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Hermann Hesses "Steppenwolf" und die literarische Moderne im Lichte der Philosophie Friedrich Nietzsches

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 38 Seiten

Literaturwissenschaft - Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Einleitung

Hermann Hesse selbst schrieb in einem Brief von 1958: „Lernen sie nur die Methoden der Germanistik, sie sind nicht schlecht, aber vergessen Sie nie, dass das Eigentliche und Wunderbare dieser Me-

thoden nicht erfassbar ist“ (zitiert nach: Szabó, S. 9).

„Sprachkritik, Wertezerfall und Identitätskrise können als geis­tige Grundprobleme der literarischen Moderne bezeichnet werden“ (Charvát, S. 22). Hermann Hesses Werk ist durchzogen und geprägt von Krisen und ei­ner immer wiederkehrenden Ambivalenz zwischen diversen Polen, z.B. der inneren und der äußeren Welt, der Bürger­lichkeit und Geniali­tät, von Individuation und Integration u.s.w. Immer wieder geht es um (meist innerliche) Konflikte des sensiblen Außenseiters mit Geniepotentialen und seiner bürgerlichen Außen­welt. Zeigt sich Hesses Werk auf den ersten Blick als querulant, sentimental und pubertär, so zeigt sich auf den zweiten Blick eine kaum erahnte Vielfalt philosophischer, psychologischer und religi­öser Einflüsse - oftmals widersprüchlich erscheinender Einflüsse; angefangen bei der Psychoanalyse C. G. Jungs über die pietistische Psychologie seines Elternhauses bis hin zu – durch seine Indien­reisen inspi­rierten – fernöstlichen, indischen Philosophien und Religionen.

Da es im Rahmen einer Seminararbeit kaum möglich sein dürfte, sich der Vielzahl dieser Einflüsse im Einzelnen zu widmen und diese säuberlich zu diskriminieren, konzentriert sich die vorliegende Arbeit vor allem auf die Einflüsse der Philosophie Nietzsches auf das Werk Hermann Hesses; hier im Speziellen auf seinen Roman >>Der Steppenwolf<<. Hauptsächlich werde ich dabei auf Nietzsches Zara­thustra eingehen, weil dieses Werk mir am besten vertraut ist und sein Einfluss auf den Steppenwolf recht evident ist. Im Steppen­wolf, so Voit, wimmele es „von Ziataten und deutlichen Anspielun­gen, aber auch von verwischten und dennoch leicht kenntlichen Spu­ren des Meisters“ (Voit, S. 138).

Ganz in der Tradition der (Neo-)Romantik lässt sich nach der Ori­ginali­tät des Romans fragen. Handelt es sich bei dem Steppenwolf um eine typisch romantisch-fragmentarische originelle Arbeit oder handelt es sich lediglich um eine „Patchwork-Arbeit“, ein Manu­skript beste­hend aus Paraphrasen der Schriften Nietzsches und Jungs? - wie Mozart im „Steppenwolf“ witzelt und vorwirft: „Gott befohlen, der Teufel wird dich holen, verhauen und versohlen für dein Schreiben und Kohlen, hast ja alles zusammengestohlen“ (Step­pen­wolf, S. 231). Hesse nimmt hier metapoetisch die Kritik seines Romans selbst vorweg. Deutlich wird hier der Autor höchstpersön­lich ange­sprochen, zugleich die Figur des Protagonisten Harry Hal­lers mit Hermann Hesse selbst gleichgesetzt! „Denkst du an deine Leser, die Äser, die armen Gefräßer, und an Deine Setzer, die Ket­zer, die verfluchten Hetzer, die Säbelwetzer?“.

Die zentrale Frage der vorliegenden Arbeit aber ist, was Hermann Hesses Steppenwolf mit der literarischen Moderne gemein hat und was nicht-? Delabar schreibt dazu: „Hesse – ohne Zweifel ein Autor der Moderne – gehört […] also zu jener Gruppe von Autoren, die entweder die Realität, in der sie leben und die sich mit ungeheu­rer Geschwindigkeit verändert, nicht wahrnehmen und nicht schil­dern wollen oder denen ihre eigenen Probleme (die Probleme ihrer Spielfiguren) vor denen der Welt gehen. […] Die Moderne wird in ihrer Komplexität und Totalität von Hesse ausgegrenzt“ (Delabar, S. 260). „Ist Hesse damit also einer der Parteigänger der Gegenmo­derne im frühen 20. Jahrhundert?“ (Delabar, S. 260).

