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Nachhaltige Entwicklung im Geographieunterricht

Eine empirische Studie zu Wissen und Einstellungen von Schülerinnen und Schülern

Examensarbeit 2011 95 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Didaktik d. Geographie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was bedeutet nachhaltige Entwicklung?

3. Warum ist nachhaltige Entwicklung wichtig?
3.1. Bevölkerungsentwicklung
3.2. Gefährdung globaler Stoffkreisläufe
3.3. Verlust der biologischen Vielfalt (Biodiversität)

4. Von der Umweltbildung zur Bildung für nachhaltige Entwicklung
4.1. Bildung für nachhaltige Entwicklung – was ist das?
4.2. Bildung für nachhaltige Entwicklung in deutschen Schulen
4.3. Bildung für nachhaltige Entwicklung im Geographieunterricht

5. Jugend und nachhaltige Entwicklung

6. Problemstellung und Zielsetzung

7. Material und Methode
7.1. Untersuchungsdesign und Datenerhebung
7.2. Das Messinstrument
7.3. Die Stichprobe

8. Darstellung der Ergebnisse
8.1. Das aktuelle Verhalten
8.2. Wissen über nachhaltige Entwicklung
8.3. Einstellung zur nachhaltigen Entwicklung
8.4. Der Einfluss des Geschlechts
8.4.1. Das aktuelle Verhalten
8.4.2. Wissen über nachhaltige Entwicklung
8.4.3. Einstellung zur nachhaltigen Entwicklung
8.5. Der Einfluss der Jahrgangsstufe
8.5.1. Das aktuelle Verhalten
8.5.2. Wissen über nachhaltige Entwicklung
8.5.3. Einstellung zur nachhaltigen Entwicklung

9. Diskussion
9.1. Das aktuelle Verhalten
9.2. Wissen über nachhaltige Entwicklung
9.3. Einstellung zur nachhaltigen Entwicklung

10. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang A: Der Fragebogen

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1. Einleitung

1992 unterzeichneten 178 Länder ein entscheidendes Dokument, welches alle Bereiche unseres Lebens heute beeinflusst – die Agenda 21. In der Präambel dieser Agenda heißt es zur Lage, in der wir uns befinden:

„Die Menschheit steht an einem entscheidenden Punkt ihrer Geschichte. Wir erleben eine Festschreibung der Ungleichheiten zwischen und innerhalb von Nationen, eine Verschlimmerung von Armut, Hunger, Krankheit und Analphabetentum sowie die fortgesetzte Zerstörung der Ökosysteme, von denen unser Wohlergehen abhängt. Eine Integration von Umwelt- und Entwicklungsbelangen und die verstärkte Hinwendung auf diese wird indessen eine Deckung der Grundbedürfnisse, höhere Lebensstandards für alle, besser geschützte und bewirtschaftete Ökosysteme und eine sicherere Zukunft in größerem Wohlstand zur Folge haben. Keine Nation vermag dies allein zu erreichen, während es uns gemeinsam gelingen kann: in einer globalen Partnerschaft im Dienste der nachhaltigen Entwicklung.“ (Agenda 21 1992:1)

Um die in der Präambel angesprochenen Probleme und Schwierigkeiten zu bewältigen, muss die Menschheit zusammenhalten, global und langfristig im Sinne der nachhaltigen Entwicklung denken. Doch was ist nachhaltige Entwicklung? Benötigen wir diese überhaupt? Gibt es sie bereits? Wer muss aktiv werden, nur die Politik oder jeder Einzelne? In dieser wissenschaftlichen Hausarbeit mit dem Titel Nachhaltige Entwicklung im Geographieunterricht: Eine empirische Studie zu Wissen und Einstellung von Schülerinnen und Schülern stehen genau diese Fragen im Fokus. Es soll geklärt werden, wie unsere Schülerinnen und Schüler[1], also die heutigen Jugendlichen, mit diesem zukunftsweisenden Thema vertraut sind. Ich möchte herausstellen, welches Wissen bereits vorhanden ist und wo noch Klärungsbedarf besteht. Ist die nachhaltige Entwicklung bereits zu ihnen durchgedrungen und leben sie teilweise oder sogar ganz danach? Falls sie es nicht tun – welche Gründe existieren dafür?

Die Arbeit beginnt mit einem theoretischen Teil, der für ein besseres Verständnis der empirischen Sachverhalte sorgt. Zunächst wird darin die Frage geklärt, was nachhaltige Entwicklung auszeichnet und wieso wir sie unbedingt benötigen. Es folgt eine Darstellung der ehemals angewendeten Umweltbildung sowie eine Veranschaulichung, wie diese zur Bildung für nachhaltige Entwicklung umgestaltet wurde. Hierbei wird anfangs die internationale Ebene näher beleuchtet, die im Anschluss auf die Bildung für nachhaltige Entwicklung in deutschen Schulen und abschließend im Geographieunterricht reduziert wird. Der theoretische Abschnitt schließt mit einer Darstellung der Bedeutung der Jugendlichen für den Erfolg der nachhaltigen Entwicklung.

Der empirische Teil schließt sich an, dessen Basis ein Fragebogen bildet, der insgesamt in drei Kategorien eingeteilt ist: das aktuelle Verhalten, das Wissen über nachhaltige Entwicklung und die Einstellung zur nachhaltigen Entwicklung. Diese Einteilung findet sich auch bei der Darstellung der Ergebnisse sowie der Diskussion dieser wieder. Nachdem das Messinstrument vorgestellt wurde, folgt eine weitestgehend deutungsarme Darstellung der Ergebnisse, an die sich die Diskussion anschließt. In dieser Diskussion sollen die Ergebnisse der Arbeit mit verschiedenen Theorien, zum Beispiel der Theorie des geplanten Verhaltens oder der Interessentheorie, analysiert werden. Die Arbeit schließt mit einem Fazit.

