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Todeshunger: Anorexie oder Kunstform? Eine Untersuchung von Kafkas „Ein Hungerkünstler“

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 20 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hungern im kulturgeschichtlichen und medizinischen Kontext

3. Untersuchung von Kafkas „Hungerkünstler“
3.1 Analyse der Motive und Figuren
3.2 Mögliche Deutungen

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis
5.1 Primärliteratur
5.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung

Hunger – dieses Wort spielt in unserer Gesellschaft, die von Maßlosigkeit geprägt ist, nur noch eine untergeordnete Rolle. Heute bedeutet die Phrase Ich habe Hunger bei uns allenfalls Ich habe Appetit, wirklichen Hunger kennen wir nicht. Zur Entstehungszeit von Kafkas Erzählung „Der Hungerkünstler“ war die Einstellung zum Hunger noch anders, denn das Jahr 1922[1] lag in der Zeit nach dem ersten Weltkrieg. Somit war Hunger ein allgegenwärtiger Begleiter und wurde zum Massenphänomen. Dieses Erscheinung gibt es auch noch heutzutage. Rund eine Milliarde Menschen – ein sechstel der Weltbevölkerung[2] – ist chronisch unterernährt. Paradoxerweise gibt es in westlichen Industrieländern, die Hunger sonst nur aus den Nachrichten kennen, zwei selbst induzierte, lebensbedrohliche Hungersyndrome, nämlich Anorexie und Bulimie. Demnach ist bei uns Huger nur als Krankheitssymptom präsent. Häufiger ist in Europa das gegenteilige Phänomen, das als Adipositas bezeichnet wird. Somit ergibt sich auch heute noch ein Ungleichgewicht in Hinblick auf die Verteilung von Nahrungsmitteln.

Nahrung ist ein essenzieller Bestandteil des Lebens. Der Verzicht erfordert somit eine Überwindung des Lebenserhaltungstriebes, der uns zum Essen zwingt. Auch in der Literatur spielt dieses Motiv häufiger eine Rolle, wie etwa in Kafkas Werk Ein Hungerkünstler [3]. Diese Erzählung wurde schon auf viele Arten interpretiert. Besonders schlüssig hat zum Beispiel Ingeborg Henel argumentiert, während die Aussagen von Thomas Maier, der den Hungerkünstler als „Super-Jesus“[4] tituliert, doch eher fragwürdig erscheinen.

Kafka selbst soll, so einige Forscher, an Anorexia nervosa gelitten und so eigene Erfahrungen mit Hunger beschrieben haben. Das Hungermotiv, das diese Erzählung dominiert, steht auch in der vorliegenden Hausarbeit im Vordergrund. Für eine bessere Einordnung der Hungerkunst wird deshalb zunächst eine kurze Geschichte der derselben und ihrer Formen dargestellt. Anschließend wird die Erzählung Ein Hungerkünstler analysiert. Wie ist das Hungern dargestellt? Welche Rolle spielen die Wächter, der Impresario, das Publikum und der Panther? Diese Fragen werden beantwortet. Anschließend wird die Frage betrachtet, welche Rolle der Hungerkünstler einnimmt und wie er sich selbst sieht. Schließlich werden mögliche Deutungen der Erzählung diskutiert und die Ergebnisse in einem Fazit zusammengefasst.

2. Hungern im kulturgeschichtlichen und medizinischen Kontext

Das Phänomen des Hungerns gibt es seit Menschengedenken. Die Motive haben sich jedoch verändert. Im Mittelalter hungerten die Menschen entweder aus Mangel an Nahrung, dann war es eine Zwangshandlung der Not gehorchend, oder es wurde mit religiösem Hintergrund gehungert. Das religiöse Hungern war meist auf eine bestimmte Zeitspanne festgelegt. Eine solche Zeitspanne gibt es bis heute. Alle Weltreligionen kennen das Fasten als Weg zur inneren Einkehr. Bei den Christen ist die geläufigste Fastenzeit die Zeit vor Ostersonntag. Sie dauert 40 Tage, abgeleitet von Jesu Prüfung in der Wüste. Die Begrenzung ist Aschermittwoch beziehungsweise Jesu Auferstehung am Ostersonntag.[5]

Im Wandel der Geschichte veränderte sich der Hintergrund des Fastens. Am Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich aus einem kommerziellen Hintergrund heraus die ‚Hungerkunst’. Diese Kunst als Berufsbezeichnung zu klassifizieren ist jedoch schwierig, da Kunst von können kommt und somit eine Berufung oder Begabung erfordert. Ob Hungern somit als Kunst gelten kann ist fragwürdig. Diese Frage wird auch im folgenden Kapitel näher betrachtet.

Die Hungerkünstler traten auf Märkten und öffentlichen Plätzen auf und verdienten dadurch ihren Lebensunterhalt. Die Blütezeit dieser Hungerkünstler ging von 1880 bis 1900 nach Christus.[6] Die Künstler weckten auch das Interesse von Ärzten, sodass ihre Hungerexperimente häufig unter ärztlicher Aufsicht standen.[7] Diese Kontrolle brachte für die Künstler einen wichtigen Vorteil mit sich, denn die Skepsis des Publikums war hoch und musste überwunden werden. Außerdem gab es große Konkurrenz. Eine gute Vorführung war demnach sehr wichtig und eine ärztliche Aufsicht konnte die Glaubwürdigkeit untermauern. Denn der Vorwurf des Betrugs war allgegenwärtig. Wurde ein Betrug entdeckt, kam es sogar zu Gerichtsprozessen und Verurteilung.[8]

Der Konkurrenzkampf äußerte sich auch in der Zeitspanne des Hungerns, denn je länger gehungert wurde, desto größer war der Ruhm des Künstlers.[9] Die körperlichen Voraussetzungen hinderten die Darsteller aber daran einen maximalen Ruhm zu erlangen, wollten sie nicht Gefahr laufen zu sterben. Somit mussten Hungerexperimente teilweise auch vorzeitig beendet werden.

