consecutive segments of the utterance generated; and the entries in the matrix determine the status of each segment with respect to the features. In a full phonetic representation, an entry might represent the degree of intensitiy whith which a given feature is present in a particular segment” (SPE, S. 5).

[14] Mayerthaler, Einführung in die generative Phonologie, S. 2.

[15] Nach: Sommerstein, S. 93.

[16] Nach: SPE, S. 298 (s.o.).

[17] Nach: SPE, S. 300.

[18] SPE, S. 300: “This subdivision of features is made primarily for purposes of exposition and has little theoretical basis at present”.

Details

Seiten
45
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783656386025
ISBN (Buch)
9783656386520
Dateigröße
2.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v210463
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Phonetik
Note
1,0
Schlagworte
sound pattern english system merkmale chomsky halle

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Sound Pattern of English - Das System distinktiver Merkmale nach Chomsky und Halle