Der Forschungsstand zum Thema der nachhaltigen Entwicklung sowie der Bildung für nachhaltige Entwicklung ist herausragend. Es gibt sehr viel Literatur, vieles davon ist jedoch nur schwer über Bibliotheken beziehbar, da es sich um sehr aktuelle Dokumente handelt. Diese sind aber in sehr vielen Fällen auf den Internetseiten der fördernden Bundesministerien zu finden, zum Beispiel beim Bundesministerium für Bildung und Forschung oder dem Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. Auch die deutsche UNESCO-Kommission stellt ihre gesamten Publikationen in einem eigenen Internetportal zur Verfügung. Dies alles führt neben regulärer Literatur in Büchern zu einem breiten Informationsangebot über diese Thematik. Es kann an dieser Stelle bereits angemerkt werden, dass ein Punkt der Forderungen der UN in Bezug auf nachhaltige Entwicklung schon jetzt erreicht ist: der erleichterte Zugang zu Informationen.

Tino Zenker

2. Was bedeutet nachhaltige Entwicklung?

Der Begriff der Nachhaltigkeit wurde erstmals von dem sächsischen Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz (1645 – 1714) im Jahr 1713 genutzt. Mit diesem Begriff kennzeichnete er seiner Zeit eine forstwirtschaftliche Praxis, die darauf ausgelegt war, nur so viel Holz einzuschlagen, wie durch Neupflanzung an Bäumen nachwächst. Dieser Beitrag stellt einen wesentlichen Schritt zum ökonomischen Umgang mit den Ressourcen der Natur dar und fand später auch Eingang in die offizielle Fachrichtung Ökonomie (Riess 2010:25). So nutzt Philipp Gray den Begriff 1913 in einem Werk der Ressourcenökonomie und formuliert den Leitgedanken der Nachhaltigkeit wie folgt: „Naturerhalt bedeutet: ausreichende Sorge dafür zu tragen, dass kommende Generationen mit natürlichen Ressourcen versorgt sein werden.“ (Gray 1913, zitiert nach Riess 2010:25) Insgesamt stellt diese Interpretation jedoch nur einen rein ressourcenökonomischen Zugang dar, der bis weit in das 20. Jahrhundert bestand. Seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts ist der Begriff der Nachhaltigkeit ein alle Felder der Politik verbindendes Leitkonzept (Bartol/Herkommer 2004:1).

1972 veröffentlicht der Club of Rome einen Bericht mit dem Titel Grenzen des Wachstums (im Original: The Limits to Growth). Dieser Bericht wird als Durchbruch einer internationalen Diskussion gesehen und warnt vor der Erschöpfung der natürlichen Ressourcen durch einen exponentiellen Anstieg der Weltbevölkerung und der Weltindustrieproduktion. Das Neue an diesem Bericht war die bewusste Ignoranz von Unterscheidungen zwischen Nationen oder Regierungen – die Welt wurde als eine Einheit betrachtet. Durch den Einsatz eines Weltmodells wurde die Entwicklung der Erde bis zum Jahr 2100 durchgespielt, wobei im Speziellen fünf wichtige Trends mit weltweiter Wirkung näher beleuchtet worden sind:

- die beschleunigte Industrialisierung,
- das rapide Bevölkerungswachstum,
- die weltweite Unterernährung,
- die Ausbeutung der Rohstoffreserven,
- die Zerstörung des Lebensraumes.

Das Ergebnis der Studie war die Feststellung, dass eine fortwährende Zunahme der Weltbevölkerung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung natürlicher Rohstoffe die Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe des nächsten Jahrhunderts überschreiten wird. Der Club of Rome weißt jedoch darauf hin, dass ein ökologischer und ökonomischer Gleichgewichtszustand noch immer herzustellen ist, vorausgesetzt der Mensch beginnt schnell damit (Eblinghaus/Stickler 1996:28-30).

Als Reaktion auf den Bericht des Club of Rome wurde von der 38. Generalversammlung der UNO im Herbst 1983 der sogenannte Brundtland-Bericht in Auftrag gegeben. Er sollte ein weltweites Programm des Wandels formulieren, um auf Umweltprobleme reagieren zu können und bis zum Jahr 2000 und darüber hinaus eine dauerhafte Entwicklung zu erreichen. Für diesen Zweck wurde von der UN-Generalversammlung die Weltkommission für Umwelt und Entwicklung gegründet, die 1984 ihre Arbeit aufnahm. Vorsitzende der Kommission wurde die ehemalige Umweltministerin und Ministerpräsidentin von Norwegen, Gro Harlem Brundtland. Die Aktivität der Kommission wurde als revolutionär angesehen. So organisierte sie öffentliche Anhörungen in allen Regionen der Welt, bei denen Forschungsinstitute, Wissenschaftler, Regierungsvertreter, Menschen aus der Industrie und die Öffentlichkeit ihre Besorgnis sowie ihre Meinung und ihren Rat zu den gemeinsamen Problemen ausdrücken konnten. 1987 wurde der Bericht der Generalversammlung der UN unter dem Titel Unsere gemeinsame Zukunft (im Original: Our Common Future) vorgelegt. Die größte Bekanntheit erlangte er unter dem Namen der Vorsitzenden der Kommission als Brundtland-Bericht. Er legt auch die bis heute weltweit allgemein anerkannte Definition des Begriffes nachhaltige Entwicklung vor:

„Nachhaltige Entwicklung ist eine Entwicklung, die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen.“ (Eblinghaus/Stickler 1996:59-61, Jäger 2007:55-57)

Der Brundtland-Bericht gilt als Hauptgrund für die Einberufung der Umweltkonferenz in Rio de Janeiro im Jahr 1992. Die Kommission kam des Weiteren zu der Erkenntnis, dass eine solche Entwicklung nur durch eine integrative Politik erreicht werden kann, welche die herkömmlich getrennt betrachteten Problembereiche als Wirkungsgeflecht sieht. Nach Ansicht der Kommission gibt es jedoch unterschiedliche Ziele für Industrie- und Entwicklungsländer. Für die Entwicklungsländer forciert sie die Armutsüberwindung und für Industriestaaten muss der materielle Wohlstand mit dem Erhalt der Natur als Lebensgrundlage in Einklang gebracht werden (Jäger 2007:56-57). Darüber hinaus wurde ein Prozess in Gang gesetzt, der darauf abzielt, von der Ebene der internationalen Politik über die nationalen Regierungen bis hin zu den Kommunen eine gemeinsame Zukunft zu gestalten (vgl. Abbildung 1, Enquete-Kommission 1997:22).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Die verschiedenen Ebenen, die an einer nachhaltigen Entwicklung beteiligt werden müssen (Quelle: Schneidewind 2011).

Zu bemängeln sei jedoch, dass eine Zielsetzung für sogenannte Schwellenländer nicht vorliegt. Als logische Schlussfolgerung sei die weitere Steigerung des Wohlstandes der eigenen Bevölkerung und das in Einklang bringen des Lebens mit der Natur von Beginn an des wirtschaftlichen Aufschwungs das leitende Ziel.

Hinter dem Begriff der nachhaltigen Entwicklung verbirgt sich demnach ein Konzept, welches Umwelt und Entwicklung zusammen betrachtet und versucht, den negativen Phänomenen der globalen Umweltveränderungen, der ökonomischen Globalisierung, dem kulturellen Wandel und dem zunehmenden Nord-Süd-Gefälle entgegenzuwirken (Bahr 2007:10).

1992, fünf Jahre nach der Veröffentlichung des Brundtland-Berichtes und 20 Jahre nach der ersten internationalen Umweltkonferenz in Stockholm, fand die UN Konferenz über Umwelt und Entwicklung im brasilianischen Rio de Janeiro schließlich statt. Informell wird diese Konferenz auch der Erdgipfel genannt. Der nachhaltigen Entwicklung kam bei dieser Konferenz eine zentrale Rolle zu und der Begriff stand im Mittelpunkt der Diskussionen (Riess 2010:27). Insgesamt wurden fünf Dokumente unterzeichnet:

- Die Deklaration von Rio über Umwelt und Entwicklung: Darin wird betont, dass ein langfristiger wirtschaftlicher Aufschwung nur in Verbindung mit Umweltschutz einhergehen kann – man orientierte sich darin direkt an den Empfehlungen des Brundtland-Berichtes. Als wichtigste Prinzipien der Deklaration für eine nachhaltige Entwicklung gelten:
- Bekämpfung der Armut,
- angemessene Bevölkerungspolitik,
- Verringerung und Abbau nicht-nachhaltiger Konsum- und Produktionsweisen sowie eine
- umfassende Teilhabe der Bevölkerung an politischen Entscheidungsprozessen.
Des Weiteren wird das Ende der Diskriminierung benachteiligter Gruppen gefordert (Frauen, Jugendliche, indigene Völker).
- Die Klimaschutz-Konvention: Ziel dieser Konvention ist die Stabilisierung der Belastung der Atmosphäre mit Treibhausgasen (Methan, Kohlenstoffdioxid und vier weiteren Gasen). Diese sollen auf einem Niveau gehalten werden, welches eine gefährliche Störung des Weltklimas verhindert.
- Die Artenschutz-Konvention: Ziel ist die Erhaltung der biologischen Vielfalt (Biodiversität) und die nachhaltige Nutzung biologischer Ressourcen. Tier- und Pflanzenarten sollen geschützt und bedrohtes genetisches Material gesichert werden.
- Die Walddeklaration: Eine verbindliche Walddeklaration, die von den Industriestaaten gefordert wurde, scheiterte an den Einwänden der Entwicklungsländer, da sie sich in ihrem Recht auf Souveränität ihrer eigenen Ressourcen eingeschränkt fühlten. Vielmehr kam es zu folgender Absichtserklärung:
- Alle Länder beteiligen sich an der Aufforstung und Erhaltung der Wälder.
- Jedes Land benötigt eine Forstplanung, die auf dem Grundsatz der Umweltverträglichkeit aufbaut.
- Mögliche Ursachen der Verschmutzung, wie zum Beispiel Saurer Regen, müssen überwacht werden.
- Der Handel mit Forstprodukten erfolgt ohne jede Diskriminierung nach Regeln, über die sich die Länder gemeinsam geeinigt haben. Der internationale Handel mit Nutzholz und anderen Forstprodukten darf nicht durch einseitig getroffene Maßnahmen eingeschränkt oder gar verboten werden.
- Die Agenda 21: Die Agenda 21 ist das am häufigsten zitierte Dokument der Rio-Konferenz. Es handelt sich hierbei um ein von 178 Staaten verabschiedetes Aktionsprogramm. Insgesamt können die 40 Kapitel des Programms in vier Oberbereiche aufgeteilt werden:
- Soziale und wirtschaftliche Dimension
- Erhaltung und Bewirtschaftung der Ressourcen für die Entwicklung
- Stärkung der Rolle wichtiger Gruppen
- Möglichkeiten der Umsetzung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Das Dreieck der Nachhaltigkeit (Quelle: verändert nach Bahr 2007)