Weiter fragt Delabar, was der dionysische Traum Harry Hallers mit der Lebenswelt und selbst der Kunst der Zwanziger und Dreißiger zu tun hat? Und was hat diese wiederum mit der Philosophie Friedrich Nietzsches zu tun? Und wie überhaupt passen diese beiden Fragen zusammen?

2.0 Hermann Hesse und die literarische Moderne

„Das Wort Modernität, das dazu dienen soll, das Selbstverständnis unserer Zeit epochal gegen ihre Vergangenheit abzusetzen, hat die Paradoxie an sich, dass es – blickt man seine literarische Tradi­tion zurück – den Anspruch, den es behauptet, offenbar durch seine geschichtliche Wiederkehr immer auch schon dementiert hat“ (Jauß, S. 11).

Das Wort modern blickt auf eine lange Wortgeschichte zurück und ist keinesfalls eine Errungenschaft der Romantik oder gar erst der literarischen Moderne um 1900. Das Moderne war ein, bereits „in der Antike geprägter literarischer Topos, der in den generations­bedingten Revolten der Jugend wiederkehrt und nurmehr anzeigt, wie sich von Jahrhundert zu Jahrhundert die Proportionen zwischen den alten und den neueren Schriftstellern verschieben“ (Jauß, S. 14) und ebenso „natürlich erscheinen wie der Generationswechsel in der Biologie“ (Jauß, S. 13). Bezeugt ist das Wort modernus – abgelei­tet von modo = nur, eben erst, gleich - bereits im fünften Jahr­hundert, mit der Bedeutung, das historische Jetzt zu bezeichnen. Zu beachten ist hier, dass sich der Begriff des Modernen auf unter­schiedliche Ebenen beziehen kann, beispielsweise einer histo­ri­schen Moderne, einer technischen Moderne, einer politischen Mo­derne, einer kulturellen Moderne oder eben einer literarischen Moderne.

Im Rahmen der Renaissance der Querelle des Anciens et des Moder­nes in Deutschland Ende des 18. Jahrhunderts, verbuchen insbeson­dere die Romantiker den Begriff des Modernen für ihre, derzeit aktu­elle, literarische Epoche im Gegensatz zu ihren klassischen Vor­gängern. Dieser Diskurs um die moderne Poesie findet sich be­reits in Goethes „Wilhelm Meister“ wieder. Schlegel, Schiller und Herder greifen den Diskurs in ihren Repliken zur Querelle auf und auch Novalis lässt seine Protagonisten Heinrich und Klingsohr im „Hein­rich von Ofterdingen“ Gespräche über das Wesen der modernen Poesie führen. „In Deutschland erlangte die Moderne seit 1887 modische Beliebt­heit, nachdem E. Wolff in einem Vortrag […] mit zehn Thesen sein neues Prinzip der Moderne formuliert hatte“ (Jauß, S. 11).

In dieser Arbeit bezieht sich der Begriff der literarischen Mo­derne auf die neuen geistigen und künstlerischen Strömungen um 1900. Die so genannte moderne Literatur umfasst die literarischen Strömungen des Naturalismus, des Symbolismus, der Decadence-Lite­ratur und der Neoromantik. Bezeichnend für die literarische Mo­derne ist, dass sie sich gegen literarische, inhaltliche und for­male Traditionen wendet, daher wird die Neoromantik in manchen Quellen auch als Gegenströmung der literarischen Moderne gewertet. Kennzeichnend für die literarische Moderne sind auch ihre psycho­pathophilen Vorlieben. Der psychologische Roman wurde nach der Jahrhundertwende vor allem geprägt durch die Psychoanalyse Sigmund Freuds.

