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Das gesellschaftsanalytische Potential des Hollywood-Comedy-Films "Borat"

Hausarbeit 2012 17 Seiten

Soziologie - Medien, Kunst, Musik

Leseprobe

Gliederung

1. Wissenschaftliche Annäherungen an den Comedy-Film

2. Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft als Mittel der Comedy
2.1 Konstitution des Subjekts durch gesellschaftliche Normen
2.2 Mögliche Folgen für das Individuum

3. „Borat“ - ein geeigneter Comedy-Film für Gesellschaftsanalyse?
3.1 Kompakte Handlungszusammenfassung
3.2 Kultur, Lebenswelt und Interaktion als mögliche Grenzen der Integration
3.3 Die Stimmen des öffentlichen Diskurses als Zeichen einer missverstandenen Betrachtung?

4. Fazit: „Borat“ und seine Bedeutung für das soziologische Potential von Comedy

5. Quellenverzeichnis

Abbildungen:

Abb. 1: Filmplakat Borat

Abb. 2: Borat beim Rodeo

Abb. 3: Borat mit der Gastgeberin

1. Wissenschaftliche Annäherungen an den Comedy-Film

Romantik, Action, Drama, Komödie – Schon bei einer kleinen Auswahl von Filmgenres darf das der Komödie nicht fehlen. Die Komödie bzw. Comedy ist eine der wichtigsten und häufigsten Kategorien des (Kino-)Films. Wenn auch dessen Status als eigenständiges Genre von einigen Filmanalytikern bestritten wird, wird auch die These vertreten, dass es sich dabei um das am dauerhaft beliebteste Genre handelt. Comedy kann zwischen der bissigen Satire, dem versöhnlichen Humor, dem Grotesken, dem Utopischen und dem allgemeinen Witz angesiedelt werden. Filmgeschichtlich betrachtet besitzt Comedy vor allem zwei Schwerpunkte: die Slapstick-Comedy der zwanziger und dreißiger Jahre und die Screwball-Comedy der dreißiger und frühen vierziger Jahre (vgl. Faulstich 2008: S.49)

Um auf die Kritik der Comedy als eigenständiges Genre zurückzukommen, so scheint sie von der Filmwissenschaft vor allem durch fehlende Seriosität und Ernsthaftigkeit gekennzeichnet zu sein. Dies ist unter anderem auf eine geringe Zahl von Forschungen zurückzuführen, welche Comedy zum Gegenstand haben. Dennoch zählen Glasenapp und Lillge in ihrem Buch „Filmkomödie der Gegenwart“ drei wichtige Studien auf. Zum ersten „Popular Film And Television Comedy“ (Neales; Krutnik), welche sich um die Einteilung von Kategorien filmischer Comedy bemühen; zum zweiten die Studie „Film Comedy“ (King) mit der Einbeziehung soziokultureller Aspekte der Comedy und drittens „Filmgenres: Komödie“ (Heller; Steinle), welche das Genre in seiner Vielfalt vorstellt (vgl. Glasenapp; Lillge 2008: S.8). Relevant für diese Arbeit ist vor allem die Bedeutung der soziokulturellen Aspekte von Comedy. Diese zeigen sich schon bei den Anfängen des Comedy-Films wie etwa Chaplins „Moderne Zeiten“, einer Slapstick-Komödie aus dem Jahr 1936, in welcher der Taylorismus und die damit verbundene Fließbandarbeit sowie die Massenarbeits­losigkeit sozialkritisch dargestellt werden (vgl. imdb.com 2012 (a))

Des Weiteren bezieht sich Krutnik in „Hollywood Comedians“ auf drei Annäherungen (Approaches) an den Comedy-Film, welche durchaus auch wissenschaftlich zu verstehen sind. So werden die „Formal approaches“ genannt, wobei der Fokus auf den operativen und strukturellen Logiken von Comedy liegt. Hier stehen vor allem visuelle und verbale „Gags“ auf der Ebene des Filmemachens im Vordergrund. Des Weiteren beschreibt Krutnik die „Historical approaches“. Hier findet ein historischer Blick auf Comedy-Filme und somit auf das gesamte US-Kino und die Kultur statt, welche durch Comedy gleichsam „belichtet“ werden. Die letzte wissenschaftliche Annäherung an den Comedy-Film bilden die „Ideological approaches“ (vgl. Krutnik, 2003: S.2f). Diese beschäftigen sich, allgemein ausgedrückt, mit der Beziehung zwischen Norm und Abweichung:

„Generally cast as an outsider or misfit in some way, the comedian presents a spectacle of otherness by serving as a conduit for energies that are marginal, non-normative or antisocial. [] Hollywood comedians tend also to affiliate themselves with socially subordinated groups or identities [].“ (Krutnik 2003: S.3)

Der Comedian, also der Hauptdarsteller der Komödie, befindet sich demnach in einem gewissen Konflikt mit der sozialen Welt. Er ist in einer gewissen Art und Weise ein Außenseiter. Dies wird durch Anti-Normativität oder sogar Anti-Sozialität hervorgerufen. Aber inwiefern überhaupt ein Konflikt zwischen dem Comedian und der Gesellschaft, in der er lebt zustande kommt, welche Folgen daraus entstehen können und wie der Comedy-Film dies als Mittel einsetzt bzw. einsetzen kann, wird im Folgenden dargestellt

2. Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft als Mittel der Co­me­dy

2.1 Konstitution des Subjekts durch gesellschaftliche Normen

Um auf die Frage eingehen zu können bzw. eine Antwort zu finden, wie ein Konflikt zwischen einem Individuum (in diesem Fall wird das Individuum durch den Hauptdarsteller eines Comedy-Films, den Comedian repräsentiert) und der sozialen Welt, in der er sich bewegt, entstehen kann, muss zunächst geklärt werden, wie ein Individuum bzw. ein Subjekt gesellschaftlich konstituiert wird

„Wenn die kulturwissenschaftliche [] Subjektanalyse nach „dem Subjekt“ fragt, dann fragt sie nach der spezifischen kulturellen Form, welche die Einzelnen in einem bestimmten historischen und sozialen Kontext annehmen, um zu einem vollwertigen, kompetenten, vorbildlichen Wesen zu werden, nach dem Prozess der „Subjektivierung“ oder „Subjektivation“, in dem das Subjekt unter spezifischen sozial-kulturellen Bedingungen zu einem solchen „gemacht“ wird. [] Der Begriff der Subjektivierung verweist darauf, dass das Subjekt nicht als „vorhanden“ zu betrachten ist, sondern immer im Prozess seiner permanenten kulturellen Produktion.“ (Reckwitz 2008: S. 9f)

Dieses Zitat vermittelt einen ersten Eindruck darüber, wie ein Subjekt sozial und kulturell geschaffen wird, also nicht schlicht und einfach als komplett eigenständig und unabhängig von jeglichen Beziehungen besteht. Ein weiteres Zitat verstärkt die Bedeutung der Formung bzw. Unterwerfung eines Subjekts:

„Das „Subjekt“ präsentiert sich einerseits gegenüber dem „Objekt“ [] als die agierende, beobachtende, selbstbestimmte Instanz. Aber zugleich ist das „subjectum“ dasjenige, das unterworfen ist, das bestimmten Regeln unterliegt und sich ihnen unterwirft. [] Das Subjekt wird zu einer vorgeblich autonomen, selbstinteressierten, sich selbst verwirklichenden Instanz, indem sie sich entsprechenden kulturellen Kriterienkatalogen der Autonomie, der Selbstinte­ressiertheit, der Selbstverwirklichung etc. unterwirft.“ (Reckwitz 2008: 14)

Hervorzuheben ist hier vor allem der scheinbare Widerspruch zwischen Selbstbestimmung und Unterwerfung. Das Subjekt als vermeintlich autonom ist gezwungen, sich gesellschaftlichen Normen zu unterwerfen, um als Subjekt angesehen und wahrge­nommen zu werden. Einen Begriff für diese Art von Subjektauffassung bildet unter anderem das von Judith Butler formulierte postsouveräne Subjekt, wobei das Subjekt das Ergebnis normativer Zwänge darstellt. Etwas anders formuliert lässt sich auch sagen, dass das alltägliche Handeln und somit das soziale Handeln von etablierten Mustern geprägt ist. Dabei werden die Handlungsweisen durch soziale Normen und Regeln vorgeschrie­ben. Verdichtet sind diese Normen und Regeln beispielsweise in Institutionen, welche das soziale Handeln in unterschiedlichen Bereichen des Lebens anleiten wie zum Beispiel Arbeit, Schule oder auch Nachbarschaft. Diese alltäglichen Handlungen reproduzieren diese Regelmäßigkeiten und auf das Individuum werden somit von außen Zwänge ausgeübt, denen es sich folglich unterwerfen muss (vgl. Münch 2002: S.62)