Die UN-Konferenz über Umwelt und Entwicklung legte also unter weltweiter Beteiligung die Basis für eine nachhaltige Entwicklung. Dabei wurden Umwelt- und Entwicklungspolitik mit detaillierten Handlungsmaßnahmen verknüpft (Jäger 2007:57-61). Das Konzept ist aufgrund des Raubbaus von Ressourcen und vielfältiger Störungen des Ökosystems entstanden. Insgesamt wird es von der Idee getragen, dass ein ökologisches Gleichgewicht nur dann erreicht werden kann, wenn ökonomische Sicherheit und soziale Gerechtigkeit gleichberechtigt angestrebt werden. Demnach stellt das sich daraus ableitende Dreieck der Nachhaltigkeit (vgl. Abbildung 2) kein reaktives Handlungskonzept dar, sondern ein Modernisierungsszenario, in dem Ökologie, Ökonomie und Soziales einander bedingen und sich miteinander vernetzen (Bahr 2007:10).

Für eine bessere Umsetzung des Wirtschaftens, des Konsums und der Mobilität sowie für den Umgang mit Ressourcen unserer Erde und der Nutzung von Natur werden immer wieder vier Konzepte erwähnt. Diese lassen sich durch die Begriffe Effizienz, Konsistenz, Permanenz und Suffizienz erfassen:

- Effizienz bedeutet im wesentlichen eine Steigerung des Input-Output-Verhältnisses beim Ressourceneinsatz. Dies kann durch technische und logistische Innovationen erreicht werden.
- Konsistenz zielt darauf ab, Stoff und Energieströme zu verbessern, beispielsweise durch Nutzung nachwachsender Rohstoffe.
- Permanenz bezeichnet eine erhöhte Beständigkeit von Produkten und Materialien.
- Suffizienz setzt auf einen Wandel der Einstellungen, der Konsum- und Verhaltensmuster sowie auf die Herausbildung und Verbreitung von ressourcensparenden und umweltschonenden Konsum- und Verhaltensmustern (BLK 1999:20).

Der Strategie der Suffizient kommt im Zusammenhang mit Bildung eine entscheidende Bedeutung zu. (vgl. Kapitel 4.1. Bildung für nachhaltige Entwicklung – was ist das?)

Acht Jahre nach der Konferenz über Umwelt und Entwicklung im brasilianischen Rio de Janeiro wurden auf der Millennium-Sitzung in New York die sogenannten Millenniumsziele verabschiedet. Später wurden diese auch in den Aktionsplan der Johannesburgkonferenz im Jahr 2002 (Rio 10+) aufgenommen (Jäger 2007:62). Als wesentliche, sehr ehrgeizige Ziele wurden formuliert:

- Die Halbierung von Armut und Hunger bis 2015
- Allgemeine Primarschulbildung für alle Jungen und Mädchen
- Die Förderung der Gleichheit der Geschlechter und die Stärkung von Frauen
- Die Verringerung von Kindersterblichkeit; eine Senkung von zwei Dritteln bei Kindern unter fünf Jahren
- Eine verbesserte gesundheitliche Versorgung von Müttern; die Müttersterblichkeit soll um 75 % gesenkt werden
- Die Bekämpfung von AIDS, Malaria und anderen Krankheiten
- Die Entwicklung einer ökologischen Nachhaltigkeit
- Die Herausbildung einer globalen Partnerschaft für Entwicklung (Jäger 2007:62-63, IISD 2007a)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Kohlenstoffdioxid-Emissionen pro Kopf und Jahr in Tonnen in zehn ausgewählten Ländern (Quelle: Jäger 2007)

Im Jahr 2011, fast 20 Jahre nach der ersten Konferenz über Umwelt und Entwicklung, sind die Ergebnisse ernüchternd. Es ist erkannt worden, dass eine reine Umstellung des Lebens auf engagierte Umweltziele sowie eine technologisch betriebene Effizienzrevolution nicht erfolgreich sein können. Es wird mehr benötigt als ehrgeizige Ziele und technologisch neue Bausteine. Das komplexe Netz von Beziehungen zwischen Wirtschaft, Umwelt und Gesellschaft muss verstanden werden, doch nach 20 Jahren der Nachhaltigkeitspolitik sind die Erfahrungen mit sozio-technischen Erfahrungsprozessen noch immer sehr jung und wenig fortgeschritten. In den nächsten Jahren muss folglich eine Transformation der Nachhaltigkeitsforschung stattfinden. In einer Zeit, in der wir das Was? schon umfassend verstanden haben, müssen wir uns dem Wie? verstärkt zuwenden (Schneidewind 2011:7). Schneidewind (2007) merkt an, dass die heutige nachhaltige Entwicklung ein globales Gerechtigkeitsproblem sei, bei dem es darum ginge, die begrenzten Ressourcen und Umweltkapazitäten so zu verteilen, dass weltweit sowohl heutige als auch künftige Generationen ein menschenwürdiges Leben führen können. Deutlich wurde dieses Problem auf der Klimakonferenz im Dezember 2009 in Kopenhagen. Die Schwierigkeit bestand darin, Interessen der Industrienation USA und jene der aufstrebenden Industrienation Indien zusammenzubringen. In den USA entfallen pro Jahr 20 Tonnen Kohlenstoffdioxid auf einen einzelnen Menschen – in Indien ist es eine Tonne (vgl. Abbildung 3).