Galt der Begriff der Modernen in der Literatur zunächst den natu­ralistischen Werken, so wendete ihn Hermann Bahr in seinem Essay „Zur Kritik der Moderne“ auf sämtliche antinaturalistischen Strö­mungen an. Damit fühle sich Hesse legitimiert, seinen Neoromanti­zismus ebenfalls mit dem Prädikat „modern“ zu schmücken. In einem Brief schreibt Hesse, dass er in vielen modernen Werken romanti­sche Ideen und Traditionen fortgesetzt sehe. Carl Busse schrieb: „Jedenfalls hat die neuromantische Richtung in der gegenwärtigen Literatur mit Hermann Hesse eins ihrer stärksten und eigentüm­lichsten Talente gewonnen“ (zitiert nach: Huber, S. 175). Hesse bewegt sich in seinen Werken beständig zwischen den Polen des Tra­ditionellen und Modernen. „Auf die Podeste von Tradition und Mo­derne also kletterte der junge Hesse, wobei sich das Standbein etwa um 1900 fest auf die Moderne verlagert hat, während der Tra­dition das Spielbein bleibt“ (Huber, S. 181). Während Hesse scheinbar die Romantik imitieren will, schafft er es doch immer wieder, solch traditionelle Züge mit aktuellen Zeitbezügen zu be­legen und in die Moderne zu integrieren.

Neben der psychoanalytischen Linie widmet sich >>Der Steppenwolf<< vor allem auch dem Kontrast zwischen Modernisierung und Tradition – was sowohl den Zwiespalt des Intellektuellen, Kulturellen als auch des Sozialen und Gesellschaftlichen, Industriellen betrifft. Die Moderne - sowohl die literarische als auch die gesellschaftli­che - wird von Hesse aufgegriffen und miteinander verknüpft. Die litera­rische Moderne krankt gleichwohl dem modernen Menschen an Herden­haftigkeit und Entwurzelung, an Unbeständigkeit und Dille­tantis­mus, an Schwäche und fehlendem Rückrat.

Die moderne Gesellschaft zu Hesses Zeit war geprägt durch eine sprunghaft ansteigende Industrialisierung nach dem ersten Welt­krieg und vielfältigen gesellschaftlichen Umwälzungen. Die Loslö­sung aus traditionellen Lebensräumen zugunsten industrieller und kultureller urbaner Monopole, der Zusammenbruch althergebrachter Stände und Klassen fordern vom Individuum ein Untergehen in der Masse. Die Entwurzelung und Verwirrung ist allumfassend. Die Suche nach der eigenen Individualität und der Prozess der ontogeneti­schen Individuation entspringt also nicht nur Hesses eigener Bio­graphie, sondern entspricht auch den zeittypischen Herausforderun­gen der modernisierten Welt.

Delabar fragt „was der dionysische Traum Harry Hallers mit der Lebenswelt und selbst der Kunst der Zwanziger und Dreißiger zu tun“ hat.

>>Der Steppenwolf<< spielt sich vor der Kulisse einer größeren Stadt mit kulturellen Veranstaltungen, einschlägigen Etablisse­ments und Kneipenleben ab. Delabar degradiert diese Stadt als reine Symbol­stadt der zweifelhaften Sorte, „denn Hesse habe das städtische Leben […] fast nur […] mit Trinken, Halbwelt, Halluzi­nation und sexueller Zügellosigkeit assoziiert“ (Delabar, S. 24). Im Kontrast zur Stadt steht die biedere Mansardenwohnung Hallers. In seiner Ablehnung gegen alles Gesellschaftliche unterscheidet der Steppen­wolf allerdings kaum zwischen der traditionellen, kon­servativen Bürgerlichkeit - deren vertraute Enge er sowohl verach­tet als auch das Objekt seiner heimlichen Sehnsucht darstellt – und dem offe­nen, modernen, vielfältigen, lebensbejahenden Stadtle­ben. Während Haller in seinem Refugium Mansardenwohnung quasi un­sichtbar wird, strebt seine Sehnsucht zur Individuation und Erhe­bung über die Masse ins Elitäre. Hier trifft Hesse ganz klar den Nerv der Zeit und greift die typischen Konflikte des Individuums in der modernen Gesellschaft auf.