Die Künstler wurden auf einer Tribüne oder in einem Käfig ausgestellt, teilweise dienten sie auch der Unterhaltung in Restaurants. Diese Form der Präsentation ist besonders makaber, da die Versuchung zu essen durch die Gerüche und die Speisen der Gäste viel verlockender ist, als auf einem Marktplatz. Vor den Hungerkünstlern stand häufig eine Schiefertafel, die die Fastentage dokumentierte.[10] Dem Publikum war die Leistung somit schnell ersichtlich.

Der letzte bekannte Hungerkünstler war Willy Schmitz. Er trat bis zum Ende der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts auf und erlangte schließlich seinen beruflichen Tiefpunkt im Frankfurter Zoo.[11] Dieses Ende, in dem der Künstler zum Tier stilisiert wird, ähnelt sehr Kafkas Hungerkünstlerfigur, obwohl die Erzählung deutlich früher geschrieben wurde.

In der heutigen Zeit gibt es keine Hungerkunst in dem Sinne mehr. Das Hungern hat sich von dem öffentlichen Rahmen wieder in den privaten Bereich zurückgezogen. Dabei haben zwei psychische Störungen (Anorexia nervosa und Bulimia nervosa[12] ) in der heutigen Zeit starken Zuwachs. Durch das Schlankheitsgebot der Medien geraten immer mehr Menschen in den Kreislauf aus zu viel essen und hungern.[13] Auch in der medizinischen Fachliteratur finden diese Verhaltensweisen Eingang. Vor dem Hintergrund Kafkas Hungerkünstlers sollen hier kurz die Symptome einer Anorexia nervosa erwähnt werden.

Die Anorexie, auch Magersucht genannt, zeichnet sich durch ein starkes Abmagern der Betroffenen aus, da auf Nahrungszufuhr weitestgehend verzichtet wird. Am meisten sind junge Frauen von der Magersucht betroffen. Häufig geschieht dies, aus Angst dick zu werden oder auch als Zeichen der Ablehnung des Weiblichen, die Frauen wollen somit androgyn wirken. Die Folge davon sind eine abnehmende Hirngröße, Störungen im EEG sowie neurologische Beeinträchtigungen.[14]

Eine Therapie dieser Verhaltensweisen ist langwierig und schwierig, zumal die Betroffenen ihren Gewichtsverlust häufig als Sieg über den eigenen Körper begreifen und als Symbol für einen starken Willen sehen.

[...]


[1] Vgl. Greß, Felix: Die gefährdete Freiheit. Franz Kafkas späte Texte. Würzburg 1994, S. 76. (Im Folgenden: Greß: Die gefährdete Freiheit)

[2] Vgl. Purves, William K.; Sadava, David; Orians, Gordon H.; Heller, H. Craig: Biologie. München 2006, S. 1198.

[3] Kafka, Franz: Ein Hungerkünstler. In: ders.: Franz Kafka. Schriften Tagebücher. Kritische Ausgabe. Drucke zu Lebzeiten. Hg. von Wolf Kittler; Hans-Gerd Koch und Gerhard Neumann. Frankfurt am Main 2002, S. 333-349. (Im Folgenden: Kafka: Hungerkünstler)

[4] Maier, Thomas: Das anorexische Ich oder Der Künstler als sein eigener Zuschauer. Überlegungen zu Kafkas Erzählung Ein Hungerkünstler. In: Wege in und aus der Moderne. Von Jean Paul zu Günther Grass. Hg. von Werner Jung et al. Bielefeld 2006, S. 209. (Im Folgenden: Maier: Das anorexische Ich)

[5] Die Zeit ist kalendarisch unspezifisch, sie richtet sich nach dem Vollmond nach Frühlingsbeginn. Im Gegensatz dazu gibt es das Adventsfasten als Vorbereitung auf Christi Geburt bzw. das Weihnachtsfest, das kalendarisch auf den 24.12. fixiert ist. Wahrscheinlich ist dieses Datum eine Ableitung von der Wintersonnenwende.

[6] Vgl. Vandereycken, Walter von; Deth, Ron van; Meermann, Rolf: Hungerkünstler – Fastenwunder – Magersucht. Eine Kulturgeschichte der Essstörungen. Zülpich 1990, S. 119. (Im Folgenden: Vandereycken: Hungerkünstler)

[7] Vgl. Vandereycken: Hungerkünstler, S. 117.

[8] Vgl. Vandereycken: Hungerkünstler, S. 120.

[9] Vgl. Vandereycken: Hungerkünstler, S. 117.

[10] Vgl. Vandereycken: Hungerkünstler, S. 120.

[11] Vgl. Vandereycken: Hungerkünster, S. 121.

[12] Bulimia nervosa, kurz genannt Bulimie ist die Ess-Brech-Sucht. Heißhungerattacken werden abgelöst durch selbst induziertes, sofortiges Übergeben. Die Folgen sind ähnlich der Anorexie.

[13] Vgl. Girard, René: Hungerkünstler: Essstörungen und mimetisches Begehren. In: Sinn und Form. Beiträge zur Literatur 57 (2005) H. 1, S. 344. (Im Folgenden: Girard: Hungerkünstler)

[14] Vgl. Davidson, Gerald C.; Neale, Jahn M.; Hautzinger, Martin: Klinische Psychologie. 7. Auflage. Basel 2007.

Details

Seiten
20
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656385790
ISBN (Buch)
9783656387305
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v210354
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
2,3
Schlagworte
todeshunger anorexie kunstform eine untersuchung kafkas hungerkünstler

Autor

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