Die amerikanische Gesellschaft will ihren errungenen Wohlstand jedoch nicht aufgeben, während die indische Bevölkerung ein solches Wohlstandsniveau noch erreichen möchte und derzeit folglich vor einer Expansion steht.

In Abbildung 3 sind Kohlenstoffdioxid-Emissionen von zehn ausgewählten Ländern dargestellt – unter anderem auch von den bereits angesprochenen Ländern Indien und der USA. In dem Diagramm ist auch eine Grenzlinie verzeichnet, die anzeigt, wie hoch die Emission maximal sein darf, damit nicht mehr Kohlendioxid ausgestoßen wird, als die Natur verarbeiten kann. Die durchschnittliche Kohlenstoffdioxid-Emission der Welt liegt bei circa 4 Tonnen pro Jahr pro Kopf. Länder wie die USA, Deutschland, Japan und Frankreich liegen deutlich über diesem Wert. Selbst Polen – ein größtenteils von Agrarwirtschaft geprägter Staat, überschreitet diesen Durchschnittswert. Aufstrebende Länder wie Indien, China und Brasilien liegen derzeit noch darunter. Zu betonen ist hier jedoch das „noch“, da nicht damit zu rechnen ist, dass diese Länder ihre Emissionen einschränken werden. Auch die Emissionsgrenze einer nachhaltigen Entwicklung wird immer schwerer zu erreichen sein. Während sich Deutschland darauf besinnt, die jährlichen Emissionen zu senken, werden China und Indien zu den westlichen Industrienationen aufstreben wollen, wodurch man sich auch in diesen Teilen der Welt eher von einer nachhaltigen Entwicklung weg bewegt als darauf zu.

Zusammenfassend werden in der folgenden Tabelle jeweils zehn Erfolge und Misserfolge in der Nachhaltigkeitsentwicklung dargestellt. Die Tabelle stellt ein globales Resümee dar und ist nicht allein auf Deutschland bezogen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Globale Erfolge und Misserfolge in der nachhaltigen Entwicklung (Quelle: Jäger 2007, IISD 2007b)

3. Warum ist nachhaltige Entwicklung wichtig?

Die Frage, warum wir nachhaltige Entwicklung überhaupt benötigen, wird sehr unterschiedlich beantwortet. In Anlehnung an Riess (2010) soll an dieser Stelle mit den Kritikern einer nachhaltigen Entwicklung begonnen werden, um dann in Unterkapiteln (3.1. bis 3.3.) die einzelnen neuartigen Bedrohungen zu betrachten.

Kritiker der nachhaltigen Entwicklung machen darauf aufmerksam, dass es seit der Industriellen Revolution jeder Generation besser ging als der vorherigen. Dabei dementieren die Kritiker jedoch nicht, dass Naturressourcen von der jeweilig lebenden Generation unwiderruflich aufgebraucht wurden; dem steht jedoch ein hoher Nutzengewinn durch vom Menschen geschaffene Werte wie Bibliotheken, Computer und Krankenhäuser gegenüber. Noch nie wurde in der Geschichte ein solch’ umfangreiches Erbe auf Basis von Wissenschaft und Technik weitergegeben. Dies gilt als erstes Argument gegen nachhaltige Entwicklung. Als Einwand gegen dieses Argument bringen Befürworter hervor, dass das Erbe an Technik und Wissenschaft sowie vom Menschen geschaffene Werte zwar sehr positiv seien, sie jedoch nichts nützen, „wenn bei ihrer Schaffung und Nutzung die Grundlagen des Überlebens zerstört werden [...].“ (Riess 2010:28) Als zweites Argument gilt die allgemeine Überlebensfähigkeit der Natur. Der Mensch kann sie nicht einfach in Frage stellen, da die Natur bereits extreme Belastungen wie Kontinentalverschiebung und Eiszeiten überstanden hat. Diese Ereignisse hatten das Aussterben zahlreicher Pflanzen- und Tierarten auf der Erde zur Folge, wenngleich das Leben nie gänzlich ausgelöscht worden ist. Man ist der Ansicht, dass die Natur extreme Belastungen verkraften kann, zu der die Spezies Mensch in keinem Maß fähig ist (Riess 2010:28-29).

Von Seiten der Wissenschaftler werden immer mehr Stimmen laut, die zu der Einschätzung kommen, dass es neue Gefahren gibt, welche das Überleben vieler Menschen gefährden könnten. Diese Bedrohungen sind in den folgenden Unterkapiteln dargestellt.

3.1. Bevölkerungsentwicklung

Die Weltbevölkerung betrug um 1700 circa eine halbe Milliarde Menschen. In den folgenden zwei Jahrhunderten stieg diese Zahl nur langsam. Mit der einsetzenden Industrialisierung in der westlichen Welt wuchsen jedoch auch die Bevölkerungszahlen stetig. Von einem soliden Wert von 2,5 Milliarden Menschen im Jahr 1950 stieg die Weltbevölkerung innerhalb der nächsten 50 Jahre um vier Milliarden Menschen auf insgesamt 6 Milliarden. Der Bereits erwähnte Bericht des Club of Rome (vgl. Kapitel 2) machte 1972 das exponentielle Wachstum der Weltbevölkerung deutlich. Exponentiell bedeutet, dass die Zunahme in einem festgelegten Zeitintervall nicht konstant ist, sondern im Verhältnis zum vorhandenen Bestand wächst. Zur Veranschaulichung benutzt Jäger (2007) ein treffendes Gleichnis:

„Man stelle sich einen kleinen Teich vor, in dem sich eine (nur eine!) Wasserlilie befindet. Diese Wasserlilie fängt an, sich zu vermehren, und zwar so, dass sich ihre Anzahl jeden Tag verdoppelt. Würde sich die Pflanze ungebremst weiter vermehren, wäre am 30. Tag der Teich komplett bedeckt, und alle anderen Lebewesen im Teich würden [...] sterben. In den ersten Tagen scheint die Lage jedoch nicht so dramatisch zu sein. Es wird nicht eingegriffen, bis die Pflanzen ungefähr die Hälfte des Teichs bedecken. Aber das ist erst am 29. Tag der Fall! Aufgrund ihres exponentiellen Wachstums können die Pflanzen die andere Hälfte in nur einem Tag bedecken. Es bleibt also nur ein einziger Tag, um die Gefahr zu bannen und den Teich zu retten.“ (S.32)

Verglichen mit der Situation der Menschen bedeutet dies, dass wir uns derzeit auf dem Weg zum 30. Tag befinden. Wir haben bereits begonnen, die Gefahr zu bannen, doch von einer Rettung kann noch nicht die Rede sein.

Die Bevölkerung wächst jährlich circa um 76 Millionen Menschen – das sind täglich etwa 210 000 (Jäger 2007:32). Die Vereinten Nationen gehen von einem Bevölkerungsanstieg auf circa 9 Milliarden im Jahr 2050 und etwas über 10 Milliarden bis 2150 aus (World Ressources Institute/United Nations Environment Programme/United Nations Development Programme/World Bank 1996:174). Obwohl im kommenden Jahrhundert dem traditionellen Bild der Großfamilie abgeschworen werden wird, wird es keine Entlastung für die Umwelt geben. Eine Konsequenz wird darin bestehen, dass mehr Singles auf der Erde leben werden, die wiederum eine eigene Wohnung oder ein eigenes Haus besitzen und somit sowohl den Flächen- als auch den Ressourcenverbrauch erhöhen (Jäger 2007: 33). Demökologen sind der Meinung, dass dieser Anstieg an benötigter Siedlungsfläche neben anderen Faktoren ein Hauptproblem der nächsten Jahre werden wird. Allgemein ist die Siedlungsdichte heute tausend bis zehntausend mal höher als zur Zeit der Jäger und Sammler. Mit Beginn der neolithischen Revolution gelang es dem Menschen durch Ackerbau und Viehzucht, das ökologische Fassungsvermögen zu vervielfachen. Die Frage, die sich an dieser Stelle stellt, ist nahezu trivial: Haben wir die maximale Umweltkapazität bereits überschritten und leben wir somit auf Kosten der nachfolgenden Generationen, oder leben wir noch in dem Bereich, in dem Naturressourcen in dem Maße nachwachsen können, in dem sie entnommen wurden? Für die moderne Industriegesellschaft nimmt man an, dass 140 bis 300 Menschen durch einen Quadratkilometer versorgt werden können. Für die postindustrielle Gesellschaft ist dieser Wert jedoch nicht klar (Riess 2010:30-31).

Die Forschung ist sich einig, dass eine partielle Lösung durch eine Verbesserung der Primarschulbildung und die Stärkung der Frauen in der Gesellschaft geschaffen werden kann – vor allem in den Entwicklungsländern. Dabei hat Bildung für Mädchen einen wirtschaftlichen und sozialen Nutzen für die Gesellschaft. Gebildete Frauen haben mehr Möglichkeiten und sind wirtschaftlich unabhängiger. Sie neigen in der Konsequenz dazu, weniger - dafür aber gesündere Kinder zu bekommen, die zur Schule gehen werden. „Bildung ist also der Schlüssel, um dem Teufelskreis Armut – Bevölkerungswachstum zu durchbrechen.“ (Jäger 2007:34)

3.2. Gefährdung globaler Stoffkreisläufe

Seitdem der Mensch auf der Erde lebt, verändert er auch seine Umwelt. Dies geschah jedoch nie in einem Ausmaß, das lange andauern konnte, oder andere Regionen beeinflusste. Durch den Menschen der Gegenwart hat sich dies jedoch drastisch geändert. Der heutige Mensch ist in der Lage, den Globus zu einem riesigen Experimentierfeld zu machen (Renn 2002:32). Seit der Anfangszeit des Menschen beeinflussen wir die Erde, teils bewusst, teils unbewusst, doch nun sind wir an einem Punkt angelangt, an dem wir bereits begonnen haben, erstmals globale Stoffkreisläufe zu verändern. In der Vergangenheit war das Klima ausschließlich durch natürliche Faktoren beeinflusst. Die Sonneneinstrahlung, wechselseitige Austauschprozesse zwischen Biosphäre, Boden und Gewässer waren früher dafür verantwortlich, dass sich das Klima veränderte. Heute hingegen liegt die Verantwortung für diese Veränderungen bei den Menschen – etwa durch Rodung der Wälder oder der Freisetzung von klimawirksamen Gasen (Riess 2010:31). Seit Ende des 19. Jahrhunderts ist das Problem der Luftverschmutzung bekannt. Nachdem in Bereichen von Kraftwerken immer mehr Gesundheitsprobleme auftraten, beschloss man, die Schornsteine weiter in die Höhe zu bauen, um diesen Problemen entgegenzuwirken. Dies führte zu einer regionalen Verbesserung der Umstände, brachte jedoch auch weitere, überregionale Folgen mit sich. Ende der 1960er Jahre begannen die skandinavischen Länder, regelmäßig Boden- und Wasserproben zu nehmen und stellten fest, dass grenzüberschreitende Luftverschmutzung für die Übersäuerung von Seen und Böden verantwortlich ist.