Harry „war im Lauf der Jahre berufslos, familienlos, heimatlos geworden, stand außerhalb aller sozialen Gruppen, allein, von nie­mand geliebt, von vielen beargwöhnt, in ständigem, bitterm Kon­flikt mit der öffentlichen Meinung und Moral, und wenn [er] auch noch im bürgerlichen Rahmen lebte, war [er] doch inmitten dieser Welt mit [seinem]ganzen Fühlen und Denken ein Fremder. Religion, Vaterland, Familie, Staat waren [ihm]entwertet und gingen [ihn] nichts mehr an, die Wichtigtuerei der Wissenschaft, der Zünfte, der Künste ekelte [ihn] an“ (Steppenwolf, S. 81). Heimisch und Wohl fühlt sich Harry dagegen bei der traditionellen Musik, der Kirchenmusik im Rahmen einer gotischen alten Kirche mit schönen Netzgewölben, mit Pachelbel, Bach und Haydn. Haller verachtet die zeitgenössische Musik, den Jazz und den Tanz. Im Gegensatz zu den modernen Menschen – „dieser moderne Mensch ist schneidig, tüchtig, gesund, kühl und straff, ein vortrefflicher Typ“ (Steppenwolf, S. 151)- beschreibt Haller sich als geistigen Menschen. Diese Geis­tigen liebten die alte Musik, ernsthafte Literatur, die Ästhetik und den Intellekt, die Lebewelt aber betrachteten sie mit einem Gefühl von Entwürdigendem. Dennoch übt Haller auch Kritik an den Geistigen: „Die Herren Generäle und Schwerindustriellen hatten ganz recht: es war nichts los mit uns Geistigen, wir waren eine entbehrliche, wirklichkeitsfremde, verantwortungslose Gesellschaft von geistreichen Schwätzern“ (Steppenwolf, S. 154). Die modernen Menschen „liebten einen Champagner oder eine Spezialplatte im Grill Room, wie unsereiner einen Komponisten oder Dichter liebte“ (Steppenwolf, S. 157). Harry sieht den modernen Menschen im Gegen­satz zum Geistigen als lebenstüchtigen und lebensfrohen Menschen, der sich in der modernen Welt spielend zurecht fand, während Harry im ständigen Streit mit dieser Welt lag: „Ich kann weder in einem Theater noch in einem Kino lang aushalten, kann kaum eine Zeitung lesen, selten ein modernes Buch, ich kann nicht verstehen, welche Lust und Freude es ist, die die Menschen in den überfüllten Eisen­bahnen und Hotels, in den überfüllten Cafés bei schwüler aufdring­licher Musik, in den Bars und Varietés der eleganten Luxusstädte suchen, in den Weltausstellungen, auf den Korsos, in den Vorträgen für Bildungshungrige, auf den großen Sportplätzen“ (Steppenwolf, S. 37). Seine Abneigung gegen alles Moderne findet auch im magi­schen Theater bei seiner Jagd auf Automobile Ausdruck. Im Laufe seines erzieherischen Programms zur Resozialisierung und der Er­ziehung zum mo­dernen Menschen lernt er allerdings auch diese Dinge zu schätzen. Auf dem Maskenball erlebt der Steppenwolf berauscht das wohlige Untertauchen des Einzelnen in der Menge. Harry taucht in die mo­derne Welt ein und beginnt unbeschwert sowohl die Jazzmu­sik als auch den Tanz und die Freuden der Liebe zu schätzen.

Bezeichnend für die literarische Moderne war neben ihrer Neigung zur Psychoanalyse auch die Rückbesinnung auf die Romantik. Hesses Beziehung zur Romantik war recht wechselhaft, Nietzsche hat für die deutsche Romantik kein gutes Wort übrig und dennoch werden beide, Hermann Hesse als auch Nietzsche, als Neoromantiker gese­hen. Und auch aufgrund der modernen Affinität zur Romantik rückt auch Nietzsche zu dieser Zeit wieder in den Fokus der Philosophie-Rezeption. So greift auch Hermann Hesse – ob aus persönlicher Mo­tivation oder dem allgemeinen Trend folgend - die Philosophie Nietzsches im Steppenwolf auf.