Aber wie lässt sich nun diese Konstitution des Subjekts durch gesellschaftliche Normen auf Comedy-Filme anwenden und wie entsteht ein Spannungsverhältnis zwischen dem Individuum und der sozialen Welt, in der es sich bewegt, wodurch sich ein gesellschafts­analytisches Potential des Hollywood-Comedy-Films erörtern lassen würde? Eine erste Annäherung wird durch folgendes Zitat verdeutlicht:

„[...] comedian films manage representations of otherness that are defined through ethnicity, race, class, gender and the body.“ (Krutnik 2003: S.1)

Hier wird angesprochen, dass sich ein Comedy-Film unter anderem dadurch auszeichnet, dass eine gewisse „Andersheit“ oder, um ein existierendes Wort zu benutzen, ein Anderssein repräsentiert wird. Dieses Anderssein kann zum Beispiel durch Unterschiede der Ethnizität, der Klasse oder auch der sexuellen Orientierung hervorgerufen werden

Wie viele Genres des Hollywood-Filmes zeigt auch der Comedy-Film eine wiederkehrende erzählerische Spannung zwischen Exzentrizität und sozialer Konformität. Der Comedian nimmt hierbei die Rolle eines Individuums mit exzentrischen Charakterzügen und Handlungsweisen ein, wodurch eine (erzählerische) Spannung mit der ihn umgebenden Gesellschaft entsteht. Comedy funktionalisiert dieses Spannungsverhältnis der Eigenarten des Individuums und normativen Parametern der jeweiligen kulturellen Identität, sodass ein Konflikt entsteht. Der Comedian selbst findet sich in einer von Regeln und Konventionen bestimmten Welt wieder und bringt diese durch seine, den geltenden Regeln scheinbar zuwider laufenden Verhaltensweisen durcheinander (vgl. Krutnik 2003: S.8). Im Hinblick auf die Konstitution eines Subjekts durch gesellschaftliche Normen, die durch Zwang vermittelte Formung eines Subjekts in der jeweiligen Kultur und/oder Gesellschaft fällt sofort der Widerspruch mit dem Individuum der Comedy auf, welches sich explizit gegen diese Normen und Konventionen richtet. Die Frage ist nun, wie es dazu kommen kann, wenn doch das Individuum durch die Normen der Gesellschaft geformt wird, in welcher es sich bewegt. Die Eigenschaft der Exzentrizität bildet dabei einen Ansatzpunkt, da hier das Anderssein in eine Charaktereigenschaft begründet liegt und man somit eventuell annehmen könnte, bestimmte Eigenheiten eines Charakters würden sich der zwanghaften Formung durch Normen widersetzen bzw. würde ein willentliches Handeln gegen diese Normen unterstellt. Eine Untersuchung, ob dies im Rahmen der Subjektkonstitution ein geeignetes Erklärungsmodell darstellt oder ob es von vornherein gegen dessen Thesen verstößt, ist eine interessante Fragestellung. In Bezug auf diese Arbeit bietet sich ein anderer Ansatz an, wie ein Subjekt mit gegebenen Normen in Konflikt geraten kann. Dies ist genau dann der Fall, wenn es durch die Normen der eigenen Kultur geformt worden ist (womit die erklärte Subjektkonstitution Anwendung findet), im Anschluss daran jedoch in einer ihm fremden sozialen Umgebung agieren muss, sich also in einer anderen Kultur oder einer durch andere Normen bestimmten Gesellschaft befindet, in der die Normen, welche es einst formten, keine Gültigkeit besitzen. Aus diesem Grund wurde für diese Arbeit als Beispiel der Kinofilm „Borat“ gewählt, welches später untersucht wird

Als Nachtrag muss hinzugefügt werden, dass dieses Anderssein bzw. die Exzentrizität nicht notwendigerweise in starkem Maße vorhanden sind oder vorhanden sein müssen, um „Comedy entstehen zu lassen“. Bereits kleinere Neurosen des Comedian können Komik erzeugen, wodurch aber noch lange kein extremer Bruch mit den vorherrschenden gesellschaftlichen Normen vorliegt

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Details

Seiten
17
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656386094
ISBN (Buch)
9783656387138
Dateigröße
809 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v210437
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,7
Schlagworte
potential hollywood-comedy-films untersuchung beispiel borat

Autor

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