Als weiterer Meilenstein galt die Entdeckung, dass Fluorchlorkohlen-wasserstoffe (FCKW), die zum Beispiel in Haarspraydosen vorkamen, zum Abbau der Ozonschicht beitragen. In der unteren Erdatmosphäre würden diese Stoffe keine Reaktion des Ozons auslösen, in höheren Schichten würden sie jedoch durch die energiereichen und kurzwelligen Strahlen des Sonnenlichts aufgespalten, sodass Chlorverbindungen entstehen, die wiederum Ozon-Moleküle zerstören. 1985 wurde das Ozonloch über der Antarktis entdeckt (Jäger 2007:49-55).

Es werden auch weitere Auswirkungen von Klimaveränderungen in chemischen und biologischen Systemen bemerkt: Die Gletscher in den Alpen schrumpfen konsequent, in Gebieten, in denen Permafrostboden vorherrscht, kommt es immer häufiger zum vollständigen Auftauen. Darüber hinaus lässt sich eine Verlängerung der Wachstumsperioden in mittleren und höheren Lagen erkennen. Das Risiko der Ausrottung empfindlicher Arten und der darauffolgende Verlust der Biodiversität in Kombination mit den vorweg genannten Faktoren sind nur einige Beispiele für eine fortwährende Klimaveränderung (Riess 2010:32).

3.3. Verlust der biologischen Vielfalt (Biodiversität)

Über weite Zeiträume hinweg fand durchschnittlich eine von einer Million Arten pro Jahr ihr natürliches Ende. Heute ist diese Zahl unnatürlicherweise um das hundert- bis tausendfache höher (BMU 2007:16). Hauptverursacher für das Aussterben ist der Mensch, da er Landschaften und Ökosysteme im großen Stil umgestaltet. Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung nennt als Beispiele (nicht vollständig):

- Die Konversion natürlicher Ökosysteme: Konversion bezeichnet die Umwandlung natürlicher Ökosysteme oder naturnaher Ökosysteme in stark anthropogen geprägte Systeme. Der Vorgang ist auf absehbare Zeit irreversibel. Beispiele sind die Konversion von Wald- in Weideflächen oder Plantagen, aber auch die Umwandlung von natürlichen Wasserläufen in Kanäle. Die Konversion gilt neben weiteren als wichtigste Ursache für den Verlust der Biodiversität. Lediglich 27 % der mit Vegetation bedeckten Erdoberfläche gilt heute als vom Menschen nicht gestört.

- Die Fragmentierung natürlicher Ökosysteme: Fragmentierung meint hier die räumliche Zergliederung einst flächendeckender natürlicher Ökosysteme in kleinere, isolierte Teilgebiete. Gründe dafür sind zum Beispiel die Etablierung von Verkehrsinfrastruktur oder Konversion. Die Fragmentierung verlangsamt den Austausch zwischen Populationen oder kann ihn sogar zum Erliegen bringen; dies wiederum kann zum schleichenden Artenverlust führen. Fragmentierung ist häufig nach Konversion zu beobachten.
- Die Schädigung von Ökosystemstruktur und –funktion: Gemeint ist in diesem Kontext der Verlust von funktionellen Einheiten in einem Ökosystem. Dieser kann durch Ausrottung dominanter oder Schlüsselarten[2], durch Einwanderung nichtheimischer Arten oder stoffliche Überbelastung ausgelöst werden.
- Eine stoffliche Überbelastung der natürlichen Ökosysteme: Eine übermäßige Belastung durch organische (abbaubare) Stoffe und Nährsalze kann eine Eutrophierung in Seen, Fließ- und Küstengewässern herbeiführen und das Grundwasser gefährden. Eine bekannte stoffliche Überbelastung spiegelt sich im Sauren Regen wider.
- Zunehmende Übernutzung natürlicher Ressourcen: Diese Benutzung bezieht sich auf biologische Ressourcen, zum Beispiel durch Weide- oder Waldwirtschaft, Fischerei und Jagd. Dieser Trend ist für 23 % der bisher dokumentierten Verluste von Tierarten verantwortlich (WBGU 2000:20-21).

Derzeit sind 20 bis 23 % der Säugetiere, 12 % der Vögel und 31 % der Amphibien weltweit gefährdet (Riess 2010:33). Dabei handelt es sich um irreversible Fälle. Nach der letzten Aussterbewelle vor 65 Millionen Jahren dauerte es mehr als zwei Millionen Jahre bis eine Erholung der Natur eintrat – es gibt keinen Grund zur Annahme, das im derzeitigen Kontext eine Erholung schneller eintreten könnte. Mit dem Artensterben gehen genetische und physiologische Baupläne verloren, die für Medizin und Landwirtschaft von großer Bedeutung sein können (BMU 2007: 103).