Hesses Verhältnis zur literarischen Moderne war laut Schärf kein besonders gutes. In seiner Schrift „Die Nürnberger Reise“ schreibt Hesse, er komme nicht „von der Überzeugung los, dass die deutsche Dichtung unserer Zeit eine vergäng­liche, verzweifelte Sache sei, eine Saat auf dünnem schlecht bestelltem Bo­den gewachsen, interes­sant zwar und voll von Problematik, aber kaum zu rei­fen, vollen, langdauernden Resultaten befähigt“ (zitiert nach: Schärf, S. 93). Die Moderne als zeitgenössische Ära habe eine Affinität zur Mode, ei­ner ständig wechselnden Mode ohne Bestand. Das Wesen der litera­rischen Mo­derne entspricht dem, was Hesse in seinem späteren Werk „Das Glasperlen­spiel“ kritisch als Feuilletonismus beschreibt.

Manchen Literaturwissenschaftlern nach falle der Beginn der moder­nen Literatur mit dem Beginn der Sprachreflexion zusammen.

Hermann Hesse schreibt in einem Brief vom 6. April 1899: „Ist nicht auch Ihnen schon aufgefallen, wie salopp und roh oder wie gespreizt die Durchschnittssprache der heutigen Literaten, selbst der Lyriker, ist, gerade als wäre man darauf versessen, heute Heine und morgen Nietzsche zu karikieren“ (…).

Die Sprachkrise der literarischen Moderne ging einher mit der sprachlichen Wende, dem linguistic turn in der (Sprach-)Philoso­phie zu Beginn des 20. Jahrhunderts. „Das Zerbrechen des Zusammen­hangs von Zeichen und Welt“ (Schärf, S. 97) bringe einen Verfall der Literatur mit sich. Das Infrage­stellen der Existenz von Sach­verhalten außerhalb einer sprachlichen Wirk­lichkeit stellt auch die Inhalte der Literatur in Frage. Dieser Unbestän­digkeit und diesen Zweifeln setzt Hesse im Glasperlenspiel eine beständige geistige, elitäre Instanz entgegen. Während Schärf schreibt, dass Hesse sich mit den Problemen der Sprachlichkeit und Logik nicht beschäftigte, schafft Hesse im Glasperlenspiel dennoch eine uni­verselle, gültige und be­ständige Zeichensprache, die über jegliche Zweifel der außersprachlichen Existenz erhaben ist – während man in der Gegenwart des 20. Jahrhunderts „über das nahe Ende der Kunst, der Wissenschaft, der Sprache [stimmungs­volle Feuilletons] sang, man stellte mit einer gewissen Selbstmörder-Wol­lust in der Feuilleton-Welt, die man selber aus Papier gebaut hatte, eine vollständige Demoralisierung des Geistes, eine Inflation der Beg­riffe fest und tat, als sähe man mit zynischer Gelassenheit oder bacchantischer Hinge­rissenheit zu, wie nicht bloß Kunst, Geist, Sitte, Redlichkeit, sondern so­gar Europa und die Welt unterging“ (Glasperlenspiel, S. 23).

An dieser Stelle paraphrasiert Hesse auch Nietzsches Haltung und seine Prophezeiung des apokalyptischen Unterganges eines dekaden­ten, erkrankten Abendlandes. Und ebenso wie die deutsche Gesell­schaft kränkelt auch die moderne Literatur. Esselborn-Krummbiegel schreibt in ihrem Aufsatz, dass die „glei­tende Sprache, der Ver­lust eindeutiger Sinngebung“ (Esselborn-Krummbiegel, S. 271) ein Phänomen der modernen Literatur sei. Die moderne Literatur bediene sich einer ausgefeilten Leserlenkung, ohne die eine Interpretation der Werke kaum möglich wäre. Der Le­ser sei gezwungen, diese Unles­barkeit produktiv und kreativ aufzu­fassen und Unbestimmtheitsstel­len selbst auszufüllen. Diese Unlesbarkeit zeige sich in den Wer­ken dieser Zeit in „Sprachzer­trümmerung, hermetische[r] Sprach­autonomie, Sprachspiel und Text­inszenierung zwischen Autor und Leser“ (Esselborn-Krummbiegel, S. 272). Entgegen der Meinung Schärfs, der Hesse abseits dieser lite­rarischen Experimente sieht, weist Esselborn-Krummbiegel diese Spiele auch im Steppenwolf nach. Ein Teil dieser typischen Leser­lenkung sei auch das multiperspek­tive Erzählen im Steppenwolf. Der Roman setzt sich aus drei frag­menthaften Teilen zusammen: der Ein­führung durch den Neffen der Vermieterin der Mansardenwohnung Harry Hallers – dem Verleger des Manuskripts - dem Traktat und dem restlichen Text. Nur der letzte Teil - die Erlebnisse des Steppen­wolfes mit Hermine und dem magi­schen Theater - sind aus der Perspek­tive eines Ich-Erzählers ge­schrieben. Das Vorwort als auch das Traktat sind sozusagen fremda­namnetisch aus der Perspektive eines mehr oder weniger neutralen, außenstehenden Erzählers verfasst. Das Traktat liest sich ein we­nig wie ein psychiatrisches Gutach­ten. Dies multiperspektivische Erzählen zwinge den Leser dazu, das Manuskript aus unterschiedli­chen, zum Teil ambivalenten Perspekti­ven zu sehen. Der zentrale Schlüssel zur Interpretation des Steppenwolfs sei aber zunächst die Identifikation.

Schärf schreibt auch, dass Hesse sich im literarischen Betrieb der Moderne zum Außenseiter gemacht habe, da er keine Briefkontakte mit zeitgenössischen Autoren pflegte. Dabei hatte Hesse aber zahl­reiche Briefkontakte mit zeitgenössischen Autoren, mit Thomas Mann verband ihn sogar eine rege Freundschaft.

3.0 Hermann Hesses Nietzsche-Rezeption

Friedrich Wilhelm Nietzsche wurde am 15. Oktober 1844 in Sachsen geboren und starb am 25. August 1900 in Weimar. Nach einem geisti­gen Zusammenbruch 1889 wird Nietzsche heimgesucht von einer schwe­ren geistigen Erkrankung und lebte bis zu seinem Tod in der Obhut und Pflege seiner Mutter und seiner Schwester. In geistiger Um­nachtung und nach mehreren Schlaganfällen starb Nietzsche bereits im Alter von nur 56 Jahren an einer Lungenentzündung. Die Nietz­sche-Rezeption beginnt erst nach 1890, bzw. erst nach seinem Tod 1900 zu blühen.

Nietzsches Einfluss war so groß, dass Georg Simmel ihn 1896 als kopernikanische Schlüsselfigur sieht. Der Historiker Kurt Breysig vergleicht Nietzsches Bedeutung mit der von Buddha oder Jesus.

Nietzsche war eines der großen Zugpferde der Avantgarde des Fin de Sieclé. Die Avantgarde übte Kritik am Materialismus, setzte sich ein für eine Revolution der Kunst, d.h. der modernen Kunst und geistige Erneuerung. Auch Verfallsgedanken und Dekadenz[1], Gedanken des Nihi­lismus und Pessimismus gehörten zu dem geistigen Gut der Avant­garde um die Jahrhundertwende. „Ist Pessimismus nothwendig das Zeichen des Niedergangs, Verfalls, des Missrathenseins, der ermü­deten und geschwächten Instinkte“ fragt Nietzsche? – „wie er es, allem Anschein nach, bei uns, den >>modernen<< Menschen und Euro­päern ist?“ (Geburt der Tragödie, S. 6).

[...]


[1] Dekadenz: von lat. „de-„ = ab, weg, „cadere“ = fallen. Der Begriff Dekadenz beschreibt ganz allgemein einen Niedergang, einen Verfall, z.B. einen kulturellen Niedergang oder im Sinne Nietzsches die Degeneration des Menschen.

Details

Seiten
38
Jahr
2008
ISBN (Buch)
9783656386209
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v210462
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – 09
Note
3
Schlagworte
hermann hesses steppenwolf moderne lichte philosophie friedrich nietzsches

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Titel: Hermann Hesses "Steppenwolf" und die literarische Moderne im Lichte der Philosophie Friedrich Nietzsches