4. Von der Umweltbildung zur Bildung für nachhaltige Entwicklung

Ausgangspunkt war die ökologische Krise der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts. Durch eine fortwährende Ressourcenverknappung, eine immer deutlicher werdende Umweltverschmutzung sowie die Bevölkerungsexplosion in vielen Ländern der Erde entstand eine Erziehung zum Umweltschutz (Unbehauen/Hackspacher 2005:95). Umgesetzt wurde dieser Ansatz der ersten Generation der Umweltbildung durch eine reine Vermittlung von Wissen und Zusammenhängen. Man hatte zu diesem Zeitpunkt die Erwartung, dass eine rein kognitiv-rationale Bearbeitung der Thematik dazu führt, dass a ufgeklärte Menschen umweltverantwortlich handeln würden (Nagel/Affolter 2004:95). Diese reine Vermittlung von Kenntnissen ist das älteste Leitbild der Umweltbildung und wird als das des Naturforschers bezeichnet. Durch empirische Studien wurde jedoch aufgedeckt, dass eine bloße Vermittlung von Kenntnissen nahezu keine Auswirkungen auf Verhaltensweisen hat (Hemmer 1998:197). Grund dafür ist einerseits, dass im Bereich von Umweltproblemen der Weg vom Wissen zum Handeln nicht linear ist, und andererseits, dass Umweltwissen, Umweltbewusstsein und Umwelthandeln in einer überaus komplexen, gesellschaftlich vermittelten Beziehung zueinander stehen (Nagel/Affolter 2004:95). Diese Generation der Umweltbildung war hauptsächlich im Biologieunterricht angesiedelt oder, wenn eine politisch-gesellschaftliche Betrachtung vorlag, Teil des Gesellschaftslehreunterrichts (Unbehauen/Hackspacher 2008:95). Hemmer (1998) stellt fest, dass eine Umwelterziehung mit diesem Leitbild nicht erreicht werden kann (S. 197).

Eine ganzheitliche Umweltbildung hatte sich als Ziel gesetzt, die Schüler zum umweltgerechten Handeln zu erziehen, um so zu einem behutsamen Umgang mit der Natur zu führen. Seit den 90er Jahren, in denen dieses Leitbild erstmals aufkam, gelten eine „ganzheitliche Naturerfahrung und ästhetisches Erleben, praxisnaher Umweltunterricht, handelndes Lernen, Natur gestalten und pflegen [...]“ (Unbehauen/Hackspacher 2008:95) als neue Wege in eine positive und wertschätzende Einstellung zu Umwelt und Natur – Schüler sollen sich als Teil dieser begreifen. Als Antwort auf die K onferenz über Umwelt und Entwicklung (vgl. Kapitel 2) im brasilianischen Rio de Janeiro wandte man sich vom Dreieck der Bedrohung (Umweltverschmutzung, Ressourcenverschleiß, Bevölkerungsexplosion) ab und richtete den Fokus nun auf das Dreieck der nachhaltigen Entwicklung. (vgl. Kapitel 2) Das Resultat bildete ein Leitbild, das einen Ausgleich zwischen sozialen, ökologischen und ökonomischen Belangen forciert (Nagel/Affolter 2004:96). Die Umweltbildung ging, wie bereits erwähnt, von einem Bedrohungsszenario aus und war in den meisten Fällen mit einer Schuldzuweisung an die großen Industrienationen verbunden. Dabei sollte bei den Bürgern ein schlechtes Gewissen erzeugt werden, da ihr Wohlstand auf Kosten der Armen basierend angesehen wurde. Dieser Zwischenschritt von der Umweltbildung zur Bildung für nachhaltige Entwicklung wird als Elendsszenario bezeichnet, von dem man sich schnell abwenden wollte – die Folge waren Modernisierungsszenarien, die als Neuorientierung angesehen wurden und den ersten Schritt in die Bildung für nachhaltige Entwicklung bildeten (Haan 2006:5). Dieses wegweisende Leitbild vor der eigentlichen Bildung für nachhaltige Entwicklung, der sogenannte Umweltschützer, ist das umfassendste Leitbild in der Umweltbildung. Es baut auf den vorherigen Leitbildern auf, geht aber noch eine Stufe weiter. Es bezieht den Menschen als Verursacher, aber auch als potentiellen Verhinderer der Probleme mit ein (Hemmer 1998:197). Als globaler Unterstützer für die Etablierung dieses neuen Leitbildes wurde auf dem Weltgipfel zur nachhaltigen Entwicklung in Johannesburg 2002 die Weltdekade der Bildung für nachhaltige Entwicklung für den Zeitraum von 2005 bis 2014 ausgerufen. Grund dafür war die Erkenntnis, dass Bildung als zentraler Stellenwert angesehen wurde (Nagel/Affolter 2004:96). Ein Punkt, in dem dies ersichtlich wird, ist die in Kapitel 3.1. bereits

[...]


[1] Für eine bessere Lesbarkeit wird im Folgenden nur die männliche Person verwendet. Eine Ausnahme sind hierbei Ausführungen, in denen geschlechterspezifische Differenzen aufgezeigt werden sollen.

[2] Als Schlüsselarten (keystone species) werden Arten bezeichnet, deren Ausfall einen überproportionalen Effekt auf das Gesamtsystem hat. Dabei muss es sich nicht immer um große oder auffällige Arten handeln, es können auch kleinere unscheinbare sein, die im Artengefüge nicht immer leicht zu entdecken sind (WBGU 2000:53).

Details

Seiten
95
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656379720
ISBN (Buch)
9783656380610
Dateigröße
2.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v210453
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Didaktik der Geographie
Note
1,3
Schlagworte
Geographie Didaktik der Geographie BNE Bildung für nachhaltige Entwicklung Club of Rome Nachhaltigkeit Empirik Schüler Schule Dekade der nachhaltigen Entwicklung Dekade Bevölkerungsentwicklung Geographieunterricht Agenda 21 Dreieck der Nachhaltigkeit Biodiversität Umweltbildung Weltdekade der Bildung für nachhaltige Entwicklung Erneuerbare Energien Umweltverträglichkeit Verkehrsmittel Interesse Umwelterziehung

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Titel: Nachhaltige Entwicklung im Geographieunterricht